1.     Einleitung


Das Geschlecht und ein ihm zugeordnetes Verhalten sind grundlegende Kategorien des westlichen Denkens auch noch im zu Ende gehenden 20.Jahrhundert. Von der Geburt bis zum Tod begleitet die Frage, ob jemand Frau oder Mann, Junge oder Mädchen ist, jeden Menschen im Privatleben ebenso wie im öffentlichen. Ohne Geschlechtsunterscheidung gäbe es nicht so etwas wie Homo- oder Heterosexualität, diese beiden Kategorien begründen sich erst auf der Tatsache, ob die sexuell oder partnerschaftlich miteinander interagierenden Personen dasselbe oder ein verschiedenes Geschlecht haben.

Zumindest in der gegenwärtigen historischen Situation werden über somatische Unterschiede hinaus mit dem Geschlecht eine Vielzahl von charakterlichen Eigenschaften verknüpft, welche Männern bzw. Frauen entweder ausschließlich oder überwiegend zugeschrieben werden. Abweichungen von der vorgeschriebenen Geschlechtsrolle treffen nicht selten auf Irritation und Ablehnung mit der Folge sozialer Ausgrenzung. Zwar beginnen die Grenzen allmählich zu verschwimmen, doch allzu starkes Abweichen droht immer noch auf heftige soziale Reaktionen zu stoßen.

Seit Homosexualität zum Thema für die Wissenschaften wurde, wird sie vor dem Hintergrund von Heterosexualität als Norm meist zusammen gedacht mit einem Abweichen von der jeweiligen Geschlechtsrolle (Simon & Gagnon 1970, Oudshoorn 1995). Homosexuelle Männer werden definiert als "a man who is not a man" (Bech 1997a, S.134).

Wer als Mann Männer liebte, konnte auf irgendeine verborgene Weise innerlich nur eine Frau sein, denn Frauen lieben Männer. Wer als Frau Frauen liebte, mußte einen männlichen Kern haben, denn nur dieser vermag Frauen zu begehren. Diese Sicht der gleichgeschlechtlich orientierten Liebe und Sexualität wurde sowohl von Homosexuellen selbst wie auch jenen vertreten, die sie beforschten. Derer gab es viele, nachdem erst einmal in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts Homosexuelle als gesonderte Gruppe 'konstruiert' worden waren. Das Mysterium 'Homosexualität' faszinierte viele Forscher, angetrieben von der Suche nach den Gründen eines solchen Abweichens von der vermuteten Normalität heterosexuellen Begehrens.

Männliche Homosexuelle wurden so in den vergangenen gut 100 Jahren eine der am häufigsten untersuchten Teilgruppen von Menschen. Zumindest im Bereich der Sexualforschung wurde wohl keine andere Gruppe in gleicher Weise medizinisch durchleuchtet, ausgehorcht, interviewt, beobachtet und vermessen, wurden ihre Eltern, Kinder, Ärzte und Psychiater befragt.

Auch unter Homosexuellen selbst war das Interesse an der Frage, was ihr sexuelles Anderssein verursacht haben könnte, lange Zeit außerordentlich hoch. Viele homosexuelle Forscher beteiligten sich an den Bemühungen, Licht in diese Frage zu bringen. Im Zuge einer gesellschaftlichen Emanzipation wandten sich Homosexuelle selbst und ein Teil der anderen Wissenschaftler jedoch inzwischen von dieser Fragestellung ab, sie fragten nun: "Wie leben Homosexuelle?" (Pollak 1986). Breit angelegte empirische Arbeiten erkundeten das Sexualverhalten homosexueller Männer (Bell & Weinberg 1978b, Bochow 1997b, Dannecker & Reiche 1974, Dannecker 1990, Masters & Johnson 1979) oder verschiedene Lebensbereiche ihres Lebens wie ihre Partnerschaften (McWhirter & Mattison 1986, Pingel & Trautvetter 1987, Silverstein 1981) oder ihre psychosexuelle Entwicklung (Bell, Weinberg & Hammersmith 1981, Isay 1990, Savin-Williams 1998). Gewalterfahrungen (Dobler 1993) und Arbeitssituation von Homosexuellen wurden beforscht (Zillich 1988), Historiker gaben den Homosexuellen eine Geschichte, Literaturwissenschaftler untersuchten, wie sich die sexuelle Orientierung eines Autoren niederschlug in seinen Werken.

Homosexuelle entwickelten eine Vorstellung von einer spezifischen 'homosexuellen Kultur', die sich unterschied von der Mehrheitskultur der Heterosexuellen. Homosexuelle waren nach dieser Auffassung 'anders', wobei sich dieses Anderssein sehr unterschiedlich offenbarte. Sei es die Art 'flüchtiger sexueller Kontakte' oder die - was Sexualität angeht - 'offenen' homosexuellen Partnerschaften, sei es eine besondere 'Sensibilität', welche zu ganz spezifischen kulturellen Leistungen befähigte, oder sei es die Ausgelassenheit der homosexuellen Szene, die Selbstironie und die stets neue Inszenierung des Lebens - an den real lebenden Homosexuellen ließen sich viele Merkmale festmachen, welche ein Anderssein ausmachen konnten. Homosexuelle Vordenker entwickelten eine "homosexuelle Weltanschauung", für die nicht-sexuelle Beziehungen "wirkliche Liebesbeziehungen" waren (Hocquenghem in Diekmann & Pescatore 1979). Parallel zur Konstruktion zweier vollkommen unterschiedlicher Geschlechter wurden zwei Menschengruppen konstruiert: jene, die das eigene, und jene, die das andere Geschlecht lieben.

Demgegenüber gab es stets auch jene Homosexuellen, welche die Andersartigkeit Homosexueller ausschließlich auf die sexuelle Orientierung begrenzen wollten und ansonsten jegliche Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexuellen leugneten. Real existierende Unterschiede wurden mit der Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung erklärt, die beim Verschwinden dieser gesellschaftlichen Reaktionen ebenfalls verschwinden würden.

Die geschlechtliche Zuordnung Homosexueller spielt dabei eine nicht geringe Rolle. Abwehr und Ablehnung femininen Verhaltens ist unter Homosexuellen weiterhin groß, der Trend geht, aus den USA kommend, immer stärker zum 'männlichen' Typus und Verhalten, dem weniger oder auch mehr feminine Anteile beigemischt werden. Dannecker und Reiche (1974) konstatierten unter ihren Befragten einen "Tunten-Haß", den sie als "Weiblichkeits-Angst" deuteten, als geheime und abgewehrte Sehnsucht, bestimmte Verhaltensweisen auszuleben, welche die westliche Gesellschaft Frauen zuweist.

Was geschieht, wenn man die enge Verflechtung zwischen sexueller Orientierung und Geschlecht auflöst? Was bleibt übrig, wenn man vom prähomosexuellen Kind, dem durchweg feminine Eigenschaften und Interessen oder doch wenigstens Unmännlichkeit zugeschrieben wird, diese 'un-männlichen' Aspekte nimmt? Wie könnte eine Entwicklung zum homosexuellen Mann aussehen ohne die fast für selbstverständlich gehaltene 'Weiblichkeit'? Nicht, um die sexuelle Orientierung von weiblichen Verhaltensweisen rein zu waschen, sondern um zu sehen, was an der gesellschaftlichen Reaktion sich tatsächlich auf Homosexualität bezieht und was lediglich auf die vermutete enge Verknüpfung.

Wissenschaft neigt dazu, Mehrheiten zu verabsolutieren. Dies macht sich an der Heterosexualität bemerkbar, neben der sich die Homosexualität nur mühsam zu einer für gleichwertig erachteten Form menschlicher Beziehungen entwickeln kann. Dies macht sich jedoch auch in der Beforschung homosexueller Männer (und Frauen) bemerkbar, bei der das besonders Sichtbare, das besonders Auffällige oder eben das (möglicherweise) mehrheitliche Verhalten Beachtung findet. In der Untersuchung des Kinsey-Instituts über das Verhalten homosexueller Männer in der Kindheit stellten die Autoren fest:

Im allgemeinen bestätigen unsere Ergebnisse die anderer Untersuchungen, daß nämlich prähomosexuelle Jungen weniger 'maskulin' als präheterosexuelle Jungen sind, zumindest was ihre Selbsteinschätzung anbelangt. Eine kleinere Zahl homosexueller Männer in unserer Studie erinnerte sich, während des Heranwachsens sehr männlich gewesen zu sein (Bell et al. 1981, S.93)
Viele andere Forscher entdeckten eine vergleichbare Aufteilung (Freund 1967, Hirschfeld n.d., Isay 1990, Phillips & Over 1992), doch die "kleinere Zahl homosexueller Männer" verschwindet hinter der Mehrheit, für welche die Pfadanalyse einen direkten Weg zur erwachsenen Homosexualität weist. Die "kleinere Zahl" wird fallengelassen, da sie dem theoretischen Modell schlechter anzupassen ist. Die Frage drängt sich auf, was wird aus den Theorien, wenn man diese Männer berücksichtigt?

Viele jener Männer, die als Kind weniger maskulin waren, die aufwuchsen ohne ein "wir"-Gefühl (Telljohann & Price 1993), empfinden es während ihres Coming Outs geradezu als Wohltat, mit dem Schritt in die homosexuelle Szene endlich unter Gleichgesinnten zu sein. Unter Menschen, die ihr Schicksal als verspotteter femininer Junge teilen. Die "so sind wie sie". Einer dieser Männer sagt über seine ersten Erfahrungen in einer homosexuellen Jugendgruppe:

Auffällig war halt auch, daß viele in der Kindheit oder in der Jugend so ähnlich waren von den Interessen her, daß sie im Sportunterricht auch immer als Letzter beim Fußballspielen ausgewählt wurden. Das ist so irre, daß es da wirklich so viele Gemeinsamkeiten gibt! Oder Filme, die man mag oder Musik, die man hört! Als ob das auch genetisch irgendwie so mit der Homosexualität gekoppelt ist. Ich weiß es nicht.
Es ist diese Erleichterung, endlich nicht mehr allein dazustehen mit der Erfahrung des sich als 'verschieden' Erleben. Viele Homosexuelle sehnen sich geradezu danach, bei anderen Homosexuellen Gemeinsamkeiten zu sich zu entdecken, um die alten schlimmen Erfahrungen endlich in Vergessenheit geraten zu lassen. Es findet ein Anpassungsprozeß statt, der aus einer ganz individuellen Kindheit und Jugend eine 'prähomosexuelle' macht.

An diesem Punkt soll die vorliegende Arbeit ansetzen. Das angeblich so Typische soll genauer betrachtet werden, das Untypische soll zu seinem Recht kommen, um für alle eine dem wirklichen Erleben nähere Synthese bloßlegen zu können.

Es geht darum, zu schauen, was passiert, wenn man die scheinbar so homogene "Klasse" männliche Homosexuelle aufspaltet in verschiedene Gruppen, deren Verhalten sehr unterschiedlich ist. Als kontrollierter Faktor wurde das Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit gewählt, da es nach herrschender Meinung "den Rang eines Prädikators der späteren Homosexualität" hat (Dannecker 1996). Blanchard (1997) bezeichnete die Korrelation zwischen "childhood cross-gender behavior and adult homosexuality" gar als "strongest developmental continuities to have emerged from prospective and retrospective study in the past 40 years in any area of human behavior research" (S.27), eine Ansicht, die auch Bailey und Zucker (1995) in ihrem Überblick über eine Vielzahl pro- und retrospektiver Studien zum kindlichen Geschlechtsrollenverhalten von Homosexuellen bestätigt finden.

Aufgeteilt entlang dieses Faktors wurden psychosoziale und psychosexuelle Erfahrungen in Kindheit und Jugend sowie die mit den Erfahrungen verbundenen Empfindungen erhoben. Es sollte versucht werden, die Auswirkungen des Faktors "Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit" auf die weitere Entwicklung zum homosexuellen Erwachsenen zu beschreiben und damit einen ersten Schritt zur Trennung von homosexueller Orientierung und Zuordnung geschlechtstypischer bzw. -untypischer Verhaltensweisen zu erproben.

Die vorliegende Studie ist das Ergebnis von mehreren Jahren Arbeit auf meiner Seite und vielfacher Unterstützung in diesen langen Jahren von anderer Seite. Gunter Schmidt von der Abteilung für Sexualwissenschaft in Hamburg wagte es, meine Nachfrage nach Betreuung ohne Umschweife positiv zu beantworten. In seinen Seminaren hatte ich vor über 20 Jahren meine ersten ernsthaften Schritte in den Bereich der Sexualwissenschaft getan, seine vorwärtsweisenden Gedanken und Analysen waren über all die Jahre beispielhaft, seine kluge, aber nie überhebliche Art, diese Arbeit mit geradezu freundschaftlichem Ton zu begleiten, war mir eine große Hilfe.

Harald Witt, der mir bereits bei meiner Diplomarbeit zur Seite stand und in ebenso freundschaftlicher wie höchst kompetenter Art die inhaltlich nicht immer leicht nachvollziehbaren Wege hilfreich unterstützte, und die Mit-DoktorandInnen aus seinem Seminar boten einen festen Rahmen, um sich nicht in der großen Aufgabe zu verlieren. Ihnen allen danke ich sehr.

Mit großer Dankbarkeit denke ich auch an die 39 Männer, die bereit waren, mir für diese Studie Zeit und ihr Vertrauen zu schenken. Sie haben sich getraut, mir ihr Leben zu zeigen, mich teilhaben zu lassen an ihren Gefühlen und Erinnerungen, und ich hoffe, sie werden einverstanden sein mit dem, was nun, gut zwei Jahre später, komprimiert hiermit an die Öffentlichkeit kommt. Nicht zuletzt haben auch die anderen gut 110 Männer, welche Fragebögen ausfüllten, einen wichtigen Teil zum Gelingen der Arbeit beigetragen, wofür ich ihnen Dank schulde.

Eine ganze Reihe weiterer Menschen haben mir zusätzlich mit ihrem Rat beiseite gestanden, der mich jedesmal außerordentlich weiterbrachte, und denen ich sehr zu Dank verpflichtet bin: Michael Bochow, der mir aus seinem reichen Schatz an empirischer Forschung wichtige Einzelheiten verriet, Martin Dannecker, der mich bei meiner anfänglichen Suche, mein Thema einzugrenzen, unterstützte und bestärkte, Rüdiger Lautmann, der ebenfalls bei der Vorbereitung der Arbeit seine reiche persönliche und wissenschaftliche Erfahrung mit mir teilte und am Ende mit viel Engagement und Aufwand Hinweise und Anmerkungen zu Schwachstellen machte, Yvette Karro, die mir freundlich und kompetent bei manchen methodischen Fragen zur Seite stand, und Edith Wacheck, deren aufmerksame Gedanken und liebevolle Freundschaft dazu beigetragen haben, daß ich die Zeiten angestrengter Arbeit an einem solchen umfangreichen Projekt gut überstanden habe.

Ich möchte auch meinen Kolleginnen und Kollegen aus der Beratungsstelle danken, die meine zeitliche (und leider manchmal auch geistige) Begrenztheit in diesen Jahren geduldig und ohne Klagen in Kauf genommen haben, den vielen Einzelpersonen, die jede an ihrem Platz für das Gelingen dieser Arbeit bedeutsam waren, und schließlich auch meinen Freunden und meiner Familie, für die ich so lange Zeit fast ganz hinter dem Schreibtisch verschwunden war. Wären sie nicht da gewesen, wenn ich sie brauchte, hätte ich die Arbeit niemals schaffen können.

Bei aller Hilfe und engagiert-freundschaftlichem Rat zeichne ich dennoch für alle Fehler, die sich trotz sorgfältiger Mühe eingeschlichen haben mögen, verantwortlich.
 
 

1.1     Kurzvorstellung Studie

Im Zentrum der Betrachtung stehen Kindheit und Jugend homosexueller Männer bis zu ihrem Coming Out, d.h. jenem Zeitpunkt, an dem sie sich ihrer sexuellen Orientierung bewußt werden und sie ihrem engeren sozialen Umfeld gegenüber offenbaren. Dabei wird die Entwicklung besonders unter dem Gesichtspunkt verfolgt, welche Konsequenzen ein geschlechtsrollenkonformes bzw. nonkonformes Verhalten vor der Pubertät mit sich bringt.

Mit Hilfe eines Auswahl-Fragebogens wurden aus 151 Männern insgesamt fünf Cluster gebildet, die sich in Bezug auf dieses Verhalten deutlich unterschieden. Zwei Cluster wurden für eine ausführliche Analyse ausgewählt: die einen hatten nach ihren Angaben im Fragebogen in der Kindheit ein eher 'jungen-typisches'Verhalten präsentiert, die anderen eher ein 'jungen-untypisches' Verhalten.

Aus diesen beiden Clustern wurden insgesamt zweiundzwanzig Männer im Rahmen eines offenen Interviews über ihre psychosoziale und psychosexuelle Entwicklung befragt. Zur Ergänzung wurden weitere neun Männer interviewt, welche aufgrund ihres Antwortmusters in drei weitere Untergruppen eingeteilt worden waren.

Die Interviews behandelten Geschlechtsrollenverhalten, psychosexuelle und psychosoziale Entwicklung bis zur Pubertät mit einem besonderen Schwerpunkt auf den sozialen Beziehungen innerhalb der Familie und zu Peers. Im zweiten Teil wurden Veränderungen, welche sich im psychosexuellen und im sozialen Bereich während der Pubertät und in den folgenden Jahren der Adoleszenz ergeben haben, angesprochen. Den Abschluß bildeten Fragen zur augenblicklichen sozialen Einbindung und Partnerschaftssituation. Die Interviews dauerten zwischen einer und vier Stunden und wurden auf Band aufgezeichnet. Zusätzlich zum Interview füllten die Befragten einen Begleit-Fragebogen aus, der neben demografischen Daten ausführlicher ihre Partnerschaftserfahrungen abfragten.

Beide Fragebogen wurden quantitativ ausgewertet, die Interviews einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen.

Mit dieser Arbeit wurde erstmalig die psychosexuelle Entwicklung jenes Teils homosexueller Männer untersucht, die vom vorherrschenden Bild des prähomosexuellen Kindes abweichen und in ihrem Verhalten dem durchschnittlichen präheterosexuellen Jungen gleichen. Damit sollte zugleich überprüft werden, welcher Anteil der Diskriminierung und Ausgrenzung homosexueller Jugendlicher keineswegs mit der Homosexualität, sondern mit dem Abweichen im Geschlechtsrollenverhalten verbunden ist.
 
 

1.2     Aufbau der Arbeit

Das auf diese Einleitung folgende zweite Kapitel beleuchtet die psychosoziale und psychosexuelle Entwicklung zum homosexuellen Mann in Kindheit und Jugend. Nach der Definition einiger benutzter Begriffe wird der aktuelle Forschungsstand und der Werdegang wissenschaftlicher Erkenntnisse über diese Entwicklung beschrieben: Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität in Kindheit, Jugend und heute sowie soziale Kontakte und sexuelle Erfahrungen in diesen drei Zeitabschnitten. In zwei weiteren Abschnitten werden die historische Auseinandersetzung um Homosexualität als Geschlechts- oder Objektphänomen innerhalb der homosexuellen Emanzipationsbewegung und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Homosexuelle in Deutschland während jener Jahre behandelt, in denen die für diese Arbeit Interviewten ihre Kindheit und Jugend erlebten.

Das dritte Kapitel stellt das methodische Vorgehen dar, beschreibt den Prozeß der Annäherung an die Fragestellung, die Entwicklung der Instrumente wie des Interviewleitfadens wie auch die Auswahl der Interviewpartner, die Durchführung der verschiedenen Erhebungen und die Auswertung. Dieses Kapitel enthält zudem eine Beschreibung der im Verlauf des Forschungsprozesses gebildeten Untergruppen (Cluster), von denen zwei schwerpunktmäßig in die Auswertung einbezogen wurden: Männer, die sich als geschlechtsrollenkonform beschrieben, und Männer, die sich als wenig geschlechtsrollenkonform darstellten.

Kapitel 4 enthält die Ergebnisse der empirischen Untersuchung, in 4.1. jene der vorgeschalteten quantitativen Fragebogen-Erhebung, welche hauptsächlich Fragen zur Geschlechtsrolle in der Kindheit enthielten und der Clusterbildung dienten. Die Ergebnisse werden jeweils für die Gesamtgruppe der Befragten wie auch der beiden Schwerpunkt-Cluster dargelegt.

In den Abschnitten 4.2 bis 4.6 werden dann ausführlich die Ergebnisse aus den Interviews mit Männern aus den beiden Schwerpunkt-Clustern präsentiert. Die Ergebnisse gliedern sich grundsätzlich nach den beiden Zeiträumen Kindheit bis zur Pubertät und Adoleszenz ab Pubertät sowie ergänzend als drittem Zeitpunkt das heutige Leben als homosexueller Mann, wobei letzteres vor allem als Ergänzung zu den beiden vorigen Zeiträumen gedacht ist und deshalb lediglich Fragen der Geschlechtsrolle sowie der sozialen Kontakte im Vergleich aufgenommen wurden. Dies sind auch jene beiden großen Komplexe, welche für die beiden ersten Zeiträume ausführlich in den Interviews und den Ergebnissen behandelt wurden. Am Ende des 4.Kapitels stehen insgesamt 7 Falldarstellungen von interviewten Männern, jeweils zwei aus den beiden Schwerpunkt-Clustern und je einer aus den drei anderen Clustern.

Das Kapitel 5 schließt die Arbeit mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, einer kritischen Bewertung des methodischen Vorgehens und Bemerkungen über die Konsequenzen ab.

Im Anhang ist der Auswahl-Fragebogen und der Interview-Leitfaden abgedruckt, ein Verzeichnis der Tabellen und das Literaturverzeichnis.
 
 

1.3     Persönlicher Bezug

Wissenschaftliches Interesse an bestimmten Fragestellungen steht nicht im luftleeren Raum. Wenn ich mit großen Zeitaufwand diese Arbeit hergestellt habe, für die weder eine Stiftung noch eine andere Organisation bezahlt hat, dann muß ein starkes persönliches Interesse an der Fragestellung vorliegen, das über den Wunsch nach wissenschaftlicher Anerkennung hinausgeht. In der Tat stand am Anfang das Bedürfnis, den bislang wenig erforschten Bereich der Kindheit und Jugend von homosexuellen Männern genauer anzusehen. Ich wollte mehr darüber wissen, wie andere homosexuelle Männer diese Zeit erlebt haben, die vor jener liegt, in der sie ein Leben als bewußt Homosexuelle begannen. Und ich wollte - wie schon häufiger zuvor - den Mythen und Vorurteilen (von denen nicht wenige in wissenschaftlichem Gewand daherkommen) etwas gegenüberstellen: die konkreten Erfahrungen und Empfindungen, so wie sie von den Betroffenen selbst erinnert werden.

Ausgangspunkt waren meine eigenen Erfahrungen als Kind und als Jugendlicher, der sich in den späten sechziger Jahren in einem mühsamen Prozeß dazu durchgerungen hatte, seine homosexuellen Wünsche zuzulassen und sich für ein Leben als offen Homosexueller zu entscheiden. In vielen Jahren der Coming Out-Beratung, in denen ich wiederholt mit Geschichten konfrontiert war, die vertraut erschienen, war bei mir ein Bild von der Kindheit prähomosexueller Männer entstanden: das eines ängstlichen, verletzlichen und ausgestoßenen Wesens, schutzbedürftig und oft ohne Schutz, dem es in einer enormen Anstrengung gelingt, sein Anderssein anzunehmen und positiv zu wenden.

So war es naheliegend, daß ich genau eine solche Erfahrung zur Grundlage meines ersten Buches für junge Menschen im Coming Out machte (Grossmann 1981). Der Erfolg, begünstigt durch ein absolutes Unterangebot an brauchbarer Literatur im Bereich gleichgeschlechtlicher Liebe, bestärkte diese Sicht.

Da fiel mir im Sommer 1983 in London ein Buch in die Hände, welches mich sehr faszinierte. "Man to Man - Gay couples in America" von Charles Silverstein, das erste Buch, welches über Liebesbeziehungen zwischen Männern geschrieben wurde. Zu jenem Zeitpunkt arbeitete ich an einem eigenen Buch, in dem ich die Situation homosexueller Paare darstellen wollte und das 1986 auch herauskam (Grossmann 1986). Silverstein, homosexueller Psychotherapeut aus den USA, hatte aus 10 Jahren therapeutischer Arbeit und Interviews mit knapp 200 Männern Erfahrungen gesammelt und in diesem Buch zusammengetragen. Er inspirierte mich dazu, bei den von mir geplanten Interviews den Kindheitserfahrungen mehr Bedeutung beizumessen. Seine Ansichten über die erste Liebesbeziehung eines prähomosexuellen Jungen, jene zum Vater, empfand ich als revolutionär. Statt sich auf die Mutter-Sohn-Beziehung zu konzentrieren, wie es sowohl in der wissenschaftlichen Forschung wie in der persönlichen Auseinandersetzung homosexueller Männer üblich war, schaufelte er die verschüttete Beziehung zwischen dem Vater und seinem kleinen Sohn frei, um deren Auswirkung auf spätere Liebesbeziehungen beurteilen zu können.

1990 setzte der Psychoanalytiker Richard Isay diesen Gedankengang fort, als er in "Schwul sein. Die psychologische Entwicklung zum Homosexuellen" die besondere Beziehung zwischen Vater und prähomosexuellem Sohn beschrieb. Gleichzeitig bekräftigte er meine damalige Sicht vom ängstlichen, weichen Jungen, der sich später "zum Homosexuellen" entwickelt. Doch seine Datenquelle waren Männer, die bei ihm in Analyse waren, zudem eine relativ kleine Gruppe.

Ich wollte mit der vorliegenden Arbeit überprüfen, ob meine eigenen Erfahrungen, die in so vielem mit jenen übereinstimmten, welche Isay beschrieben hatte, tatsächlich generalisierbar sind für homosexuelle Männer im westlichen Kulturkreis gegen Ende des 20.Jahrhunderts. Und ich wollte zeigen, wie mühevoll der Weg zum erwachsenen Homosexuellen ist, bereits lange, bevor der Betreffende überhaupt in Kategorien von homo- oder heterosexuell zu denken lernt. Eine besondere Rolle hierbei schien das nonkonforme Geschlechtsrollenverhalten zu spielen, welches den Jungen bereits früh mit Anderssein konfrontiert.

Ich bin also stark "betroffen" vom Thema meiner Arbeit. Eine derart starke persönliche Betroffenheit bringt mit sich eine Vielzahl von Chancen, birgt aber auch einige Fallstricke (Story 1993). Sie treibt einen an, wenn die Arbeit mal wieder ins Stocken gerät oder man es leid ist, so große Teile seiner Zeit am Schreibtisch zu sitzen, um Berge von Büchern zu rezipieren und Unmengen von Datenmaterial zu deuten. Die Betroffenheit bringt häufig einen großen Pool an Erfahrungen sowohl mit dem Forschungsgebiet als auch dem allgemeinen Forschungsstand mit sich. Es galt nicht, ein vollkommen fremdes Feld zu beackern, die Gräser und Büsche, Blumen und abgestorbenen Äste auf diesem Feld waren mir durchaus vertraut. Seit dem Beginn meiner Arbeit in der Homosexuellenbewegung Anfang der siebziger Jahre hatte ich aufmerksam verfolgt, welche Forschungsergebnisse insbesondere im psychosozialen Bereich über Homosexualität und Homosexuelle veröffentlicht wurden, Zugangsquellen zu den teils nicht breit publizierten Ergebnissen waren mir bekannt.

Hierdurch waren mir auch bisherige Forschungs-Fragestellungen vertraut, es war leichter, die wesentlichen Themen auszuwählen, welche für die eigene Fragestellung behandelt werden mußten. Selbstverständlich ist mir auch das Leben als homosexueller Mann in der bundesdeutschen Wirklichkeit der letzten vier Jahrezehnte vertraut, aus eigener Erfahrung wie auch als Berater und Therapeut einer Vielzahl homosexueller Männer.

Die eigene Betroffenheit ermöglichte zudem einen Zugang zu auskunftsbereiten Probanden, der in einem immer noch von Diskriminierung auf der einen und Ängsten auf der anderen Seite geprägten Klima schwierig ist. Die große und berechtigte Skepsis vieler homosexueller Männer gegenüber "den Wissenschaftlern", deren Forschung selten die Bedürfnisse und Interessen der Beforschten selbst berücksichtigt (Klein fragt 1983: "Ist der Forscher Helfer oder Konkurrent oder gar Denunziant in fremdem Auftrag?", zitiert nach Palzkill 1990), kann Forschungsvorhaben zunichte machen oder zumindest erheblich erschweren. Schmidt (1986) hat diese Frage sehr einfühlsam thematisiert.

Von einem homosexuellen Forscher wird eher vermutet, daß er der "gemeinsamen Sache" dient - ob immer zu recht, ist eine andere Frage. Zumindest schafft die gemeinsame Betroffenheit eine Basis für mögliches Vertrauen und die Bereitschaft, über sehr persönliche und nicht immer angenehme, ja z.T. schmerzhafte Erinnerungen zu sprechen. Durch die eigene Betroffenheit ist die Gefahr geringer, gegen die Interessen anderer Betroffener zu handeln, und es ist einfacher, ein offenes, mehr gleichberechtigtes Verhältnis mit den Beforschten herzustellen. Meine bisherigen Veröffentlichungen ermöglichten zudem, potentiellen Interviewpartnern ein Bild von mir, meinen Zielen und Wegen zu vermitteln. So teilten mir nicht wenige der Befragten mit, daß sie sich deswegen an meiner Umfrage beteiligten, weil sie mich und meine Bücher kannten. Einzelne begründeten ihre Bereitschaft zum Interview sogar mit dem Wunsch, sich auf diese Weise für die früher erhaltene Hilfestellung zu bedanken bzw. zu revanchieren.

Nicht zuletzt bietet die Forschung in einem Bereich, der einen sehr persönlich betrifft, eine gute Möglichkeit, Profession und Persönliches zu verbinden (Herdt & Boxer 1993). Da ich beruflich in einem Bereich tätig bin, in dem das Thema homosexuelle Lebensweise selten eine Rolle spielt, kann ich auf diese Weise meine fachliche Kompetenz auch einem Bereich zur Verfügung stellen, der u.a. mangels etablierter Forschung und mangels finanzieller Mittel sonst nicht in gleicher Weise beforscht wird. Herdt und Boxer erinnern daran, daß ein Großteil bisheriger Forschung über Homosexualität von Betroffenen betrieben wurde, seien sie offen oder versteckt mit ihrer sexuellen Orientierung umgegangen. Offenbar war die eigene Betroffenheit eine starke Triebfeder, sich diesem Bereich auch forschend zu nähern. Die "Nähe zum Gegenstand" (Mayring 1990) ist zudem ein wichtiger Leitgedanke qualitativer Forschung und ein wichtiges Gütekriterium.

Die Fallstricke der eigenen Betroffenheit sind jedoch ebenso bedeutsam und sorgfältig zu beachten. Wie der Therapeut, der persönlich sehr vertraut ist mit einem zentralen Problemkomplex seines Klienten (etwa Drogenabhängigkeit, Tod eines eigenen Kindes etc.), unterliegt man der Gefahr, nicht genau genug hinzuhören, was dieser andere ganz individuell und aus seiner Situation und Persönlichkeit heraus erlebt und empfindet. Das Risiko, das 'Prinzip der Fremdheit' (Hoffmann-Riem 1980) zu mißachten, nicht mehr "eine prinzipielle Fremdheit zwischen Forscher und Forschungssubjekt"(S.344) anzunehmen, ist groß. Schnell kann sich - gerade beim Interview - eine Atmosphäre des scheinbaren Verstehens ergeben, welches dazu verführt, nicht mehr genau nachzufragen. Dieser Gefahr unterliegt nicht nur der Forscher, sondern er muß zudem darauf achten, daß auch der Interviewpartner sich nicht mit einem 'Du kennst das ja' davor bewahrt, seine Sicht und sein ganz persönliches Erleben offenzulegen, oder auch unangenehmen Themen auf diese Weise ausweicht.

Noch mehr als der Forscher, für den bestimmte Ergebnisse erwünscht sind, so daß er geneigt sein mag, die Daten nur in der ihm genehmen Weise zu interpretieren (um nicht davon zu sprechen, Daten zu biegen oder sonstwie zu 'bearbeiten'), ist der von seiner Forschungsfrage derart persönlich Betroffene gefährdet, die Ergebnisse zur Validierung seinen eigenen Erfahrungen zu nutzen oder sie dem eigenen Lebenskonzept oder politischen Ziel anzupassen (Goetz-Marchand 1983). Einen Vorgeschmack davon mag meine oben geäußerte Bemerkung gegeben haben, meine eigenen Erfahrungen generalisieren zu wollen. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, sagt der Volksmund, und so mag ein ehemals ängstlicher, empfindlicher, weicher Junge auf die Suche nach Leidensgenossen gehen, um anschließend die Welt für dieses Leiden anzuklagen. So kann die eigene Betroffenheit blind machen für andere Wege, andere Erfahrungen und Bewältigungsstrategien.

Nicht so sehr Fallstrick für einen selbst, aber doch für jene, die ebenfalls betroffen sind und am Ende die Ergebnisse aufnehmen, ist dasselbe Problem auf ihrer Seite. Vielleicht (zer)stören Ergebnisse dieser Arbeit das Lebenskonzept anderer homosexueller Männer. Vielleicht widerspricht es ihrem Selbstbild, wie hier Vertreter 'ihrer Art' dargestellt werden. Vielleicht auch bekommen sie Antworten auf Fragen, die sie (sich) ungern stellen. So muß ein 'betroffener' Forscher erst recht gefaßt sein darauf, als Aushorcher oder Feind angesehen zu werden (Dannecker 1990), auch wenn die Kritik sich meist am methodischen Vorgehen festmacht. Denn schließlich muß die Methode falsch gewesen sein, wenn nicht diejenige 'Wahrheit' gefunden wurde, welche der Kritiker gern hören möchte. Dannecker zitiert im Zusammenhang des Vorwurfs an ihn, "Auftragsforschung" gegen homosexuelle Männer zu betreiben, einen Satz von Adorno, dem ich mich anschließen möchte: "Je härter und illusionsloser, wäre es auch im Gegensatz zu dem, was die Beteiligten selbst hören möchten, die Soziologie das ausspricht, was der Fall ist, um so besser dient sie der menschlichen Bestimmung."(zitiert nach Dannecker 1990, S.261).

In der Methodendiskussion soll näher darauf eingegangen werden, wie von mir versucht wurde, die Fallstricke zu umgehen und jene Chancen zu nutzen, die Herdt & Boxer (1993) meinten, als sie ihre spezifische Eignung für Homosexuellenforschung hervorhoben: "Time and again in our study we saw the difference that knowing the sexual identity of the interviewer makes the response of the informant" (S.XIX).

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