2.     Lebenssituation und Sexualität männlicher prähomosexueller Kinder und Jugendlicher

 

2.1      Begriffliche Bestimmungen

Diese Arbeit untersucht erinnerte Erfahrungen, Erlebnisse, Verhaltensweisen, Gefühle aus der Kindheit und Jugend heute homosexuell lebender Männer in der Bundesrepublik. Zu einem geringen Teil werden auch Aussagen über die Zeit nach der Adoleszenz berücksichtigt, der Schwerpunkt liegt jedoch auf Kindheit und Jugend.

Kindheit und Jugend sind nach bundesdeutschen Recht klar definierte Zeiträume vor jenem Zeitpunkt, zu dem ein Mensch unter normalen Umständen juristisch volljährig wird und damit alle Rechte und Pflichten eines Erwachsenen hat. Jugendlicher ist nach dem §1 des Jugendgerichtsgesetzes, wer 14, aber noch nicht 18 ist. Die Kindheit endet juristisch also mit dem 14. Geburtstag.

Biologisch-physiologisch, sozial und psychologisch sind die Abgrenzungen zwischen Kindheit und Jugend nicht so eindeutig, zumal bereits der physiologische Übergang individuell zu einem sehr unterschiedlichen Zeitpunkt einsetzen und verschieden lange dauern kann (Baake 1984).

Jugend wird als Übergangsphase beschleunigter Reife zwischen Kindheit und Erwachsenenalter angesehen (Fend 1990), deren Ende früher durch den Eintritt ins Berufsleben oder eine Eheschließung markiert war. Durch die in den vergangenen Jahrzehnten eingetretene Verlängerung von Ausbildungszeiten und die Verlagerung einer Heirat ins dritte oder vierte Lebensjahrzehnt erscheint dieses Verständnis jedoch heutzutage wenig brauchbar. Dreher und Dreher (1985) lassen die Adoleszenz mit 18 Jahren enden und in das frühe Erwachsenenalter münden, welches bis 30 Jahre angesetzt ist. Biologisch wird Jugend nach unten durch die Pubertät begrenzt, während die Obergrenze in ähnlicher Weise vom Ende des individuellen körperlichen und geistigen Entwicklungsschubes abhängig gemacht wird, das i.d.R. am Ende des zweiten Lebensjahrzehnts erreicht ist.

Für diese Arbeit wesentlich ist die Abgrenzung zwischen der Kindheit und Jugend, da beide Zeiträume sowohl in Bezug auf sexuelle Entwicklung als auch ihre Ferne bzw. Nähe zur Erwachsenenwelt (Oerter & Monada 1995) im westlichen Kulturkreis des ausgehenden 20.Jahrhunderts als verschieden angesehen werden.

In dieser Arbeit soll mit Kindheit die Zeit bis zum dem Einsetzen des pubertären Reifungsprozesses bezeichnet werden, d.h. vor der ersten Pollution und den mit der Pubertät verbundenen physiologischen und psychischen Veränderungen. Da im Alter von 12 Jahren zumindest bei einem Teil der Befragten davon ausgegangen werden muß, daß ihre Pubertät eingesetzt hat (Fend 1994, Goldman & Goldman 1982, Kentler 1982), wird als orientierende Altersvorgabe für alle die Kindheit bis zu diesem Zeitpunkt definiert, die einsetzende Pubertät aber als Abgrenzungskriterium benannt.

Konsequenterweise setzt die Jugendzeit mit der Pubertät und den damit verbundenen psychischen und physischen Entwicklungsprozessen ein. Zwar lassen gesellschaftliche Veränderungen Jungen ihre Pubertät heute nicht mehr ebenso 'dranghaft' erleben wie in früheren Jahren (Schmidt 1993), doch dürfte selbst die übriggebliebene "einfache Pubertät" hinreichend Veränderungen für den jungen Menschen bereithalten, daß eine formale Trennung von der Kindheit sinnvoll erscheint.

Eine scharfe Abgrenzung nach oben zum Erwachsenenalter ist nicht notwendig; parallel zum Gebrauch des Begriffs Adoleszenz bei Hurrelmann (1995) wird darunter der Zeitraum bis in die ersten Jahre des dritten Lebensjahrzehnts verstanden.

Wesentlicher für die vorliegende Arbeit ist als Endpunkt des Betrachtungszeitraumes das innere (und ggf. äußere) Coming Out als Homosexueller. Hieran wird sichtbar, daß letzlich die Zeiträume voneinander nur grob abgegrenzt werden können und auch nicht exakter voneinander abgegrenzt werden müssen. Es geht um Zeiträume, nicht Zeitpunkte.

Der Gebrauch eben dieses Begriffs 'Homosexueller' wie auch bereits des Begriffs 'Homosexualität' gestaltet sich sehr schwierig. Seit die Bezeichnung 'homosexuell' Mitte des 19.Jahrhunderts von Karl Maria Kertbeny geprägt wurde (Herzer & Petrovich 1993), konnte sie sich gegen eine Vielzahl anderer Begriffe (konträrsexuell, urnisch, invertiert etc.) durchsetzen, wenn es um die wissenschaftliche Bezeichnung sexueller Kontakte zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts ging.

Wie schwer es offenbar dennoch ist, ein gemeinsames Verständnis über die Begrifflichkeit zu finden ist, läßt sich recht gut am Beispiel von 'Homosexualität' belegen. In der Biologie wird unter Homosexualität bei Tieren ein sexuelles Verhalten verstanden, welches typisch für das jeweils andere Geschlecht sei (Kinsey 1966, S.569). Wenn ein Rattenmännchen die für ein Rattenweibchen typische Lordose-Haltung einnimmt und sich von einem Weibchen bespringen läßt, verhalten sich beide Tiere nach dieser Definition 'homosexuell' oder 'invertiert'. Bei dieser Definition steht also das geschlechtstypische oder untypische Sexualverhalten im Fokus, während das Geschlecht des Sexualpartners unerheblich ist. Bereits eine solche Definition kann zu Mißverständnissen bzw. falschen Schlußfolgerungen führen, wenn etwa Ergebnisse aus der Tierforschung auf den Menschen übertragen werden (etwa bei Dörner 1976).

So gibt es keine allgemein akzeptierte Definition für den Begriff 'Homosexualität' (Friedman 1993). Vielleicht liegt dies auch daran, "daß die Homosexualität nicht eine Form von Verhalten ist. Es bestehen entweder viele Arten oder überhaupt keine"(Ussel 1979, S.147, Hervorh. i.Org.). Aus demselben Grund benannten Bell und seine Kollegen ihre Studie "Homosexualities", und deshalb spricht Stoller (1979) von 'Homosexualitäten' und 'Heterosexualitäten'.

Und doch unterscheiden sich Homosexualitäten von Heterosexualitäten im sozialwissenschaftlichen Verständnis zumindest darin, ob das Objekt der Anziehung und des sexuellen Begehrens dem selben oder dem anderen Geschlecht angehört. Unter Homosexualität(en) soll(en) deshalb die ganz unterschiedlich sich entfaltende gefühlsmäßige und sexuelle Anziehung verstanden werden, die sich auf Angehörige des eigenen Geschlechts richtet.

Läßt sich beim sexuellen Tun noch ein gewisses einheitliches Verständnis innerhalb der Sozialwissenschaften finden, gilt dies nicht dafür, ob es neben der Homosexualität, also der "sexuellen Anziehung durch gleichgeschlechtliche Objekte" (Dannecker & Reiche 1974, S.10), auch etwas wie eine homosexuelle oder schwule 'Identität' gibt, ob es den "manifest Homosexuellen" (S.48) überhaupt gibt.

Seit Jahren findet eine Debatte unter dem Titel 'Konstruktivismus vs. Essentialismus' statt, bei der diese Frage im Kern berührt ist: Gibt es Menschen, die sich nicht nur homosexuell betätigen, sondern die eine Art homosexuelle Persönlichkeit bilden, die quasi über-historisch existiert und mehr Gemeinsamkeiten beinhaltet als das bloße sexuelle Verhalten? Ist die 'homosexuelle Persönlichkeit' lediglich eine Erfindung bzw. Konstruktion der Neuzeit, entwickelt von Psychiatern zum Zwecke der Pathologisierung jener Menschen, die gleichgeschlechtlich verkehrten (Foucault 1977), oder bilden Homosexuelle eine spezifische Gruppe mit biologischer Grundlage (Dörner 1976)? Ist Homosexualität "a way of beeing and understanding" (Pronger 1990), "a form of existance" (Bech 1997a), oder gibt es ein "genuine gay self" (Savin-Williams 1998)? Sind die Homosexuellen unserer Tage "geschichtliche Erscheinungsformen der Sexualität in der Gegenwart" (Schmidt 1996) oder tief in der Persönlichkeit verankert (Money 1988), etwa aufgrund kollektiver und gesellschaftlich geprägter Erfahrung (Dannecker 1989)?

Kinsey (1966) vermied den Begriff 'Homosexuelle', indem er sich ausschließlich auf Quellen sexueller Triebbefriedigung konzentrierte und sich in guter taxonomischer Tradition weigerte, Heterosexuelle und Homosexuelle als getrennte Gruppen anzusehen. Er zählte die Individuen, die "mindestens eine gewisse homosexuelle Erfahrung hatten" (S.579) und entwickelte eine heterosexuell-homosexuelle Zuordnungsskala, mit der sich das konkrete sexuelle Verhalten von "ausschließlich heterosexuell" bis "ausschließlich homosexuell" (S.595) einordnen ließ.

Die Ergebnisse der damaligen Studie legen jedoch auch die Schwächen eines auf Verhalten beschränkten Vorgehens offen. Die 37% der Männer, die "zumindest einige physische homosexuelle Erlebnisse bis hin zum Orgasmus zwischen Pubertät und Greisenalter"(S.600) hatten, bildeten eine Gruppe, deren Gemeinsamkeit in der Tat lediglich diese sehr allgemein formulierte Tatsache war. Pubertierende Jugendliche mit gemeinschaftlichen Onanie-Erfahrungen, die sich dabei eine Frau hinzu phantasieren, waren enthalten, erwachsene verheiratete Männer aber nicht, die ihr Leben lang von einer sexuellen Begegnung mit einem Mann träumten, diesen Traum jedoch nie verwirklichten.

Bell et al. (1981) gingen folgerichtig einen Schritt weiter und integrierten eine soziale Komponente, die Anwesenheit an Orten, welche typischerweise dem sozialen und sexuellen Kontakt unter gleichgeschlechtlich liebenden Männern dienen. Sie setzten voraus, daß sie auf diesem Wege ihre homosexuelle Subpopulation erreichen. Tatsächlich ordneten sich 92% ihrer Befragten auf der Kinsey-Skala als ausschließlich oder vorwiegend homosexuell ein, allerdings auch 5% im Bereich 0-3 (mehr oder weniger heterosexuell bzw. bisexuell).

Isay (1990) hielt "sexuelle Phantasien zur Definition Homosexueller nützlicher" als das Verhalten, und Savin-Williams (1998) forderte von den Befragten Jugendlichen seiner Studie lediglich, "to identify himself as either gay or bisexual. How he conceptualizes those categories and his subsequent membership in one of them was left to his own discretion" (S.13). Zusätzlich ließ auch er sie eine genauere Selbstdefinition mittels Kinsey-Skala vornehmen, wobei sich 96% auf der siebenstufigen Skala als ausschließlich oder eher homosexuell verstanden.

Ein solcher, angesichts der Widrigkeiten definitorischer Bestimmung eher pragmatischer Ansatz wurde auch bei der vorliegenden Arbeit gewählt. Da nach Habermas (1976) nur eine Person selbst beurteilen kann, ob sie sich zu etwas hingezogen fühlt oder nicht, wird als homosexuell angesehen, wer sich selbst als solcher (bzw. umgangssprachlich als 'schwul') ansieht. Diese Definition läßt offen, ob es auch zu gefühlsmäßigen und/oder sexuellen Kontakten mit gegengeschlechtlichen Partnern in geringem Ausmaß kommt, und stellt die Anziehung, nicht das Verhalten in den Vordergrund. Schließlich würde auch kein heterosexueller Mann davon Abstand nehmen, sich als heterosexuell anzusehen, bloß weil er vorübergehend oder dauerhaft keine sexuellen Kontakte zu Frauen hat.

Der Begriff 'Coming Out' wurde von der amerikanischen Homosexuellenbewegung aus dem Vokabular des Bürgertums entliehen, wo er die öffentliche Präsentation heiratsfähiger Töchter im Rahmen von Coming Out-Parties bezeichnete (Dannecker & Reiche 1974). Parallel hierzu wurde der Schritt aus dem isolierten Privatraum in den öffentlichen Raum der homosexuellen Szene als Coming Out benannt.

Dannecker und Reiche veränderten den Begriff von einem Zeitpunkt zur Zeitspanne, zur "gesamten Phase der homosexuellen Entwicklung" (S.31), vom "ersten Auftauchen der homosexuellen Triebrichtung im Bewußtsein" bis zur "Selbstwahrnehmung als Homosexueller" (S.30). Sie betonen damit ebenso wie Morgenthaler (1984a) vor allem das 'innere' Coming Out, d.h. den intrapersonalen Prozeß.

Pagenstecher (1978) erweiterte in Übereinstimmung mit der damals vorherrschenden Sicht in der homosexuellen Emanzipationsbewegung diesen Begriff zum "lebenslangen Prozeß" der Entwicklung einer homosexuellen Identität. Zugrunde lag dem ein Verständnis, daß in einer Gesellschaft, die Homosexualität diskriminiert, die Selbstakzeptanz stets aufs Neue ins Wanken geraten könne und eine Art Endzustand schwerlich erreichbar erscheint.

Vor allem amerikanische Autoren der letzten Jahre unterschieden häufig ein "coming out to self" und "coming out to others" als wiederum eher zeitlich begrenzte Prozesse und entwickelten eine Vielzahl von Modellen, um diese Prozesse zu beschreiben. Cohen und Savin-Williams (1996) stellten diese Modelle ausführlich dar, die einen Stufenprozeß beschreiben, der häufig auf einer bestimmten theoretischen Perspektive beruht (z.B. Freud, Erikson, Piaget, Goffman). Trotz ihres unterschiedlichen theoretischen Hintergrunds finden sich bei vielen dieser Modelle bestimmte "developmental milestones", zu denen die Zeitpunkte der ersten Wahrnehmung homosexueller Attraktion, des ersten homosexuellen Kontaktes, des erstmaligen Bewußtseins der eigenen Gefühle als homosexuell und des 'disclosure' gegenüber Dritten gehört (S.120).

Savin-Williams, der seine aktuelle Studie streng entlang dieser "milestones" präsentiert (1998), weist dennoch darauf hin, daß keineswegs alle interviewten Jugendlichen jede Stufe dieses Prozesses beschritten hätten und die Reihenfolge nicht als zwingend angesehen werden könne. Es seien Stufen, die von einer Mehrheit im Laufe des Prozesses - teilweise in abweichender Reihenfolge - bewältigt würden. Es erscheint mir geboten, zudem darauf hinzuweisen, daß die Gültigkeit dieser Stufenfolge kulturell und historisch beschränkt sein dürfte.

Ich möchte das Verständnis von Coming Out für diese Arbeit beschränken auf die beiden Prozesse, die ein Bewußtwerden des eigenen Homosexuell-Seins (coming out to self) und das Offenbaren dieser Tatsache gegenüber Freunden und Familie (coming out to others) umfassen. 'Others' sind hier gemeint i.S.v. 'significant nongay other' (Rodriguez 1988), d.h. das private soziale Umfeld. Damit bezieht dieses Verständnis von Coming Out nicht nur den Schritt in die homosexuelle Öffentlichkeit ein, der bei Dannecker und Reiche den "vorläufigen Abschluß" des Coming Outs bildet, sondern auch jenen gegenüber Heterosexuellen.

Das hier vertretene an amerikanische Coming Out-Modelle angelehnte Verständnis begründet sich in der Bedeutung, welche ich den sozialen Kontakten in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter beimessen möchte. Während Dannecker und Reiche den "vorläufigen Abschluß" des Coming Outs beim Schritt "aus der Isolierung" des "auf-sich-selbst-Beschränktsein" in eine neue "Isolation" der homosexuellen Subkultur sehen, möchte ich gerade den Schritt aus der (homosexuellen) Isolation ins übrige private soziale Umfeld von Freunden und der Familie einbeziehen.

Drei weitere Begriffe werden in dieser Arbeit häufig benutzt und sollten deshalb hier näher bestimmt werden: Geschlechtsrolle, Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität. Money führte 1955 den Begriff 'gender role' ein, "um all das zu kennzeichnen, was eine Person sagt oder tut, um ihren Status als Junge oder Mann bzw. Mädchen oder Frau zu offenbaren." (zitiert nach Money 1994). Gender role bezeichnet das "empirisch beobachtbare Verhalten" (Money 1973), das Ausmaß von Männlichkeit und Weiblichkeit, welches durch individuelles Verhalten, Persönlichkeitszüge und Erscheinung an den Tag gelegt wird, wobei Männlichkeit und Weiblichkeit kulturelle Zuschreibungen für ein Bündel an physischen, psychischen und Verhaltensmerkmalen sind, die in der jeweiligen Kultur mit Männern und Frauen assoziiert werden (Paul 1993). Da es sich bei diesen Zuschreibungen um soziale Phänomene handelt, wird auch der Begriff 'gender' (psychosoziales Geschlecht) statt 'sex' (biologisches Geschlecht) verwendet (Rauchfleisch 1993).

Folgt man der Definition von Money, die Geschlechtsrolle sei ein bestimmtes, männlich oder weiblich gefärbtes Bündel an Verhaltensweisen, dann erscheint der Begriff Geschlechtsrollenverhalten eine Tautologie. Mir ist jedoch wichtig, zwischen einem empirisch beobachtbaren bzw. beschreibbaren Verhalten und dem Bündel an Verhaltensvorschriften und Persönlichkeitsmerkmalen, die in einer Gesellschaft dem einen oder anderen Geschlecht zugeschrieben werden, zu unterscheiden. So wird es möglich, festzustellen, ein bestimmtes Spielverhalten entspreche der weiblichen Geschlechtsrolle, ohne damit die Übernahme der gesamten weiblichen Geschlechtsrolle vorauszusetzen.

In dieser Arbeit soll deshalb unter Geschlechtsrolle das Gesamtinventar an Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmalen verstanden werden, welches gesellschaftlich dem männlichen bzw. dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wird. Demgegenüber soll das Geschlechtsrollenverhalten einzelne Verhaltensweisen bezeichnen, welche der jeweils männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle zugeordnet werden.

Der Begriff 'Geschlechtsidentität' geht zurück auf eine Arbeitsgruppe 'Gender identity' an der Medizinischen Hochschule der UCLA, wo er im Zusammenhang mit dem vom biologischen Geschlecht abweichenden Gefühl Transexueller, dem anderen Geschlecht anzugehören, entstand (Money 1994). Er sollte im Gegensatz zum Verhalten das individuelle Empfinden, dem einen oder dem anderen Geschlecht zuzugehören, ausdrücken, "das Gleichbleiben, die Einheit und Fortdauer der eigenen Individualität als männlich, weiblich oder androgyn" (S.26), eine "innere Überzeugung von der eigenen Männlich- oder Weiblichkeit" (Paul 1993, S.44).

Stoller (1968) erfand den Begriff 'Kern-Geschlechtsidentität (core gender identity)', wohl um zu unterstreichen, wie stabil dieses "primordiale, bewußte und unbewußte Erleben" sei, "entweder ein Junge oder ein Mädchen bezüglich seines biologischen Geschlechts zu sein" (Mertens 1992). Diese Kern-Geschlechtsidentität entwickele sich ab der Geburt des Kindes und sei gegen Ende des zweiten Lebensjahres "als (relativ) konfliktfreie Gewißheit etabliert".

Leider hat sich keiner dieser Begriffe mit einer allgemein akzeptierten Definition durchgesetzt. Money (1994) stiftete den Begriff 'gender-identity/role', womit er beides eng miteinander assoziierte und 'gender identity' zum "persönlichen Erleben von gender role" sowie 'gender role' zur "öffentlichen Manifestation von gender identity" wurde. Sie wären damit "zwei Seiten einer Münze" (S.26), was im Falle von Transsexualität sinnvoll sein mag, in anderen Fällen jedoch nicht. Person und Ovesey (1993) verwenden 'Geschlechtsidentität' als Oberbegriff für die beiden Kategorien 'Kern-Geschlechtsidentität' und 'Geschlechtsrollenidentität', wobei ersteres das biologische Selbstbild und letzteres das psychische Selbstbild bezeichnet. Mertens (1992) sieht die 'Geschlechtspartner-Orientierung' als Teil der Geschlechtsidentität an, wodurch Geschlecht und sexuelle Orientierung verknüpft werden, während Chusmir und Koberg (1990) davon sprechen, "men and women in this study tended to adopt different gender identities in the at-home and at-work situations" (zitiert nach Sieverding & Alfermann 1992, S.9), Geschlechtsidentität somit situativ anpassbar verstanden wird.

In dieser Arbeit möchte ich jedoch mit Bierhoff-Alfermann (1989) und Ehrhardt (1980) an einem Verständnis von Geschlechtsidentität festhalten, welches die innere Überzeugung ausdrückt, dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht anzugehören. Diese Definition lehnt sich damit enger als die referierten Konzepte an die Stoller'sche 'Kern-Geschlechtsidentität' an, berücksichtigt damit aber auch, daß in unserer Gesellschaft kaum ein Ordnungskriterium eine ähnlich hohe Bedeutung hat wie das Geschlecht einer Person und deshalb frühzeitig als zentraler Bestandteil eines Selbstkonzeptes festgelegt ist (Kasten 1996). Es grenzt sich damit auch ab von einem verschwommenen Begriff der 'Geschlechtsidentität', der jede noch so leichte Verunsicherung, die entstehen kann, wenn Geschlechtsidentität und Geschlechtsrollenverhalten nicht perfekt übereinstimmen, als "Störung der Geschlechtsidentität" (Friedman 1993) definieren läßt.
 
 

2.2.      Psychosoziale und sexuelle Entwicklung zum homosexuellen Mann im Spiegel der Wissenschaften

2.2.1. Die Wissenschaft entdeckt den Homosexuellen

Die Wissenschaft bemächtigte sich der Homosexuellen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhundert. War Homosexualität seit dem Mittelalter eine 'sodomitische Handlung' unter anderen, die von der Kirche als sündig angeprangert und von der Justiz als strafwürdig eingeschätzt wurde (Bleibtreu-Ehrenberg 1983), wandelte die Wissenschaft nicht nur die (homo)sexuelle Handlung zur pathologischen um, die frühzeitig der psychiatrischen Behandlung bedurfte (Krafft-Ebing 1984), sondern schuf zudem eine neue Persönlichkeit, die neben der Neigung zur 'perversen' gleichgeschlechtlichen Sexualität ein ganzes Bündel an Eigenschaften mitbrachte, welche ursächlich mit der sexuellen Tat zusammenhänge (diesen Prozeß beschreibt sehr detailliert Müller 1991).

Abgespalten vom 'normalen' Begehren und dingfest gemacht in den ihr verfallenen Personen war es zentrale Fragestellung für den Großteil der damit befaßten - sich selbst als heterosexuell begreifenden - Wissenschaftler, die Ursache für diese Abweichung von der Norm zu finden, um die Krankheit zu heilen bzw. ihr vorzubeugen.

Früh bereits geriet die Kindheit und Jugend der später sich homosexuell verhaltenden Menschen ins Visier der Forschung. Nachdem erst im 17.Jahrhundert die Kindheit als jene Zeit festgemacht wurde, in der Erziehung aus dem Rohmaterial Kind das geformte, vollwertige Glied der Gesellschaft zu bilden hatte (Aries 1979), erschien diese Kindheit zugleich als ideales Betätigungsfeld, abweichende Anlagen zu beeinflussen und zur Heterosexualität umzugestalten.

So finden sich bereits bei Krafft-Ebing in der 1886 erstmalig erschienenen "Psychopathia sexualis" Hinweise zur Behandlung prähomosexueller Jungen: "Ein konträrsexueller Junge ist vom öffentlichen Schulbesuch unbedingt auszuschließen und einer Nervenheilanstalt zu überweisen. Verwerflich ist auch im Elternhaus das gemeinsame Schlafen der Jungen. Auch das Baden in öffentlichen Badeanstalten gemeinsam mit den anderen ist gefährlich und sorgsam zu überwachen. ... Das Schossnehmen und Liebkosen von belasteten Kindern seitens gleichgeschlechtlicher Personen ist bedenklich." Der höhere Zweck heilige sogar den Verzicht auf bestimmte Formen der Prügelstrafe: "Flagellatio ad podicem sollte streng verpönt sein." (Nachdruck 1984, S.336)

Die Betrachtungen zur Kindheit und Jugend homosexueller Männer durch die Wissenschaft waren somit dem Ziel untergeordnet, wie diese pathologische Neigung verhindert werden könne. Homosexualität entwickelte sich dabei zum beliebtesten Thema der neu entstandenen Sexualwissenschaft, allein in den zehn Jahren zwischen 1890 und 1900 erschienen etwa 1000 deutschsprachige Arbeiten, die diesen Gegenstand behandelten (Schmidt 1986).

Der Gerichtsmediziner Johann Ludwig Casper machte Mitte des 19.Jahrhunderts den Schritt von der Tat zum Täter und zog Tagebücher von wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen Angeklagter zur Begutachtung heran, wodurch die sexuelle Handlung "erstmal als Folge einer konstitutionellen Veranlagung betrachtet" wurde (Müller 1993b). Casper gelangte zu der Auffassung, Homosexualität sei "angeboren und gleichsam wie eine geistige Zwitterbildung" (S.30). Letzteres bezog sich auf ein auffällig "weibisches Äußeres" bei den von ihm begutachteten Personen, ohne daß er dies zu einem diagnostischen Kriterium aufwertete. Homosexuelles Verhalten wurde bis zu jener Zeit überwiegend an körperlichen Merkmalen festgemacht, welche mit aktivem und passivem Analverkehr zusammenhängen sollten, d.h. noch eng an der 'Tat' orientiert waren.

Einige Jahre später veröffentlichte der homosexuelle Leipziger Assessor Karl Heinrich Ulrichs unter Pseudonym mehrere Schriften über Homosexualität, welche vor allem dem Ziel einer Entpönalisierung dienen sollten. Mit Ulrichs begannen homosexuell lebende Männer, in die Diskussion einzugreifen, die gleichgeschlechtliche Zuneigung als nicht-pathologisch zu beschreiben und eigene Theorien zu entwickeln (auf die Diskussion innerhalb der Homosexuellen gehe ich ausführlicher unter 2.3. ein).

Mit der Schrift "Die conträre Sexualempfindung, Symptom eines neuropathischen (psychopathischen) Zustandes", die 1869 erschien, wurde die Homosexualität wissenschaftlich endgültig dem Zuständigkeitsbereich von Kirche und Justiz entzogen und in eine Krankheitserscheinung um-"codiert" (Hegener 1993). Der Psychiater Carl Westphal etablierte mit dieser Schrift, unter Berufung auf Casper und Ulrichs, die Verbindung von Geschlecht und Homosexualität in der psychiatrischen Literatur (Hutter 1993). Ulrichs hatte in seinen Schriften den Begriff 'Drittes Geschlecht' für die Homosexuellen übernommen und geschrieben, bei männlichen Homosexuellen fände sich ein "weiblicher Geschlechtstrieb" (Ulrichs 1864, S.4f), er sei "nicht Mann, sondern ein Wesen weiblicher Art". Westphal wollte mit dem Begriff 'conträre Sexualempfindung' ausdrücken, daß es sich um eine "Verkehrung der Geschlechtsempfindung" handele (Westphal 1869, S.91). Sehr deutlich wird, daß seine empirische Basis neben den von Conrad und Ulrichs beschriebenen Fällen lediglich zwei Patienten sind: eine lesbische Frau, die sagt, "ich fühle mich überhaupt als Mann und möchte gern ein Mann sein" (S.80), und ein homosexueller Transvestit. So nimmt die dichte Verknüpfung von Homosexualität und Geschlecht nicht wunder.

Krafft-Ebing setzte diesen Trend mit seiner 'Psychopathia sexualis' (1984) fort. Er unterschied zwischen erworbener 'homosexualer' Empfindung und 'eingeborener' sowie unterschiedlichen "Gradstufen der Erscheinung" vom "psychischen Hermaphroditismus" bis zur Umgestaltung der "ganzen seelischen Persönlichkeit" und des "körperlichen Habitus"(S.226). Dabei entfernte er sich derart weit vom bisherigen Kriterium des (homo-)sexuellen Kontaktes, daß ihm "der Nachweis der perversen Empfindung" entscheidend war. Damit grenzte er jene homosexuellen Kontakte, die unter Heterosexuellen stattfinden (im Gefängnis, auf Schiffen etc.), von jenen ab, bei denen die von Westphal beschriebene "Verkehrung der Geschlechtsempfindung" anzutreffen sei. Diese begründe sich immer auf eine "Naturanlage", ohne diese sei eine "Umkehr der Geschlechtsempfindung" zur Perversion nicht möglich (S.228f).

So eng ist Krafft-Ebing offenbar die Verbindung zwischen "Geschlechtsempfindung" und Geschlecht, daß es selbst bei "erworbener" Homosexualität "zu tiefer greifenden und dauernden Umänderungen der psychischen Persönlichkeit" kommt. "Der Kranke erfährt eine tiefgehende Wandlung seines Charakters, speziell seiner Gefühle und Neigungen im Sinne einer weiblich fühlenden Persönlichkeit. Von nun an fühlt er sich als Weib bei sexuellen Akten"(S.234).

Umso mehr gelte dieses bei der angeborenen Variante, vor allem jener "Erscheinungsform", die er "Effeminato" nennt. Letztlich würde man sogar die Annäherung der Körperform an das andere Geschlecht finden. Hier sei eine komplette Verbindung von homosexueller Neigung und psychischer Nähe zum anderen Geschlecht gegeben: "Das Empfinden, Denken, Streben, überhaupt der Charakter entspricht, bei voller Ausbildung der Anomalie, der eigenartigen Geschlechtsempfindung, nicht aber dem Geschlechte, welches das Individuum anatomisch und physiologisch repräsentiert"(S.257). Als Zeichen der von ihm attestierten generellen "neuro(psycho)pathischen Belastung" benennt er u.a. "glänzende Begabung für schöne Künste, besonders Musik, Dichtkunst usw." (S.259).

Weil zum damaligen Zeitpunkt die theoretischen Überlegungen von Wissenschaftlern und 'Privattheoretikern' wie Ulrichs gleichviel wissenschaftlichen Gehalt beanspruchten (Hergemöller 1993a), warfen sich Betroffene und Mediziner gegenseitig die Bälle zu bei der Entwicklung einer homosexuellen Persönlichkeit, deren Charakter vom jeweils anderen Geschlecht geprägt war.

Wie der Vergleich mit den Darstellungen homosexueller Forscher und Theoretiker in Kap.2.3 zeigen wird, sahen die Betroffenen in den Spiegel oder auf jenen Ausschnitt aus der Gesamtheit anderer Betroffener, der ihnen vertraut war und ihren theoretischen Überlegungen entsprach, während die Mediziner überwiegend Einzelfälle aus der psychiatrischen Praxis beobachteten, denen sie je nach Fall ihre Sicht von der homosexuellen Persönlichkeit überstülpen konnten. Fanden sie einen Patienten, der "durchaus männlichen Eindruck in Sprache, Gang und Haltung" zeigte (Krafft-Ebing, 1984, S.230), dann deuteten sie dies als Fall einer "erworbenen" conträren Sexualempfindung. Denn "jeder Fall von wirklicher Homosexualität ... muß auf ein abnormes, dem physischen Geschlechte, welches der Betreffende repräsentiert, entgegengesetztes Geschlechtsgefühl zurückgeführt werden" (S.328).

Betroffene und Mediziner waren sich wesentlich in einem Punkte uneinig: ob Homosexualität pathologisch sei oder nicht. Stimmten noch Westphal, Krafft-Ebing und später Moll (Herzer 1993) darin überein, es hier mit einer Krankheit, einer "neuro(psycho)pathischen" Erscheinung bzw. einem Symptom desselben zu tun zu haben, plädierte Ulrichs für die nichtpathologische "Natur" des Homosexuellen und Hirschfeld resümierte in "Geschlechtsanomalien und Perversionen" (n.d.) seine generelle Haltung: Homosexualität sei keine Krankheit.

Erst der 'Spezialarzt für Haut- und Sexualleiden' Iwan Bloch gelangte durch Kontakt mit einer ganzen Reihe von Homosexuellen zu einer anderen wissenschaftlichen Sicht als seine Kollegen. Er betonte, nachdem er seine anfänglichen Auffassungen gründlich revidiert hatte, daß die Mehrzahl der echten Homosexuellen gesund, erblich nicht belastet und sich sowohl körperlich als auch psychisch normal verhalten würden. Psychische Auffälligkeiten seien Folge der sozialen Isolation und psychischer Traumata, denen Homosexuelle im Laufe ihrer Entwicklung ausgesetzt wären (Egger 1993).

Mit Bloch trat ein neuer Typ von Wissenschaftler in den Bereich der Sexualwissenschaft ein, der ausgesprochen belesen, aufgeschlossen für die Integration vieler wissenschaftlicher Disziplinen und eine "allseitige, objektive" Betrachtung der Sexualität war (Bloch 1907). Der wissenschaftliche Disput mit Hirschfeld und anderen Homosexuellen ließ ihn ein Konzept der modernen Sexualwissenschaft entwickeln, in dem Homosexualität eine "Änderung der Triebrichtung", aber nicht mit anderen sexuellen Perversionen wie Sadismus oder Masochismus vergleichbar wäre (Egger, 1993, S.88).

Zu diesem Zeitpunkt war aber bereits der neue Menschentyp 'Homosexueller' endgültig in der Wissenschaft verankert, von nun an konnte - und wurde - bis ins kleinste Detail erforscht und festgehalten, wodurch sich dieser neue Menschentyp auszeichnete bzw. vom Rest der Menschheit unterschied. Auch wenn allgemein davon ausgegangen wurde, daß sich die Homosexualität erst ab der Geschlechtsreife manifestiere, wurde doch ein besonderes Augenmerk auf jene Zeit davor gerichtet, in der er sich zur homosexuellen 'Persönlichkeit' entwickelte, auf die Kindheit. Immerhin bestand die Möglichkeit, die von den meisten damaligen Wissenschaftlern als pathologisch oder zumindest unerwünscht angesehene Neigung bei Erwachsenen eventuell doch durch Interventionen zu einem früheren Zeitpunkt zu verhindern.

In den folgenden Abschnitten möchte ich festhalten, zu welchen Ergebnissen über die Kindheit und Jugend homosexueller Männer die Forschung in den vergangenen 130 Jahren gekommen ist. Es wird dabei sichtbar werden, wie sehr die enge Verknüpfung zwischen sexueller Orientierung und Geschlecht zu einem konstanten Bestandteil des Konzepts vom homosexuellen Menschen wurde.
 
 

2.2.2. Das urnische Kind

Von den ersten Anfängen existieren Vorstellungen und Aussagen über das prähomosexuelle Kind. Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde, zunächst anhand von Erinnerungen einzelner homosexueller Männer, später in retro- und prospektiven Studien versucht, zu beschreiben, wie "das urnische Kind" (Hirschfeld 1903) in seiner Geschlechtsidentität, seinem Geschlechtsrollenverhalten, seinen sozialen Bezügen - vor allem der Familie - und seiner Sexualität beschaffen sei.
 

-  Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität in der Kindheit

Westphal schrieb 1869 über das von ihm begutachtete "Frl.N.", sie habe gern Knabenspiele gespielt und sich als Junge verkleidet, und seit ihrem 8. Lebensjahr verspüre sie eine "Neigung zu jungen Mädchen"(S.75). Er zitierte ausführlich Ulrichs aus seiner Schrift "Inclusa" mit den Worten: "Der Urning zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mädchenhaften Beschäftigungen, zum Umgang mit Mädchen, zum Spielen mit Mädchenspielzeug, namentlich auch mit Puppen. ... Solch Kind zeigt Wohlgefallen an nähen, stricken, sticken, häkeln, an den weich und sanft anzufühlenden Kleidern der Mädchen, die es am liebsten selber tragen möchte, an farbigen Bändern und Tüchern, von denen es sich gern einzelne Stücke aufbewahrt"(S.92). Trotz der ausführlichen Zitate mißt Westphal dennoch diesen 'Symptomen' nicht allzuviel Wert bei, in der Diagnostik verschwinden sie noch hinter Nachweisen von 'angeborener geistiger Schwäche' und 'Geistesstörungen', welche er bei Homosexuellen diagnostiziert.

Bei Krafft-Ebing (1984) enthält die Beschreibung seines Typs des "Homosexualen" nur in einem kleinen Teil der Fallbeschreibungen einen Vermerk über "Mädchenspiele" und eine Abneigung gegen "Knabenspiele". Bei diesem 'Typ' sei die "Anomalie" nur auf das Sexualleben beschränkt und die Homosexualität zeige sich erst mit der Zuneigung zu anderen Jungen oder Männern, meist im Verlauf der Pubertät.

Lediglich beim "Effeminatio", den er als weiteren Typ konstruiert, merkt er an, weibliches Fühlen zeige sich "vielfach schon in den Kinderjahren. Der Knabe liebt es, in Gesellschaft kleiner Mädchen zu verweilen, mit Puppen zu spielen, der Mama in der Besorgung der Hausgeschäfte zu helfen; er schwärmt für Kochen, Nähen, Sticken." (S.288f). Die Nähe zur Schilderung von Ulrichs ist auffällig, und Krafft-Ebing dürfte, wenn schon nicht Ulrichs' Schriften, so doch die von Westphal gekannt haben.

Hirschfeld (n.d.) bezieht sich seinerseits auf Westphal, wenn er feststellt: "die Homosexualität tritt wie normale Geschlechtsneigungen in früher Jugend auf - nach Westphal ungefähr im 8. Lebensjahr -, besonders in bezug auf die psychischen Züge, und diese sind für die Diagnose sogar kennzeichnender als bloße Neigungen und Abneigungen."(S.279). Im Text "Das urnische Kind" geht Hirschfeld (1903) ins Detail: "Jeder Homosexuelle erinnert sich, daß er anders geartet war, als die gewöhnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache, wenn auch nicht die Ursache, schon während der Schulzeit klar. Weniger von ihm selbst, umsomehr aber von den Angehörigen und Fernstehenden wird in dieser Eigenart das Mädchenhafte erkannt." Ihnen seien "wilde Knabenspiele zuwider", sie würden den Ball "wie ein Mädchen" werfen und die Gesellschaft der Mädchen suchen. In einem zitierten Beispiel bevorzugte das Kind "zu nähen, zu stricken, beim Kochen und Backen zu helfen" (S.48f)

Hirschfeld sieht eine "weibliche Grundnatur" (S.51), eine "tief in der Persönlichkeit wurzelnde Triebkraft" (S.52), die durch Erziehung kaum beeinflußbar sei. Das "schüchterne, empfindsame, zum Weinen neigende urnische Kind" spüre instinktiv, daß es weder zu den Knaben noch zu den Mädchen gehöre. Unsicherheit, Verträumtheit, rege Phantasie und eine Vorliebe für schöngeistige Fächer bei geringer Befähigung für Mathematik würden das Kind zudem auszeichnen. Zum Turnen fehle es ihm an Mut und Muskelkraft. Früh schon würden es andere Jungen oder Männer verehren, "im Traum spielen lange vor dem Erwachen des eigentlichen Geschlechtstriebes hübsche Kameraden eine große Rolle" (S.54)

Der wissenschaftlichen Betrachtung standen bis zu dieser Zeit praktisch nur Einzelfälle zur Verfügung, durch die ein falsches Bild gewiß leicht entstehen konnte. Nur der Empiriker Hirschfeld macht hier eine Ausnahme, wenn er unzählige homosexuelle Männer und Frauen in seinem Institut erzählen ließ oder Umfragen über den Anteil Homosexueller an der Bevölkerung durchführte (1904). Es spricht für seine Bereitschaft, das eigene "Vorverständnis" (Kleining 1994) über die weibliche Grundnatur im homosexuellen Mann nach vielen Jahren der Forschung in Frage zu stellen, wenn er (oder seine Schüler?) im "aus dem Nachlaß ergänzt(en)" Werk "Geschlechtsanomalien und Perversionen" (n.d., engl. Orginal 1936, nach Herzer 1992) Iwan Bloch recht gab, die Verteilung von "männlichen und weiblichen Homosexuellen (bei Männern)" sei "ungefähr gleich" (S.281).

Umfangreiche, systematische Forschungen über das Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität in der Kindheit homosexueller Männer begannen erst nach dem 2.Weltkrieg. Hierbei können im Wesentlichen zwei verschiedene Vorgehensweisen unterschieden werden:

Bieber et al. (1962) baten alle Mitglieder der 'Society of Medical Psychoanalysists', über jeden ihrer homosexuellen Analysanden einen Fragebogen mit 450 geschlossenen Fragen auszufüllen.

Die Auswertung ergab, die prähomosexuellen Jungen würden im Vergleich zur gleichgroßen heterosexuellen Kontrollgruppe eine auffallend höhere Effeminität und eine Abneigung an Kampf- und Wettspielen zeigen, welche zu Isolation von den Peers führe. Schuld hieran seien die Mütter, welche die Teilnahme ihrer Söhne an Aktivitäten der peer-group bekämpfen und damit eine männliche und heterosexuelle Identifikation erschweren würden.

Saghir und Robins (1973) legten Wert darauf, Probanden zu finden, welche nicht in psychotherapeutischer Behandlung waren. Sie fanden homosexuelle Männer für ihre Studie über Homosexuellen-Organisation in San Francisco und Chicago sowie über diese Kontaktpersonen. Ihre Ergebnisse waren dennoch ähnlich: Sie fanden erhebliche Unterschiede zwischen den homo- und den heterosexuellen Männern in Bezug auf abweichendes Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit. 67% der befragten homosexuellen Männer seien früher als feminine Jungen angesehen worden, hätten mit Mädchen gespielt und sich kaum am Sport beteiligt, 27% hätten als Kind zeitweise den Wunsch gehabt, ein Mädchen zu sein.

Bell et al. (1981) befragten 979 homosexuelle sowie 477 heterosexuelle Männer und Frauen aus dem Großraum San Francisco. Mit dem Ziel, Licht in die Ätiologie der Homosexualität zu bringen, thematisierten sie sehr detailliert Geschlechtsrollenverhalten, Beziehungen zu Eltern bzw. Geschwistern und die Sexualität in der Kindheit im Vergleich zwischen den homo- und heterosexuellen Befragten. Systematisch fragten sie alle möglichen Faktoren ab, welche nach damaliger Sicht einen Einfluß auf die Entwicklung zum Homosexuellen haben könnten. Dabei erwies sich in der Pfadanalyse "mangelnde Geschlechtskonformität ... als sehr starker Prädikator für die sexuelle Präferenz des Erwachsenen in unserer Stichprobe"(S.87). Unter zwanzig überprüften "Entwicklungsvariablen" stehe sie an erster Stelle. Es habe sich bestätigt, daß "prähomosexuelle weniger 'maskulin' als präheterosexuelle Jungen sind, zumindest was ihre Selbsteinschätzung angeht"(S.93).

Diese geringere Maskulinität zeigte sich in weniger Spaß an Jungenspielen, viel Spaß an Mädchenspielen und "solch einsamen Tätigkeiten" wie Zeichnen, Musizieren, Lesen. Weitere Unterschiede waren: die Mehrheit der homosexuellen Männer fühlte sich in der Kindheit 'anders' als andere Jungen (73%), es bezeichneten sich mehr homosexuelle als heterosexuelle Männer während ihrer Kindheit als 'unglücklich', 'elend' oder 'verwirrt'.(1)

Bell et al. schrieben aber auch: "Eine kleinere Zahl homosexueller Männer in unserer Studie erinnerte sich, während des Heranwachsens sehr männlich gewesen zu sein"(S.93), ohne auf diese Minderheit in ihrer Stichprobe weiter einzugehen. Bemerkenswert ist, daß es einen Anteil von 10 bis 25 Prozent gab, der auf Geschlechtsrollen-Variablen mindestens ebenso sehr 'jungentypisch' antwortete wie ein Teil der heterosexuellen Männer: 11% hatten "sehr viel" Spaß an Jungenspielen", 25% hatten "gar nicht" Spaß an Mädchenspielen, 27% waren "extrem aktiv", 11% fühlten sich "extrem stark"(S.312f). Wendet man sich ab von der bloßen Betrachtung der Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Männer, dann teilt sich die Gruppe der Homosexuellen in der Bell-Studie in "etwas weniger als die Hälfte der homosexuellen Männer", die "relativ effeminiert" gewesen seien, und "der Rest als relativ wenig effeminiert"(Friedman 1993, S.44).

Geradezu ein Schwerpunkt seiner Arbeit war das prähomosexuelle Kind und dessen 'feminine gender identity' für Kurt Freund. 1965 erschien sein Buch 'Die Homosexualität beim Mann', für das er neben Explorationsgesprächen auch psychophysiologische Tests zur 'objektiven' Messung der Femininität einsetzte, Testverfahren, welche nach seiner Auffassung "von Klinikern in diesem Zusammenhang üblicherweise angewandt werden"(S.54). Nach seiner Meinung war dies nötig, da "maskulin wirkende" Patienten ihre "feminine Identifikation" nicht selten zu verbergen suchten. Fast alle Fragen, welche den homosexuellen Patienten psychiatrischer Einrichtungen von ihm gestellt wurden, betrafen ihr Spielverhalten während der Kindheit, wobei u.a. Bevorzugung von Mädchen als Spielkameraden, von Mädchenspielen und -spielsachen, der Wunsch, lieber Mädchen oder Frau zu sein sowie ängstliches Verhalten als feminin gewertet wurden. Nach einer internen Bewertung schloß er aus den Antworten, gut die Hälfte seiner Befragten seien feminin, wenngleich es wohl mehr um feminines Verhalten in der Kindheit ging.

Die 'objektive' Messung von kindlicher Femininität ließ Freund sichtlich nicht mehr los. In den folgenden Jahren verfeinerte er seine Items zur "F.G.I. (feminine gender identity)-Skala", wandte sich dann jedoch mehr dem erwachsenen homosexuellen Mann zu, dem er signifikant höhere feminine Geschlechtsidentität attestierte (Freund, Langevin, Laws & Serber 1974b). 1983 schließlich lieferte er zusammen mit Blanchard noch Belege für einen möglichen Zusammenhang zwischen mangelnder Geschlechtsrollenkonformität in der Kindheit und einem schlechten Vater-Sohn-Kontakt bei prähomosexuellen Kindern, wobei er letzteres auf ersteres zurückführte.

Freund reiht sich ein in eine große Schar von Wissenschaftlern, welche in den vergangenen 30 Jahren retrospektiv oder prospektiv den Beweis für mangelndes Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit homosexueller Männer zu liefern versuchen. Bereits in den 30er Jahren wurden nach Minton (1986) zwei Studien mit einer großen Zahl homosexueller Männer und Frauen durchgeführt, welche Homosexualität mit gegengeschlechtlicher Identifikation in Verbindung brachten. In größerem Umfang und mit zunehmendem Einsatz von 'objektiven' Skalen liegen derartige Untersuchungen aber erst aus den 70er Jahren vor.

Witham (1977) befragte 206 homosexuelle und 78 heterosexuelle Männer mit einem Fragebogen, der sechs "childhood indicators of adult homosexuality" enthielt: Interesse für Puppen, cross-dressing, Bevorzugung von weiblichen Spielgefährten, Bevorzugung der Gesellschaft von älteren Frauen gegenüber der von älteren Männern, von anderen Jungen als 'sissy'(2) bezeichnet werden und sexuelles Interesse eher an Jungen als an Mädchen im kindlichen sexuellen Spiel. In Bezug auf alle sechs Indikatoren fand Witham signifikante Unterschiede zwischen den heterosexuellen und den homosexuellen Männern. Mehr noch: je ausschließlicher die sexuelle Orientierung auf andere Männer war, umso größer die Zahl der zutreffenden Indikatoren. 1980 verglich er homosexuelle und heterosexuelle Männer in Guatemala und Brasilien mit US-amerikanischen und entnahm den Ergebnissen, daß seine 'Indikatoren' auch für diese Gesellschaften Gültigkeit hätten. 1984 erweiterte er seine Untersuchung auch auf Männer in den Philippinen, fand nun vergleichbares frühes non-konformes Rollenverhalten bei den Homosexuellen in allen vier Kulturen, jedoch einen unterschiedlichen Umgang der Familien damit.

Blanchard et al. (1983) entwickelten eine Skala zur Messung von Aggressivität während der Kindheit, dort definiert als allgemeine Bereitschaft, sich an physischen Wettkämpfen und Auseinandersetzungen mit anderen Jungen zu beteiligen. Die Scores der homosexuellen Männer waren signifikant niedriger als jene der heterosexuellen.

Hockenberry und Billingham brachten 1987 einen neuen Aspekt mit ins Spiel. In ihrer 'Boyhood Gender Conformity Scale' (BGCS) war es die Abwesenheit von 'jungentypischem' Verhalten (mit Jungen spielen, Vorliebe für Jungsspiele, Abenteuergeschichten lesen und sich als Sportskanone phantasieren), welches am besten zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern differenzierte, weniger die traditionellen femininen Verhaltensweisen. Billingham (1987) erweiterte das Spektrum im selben Jahr durch 'childhood infatuation objects' und 'adolescent masturbation fantasies', also jene Objekte oder Personen, denen die kindliche Bewunderung gilt, und die Masturbationsphantasien in der Jugend.

Phillips und Over (1992) fanden zwar ebenfalls unter ihren homosexuellen Probanden eine größere Zahl von Männern, die sich während ihrer Kindheit nicht geschlechtsrollenkonform, aber unter den 61 homosexuellen Männern fanden sich 18, die in der 'Boyhood Gender Conformity Scale' dieselben Profile hatten wie die befragten heterosexuellen Männer.

Zuletzt bestätigte Savin-Williams (1998) das häufige Abweichen vom jungentypischen Rollenverhalten aus Interviews mit 180 Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren. Sehr viele der befragten Jugendlichen erinnerten ein "acting like a girl" bzw. "not acting like a boy", einem Desinteresse an Jungenspielen und Team-Sport. Nur wenige hätten deshalb eine weibliche Geschlechtsidentität gehabt oder den Wunsch nach einem weiblichen Körper. Allerdings schilderten sich auch in seiner Untersuchung etwa 10% der Jugendlichen als "masculine in appearence, behavior and interests", denen er jedoch wenig Aufmerksamkeit widmet.

Diesen retrospektiven Studien standen prospektive Untersuchungen gegenüber, die über eine Reihe von Jahren 'feminine' Jungen begleiteten und ihre spätere sexuelle Orientierung feststellten.

Zuger beschrieb 1976 ein männliches eineiiges Zwillingspaar, welches von früher Kindheit an Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten gezeigt habe. Ein Zwilling habe sich mehr feminin verhalten und sei später homosexuell geworden, der andere eher maskulin und später heterosexuell.

1978 berichtete Zuger von einer 10 Jahre andauernden Längsschnittstudie mit 16 Jungen, die frühzeitig feminines Verhalten gezeigt hätten: sie verkleideten sich gern als Frau, benutzten weiblichen Schmuck und hatten den Wunsch, ein Mädchen zu sein. Zwölf der 16 Jungen hätten inzwischen irgendeine Form von 'deviant behavior' gezeigt, zehn davon seien homosexuell, einer transsexuell und einer Transvestit.

Money und Russo (1979) verfolgten neun Jungen mit cross-gender-Verhalten in der Kindheit bis ins frühes Erwachsenenalter, alle wurden homosexuell. Zuger schloß 1988 schließlich aus einer Folgestudie seiner früheren Beobachtungen, daß frühes effeminiertes Verhalten bei Jungen und die spätere Homosexualität zwei Bestandteile einer konsistenten Entwicklung seien und das frühe effeminierte Verhalten der erste Ausdruck von Homosexualität.

Die wahrscheinlich umfassendste prospektive Studie zum Nachweis eines Zusammenhanges zwischen femininem Verhalten in der Kindheit und späterer Homosexualität führte Green (1987) durch. Insgesamt 66 'feminine' und 56 'maskuline' Jungen wurden miteinander verglichen. Die Merkmale der "sissy boys" in der Studie waren: häufiges cross-dressing, Puppenspiel, Mutter-Rolle bei 'playing house' (Vater-Mutter-Kind), enger Bezug zu Frauen, allein spielen, wenig Interesse an 'rough-and-tumble play' und Sport (S.15ff). Zwei Drittel der "sissy boys" konnten später interviewt werden, und von ihnen waren drei Viertel homo- oder bisexuell, während dies nur für einen der maskulinen Jungengruppe zutraf.

Von Anfang an begleitet wurden die Untersuchungen mit ihren Aussagen über das feminine prähomosexuelle Kind von kritischen Anmerkungen. Zentraler Kritikpunkt waren Zweifel, ob die Ergebnisse der Studien auf die Grundgesamtheit übertragbar seien.

Hirschfeld benutzte wie Krafft-Ebing eine Vielzahl von Kasuistiken, welche die Richtigkeit seiner Darstellungen belegen sollten. Im Falle des "urnischen Kindes" (1903) belegen die geschilderten Fälle aber lediglich, daß es homosexuelle Männer gab, welche diese Erinnerung ihrer Kindheit schilderten. Hirschfeld wurde von Bab (1903b) vorgeworfen, seine Berichte seien "tendenziös entstellt" und die große Übereinstimmung der "suggestive(n) Einwirkung der Ulrichs-Krafft-Ebing-Moll-Hirschfeld-Gerling-Literatur" zu verdanken, welche Personen dazu bringen würde, "ihren eigenen Zustand nach gegebenen Vorbildern umzumodeln"(S.68).

Verblüffend ist in der Tat die Uniformität der Schilderungen bei Westphal (1869), Krafft-Ebing (1984) und Hirschfeld. Dies kann ein Zeichen für tatsächliche Übereinstimmung sein, aber auch dafür, daß Erinnerungen angepaßt werden an ein beschriebenes Bild (Flick 1985). Auffällig ist neben der Uniformität das fast völlige Fehlen von Ausnahmen gerade in Hirschfelds Darstellungen. Im 'urnischen Kind' beschreibt er lediglich einen Fall, bei dem ein späterer Ingenieur als Kind vom typischen prähomosexuellen Charakter abwich und ein "guter Rechner und Mathematiker" war. Doch auch hier findet Hirschfeld noch die urnische Besonderheit: es sei zwar "merkwürdig", aber 4 von 100 urnischen Knaben würden eine "weit über dem Durchschnitt stehende mathematische Befähigung aufweisen"(1903, S.53). Die Differenz ist so gerettet. Bab nahm diese einzige quantitative Aussage zum Anlaß, darauf hinzuweisen, daß nach seiner Erfahrung als Hauslehrer "durchschnittlich 90% aller Kinder ein auffallend geringes Verständnis" für Mathematik aufbringen würden, und in der Tat etwa 4% besonders begabt seien. Er fragte: "Warum sollte das bei urnischen Kindern anders sein?"(S.71)

Zu den Kritikern der von Ulrichs und Hirschfeld entworfenen Konstruktion eines 'Dritten Geschlechts' gehörte auch Freud. Er wandte sich 1905 gegen die Hirschfeld'sche Vorstellung vom "weibliches Geschlecht im männlichen Körper": "Wir kennen die Charaktere eines 'weiblichen Gehirns' nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt". Er kritisierte die Generalisierungen, die Hirschfeld und ein Großteil der damaligen Forscher anstellten, und ließ die Aussagen über einen "psychischen Hermaphroditismus" nur für einen Teil homosexueller Männer gelten (1977, S.21). Zwar stellte er fest, bei allen von ihm untersuchten Fällen habe es in ihren ersten Jahren eine Phase sehr intensiver "Fixierung an das Weib (meist an die Mutter)" gegeben, "nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren"(ebd.). Er verzichtete jedoch darauf, dies durch Beispiele für bevorzugte Spiele oder eine Vorliebe fürs Nähen, Sticken und Stricken zu untermauern und sich damit der Konstruktion des 'urnischen Kindes' anzunähern.

Kritik an ungeeigneter Auswahl des Samples begleitet die Homosexuellenforschung durch das ganze 20.Jahrhundert. Lever (1992) hält es auch jetzt noch für fast unmöglich, repräsentative Untersuchungsgruppen bei so schwierig identifizierbaren Gruppen wie homosexuell lebenden Menschen zu finden. Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Forscher auf freiwillige Probanden angewiesen, die sich von selbst zur Verfügung stellten oder in Psychiatrie und Strafanstalt zur Begutachtung bereit standen. Erst mit einer Entpönalisierung und zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz wurden Studien möglich, welche den Anforderungen an Repräsentativität näherkamen. Nicht ohne Grund wählten Bell et al. (1981) die Bay Area um das liberale San Francisco aus, um dort ein Sample zusammenzustellen.

Kritik entzündete sich aber nicht nur an der Auswahl des Samples, sondern auch anderen methodischen Fragen. Bieber et al. (1962) hatten mit ihrer Expertenbefragung (Psychoanalytiker mit homosexuellen Patienten) gezielt nach dem Vorliegen bestimmter Symptombilder gefragt (geschlossene Fragen), so daß die Ergebnisse folglich eine 'self-fulfilling prophecy' darstellen könnten (Winiarski 1993a). Dannecker und Reiche (1974) kritisieren zudem, wie sehr Bieber et al. "dem traditionellen Mann/Frau-Rollenschema und seinen Implikationen der Herrschaft des Mannes über die Frau verpflichtet" seien und daß sie "ein Minus" an Identifizierung des prähomosexuellen Jungen mit den "Standards der Männerrolle" als pathogen ansehen würden (S.329).

Es ist gerade die Kritik an dieser Gleichsetzung von femininem Verhalten bei Jungen mit pathologisch, welche einen Großteil der retro- wie auch der prospektiven Studien trifft (Burke 1996, Corbett 1993). Nonkonformität im Rollenverhalten der Jungen wird pathologisiert und als behandlungsbedürftig bewertet. Dabei zeigt die unterschiedliche Haltung gegenüber femininen Jungen, die behandelt werden müssen (Cohen-Kettenis 1994, Green 1987, Stoller 1978), und maskulinen Mädchen, deren Verhalten während der Kindheitsjahre weitgehend toleriert wird (Düring 1993), daß die geringere Bewertung von weiblichen Charakteristika und Verhaltensweisen, die Diskriminierung der Frau der wirkliche Hintergrund für die Pathologisierung von Effeminiertheit bei Jungen ist. "Nicht die Identifizierung mit der Mutter ist das Hauptproblem des Jungen; nicht, daß sein Primärobjekt weiblich, sondern daß es unterdrückt ist, erzeugt die Schwierigkeiten" (Schmauch 1995, S.35).

Die dadurch verursachten Sorgen der Eltern femininer Jungen machten viele prospektive Studien erst möglich, da die Eltern ihre Kinder, bei denen etwas "falsch" war, in die Klinik brachten(3). Foucault bringt es auf den Punkt, wenn er in diesem Zusammenhang von "disease of effeminancy" spricht (1980, zitiert nach Herdt 1989).

So wie die Wissenschaften des 19.Jahrhunderts aus dem gesellschaftlich als 'abweichend' definierten gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten ein pathologisches gemacht hatten, konstruierten die Forscher des 20.Jahrhunderts aus dem als abweichend definierten femininen Verhalten von Jungen ein pathologisches, welches zur späteren Homosexualität führt. Damit wird auf dem Umweg über das 'krankhafte' Kindheitsverhalten auch die erwachsene Homosexualität wieder zurück in die Praxis der Psychiater geschickt (De Cecco 1987).

Das von Burke (1996) kolportierte Zitat eines Arztes ("Barbies at five, sleeps with men at 25") drückt eine Überzeugung aus, die auf Studien mit extrem femininen Jungen basiert, ohne daß retrospektive Studien dies hinreichend unterstützen (Gladue & Bailey 1995, Phillips & Over 1992). Denn mit großer Regelmäßigkeit fallen dort jene Befragten bei der Theoriebildung unter den Tisch, welche in die enge Verknüpfung 'Nonkonformität in der Kindheit' mit späterer Homosexualität nicht hineinpassen (Carrier 1986).

Die Vermischung der Geschlechtsfrage mit Homosexualität bzw. Heterosexualität, die von Anfang an das Konzept der homosexuellen 'Persönlichkeit' bestimmte, hat sich nicht nur gehalten, sondern ab den 70er Jahren noch verstärkt (Gooren 1988). Dabei existieren weder ein allgemein akzeptiertes (erst recht nicht kulturunabhängiges) Konzept von 'richtigem' oder angemessenem Geschlechtsrollenverhalten von Kindern, noch generell akzeptierte Kriterien für abweichendes Geschlechtsrollenverhalten (Carrier 1986), erst recht nicht eine eindeutige gesellschaftliche Definition von heterosexueller Effemination (Carrigan, Connell & Lee 1996). Sind doch schon die Verwendung der Begriffe Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität und die dahinter stehenden Konzepte keineswegs vereinheitlicht (Paul 1993). Die "komplexen Phänomene" Männlichkeit und Weiblichkeit (Simon & Gagnon 1970) werden weiterhin als dichotome Konstrukte verwendet, obwohl selbst die Anhänger von 'sex-role'-Skalen längst feststellen mußten, daß beide Konstrukte weitgehend unabhängig voneinander bestehen und ein mehr im einen keineswegs ein weniger im anderen bedeutet (u.a. Bierhoff-Alfermann 1977, Blanchard-Fields, Suhrer-Roussel & Hertzog 1994, Chung & Harmon 1994, Finlay & Scheltema 1991, Hagemann-White 1988).

Zum Ende des 20.Jahrhundert hat sich das Konzept vom mangelhaften Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit als Prädikator für spätere Homosexualität trotz aller Kritik durchgesetzt (Dannecker 1996). Und zwar in einem Umfang, daß eine Vielzahl von Theorien sie als praktisch bewiesen voraussetzen. Bailey und Zucker referieren und analysieren die entsprechenden Untersuchungen 1995 und verweisen auf drei Konzepte, welche sich lediglich darin unterscheiden, ob Homosexualität als Endstadium der psychosexuellen Differenzierung angesehen wird (Green 1987, Meyer-Bahlburg 1980), als Vorläufer geschlechtstypischen Verhaltens (Isay 1990) oder beides als beeinflußt durch denselben Faktor wie etwa pränatale Geschlechtshormone (Zucker 1990). Daryl J.Bem (1996) baut auf der weiblichen Identifikation und dem 'unmännlichen' Geschlechtsrollenverhalten seine Theorie des "Exotic becomes erotic" auf, und Psychoneuroendokrinologen suchen intensiv nach somatischen Quellen des abweichenden Verhaltens (ausführliche Zusammenstellung der Arbeiten bei Bailey1995b). Wie erfolgreich letztere damit sind, belegten Vreeland et al 1995, als sie herausfanden, daß bei über 500 befragten amerikanischen Psychiatern erbliche Komponenten bzw. die Einwirkung pränataler Hormone die beiden favorisierten Theorien zur Ätiologie von Homosexualität sind.
 

-  Familie und soziales Umfeld in der Kindheit

Die Beschäftigung mit familiären Umständen in der Ätiologie der Homosexualität ist demgegenüber deutlich zurückgegangen. Das Verhältnis zum Vater und zur Mutter wurde allerdings von Seiten homosexueller Wissenschaftler zunehmend aufgegriffen, deren Motiv nicht Ursachenforschung, sondern die Beschreibung der Entwicklungsbedingungen homosexueller Männer und ihrer sozialen Bezüge war.

Dies war bis in die 70er Jahre keineswegs so. Bevor Geschlechtsrollenverhalten und eine mögliche somatische Ursache dafür das primäre Interesse errang, standen psychoanalytisch geprägte Vorstellungen über frühkindliche Bindungen und Identifikationen zwischen Kind und Eltern als Erklärungsmuster späteren homosexuellen Verhaltens noch hoch im Kurs (sehr gute zusammenfassende Darstellung bietet Winiarski 1993b).

Freud hatte mit seinen Bemerkungen über eine "Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist die Mutter)" bei anschließender Identifizierung "mit dem Weib" (1977, S.21) den Grundstein gelegt, auf dem Bieber et al. (1962) ihre Befragung von Psychoanalytikern und den damit erbrachten 'Beweis' bauten, für prähomosexuelle Jungen würde typischerweise eine "romantic triad" (Ellis 1996) aus emotional stark bindender Mutter, schwachem oder abwesendem Vater und dem Sohn existieren. Durch diese Konstellation würde sich eine extreme Abhängigkeit des Sohnes von der Mutter ergeben, die ihn zu ihrem Liebling erklären und gegen den Vater als Kampf- und Konkurrenzmittel einsetzen würde (Dannecker & Reiche 1974).

Aus den Informationen über mehr als 1000 männliche Homosexuelle (sowohl Weiße als auch Farbige) und 100 Elternpaaren dieser Männer folgerten Bieber et al. über den "family background of homosexuals": Die Eltern hätten eine unbefriedigende Beziehung miteinander gehabt, und die Mutter habe ein übermäßig nahes Verhältnis zu ihrem Sohn entwickelt. Sie tendierte dazu, ihn zu dominieren, einzuschränken und zu entmutigen. Die Väter würden den schädlichen Einfluß der Mutter nicht neutralisieren, und die Probanden hätten ihren Vater negativ beschrieben: abwesend, schwach, distanziert oder abweisend. Die Beziehungen zu den Geschwistern seien ebenfalls gestört: insbesondere zwischen Brüdern gäbe es erhebliche Eifersucht darum, Mutter's Liebling zu sein. Dieselben Schwierigkeiten bestünden mit anderen Jungen, da die prähomosexuellen Knaben nicht in der Lage seien, mit aggressivem und kämpferischem Verhalten umzugehen.

Socarides (1971) vertiefte die Sicht einer pathogenen Familienstruktur, die es dem Homosexuellen unmöglich gemacht habe, "die Phasen der Symbiose und Trennung-Individuation erfolgreich zu durchlaufen", er suche "die primitive Mutter-Kind-Einheit wieder herzustellen"(S.104, zitiert nach Dannecker & Reiche, S.307). Als Berichterstatter der American Psychoanalytic Association beschrieb er homosexuelle Männer als zutiefst pathologisch, die deshalb "an der Schwelle der sie vernichtenden persönlichen Katastrophe" lebten (ebd. S.74). Später änderte Socarides seine Sicht etwas, indem er zwischen einer 'leichten' und einer 'schweren' Form unterschied (1978).

Der Schweizer Analytiker Morgenthaler (1984a, 1984b) änderte auf der Grundlage klinischer Erfahrungen und ethnopsychoanalytischer Studien seinen früheren, ebenfalls pathogenen Ansatz bei der Betrachtung von Homosexualität und unterschied nun deutlich zwischen neurotischen und nicht-neurotischen Entwicklungen. Homosexualität könne als eine normale Entwicklungsform sexuellen Verhaltens gesehen und als Ausdruck eines Autonomiestrebens in Zusammenhang mit der ödipalen Grundsituation interpretiert werden.

Friedman (1993) konzentrierte sich bei seinen Betrachtungen trotz einer psychoanalytischen Argumentation auf Zusammenhänge zwischen Geschlechtsidentität und späterer Homosexualität, ohne die Rolle der Eltern intensiv einzubeziehen. Allerdings sieht er die Zuschreibung einer Sündenbock-Rolle, Ablehnung oder Isolation vom Vater und gleichaltrigen Jungen wegen der "Störungen der Geschlechtsidentität" mit der Folge eines geringen Selbstwertgefühls. Ein positives Selbstwertgefühl würde sich normalerweise im "Geborgenheit gebenden familiären Kontext" oder später der "Akzeptanz durch außerfamiliäre Gruppen" entwickeln, aber gerade diese Umstände seien beim prähomosexuelle Jungen nicht gegeben (S.218f).

Der grundsätzliche Ansatz von Isay (1990) ist ähnlich, wenngleich er aufgrund seiner Erfahrungen als Analytiker einer Vielzahl homosexueller Männer gerade das Verhältnis zum Vater zu einem Zentrum seiner Darstellung machte. Er geht von einer biologischen Grundlage aus, Homosexualität ist für ihn angeboren. Von daher gebe es auch keinerlei Einfluß seitens der Eltern auf die sexuelle Orientierung. Da aber bereits der kleine Junge sexuell am Vater interessiert sei (parallel der ödipalen Entwicklung des heterosexuellen Kindes mit dem Interesse an der Mutter), würden sie sich mit der Mutter und ihrem Verhalten identifizieren, um dem Vater zu gefallen und seine Liebe zu erringen. Hierdurch gerate das prähomosexuelle Kind häufig in ein Dilemma, wenn der Vater das unmännliche Verhalten ablehne und es dadurch zu einer besonders starken Distanz komme. Das distanzierte Verhältnis zum Vater, welches viele Homosexuelle aus ihrer Kindheit berichten würden, sei folglich nicht das Ergebnis eines kalten, abweisenden Charakters des Vaters, sondern eine Folge der starken, für den Vater irritierenden erotischen Zuneigung und des unmännlichen Verhaltens des Jungen.

Außerhalb der psychoanalytischen Diskussion gab es eine Reihe empirischer Befunde, die ebenfalls das engere, familiäre, und das weitere soziale Umfeld betrafen. Zwei frühe Untersuchungen belegen einen Einfluß von Geschwistern auf das Geschlechtsrollenverhalten: Brown beobachtete 1956, daß Männer, die nur Schwestern haben, femininer sind als Männer, die Brüder haben. Ein vergleichbares Ergebnis erhielt Bigner (1972): Jungen, die ältere Brüder haben, zeigten eher maskuline Züge als Jungen ohne ältere Brüder, Jungen mit älteren Schwestern eigneten sich eher feminine Charakterzüge an.

Über ihr Verhältnis zu den Eltern befragte Freund (1967) seine homo- und heterosexuellen Probanden, fand jedoch keine bemerkenswerten Unterschiede. Auch bei den von ihm unterschiedenen "maskulinen" und "femininen" Männern waren in dieser Hinsicht keine Differenzen sichtbar.

Saghir und Robins (1973) hingegen bestätigten mit ihrer nicht-klinischen Gruppe den Befund von Bieber et al., die homosexuellen Probanden hätten ihre Väter als uninteressiert oder abweisend erlebt. Diese wären oft streng und verächtlich gewesen und hätten sie in ihrem Selbstwertgefühl verletzt. Die enge Bindung an die Mutter konnten sie hingegen nicht antreffen, diese wurden lediglich als teilnehmend und interessiert beschrieben. Die Mütter hätten allerdings jungenhaften Aggressionen und Raufereien kritisch gegenübergestanden und weibliche Identifizierung gefördert. Bemerkenswert für die Autoren war, daß "etwa ein Fünftel der homosexuellen Männer .. von einer positiven Beziehung zu ihren Vätern" erzählt habe und "etwa ein Drittel der heterosexuellen Männer .. von primären Identifikationen mit ihren Müttern"(S.152, zitiert nach Friedman 1993)

Während Dannecker und Reiche in ihrer groß angelegten bundesdeutschen Studie zum "gewöhnliche(n) Homosexuellen" zwar einige Fragen zum Eltern-Kind-Verhältnis (Fragen 84-104) stellten, die Antworten hierauf jedoch kaum in der Auswertung auftauchten, behandelten Bell et al. die potentiellen familiären Faktoren für eine spätere Homosexualität intensiver: Mutter/Vater-Sohn-Beziehungen, Eigenschaften von Mutter und Vater, Identifikation mit ihnen, elterliche Beziehungen, Geburtenfolge und Geschwisterkonstellation, außerfamiliäre Beziehungen - sehr strukturiert wurden alle zu jenem Zeitpunkt diskutierten Einflußfaktoren abgeklopft. So existiert ein umfangreiches Datenmaterial, wenngleich stets auf dem Hintergrund, ätiologische Faktoren zu prüfen.

Zur Mutter bestand häufiger als bei heterosexuellen Männern eine besonders enge Beziehung (47%), sehr viele konnten leichter mit ihrer Mutter als ihrem Vater reden (81%) und 55% glaubten, der Lieblingssohn ihrer Mutter gewesen zu sein (vs. 42% der heterosexuellen Männer). Dabei beschrieben sich Probanden mit außergewöhnlich enger Mutterbindung häufiger als feminin. Mehr homosexuelle als heterosexuelle Männer beschrieben ihre Mutter als relativ starke Persönlichkeit (57% vs. 39%), eine starke Mutter hinderte ihren Sohn jedoch nicht daran, sich mit dem Vater zu identifizieren.

In Bezug auf die Väter war das Verhältnis der homosexuellen Männer weniger positiv als das von heterosexuellen, nur 23% (vs. 52%) gaben positive Antworten. Stark negative Antworten waren bei Homosexuellen häufiger, 52% der homosexuellen Männer bezeichneten ihren Vater als eher feindselig. Bewunderung und Respekt erhielt jedoch von beiden Gruppen nur eine Minderheit (18 vs. 31%), ebenso wenige sahen sich als Vaters Lieblingskind. Bei den Eigenschaften der Väter fällt im Grunde nur bei "warmherzig" ein deutlicher Unterschied auf: ein Drittel der homosexuellen Männer gegen gut die Hälfte der heterosexuellen. Zwar identifizierten sich die Homosexuellen weniger mit dem Vater als die Heterosexuellen, aber auch von diesen gab es eine deutliche Minderheit, welche dem Vater nicht ähnlich sein wollte. Im beschriebenen Verhältnis der Eltern zueinander finden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Weder in der Geburtsreihenfolge noch der Geschwisterkonstellation fanden Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) Unterschiede, auch in der Nähe zu ihren Brüdern nicht. Lediglich die Nähe zu ihren Schwestern schilderten homosexuelle Männer etwas häufiger als heterosexuelle, daß sie sich ihrer Schwester oder ihren Schwestern sehr nahe gefühlt.

Wesentliche Unterschiede wurden jedoch bei den Beziehungen zu den Peers sichtbar. Die homosexuellen Männer hatten als Kind weniger Kontakt mit gleichaltrigen Jungen sowie häufiger das Gefühl, anders zu sein, besonders aus Gründen, die mit ihrem Desinteresse an Sport zusammenhingen.

Blanchard (1997) faßte Forschungen zum Geschlechterverhältnis bei Geschwistern von Homosexuellen bzw. zur Geburtsreihenfolge zusammen. Danach waren prähomosexuelle Jungen eher das jüngste Geschwister, und feminine prä-homosexuelle Kinder sollen mehr ältere Brüder haben. Viele der Untersuchungen ergaben jedoch keine signifikanten Unterschiede.

Es gibt also in verschiedenen Studien Anhaltspunkte für eine nähere Beziehung zur Mutter und ein distanzierteres Verhältnis zum Vater bei prähomosexuellen Jungen, möglicherweise beeinflußt das Geschlecht der Geschwister das Geschlechtsrollenverhalten prähomosexueller Jungen. Zudem scheint ein geringerer Kontakt zu männlichen Peers und ein Gefühl des Andersseins bereits in der Kindheit für einen deutlichen Teil dieser Jungen Realität gewesen zu sein - zumindest berichten sie es so. Dennoch findet die soziale Umwelt während der frühen Jahre zunehmend weniger breites wissenschaftliches Interesse - wahrscheinlich weil sich niemand aus dieser Richtung mehr Hinweise auf Ursachen homosexuellen Verhaltens verspricht.
 

-  Sexualität in der Kindheit

Sexuelle Empfindungen vor der Pubertät wurden in den frühen Schriften selten erwähnt, zu sehr verbreitet mag damals noch der Glaube gewesen sein, Sexualität erwache erst mit der 'Geschlechtsreife'. Zudem dürfte in einer gesellschaftlichen Situation, der selbst Sexualität zwischen erwachsenen Männern undenkbar erschien, die gleichgeschlechtliche sexuelle Betätigung in der Kindheit erst recht als unvorstellbar angesehen und tabuiert werden. Bemerkungen in Schriften von Ulrichs, Westphal, Krafft-Ebing und Hirschfeld sind zudem nicht immer klar altersmäßig zuzuordnen, etwa wenn Hirschfeld (1903) schreibt: "Masturbiert der urnische Knabe, was häufig der Fall ist, so geschieht es ohne Phantasiegebilde oder unter Vorstellung männlicher Personen." (S.54) Allerdings bringt er auch Beispiele dafür, daß 'urnische Kinder' früh eine "leidenschaftliche Zuneigung" für Personen desselben Geschlechts empfinden würden. Mal ist es ein Wirtschaftsinspektor, der einen damals 8jährigen "völlig bezauberte", mal der größere Bruder, dessen "Schönheit mir wie ein geoffenbartes Mysterium durch Mark und Bein zitterte", als der Schreiber 6 oder 7 Jahre alt war. Diese anekdotenhaften Beispiele sollten belegen, daß Homosexualität angeboren ist.

Freud äußerte damals jedoch große Vorbehalte gegenüber der Verläßlichkeit dieser Aussagen. Er wies auf die "infantile Amnesie" (1977, S.48) hin, welche den meisten Menschen eine Erinnerung an ihre ersten Lebensjahre verhülle und bezweifelte, ob die autobiographischen Angaben Homosexueller etwa über das erste Auftreten ihrer Empfindungen den Tatsachen entspreche, "da dieselben die Beweise für ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem Gedächnis verdrängt haben könnten"(S.15) Im Rahmen der Psychoanalyse habe es entscheidende Veränderungen in den Erinnerungen gegeben.

Mit Alfred Kinsey und seinen Mitarbeitern setzte Ende der Dreißiger, Anfang der Vierziger Jahre eine breit angelegte empirische Erforschung kindlichen Sexualverhaltens ein, die auch homosexuelle Betätigung beinhaltete und auf einer Reihe von Beobachtungsstudien bei Säuglingen und Kleinkindern aufbauen konnte (1966, S.140). Kinsey befragte sowohl Erwachsene als auch Kinder (teilweise unter 5 Jahren) und konnte so ein detailliertes Bild kindlichen Sexualverhaltens darlegen. Mit der Sachlichkeit eines Biologen, der seine Meriten mit Erkenntnissen über die Gallwespe erworben hatte, zählte er jegliche Formen von Verhalten, welche zur "Gesamt-Triebbefriedigung" der Befragten beitrugen. Wie er es als Taxonom gelernt hatte, trug er die 'Outlets' seiner Interviewpartner sowie jene sexuellen Aktivitäten zusammen, welche dazu geführt hatten, um diese anschließend zu klassifizieren.

Da er lediglich nach dem sexuellen Verhalten klassifiziert und ein siebenstufiges Kontinuum zwischen ausschließlich hetero- und ausschließlich homosexueller Betätigung entwarf, sind von ihm keine Aussagen über prähomosexuelle Kinder zu erwarten. Aber er beschreibt "kindliches Sexualspiel"(S.138ff) und "Quellen erotischer Reaktion" bei Knaben.

Beim homosexuellen "Spiel" betonte Kinsey das große Interesse der Jungen für Anatomie und Funktion der männlichen Genitalien, und daß 60% der befragten Jungen sich an homosexuelle Betätigung in den "Knabenjahren" erinnerten. "Der arithmetische Mittelwert für das Alter beim ersten homosexuellen Kontakt beträgt etwa 9 Jahre und zweieinhalb Monate. (...) Die Reihenfolge, in der die verschiedenen homosexuellen Techniken auftreten ist: Exhibition der Genitalien, manuelle Manipulation der Genitalien, anale oder orale Kontakte mit Genitalien und urethrale Einführungen."(S.145) Für die Exhibititon fand er Werte nahe 100% von denjenigen, die überhaupt homosexuelle Kontakte hatten, zwei Drittel berichteten vom Anfassen der Genitalien. Alle weiteren 'Techniken' wurden von weniger als 20% angegeben (S.148).

Kinsey stellte bei seiner Gesamtpopulation fest, daß "die Haltungen, die weitgehend die späteren Grundformen des erwachsenen Sexualverhaltens bestimmen, sich schon früh entwickeln"(S.138). Viele Erwachsene, die "aktiv mehr oder weniger ausschließlich homosexuell sind", würden den Beginn ihrer gleichgeschlechtlichen Betätigungen in der Kindheit datieren (S.148).

Freund (1967) unterschied bei der psychosexuellen Entwicklung zwischen zwei "Typen" männlicher Homosexueller, solche mit "einfach nachweisbarer femininer Identifizierung" und zweitens die "sich männlich identifizierenden homosexuellen Männer", denen er unterschiedliche Charakteristika zuschrieb. Bei ersteren würde die homoerotische Appetenz früher erwachen, der erste homosexuelle Kontakt früher liegen, wobei sie eine stärkere Abneigung gegen Frauen bzw. heterosexuellen Verkehr hätten als die männlich' identifizierten, bei denen "nicht allzu selten" bis zur Pubertät und darüber hinaus rein heterosexuelle Appetenz vorliegen würde (S.34).

Bell et al. (1981) nahmen aufgrund ihrer Erhebung an, daß die sexuelle Präferenz sehr früh im Leben gefestigt sei (S.129). Ein Teil der homosexuellen Probanden ihrer Untersuchung stuften ihre sexuellen Gefühle während der Kindheit als homosexuell ein (S.322 f). In Zahlen ausgedrückt fühlten sich bis zum Alter von 12 Jahren 54% "zum erstenmal von einem Mann erregt", was identisch ist mit jenen der heterosexuellen Männer, die bis zum 12. Lebensjahr "zum erstenmal von einer Frau erregt" wurden (S.340). 69% der Homosexuellen erinnerten sich auch aus der Zeit vor ihrer ersten Ejakulation an ein Erlebnis mit einem Jungen, "das als sexuell betrachtet wurde" - gegenüber 26% der Heterosexuellen. Die Reaktion der Jungen damals war überwiegend positiv. Aufgrund ihrer Ergebnisse kamen Bell et al. zu dem Schluß, "daß sexuelle Äußerungen in Kindheit und Adoleszenz im großen und ganzen die in einem Menschen angelegte sexuelle Präferenz widerspiegeln, nicht jedoch determinieren"(S.129, Hervorh. im Org.).

Silverstein (1982) behandelte frühe Sexualität sehr ausführlich, er bringt beeindruckende Beispiele sehr früher sexueller Empfindungen und Phantasien, welche - bei aller Zurückhaltung gegenüber dem Wahrheitsgehalt solcher Erinnerungen - ein Bild davon vermitteln, wie sich wenigstens bei einem Teil homosexueller Männer bereits in den ersten Lebensjahren phantasierte erotische Szenarien mit eindeutig homoerotischer Färbung finden. Ebenso auffällig ist das in vielen Zitaten ausgedrückte Begehren, Männern nahe zu sein, 'dazuzugehören'. Ein 24jähriger Mann beschrieb seine Phantasie, die er ab seinem dritten Lebensjahr gehabt zu haben glaubte:

I had very vivid fantasies of being kidnapped by these two men dressed entirely in black leather, and they would take me out of my house, just drag me off to a base and ist me in a corner, and they would force me to drink beer and smoke cigarettes, which for a child of three was an abomination. And I was aware that this wasn't the kind of thing you shouted about, "Hey, Mom, look what I discovered." But I was sort of excited being with them, being there, alone with them. I enjoyed it, I was getting off on it. Definitely. (S.74)
Auch Isay (1990) ging davon aus, daß sich die sexuellen Phantasien homosexueller Männer von Kindheit an "ausschließlich auf andere Männer" richte (S.19). Beinahe alle homosexuellen Männer, mit denen Isay in einer Psychoanalyse oder analytisch orientierten Therapie arbeitete, berichteten, daß sie etwa ab vier Jahren das Gefühl hatten, 'anders' zu sein. Isay vermutet, daß diese deutliche Erinnerung an ein Anderssein oft als Möglichkeit diene, "kindliche gleichgeschlechtliche erotische Phantasien zu verdecken"(S.32) Ein Alan erinnerte sich an sexuelle Phantasien mit vier, wenn er muskulöse Comic-Helden betrachtete, oder das "Gefühl von Wärme und Lust", wenn er auf dem Schoß seines Vaters saß und ihm dieser aus den Comic-Heftchen vorlas. Ein anderer erinnert sich an "eine große Wärme und Behaglichkeit", wenn er am Sonntagmorgen mit seinem Vater im Bett lag. Isay sieht "dieses Entwicklungsstadium .. analog der ödipalen Phase bei heterosexuellen Jungen" (alle Beispiele auf den Seiten 32ff). Weiterhin erinnerten seine Analysanden sexuelle Gefühle gegenüber Klassenkameraden in der Grundschule.

Doch fast in jedem Fall tauchten diese Erinnerungen erst im Verlauf der Analyse auf. So kam einem Mann zu Beginn der Behandlung ein Vorfall ins Gedächnis, als ein älterer Mann ihn als 8jährigen liebkoste und er dies als ekelhaft erinnerte. Im dritten Jahr der Analyse erinnerte er aber auch eine Erregung, die er bei dieser Begegnung empfunden hatte.

Ebenso wie Bell et al. konnte Savin-Williams (1998) hingegen von der guten Erinnerungsfähigkeit seiner Probanden profitieren. In seinen drei Interview-Studien mit 180 jungen Homosexuellen zwischen 14 und 25 berichteten über 80% von "same-sex attractions prior to the physical manifestations of puberty" (1998, S.21). Ähnlich wie Silverstein (1982) berichtet er von Jugendlichen, die bereits im Kindergarten "dreams of naked men" hatten oder im Alter von 4 Jahren explizit sexuelle Handlungen vollzogen: "we both having hard-ons and feeling a tingling sensation when we rubbed against each other. I wanted to repeat ist, and did."(ebd.) Zusammenfassend meint Savin-Williams, eine "captivation with masculinity"(S.23), ein "overwhelming desire to be in the company of males" konstatieren zu können, das teilweise sexuell war. "They wanted to touch, smell, see, and hear masculinity" (S.43).

Savin-Williams befragte die Jugendlichen auch zu ersten homosexuellen Kontakten, und ein Teil davon lag vor der Pubertät. Ein Viertel seiner Befragten erinnerte sich an derartige Erlebnisse aus der Kindheit. Sie fanden meist mit gleichaltrigen Freunden oder Verwandten statt "and were occasions of gaiety and playfulness"(S.71). Alle Jugendlichen, deren erster homosexueller Kontakt vor der Pubertät stattfand, bezeichneten ihn als positive Erfahrung. Furcht oder Schuldgefühle waren damit auch manchmal verbunden, etwas falsches getan zu haben oder von den Eltern entdeckt zu werden, aber im allgemeinen überwog der Spaß und die Freude am Genuß. Etwa 10% der befragten Jugendlichen hatten während der Kindheit sexuelle Kontakte mit Mädchen, meist ebenfalls gleichaltrige Kinder aus der Nachbarschaft. Die Initiative bei diesen Kontakten ging meist von den Mädchen aus, die Jungen beteiligten sich "primarily out of curiosity"(S.105). Trotz guter Freundschaften mit Mädchen waren diese Kontakte deutlich seltener als die mit Jungen, und im Gegensatz zu den homosexuellen Kontakte wurden die heterosexuellen als weniger spannend und aufregend geschildert.

Diese neuesten Ergebnisse können als erhebliche Bestätigung der in den frühen Fallgeschichten des vergangenen und des beginnenden 20.Jahrhunderts angesehen werden. Was es Savin-Williams und vor ihm Silverstein ermöglichte, derart gute Erinnerungen bei ihren Interviewpartnern hervorzurufen, ist schwer zu sagen, da die jeweils beschriebenen Fälle nur einen winzigen Ausschnitt aus den vielen zugrundeliegenden Interviews wiedergeben können. So müssen die quantiativen Aussagen unhinterfragt stehen bleiben, die Savin-Williams nennt, auch wenn sie die Angaben bei Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) übersteigen. Doch bereits die den heterosexuellen Männern vergleichbare Entwicklung erotisch-sexuellen Begehrens gegenüber dem bevorzugten Liebesobjekt, welche Bell et al. feststellten, dürfte ein wesentliches Datum in der Bewertung der psychosexuellen Entwicklung homosexueller Männer in der Kindheit darstellen.
 
 

2.2.3.      Jugend und Adoleszenz


-  Geschlechtsrolle/-identität und soziale Kontakte

Weit vielgestaltiger und umfangreicher als zur Kindheit sind gerade in den letzten 30 Jahren die Forschungsergebnisse zur Adoleszenz und der "vorschwulen Phase" (Hentzelt 1994) bis zum Coming Out und den ersten festen homosexuellen Beziehungen. Deshalb verzichte ich im folgenden auf die frühen sexualwissenschaftlichen Arbeiten und konzentriere mich ausschließlich auf neuere Arbeiten.

Wurde bei den Ergebnissen zur Kindheit noch eine Vielfalt und Differenzierung vermißt, taucht diese zumindest als Anspruch in den vergangenen 20 bis 30 Jahren zunehmend auf. Die Ende der Siebziger erschienene Untersuchung des Kinsey-Instituts trug den Orginal-Titel "Homosexualities: A study of diversity among men and women" (Bell & Weinberg 1978a), und enthielt so bereits im Namen das Konzept unterschiedlicher 'Homosexualitäten'. Herdt leitete den Sonderband des 'Journal of Homosexuality' zu homosexuellen Jugendlichen mit der Feststellung ein, "there is not one, but rather many homosexualities. So much is this the case that some find it difficult to see the common denominators in homosexual orientation development" (1989, S.17). Dies gelte umso mehr für homosexuelle Jugendliche. Völlig passend hierzu erklärte Savin-Williams die vorfindbare "diversity" zum Fokus seiner Untersuchung an jungen homosexuellen Männern (1998, S.18).

Die Forderung wurde erhoben, der Anspruch wurde gestellt, und doch widerspricht es offenbar den psycho-soziologischen Gepflogenheiten, ohne Kategorien und Gruppenbildungen zu arbeiten. So suchen - und finden - entgegen der Behauptung von Herdt die empirischen Forscher weiterhin eine Reihe gemeinsamer Nenner in der Entwicklung zum erwachsenen Homosexuellen, und der Anspruch wurde bislang nur sehr bedingt eingelöst.

Bei Bell et al. (1981) manifestiert sich der Anspruch im Erwähnen von Minderheitsgruppen, und doch steht über allem das Bestreben, vermutete ätiologische Faktoren auf ihren potentiellen Beitrag zur späteren Homosexualität zu überprüfen. Schnell bleiben da 10 oder 20 Prozent unberücksichtigt, wie jene Männer, deren Geschlechtsrollenverhalten während der Kindheit jungentypisch war. Folglich existieren nur über die Gesamtgruppe Ergebnisse dazu, welche Veränderungen sich in diesem Bereich und im sozialen Kontakt ergeben haben.

Bei den familiären Beziehungen unterschieden Bell et al. nicht explizit zwischen Kindheit und Jugend, so daß Veränderungen hier nicht feststellbar sind. Lediglich bei den sozialen Kontakten differenzierten sie zwischen 'grade school' (1.-8.Klasse) und 'high school' (diese entspricht der 9.-12.Klasse unseres Schulsystems).

Fast alle homosexuellen Befragten hatten während der High School einen "besonders nahen" Freund, 63% eine "besonders nahe" Freundin. In beiden Fällen liegen die Zahlen etwas höher als in der Grade School. Die weiteren Angaben zu außerfamiliären sozialen Kontakten lassen wenig Veränderungen zwischen Kindheit/früher Jugend und der Adoleszenz erkennen. Das Gefühl, ein 'starker Einzelgänger' zu sein, nahm in der Adoleszenz etwas ab, und die Männer fühlten sich etwas weniger 'oft ausgeschlossen'. Aber weder bei der Frage nach der Einbindung in eine Gruppe, noch dem Ausmaß der Freunde oder dem eigenen Beliebtheitsgrad lassen sich deutliche Unterschiede feststellen.

Lediglich in einem Bereich gab es erhebliche Zuwächse: Nur noch 13% empfanden sich in der Jugend als 'gar nicht' oder 'sehr wenig' verschieden von den gleichaltrigen Jungen, in der Kindheit war es noch fast ein Drittel. Auch der angegebene Grund für dieses Gefühl wandelte sich. War es vor der Pubertät das Desinteresse an Sport, welches die Hälfte als Ursache benannte, und nur für 18% ihre homosexuellen Empfindungen, sind es in der Jugend 57%, die sich wegen ihrer homosexuellen Interessen bzw. dem Fehlen eines heterosexuellen als anders empfanden. Dies korrespondiert mit dem Ergebnis, daß sich bis zum Alter von 14 Jahren bereits mehr als die Hälfte als 'sexuell anders' empfand, und 35%, die ihr Anderssein bis zum Alter von 16 Jahren als homosexuell definierten. Die 'allgemeine Einstellung zum Leben' war für vier von zehn in der Adoleszenz 'sehr unglücklich' oder 'nicht allzu glücklich', die am häufigsten genannten Wörter zur Selbstcharakterisierung in jener Zeit waren 'untüchtig, inkompetent' und 'unglücklich' bzw. ein anderes negatives Wort.

Diese Zahlen spiegeln dennoch nur bescheidene Veränderungen in den sozialen Bezügen, die Kontinuität in vielen erfragten Bereichen ist groß. Möglicherweise war es den Befragten jedoch auch nicht gut möglich, im Rahmen des Fragebogens gut genug zwischen Kindheit und Adoleszenz zu unterscheiden, so daß sie Erfahrungen aus der näher liegenden Adoleszenz auch auf die Zeit vor der Pubertät projizierten. Anders ausgedrückt: viel von dem, wie die homosexuellen Männer ihre soziale Kontakte bereits für die Kindheit beschrieben, hatte sich in der Adoleszenz erhalten: bei vielen ein Gefühl von Anderssein, Einzelgängertum (für beide Zeiträume ca. 70%), ein Gefühl des sozialen Ausgeschlossenseins, bei fast der Hälfte keine Einbindung in eine Jungen-Gruppe, rund 40% meinten, weniger Freunde gehabt zu haben als andere Gleichaltrige.

Diese Ergebnisse passen zu jenen von Prytula, Wellford und deMonbreun (1979), die homosexuelle Studenten über ihre Jugend befragten. Die Männer beschrieben sich und ihr Selbstbild, Selbstkonzept und ihre Beziehungen zu den Eltern als signifikant stärker belastet, psychisch schlechter angepaßt.

Diese Anpassungsproblematik und das Außenseiterdasein mögen Hintergrund-Motive für merklich erhöhte Zahlen bei Suizid-Versuchen homosexueller Jugendlicher sein, die von mehreren Autoren nachgewiesen werden konnten (Hammelman 1993, Rotheram-Borus, Hunter & Rosario1994, Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Berlin 1999, Tremblay n.d.). Remafedi, Farrow und Deisher (1991) stellten zudem im Vergleich junger Homosexueller fest, daß jene mit einer Historie von Suizidversuchen femininer waren und sich frühzeitiger ihrer homosexuellen Orientierung bewußt waren.

Die Daten von Bell et al. (1981, S.320ff) bedeuten im Umkehrschluß jedoch auch: ein Drittel waren 'gar nicht' oder 'sehr wenig' Einzelgänger, noch etwas mehr fühlten sich 'nie' oder 'selten' ausgeschlossen, ebensoviele verbrachten 'viel' Zeit mit Kindern ihres Alters, mehr als die Hälfte war Teil einer Jungengruppe und rund 60% meinten, 'mehr' oder 'ebenso viele' Freunde gehabt zu haben als andere. Rund ein Fünftel bezeichneten sich als damals 'sehr' beliebt und immerhin 13% auch im Alter von 14 bis 18 Jahren als nicht oder kaum von den anderen Jungen verschieden.

Die "Verortung der eigenen Geschlechtsrolle" wurde von Hurrelmann (1994) als einer von vier Bereichen der sozialen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter beschrieben. Von daher wäre es interessant gewesen, zu sehen, ob sich bei den Probanden der Kinsey-Studie das für die Kindheit so hoch bewertete Abweichen im Rollenverhalten in der Pubertät verändert hat. Düring (1993) hatte diesen Effekt für "wilde Mädchen" beobachtet, die unter wachsendem Druck in der Pubertät ihre Freiheit verloren hatten, sich zwischen den Polen männlich und weiblich zu bewegen. Leider scheint diese Frage für Bell et al. nicht interessant genug, da sie im Gegensatz zur kindlichen Nonkonformität für die Ätiologie-Debatte unerheblich ist.

Daher gibt es zum Geschlechtsrollenverhalten in der Jugend kaum Daten. Aus einer Reihe von Arbeiten über Gewalterfahrungen (Hunter 1990, O'Conor 1994, Pilkington & D'Augelli 1995, Savin-Williams 1994, Savin-Williams & Cohen 1996a) und Support-Gruppen für diskriminierte homosexuelle Jugendliche (Singerline 1994, Uribe 1994), in denen stets feminine Jugendliche als besondere Zielscheibe von Aggression und Gewalt benannt werden, kann auf ein Fortdauern jungenuntypischen Rollenverhaltens zumindest bei einem Teil der Jugendlichen geschlossen werden. Aber Isay (1990) vermutete, viele homosexuelle Jugendliche würden unter dem Druck der Gesellschaft in der präpubertären Phase (zwischen 10 und 12) ihre weiblichen Eigenschaften aufgeben. Ein Beispiel hierfür bietet Green (1987), wenn er das Zitat eines ehemaligen 'sissy boys' abdruckt, der als 17jähriger rückblickend sagt: "I think it's my mother saying, 'No, you should not act this way,' and it was myself realizing that people in school and socially are gonna look down on this, you don't do it." Auch Harry (1983) schilderte ein Nachlassen von 'cross-gender'-Verhalten während der Adoleszenz.

Die jugendlichen Befragten bei Savin-Williams (1998) berichteten vom Nachlassen verbaler Attacken anderer Jungen im Verlauf der Adoleszenz. Dies wurde z.T. auf eine Veränderung des Verhaltens der Jugendlichen selbst zurückgeführt: sie verhielten sich männlicher, etwa indem sie sich eher gegen Angriffe zur Wehr setzten oder erreichten durch einen Schulwechsel einen neuen Anfang, womöglich an einer Schule mit mehr Anonymität oder mehr Schutzräumen für Außenseiter. Weiterhin mit Spott belästigt wurden jedoch die sehr feminine Jugendlichen.

Eine der wenigen in Deutschland veröffentlichten Arbeiten, welche sich mit der psychosozialen Situation während der Jugend homosexueller Männer befaßte, ist jene von Hentzelt (1994). Die von ihm durchgeführte qualitative Studie an sechs homosexuellen Männern beschäftigte sich u.a. mit dem Verhältnis zum eigenen Mannsein und vor allem den Einsamkeitsgefühlen in dieser Zeit. Hentzelt stellte fest, daß die meisten seiner Gesprächspartner in ihrer Rolle als Mann verunsichert waren bzw. das Gefühl hatten, sie nicht wie gefordert zu erfüllen. Begründet wird dies überwiegend mit den untypischen Interessen, die sie z.T. selbst als 'typisch schwul' bezeichnen. Wie weit die Verunsicherung auf eigene Defizitgefühle zurückzuführen sind oder auf Interventionen von Peers, wird nicht sichtbar.

Weit wichtiger scheint für Hentzelt jedoch die Einsamkeit zu sein, die er für ein "durchgängiges Phänomen" der "vorschwulen Phase" seiner Gesprächspartner hielt. Abgeleitet von einer Arbeit Paul Parins aus dem Jahre 1985 hielt er "Fremdheit" für ein "zentrales Moment der vorschwulen Phase", hervorgerufen durch Ablehnung in Familie und sozialer Umwelt, gemäß Carl Rodgers' Verständnis von Einsamkeit (dargelegt an der Fallbeschreibung einer bulämischen Frau, 1980) vermutete er in gleicher Weise, Einsamkeit sei ein "latent dauernd vorhandenes Grundgefühl" in der Jugendzeit homosexueller Männer vor dem Coming Out (S.139). Und tatsächlich berichteten alle seine Gesprächspartner von Einsamkeitsgefühlen während jener Zeit: Einsamkeit, weil ein Partner oder eine Partnerin fehlt, wegen des Gefühls, anders und ausgeschlossen zu sein, Einsamkeit, weil ein Gesprächspartner fehlte. Diese Einsamkeit würde erst mit dem Schritt in die homosexuelle Welt, in die 'Szene' oder in Gruppen, verringert.

Dannecker und Reiche (1974) thematisierten eine Isolation von der sozialen Umwelt während der Jugend, vor allem in der Phase zwischen der Bewußtwerdung homosexueller Regungen und dem "Hineingehen in die Isolation" der homosexuellen Subkultur. Ihre Daten sprechen für einen längeren - überwiegend "mit sich selbst" ausgetragenen - Konflikt, der eine Isolation, einen Rückzug fördere. Ein Viertel gaben an, aus Angst oder Hemmung mit niemandem über ihre Gefühle gesprochen zu haben, ein Drittel meinte damals, keine geeigneten Gesprächspartner zu haben. Auch als sie sicher wußten, daß sie homosexuell sind, sprachen 43% mit niemandem darüber. Diese beiden deutschen Forscher betonten also "ein nahezu absolutes Auf-sich-selbst-Beschränktsein" (S.63), ohne die soziale Isolation mit der psychischen Komponente 'Einsamkeit' in Verbindung zu bringen. Friedman (1993) ist geradezu überrascht, wie psychisch stabil die meisten homosexuellen Jugendlichen angesichts dieser "chronischen und fortgesetzten sozialen Streßsituation" seien.

Mit den letzten beiden Arbeiten ist bereits der Schritt zur Coming Out-Situation getan, die für jüngere amerikanische Arbeiten zur Jugend homosexueller Männer ebenso wie für Dannecker und Reiche der Ausgangspunkt der Analyse ist. Die amerikanischen Forscher fokussieren auf die sozialen Kontakte, das Lebensgefühl und die Familiensituation in jenem Moment, an dem die Homosexualität dem Umfeld bekannt wurde. Hierzu gehören die bereits erwähnten Arbeiten zur erhöhten Suizidrate jugendlicher Homosexueller, aber auch Studien über die Reaktionen etwa von Mitschülern (Anderson 1994, Marsiglio 1993, Pilkington & D'Augelli 1995) und Eltern (D'Augelli & Hershberger 1993). Oder sie beschreiben die psychosexuelle Entwicklung, die im Coming Out mündet und die im nun folgenden Abschnitt dargestellt werden soll.
 

-  Sexuelle Erfahrungen und Coming Out

Die psychosexuelle Entwicklung und das Sexualverhalten nach dem Coming Out sind offenbar für viele Forscher (und ihre Geldgeber) ein besonders wichtiges Feld, über das Daten erhoben werden. Kaum eine andere Gruppierung - vielleicht noch außer heterosexuellen Jugendlichen - dürfte in ihrem Sexualverhalten derart umfassend studiert worden sein wie homosexuelle Männer. Angesichts der AIDS-Problematik ist diese Tendenz der vergangenen 15 Jahre verständlich, sind doch für die Entwicklung und Überprüfung der politischen Strategien Informationen darüber nötig, ob sich das sexuelle Verhalten einer Hauptbetroffenengruppe wie der homosexuellen Männer den Risiken einer Infektion mit dem HI-Virus angepaßt hat. Vor diesem Hintergrund sind stellvertretend die wiederholten Befragungen von Bochow (zuletzt 1997) und Dannecker (1990) in Deutschland oder Pollak (1990) zu nennen. Diese Entwicklung birgt aber auch die Gefahr, Männer mit einer gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung erneut nur noch unter dem Gesichtpunkt Sexualität zu betrachten.

Mehrere Zusammenstellungen über die gegenwärtige Homosexuellenforschung im angloamerikanischen Raum, Frankreich, den Niederladen und Deutschland (Lautmann 1993) belegen, wie breit inzwischen das Forschungsspektrum angewachsen ist, meist erweitert von homosexuellen Forschern selbst. Hier können nur sehr begrenzt die Ergebnisse dargestellt werden, welche die psychosexuelle Entwicklung homosexueller junger Männer betreffen, und die sich immer noch schwerpunktmäßig auf wenige, große Studien stützen. Dies sind die bereits zitierten Arbeiten von Bell et al. (1981) aus den USA, Dannecker und Reiche (1974) aus der Bundesrepublik. Zwar existieren auch aus den Niederlanden interessante Studien (Soesbeck 1993 erwähnt Neleman 1977, Sanders 1977, Deenen & v.Naerssen 1988), die aber wegen der Sprachbarriere kaum international bekannt sind und gewürdigt werden. Mit einigen quantitativen Daten aus der Untersuchung von Savin-Williams (1998) können die älteren Ergebnisse verglichen werden, wenngleich das Alter der Befragten deutlich voneinander abwich. Etwas ausführlicher sollen die qualitativen Erkenntnisse aus dieser neuen Studie dargestellt werden, die in Deutschland noch kaum bekannt geworden ist.

Savin-Williams beschrieb "milestones" der psychosexuellen Entwicklung, die bei den meisten Männern im Zuge ihrer homosexuellen Entwicklung anzutreffen seien: erste Wahrnehmung der gleichgeschlechtlichen Anziehung, erster homosexueller Kontakt, Coming Out gegenüber Dritten etc. In der folgenden Tabelle möchte ich übersichtsartig darstellen, in welchem Alter die Probanden der verschiedenen Studien diese "milestones" erreicht hatten. Hierbei ist natürlich zu berücksichtigen, daß ein unterschiedlicher kultureller Hintergrund (z.B. USA-Bundesrepublik), eine Differenz in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (z.B. zwischen Mitte der Siebziger und Ende der Neunziger) und die altersmäßige Zusammensetzung (z.B. unter 20 bis über 50 bei Dannecker und Reiche, 14 bis 25 bei Savin-Williams) die Vergleichbarkeit erschweren.

Entwicklungsstufen der homosexuellen Entwicklung ('milestones') in verschiedenen Studien Dannecker & Reiche 1974
 

n = 789

Bell, Weinberg & Hammersmith 1981
n = 575
Rodriguez 
1988
 

n = 251

D'Augelli 
1991
 

n = 61

Savin-Williams 
1998
 

n = 180

  Median Median Mittelwert Mittelwert Mittelwert Spanne
Erstes Bewußtwerden gleichgeschl. Anziehung 15 14 11,1 10,8 7,97 3 - 17
Erster homosexueller Sex 16* 13* k.A. 15,6 14,11 5 - 24
Erster heterosexueller Sex 19 16 k.A. k.A. 15,14 5 - 22
Definiert sich selbst als homosexuell oder bisexuell 18 k.A. 20,6 17 16,87 8 - 24
Coming Out gegenüber anderen 20** k.A. 23,6 *** 19 17,89
(n = 102)
13 - 25
Coming Out gegenüber Elternteil k.A. k.A. k.A. k.A. 18,91
(n = 103)
13 - 25
Erste homosexuelle Partnerschaft nach dem Coming Out  k.A. ~22 22,8 18,8 18,33 11 - 25
* 1.Sex mit Jungen oder Mann ** Erster Kontakt zu Homosexuellen *** gegenüber 'significant other'

Tab.1: Entwicklungsstufen nach Durchschnittsalter in verschiedenen Studien (unter Verwendung von Angaben aus Savin-Williams 1998, S.15ff)

Diese quantitativen Daten der Untersuchungen geben einen Eindruck über den altersmäßigen Verlauf der psychosexuellen Entwicklung von der ersten Bewußtwerdung bis zur ersten Partnerschaft. Die - relativ alten - deutschen Zahlen verraten ein eher spätes Spüren der erotischen Anziehung durch Männer, eine dafür recht frühe Gewißheit der eigenen Homosexualität und der Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen. Der erste homosexuelle Sex wurde nur von einer knappen Mehrheit auch als 'homosexuell' angesehen. Ein erster heterosexueller Kontakt fand erst sehr spät statt, dem "in der Regel jedoch die homosexuelle Erfahrung voraus" ging (Dannecker & Reiche 1974, S.48).

Die etwa zeitgleich in San Francisco durchgeführte Kinsey-Erhebung ergab niedrigere Alterswerte, sowohl für den ersten gleichgeschlechtlichen wie auch den ersten gegengeschlechtlichen sexuellen Kontakt. Bei den drei weiteren nordamerikanischen Arbeiten handelt es sich um eine über homosexuelle Männer in Utah, einem mormonisch geprägten Bundesstaat, was den hohen Altersmittelwert für das Coming Out gegenüber Dritten erklären könnte (Rodriguez 1988), über homosexuelle Collegestudenten (D'Augelli 1991), und die bereits vorgestellte Arbeit von Savin-Williams (1998) über homosexuelle Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren.

Bei letzterer fällt der sehr frühe Zeitpunkt auf, an dem die Jugendlichen ihr homosexuelles Begehren zum ersten Mal verspürten, und das niedrige Coming Out-Alter. Diese Werte erfassen jedoch nur diejenigen Jugendlichen, die ihr Coming Out bereits hinter sich hatten. In zehn oder zwanzig Jahren würden ältere Befragte möglicherweise mit höheren Altersangaben den Durchschnitt nach oben treiben. Erfreulicherweise gibt Savin-Williams auch die gesamte Altersspanne bei den "milestones" an, so daß sowohl Breite und Verschiedenheit sichtbar wird, als auch die bedeutsame Erkenntnis erlaubt ist, daß Einzelnen durchaus sehr frühe Wahrnehmung, aktives Ausleben und offener Umgang mit der eigenen Homosexualität möglich war.

Savin-Williams ging auf den ersten homosexuellen wie auch den ersten heterosexuellen Sex ausführlicher ein, insbesondere auf Umstände und Bedeutungen. Wurde Sex mit anderen Jungen vor der Pubertät noch unbelastet genossen, schlichen sich in die nachpubertären Erfahrungen häufiger negative Gefühle von Schuld, Scham oder Angst, vor allem bei solchen, die in früher Adoleszenz stattfanden. Ein Zusammenhang mit Homosexualität wurde von den Jugendlichen oft geleugnet, was angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der andere Jungen mutuelle Onanie praktizierten, ihnen nicht schwer fiel.

Isay (1990) machte darauf aufmerksam, daß homosexuelle Kontakte sich in ihrer Bedeutung unterscheiden, je nachdem, ob sie bei heterosexuellen oder bei homosexuellen Jugendlichen stattfinden. Während heterosexuelle Jugendliche den Kontakt als bloße Spannungsabfuhr erleben würden, bei der das Gegenüber zum Ersatzobjekt für ein gewünschtes weibliches Objekt würde, erlebten homosexuelle Jugendliche die Situation vollkommen anders. "Sie [diese Situationen, Anm.d.Verf.] haben ein stark gefühlsbetontes Element, das sich entweder in einem Gefühl des Verliebtseins oder der Sehnsucht nach der Liebe des Sexualpartners äußern kann."(S.65) Isay geht es wohl darum, der Sexualität des jugendlichen Homosexuellen das 'bloß Sexuelle' zu nehmen, und doch klärt er damit womöglich auch die Differenz auf, welche Bell et al. (1981) entdeckten: 62% ihrer heterosexuellen Befragten berichteten, sie hätten ihre erste sexuelle Begegnung mit einem Mann gehabt, gegenüber nur 37% der Homosexuellen.

Für die meisten befragten Jugendlichen in der Studie von Savin-Williams waren es die High School-Jahre (~14-17), in denen sie ihren sexuellen Kontakt erprobten, oft mit Freunden oder Bekannten. Es gab jedoch in der Studie auch einige 'gay virgins', die sich zwar ihrer Homosexualität bewußt waren, aber ihre erste sexuelle Erfahrung bei der Befragung noch vor sich hatten - eine gewiß neue Situation, beinahe schon vergleichbar mit der eines heterosexuellen Jugendlichen, für den seine sexuelle Orientierung klar ist, auch ohne sie 'getestet' zu haben.

Jene, die erst nach der High School ihre erste homosexuelle Erfahrung machten, beschrieben dies am seltensten positiv. Diese Erfahrung bescherte ihnen deutlich weniger unbeschwerte Lust, sondern meist Klarheit und Bestätigung ihrer sexuellen Orientierung.

Ob erst durch das konkrete sexuelle Miteinander oder bereits zu einem früheren Zeitpunkt, Savin-Williams schilderte die Wahrnehmung eigener homosexueller Gefühl als für die meisten befragten Jugendlichen wenig positiv. Gerade zur Zeit der Pubertät und kurz darauf sei die Hoffnung noch weit verbreitet, das Begehren würde sich noch wieder ändern. Gab es vor der Pubertät bei vielen noch eine ganz natürlich empfundene Faszination für Jungen oder Männer, so wurde durch die Pubertät das Sexuelle dieser Faszination offensichtlich.

Aus vagen Gefühlen wurde Verliebtsein oder heftiges Begehren, welches sich weitaus schwerer wegdefinieren oder ignorieren ließ. Waren Zuneigung und Nähe-Wünsche während der Kindheit noch etwas, worüber man zwar nicht redete, sie aber doch als erfreulich und angenehm erlebte, so wurde durch die Verknüpfung mit direkter Erotik die Ahnung von Homosexualität und alle damit verbundenen Befürchtungen aktiviert, auch wenn viele Wege des Verdrängens und Ignorierens ausprobiert werden (Grossmann 1983).

In diesem Zusammenhang wurden von Savin-Williams die eher maskulinen Jugendlichen als besonders belastet beschrieben. Die Einbindung in die männliche Kultur während Kindheit und Jugend, das aktive Partizipieren in männliche Sportarten und Aktivitäten würden die Perspektive einer homosexuellen Orientierung als äußerst abschreckend erscheinen lassen. "These boys felt extreme internal and external pressure to conform and to be heterosexual"(S.64, Hervorh.i.Org.). Die Entwicklung einer homosexuellen Identität sei für diese Jugendlichen problematisch und deutlich verlängert. Eher feminine Jugendliche standen vor einem anderen Konflikt: nach vielen Jahren der Ausgrenzung wegen ihres femininen Verhaltens würden sie die Perspektive, homosexuell zu sein als einen weiteren Anlaß ansehen, ausgegrenzt und verspottet zu werden.

So liegt der Moment, an dem die Jugendlichen sich dazu entschieden, ihre Homosexualität anzunehmen, überwiegend in der High School- oder der College-Zeit. Je früher dieser Zeitpunkt auftrat, desto eher wurde die Erkenntnis geheimgehalten. Oft war es der Kontakt mit homosexuellen Freunden, oder aber eine intensive innere Auseinandersetzung, welche den Entscheidungsprozeß förderte. Nicht selten auch war es, vor allem wenn sie bereits im College waren, ein sexuelles Erlebnis oder ein Verlieben in einen anderen Mann.

Diese Beschreibung des inneren Coming Out erinnert an das, wie Dannecker und Reiche (1974) diese Zeit vor 25 Jahren beschrieben: als generell sehr beschwerliche, von massiven Konflikten überschattete Lebensphase. Isolation und Angst vor Ausgrenzung waren nach ihrer Analyse sehr stark. Dannecker (1996) geht davon aus, daß "diese Phase der homosexuellen Entwicklung gegenwärtig kaum weniger konflikthaft erlebt wird, als das Anfang der Siebziger Jahre der Fall war."(S.81).

Ein Ende dieses teils qualvollen Prozesses wird oft mit dem zweiten Schritt des Coming Out eingeleitet, dem nach draußen. Die Jugendlichen, welche Savin-Williams interviewte, offenbarten sich zu 60% erst nach dem Verlassen der Familie und dem Wechsel zum College Dritten. Und doch deuten die verschiedenen Untersuchungen darauf hin, daß zumindest in größeren Städten das Durchschnittsalter des Coming Outs sinkt (Herdt 1992), was Savin-Williams mit der stärkeren Sichtbarkeit Homosexueller im alltäglichen Leben und - vor allem - in den Medien erklärt. Bei den von ihm Befragten war die am häufigsten genutzte Ansprechpartnerin in dieser Situation eine gute Freundin, der sie vertrauten und von der sich die Jugendlichen Unterstützung erwarteten. Fast ein Drittel wählte jedoch einen Freund als ersten Menschen, dem sie sich offenbarten. Für beide Fälle wurden sehr positive Erfahrungen berichtet.

Nicht in gleicher Weise immer positiv waren die Erfahrungen mit den Eltern. Nach der Interviewstudie von Bochow (1998) im ländlichen, norddeutschen Raum waren die Eltern, resp. die Väter diejenigen unter den 'significant other', die einem Coming Out am häufigsten ablehnend gegenüberstanden. Bochow bezeichnete die Eltern als "retardierende" Elemente im Prozeß der "Nachsozialisierung" (S.27) wegen ihrer vorübergehenden oder dauerhaften Ablehnung. Bei Bell und Weinberg (1978b) wußten zwei Drittel der Mütter und knapp die Hälfte der Väter Bescheid, bei Bochow (1997b) liegen die Ergebnisse auf etwa demselben Niveau.

Bemerkenswerte kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Deutschland scheint die heterosexuelle Erfahrung homosexueller Jugendlicher/Männer zu betreffen. Bei Savin-Williams hatte mehr als die Hälfte mindestens eine solche Erfahrung gemacht, drei Viertel davon während der High School oder im College. Während Dannecker und Reiche (1974) die Abwehrfunktion heterosexueller Erfahrung betonen, erscheinen die sexuellen Kontakte mit Mädchen für viele der amerikanischen Studie als ein fast normales, passageres Erlebnis, das dazugehört, solange man noch - zumindest nach außen - nicht als homosexuell erkannt werden möchte. Meist ging der Kontakt von den Mädchen oder jungen Frauen aus, bei einem 'Date' oder im Rahmen einer festen Beziehung. Im Unterschied zu homosexuellen Kontakten waren bei den heterosexuellen die einmaligen Ereignisse häufiger, auch wenn sie selten als unangenehm oder abschreckend beschrieben wurden. Etwas anders stellte sich dies bei den befragten bisexuellen Jugendlichen dar, doch darauf soll hier nicht eingegangen werden. Vergleichbar den deutschen Befragten, lag die heterosexuelle Erfahrung meist vor dem Coming Out, aber nach ersten homosexuellen Kontakten.
 
 

2.2.4.      Erwachsenenalter

Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf Kindheit und Jugend homosexueller Männer liegt, will ich die Darstellung zum Forschungsstand für das Erwachsenenalter ebenfalls sehr kurz halten und auf jene Bereiche beschränken, welche thematisch in der vorliegenden Arbeit behandelt werden. Dies sind - in Kontinuität zu den beiden anderen Zeiträumen - Geschlechtsidentität, soziale Integration ("Homosozialisation", Isay 1990) und feste Partnerschaften.

Insgesamt hat das Thema Geschlechtsidentität und Geschlechtsrollenverhalten erwachsener homosexueller Männer an Bedeutung für die Forschung verloren, seit übereinstimmend ein mögliches Abweichen vom heterosexuellen 'Normalverhalten' vorrangig in der Kindheit gesehen wird. Entgegen den Ergebnissen früherer Studien (z.B. Bieber 1962, Saghir & Robins 1973, Freund et al. 1974b) finden neuere Arbeiten folglich bei der Messung mit Skalen wie dem BSRI keine Differenzen zwischen homo- und heterosexuellen Männern in Bezug auf Femininität (Chung & Harmon 1994). Bereits Mallen (1983) fand kaum mehr feminine Identifikation bei homosexuellen Männern, eher "less rigid sex-role stereotypes", d.h. ein breiteres Verhaltensspektrum, welches männliche und weibliche Verhaltensweisen integriert. Allerdings waren die Homosexuellen in Ländern, in denen eher dichotome Geschlechtsrollen vorherrschten und die anti-homosexueller eingestellt war, femininer(Ross 1983). Die Maskulinität-Scores unterschieden sich im Durchschnitt, sehr explizit präsentierte Männlichkeit war bei heterosexuellen Männern eher anzutreffen als bei homosexuellen (Chung & Harmon 1994), aber auch hier waren die Differenzen nicht allzu stark.

Interessanter ist eher die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen. Silbermayr (1988) stellte einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an subjektiver Männlichkeit und der somatischen und emotionalen Stabilität her. In dieser kleinen österreichischen Untersuchung gaben jene Befragten ein Männlichkeitsdefizit an, die mehrmals jährlich erkrankten oder an ständigen Beschwerden litten. Selbstbewußtsein und eine subjektiv gelungene Realitätsbewältigung war davon abhängig, ob die Männer mit ihrem persönlichen Männlichkeitsideal übereinstimmten.

Die soziale Einbindung hat als Thema demgegenüber in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, sowohl wegen der Bedeutung für die seelische Stabilität als auch für die Erreichbarkeit durch die HIV-Prävention. Nicht zuletzt gilt es ein Klischee zu überprüfen, nach dem homosexuelle Männer einsamer und isolierter leben würden als heterosexuelle. So wurden neben größeren Fragebogen-Umfragen in letzter Zeit auch zwei kleinere Studien durchgeführt, welche u.a. die sozialen Netzwerke homosexueller Männer abseits großer Städte zum Thema hatten (Bochow 1998, Reisbeck, Edinger, Junker, Keupp und Knoll 1993).

Von den bei Bell und Weinberg (1978b) befragten Männern aus der San Francisco Bay Area hatten die homosexuellen Männer mehr gute, enge Freunde als ihre heterosexuellen Vergleichspersonen, 41% kreuzten die höchste Kategorie 'sechs oder mehr' an. Diese Freunde waren überwiegend ebenfalls Männer und homosexuell. Etwa die Hälfte der (weißen) homosexuellen Männer dieser Studie lebten mit einem oder mehreren Männern zusammen, der Rest allein.

In der ersten Studie von Dannecker, welche er mit Reiche zusammen durchführte (1974), lebte ein gutes Drittel der fest befreundeten Männer mit ihrem Partner in einer Wohnung, vor allem jene, die bereits länger zusammen waren. Angaben über die Wohnsituation der anderen, auch der Nicht-Befreundeten, finden sich nicht. Der engere Freundeskreis vieler Männer ist umfangreich, etwas mehr als ein Drittel bezeichnen mehr als zehn andere Homosexuelle als enge Freunde. Wirklich außerhalb aller sozialen Beziehungen zu Homosexuellen standen gerade mal zwei Prozent. Fast die Hälfte der Befragten verbringt einen Großteil seiner Freizeit gemeinsam mit anderen homosexuellen Männern, teils privat, teils in der 'Szene'. Jene Daten, die in der Replikationsstudie (1990) erneut auftauchen, bestätigen dieses Bild.

Die Mehrheit der über 3000 Befragten in der bundesweiten Untersuchung von Bochow (1997) wohnte 1996 allein (57%), zwei Drittel der Schüler und Studenten noch bei ihren Eltern. Ungefähr ein Fünftel wohnte mit seinem Freund zusammen, rund 10% in einer homosexuellen oder gemischten Wohngemeinschaft. Der engere Freundeskreis besteht hier bei etwa einem Drittel überwiegend aus homosexuellen Freunden, bei gut 15% überwiegend aus nicht-homosexuellen Männern und Frauen. Fast die Hälfte gab allerdings an, einen gemischten Freundeskreis zu haben, in dem keine beider Gruppen vorherrschte. Immerhin 3,3% sagten, sie hätten überhaupt keinen engeren Freundeskreis. Sehr deutlich wird dabei ein Zusammenhang zwischen der Offenheit mit der eigenen sexuellen Orientierung und der Zusammensetzung des Freundeskreises: wer seine Homosexualität eher verheimlichte, hatte eher einen heterosexuellen oder gar keinen engeren Freundeskreis, eine soziale Isolation im Erwachsenenalter hing folglich mit dem Grad der Offenheit zusammen.

Neben der Sexualität homosexueller Männer sind die festen Partnerschaften ein vielbeachtetes Ziel forscherischer Betätigung. Dementsprechend lang ist die Liste der Ergebnisse hierzu, doch möchte ich mich auch in diesem Punkt auf wenige Angaben beschränken, die mit jenen Fragen im Zusammenhang stehen, welche in dieser Arbeit behandelt wurden. In einer späteren Auswertung soll dieses Thema vertieft werden.

Bei Bell und Weinberg (1978b) befand sich etwa die Hälfte des befragten Männer zum Zeitpunkt in einer festen Beziehung, für ein Viertel davon war es noch die erste. In der Regel dauerten die gerade bestehenden festen Partnerschaften noch nicht länger als drei Jahre. Höher lagen die Zahlen bei Dannecker und Reiche (1974): 58% der Männer hatten im Befragungszeitraum eine feste Beziehung zu einem anderen Mann, mit den höchsten Anteilen im Alter unter 20 sowie zwischen 26 und 50 Jahren. Die Hälfte aller früheren Freundschaften war spätestens nach einem Jahr beendet, von den gegenwärtigen dauerte etwa ein Viertel bereits mehr als fünf Jahre. Dannecker (1990) konnte diese Zahlen 15 Jahre später bestätigen, sie entsprechen auch in etwa jenen von Bochow (1997). Allerdings fand Bochow bei seinem Interviews mit homosexuellen Männern aus der Provinz (1998) einen etwas höheren Anteil.

Zemann (1991) stellte in seiner kleinen Studie fest, daß die ersten Zweierbeziehungen noch stark vom Coming Out geprägt seien und daher in ihrer Bedeutung von den späteren unterschieden. In der ersten festen Partnerschaft stand die Stützfunktion, die "Starthilfe" bei der Loslösung von den bisherigen heterosexuellen Strukturen der Herkunftsfamilie und des sozialen Umfelds in der Adoleszenz im Vordergrund. Dies kann sowohl verkürzende Folgen haben (die Beziehung wird ohne großen Trennungsschmerz beendet, sobald sie sich sicherer im Umgang mit anderen Homosexuellen fühlen) als auch verlängernde (wenn die Weiterentwicklung einer homosexuellen Identität durch zu große Ängst blockiert ist und die Beziehung auch ohne große Zuneigung aufrechterhalten wird). Die Funktion, nach Jahren der Entfremdung und der Selbstverachtung den entstandenen Widerstand gegen die eigene Homosexualität zu brechen, kann nach Isay (1990) das erste Verliebtsein und die erste Beziehung ebenfalls haben. Sie wird zum Anlaß, die gespürte und häufig ungewünschte sexuelle Orientierung zu bejahen.

Die Belastungen für und die Hindernisse vor ersten festen Beziehungen erwähnte Savin-Williams (1998). Die geringe soziale Unterstützung solcher Beziehungen durch Peers und die Angst vor zunehmender Ausgrenzung angesichts einer durch Paarbeziehung offensichtlicher werdenden Homosexualität würden viele junge Homosexuelle davon abhalten, sich früh auf feste Freundschaften einzulassen. Dennoch hatten sieben von zehn der von ihm befragten Jugendlichen eine solche Beziehung gehabt bzw. hatten sie noch. Fast alle ersten Beziehungen dauerten weniger als ein Jahr, die Hälfte kaum drei Monate. Lediglich einzelne hielten drei oder vier Jahre. Diese Kürze mag einer der Gründe dafür sein, daß Zemann meinte, den Coming Out-Beziehungen hafte etwas "Pubertäres" an. Die Jugendlichen in Savin-Williams' Studie bestätigen Isay's Vermutung, diese erste Beziehung habe ihnen geholfen, sich selbst als Homosexuelle anzunehmen.

Betrachtet man die wesentlichen Studien über das Leben und die Entwicklung homosexueller Männer, so fällt auf, daß ein Großteil der Forscher selbst offen homosexuell lebt. Offenbar wird ein Mangel an qualifizierter Forschung in diesem Feld erlebt, der Betroffene dazu ermutigt, selbst mit den Mitteln der Wissenschaft einen Beitrag zu leisten. Über die Chancen und Risiken dieser Tatsache wurde bereits geschrieben: Vertrautheit mit dem Feld und hohe Zugangschancen etwa stehen auf der einen, mangelnder Abstand und Objektivität auf der anderen.

In der Rückbetrachtung der Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe der homosexuellen Männer bzw. der Emanzipationsbewegung wird gerade die Gefahr mangelnder Objektivität aus persönlicher oder politischer Überzeugung sichtbar. Im folgenden Kapitel soll am Beispiel der Frage, ob Homosexualität und Geschlechtsrolle/-identität zusammenhängen, beschrieben werden, wie seit den Anfängen homosexuellen-politischer Aktivität verschiedene Lager aufeinanderprallten.
 
 
 

2.3     Homosexualität als Geschlechts- oder Objektphänomen - 130 Jahre Auseinandersetzung in der Homosexuellen-Bewegung

Fast gleichzeitig mit der Wissenschaft nahmen sich Betroffene selbst der Frage an, wie Homosexualität entstehe und wie homosexuelle Männer und Frauen beschaffen seien. Im Kampf gegen Ablehnung, Vorurteile und Pathologisierung, aber vor allem auch gegen die Kriminalisierung, suchten sie nach Erklärungen, welche die gleichgeschlechtlich Liebenden von Schuld und einer Einschätzung als Kranke befreien könnte. "Genau wie die Psychiater transformierten sie homosexuelles Verhalten in eine 'Befindlichkeit', einen 'Zustand', der zum Wesenskern der Person wurde." (De Cecco 1990, S.42). Obwohl vom Pathologischen gereinigt, blieb die Prämisse dieselbe: eine besondere Spezies Mensch.

Das entscheidende Merkmal, welches Männer und Frauen, die das gleiche Geschlecht liebten, von jenen unterschied, die das andere Geschlecht liebten, sollte eine "Verkehrung der Geschlechtsidentität" (Müller 1993a, S.31) sein, eine "Geschlechtsvariante zwischen Männern und Frauen" (Schmidt 1986, S.111). Homosexualität als Geschlechtsphänomen war fester Bestandteil der Selbstkonzepte homosexueller 'Privattheoretiker' (Dannecker 1997) und 'betroffener' Wissenschaftler.

Die Verbindung von Geschlecht und Homosexualität entstand nicht erst Mitte des 19.Jahrhunderts. Greenberg (1988) zitiert diverse Quellen, in denen bereits im 18.Jahrhundert vom "Dritten Geschlecht" die Rede war. U.a. habe 1722 Mary Wortley Montagu davon gesprochen, ihr androgyner, bisexueller Freund John, Lord Hervey, gehöre zu einem "third, intermediate sex" (S.406). Gemeinhin wird Theophile Gautier als erster Autor benannt, welcher 1985 die bisexuelle Hauptfigur seines Romans 'Mademoiselle de Maupin' sich selbst als einem dritten Geschlecht zugehörig beschreiben läßt, das bislang noch keinen Namen habe. Katz (1976) zitiert einen spanischen Entdecker, der zu Beginn des 16.Jahrhunderts über Männer bei den Indianern Floridas berichtete, welche mit anderen Männern verheiratet waren: "They go about dressed as women, and do women's tasks" (S.285).

Aber es waren Homosexuelle selbst, welche die Bezeichnung vom 'Dritten Geschlecht' weit verbreiteten (Bleibtreu-Ehrenberg 1981), wobei dieser Ausdruck besonders von Ulrichs benutzt und von Hirschfeld aufgegriffen wurde. War vorher die Tat oder die Handlung im Zentrum der Reflexion, und nicht das Subjekt, so wird erst mit Ulrichs das urnische Subjekt mit seinen Eigenschaften zum zentralen Gegenstand der Sexualtheorien (Müller 1991). Zeitgleich, und doch wahrscheinlich unabhängig voneinander, bildeten der Professor Johann Ludwig Casper als Gerichtsmediziner und der juristische Assessor Karl Heinrich Ulrichs als bekennender Homosexueller die Grundlage für die Vermengung von Homosexualität und "weibischem Aeusseren". Casper hatte 1852 erstmals die Vermutung geäußert, "die geschlechtliche Hinneigung von Mann zu Mann" sei bei einem Teil der "Unglücklichen" angeboren (zitiert nach Müller 1993b, S.30), worin sich Ulrichs in der Annahme einer konstitutionellen Anlage bestätigt sah. Mehr aber noch dürfte ihn die 1858 geschriebene Äußerung Caspers interessiert haben, der von einer "geistigen Zwitterbildung"(ebd.) sprach und Beispiele für feminine Päderasten aus der Antike brachte.

Ulrichs, der sich als Kämpfer(4) für die eigene Sache bezeichnete, sah 'Urninge', wie er zum Zwecke der Entpathologisierung Homosexuelle nannte, als eine eigene Klasse an, deren Zuneigung zu Männern "geschlechtlich angeboren, organisch angeboren" sei (1864, S.4). Angeboren sei dem Urning "neben männlichem Körperbau weiblicher Geschlechtstrieb"(S.4f), und er sei deshalb "gar nicht vollständig Mann", sondern nur "Quasi-Mann" oder "Halbmann", "nicht Mann, sondern ein Wesen weiblicher Art". Die Beschreibung mündet in der Feststellung: "Wir Urninge bilden eine zwitterartige besondere geschlechtliche Menschenclasse, ein eigenes Geschlecht, dem Geschlecht der Männer und dem der Weiber als drittes Geschlecht coordiniert". Während sie in ihrer "sozialen Stellung, wie auch vielleicht in geistiger Leistungsfähigkeit, den Männern gleich" seien, sei die Männlichkeit des 'dritten Geschlechtes' "künstlich anerzogen".

In Briefen an Verwandte schrieb er 1862, dem Urning sei seine weibliche Natur im Mutterleibe angeboren. Die weibliche Natur der Urning sei keineswegs bloß geschlechtlich, sie dokumentiere sich vielmehr auch in einem bereits von Kindesbeinen an bestehenden weiblichen Charakter, der sich bereits in Abneigung gegen wildere Knabenspiele und Hang zu mädchenhaften Beschäftigungen äußere. So habe seine Mutter bereits in seiner Kindheit geäußert: "Du bist nicht wie andere Jungen." (Hirschfeld 1914, S.955) Obwohl er sich selbst "weiblichen Habitus" attestierte, was gut mit dem im oben zitierten 'wir' ausgedrückten Bild von sich und anderen männlichen Homosexuellen zusammenpaßte, schrieb er Ende 1864, sein Schwager "habe denselben an mir noch gar nicht bemerkt" und Hirschfeld fügt hinzu, daß Ulrichs nach Aussagen vieler "keineswegs feminin" gewirkt habe (S.110). Dies läßt Vermutungen zu, daß die Selbstwahrnehmung durch die Theorie beeinflußt gewesen sein könnte.

Sein Selbstbild entspricht zweifelsfrei seinen theoretischen Aussagen, und da er wenig mit anderer Literatur zum Thema sowie anderen Homosexuellen bekannt war (Kennedy 1990), liegt ein solcher Schluß vom Selbstbild auf alle Urninge nicht fern. Zudem mag ihn die in jener Zeit entdeckte Tatsache fasziniert haben, daß der menschliche Embryo männliche und weibliche Sexualorgane hat, von denen eines sich zurückbildet. Die sexuelle Zuneigung zum Mann sei dem Urning ebenso angeboren wie die Sexualorgane (Greenberg 1988).

In der folgenden Zeit lernte Ulrichs jedoch andere Homosexuelle kennen, u.a. einen, dessen Auftreten "ziemlich männlich" war und der Ulrichs Theorie widersprach: "Männer sind wir!" (Ulrichs 1865). Glaubt man dieser von Ulrichs in seiner vierten Schrift kolportierten Begebenheit, dann dürfte dies der Beginn der Homosexuellen-internen Auseinandersetzung um die Verknüpfung von gleichgeschlechtlicher Liebe und Weiblichkeit sein.

Zunächst griff der homosexuelle Arzt Magnus Hirschfeld den Gedanken von Ulrichs auf. 1896, ein Jahr nach Ulrichs Tod - und bis dahin ohne Kenntnis von dessen Theorie - veröffentlichte Hirschfeld unter Pseudonym seine erste Schrift, 'Sappho und Sokrates', in der er drei Thesen vertrat: echte Homosexualität, die "vom Erwachen bis zum Erlöschen des Geschlechtstriebes dem Menschen anhaftet", sei stets angeboren, zweitens, "daß der homosexuelle Zustand mit der zwitterhaften Uranlage aller Lebewesen in Verbindung steht" und drittens: "Homosexualität ist keine Krankheit" (Hirschfeld 1986, S.49).

Hirschfeld war in seiner ersten Schrift vor allem wichtig, die "Natur" ins Spiel zu bringen, um der verbreiteten Ansicht entgegenzuwirken, es handele sich bei Homosexualität um etwas Wider-'natürliches' (Herzer 1992). Aufgewühlt durch die Verurteilung von Oscar Wilde in England wegen homosexueller Handlungen und dem Selbstmord eines seiner homosexuellen Patienten begann er seinen wissenschaftlichen Feldzug gegen Kriminalisierung und Pathologisierung. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, ehe er der Öffentlichkeit seine Zwischenstufentheorie präsentierte, die er selbst mehr als ein Einteilungsschema ansah, da sie keine kausale Erklärung für die Entstehung der Zwischenstufen biete (Herzer, a.a.O.).

Mittlerweile hatte er Ulrichs' Schriften entdeckt, sie sorgfältig gelesen und neu herausgegeben. Gleich im Anschluß begann er im Jahr 1899 mit der Herausgabe eines Jahrbuchs, welches er "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität" nannte. "Zwischenstufen" waren dabei für ihn Männer und Frauen mit seelischen oder körperlichen Eigenschaften des anderen Geschlechts, "Zwitter in des Wortes weitgehendster Bedeutung" (aus dem Vorwort, zitiert nach Herzer 1992).

Zwar benutzte er den Begriff 'Zwischenstufe' anders als Ulrichs, aber sein Grundverständnis vom männlichen Homosexuellen als körperlich männlich, jedoch sexuell und von Kindesbeinen an seelisch weiblich, war vergleichbar. Das homosexuelle Begehren war auf bestimmte Menschen fixiert und biologisch begründet.

Hirschfelds Theorie/Einteilungsprinzip der Zwischenstufen wurde, indem sie aufgrund "wissenschaftlicher, vor allem naturwissenschaftlich-klinischer Argumente oder Pseudoargumente für das Angeborensein der Homosexualität" plädierte, in den folgenden 100 Jahren zur "wohlmeinendsten und gefährlichsten" Theorie der Homosexualität zugleich (Schmidt 1986, S.111). Gedacht, die homosexuell lebenden Männer und Frauen von Strafverfolgung und Schuldspruch zu befreien, erwies sie sich jedoch gleichzeitig als brauchbare Begründung, nicht nur die Tat zu verfolgen, sondern den durch Geburt in die Tat Verstrickten zu jagen, zu behandeln und - im Falle der Nationalsozialisten - zu vernichten.

Wie wenig sich Hirschfeld offenbar dieser Konsequenz bewußt war, wird deutlich, wenn er in seinem 1922 bis 1923 veröffentlichten autobiographischen Rückblick "Von einst bis jetzt" (Hirschfeld 1986) Bleuler aus seinem "Lehrbuch der Psychiatrie" zitiert: "Früher hatte man sich gestritten, ob die Homosexualität ein Laster sei; wir brauchen davon nicht zu reden. Ob sie eine Krankheit sei, gehört ins Gebiet der dummen Fragen ... Wichtiger ist die Untersuchung, ob es sich um eine angeborene oder erworbene und deshalb vermeidbare Störung handelt". Hirschfeld schien davon auszugehen, eine angeborene "Störung" sei nicht "vermeidbar". Die Vernichtung Homosexueller in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, Menschenversuche an homosexuellen Männern von Hodenverpflanzungen bis zu stereotaktischen Untersuchungen und Überlegungen zur Prophylaxe durch Hormongaben während der Schwangerschaft (Schmidt 1986) belegen das Gegenteil.

Hirschfeld übernahm für die "besondere geschlechtliche Menschenclasse" den Begriff "Drittes Geschlecht" und machte ihn weithin populär. Seine Broschüre "Was soll das Volk vom Dritten Geschlecht wissen?" wurde für 20 Pf. überall verbreitet, sein Buch über "Berlins Drittes Geschlecht" erschien 1904 (Hirschfeld 1914).

Weder Ulrichs noch Hirschfeld bestritten, daß es männliche Homosexuelle ohne 'weiblichen Habitus' gäbe. In dem posthum veröffentlichten Band "Geschlechtsanomalien und Perversionen", welches im englischen Orginal 1936 erschien, schrieb Letzterer: "Die Summe der weiblichen Beimischung in männlichen Homosexuellen ... sind sehr verschieden. ... Es kommt jede denkbare Kombination und Abstufung vor."(Hirschfeld o.Jg., S.280f). Er geht dabei sogar soweit, quantitative Vermutungen anzustellen bzw. von Dritten zu akzeptieren. "Ivan Bloch hat wahrscheinlich recht, wenn er über die Verteilung von männlichen und weiblichen Homosexuellen (bei Männern) sagt, daß ihre Anzahl ungefähr gleich ist." (a.a.O., S.281)

Auch Ulrichs sprach in der Fortentwicklung seiner Vorstellungen von zwei Grundtypen des Urnings. Der eine sei ein 'Mannling', der in jeder Beziehung männlich ist außer in Richtung seines Liebestriebes, der andere Typ ein 'Weibling', in dem das weibliche Element überwiege, sogar im Körperbau (Ulrichs 1865, S.85).

Verglichen mit den sehr umfangreichen Aussagen, welche Homosexualität eng mit dem "Zwitter"-Wesen aus beiden biologischen Geschlechtern verknüpfen, erscheinen diese Bemerkungen als Widerspruch und vielleicht auch nicht mit voller Überzeugung ausgesprochen. Wie in den folgenden Jahrzehnten wird das Vorhandensein derartiger Homosexueller konstatiert (s. Kap. 2.2, u.a. Bell et.al.), anschließend aber wegen der Schwierigkeiten einer solchen Tatsache für die Theoriebildung "vergessen" oder vernachlässigt.

So relativiert auch Hirschfeld in 'Ursachen und Wesen des Uranismus' nach Aufzählung der Unterschiede zwischen Homo- und Heterosexuellen die Vorstellung vom "männlichen Homosexuellen": "Einen (männlichen, Anm.d.Verf.) Homosexuellen, der sich körperlich und geistig nicht vom Vollmann unterscheidet, habe ich unter 1500 nicht gesehen" (zit b. Dannecker 1978, S.61). Die Differenz mußte bleiben, und sei sie noch so gering. "Hauptmerkmal" bliebe der "feminine (Einschlag) bei homosexuellen Männern", "sehr männliche homosexuelle Männer" seien "relativ seltener" (Hirschfeld 1984, S.12).

Es dauerte nicht lange, bis Widerspruch aus den Reihen homosexueller Männer kam gegen diese Sicht von Homosexualität als Geschlechtsphänomen. Ganz im Sinne des Ausrufs "Männer sind wir!" (s.o.) entzündete sich bald der Streit, angeführt vom "antifeministen Flügel" (Greenberg 1988) der inzwischen entstandenen Bewegung um Brand und Friedlaender.

Seit 1896 gab der homosexuelle Verleger Adolf Brand die erste deutsche Homosexuellen-Zeitschrift heraus, "Der Eigene", und gründete 1902 die "Gemeinschaft der Eigenen" (Hohmann 1981). Der Untertitel der Zeitschrift, "Ein Blatt für männliche Kultur" deutete darauf hin, daß Brand und seiner 'Gemeinschaft' besonders an der Betonung viriler Beziehungen gelegen war und er beweisen wollte, "zu welchen großen sittlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Leistungen die 'Homoeroten' fähig waren" (Stümke & Finkler 1981, S.25).

In einem Beitrag für den 'Eigenen' vom Juni 1903 wurden Ziele und Ansichten der 'Gemeinschaft der Eigenen' beschrieben (Bab 1903a). Sie baue auf den Gedanken Elisar von Kupffers auf, welcher dieser 1899 im 'Eigenen' dargelegt habe. Unter Berufung auf das "alte Griechenland", wo es "ganz selbstverständlich" gewesen sei, "daß der junge Mann sich in inniger Freundschaft an einen älteren anschloß, mit dem er auch geschlechtlichen Umgang hatte" (S.399), verlange er die Rückkehr "von der Unterwerfung unter weiblichen Geschmack und weibliche Schönheit". Kupffer habe versucht, zu beweisen, daß fast alle Großen der Weltgeschichte solcherart "innige Freundschaften" gepflegt hätten, "ohne daß man in diesen Leuten 'Homosexuelle' oder gar Halbweiber zu sehen braucht" (S.404). Genau dies aber würde die homosexuelle Bewegung tun, so daß man "diese reichen Geister und Helden in ihren urnischen Unterröcken kaum wiederzuerkennen vermag". Ulrichs und seine "Nachfolger", womit u.a. Hirschfeld gemeint sein dürfte, würden "einzelne Erfahrungen verallgemeinern": "Sollen wir wirklich glauben, daß damals die ganze kraftvolle, wie uns die Statuen zeigen, echt männliche Männerwelt Griechenlands aus jenen Halbweibern bestanden habe, zu denen die lieblingminnenden Männer heute von gewissen wissenschaftlichen Autoritäten gestempelt werden? ... Man denke sich einen Alcibiades, einen Epaminondas als Urninge im Sinne eines Ulrichs und seiner Nachfolger und schaudere über die Absurdität solches Gedankens!"(a.a.O., S.400, Hervorh.i.Org.)

Die 'Gemeinschaft der Eigenen' lebte in der Tradition von Jugendbewegung, Wandervogel und Anarchismus, für die 'Natürlichkeit' und Freundschaft unter Jungen bzw. Männern einen hohen Wert hatte (Hohmann 1981). Gepaart mit ihrer Begeisterung für das als sehr männlich konstruierte "alte" Griechenland waren feminin wirkende Homosexuelle für sie Zielscheiben von Spott und Verachtung (Stümke & Finkler 1981). Die Abbildungen im 'Eigenen' bestanden überwiegend aus Jünglingen in freier Natur oder betont männlichen Männern. Gleiches gilt für "Die Insel" aus dem Verlag von Friedrich Radzuweit, dem größten kommerziellen homosexuellen Verlag der Weimarer Republik. In Radzuweits 'Blättern für Menschenrechte' war sogar 1926 zu lesen, die "Feminierlichen" mit ihrem abstossenden Betragen würden die homosexuelle Bewegung in Gefahr bringen, weshalb sie zu bekämpfen seien (a.a.O., S.31)

Etwa zur selben Zeit schrieb John Henry Maccay, ein Anarchist und Pädophiler, welcher der 'Gemeinschaft der Eigenen' nahe stand und unter dem Pseudonym 'Sagitta' in 'Der Eigene' veröffentlichte: "Die sogenannte wissenschaftliche Forschung hat an die Stelle der absoluten Unkenntnis jene halben und schiefen Wahrheiten gesetzt, unter deren entsetzlicher Verwirrung wir heute schlimmer leiden, als früher unter jener"(Hohmann 1979, S.265).

Die Gegner von Ulrichs und Hirschfelds Theorien wehrten sich also nicht nur gegen die Verbindung von Homosexualität und Weiblichkeit, sondern bezweifelten den wissenschaftlichen Wert ihrer Arbeiten. Sehr deutlich wird das etwa in einer Kritik an Hirschfelds Text "Das urnische Kind", von dem unter 2.2. bereits die Rede war. Der Autor beklagt, daß die Veröffentlichung der Gedanken von Ulrichs, Hirschfeld usw. in Form einer Anpassung Homosexuelle sich dazu gedrängt fühlen könnten, "ihren eigenen Zustand nach gegebenen Vorbildern zu modeln" (Bab 1903, S.68), egal, ob sie von den angeblich für Homosexuelle typischen Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmuster selbst gelesen oder über Dritte davon gehört hätten.

Bab bestreitet, daß "man das urnische Empfinden beim Manne für eine weibliche ... Eigenschaft" halten müsse und wendet sich damit gegen den Grundgedanken von Ulrichs. Die Einwände sind vor allem methodologischer Art, es wird das Fehlen eines sorgfältigen statistischen Vergleichs zwischen "femininen Eigenschaften" in der Kindheit bei Urningen und "Normalempfindenden" kritisiert, da nur so ein Beweis für die Existenz des "urnischen Kindes" statt der bloßen Annahme geführt werden könne. Es wird darauf verwiesen, daß "Erziehung und Gewöhnung" ein geschlechtsrollen-konformes Verhalten fördern bzw. überhaupt erst bilden würden (a.a.O., S.70).

Hans Siemsen, ein weiterer Autor des 'Eigenen' liefert mit seiner autobiographischen Studie 'Adolf' eine Art Gegenstück zum von Hirschfeld beschriebenen zaghaften, empfindsamen 'urnischen Kind' ohne Muskelkraft und Mut: ein präpubertärer Knabe, mutig bei der Schneeballschlacht und tapfer, als er von einem eisharten Ball im Gesicht getroffen wird, ebenso mutig, als er vom acht Meter hohen Turm ins Wasser springen soll: "Adolf schwimmt unten im Kreise, klatscht in die Hände und ruft: 'Komm! Los! Bist du bange?' Und mit geschlossenen Augen springe ich hinunter."(Siemsen 1924) Siemsen bestand darauf, daß "das Leben (auch das Liebesleben) der Homoeroten sich fast in nichts von dem der normalen Menschen unterscheidet. ... Jede Eigenschaft, gute und schlechte, jeden Charakter, jede Begabung, jedes Laster, jede Tugend, jede Anomalie - hier wie dort"(zitiert nach Hohmann 1979, S.274), wehrte sich folglich heftig, Homosexuelle zu einer von Heterosexuellen abgegrenzte Spezies zu erklären.

Friedlaender war 1902 in Kontakt mit Hirschfeld und dem Wissenschaftlich-humanitären Komittee (WhK) gekommen, welches seit 1897 versucht, mit Hilfe einer Petition an den Reichstag den §175 zu Fall zu bringen, ein Ziel, das zum damaligen Zeitpunkt noch viele verschiedene Strömungen verband (Stümke & Finkler 1981).

Recht bald zeigte sich jedoch, daß Friedlaender einen vollkommen anderen Ansatz verfolgte. Er lehnte die Sichtweise, die erotische Anziehung von Männern sei eine weibliche Eigenschaft ab. Die gleichgeschlechtliche Liebe sei zudem nicht an eine Minderheit Homosexueller gebunden, sondern eine Fähigkeit, welche abgestuft in allen Männern zu finden sei. Friedlaender war damit nach Blüher (1965) der einzige Forscher, der eine echte Abkehr von der Betrachtung der Homosexualität als pathologisch vornahm. Er nannte es eine "discutable, ja wahrscheinliche Annahme, dass sogar die meisten Menschen von Natur mehr oder weniger bisexuell sind" (Friedlaender 1904, zitiert nach Hergemöller 1993a).

Die Eulenburg-Affäre und die durch sie ausgelösten Debatten führten schließlich 1907 zum organisatorischen Bruch zwischen Hirschfeld und Friedlaender. Lezterer wehrte sich entschieden gegen die Vorstellung vom 'Dritten Geschlecht' oder den 'sexuellen Zwischenstufen' und nahm Kinseys Konzept des sexuellen Kontinuums voraus, worauf Hirschfeld ihn angriff, seine Ansichten seien "Wasser auf die Mühle unserer Gegner". Friedlaender seinerseits machte sich über die "Theorie von den armen weiblichen Seelen, die in männlichen Körpern schmachten" lustig (zit.b. Lauritsen & Thorstad 1984, S.48).

Für ihn war die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern die Basis von Gesellschaft, Kultur und Staat. Friedlaender hielt dauerhaft an der Superiorität der gleichgeschlechtlichen Liebe fest und war eher verwundert, daß so viele Männer, als Angehörige des 'superioren Geschlechts', eine Frau begehren (Hergemöller, a.a.O.).

Einer der hartnäckigsten Gegner Hirschfelds wurde jedoch der deutlich jüngere 'Theoretiker' der Wandervogel-Bewegung (Kröhnke in Hohmann 1981, S.353), Hans Blüher. Blüher machte zunächst durch das skandalträchtige Buch "Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen" (1914) auf sich aufmerksam, in dem er behauptete, diese Jugendbewegung habe anfänglich auf der homoerotischen Freundschaft zwischen Geschlechtsgleichen beruht und sei ein Beleg für die gruppenbildende Funktion der Homoerotik (Hergemöller 1993b). Er griff den von Friedlaender bereits so benannten 'Männerhelden' auf, den er zum positiven Gegenbild gegen den "Invertierten", den 'Weibling', versteht, wie ihn Hirschfeld als Prototyp des Homosexuellen beschrieben hatte.

Blüher beschrieb diesen 'virilen Mann' in ausgesprochen positivem Licht. Er war für ihn die "erste Grundform der Homosexualität", "die Männlichkeit in Charakter und Habitus bleibt voll erhalten. ... Die Inversion ist verträglich mit der vollen Entfaltung des Persönlichkeitsgefühls und fähig zur vollen Empfangnahme des Glückes" (Blüher 1965, S.101). Diese vor Gesundheit strotzende Figur erscheine natürlich nie in der Praxis des Arztes, womit Blüher erklärt, wieso Psychiater, aber auch ein Arzt wie Hirschfeld seiner so selten angesichtig wurden (S.105) Dieser 'Männerheld' sei bestens geeignet, Jungen und Jünglinge zu erziehen, denn er "leistet dauernd Kulturarbeit für die männliche Jugend", denn er sei "von Natur Jugendbefreier, Jugendführer, Schulmeister- und Tyrannenfeind" (S.114)

Blüher sah - wie Friedlaender -, die Bisexualität als "angeborene prinzipielle Eigenschaft aller Menschen" (S.101), sprach von einer "allgemeinen Inversionsneigung" und "einer Linie", von der man ausgehen müsse, anstelle eines Punktes (S.81). Wenn es folglich keine "Sonderklasse der Homosexuellen" gibt, dann sei die gesamte Frage der Homosexualität keine der Toleranz oder Duldung "den Unglücklichen gegenüber" (S.77), sondern der Anerkennung. Die andere theoretische Sicht führte zu einer anderen politischen Einschätzung.

Nach Blüher ist die Zwischenstufentheorie nicht nur "unwahrscheinlich", wie Friedlaender angenommen hatte, sondern "ganz und gar und durchaus falsch"(S.52, Hervorh. i. Org.). Die Behauptung, "daß es eine weibliche Eigenschaft des Mannes sei, einen Mann zu lieben, hat ... nicht wieder gut zu machenden Schaden gebracht" (S.117). Es sei falsch, "die Inversion in einen kausalen Zusammenhang mit Vorgängen oder Tatsachen (zu) bringen, die mit ihr nicht notwendig verbunden sind" (S.49) "Nur im Objekt liegt der Unterschied" zwischen dem frauenliebenden 'Frauenhelden' und dem männerliebenden 'Männerhelden' (S.58).

Blüher konnte sich in vielen dieser Punkte auf Freud berufen, der sich 1905 in seinen "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" - wenn auch vorsichtig - über Homosexualität geäußert hatte und mit dem Blüher 1912 und 1913 einen Briefwechsel führte (Neubauer 1996). Freud äußerte sich kritisch gegenüber der Vermutung, bei männlichen Homosexuellen gäbe es ein weibliches Gehirn im männlichen Körper, denn "wir kennen die Charaktere eines 'weiblichen Gehirns' nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt"(1977, S.20). Für ihn bestand kein Zweifel, daß ein großer Teil der männlichen Homosexuellen "den psychischen Charakter der Männlichkeit bewahrt" habe, und er sah eher im Sexualobjekt die "Vereinigung beider Geschlechtscharaktere", wenn der Jüngling begehrt werde (S.21). Freud widersetzte er sich auch heftig der Vorstellung, Homosexuelle als 'besondere geschlechtliche Menschenclasse' (Ulrichs 1864) anzusehen. Er hielt "alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl" für fähig und die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes für das Ursprüngliche, aus dem sich später Hetero- und Homosexuelle entwickeln würden (Freud 1977, S.22).

Blüher sah nur einen Fall von Zusammenhang zwischen Homosexualität und Weiblichkeit. Beim "invertierten Weibling" gäbe es jene 'Modell-Fälle' eines Homosexuellen, "der ein völlig weibliches Affektleben hat, eine wirklich 'weibliche Seele'"(1965, S.125). Im Gegensatz zum 'Männerhelden' drohe auch beim "weiblichen Mann" die Inversion krankhaft zu werden, auf ihn treffe die Bezeichnung 'pathologisch' unter Umständen zu: "Es ist verständlich, wenn dieser Typ häufiger zerbricht und in seinem Charakter aufgerieben wird und auf seine Umgebung einen entschieden maroden Eindruck macht. Er fällt leicht der Neurose zum Opfer", jedoch sei diese "nur das Produkt eines vergeblichen Kampfes beider [Triebrichtung und Trieblage, Anm.d.Verf.] gegen die stärkere, feindlich eingestellte Umgebungskultur"(S.128).

Durchaus als Seitenhieb gegen das WhK kann seine Bemerkung verstanden werden, Weiblichkeit könne von homosexuellen Männern auch durch einen psychischen Prozeß "arrangiert werden". Die Weiblichkeit diene zur Entschuldigung der Homosexualität: "Ich liebe Männer, bin also (!) ein halbes Weib; ... daher ist es ganz meiner Natur angemessen, wenn ich noch andere weibliche Züge markiere" (S.127, Hervorh. i. Org.). Kritisierte Blüher doch heftig in der zweiten Auflage seines Buches über "Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen" (Blüher 1914) im Vorwort das WhK, welches aus z.T. "wirklich deformierten Männern" bestehe, "deren Rassenentartung durch eine überstarke Begabung an weiblicher Substanz gekennzeichnet ist" (a.a.O., S.12). Er bestritt gar "die Zuständigkeit des Komitees in den wissenschaftlichen Fragen, die sich um das Thema der mannmännlichen Beziehungen lagern" und "daß ein Publikum von dieser Artung je imstande sein wird, eine würdige Aufklärung, eine besonnene Wertung und eine objektiv verantwortliche Gesinnung in diesen Dingen zu erzeugen"(S.15).

Seine Ausfälle gegenüber den "Schweinen der homosexuellen Bewegung" (zitiert nach Hergemöller 1993b, S.155) und eine Vielzahl antisemitischer und antifeministischer Äußerungen trugen dazu bei, daß auch die durchaus positiven theoretischen Ansätze kaum aufgegriffen bzw. in der weiteren Diskussion berücksichtigt wurden.

Mit Blüher fand die Auseinandersetzung um Homosexualität als Geschlechts- oder Objektphänomen ihren unerfreulichen ersten Höhepunkt, jedoch keineswegs ihren Abschluß. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, der gleich zu Beginn jeglicher Homosexuellenforschung und freien wissenschaftlichen Diskussion eine Ende gemacht hatte (ausführlich beschrieben bei Stümke und Finkler 1981), war es in der frühen Bundesrepublik vor allem Willhard S. Schlegel mit seinem 'konstitutionsbiologischen' Ansatz, der sich als Fortsetzer der Hirschfeld'schen Konstitutionslehre verstand und den Begriff der Zwischenstufen weiterführte (Gorsen 1984).

Nach Schlegel (1969, S.376) "sind etwa 40 Prozent der Männer und der Frauen den Zwischenstufen zuzuordnen". Jenen 40% schrieb er als "angeborene sexuelle Verhaltensweisen" zu: häufiger Partnerwechsel, Abweichung "von der üblichen aktiven Sexualrolle des Mannes" und Homosexualität, d.h. eine feste Vermengung von Biologie und (Geschlechtsrollen-)Verhalten. Mit Vermessungen u.a. des Beckenausgangs versuchte er dies zu untermauern, stützte er sich doch auf die "gesicherte Tatsache, daß mit der Röhrenform des Beckenskeletts die sogenannten weiblichen Charakterzüge und die Neigung zu einem vorwiegend passiven Sexualverhalten, mit der Trichterform des Beckenskeletts die sogenannten männlichen Charakterzüge und die Neigung zu einer aktiven Rolle im Sexualverhalten verbunden sind"(a.a.O., S.52).

Seine biologistische Sicht verband er mit derselben Begeisterung fürs 'Virile', welche schon die 'Gemeinschaft der Eigenen' und Blüher empfanden. Wie Blüher pries er die erzieherische Wirkung von Männerbünden inklusive homosexueller Beziehungen auf die "männliche Jugend" (Dannecker & Reiche 1974). Trotz dieser Übereinstimmung war Homosexualität für Schlegel ein Geschlechtsphänomen, mußte als Grundlage die Vermengung körperlicher und seelischer Geschlechtsmerkmale haben.

Mangels einer nach außen hin orientierten Homosexuellen-Bewegung in Deutschland vor den 70er Jahren ist die Auseinandersetzung für die Jahre davor kaum existent. Sie zentrierte vor allem um ein 'Anderssein' oder 'Nicht Anderssein' homosexueller Männer, wobei sich Schlegel ganz im Sinne Hirschfelds mit seinen 'gynäkomorphen' Typen für die - sogar somatisch fixierte - Andersartigkeit aussprach, während etwa Giese, der eine "wissenschaftliche Einordnung" der Sexualwissenschaft wesentlich vorantrieb, "das Andere der Homosexualität" nicht schätzte (Sigusch 1993). Auch der nach dem Krieg in der DDR mit Vorträgen und Aufsätzen stark gegen den auch dort noch gültigen §175 engagierte Rudolf Klimmer schrieb 1958: "Der einzige Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Menschen ist der, daß die einen sexuell vom Gegengeschlecht und die anderen vom gleichen Geschlecht angezogen werden" (S.273, zit.b. Dannecker 1978).

Erst in den 70er Jahren kehrte der Streit unter Betroffenen um die Frage des Geschlechts- oder Objektphänomens in den homosexuellenpolitischen Diskurs zurück. Beim Aufstand in der New Yorker Homosexuellen-Bar 'Stonewall Inn' in der Nacht vom 27. zum 28.Juni 1969 waren es vor allem die nicht angepaßten Homosexuellen, die 'Fummeltrinen' und Strichjungen, welche sich den dauernden Demütigungen durch Polizei und Gesellschaft entgegenstellten (Grossmann 1981). Bei der ersten Demonstration Homosexueller in der Geschichte der Bundesrepublik im April 1972 behaupteten Teilnehmer mit einem Transparent: "Tust Du auch normal, eine Tunte bist Du auf jeden Fall" (Kraushaar 1994,S.86). In Berlin kam es beim zweiten 'Pfingsttreffen' bundesdeutscher homosexueller Gruppen 1973 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der 'Tunten-Fraktion' und der 'Sozialistenfraktion', nachdem französische und italienische Homosexuelle bei der Abschlußdemonstration im 'Fummel' aufgetreten waren (a.a.O., S.104).

Die 'Tunten-Fraktion' symbolisierte das 'Andere', das Nicht-Angepaßte, und dies ließ sich offenbar am besten über die Geschlechterrolle thematisieren. Sie warfen ihren Gegnern vor, "hinter heterosexueller Fassade homosexuell zu sein" (Ahrens, Bruns, Hedenström, Hoffmann & Marwitz 1974), was allerdings voraussetzt, sie selbst wüßten, wie "homosexuell zu sein" ist, welche Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale damit verbunden seien. Ihre Stoßrichtung war eindeutig: sie weigerten sich, ihre 'Femininität' zu verstecken, traten geschminkt auf, gingen so in die Szene, zur Arbeit. Sie nannten sich 'Feministen'und beanspruchten für sich, "dies sei ein Weg, aus der schwulen Misere herauszukommen". Guy Hocquenghem, Aktivist der französischen 'Front Homosexuel d'Action Révolutionaire', schrieb: "Wir wollen keine Frauen, keine Männer sein" (Diekmann 1979, S.48).

Stümke und Finkler fassen die gegensätzlichen Positionen so zusammen: "Eine Richtung geht davon aus, daß Homosexuelle sich grundsätzlich in ihrem Wesen in nichts von Heterosexuellen unterscheiden und ausschließlich die Erfahrung von Unterdrückung gemeinsam haben." Die zweite Richtung fordere die Homosexuellen zum 'Wärmer leben' auf, wollten eine homosexuelle Gegenkultur schaffen, "die vom alternativen Café, alternativen schwulen Körnerladen bis hin zur schwulen Wohngemeinschaft auf dem Land reicht". Sie habe eine "neue schwule Identität entdeckt. Schwule Kreativität, Empfindsamkeit und Phantasie ... sollen die neue schwule Idylle kennzeichnen" (S.411ff)

Auch wenn es verwegen wäre, Hirschfeld mit den Vertretern eine 'Wärmer Leben'-Ideologie in einen Topf zu werfen, verbindet sie doch die Betonung des Differenten und ein - wenn auch unterschiedlich großer - Abstand zum gesellschaftlichen Männerbild.

In der homosexuellen-internen Diskussion der letzten Jahre findet sich - ebenfalls aufgrund der veränderten historischen Situation - die Frage nach Geschlechts- oder Objektphänomen längst nicht in jener Klarheit, wie sie in der Auseinandersetzung zwischen WHK und dem 'Bund der Eigenen' vorherrschte. Manche Extreme haben sich abgeschliffen, die 'Wärmer Leben'-Fraktion betreibt ihre homosexuellen Buchläden, Theaterprojekte und esoterischen Hobbys, während die andere Richtung unbeirrt ihre Politik einer Entdiskiminierung und Angleichung der Lebenssituation homo- an die heterosexueller Menschen verfolgt.

Elemente der hier behandelten Frage sind bei der erneut aufgetauchten Debatte über die biologische Grundlage der Homosexualität zu finden, wenn u.a. LeVay (1994) feststellt, er habe in homosexuellen Gehirnen Regionen mit weiblicher Größe gefunden, oder wenn Isay (1990) Homosexualität für 'konstitutionell' hält, was sich im feminin beschriebenen 'Anderssein' niederschlage.

Elemente finden sich aber auch in der Auseinandersetzung von Konstruktivisten und Essentialisten, wenn sich etwa der Herausgeber des 'Journal of Homosexuality', De Cecco, in der Auseinandersetzung mit dem Psychologen Meyer-Bahlburg darüber amüsiert, "the femininity must be lurking somewhere even if you can't see it. Why? Because you can't have male homosexuality without femininity"(1987, S.110).

Nach 130 Jahren Homosexuellenbewegung kann man auf 130 Jahre Auseinandersetzung zurückschauen, ob Homosexualität ein Geschlechts- oder ein Objektphänomen ist. Auch 1999 wird 'homosexuell' von Betroffenen selbst mit 'Weiblichkeit' identifiziert, wenn ein Plakat von 'amnesty international', welches für "homosexuelle Rechte als Menschenrechte" wirbt, die transsexuelle Schlagersängerin Dana International zeigt (abgedruckt in Queer 2/99, S.6).

In einer geschlechts-dualistisch konstruierten Welt scheint es schwer zu sein, etwas von der Geschlechtsfrage abzukoppeln. Sogar, wenn versucht wird, sie umgekehrt zu beantworten: nach Pollak (1986) seien die Homosexuellen längst dabei, ein neues soziales Gesicht von sich selbst zu entwerfen, welches diesmal ihre Männlichkeit betont.
 
 

2.4     Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Homosexuelle in Deutschland von den 60er bis zu den 90er Jahren

Vom Beginn der 60er Jahre bis heute hat es in der Bundesrepublik Deutschland gesellschaftliche und politische Entwicklungen gegeben, die den Erfahrungshorizont und die Handlungsspielräume von Kindern und Jugendlichen beeinflußt haben dürften. Eine Betrachtung von Kindheits- und Jugenderfahrungen sollte diese Entwicklungen zumindest zur Kenntnis nehmen und in die Bewertung der Untersuchungsergebnisse einbeziehen. Ich beschränke mich hierbei auf den benannten Zeitraum, da die ältesten Befragten nach 1955 geboren wurden und lege den Schwerpunkt auf jene Vorkommnisse, welche im Zusammenhang mit dem Leben bundesdeutscher Homosexueller stehen.

Politisch waren die späten 50er und frühen 60er Jahre geprägt vom Ende der Adenauer-Ära und einer zunehmenden wirtschaftlichen Prosperität. Es war nur konsequent, daß der für das 'Wirtschaftswunder' politisch verantwortliche Minister Erhard 1963 Kanzler wurde, wenngleich wenig erfolgreich. Ein Jahr zuvor hatte die von CDU und FDP getragene Koalition dem Bundestag einen Gesetzesentwurf (E-1962) vorgelegt, der die "Unzucht zwischen Männern" strafrechtlich neu regeln sollte (Stümke & Finkler 1981). Jahrelange Diskussionen in einer 'Großen Strafrechtskommission' und Stellungsnahmen des 'Deutschen Juristentags' oder der 'Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung' konnten nicht verhindern, daß statt einer Abschaffung des Homosexuellen-Paragraphen 175 in der 1935 von den Nationalsozialisten verschärften Fassung zwei neue §§216/217 verabschiedet werden sollten, welche homosexuelle Handlungen weiter unter Strafe stellen sollten. Der Regierungsentwurf enthielt Formulierungen, welche die Einstellung weiter politischer Kreise und in der Bevölkerung widerspiegelte: "Wo die gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen und großen Umfang angenommen hat, war die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kräfte die Folge" (zitiert nach Stümke & Finkler, a.a.O., S.446). Der Entwurf wurde niemals endgültig verabschiedet, so daß der alte §175 in Kraft blieb, was etwa in 1960 zur Verurteilung von 3143 Männern über 18 Jahren führte (S.507). In der DDR hingegen war bereits 1950 der alte §175 in der vor-nationalsozialistischen Form wiederhergestellt.

In der Bevölkerung war das soziale Ansehen Homosexueller ausgesprochen niedrig. Schmidt (1967) referiert eine Umfrage von Sigusch über Vorurteile gegenüber "sexuell abnormen und sexuell auffälligen Gruppen", bei der mit Hilfe von Paarvergleichen festgestellt wurde, daß sowohl Männern als auch Frauen eine Prostituierte sympathischer ist als ein Homosexueller. Über 30% der Befragten beurteilte den Exhibitionisten als sympathischer (S.110). Die Berichterstattung in den westlichen Medien konzentrierte sich dementsprechend auf 'Skandale' und Verurteilungen, in TV und Kino kam Homosexualität praktisch nicht vor. 1957 noch mußte der Film "Anders als Du und Ich" auf Anweisung der Freiwilligen Selbstkontrolle mit einem veränderten Schluß versehen werden, in dem der "Verführer" eines Primaners festgenommen und "seiner gerechten Strafe" zugeführt wird (Huber 1989).

Andererseits erschienen von mehreren Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik Diskussionsbeiträge zu "Homosexualität oder die Politik mit dem §175" (1967), einige hielten ein "Plädoyer für die Abschaffung des §175"(1966), was in der Großen Koalition von CDU und SPD schließlich zum Entwurf eines neuen Sexualstrafrechts und der Modifizierung des §175 führte. Die Strafbarkeit homosexueller Handlungen unter Erwachsenen war damit beseitigt und damit auch der Weg frei gemacht für das Entstehen einer Homo-Presse und offizieller Vereinigungen. Als die ersten Interviewpartner dieser Studie ihre Pubertät erreichten, gab es somit zum ersten Male seit den 20er Jahren in Deutschland wieder frei verkäufliche Publikationen für Homosexuelle.

Parallel dazu entwickelte sich im Westen in den 60er Jahren eine durch Illustrierten, Bücher und Filme vorangetriebene 'Aufklärungswelle', durch die breite Schichten der Bevölkerung auch über die "sexuell auffällige Gruppe" der Homosexuellen informiert wurde. Ein Beitrag hierzu war auch die Veröffentlichung der Kinsey-Studie in Deutschland Mitte der 60er Jahre.

Mit Studentenbewegung und politischem Machtwechsel zur SPD-FDP-Koalition unter Willy Brandt ("Den Aufbruch wagen") entstand ein gesellschaftliches Klima, welches in den 70er Jahren bessere Rahmenbedingungen für homosexuelle Männer und Frauen schuf. Die zweite Veränderung des §175 mit der Senkung des 'Schutzalters' auf 18 Jahre trug hierzu bei, Verurteilungen nach diesem Paragraphen blieben in den 70er Jahren bei unter 200 p.a. In den folgenden Jahren taten sich vor allem die Kirchen und christliche Gemeinschaften mit einer ablehnenden Haltung gegenüber homosexuellen Beziehungen hervor, während der Diskussionsprozeß in Politik und Gesellschaft voranschritt. Die Evangelische Kirche Deutschlands verkündete 1971 in einer "Denkschrift zu Fragen der Sexualethik", daß der "Sinn der menschlichen Sexualität in der dauerhaften Beziehung eines Mannes und einer Frau" (Stümke & Finkler 1981, S.485) und "Homosexualität als Fehlentwicklung" gesehen wird, während die Katholische Kirche 1975 in einer "Erklärung zu einigen Fragen der Sexualität" feststellte: "Nach der objektiven sittlichen Ordnung sind homosexuelle Beziehungen Handlungen, die ihrer wesentlichen und erläßlichen Zuordnung beraubt sind" (a.a.O., S.487).

Anfang der 70er Jahre entstanden in Westdeutschland eine ganze Reihe von homosexuellen Emanzipationsgruppen, welche als wichtige Aktivität die Aufklärung der Öffentlichkeit über Homosexualität und den Kampf gegen den weiterhin bestehenden §175 ansahen. In vielen Großstädten kam es zu ersten öffentlichen Auftritten mit Büchertischen, Unterschriftenlisten und kleineren Demonstrationen. Im Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" kritisierte der Regisseur Praunheim sowohl die Homosexuellen selbst als auch die Gesellschaft und forderte zur Veränderung auf. Bei Kinovorführungen motivierte der Film, der durch die radikalen Ideen der amerikanischen Homosexuellen-Bewegung inspiriert war, Anwesende zur Gründung von Gruppen, bei seiner Ausstrahlung im Fernsehen 1972 und 1973 stieß er auf große Aufmerksamkeit und entfachte eine Vielzahl von Diskussionen.

Überhaupt waren die 70er Jahre geprägt durch eine intensive Auseinandersetzung mit der politischen Entwicklung, welche sich in personellen und inhaltlichen Kontinuitäten von Nazi-Diktatur und Bundesrepublik manifestiert hatte (Fend 1999). Die allgemeine 'Vergangenheitsbewältigung' erleichterte auch den engagierten Homosexuellen, die Geschichte der eigenen Unterdrückung bzw. Vernichtung in Konzentrationslagern zu entdecken und zu publizieren, als auch die Geschichte des Kampfes dagegen (u.a. Katz 1976, Lautmann 1977, Hohmann 1977, Stümke & Finkler 1981).

Im Osten bildeten sich ebenfalls während der 70er Jahre erste Homosexuellengruppen, anfangs auf privater Ebene, später unter dem Dach der Kirchen. Auch in der DDR gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, welche sich fördernd und aufklärend den Betroffenen zur Seite stellten, um das Ansehen Homosexueller in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Die sechziger und siebziger Jahre waren gekennzeichnet durch deutliche Veränderungen im Sexualverhalten, gerade auch bei jungen Menschen. Sigusch und Schmidt (1973) beschreiben das "modale Muster der Jugendsexualität als freizügig, sexualfreundlich, partner- und liebesorientiert sowie als gleichheitlich im Hinblick auf die moralischen Vorstellungen für Jungen und Mädchen" (Schmidt 1993, S.34). Das veränderte Sexualverhalten drückt sich u.a. im sinkenden Kohabitarche-Alter aus, welches von 18 Jahren während der 50er Jahre auf 16 Jahre in den 60ern gesunken war. (Schmid-Tannwald & Kluge 1998). Masturbation war bei westlichen männlichen Jugendlichen die Regel, homosexuelle Kontakte mit 18% (Schmidt 1993) keineswegs eine zu vernachlässigende Größe. Auch im Osten kam es im Zuge verschiedener sexual-, sozial- und familienpolitischer Maßnahmen zu einer Liberalisierung sexueller Normen und Verhaltensweisen (Weller & Starke 1993).

Anfang der 80er Jahre forderten die "Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung" und die "Gesellschaft zur Förderung sozialwissenschaftlicher Sexualforschung" in einem gemeinsamen Appell von den Abgeordneten des Bundestages die Abschaffung des Rest-Paragraphen 175. Die DDR schritt voran und kippte Ende 1988 ihren Homosexuellenparagraphen 151, und erst 1991 folgte die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland mit einer strafrechtlichen Gleichstellung homo- und heterosexueller Beziehungen.

Politisch sind die 80er Jahre dominiert vom Ende der sozial-liberalen Koalition und der Machtübernahme durch eine CDU/CSU-FDP-Regierung unter Kohl. Trotz der versprochenen geistig-moralischen Wende entwickelten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für homosexuelle Männer und Frauen eher positiv weiter.

Zwar verbot noch 1980 die bayerische Stadt Ingolstadt einen Info-Tisch der örtlichen Homosexuellengruppe, aber andernorts wurden bereits mit politischer Unterstützung etablierter Parteien 'Schwulenwochen' und Demonstrationen für die Rechte Homosexueller veranstaltet. In Bonn fand anläßlich der Bundestagswahl eine große öffentliche Parteienbefragung statt, zu der Hunderte politisch Interessierter und Engagierter in die Hauptstadt kamen, in Hamburg gingen während des Evangelischen Kirchentages 1981 bei den 'Schwulen- und Lesbenwochen' 3000 Homosexuelle auf die Straße. Anfang der achtziger Jahre gab es bereits eine Reihe von Homosexuellen-Gruppen für Jugendliche, Schüler und Studenten. 1981 erschien mit "Schwul - na und?" (Grossmann 1981) zum ersten Mal ein Sachbuch bei einem renommierten Taschenbuchverlag, welches junge Homosexuelle bei der Selbstakzeptanz unterstützte und zum Coming Out aufforderte. Innerhalb von zwei Monaten waren im deutschsprachigen Raum 15000 Exemplare verkauft. Parallel zu diesen Entwicklungen nahm die Kommerzialisierung der homosexuellen Szene explosionsartig zu, neue Bars, Kinos, Diskotheken, Saunen und Cafes öffnen ihre Pforten (Pollak 1986), in manchen bundesdeutschen Großstädten entwickelten sich bestimmte Stadtteile zu Hochburgen homosexuellen Lebens.

Mit Friedensbewegung und der Partei 'Die Grünen' entstanden verbündete Organisationen, die eine gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Lebensweisen zu fördern versprachen. Aber auch in den anderen Parteien begannen sich betroffene Mitglieder zu regen und 'von innen' zu wirken. Mitte der achtziger Jahre kam über die Grünen zum ersten Mal ein offen homosexueller Mann in den Deutschen Bundestag, gründete sich der 'Bundesverband Homosexualität', wurden in mehreren Städten Kommunikationszentren und öffentliche Beratungsstellen für Homosexuelle eingerichtet, die Zahl homosexueller Zeitschriften und Magazine stieg weiter. In jeder größeren Stadt und manchen Landkreisen gab es Homosexuellengruppen, die häufig auch telefonische oder persönliche Coming Out-Beratung anboten.

Zeitgleich war mit AIDS eine zunächst nur homosexuellen Männern zugeschriebene Krankheit aufgetaucht, die sexuell übertragbar ist. Indem die Gesundheitspolitik des Bundes und der meisten Länder Aufklärung und Information statt Repression einsetzte, konnte ein zunächst befürchteter Rückschritt für die gesellschaftliche Akzeptanz Homosexueller vermieden werden. Trotzdem prägte die Angst vor AIDS lange Jahre die öffentliche Diskussion um Homosexualität. Im politischen Bereich förderte der nötige Dialog einen engeren Kontakt zwischen Entscheidungsträgern und Betroffenen, was den Boden für weitere Fortschritte im gesellschaftspolitischen Bereich bereitete. Medien wie Bücher, Filme und TV-Sendungen mit homosexuellen Inhalten nehmen erheblich zu, im Rahmen der AIDS-Aufklärung an Schulen ist Homosexualität überall Thema.

Anfang der Neunziger wird durch die Wiedervereinigung eine Rechtsangleichung beider Staaten nötig, und der §175 wird endgültig abgeschafft. Dafür beginnt, vorangetrieben von prominenten Vertretern und Vertreterinen der Homosexuellen, den Verbänden und Parteigruppierungen die Auseinandersetzung um Anti-Diskriminierungsgesetze und Angleichung der Situation homosexueller Partnerschaften an die heterosexuelle Ehe, wie sie Dänemark 1989 mit der Einführung der 'registrierten Partnerschaft' in einem ersten Schritt vollzogen hat (Bech 1991).

Mit Referenten und Referentinnen 'für gleichgeschlechtliche Lebensweisen' schaffen Landesregierungen Ansprechpartner für beide Seiten, die zugleich über gewisse Mittel zur Förderung von sozialen Projekten und Forschungsvorhaben verfügen können. 1998 werden erstmalig beide offen homosexuellen Bundestagsabgeordneten (eine Frau, ein Mann) wiedergewählt, und in vielen Landesparlamenten vertreten gleichermaßen Männer und Frauen die Homosexuellen. Keine der vielen Fernseh-Seifenopern kommt ohne homosexuelle Charaktere aus, in Talkshows ist Homosexualität eines jener Themen, die mit großer Regelmäßigkeit aufgegriffen werden, der Buchmarkt bietet unzählige Werke von Belletristik über Sachbücher bis zum Fotoband, in bundesdeutschen Großstädten vergeht kaum eine Nacht, in der nicht irgendeine Diskothek eine spezielle 'Gay-Night' veranstaltet. Im Sommer 1998 überträgt ein drittes Fernsehprogramm vier Stunden lang die 'Gay Parade' aus der Kölner Innenstadt. Ende 1998 öffnet - ebenfalls in Köln - das erste mit öffentlichen Mitteln subventionierte homosexuelle Jugendzentrum seine Pforten, und im Februar 1999 versucht der erste private TV-Sender, ein regelmäßiges Magazin für Homosexuelle zu etablieren.Dieser - natürlich nicht vollständige - Überblick wirft ein Schlaglicht auf die Bedingungen, unter denen die für diese Arbeit interviewten Männer aufwuchsen. Einige wurden noch unter der CDU-Alleinregierung Adenauer geboren und lebten unter der 'familienfreundlichen' Politik eines Minister Wuermeling, der "das Sittengesetz als wichtigste Grundlage von Familie, Volk und Staat" ansah (Haensch 1969, S.79), während die Jüngsten in die 70er Jahre der sozial-liberalen Koalition und ein Klima hineinwuchsen, in dem engagierte Prominente und die Emanzipationsbewegung bereits begonnen hatten, Homosexualität zum öffentlichen Thema zu machen und als Homosexuelle öffentlich sichtbar zu sein. Der Wandel der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dürfte nicht ohne Auswirkung auf diejenigen geblieben sein, die in jenen Jahren ihr homosexuelles Begehren entdeckten und sich dafür entschieden, dieses auch zu leben.

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Fußnoten Kap.2

1. Weitere Einzelergebnisse finden sich in Kap.4.1.2

2. Als 'sissy' werden im Amerikanischen Jungen bezeichnet, welche sich 'typischen' Jungenaktivitäten (prügeln, toben etc.) verweigern und Eigenschaften zeigen, welche 'untypisch' für einen Jungen sein sollen (leicht verletzlich, sensibel etc.). Als 'sissy' wird ein Junge von anderen Jungen tituliert, um ihn in seiner Männlichkeit abzuwerten.

3. Green (1987) zitiert die Mutter eines neunjährigen Jungen: "His kindergarten teacher noticed that something was wrong because he got in the girls' line instead of the boys' line at the drinking fountain."(S.1)

4. "Vindex", der Titel seiner ersten Schrift, bedeutet im Lat. "Eingreifer", aber auch "Beschützer" oder "Rächer"


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