3.     Datenerhebung und Forschungsmethodik

3.1.      Einleitung

Ziel der Studie war es, die psychosexuelle Entwicklung und die soziale Einbindung im Verlauf von Kindheit und Jugend homosexueller Männer bis zu ihrem Coming Out zu beschreiben, wobei der Faktor Geschlechtsrollenkonformität kontrolliert werden sollte.

Es sollte damit ein Zeitabschnitt detailliert betrachtet werden, der vor dem Beginn des eigentlichen Lebens als erwachsener Homosexueller liegt und der bisher vorrangig unter dem Gesichtspunkt der Ätiologie sexueller Orientierung beforscht wurde. Gleichzeitig sollte mit der Unterscheidung verschiedener Untergruppen der Forderung entsprochen werden, Differenzierungen innerhalb der Gesamtgruppe der Homosexuellen zu studieren (Bailey 1996, Savin-Williams 1998). Angestrebt waren dabei auch Erkenntnisse über die Auswirkungen nicht-rollenkonformen Verhaltens von Jungen, welche auch auf nicht-homosexuelle Kinder und Jugendliche übertragbar sein könnten.

Alle großen Studien zur Lebenssituation homosexueller Männer basieren auf einem quantitativen Instrumentarium, in der Regel umfangreiche Fragebögen mit fast ausschließlich geschlossenen Fragen. Dies ist wohlbegründet und für die jeweilige Fragestellung sinnvoll, wenn es etwa gilt, Hypothesen zu überprüfen oder quantitative Veränderungen im Zeitablauf zu verfolgen. Die quantitativen Ergebnisse des Kinsey-Instituts (Bell & Weinberg 1978b) lieferten umfangreiche Daten zu Sexualität und Partnerschaften homosexueller Männer und Frauen, deren Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung sowie der sozialen und psychologischen Anpassung. In ähnlicher Weise konnten Dannecker und Reiche (1974) aufgrund ihres 170 Fragen umfassenden Fragebogens das Coming Out, die homosexuelle Subkultur, Sexualität und Freundschaften, Arbeitssituation und psychische Verfassung der befragten männlichen Homosexuellen beschreiben und Hypothesen verifizieren bzw. falsifizieren.

Die Fragebögen erreichten eine große Zahl von Adressaten, die anonym auf die für alle vollkommen gleichen Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten reagieren konnten. Die Daten waren leicht zu erfassen und konnten mit einer Vielzahl statistischer Verfahren ausgewertet werden. Dannecker konnte 1990 bei seiner Replikationsstudie unschwer Veränderungen erfassen, so wie es Bochow mit seinen mehrfach wiederholten Befragungen homosexueller Männer, ihrer Sexualität, ihrer Lebenssituation und ihrem Umgang mit AIDS tat, zuletzt 1997.

Nur einzelne Forscher(gruppen) wichen im Verlauf der vergangenen 50 Jahre von diesem rein quantitativen Vorgehen ab. Humphreys (1974) benutzte in seiner methodisch bemerkenswerten Arbeit die teilnehmende Beobachtung, um homosexuelle Kontakte in öffentlichen Toiletten zu studieren, kombiniert mit anderen nonreaktiven Ansätzen und halbstandardisierten Interviews. Masters und Johnson (1979) beobachteten das Sexualverhalten homo- und heterosexueller Paare unter Laborbedingungen. Während es Humphreys jedoch darum ging, auf unbekanntem Terrain die dort vorfindbaren Regeln und Rollen zu erkunden und Muster kollektiven Handelns zu entdecken, standen die Beobachtungen von Masters und Johnson in der Tradition klassisch naturwissenschaftlicher Forschung, in der Sexualverhalten im Detail beschrieben und physiologische Reaktionen vermessen wurden.

Das Standard-Instrument zur "Darstellung des wirklichen Lebens der Homosexuellen" (Dannecker & Reiche 1974, S.10) blieb jedoch der Fragebogen mit überwiegend geschlossenen Fragen. Erst in letzter Zeit wurde das Instrumentarium weiter ausgedehnt. Bochow arbeitete bei seiner Studie zum Leben in der Provinz mit einem standardisierten Interview, bei dem er die offenen Antworten protokollierte (1998). Savin-Williams befragte männliche homosexuelle Jugendliche, zuerst anonym mit einem Fragebogen und anschließend weitere Jugendliche in einem eher narrativ-orientierten Interview-Ansatz (1998). Noch intensiver nutzten kleinere Studien im Rahmen von Diplomarbeiten und Dissertationen (Gehling 1993, Grossmann 1983, Hentzelt 1994, Zemann 1991) die Möglichkeiten qualitativer Forschung.

Diese Annäherungen an ein qualitatives Forschungsdesign resultieren meist aus einer Unzufriedenheit mit den Ergebnissen quantitativer Projekte. Trotz erheblichen Umfangs der Samples konnte die Frage nach dem Ausmaß der Repräsentativität - immerhin ein wichtiges Ziel quantitativer Forschung (Flick 1995) - nicht befriedigend beantwortet werden (s. Kap.3.7). Bell et al. (1981) betonten: "Wir können gar nicht genug hervorheben, daß unser Sample nicht repräsentativ ist"(S.21), auch wenn andere ihr Sample für hinreichend repräsentativ hielten (Schofield 1965) oder auch von einem repräsentativen Sample keine abweichenden Ergebnisse erwarteten (Dannecker & Reiche 1974). Die z.T. stark voneinander abweichenden Ergebnisse verschiedener Arbeiten selbst auf gleichlautende Fragen (Grossmann 1983) lassen hier jedoch Zweifel aufkommen.

Ein zentraler Kritikpunkt an dem Forschungsdesign quantitativer Studien ist jedoch die lineare Strategie, welche von vornherein ein relativ festes Verständnis vom Forschungsgegenstand voraussetzt, aus theoretischen Überlegungen heraus Hypothesen formuliert und diese mit Hilfe der Daten testet. Die Standardisierung von Erhebungsinstrumenten und -situationen ist bei dieser Strategie "sachnotwendig"(Witt 1997, S.260), wenngleich in der Praxis kaum erreichbar, da "nur ein kleiner Teil der Befragten zu einer identischen Interpretation der intendierten Bedeutung fähig" ist (Hoffmann-Riem 1980, S.358). Integraler Bestandteil quantitativer Studien ist also die Annahme, durch komplexe Suchstrategien Repräsentativität und durch eine (scheinbare) Standardisierung gültige und zuverlässige Ergebnisse zu erreichen.

Selbst wenn diese Annahme nicht unbegrenzt akzeptiert werden kann, werden quantitative Ergebnisse damit keineswegs wertlos. Für klar abgegrenzte Fragestellungen in einem weitgehend bekannten Feld und einem bekannten Forschungsgegenstand können durchaus wesentliche situationsübergreifende Regelhaftigkeiten erfaßt werden - allerdings nicht unbekannte Zusammenhänge, Bezüge und Strukturen, welche diese Regelhaftigkeiten erklären können (Witzel 1985). Der Befragte kann nicht passende Zusammenhänge herstellen oder Differenzierungen machen, die nicht von den Forschern eingeplant sind. Erfragt und gefunden werden Regelhaftigkeiten, wie etwa von Bell et al. (1981), daß prähomosexuelle Jungen häufiger als präheterosexuelle Jungen Einzelgänger waren. Womit sich diese Tatsache erklären läßt, was zu diesem Einzelgängertum führt, ob es eine Folge von Diskriminierung homosexuellen Verhaltens oder von mangelnder Rollenkonformität oder anderen Umständen ist, kann den Daten der Forschergruppe nicht entnommen werden.

Dies war aber gerade ein wichtiges Ziel der vorliegenden Arbeit: Zusammenhänge zu entdecken und zu verstehen, unterschiedliche Entwicklungen und individuelle Konstruktionen des eigenen Lebens nachzuvollziehen, wie sie bei homosexuellen Männern vorfindbar sind, die über ihre Kindheit und Jugend erzählen. Nicht Einzelphänomene sollten zusammengetragen werden, sondern ein komplexes Bild, welches den Sinn der vorfindbaren Entwicklungen nachvollziehen läßt. Es sollten nicht vorab Zusammenhänge vermutet werden, um daraus Hypothesen abzuleiten und diese in operationalisierter Form zu überrüfen. Dies wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt und angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes kein angemessenes Vorgehen, um "Neues" (Kleining 1994) über die psychosexuelle und soziale Entwicklung eines Kindes zum homosexuellen Mann zu entdecken.

Es sollte bei diesem bislang in vergleichbarer Weise nicht erforschten Feld das "Prinzip der Offenheit" (Witzel 1985) vorherrschen, es sollte exploriert werden, das Feld erkundet werden. Für die vorliegende Arbeit boten sich daher Forschungsstrategien an, welche sich eine prinzipielle Offenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand wie auch dem methodischen Vorgehen bewahren. Voraussetzung mußte auch sein, trotz der in Kap.1.3 beschriebenen eigenen Betroffenheit nicht vom Prinzip einer grundsätzlichen Fremdheit abzuweichen.

Es war daher naheliegend, eine schwerpunktmäßig qualitativ ausgerichtete Forschungsstrategie anzuwenden. Es sei an dieser Stelle darauf verzichtet, Grundlagen und Historie qualitativer Sozialforschung zu referieren, da hervorragende Arbeiten hierzu vorliegen (u.a. Flick 1995, Hopf & Weingarten 1984, Kleining 1994). Vorab sollen lediglich die Fragestellungen der Studie vorgestellt und der Forschungsprozeß kurz beschrieben werden, um diesen dann in den folgenden Abschnitten ausführlich dazustellen und im Einzelnen zu begründen.
 
 

3.2.     Fragestellungen der Studie und Überblick über den Forschungsprozeß

Die vorliegende Arbeit möchte folgende Fragen untersuchen:
    1. Existieren wesentliche Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten prähomosexueller Jungen in der Kindheit?
    2. Welche Auswirkung hat eine mögliche Geschlechtsrollen-Konformität und -Nonkonformität in der Kindheit auf die soziale Einbindung in Familie und soziales Umfeld während Kindheit und Jugend?
    3. Welche Auswirkung hat eine mögliche Geschlechtsrollen-Konformität und -Nonkonformität in der Kindheit auf die psychosexuelle Entwicklung zum erwachsenen Homosexuellen? Wirkt sie sich aus auf die Wahrnehmung gleichgeschlechtlicher Empfindungen, auf homo- und heterosexuelle Kontakte und auf das Coming Out?
Zur Untersuchung dieser Fragestellungen wurde ein mehrstufiges Vorgehen angewendet. Im Zentrum stand die Durchführung von insgesamt 33 Interviews mit homosexuellen Männern zwischen 20 und 40 Jahren in der Zeit von Oktober 1996 bis Juni 1997. Die Interviews wurden durch einen Leitfaden mit 18 Fragen bzw. Themenbereichen grob strukturiert, der als Orientierungshilfe benutzt wurde, damit alle Themenbereiche bzw. Lebensabschnitte (Kindheit, Pubertät, Adoleszenz, Erwachsenenalter) berücksichtigt wurden. Im Anschluß an die Interviews füllten die Befragten einen Begleit-Fragebogen mit demografischen Fragen sowie solchen zum gegenwärtigen Beziehungs- und Sexualverhalten aus. Der Fragebogen enthielt zudem am Ende ein 'BEM Sex Role Inventory' zur Messung heutigen geschlechtsspezifischen Verhaltens.

Den Interviews voraus ging eine Testphase im Sommer/Herbst 1995, in der sechs homosexuelle Männer in einem narrativ orientierten Verfahren interviewt wurden. Die Interviews führten zu einer Modifikation der ursprünglichen Forschungsstrategie und der Bildung verschiedener Untergruppen homosexueller Männer nach dem Kriterium ihres berichteten Geschlechtsrollenverhaltens in der Kindheit, welches mit einem Auswahl-Fragebogen erhoben wurde. Der Fragebogen war in 280 Exemplaren überwiegend im Großraum Hamburg, zusätzlich auch in Berlin, Köln und Frankfurt verteilt worden, von denen schließlich 151 in den Forschungsprozeß einbezogen werden konnten.

Per Clusteranalyse wurden fünf Untergruppen gebildet und zwei davon ausgewählt, welche als 'Extremgruppen' angesehen werden konnten: zum einen Männer, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit dem 'typischer' Jungen entsprach, zum anderen Männer, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit jungen-'untypisch' war. Zwei Drittel der Interviews wurden mit Angehörigen dieser beiden Cluster durchgeführt. Das letzte Drittel der Interviews entfiel auf die restlichen drei Cluster.

Im Sommer 1997 wurde mit der Verschriftlichung der Interviews begonnen und Anfang 1998 mit der Auswertung des Materials im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse. Auswertung und dabei parallel begonnene Darstellung konnten im Sommer 1999 abgeschlossen werden.

Die einzelnen Schritte im Forschungsprozess, der im Sinne von Kleining (1994) als zirkulärer Prozess verstanden wurde, sollen nun ausführlich dargestellt und begründet werden. Ausgehend von den Fragestellungen der Untersuchung möchte ich mein anfängliches 'Vorverständnis' darlegen, welches zu einem ersten Untersuchungsdesign und Probe-Interviews führte.

Die Bewertung der Erfahrungen und Erkenntnisse veränderten die Sicht auf den Forschungsgegenstand und bedingten ein grundlegend verändertes Untersuchungsdesign, welches ebenfalls beschrieben und begründet wird.

Im Anschluß daran werden die Erhebungsinstrumente Auswahlfragebogen, Interview-Leitfaden und Begleit-Fragebogen vorgestellt. Es folgt ein Abschnitt über die Durchführung der ersten Fragebogen-Erhebung, deren Auswertung und die Clusterbildung. Die fünf Cluster werden danach durch ihre jeweils spezifischen Antwortmuster skizziert. Eine Beschreibung der Durchführung der Interviews sowie der Auswertung von Interview und Begleit-Fragebogen schließt das Kapitel ab.

"Je offener das Vorgehen ist, desto genauer muß beschrieben werden, wie im einzelnen, Schritt für Schritt, der Forschungsprozeß ablief." (Mayring 1990, S.17). Im Vordergrund soll dabei die Nachvollziehbarkeit des Prozesses und des Vorgehens stehen, um so die Entstehungsbedingungen der Ergebnisse offenzulegen und eine kritische Auseinandersetzung damit zu ermöglichen.
 
 

3.3.      Anfängliches Vorverständnis

Ohne Deutung und Interpretation kann eine Studie wie die vorliegende nicht durchgeführt werden, auch wenn im vorliegenden Fall versucht wurde, eng an den Aussagen der Befragten zu bleiben. Wenn aber durch Interpretation und Deutung die "Forscher-Gegenstand-Interaktion" (Mayring 1990, S.13) genutzt wird, dann muß offengelegt werden, mit welchem Vorverständnis sich der Forscher dem Gegenstand genähert hat (Witt 1997) und wie dieses Vorverständnis sich im Verlauf des Forschungsprozesses gewandelt hat zu einem "erweiterten Gegenstandsverständnis" (Danner 1979). Danner hat dies als "hermeneutische Spirale" dargestellt, bei der ausgehend vom Vorverständnis ein Verständnis vom Gegenstand erlangt wird, welches ein erweitertes Vorverständnis mit sich bringt und im Anschluß ein erweitertes Gegenstandsverständnis. Im Prinzip entspricht dies der zirkulären Strategie von Kleining (1994), die davon ausgeht, daß das Vorverständnis über einen Gegenstand als vorläufig angesehen wird und mit neuen, nicht kongruenten Informationen überwunden wird (S.23).

Mein eigenes Vorverständnis zu Beginn des Forschungsprozesses habe ich bereits in Grundzügen im 1.Kapitel dargelegt (unter 1.3). Dies möchte ich hier ergänzen.

Der Einstieg in diese Studie liegt im Grunde fast 15 Jahre zurück. Im Rahmen der Arbeiten zu einem Buch über Partnerschaften homosexueller Männer (Grossmann 1986) befragte ich die damaligen Interviewpartner auch über ihre frühen Beziehungserfahrungen, um möglichen Mustern und Zusammenhängen mit den späteren Beziehungen auf die Spur zu kommen. Damals bildete sich aus jenen Teilen der Interviews eine Vorstellung von der Kindheit homosexueller Männer: Geschlechtsrollen-Erwartungen an das männliche Kind werden nicht erfüllt, es kommt häufig zu Konflikten mit männlichen Peers, die Nähe zu weiblichen Peers und erwachsenen Frauen wird gesucht, Rückzug und erhebliches Leid sind die Folge.

Weiter genährt wurde dieses Vorverständnis früh durch weitverbreitete Stereotype innerhalb der Gruppe der Homosexuellen sowie später die ersten umfassenden Veröffentlichungen Dritter über die Zeit vor dem Coming Out bzw. die Kindheit (Silverstein 1981, Bell et al.1981, Green 1987, Isay 1990, Friedman 1993).

Seine maßgebliche Grundlage hatte dieses Vorverständnis aber in den ganz persönlichen Erinnerungen an die Zeit als prähomosexuelles Kind, welches sich scheinbar ganz in Übereinstimmung mit der Stereotype verhalten zu haben schien - jedenfalls erinnerte ich es noch zu Beginn der Untersuchung so. Ich war bereit, meine eigene Kindheit und Jugend parallel zu der bei Isay beschriebenen Regelmäßigkeit zu sehen und zu beschreiben, die Ähnlichkeiten zwischen meinen damaligen eigenen Erinnerungen und der Schilderung des homosexuellen Analytikers Isay waren groß genug, um ein (Vor-)Verständnis von der Kindheit homosexueller Männer zu bilden - zumal sie im Einklang mit den anderen mir bekannten Quellen stand.

Isay schilderte, beruhend auf etwa 40 Psychoanalysen mit homosexuellen Männern, wichtige Merkmale, welche das prähomosexuelle Kind nach seiner Erfahrung auszeichnen: es erlebe sich frühzeitig ("etwa ab vier Jahren", S.32) als 'anders', habe das Gefühl, 'nicht dazuzugehören', empfinde sich als sensibler, verletzlicher als die anderen Jungen, interessiere sich stärker für "ästhetische" Dinge, sei weniger aggressiv. Es entziehe sich dem Kontakt mit den männlichen Peers und werde von ihnen ausgegrenzt, suche und finde hingegen früh den Kontakt zu Mädchen oder weiblichen Erwachsenen oder bleibe Einzelgänger. Zum Vater bestünde frühzeitig ein sexuellen Begehren, welches sich im Verhältnis zwischen beiden störend bemerkbar machen würde. Das schwache Selbstwertgefühl, welches durch Ablehnung (u.a. durch den Vater) und Ausgrenzung (u.a. durch die männlichen Peers) entstünde, wäre der Hauptgrund, warum Erkenntnis und Akzeptanz der Homosexualität bis zur Spätadoleszenz oder dem frühen Erwachsenenalter aufgeschoben würde.

Mit diesem Vorverständnis plante ich die vorliegende Untersuchung. Ich hoffte, mit Hilfe von intensiven Interviews mit einer Reihe von homosexuellen Männern mehr über diese Kindheit zu erfahren und möglichst zu dokumentieren, wie der homosexuelle Mann bereits lange vor dem eigenen Bewußtsein vom sexuellen 'Anderssein' Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen in einer Gesellschaft macht, die abweichendes Geschlechtsrollenverhalten nicht duldet. Es sollte mit Hilfe der Interviews versucht werden nachzuweisen, daß es sich dabei nicht um vereinzeltes, zufälliges Leiden handelt, sondern eine kollektive Erfahrung, die schwerlich ohne Folgen für das spätere Leben als herangewachsener Homosexueller bleiben konnte. Vorrangig war damals der anti-diskriminatorische Ansatz.
 
 

3.4.      Erstes Untersuchungsdesign und Probe-Interviews

Um einen Zugang zu den ganz persönlichen Erinnerungen aus der Kindheit homosexueller Männer zu erhalten, mußte ein methodisches Vorgehen ausgewählt werden, welches den Befragten eine eigene Schwerpunktsetzung und Strukturierung möglich macht. Fragebögen mit geschlossenen Fragen schieden von daher von vornherein aus, selbst solche mit offenen Fragen hätten es schwerlich erlaubt, vollkommen neue Zusammenhänge zu entdecken und den Befragten eine kontinuierliche Beschreibung ihres erinnerten Erlebens und Fühlens ermöglicht, zumal das Niederschreiben eine zusätzliche Hürde darstellt, ausführlich und ungefiltert zu berichten.

Geplant war daher ursprünglich eine Interview-Studie mit einigen (maximal 10 bis 15) homosexuellen Männern. Zwar existierte, wie oben ausgeführt, eine recht konkrete Vorstellung über diese Erfahrungen, um dennoch für Anderes aufgeschlossen zu sein, sollte das Interviewverfahren möglichst offen gestaltet sein. Gedacht war an Gespräche mit den Männern, die dem inzwischen gut eingeführten Konzept des narrativen Interviews (Schütze 1977) folgen sollten, welches in der Erforschung biographischer Zusammenhänge häufiger eingesetzt wird und mit dem bereits Erfahrungen in einer Studie über das Coming Out homosexueller Männer bestand (Grossmann 1983). Als alternative Vorgehensweisen wurden biographische Interviews in Betracht gezogen, wie sie etwa im Rahmen der Shell-Jugend-Studie (Behnken & Zinnecker 1992) oder zur Analyse von Scheidungserleben (Eckhardt 1993) verwendet wurden.

Interviewt werden sollten Männer, die sich selbst als ausschließlich oder überwiegend homosexuell bezeichnen. Damit sollte nicht präjudiziert werden, daß z.B. bisexuelle Männer nicht eine ähnliche psychosexuelle und soziale Entwicklung haben können, es sollte vielmehr sichergestellt sein, daß zumindest im Punkt der sexuellen Orientierung oder Präferenz oder der "Existenzweise" (Bech 1997a) eine Übereinstimmung zwischen den Interviewpartnern vorhanden ist.

Es war zudem daran gedacht, zusätzlich als 'Kontrollgruppe' einige heterosexuelle Männer zu befragen, die ebenfalls in ihrer Kindheit mangelnde Geschlechtsrollen-Konformität gezeigt hatten, um so die Bedeutung des Faktors Geschlechtsrollenverhalten besser herausarbeiten zu können.

Die gesellschaftlichen Veränderungen zum einen bezüglich Homosexualität (De Cecco 1991), aber auch gegenüber Geschlechtsrollen, ließ es geboten erscheinen, enge Altersgrenzen vorzunehmen, innerhalb derer die Männer geboren wurden (Boxer & Cohler 1989). Als Begrenzung nach oben wurde ein Alter von 40 Jahren gewählt, d.h. alle interviewten Männer wurden frühestens Mitte der 50er Jahre geboren. Um einen hinreichenden Abstand der meisten Männer zu ihrem Coming Out als homosexueller Mann vorfinden zu können, wurde als Untergrenze ein Alter von 20 Jahren festgelegt. Es wurde davon ausgegangen, daß ein zeitlicher Abstand von einigen Jahren hilfreich dabei sein würde, auch einen inneren Abstand zum Geschehenen zu erhalten und in der Bewertung damit weniger von momentanen Stimmungen abhängig zu sein. Der jüngste potentielle Interviewpartner konnte also Mitte der siebziger Jahre geboren worden sein.

Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen für männliche und weibliche Homosexuelle (Bochow 1998) ebenso wie für Jungen und Mädchen bzw. männliche und weibliche Jugendliche (Zinnecker 1992) ließen eine gemeinsame Studie im Rahmen der vorliegenden Möglichkeiten nicht für sinnvoll erachten. Gerade die unterschiedliche soziale Bewertung von abweichendem Geschlechtsrollenverhalten bei Jungen und Mädchen (Düring 1993) verbietet einen Vergleich; zu sehr sind einzelne soziale Felder, in denen Kinder und Jugendliche sich bewegen, nach Geschlechtern getrennt oder werden einzelne Fähigkeiten je nach Geschlecht in ihrem Zusammenhang mit möglicher Homo- bzw. Heterosexualität vollkommen unterschiedlich bewertet. So wird eine Frau, die im Sport leistungsstark und kraftvoll ist, für lesbisch gehalten (Patzkill 1990), Männer hingegen, die leistungsstark im Sport sind, für heterosexuell. Zudem ist die psychosexuelle Entwicklung von lesbischen Frauen, wie sie bisher dokumentiert wurde (Cass 1978, Düring 1994, Gissrau 1991b) in einer ganzen Reihe von Punkten sehr verschieden von jener, wie sie von homosexuellen Männern berichtet wird. Gissrau empfiehlt daher auch die getrennte Erforschung weiblicher und männlicher Homosexualität.

Im Sommer/Herbst 1995 wurde mit sechs Männern narrative Interviews gemacht, um zu erproben, ob dieses Instrument geeignet war, Erinnerungen über die eigene psychosexuelle Entwicklung zu evozieren und mehr über die Themen zu erfahren, welche von verschiedenen homosexuellen Männern bei den Erzählungen über ihre Kindheit angeschnitten werden. Es waren Männer aus meinem weiteren Bekanntenkreis, die ich um ein Interview bat, jedoch keine engeren Freunde.

Vorab wurde den Interviewpartnern mitgeteilt, daß mich ihre Kindheit interessieren würde: wie und mit wem sie gelebt hätten, welche Menschen es in ihrer Umgebung gab, mit denen sie in näheren Kontakt kamen, was sie gern getan haben, wie sie sich gefühlt haben, was für sie wichtig war damals. Ich bat sie, mir einfach alles zu erzählen, was ihnen in diesem Zusammenhang einfiel. Als "erzählgenerierende" Ausgangsfrage wurden die früheste Erinnerung erfragt, die sie im Augenblick des Interviews an ihre Kindheit hatten.

Das Interview wurde auf Band aufgezeichnet. Entsprechendend den von Schütze (1977) entwickelten Regeln wurden in diesem Teil des Interviews keine expliziten Nachfragen gestellt, Äußerungen des Interviewers beschränkten sich auf geringe, den Erzählfluß unterstützende und aufmunternde Bemerkungen, die fortbestehendes Interesse und die Sicherheit vermitteln sollten, daß ihre Erzählung vollkommen dem entspreche, was ich erwarten würde. Lediglich wenn die Erzählung sehr lange ins Stocken geriet oder der 'rote Faden' zu sehr verlorenzugehen drohte, wurde Hilfestellung in Form einer allgemein gehaltenen Frage gegeben ("Magst du vielleicht mehr über deine Familie oder deine Freunde erzählen?").

In der Nachfragephase wurden vor allem jene sozialen Felder angesprochen, über die der Befragte von selbst bisher nicht gesprochen hatte, und Unklarheiten thematisiert, die sich beim Zuhören im ersten Teil ergeben hatten. Außerdem wurden einige demographische Daten abgefragt, sofern sie nicht bereits im Rahmen der Erzählungen beantwortet worden waren.

Vier der Interviews wurden im Winter 1995/96 verschriftlicht und einer Kurzauswertung unterzogen, auf die Verschriftlichung der letzten beiden wurde verzichtet, da bereits die kritischen Punkte des bisherigen Vorgehens und die Einschränkungen des bisherigen Vorverständnisses sichtbar geworden waren. Nicht nur die Interviews mit den anderen Männern boten ein neues Verständnis vom Gegenstand, sondern auch die durch den Forschungsprozeß angestoßene eigene Erinnerung - gerade auch im Rahmen der Interviews, wenn die befragten Männer Situationen schilderten, die mir nicht ganz unbekannt waren, oder sie ein Erleben schilderten, welches zwar meinem Vorverständnis entsprach, in der überprüften Erinnerung von mir jedoch ganz anders erlebt wurde. Ich erinnerte eigene Verhaltensweisen, Eigenschaften, Erlebnisse, Empfindungen, die wenig zum Vorverständnis paßten, und andere, die ich offenbar dem Vorverständnis einverleibt hatte, weil sie mir selbst so vertraut und 'logisch' erschienen, die aber mehr mit meinen ganz individuellen Lebensumständen als mit meinem Schicksal als prähomosexuelles Kind zusammenhingen. So wurde schon mein Verständnis vom Gegenstand 'meine eigene Kindheit als homosexueller Mann' durch die Probeinterviews beträchtlich erweitert. Zusätzliche Lektüre, auf die ich nun aufmerksam wurde, verstärkte diesen Prozeß. Die "Forscher-Gegenstand-Interaktion" war im vollen Sinne des Wortes in Gang gekommen.

Deutlich wurde in Bezug auf die Interviews folgendes:

  1. In den Erzählungen tauchten zwar eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen einigen der Männer auf, deutlicher waren jedoch die Unterschiede. So berichteten einzelne von einer starken Abweichung im Geschlechtsrollenverhalten (Spiele mit Puppen, Verkleiden als Mädchen, die Gesellschaft der Mädchen wird gesucht, starke Ängstlichkeit etc.), während andere ihre Kindheit wie die eines 'typischen' Jungen beschrieben (Fußball spielen, gerne mit anderen Jungen rangeln, Spiele mit "Action" bevorzugen etc.) und wieder andere kaum in ähnlicher Weise beschreibbar waren. Es erschien unmöglich, auch nur Ansätze einer 'üblichen' prähomosexuellen Kindheit zu beschreiben. Aufgrund dieser erheblichen Unterschiede bot es sich an, nicht die Kindheit homo- mit der von heterosexuellen Männern zu vergleichen (Gagnon 1978), sondern sich auf homosexuelle Männer zu beschränken und ggf. verschiedene Untergruppen zu befragen.
  2. Wegen dieser leicht wahrnehmbaren Unterschiede tauchte die Frage auf, ob es im Verlauf der Pubertät und Adoleszenz oder nach dem Coming Out zu einer Annäherung der erinnerten Erfahrungen komme, so wie es Düring (1993) sowie Burn, O'Neil und Nederend (1996) für Mädchen berichtet hatten, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit stark differierte. Daher erschien es notwendig, den untersuchten Zeitraum zu erweitern und zumindest die Erfahrungen als Jugendliche mit einzubeziehen.
  3. Das Instrument des narrativen Interviews (oder der forschende Gesprächspartner) erschien nicht genügend geeignet, freie Erzählungen über alle jene Bereiche hervorzurufen, die mich interessierten. Die Freiheit der Befragten, alles zu erzählen, was sie für angebracht hielten (Kleining 1994), erwies sich als bedeutsamer Nachteil in einem Themenfeld, welches vom Gegenstand (gesamte Kindheit) sehr umfassend und nicht wie manch andere bei narrativen Interviews vollkommen fremd war. Einige Interviewpartner äußerten sich kaum über die Gefühle, welche sie im Zusammenhang mit einigen Erlebnissen gehabt hatte, andere wechselten ständig zwischen sehr verschiedenen Zeitabschnitten ihrer Kindheit und Jugend, so daß es häufig zu Mißverständnissen beim Interviewer kam, wieder andere waren es nicht gewohnt, von sich aus länger zu erzählen, während noch andere bei jedem Thema derart breit in Details gingen, daß auch bei einem zehnstündigen Interview kaum alle Bereiche abgedeckt gewesen wären, über die ich mir Informationen erhoffte. Es zeigte sich, daß die "narrative Kompetenz" (Hoffmann-Riem 1980) der Interviewpartner nicht gleichmäßig ausgebildet war. Bei einem Thema mit stärkerem Handlungsbezug (z.B. "Meine Beziehung zu anderen Kindern in der Grundschule") wäre dies wahrscheinlich anders gewesen. Zudem ließ sich bei den durchgeführten Interviews die Befürchtung nicht erhärten, eine stärkere Struktur bzw. festgelegte Fragen würden den Zugang zu "subjektiven Bedeutungsstrukturen" (Mayring 1990, S.51) versperren. Eine Veränderung hin zu etwas mehr Struktur schien notwendig und möglich.
  4. Die Erhebung quantitativer (demographischer) Daten im Verlauf des Interviews führte zu wahrnehmbaren Konzentrationsmängeln beim Interviewer. Es mußte daran gedacht werden, sie im Laufe des Interviews zu erfragen, teilweise noch zu Beginn, meist im Rahmen der Nachfragephase. Dies belastete die Aufmerksamkeit während des Interviews nicht unerheblich.
In der Konsequenz aus diesen Erfahrungen wurde das Untersuchungsdesign verändert. Es wurden neue Fragestellungen formuliert (insbesondere die Bedeutung unterschiedlichen Geschlechtsrollenverhaltens wurde einbezogen). Der Zeitraum, über den die Männer befragt werden sollten, wurde auf die Adoleszenz und das Coming Out erweitert, und das methodische Vorgehen während des Interviews wurde abgeändert.
 
 

3.5.      Verändertes Untersuchungsdesign

Das Re-Design der Studie umfaßte neben der veränderten Fragestellung sowohl die geplante Zusammensetzung des Samples als auch Inhalte und Form des Interviews.

Stärker noch als bislang beabsichtigt, sollte von einer "prinzipiellen Fremdheit" zwischen Forscher und Beforschtem ausgegangen werden (Hoffmann-Riem 1984), um es möglich zu machen, das ganz eigene, individuelle Erinnern und Erleben der Befragten berücksichtigen zu können - gerade, wenn es vom persönlichen Erleben des Interviewers abweicht. Denn sowohl das Alltagswissen als auch die wissenschaftliche Darstellung glich in vielen Fragen dem von mir selbst aus der Kindheit erinnerten, so daß es ratsam erschien, vollkommen andere, davon deutlich abweichende Erinnerungen zu erheben.

Da aus den Probe-Interviews deutlich wurde, daß das Geschlechtsrollenverhalten der Befragten deutlich voneinander abwich, sollte dieser Faktor variiert werden, um die Kindheitserfahrungen möglichst auf unterschiedliche Weise betrachten zu können (Kleining 1994). Über ein "selektives Sampling" (Strauß 1991, S.71, zitiert nach Eckardt 1993, S.44) sollten zwei in Bezug auf diesen Faktor möglichst unterschiedliche Gruppen (Extremgruppen) interviewt werden. Savin-Williams (1998) schlägt exakt eine solche Differenzierung nach Geschlechtsrollenverhalten als Ergebnis seiner Interviewstudie mit jungen Homosexuellen vor, da auch in seiner Studie deutliche Unterschiede in diesem Bereich sichtbar wurden. Es ist ein wichtiger Schritt zur Dokumentation der von ihm konstatierten "diversity within" (S.2). Die Konzentration auf Extremgruppen folgt der Vermutung, an den extremen Ausprägungen lasse sich eine Gruppe besser studieren als an einem repräsentativen Querschnitt (Kleining 1994), auch wenn in diesem Fall die Extreme sich auf ein begrenztes Merkmal beziehen.

Um dementsprechende Interviewpartner zu finden, sollte ein Auswahl-Fragebogen konstruiert werden, der vor allem die Aufgabe hatte, die antwortenden Männer nach ihrem Geschlechtsrollenverhalten in ihrer Kindheit zu differenzieren. Gleichzeitig sollte die Gelegenheit genutzt werden und mit diesem breiter gestreuten Fragebogen einige Antworten erhoben werden, welche zur Gesamtthematik 'Kindheit und Jugend homosexueller Männer' gehörten, ohne direkt dem Ziel der Differenzierung des Samples zu dienen.

Das Sample wurde dahingehend angepaßt, daß nun auf eine heterosexuelle 'Kontroll'-Gruppe verzichtet wurde, da es nicht mehr darum ging, das Merkmal 'homosexuell' zu kontrollieren, sondern unterschiedliche homosexuelle Untergruppen zu untersuchen und ggf. zu vergleichen. Der Umfang des Samples sollte erstens von dem Verlauf der Interviews abhängig gemacht werden, d.h. bei den Extremgruppen im Sinne einer "zirkulären Strategie" (Witt 1997) davon abhängig gemacht werden, ob zusätzliche Interviews 'Neues' zutage fördern. Von daher war der Gesamt-Umfang nicht von vornherein festgelegt. Zusätzlich war daran gedacht, einige Interviews mit Angehörigen weniger "extremer" Gruppen zu machen, um das Gesamtbild ggf. vervollständigen zu können.

Für das Interview selbst wurde nun eine Form gewählt, welche dem "situationsflexiblen Interview" (Hoffmann-Riem 1984) entsprach, bei dem standardisierte Fragen entlang eines Leitfadens als Erzählanstöße fungieren sollten. Um die oben genannten Nachteile des 'narrativen Interviews' zu vermeiden, wurde so in der Systematik ein weniger 'radikaler' Ansatz gewählt, der vielversprechender für das Vorhaben erschien. Es bestand die Hoffnung, auf diese Weise den Fehler einer 'Leitfadenbürokratie' (Hopf 1978) zu vermeiden und den Befragten genügend Raum für eigene Schwerpunktsetzung und freie Assoziation zu lassen. Dementsprechend war der Leitfaden eher eine Hilfskonstruktion zur leichten Strukturierung der angesprochenen Themen, zur "thematischen Orientierung" (Hopf 1991), um sicherzustellen, daß von allen Interviewpartnern Reaktionen auf möglichst alle Themen existierten.

Im Sinne einer Methodenvielfalt (Kleining 1994) sollte ein weiterer Fragebogen im Zusammenhang mit dem Interview eingesetzt werden, um einerseits verschiedene demographische Angaben zu erheben und andererseits einige Fragen zur bisherigen Erfahrung mit früheren und aktuellen homosexuellen Partnerschaften zu erheben, die mit Ergebnissen verglichen werden könnten, welche bei der parallel stattfindenden Hamburger Studie über studentisches Sexualverhalten (Schmidt, Klusmann, Matthiesen & Dekker 1998) erhoben wurden. Außerdem war an den Einsatz einer Skala zur Messung geschlechtsrollenspezifischen Verhaltens (Schneider-Dueker & Kohler 1988) gedacht.

Es gab zusätzlich Überlegungen, weitere Methoden einzusetzen, etwa Tagebuch-Auswertungen, wie sie Trepp (1996) in ihrer Untersuchung über Rollenverhalten Hamburger Männer und Frauen zwischen 1770 und 1840 angewendet hatte, oder Gruppeninterviews (Düring 1993, Witzel 1985). Meines Wissens wurden beide Instrumente bisher in der Homosexuellen-Forschung noch nicht eingesetzt, die Textanalyse von Tagebüchern aus der Adoleszenz und Gruppeninterviews mit gemischten oder auch selektierten Gruppen Homosexueller würden sicher höchst interessante Ergebnisse hervorbringen. Zudem würde es der Forderung nach Methodenvielfalt noch höhere Priorität zumessen. Auf beides wurde jedoch aus ökonomischen und zeitlichen Gründen verzichtet. Da das Projekt ohne Finanzierung von außen und nur durch eine Person allein durchgeführt werden mußte, wäre diese 'Vielfalt' nicht möglich gewesen, ohne den Forschungsprozeß unangemessen auszudehnen.
 
 

3.6.      Entwicklung der Erhebungsinstrumente

3.6.1.      Auswahl-Fragebogen

Entsprechend dem Ziel des Auswahl-Fragebogens wurden eine Reihe von Variablen gesucht, welche eine Messung des Geschlechtsrollenverhaltens in der Kindheit ermöglichen sollten. Es konnte dabei auf eine Vielzahl von Arbeiten zurückgegriffen werden: die 'Boyhood Gender Conformity Scale' (Hockenberry & Billingham 1987) bzw. in erweiterter Form bei Phillips & Over (1992), welche auf Items aus der von Freund et al. (1974a) entwickelten 'Feminine Gender Identity Scale' und Withams (1977) sechs Indikatoren für Prä-Homosexualität aufgebaut wurde, das 'Children's Sex Role Inventory' (Boldizar 1991), welches auf dem 'Bem Sex-Role Inventory '(S.Bem 1974) für Erwachsene basierte, das 'Play Activity Questionnaire '(Finegan, Niccols, Zacher & Hood 1991), das 'Child Game Participation Questionaire' (Sandberg & Meyer-Bahlburg 1994) oder die 'Physical Aggressiveness Scale' (Blanchard et al. 1983).

Die meisten dieser Skalen fragten geschlechtsspezifisches Spielverhalten ab, d.h. die für Jungen oder Mädchen in westlichen Kulturen (Harris 1994) für typisch erachteten, sozial erwünschten oder empirisch beobachteten Verhaltensweisen im kindlichen Spiel oder anderes Verhalten, welches Verhaltensunterschiede zwischen Mädchen und Jungen aufweisen soll. Bailey und Zucker (1995) bezeichnen diese "easy observable phenomena" als "sex-typed", als "markers of childhood gender identity and gender role"(S.43).

Ein Teil dieser Skalen ist für die Anwendung bei Kindern konzipiert und wird vorwiegend im Zusammenhang mit der Diagnostik "Störung der Geschlechtsidentität" eingesetzt (Burke 1996, Cohen-Kettenis 1994, Friedman 1993), andere Skalen arbeiten retrospektiv.

Der Einsatz derartiger Skalen ist keineswegs unumstritten (Schenk & Hahn 1987, Sieverding &Alfermann 1992), auch wenn die Autoren stets darauf hinweisen, ihre Skalen würden lediglich die in der jeweiligen Gesellschaft vorfindbare kulturelle Definition von 'männlich' und 'weiblich' "reflektieren" (S.Bem 1974). Gerade diese Beschränkung auf bestimmte Kulturen mache den Einsatz und die Vergleichbarkeit von Daten problematisch (Ross 1983).

Andererseits wurden beobachtbare Unterschiede im rollenspezifischen Spielverhalten von Jungen und Mädchen vielfach nachgewiesen (u.a. Boldizar 1991, Finegan et al. 1991, Todt 1992), ebenso zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern (Chung 1996, Freund et al. 1977, Grellert, Newcomb & Bentler1982, Hawkins, Herron, Gibson & Hoban 1988). Blanchard-Fields et. al. (1994) bestätigten, daß die BEM-Skala zumindest einzelne Dimensionen des geschlechtsspezifischen Verhaltens messe.

Wenig überzeugend wäre gewesen, unter Negierung des gegenwärtigen Forschungsstandes eine der in den 70er oder 60er Jahren überwiegend in den USA entwickelten Skalen einzusetzen, die zudem vorrangig für den Einsatz mit Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen konzipiert waren. Die einzige deutsche Skala (Freund et al. 1974a) beruhte auf einem theoretischen Konzept aus den 50er Jahren, welches sich an noch älteren Geschlechtsrollenbildern und einer altmodischen Sprache orientierte. So wurde als weibliche Tätigkeit "Windelwaschen" aufgeführt, es wurde gefragt, ob jemand "jemals weibliche Kleidung angelegt", "Knabenspiele" gespielt habe. Auch kamen Items zum Einsatz, deren Unbrauchbarkeit für die erwünschte Differenzierung längst erwiesen ist ("Nehmen Sie an, eher eine männliche oder weibliche Stimme zu haben?")

Es wurde deshalb auf der Basis der bisherigen Skalen Items ausgewählt, welche beim Einsatz der Skalen besonders gut zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern differenziert hatten. Aus diesen Items wurden Listen von Eigenschaften und Kinderspielen entwickelt. Hierbei wurden neben den erwähnten Skalen auch jene Verhaltensweisen berücksichtigt, welche in der aktuellen Literatur als besonders typisch bzw. untypisch für Jungen bezeichnet wurden (Schnack & Neutzling 1990, Gilmore 1991, Schmauch 1993, Benard & Schlaffer 1995) oder als typisch für prähomosexuelle Jungen (Bell et al. 1981, Green 1987, Zuger 1989, Isay 1990, Phillips & Over 1992, Friedman 1993). Schließlich wurde berücksichtigt, wie sich jene Männer aus den Probe-Interviews als Kind charakterisiert hatten.

Die weiteren Einzelfragen wurden überwiegend dem umfangreichen Repertoire der Untersuchung von Bell et al. (1981) entnommen, um ggf. Vergleichszahlen zur Verfügung zu haben. Die Auswahl erfolgte allerdings wieder vor dem Hintergrund obiger Kriterien.

Nachdem sich zeigte, welche Bedeutung dem sportlichen Interesse prähomosexueller Jungen zukommt (Zuger 1989, Phillips & Over 1992, McConaghy 1995, Friedman 1993, Pronger 1990, Vincon 1996) und eine Überprüfung der neueren Literatur diese Bedeutung für die männliche Sozialisation bestätigte (Baur 1989, U.Bock & Brehm 1983, Brinkhoff 1992, Janke & Niehues 1995, Todt 1992, Zinnecker 1989), wurden weiterhin einige Fragen zum sportlichen Engagement aufgenommen.

Der Auswahl-Fragebogen besteht aus unterschiedlichen Teilen. Nach einem Text, der über die Untersuchung und den Forschenden informiert, eine kurze Anleitung zum Ausfüllen gibt und die Vertraulichkeit zusichert, folgten zur Einleitung (Schnell, Hill & Esser 1992) zwei demografische Fragen zur Wohnortgröße und dem familiären Umfeld in der Kindheit. Alle Fragen sollten beantwortet werden für die Zeit zwischen 6 und 12 Jahren. Damit wurde dem Problem Rechnung getragen, daß Angaben über die frühe Kindheit gemacht werden müssen, die nicht allen zugänglich sind. Andererseits sollte der Einfluß von Pubertät und Adoleszenz begrenzt werden.

Die folgenden Fragen bezogen sich auf Eigenschaften, welche sie nach Meinung der Befragten für den betreffenden Zeitraum am besten charakterisieren würden und das rollenspezifische Spielverhalten (Vorlieben für typische Jungen-, Mädchen- oder geschlechtsneutrale Spiele, Lieblingsspiele in der Kindheit, Verkleiden als Mädchen, Geschlecht der Spielgefährten).Es wurde danach gefragt, ob jemand als Kind Einzelgänger war, sich als 'anders' empfand und von anderen Kindern im Sportunterricht lächerlich gemacht und verspottet wurde. Zwei Fragen bezogen sich auf das sportliche Engagement (Spaß am Sport und Training), eine auf das Konfliktverhalten. Schließlich wurden die Befragten gebeten, sich einem 'Jungentyp' von wild bis feminin zuzuordnen.

Die restlichen Fragen bezogen sich weniger auf das Geschlechtsrollenverhalten, wenngleich sie durchaus im Zusammenhang damit stehen könnten. Vier Fragen behandelten das Verhältnis zum gleichgeschlechtlichen Elternteil und die Identifikation mit ihm, es wurde gefragt, ob von Seiten der Eltern vor der Geburt der Wunsch nach einem Mädchen bestand, und schließlich das Alter bei der ersten homo-erotischen Attraktion sowie dem Coming Out gegenüber sich selbst und anderen.

Der Fragebogen schloß mit der Bitte, den eigenen Vornamen, eine Tel.Nr und das Alter anzugeben. Im Kopf des Bogens war bereits vermerkt, daß es um eine Befragung von homosexuellen Männern zwischen 20 und 40 Jahren ging, um den Kreis der Befragten von vornherein auf jene zu begrenzen, welche auch für ein Interview in Frage kamen. Die Angabe von Telefon-Nummer und Vorname ermöglichte eine gewisse Anonymität, erlaubte jedoch die spätere Kontaktaufnahme für ein mögliches Interview.

Alle Fragen hinter den beiden ersten demografischen bis zu jenen über den Vater dienten dem Zweck, entsprechend dem Konzept der "multiplen Indikatoren" (Schnell et al. 1992) Männer zu unterscheiden, die ein unterschiedliches Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit gezeigt hatten.

Die angebotenen Eigenschaften enthielten ausschließlich Variablen, welche eindeutig einer von beiden Geschlechtsrollen zugeordnet werden bzw. dem vorherrschenden Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit entsprechen: Sanft, weich, feminin, empfindlich, sensibel etc. auf der einen, aggressiv, dominant, grob, draufgängerisch, kämpferisch auf der anderen. Insgesamt waren es 20 Eigenschaften, von denen mehrere angekreuzt werden konnten. In einer weiteren Frage sollten die Befragten sich als Kind auf fünf Skalen einordnen, die ebenfalls deutlich geschlechtstypisches Rollenverhalten ausdrücken: schwach-stark, passiv-aktiv, maskulin-feminin, dominierend-unterwürfig, abhängig-unabhängig. Diese Skalen orientierten sich eng an vergleichbaren aus der Untersuchung von Bell et al. (1981).

Bei den anzukreuzenden Lieblingsspielen waren wiederum überwiegend rollenspezifische Spiele genannt: Fußball, Autos, Indianerspiele, Raufen/Balgen vs. Gummitwist, Kochen, Puppenspielen, Handarbeiten. Hier waren jedoch auch einige Tätigkeiten aufgenommen, welche weniger als geschlechtstypisch angesehen werden, um den Zuspruch zu derartigen Tätigkeiten und eine mögliche Kombination mit 'geschlechtsspezifischen' Spielen zu erfahren: Sammeln, Malen, Lesen, Kaufmannsladen etc. Insgesamt waren 17 Spiele aufgeführt, ein weiteres Feld war vorgehalten, in dem individuell Spiele eingetragen werden konnten.

Bei der Frage nach einem Gefühl von 'Anderssein' in der Kindheit wurde eine Begründung für die Antwort erbeten, für die keine Vorgabe gegeben wurde. Dies war die einzige offene Frage in diesem Instrument.

Im Rahmen der Fragen nach dem Verhältnis zum Vater wurden wiederum drei Skalen mit jeweils 7 Abstufungen vorgegeben, auf denen Nähe/Abstand des Vaters zum Kind, Wohlwollen bzw. Feindseligkeit und Anerkennung bzw. Nichtanerkennung seitens des Vaters erfragt wurde. Auch diese Skalen orientierten sich an vergleichbaren Skalen von Bell et al. (1981).

Am Ende bestand der Auswahl-Fragebogen aus 25 Einzelfragen oder Fragekomplexen mit insgesamt 70 Variablen, wobei allein 37 mögliche selbstzugeschriebene Eigenschaften und Lieblingsspiele abfragten. Der Umfang des Fragebogens umfaßte somit nicht mehr als 4 Seiten (ein A4-Blatt gefaltet) und enthielt am Schluß eine viertel Seite für mögliche Anmerkungen.
 
 

3.6.2.      Interview-Leitfaden

"Der Leitfaden ... soll das Hintergrundwissen des Forschers thematisch organisieren, um zu einer kontrollierten und vergleichbaren Herangehensweise an den Forschungsgegenstand zu kommen" (Witzel 1985, S.236). Auch wenn in diesem Fall der Leitfaden eines 'problemzentrierten Interviews' angesprochen wurde, drückt Witzel das bei der vorliegenden Untersuchung angewandte Verständnis vom Leitfaden gut aus. In diesem Falle bildete das - zum Zeitpunkt der Leitfaden-Entwicklung bereits "erweiterte" - Vorverständnis das "Hintergrundwissen", welches helfen sollte, die Materialerhebung zu strukturieren. Hinzu kam die Erfahrung aus den Probe-Interviews, welche Schwerpunkte erkennen ließen, die auch für die weitere Erhebung von Bedeutung sein konnten.

Wenngleich ausformulierte Fragen existierten, hatten diese mehr den Charakter von "Gedächnisstützen" (Witzel), die der jeweiligen Gesprächssituation angepaßt umformuliert werden konnten bzw. sollten. Auf keinen Fall sollten durch starres Festhalten an einem vorliegenden Leitfaden der Erzählfluß beim Interviewpartner unterbrochen (Hopf 1978) oder die vom Befragten selbst entwickelten Strukturen zerstört werden (Hoffmann-Riem 1984). Solange die gewünschten Themengebiete von den Befragten selbst angesprochen wurden, wurde auf die entsprechende Frage verzichtet. Es wurde vermutet, daß die von Kallmeyer und Schütze (1977) beschriebenen "Zugzwänge" (Hoffmann-Riem 1980) auch dann zum Tragen kommen, wenn es sich bei einem Interview nicht explizit um ein "narratives" handelt. Es geht hierbei um den "Detaillierungszwang", welcher den Erzählenden veranlaßt, seine Darstellung zu detaillieren, um den Zusammenhang zwischen Ereignissen für den Zuhörer plausibel zu machen, den "Kondensierungszwang", der eine Verdichtung der Darstellung durch Auslassungen und Akzentsetzungen fördert, sowie den "Gestaltschließungszwang", welche den Erzähler dazu bringt, begonnene Ereignisse komplett zu rekonstruieren (Hoffmann-Riem 1984).

Das gewählte Vorgehen kann als eine Art "situationsflexibles Interview" (Hoffmann-Riem 1980) angesehen werden, eine "Kompromißbildung" (Hopf 1991) zwischen vorgegebenen Themenfeldern entlang des Leitfadens und Erzählenlassen, um damit "sowohl Reichweite als auch Tiefe des Themas abzudecken und um vielfältiges und vergleichbares Material zu erhalten" (M.Bock 1992, S.94). Der Leitfaden stellte eine Absicherung dar, hinreichend Material zu den herausgearbeiteten Themengebieten zu erhalten, um Vergleiche anstellen zu können - insbesondere zwischen den Angehörigen beider Extremgruppen.

Anders als das narrative Interview bildet dieses methodische Vorgehen in stärkerem Maße die "Alltagserzählung" (Hoffmann-Riem 1980) nach, welche Schütze als Ausgangspunkt für die Entwicklung seines Interviewverfahrens nahm. Auch bei einer Alltagserzählung ist es unüblich, daß ein Gegenüber eine längere Zeit ganz auf die "narrative Kompetenz" des Erzählenden vertraut und nicht nachhakt oder Zwischenfragen stellt, wenn er nicht folgen kann. Auch in der Alltagserzählung findet eine Art Dialog statt, selbst wenn die Rolle des Erzählenden klar festgelegt ist (Kleining 1994). Die Leitfragen bildeten das strukturierende Gesamtgerüst, welches Antworten hervorrief, auf die wiederum eine angepaßte Frage folgen konnte, um den Gesprächsfluß zu fördern. Diese Nähe zur den Befragten vertrauten alltäglichen Kommunikation verspricht gültigere Ergebnisse (Hoffmann-Riem 1980).

Neben dieser das Interview mitstrukturierenden Funktion kann und sollte im vorliegenden Fall der Leitfaden später die Funktion eines "Auswertungsplans" (M.Bock 1992) übernehmen. Es galt also, sich zum Zeitpunkt seiner Entwicklung auch für eine vorläufige Struktur der Interviewauswertung zu entscheiden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, daß eine umfangreiche Ausdehnung des Zeitraumes, über den die Interviewpartner befragt werden sollten, über die Adoleszenz hinaus nicht würde leistbar sein. Die Vorschaltung einer Auswahlphase per Fragebogen mit Auswertung und Clusteranalyse sowie die Entscheidung, auf jeden Fall mit einer größeren Zahl von Männern (voraussichtlich über 25) Interviews durchzuführen, hatte die vorgesehene Erhebungsphase um viele Monate verlängert, so daß erst Ende 1996 mit den ersten Interviews begonnen werden konnte. Von daher wurde beschlossen, zwar die Adoleszenz bis zum Coming Out zu berücksichtigen, für einige Fragen über die Situation als erwachsener Homosexueller aber nur relativ kurze Zeit am Ende des Interviews vorzusehen und z.T. in einen Begleit-Fragebogen auszulagern (s. Kap.3.5.3).

Es war aber auch klar, daß die heutige Situation nicht vollkommen ausgeklammert werden konnte. "Das 'Heute' bestimmt die Sicht auf das 'Gestern' .. entscheidend mit." (M.Bock 1992, S.98). Es war Wissen über die heutigen Lebensumstände notwendig, um vor dem Hintergrund dieses Wissens die jeweilige Rekonstruktion der Lebensgeschichte nachvollziehen und Brüche in der Biographie verstehen und deuten zu können. Andernfalls bleibt ein Großteil des Erzählten Fakten und rationalisierende Begründungen, die ein fassaden- und lückenhaftes Bild liefern.

Es wurde also nach der Lektüre sehr unterschiedlicher Darstellungen zur Kindheit und Jugend homosexueller Männer (vgl. Kap.2.2. u. 2.3), den Probeinterviews und konzeptionellen Überlegungen ein Leitfaden mit 18 Fragen/Themenbereichen entwickelt (der Leitfaden ist im Anhang abgedruckt).

Die thematische Struktur leitete sich ab von einer prinzipiellen Dreiteilung: Kindheit bis Pubertät, Adoleszenz incl. Pubertät, Gegenwart. Die Aufteilung in Kindheit und Jugend reflektiert die gesellschaftliche wie auch die biologische Grenzziehung zwischen Kindheit und Adoleszenz mit dem Übergang im Rahmen der Pubertät (Fend 1990). Sie mißt damit der Pubertät eine besondere Rolle für die Entwicklung der sozialen und sexuellen Persönlichkeit zu (Olbricht 1983, Baacke 1994), ohne deshalb so wesentliche soziale Einschnitte wie den Eintritt in Kindergarten und Schule gering schätzen zu wollen. Trotzdem: der Schritt aus der Familie, der (meist) kleineren sozialen Einheit, in die größere soziale Einheit Schulgemeinschaft findet in der Kindheit statt, auch der für viele ebenfalls nicht unbedeutende Schritt in weiterführende Schulen. Mit der Adoleszenz treten erste Ausrichtung auf eine berufliche Zukunft, Vorbereitung auf das Erwachsenenleben und häufig feste sexuelle Partnerschaften auf, welche eine Zielorientierung bedeuten, die in dieser Form in der Kindheit nicht besteht.

Für jeden der drei Zeiträume Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter sollte das Geschlechtsrollenverhalten, die soziale Einbindung in Familie und Peers, Lebens- und Selbstwertgefühl und sexuelle Empfindungen bzw. Erfahrungen incl. Partnerschaften erhoben werden. Allerdings sollte der letzte Zeitraum nur kurz gestreift werden, der Schwerpunkt sollte auf der Zeit vor dem Erwachsenwerden liegen.

In der Kindheit sollten die Fragen zum Geschlechtsrollenverhalten und zur Geschlechtsidentität ein genaueres Verständnis vom jeweiligen Handeln und Empfinden der Männer sowie die ganz individuelle Sinngebung, ihre Gründe und Hintergründe offenlegen. Gleichzeitig konnten diese Fragen die Clusterbildung validieren, überprüfen, ob das mathematische Verfahren zwei (bzw. mehr) Gruppen gebildet hat, die in ihrem Geschlechtsrollenverhalten auch tatsächlich in der erwarteten Weise voneinander unterschieden waren. In der Adoleszenz kam für diesen Themenkreis hinzu, ob eine Kontinuität des Verhaltens und Empfindens in Bezug auf die Geschlechtsrolle gegeben ist oder ob es diesbezüglich zu Veränderungen kam. Dasselbe gilt auch für den gegenwärtigen Zeitpunkt als Erwachsener: Hat sich der starke Unterschied erhalten, oder ist er zugunsten einer Annäherung abgeschmolzen - und wenn ja, in welcher Richtung?

Die Fragen zur sozialen Einbindung resultierten vor allem aus den von vielen Seiten aufgestellten Behauptungen, prä-homosexuelle Kinder und Jugendliche würden isoliert und ausgegrenzt sein. Durch die Thematisierung der sozialen Einbindung sollte untersucht werden, ob die Isolation und Ausgrenzung bei den Männern überhaupt stattgefunden hat, in welchem Zusammenhang sie ggf. stattfand, in welchen sozialen Feldern sie stattfand und welche Formen des Umgangs damit sie gesucht bzw. gefunden haben. Dort, wo sie nicht stattfand, wäre es von Bedeutung, wie die soziale Einbindung hergestellt bzw. erhalten werden konnte und in welchen Feldern. Ergaben sich Zusammenhänge zwischen Geschlechtsrollenverhalten oder Homosexualität und der sozialen Einbindung, und wenn ja: wie wirkten sie, wie wurden sie erlebt, welche Folgen hatten das? Für das Erwachsenenalter sollte dieser Themenbereich erheben, wie sich die soziale Einbindung verändert hat durch das Leben als homosexueller Mann, welche Auswirkungen dieses Leben für die alten sozialen Bindungen hatte, so sie denn vor dem Coming Out bestanden.

Der Themenbereich 'Lebens- und Selbstwertgefühl' zielte auf mögliche Wirkungen von Konflikten oder Akzeptanz im sozialen Raum. Es sollte sichergestellt werden, daß die Befragten die Ebene der Empfindungen, der eigenen Wertschätzung und des eigenen Wohlergehens ansprechen und damit gleichzeitig Auswirkungen der beiden vorherigen Themenbereiche. Zugleich wurde erhofft, auf dem Weg über die Gefühle einen besseren Zugang zum Erleben vergangener Jahre zu erhalten.

Der Themenbereich sexuelle Empfindungen und Erlebnisse sollte die psychosexuelle Entwicklung nachzeichnen. Für die Kindheit sollte versucht werden, frühe homo-erotische Attraktionen, den Umgang damit und die damit verbundenen Gefühle zum Thema zu machen. Es sollte überprüft werden, ob die Befragten einen Zugang zu frühen erotischen Empfindungen haben und wie sie diese erinnern. Welche Erinnerungen an homo-erotisches Begehren haben sich tief eingeprägt, welche Art von sexueller Erfahrung wird homo-erotisch (um)gedeutet? Für die Adoleszenz sind die hetero- und homosexuellen Empfindungen und Erlebnisse sowie der Umgang damit ein wichtiges Thema: gab es Wechselwirkungen mit den anderen Themenbereichen, erlebten die Befragten ein Coming Out, wie es die bisherige Forschung beschrieben hat, wie antworteten die Befragten auf die Wahrnehmung homosexueller Sehnsüchte und Attraktionen, welche Vorstellungen für die Zukunft entwickelten sie angesichts dieser Wahrnehmung? Für die heutige Zeit war bedeutsam, wie die Interviewpartner ein Leben gemäß ihrer sexuellen Orientierung führen, wohin quasi ihre psychosexuelle Entwicklung sie bisher gebracht hat und wie offen sie ihre Homosexualität leben.

Keiner der Themenbereiche sollte getrennt von den anderen betrachtet werden, vielmehr sollte gerade die Struktur des Leitfadens sicherstellen, daß nicht ein Teil des Erlebens ausgeblendet wurde und der Zusammenhang gewahrt bleibt. Durch diese inhaltliche Verknüpfung war die strikte Einhaltung einer Reihenfolge obsolet geworden, die letztlich eine größere Gefahr für eine umfassende Erhebung darstellt als Abweichungen vom Leitfaden und einzelne vergessene Fragen (Hopf 1978).

Als Einstieg wurde dieselbe Frage gewählt, die bereits bei den Probeinterviews als Einstiegsfrage diente und sich in dieser Funktion bewährt hatte, die Frage nach der frühesten Erinnerung aus der Kindheit. Sie führte den Befragten weit in seiner Erinnerung zurück und vermittelte in ihrer Offenheit eine Herangehensweise an das Interview, welche gleich zu Beginn eine Art 'Standard' setzen sollte. Die Befragten konnten jegliche Art von Erinnerungen äußern, was ihnen zusätzlich helfen sollte, den Weg zurück in die frühen Jahre zu finden. Wenn keine Gefühle dabei geäußert wurden, wurde eine Frage danach gestellt.

Im folgenden enthielt der Leitfaden Fragen zum Spielverhalten, Beziehungen zu Peers, Eltern und Geschwistern und zum Umgang mit Konflikten. Bei den Eltern wurde speziell darauf hingewirkt, Erzählungen über beide Eltern zu erhalten. Eine weiterer Themenbereich beinhaltete die Frage nach einem 'Grundgefühl' in der Kindheit, dem Verhältnis zum Jungesein und einem möglichen Gefühl des 'Andersseins'. Mit dem Themenbereich (homo)erotische Empfindungen und Erlebnisse vor der Pubertät sowie den inneren wie äußeren Umgang damit wurde der Zeitraum Kindheit abgeschlossen.

Als Überleitung zur Adoleszenz wurde gefragt, welche Veränderungen es möglicherweise in der Pubertät und Jugend gegenüber der Kindheit gegeben habe. Thematisiert wurden Veränderungen bei den Befragten selbst bzw. in ihrem Umfeld. Damit war sowohl das Geschlechtsrollenverhalten (Interessen, Hobbys, soziale Kontakte) und die Geschlechtsidentität (Mannsein) angesprochen als auch das Lebens- und Selbstwertgefühl in den Jahren ab der Pubertät. Spezifisch nachgefragt wurde nach der Integration in die Gruppe der männlichen und weiblichen Peers, der Bedeutung der damaligen Freundschaften. Auch für die Jugend wurde nach dem Kontakt zu den Eltern gefragt, wie vertraut bzw. distanziert er in dieser Zeit war.

Es folgten die Themenbereiche 'Lebensplanung' bzw. 'Vorstellung über das zukünftige Leben' und die sexuellen Erfahrungen während der Jugend, heterosexuelle wie homosexuelle. Schließlich folgte die Frage nach der explizit homosexuellen Entwicklung hin zum Coming Out: Bewußtwerdung, Umgang mit dem Bewußtwerden, mit wem wurde darüber gesprochen, wie offen wurde die Homosexualiiät gelebt?

Die nächste Frage leitete zum Erwachsenenalter über und damit zum letzten, eher knapp gehaltenen Teil des Interviews: Frage nach bisherigen festen Partnerschaften und was an ihnen wichtig war, heutige Lebensumstände und soziale Kontakte, heutiges Verhältnis zu den Eltern und zur eigenen Männlichkeit.

Einzelne Fragen, etwa nach dem 'Grundgefühl', Veränderungen in der Pubertät und einem 'Fremdheits'- bzw. 'Angenommenwerden'-Gefühl bei den Peers wurden dem "Fragebogen zur Kindheit und Pubertät" von Düring (1993) entlehnt.

Vorgesehen war ein Zeitumfang des Interviews von bis zu 90 Minuten, wobei "situationsflexibel" auch die Zeit behandelt werden sollte, falls sich herausstellte, daß eine Person sehr viel und gut nachvollziehbares lebendig zu erzählen vermag und damit eine Fülle an Material zu den gewählten Themen zu bieten hatte.

Die erste Endfassung des Leitfadens wurde nach der Durchführung eines weiteren Probe-Interviews revidiert. Es wurden Formulierungen verändert, vor allem wurde stärker die Frage nach Veränderungen bzw. einer Weiterentwicklung aufgenommen, um den Zusammenhang zwischen den Themenbereichen zu betonen, und Teilfragen nach Gefühlen und Empfindungen ergänzt, um das ganz individuelle Erleben beschriebener Situationen besser erfassen zu können.
 
 

3.6.3.      Begleit-Fragebogen

Von den interviewten Personen sollten einige zentrale demografische Daten (familiäres Umfeld, Ausbildung, Beruf, Familienstand, Religiösität, Wohnsituation) festgehalten werden. Erwünscht war zudem eine klare Selbst-Eingruppierung bezüglich der augenblicklichen sexuellen Orientierung sowie Angaben zur Akzeptanz der eigenen Homosexualität durch Familie und Kollegen. Nachdem aus dem Auswahl-Fragebogen bereits Altersangaben zum Coming Out vorlagen, war es wünschenswert, eine Reihe von weiteren, möglichst konkreten Altersangaben zum gesamten Prozeß der homosexuellen Entwicklung für die Auswertung zur Verfügung zu haben, um diese quantitativen Daten für den Vergleich der Cluster sowie den Vergleich mit fremden Daten heranziehen zu können. Außerdem wurde davon ausgegangen, daß nach einem etwa 90-minütigen Interview die jeweiligen Altersangaben verläßlicher sein würden als in dem Auswahl-Fragebogen, der von vielen Beteiligten in der möglichen Kürze (ca. 5 min.) und in einem Rahmen ausgefüllt wurde, der das Thema Kindheit nicht fokussierte.

Das Interview selbst sollte freigehalten werden von diesen quantitativen Fragen, die sich zudem ökonomischer schriftlich erheben lassen. Für diesen Zweck wurde ein zweiter Fragebogen entwickelt, der von den Interviewpartnern nach dem Interview ausgefüllt werden sollte. Eine derartige 'Beigabe' zu einem qualitativen Interview mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber durchaus nicht neu (Witzel 1985, Flick 1995). Sie verhindert gerade bei einem qualitativen Interviewverfahren, daß durch eine Reihe von Fragen nach Daten wie Alter, Wohnortgröße etc. ein Frage-Antwort-Schema aufgebaut wird, welches dem methodischen Ansatz widerspricht und ihn womöglich beschädigt. Durch dieses Vorgehen kann sich der Interviewer vollkommen auf den thematischen Leitfaden konzentrieren, ohne befürchten zu müssen, bestimmte wichtige Daten nicht erhoben zu haben.

Bereits bei den Probe-Interviews kam eine frühere Fassung zum Einsatz, die das Ziel hatte, mit quantitativen Methoden das jeweilige Geschlechtsrollenverhalten in Kindheit und Jugend genauer zu erfragen (teilweise enthielt der damalige Bogen Fragen, welche später als Eigenschaften-Skalen und Lieblingsspiel-Skalen im Auswahl-Fragebogen Verwendung fanden). Während der Arbeit an dieser Vorform und der Vorbereitung der Probeinterviews wurden einzelne Expertengespräche geführt, u.a. mit Dr. Michael Bochow (Intersofia, Berlin), der sehr hilfreiche Anregungen zur Interviewgestaltung und zum Fragebogen lieferte, und mit Prof. Dr. Rüdiger Lautmann (Universität Bremen), dessen Fragen und kritischen Hinweise für die weitere Arbeit sehr wertvoll waren. Die Anregungen aus den Gesprächen fanden zudem Eingang in die spätere Entwicklung der beiden Fragebögen und des Interviewleitfadens.

Nachdem der Beschluß gefallen war, ein solches quantitatives Instrument neben dem Interview einzusetzen, entstand die Idee, noch weitere Daten zusätzlich zu erheben. So wurden Fragen zu ersten sexuellen Kontakten sowie zu festen Partnerschaften aufgenommen. In einem etwas umfangreicheren zweiten Teil waren Fragen zu einer gegenwärtig bestehenden festen Partnerschaft und Sexualität innerhalb bzw. außerhalb dieser Beziehung, alternativ zum Leben ohne feste Beziehung, sowie zum Freundeskreis und heutiger sportlicher Betätigung enthalten. Schließlich sollten die Interviewpartner die deutsche Form des 'Bem Sex Role Inventory' (nach Schneider-Duecker & Kohler 1988) ausfüllen, um so quantitative Daten zum gegenwärtigen Geschlechtsrollenverhalten zu liefern.

Viele der Fragen erforderten lediglich ein Ankreuzen bzw. eine Altersangabe, sollten dafür aber klare und komplette Datensätze lieferen, die im Zusammenhang mit der Auswertung der Interviews eine hilfreiche Stütze bilden können. So war es zudem möglich, die aus anderen Studien bekannten "milestones" homosexueller Entwicklung (Savin-Williams 1998), die im Zusammenhang mit Coming Out-Modellen definiert wurden (s. Kap.2.1.), als Referenzwerte zu nutzen, um die psychosexuelle Entwicklung in ihrem zeitlichen Ablauf besser nachvollziehen und vergleichen zu können.

Ein Teil der Fragen, insbesondere jene zur gegenwärtigen Partnerschaft hätten durchaus auch im Rahmen des Interviews behandelt werden können, um Neues über dieses bislang überwiegend quantitativ erforschte Feld (Bochow 1997b, Dannecker 1990, Bell & Weinberg 1978b) zu erfahren. Da aber der Schwerpunkt des Interviews bei Kindheits- und Jugenderfahrungen liegen sollte, und dennoch sichergestellt werden sollte, einige Informationen über das spätere Beziehungsleben 'vorrätig' zu haben, falls sie im Rahmen der Auswertung Bedeutung gewinnen könnten, wurden diese Fragen in den Begleit-Fragebogen 'ausgelagert'.

Das 'Auslagern' eines Teil der Fragen in eine anschließende schriftliche Befragung bot noch zwei weitere Vorteile. Viele der Fragen konnten aus den Erhebungsinstrumenten anderer Forschungsvorhaben übernommen werden (Bell et al. 1981, Dannecker 1990, Bochow 1997b, Schmidt et al. 1998), was einen Vergleich der Antworten mit den Ergebnissen jener Untersuchungen möglich machen könnte. Bei einem Teil der Fragen über feste Partnerschaften wurde zudem das sexuelle Verhalten im Detail erfragt, so daß zwecks Vermeidung von Peinlichkeit und der Erhöhung valider Antworten der diskretere Weg der schriftlichen Befragung empfehlenswert war.

Im Zuge der Entwicklung des Begleit-Fragebogens war zwischenzeitlich der Teil mit Fragen zum gegenwärtigen Sexualverhalten deutlich umfangreicher gestaltet. Er enthielt Fragen zum idealen Partner, Gesamtzahl der Sexualpartner, Häufigkeit sexueller Kontakte in den vergangenen Monaten und bevorzugte Sexualpraktiken.

Auf diesen Teil wurde jedoch schließlich wieder verzichtet, da das Sexualleben nach dem Coming Out als wenig relevant für die Fragestellung angesehen wurde und bereits im Rahmen des Interviews Fragen zur kindlichen und jugendlichen Sexualität vorgesehen waren. Auch sollte das allgemeine Verhältnis zur Sexualität dort thematisiert werden. Da die Daten zu Details der sexuellen Vorlieben für die vorliegende Untersuchung nutzlos gewesen wären, wenn sie per weiterem Extrabogen vollkommen anonym erfragt worden wären, wurde auch diese Möglichkeit verworfen, die vielleicht eher die Chance geboten hätte, valide Antworten zu erhalten.

Geplant waren jedoch noch Fragen zur gegenwärtigen Geschlechtsidentität und dem jetzigen Umgang mit der Geschlechtsrolle, die einen zentralen 'roten Faden' im Interview bildeten. Es sollte für die augenblickliche Lebenssituation erfragt werden, ob die Befragten sich als männlich' erleben und präsentieren. Anders als im Interview sollte versucht werden, dies mit einer Standardskala zu erheben, zumal am Ende des Interviews eine freie Einschätzung bereits abgegeben werden konnte. Chung (1996) sah das BSRI für homosexuelle Männer als genauso valide an wie für heterosexuelle. Von daher wurde auf die von Schneider-Dueker und Kohler (1988) entwickelte deutsche Fassung dieser Skala zurückgegriffen, ohne jedoch damit allzu große Hoffnungen zu verbinden. Es kam eher einem Experiment gleich, ob sich mit Hilfe dieses Instrumentes brauchbare Ergebnisse für das Ausmaß an Männlichkeit' der Befragten finden ließ. Zudem sollte überprüft werden, ob sich zum aktuellen Zeitpunkt mit dieser Skala Unterschiede zwischen den beiden Extremgruppen nachweisen lassen, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit noch stark differierte.

Der gesamte Fragebogen umfaßte in der endgültigen Form 9 Seiten mit 47 Fragen (incl. solchen in Tabellenform, bei denen bis zu 17 Antworten zu einem Thema gegeben, etwa zu Unterschieden zwischen dem Befragten und seinem Partner) und dem BSRI am Schluß, der aus 60 Eigenschaften besteht, die auf einer Likert-Skala danach beantwortet werden sollen, ob sie auf die betreffende Person zutrifft oder nicht.
 
 

3.7      Durchführung der ersten Fragebogen-Erhebung (Auswahl-Fragebogen)

Da über die Größe der Gesamtpopulation an Männern, die sich selbst als homosexuell definieren, keine verläßliche Aussage gemacht werden kann (Dannecker & Reiche 1974), bestand bislang bei Studien über diese Gruppe die starke Gefahr eines unkontrollierbaren Bias (Phillips & Over 1992), der sich auch für praktisch alle älteren Arbeiten nachweisen läßt: waren es anfänglich einzelne Patienten in psychiatrischen Praxen und Kliniken (Westphal 1869, Krafft-Ebing 1891) oder bei Psychoanalytikern (Bieber & Bieber 1962), dann Patientenkollektive aus Psychiatrie und Strafvollzug (Gebhard 1965), so wurde später per Schneeballverfahren (Dannecker & Reiche 1974, Savin-Williams 1998), durch Suche in der homosexuellen Szene (Bell et al. 1981) oder über die Homosexuellenpresse (Giese 1958, Bochow 1997b) probiert, eine bessere Repräsentanz des Gesamtkollektivs zu erreichen.

Erst relativ junge Erhebungen beschritten den Weg, den bereits Kinsey (1966) gegangen war (ohne allerdings Homosexuelle dabei zu suchen), die in einem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt auffindbaren Anteile homosexuell lebender Männer und Frauen selbstverständlich in die Untersuchung mit aufzunehmen (für Jugendliche: Schmidt 1993). Ob mit diesem Schritt jedoch auch schon Repräsentativität in Bezug auf das Gesamtkollektiv 'homosexuelle Männer' - so es denn überhaupt existiert (De Cecco 1981) - erreicht werden kann, mag bezweifelt werden. Kinsey wies darauf hin, daß eine Beschränkung auf Menschen, welche sich ausschließlich homosexuell verhalten, jene große Menge aus Untersuchungen ausschließe, die sich mehr oder weniger hetero- und homosexuell verhalten würden. Was diesen Sachverhalt angeht, beurteile ich es nicht als problematisch, diesen Ausschluß vorzunehmen, um genau über diese spezifisch eingeschränkte Teilgruppe der Menschheit (bzw. wiederum Teile von ihr) Aussagen machen zu können.

Harry (1986) kritisierte, daß beim Zugang über Szene-Treffpunkte homosexueller Männer, deren Zeitschriften, Emanzipationsgruppen oder freundschaftliche Netzwerke ein Bias im Sample immer noch wahrscheinlich sei. Sell und Petrulio (1996) forderten diesbezüglich, die Definition der Population zu standardisieren, was angesichts der weiterhin vielen offenen Fragen, was die Gesamtpopulation angeht, äußerst schwierig zu bewerkstelligen, wenn nicht unmöglich sein dürfte.

Vermutlich wird die Forschung vorerst damit leben müssen, daß jeder - auch aus pragmatischen Notwendigkeiten heraus - gewählte Zugang mit einem unkontrollierbaren Bias behaftet ist. Versteckt lebende homosexuelle Männer, verheiratete Männer, die nur in völliger Anonymität kurz in die homosexuelle Szene eintauchen, vereinsamte junge oder alte Männer, Angehörige der Unter- wie der Oberschicht, sie alle dürften mehr oder weniger unterrepräsentiert sein bei den üblichen Zugängen. Spezifische Zugänge sind hier nötig und werden bereits praktiziert (Biechele 1996, Bochow 1997a).

Für die vorliegende Arbeit war Repräsentativität nicht angestrebt, sollten doch mehrere - insbesondere zwei - genau definierte Untergruppen miteinander verglichen werden, ohne damit Aussagen über die Gesamtpopulation zu machen. Dies kann aber nicht heißen, die Relevanz der Ergebnisse für andere Teile als die unmittelbar untersuchten Personen vollkommen zu negieren. Jeder Ausschnitt aus dem Ganzen verrät etwas über das Ganze, nur wird mit dieser Studie nicht definitiv gesagt werden können, was davon auf das Ganze zutrifft. Es konnte und sollte aber trotzdem versucht werden, keine allzu spezifische Teilgruppe auszusuchen, wie es etwa bei verschiedenen amerikanischen Untersuchungen an Jugendlichen gemacht wurde, die auf der Straße leben oder die spezifische Anlaufstellen für homosexuelle Jugendliche in New York und Chicago aufsuchen, und diese Daten als Ergebnisse über junge Homosexuelle auszugeben (Herdt & Boxer 1993, Kruks 1991, Rotheram-Borus, Hunter & Rosario 1994, Rosario et al.1996).

Das Vorgehen bei der Suche nach Interviewpartnern bzw. Teilnehmern an dem Auswahlverfahren wurde deshalb recht aufwendig angegangen. Auf vielen verschiedenen Wegen sollten homosexuelle Männer für die Teilnahme an der ersten Befragung gewonnen werden. Vorrangig war bei allem Bemühen, einen Bias zu vermeiden, hinreichend potentielle Interviewpartner in der angestrebten Altersgruppe von 20 bis 40 Jahren zu finden. Die Bereitschaft, einen vierseitigen Fragebogen auszufüllen und sich eventuell sogar ausführlich interviewen zu lassen, kann nicht bei jedem vorausgesetzt werden. Es war deshalb davon auszugehen, daß eher Mittelschicht-Angehörige mit höherer Schulbildung diese Bereitschaft mitbringen würden.

Da vorläufig geplant war, etwa 20-25 Männer zu interviewen, wurde gut die zehnfache Menge an Auswahl-Fragebögen verteilt. Die Bögen sollten möglichst direkt an Einzelpersonen ausgehändigt und nach dem sofortigen Ausfüllen wieder eingesammelt werden, um eine hohe Rücklaufquote sicherzustellen. Auf ein Auslegen in homosexuellen Treffpunkten wurde verzichtet, um eine Kontrolle über die verteilten Bögen zu behalten und die Druckkosten niedrig zu halten.

Als Zugang wurden deshalb Treffpunkte homosexueller Männer ausgewählt, welche diese in ihrer Freizeit aufsuchen, um soziale Kontakte zu pflegen, einem gemeinsamen Hobby nachzugehen oder um Informationen zu erhalten. Es wurde dabei darauf geachtet, sowohl altersmäßig als auch inhaltlich das vorhandene Potential derartiger Treffpunkte vielfältig auszuschöpfen. Das angesprochene Spektrum umfaßte Jugendgruppen und Gruppen wie "Schwule ab 30", politische Gruppen und reine Freizeitgruppen, religiöse Gruppen und Tanzgruppen, Fußballer und Aerobik-Teilnehmer, Chormitglieder und solche aus einem Lederclub, homosexuelle Psychologen und Mitglieder einer Gruppe 'Schwule Väter', Besucher eines Info-Cafés und Diskussionsteilnehmer bei einer Veranstaltung über 'Anti-schwule Gewalt'.

Ausgespart wurden jene Treffpunkte, welche explizit zur Anbahnung sexueller Kontakte aufgesucht werden, da hier nicht damit gerechnet wurde, daß ein sofortiges Ausfüllen auf große Resonanz stößt. Außerdem würde das Vorhaben an diesen Orten womöglich als Störung empfunden. Wiederum aus Kostengründen und wegen der späteren besseren Erreichbarkeit für ein Interview wurden die Auswahl-Fragebogen überwiegend im Hamburger Raum verteilt, in einigen Fällen erhielten jedoch auch Personen aus anderen Städten den Bogen (s.u.). Diese Konzentration auf eine bundesdeutsche Großstadt ist, da es um Kindheitserfahrungen der Männer ging, weniger problematisch, solange davon ausgegangen werden kann, daß viele dieser Männer erst später nach Hamburg gezogen sind. Tatsächlich war nur ein sehr kleiner Teil der späteren Interviewpartner in Hamburg aufgewachsen.

Daß überwiegend feste Gruppen bzw. welche mit regelmäßigen Treffen genutzt wurden, hatte zeit-ökonomische und organisatorische Gründe. In vielen Fällen konnte vorher Kontakt mit einem Mitglied der Gruppe bzw. dem Veranstalter aufgenommen und das Vorhaben erläutert werden. So traf die Bitte, den Fragebogen direkt vor Ort auszufüllen, auf hohe Akzeptanz bei jenen, die anwesend waren. Außerdem konnte die Gruppe als Ganzes angesprochen werden, nicht jeder mußte einzeln über das Vorhaben und die Hintergründe informiert werden. Bereits bei den Veranstaltungen zeigte sich der große Nachteil gegenüber der Gruppensituation: hier war eine Einzelansprache nötig, was zu einer zeitlich aufwendigeren Aktion bei gleichzeitig geringerem Rücklauf führte.

Bei einer Gruppe wurde von dem oben beschriebenen Verfahren abgewichen. Da vermutet wurde, in der Gruppe der homosexuellen Fußballer einen höheren Anteil an Männern zu finden, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit von der bisherigen Stereotype abwich, wurde die Gruppe der homosexuellen Fußballer überproportional mit Auswahl-Fragebögen 'beschickt'.

Die Vermutung gründete sich u.a. darauf, daß einer der beiden Männer, die bei den Probe-Interviews dieses Verhalten präsentierten, aus dieser Gruppe war. Es wurden Mannschaften in Hamburg, Köln, Frankfurt und Berlin angesprochen, die Kölner Fußballer angelegentlich eines Besuchs wie die Hamburger direkt, die der beiden anderen Städte schriftlich. Hierbei war der Rücklauf in Hamburg und Köln am besten (Hamburg:10, Berlin:2, Köln:9, Frankfurt:4), d.h. bei der direkten Ansprache, obwohl viele der Fußballer den Bogen erst später ausfüllten und mir zuschickten.

Als unglücklich für dieses Verfahren stellte sich heraus, daß die Entwicklung des Fragebogens erst im Mai 1996 abgeschlossen war, d.h. unmittelbar bevor viele Gruppen eine Sommerpause einlegten. Hierdurch zog sich die Verteilung der Fragebögen bis in den August hinein, die Kodierung der Antworten wurde jedoch stets gleich nach Rücklauf vorgenommen, um nach Eingang aller ausgefüllten Fragebögen baldmöglichst mit der Auswertung beginnen zu können. Nachdem im September über zwei Wochen keine weiteren Bögen mehr zurückkamen, wurde die Erhebung als abgeschlossen erklärt, um mit der Auswertung beginnen zu können.

Insgesamt wurden ca. 280 Auswahl-Fragebögen auf diese Weise verteilt. In der Regel wurde ein adressierter Briefumschlag mitgegeben, wenn ein sofortiges Ausfüllen nicht gewollt oder nicht möglich war. Unmittelbar ausgefüllt und direkt an mich zurückgegeben wurden 87 Fragebögen, weitere 72 erhielt ich entweder einzeln oder gesammelt (Köln und Frankfurt) per Post zugeschickt, so daß ein Rücklauf von insgesamt 159 Fragebögen erfolgte, was etwa einer Quote von 57% entspricht. Das gewählte Verfahren hatte sich also dabei bewährt, mit relativ geringem Kostenaufwand bei allerdings immer noch starkem Zeitaufwand einen hohen Rücklauf zu erzielen. Durch die gezielte Verteilung war die Kontrolle darüber, aus welchen Gruppen der Rücklauf stammte, fast absolut. Denn die Fragebögen, die ich zurückerhielt, wurden von mir entsprechend gekennzeichnet, die für eine postalische Rücksendung geplanten bei der Ausgabe.
 
 

3.8      Auswertung des Auswahl-Fragebogens und Clusterbildung

3.8.1.      Statistische Auswertung

Von den 159 zurückerhaltenen, ausgefüllten Fragebögen kamen acht nicht mit in die Auswertung, da die Befragten jünger als 20 oder älter als 40 Jahre waren, was der Vorgabe widersprach. Es blieben 151 Fragebögen übrig, die ausgewertet werden konnten.

Der Fragebogen enthielt keine Frage zur sexuellen Orientierung des Befragten. Bei der Einführung wurde jedoch deutlich gesagt, daß es um eine Befragung homosexueller Männer ginge, und der Bogen selbst enthielt die Überschrift 'Fragebogen zur Kindheit schwuler Männer'. Außerdem setzten einzelne Fragen ein homosexuelles Empfinden oder Verhalten voraus, so daß davon ausgegangen werden kann, daß nur derjenige den Fragebogen komplett beantwortet, der sich auch selbst als homosexuell empfindet. Daß diese Annahme wohl den Tatsachen entspricht, belegen die Selbstratings der späteren Interviewpartner. Im Begleit-Fragebogen zum Interview wurden sie genauer nach ihrer sexuellen Orientierung gefragt, wobei als Alternativen lediglich 'ausschließlich homosexuell', 'vorwiegend homosexuell' und 'bisexuell' angeboten war. Alle Interviewpartner wählten eine der beiden ersten Kategorien.

Es wurde also angenommen, daß alle Fragebogen mit einer Altersangabe zwischen 20 und 40 Jahren von Männern stammten, die sich selbst als homosexuell ansehen und damit potentiell als Interviewpartner in Frage kamen. Etwa ein Viertel der ausgefüllten Fragebögen enthielt keine Tel.Nr., so daß bei diesen eine Kontaktaufnahme nicht möglich gewesen wäre. Die Daten wurden dennoch in die Auswertung aufgenommen, um eine breitere Basis für die Clusterbildung zu bieten. Darüber hinaus war vorgesehen, die Daten aller ausgefüllt zurückerhaltenen Befragten für eine zusätzliche Auswertung zu nutzen, auch hierfür waren alle Fragebögen von Nutzen.

Entsprechend der vorrangigen Zielsetzung, mit Hilfe der Fragebögen Untergruppen zu bilden, wurden die Bögen für die statistische Bearbeitung kodiert. Da es sich in vielen Fällen um ja/nein-Kodierungen handelte, konnten die Daten relativ problemlos für die Auswertung mit SPSS erfaßt werden.

Die beiden Fragen zu selbstzugeschriebenen Eigenschaften und Lieblingsspielen wurden so unterteilt, daß jede einzelne Eigenschaft und jedes Spiel wie eine einzelne ja/nein-Frage behandelt wurde. Dies ist insofern nicht ganz unproblematisch, weil die positive Auswahl einzelner Variablen automatisch eine Abwahl aller anderen Variablen dieser Frage bedeutete. Ein mögliches anderes Vorgehen wäre gewesen, alle typisch männlichen bzw. weiblichen Eigenschaften/ Spiele mit einem Punktwert zu versehen, so daß z.B. ein Befragter, der viele typisch männliche Eigenschaften ankreuzte, eine sehr niedrige, wer viele typisch weibliche ankreuzte, eine sehr hohe Punktzahl erhielt. So würden zwar nur die angekreuzten Variablen berücksichtigt, es hätte aber zudem eine Gewichtung je nachdem stattfinden müssen, wie viele Eigenschaften bzw. Spiele jemand angekreuzt hatte. Denn hier gab es erhebliche Unterschiede. Einige Befragte hatten drei, andere bis zu acht Eigenschaften angekreuzt, denn es gab keine diesbezügliche Vorgabe, um nicht die Aussagekraft einzuschränken. Gerade bei jenen Bögen, auf denen viele der Möglichkeiten angekreuzt wurden, zeigten sich bald gewisse Muster von Variablen, die entweder ähnlich interpretiert oder als zusammengehörig erlebt wurden (sensibel, empfindlich, sanft, weich, leicht verletzlich oder mutig, sportlich, kräftig, kämpferisch). Hier deuteten sich bereits in der wiederholt auftauchenden Kombination Muster der späteren Cluster an.

Alle anderen Multiple-Choice-Fragen wurden je nach Zahl der Antwortkategorien ordinal kodiert, was durch die gewählten Abstufungen meist möglich war. ('Wieviel Spaß hat Dir Sport als Kind gemacht?' Gar nicht=0, etwas=1, viel=2).

Bei der einzigen offenen Frage nach der Begründung für ein sich 'anders' fühlen oder nicht, wurden die Antworten gesichtet und Kategorien gebildet. Da nur ein Teil sich die Mühe gemacht hatte (oder sich in der Lage sah), den offenen Teil der Frage zu beantworten, wurden die Antworten komplett abgeschrieben, um sie für die Auswertung verwenden zu können.

Für alle Variablen wurden Gesamthäufigkeiten ermittelt. Die Ergebnisse dieser Berechnungen werden im Ergebnisteil im Einzelnen dargestellt, weshalb hier nicht weiter darauf eingegangen werden soll.

Im Anschluß daran wurden einige wenige statistische Verfahren durchgeführt, um die vorgesehene Gruppenbildung vorzubereiten und zu kontrollieren, ob die benutzten Variablen geeignet sind, Faktoren zu überprüfen, welche mit dem Geschlechtsrollenverhalten zusammenhängen. Zum Einsatz kam die Berechnung von Kreuztabellen, Korrelationskoeffizienten (nach Kendall), eine Faktorenanalyse der selbstzugeschriebenen Eigenschaften und der Lieblingsspiele und schließlich zur Gruppenbildung eine Clusteranalyse.

Alle statistischen Verfahren, die über Häufigkeitsverteilungen hinausgehen, konnten nur mit größter Zurückhaltung angewandt werden, weil die Datenbasis zum einen nicht sehr hoch war (n=151), das Skalenniveau der Daten überwiegend niedrig war (nominal- oder ordinalskaliert) und einzelne Variablen (etwa die Eigenschaften 'feminin' und 'grob') insgesamt von weniger als zehn Prozent der Befragten angekreuzt worden waren. Aus diesem Grund wurden in erster Linie Kreuztabellen erstellt, um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Berechnung von Korrelationskoeffizienten und die Durchführung von Faktorenanalysen waren eher ein kleiner, zusätzlicher Teil des Prozesses, sich dem Datenmaterial anzunähern und mögliche Hinweise für das weitere Vorgehen aus der Verteilung der Daten zu erhalten.

Die Kreuztabellen gaben erste Hinweise auf Zusammenhänge zwischen den 20 selbstzugeschriebenen Eigenschaften (Frage 3). Wer zum Beispiel die Variable 'empfindlich' angekreuzt hatte, kreuzte auch überzufällig häufig 'weich'(82%), 'ängstlich'(68%), 'leicht verletzlich'(70%), 'schwächlich' (65%) und 'sanft'(60%) an. Wer 'sportlich' ankreuzte, kreuzte auch überzufällig oft 'draufgängerisch' (83%),'mutig'(63%), 'kräftig'(63%), 'kämpferisch'(65%) und 'dominant'(58%) an, aber seltener 'grob' (27%) oder 'aggressiv' (22%).

Während viele dieser Zusammenhänge vermutet werden konnten, da die Eigenschaften Skalen entnommen waren, welche geschlechtspezifisch 'typische' Eigenschaften messen sollten, fiel bereits hier auf, daß viele Männer, die sich mit jungentypischen Variablen wie 'mutig', 'draufgängerisch' und 'kämpferisch' bezeichneten, dennoch Aggressivität nicht als Selbstbezeichnung wählten.

Ähnliche Ergebnisse brachte die Berechnung des Kendall -Korrelationskoeffizienten. Bei den 20 Eigenschaften aus Frage 3 existierten eine Reihe von hoch signifikanten Interkorrelationen. U.a. korrelierten mit der Variablen 'empfindlich' hoch signifikant (auf dem Niveau 0.01, 2-seitig) die folgenden anderen Eigenschaften-Variablen: 'ängstlich'(.34), 'leicht verletzlich'(.46), 'weich'(.39), 'schüchtern'(.23) und 'schwächlich'(.21). In gleicher Weise signifikant, allerdings negativ mit 'empfindlich' korrelierten 'sportlich'(-.22) und 'selbstbewußt'(.37).

Mit der Variable 'mutig' korrelierten hoch signifikant die Variablen 'sportlich'(.28), 'kräftig'(.28) sowie 'draufgängerisch'(.33), aber nur sehr gering 'aggressiv'(.05), die Variable 'sensibel' mit 'sanft'(.35) und 'schüchtern'(.26). Die komplette Korrelationsmatrix ist im Anhang abgedruckt.

Es gab einzelne Variablen, die keine signifikanten Korrelationen (feminin) oder nur sehr wenige auf niedrigerem Signifikanzniveau ergaben (Klassenclown, beherrscht), die allerdings auch nur selten angekreuzt worden waren, so daß eine Berechnung des Korrelationskoeffizienten wenig aussagekräftig ist.

Selbst bei vorsichtiger Handhabung der Ergebnisse deutete sich auch hier eine Differenzierung der Eigenschaften bzw. der damit charakterisierten Jungenpersönlichkeit an, indem die Variable 'aggressiv' zwar hoch signifikante Korrelationen mit 'grob'(.045) und 'draufgängerisch'(.27) aufwies, hingegen ausgesprochen wenig mit Variablen wie 'sportlich' (-.06), 'mutig'(.05), 'kräftig'(-.02) oder 'selbstbewußt'(.01) korrelierte.

Die Kreuztabellen der Variablen aus Frage 8 (Lieblingsspiele) sowie die Korrelationen untereinander ergaben seltener Zusammenhänge, die ähnlich eng waren. Bei keinem Spiel hatte eine Mehrheit ebenfalls eines der anderen Spiele angekreuzt; selbst jene, die 'Fußball' als Lieblingsspiel ankreuzten, kreuzten nur zu einem Drittel auch 'Ballspiele' an, von jenen, die 'Puppenspielen' auswählten, markierten nur ein Drittel auch 'Gummitwist', ein Viertel 'Vater, Mutter, Kind'. Die Interkorrelationen waren nur zu einem geringen Teil hoch signifikant (auf dem Niveau 0.01, 2-seitig), wie 'Ballspiele' positiv mit 'Fußball'(.29) und negativ mit 'Puppenspielen'(-.24); 'Puppenspielen' mit 'Gummitwist'(.34), 'Verkleiden'(.22) und 'Handarbeiten'(.22). Die Angaben zu den Lieblingsspielen schienen folglich weniger gut für eine Differenzierung von Unterguppen geeignet.

Kreuztabellen, bei denen nacheinander alle Fragen bzw. alle Variablen überprüft wurden, welche das Geschlechtsrollenverhalten betrafen (Fragen 3-18), erbrachten schließlich weitere Hinweise auf Zusammenhänge.

Eine Variable wie 'Spaß an Jungenspielen' etwa erwies sich als ausgesprochen 'vorhersagekräftig' für das sonstige Antwortverhalten: Wer 'sehr' Spaß an Jungenspielen angab, sah sich gleichzeitig auch eher als sportlich (63%), hatte Fußball (68%) bzw. Ballspiele (53%) und Indianerspiele (47%) als Lieblingsspiel, seltener Lesen (37%) und nur in Ausnahmefällen Puppenspiel (11%), Vater, Mutter, Kind (13%) und Verkleiden (18%). Er hatte viel Spaß an Sport (66%), hat diesen auch trainiert (76%) im Team (63%). Beim Sport waren diese Probanden niemals lächerlich gemacht (61%) oder als 'Weichei' bezeichnet worden (97%).

Umgekehrt: Wer 'gar nicht' Spaß an Jungenspielen hatte, bezeichnete sich auch u.a. sehr oft als ängstlich (71%), leicht verletzlich (64%), sensibel (86%) und empfindlich (64%). Nur in einem Fall bezeichnete sich jemand als sportlich, niemand mit diesem Antwortmuster sah sich als kämpferisch, aggressiv, grob, draufgängerisch oder dominant.

Die Berechnungen zeigten, daß offenbar viele der Variablen für das gegebene Ziel geeignet waren, typisches Geschlechtsrollenverhalten zu messen. Zudem konnten sie in einem frühen Stadium der Auswertung belegen, daß unter den Befragten Teilgruppen zu identifizieren waren, welche in ihrem Geschlechtsrollenverhalten als Kind markant voneinander abwichen.

Bei der großen Zahl von Variablen wäre es günstig gewesen, sie auf eine geringere Zahl von Faktoren zurückzuführen und diese zum Ausgangspunkt einer Unterteilung des Samples zu machen. Deswegen wurden die Variablen der Frage 3 (selbstzugeschriebene Eigenschaften) wie auch der Frage 8 (Lieblingsspiele) jeweils einer Faktorenanalyse unterzogen. Die Hauptkomponentenanalysen ergaben bei einer Reduktion der Faktoren auf die höchsten Eigenwerte und einer Varimax-Rotation einige Faktoren, welche geschlechtstypische Eigenschaften bzw. Spiele zusammenfaßten, allerdings auch ein differenzierteres Bild entwarfen als ein simples dichotomes männlich/weiblich-Schema. Eine 4-Faktorenlösung bei den beiden Fragen ergab folgende Faktoren mit jenen Variablen, welche am höchsten auf dem jeweiligen Faktor luden:

  Eigenschaften (Frage 3) mit hoher Ladung auf dem Faktor
Faktor 1 mutig, sportlich, kräftig, kämpferisch, dominant, draufgängerisch
Faktor 2 leicht verletzlich, empfindlich, schüchtern
Faktor 3 aggressiv, grob
Faktor 4 sanft, weich, ängstlich, schwächlich
  Lieblingsspiele (Frage 8) mit hoher Ladung auf dem Faktor
Faktor 1 Musik, Sammeln, Lesen, Marmelspiel
Faktor 2 Autos, Fußball, Ballspiele
Faktor 3 Gummitwist, Puppenspiel, Handarbeiten, Malen&Basteln
Faktor 4 Kochen, Vater/Mutter/Kind, Verkleiden, Handarbeiten

Tab.2: Ergebnisse der Faktorenanalyse der Fragen 3 und 8
 

Die Faktorenanalysen zeigten, daß einige der Eigenschaften-Variablen nicht ohne weiteres einem maskulinen oder einem femininen Pol zugeordnet werden können. Zumindest auf die Befragten dieser Studie bezogen scheinen mehrere Faktoren zu existieren, auf denen Variablen hoch laden, welche in der Regel als typisch für ein Geschlecht zusammengefaßt werden wie bei Faktor 1 und 3 im oberen Teil der Tabelle oder auch bei 2 und 4.

Ähnliches gilt für die Lieblingsspiele. Dort könnte man zwar drei der Faktoren als 'jungentypisch', 'mädchentypisch' und 'geschlechtsneutral' einstufen, aber auch der Faktor 4 könnte leicht als 'mädchentypisch' klassifiziert werden, obwohl er weniger rollenspezifisch gefüllt ist: wer gerne (wie etwa der Vater) kocht, beim Vater/Mutter/Kind-Spiel die Rolle des Vaters übernimmt, sich gern als Cowboy verkleidet und - wie ehedem die Schafhirten - strickt, verhält sich sicherlich eher 'jungentypisch' als jemand, der diese Spiele anders spielt.

Als Ergebnis aus den bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführten statistischen Verfahren konnte - bei aller Zurückhaltung wegen der gegebenen Voraussetzungen - festgehalten werden, daß die eingesetzten Variablen dazu geeignet waren, geschlechtstypisches Verhalten der Befragten aus der Kindheit zu erfragen, daß es Variablenkombinationen gab, die aus verschiedenen, dem einen oder dem anderen Geschlecht zugeschriebenen Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen oder Erfahrungen bestanden und daß innerhalb des Gesamtsamples möglicherweise Untergruppen existieren, die sich jedoch nicht dichotom auf typisch männlich oder typisch weiblich reduzieren lassen. Es wurde daher notwendig, die Gesamtgruppe in mehr als zwei Gruppen zu unterteilen.

Die Hoffnung, mit Hilfe der Faktorenanalyse konkrete Hinweise darauf zu finden, wie eine sinnvolle Unterteilung des Samples in Bezug auf das Geschlechtsrollenverhalten durchgeführt werden könnte, erfüllte sich jedoch nicht hinreichend. Die gefundenen Faktoren eröffneten eher neue Fragen, als verwertbare Antworten zu geben: Warum luden Eigenschaften wie 'kräftig', 'kämpferisch' und 'dominant' auf verschiedenen Faktoren als 'aggressiv' oder 'grob', warum korrelierte 'aggressiv' nur gering mit den erstgenannten Variablen? Beschrieb eher der Faktor 3 oder der Faktor 4 bei den Lieblingsspielen ein mehr 'mädchentypisches' Verhalten? Dieselbe Frage stellte sich für die Faktoren 2 und 4 der Eigenschaften. Spiegeln die Ergebnisse der Analysen eher eine Unzulänglichkeit der zugrunde liegenden Daten statt eine tatsächliche Differenzierung der Befragten wider?

Das niedrige Skalenniveau der benutzten Daten schien jedoch nicht die wesentliche Ursache für die Schwierigkeiten zu sein. Die stichprobenartig durchgeführten Korrelationsverfahren, die üblicherweise bei Nominalskalen angewendet werden dürfen (Gutjahr 1974), wie die Berechnung des Phi-Koeffizienten bzw. des Kontingenzkoeffizienten erbrachten keine grundsätzlich anderen Ergebnisse.

Um doch noch auf formalem Wege zu einer zweckmäßigen Unterteilung des Samples und einer Identifizierung möglichst heterogener Teilgruppen zu kommen, wurde für den nächsten methodischen Schritt ein Verfahren ausgewählt, welches nicht wie die Faktorenanalyse die Datenreduktion dadurch errreicht, die vielen Variablen mittels ihrer Interkorrelationen auf wenige Faktoren zurückzuführen, sondern durch Zusammenfassung der Objekte, d.h. der Befragten, zu Gruppen. Hier bietet sich als anderes multivariates Verfahren die Clusteranalyse an. Ihr Ziel ist es, eine gegebene Menge von Objekten dergestalt zu klassifizieren, daß die Objekte innerhalb einer Klasse bzw. Gruppe möglichst 'ähnlich' sind (interne Homogenität), die Objekte verschiedener Klassen bzw. Gruppen aber möglichst 'unähnlich' sind (externer Heterogenität).
 
 

3.8.2.      Clusteranalyse

Zweifellos wäre es denkbar gewesen, aus der Gesamtgruppe der Befragten mit Hilfe der Erkenntnisse aus Kreuztabellierungen und Korrelationen Teilmengen zu isolieren. Dabei hätte sich etwa als Ausgangspunkt die jeweilige Antwort auf 'Spaß an Jungenspielen' angeboten, eine Variable, die eng verknüpft zu sein schien mit einer Vielzahl anderer Variablen. Auf dieser Basis hätten mindestens zwei Extrem-Gruppen gebildet werden können, die 'sehr' oder 'gar nicht' Spaß an Jungenspielen hatten. Denkbar wäre auch gewesen, innerhalb dieser Gruppen nur jene beizubehalten, welche auch in ihrem restlichen Antwortverhalten einem 'jungentypischen' oder einem 'nicht jungentypischen' Muster entsprachen.

Damit wären jedoch weder die bereits sichtbar gewordenen Auffälligkeiten (etwa im Zusammenhang mit der Variable 'aggressiv') berücksichtigt worden, noch eine Gewähr gegeben, daß die Aufteilung nicht entlang impliziter Theorien von Geschlechtsrollen oder 'typischem' prähomosexuellen Verhalten vollzogen worden wäre. Das formalisierte Vorgehen mit Hilfe einer Clusteranalyse kann deshalb als Versuch angesehen werden, den eigenen Einfluß bei der Gruppenbildung zu minimieren und eventuell in den Daten vorhandene Strukturen "sprechen" zu lassen, selbst wenn der Forscher sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht "hören" kann.

Das heißt nicht, daß die Clusteranalyse jeglichen Einfluß des Forschers auf die Ergebnisse ausschließt. So weisen Eckes & Roßbach (1980) darauf hin, daß Clusterzahl und Clusterzugehörigkeit einzelner Objekte von Fall zu Fall variieren können, je nachdem welche Clustersuchstrategie angewendet wird. Sie ziehen daraus die Konsequenz, Ergebnisse von Clusteranalysen nicht als richtig oder falsch, sondern als "zweckdienlich oder fruchtbar" (S.16) zu bezeichnen.

Zweckdienlich und fruchtbar für die vorliegende Untersuchung konnten Ergebnisse einer Clusterbildung dann sein, wenn es gelang, Untergruppen des Gesamtsamples zu bilden, welche sich in ihrem Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit deutlich unterschieden. Innerhalb der Untergruppen war Homogenität angestrebt, ohne deshalb Unterschiede in einzelnen Bereichen auszuschließen.

Im Wesentlichen werden zwei Arten von clusteranalytischen Verfahren eingesetzt: hierarchische Klassifikationsverfahren und iterativ-partitionierende Clusteranalysen (Moosbrugger & Frank 1992).

Hierarchische Clusteranalysen bilden für jeden Fall einen separaten Cluster und kombinieren die Cluster schrittweise in hierarchische Folge, bis am Ende alle Objekte in einem Cluster zusammengefaßt sind. Das Ergebnis kann graphisch in Form von Dendrogrammen und einem Homogenitätsindex dargestellt werden. Dieses Verfahren ist bei einer begrenzten Zahl von Fällen und sehr klaren Abgrenzungen vorzuziehen, weil es ohne weitere Vorgaben auskommt und lediglich nach der Durchführung anhand der Ergebnisse die Entscheidung getroffen werden muß, bei welchem Schritt die Zusammenführung abgebrochen wird, so daß die Gruppen nach innen noch ausreichend homogen, nach außen aber möglichst heterogen sind. Insbesondere bei intervall-skalierten Daten bietet die hierarchische Clusteranalyse eine Reihe zusätzlicher Informationen, etwa über die geeignete Clusteranzahl oder Zusammenhänge zwischen Clustern.

Die partitionierenden Clusteranalysen gehen demgegenüber von einer vorgegebenen Clusteranzahl k aus und versuchen, durch Verschieben von einzelnen Objekten zwischen den Clustern das Gesamtsample optimal auf diese Cluster zu verteilen. Im iterativen Verfahren kann eine Zuordnung von Objekten im Verlauf des Verfahrens wieder revidiert werden, wenn sich dadurch eine Verbesserung der Partition ergibt. Im Ergebnis ist jedes Objekt einem der k Cluster zugeordnet. Partitionierende Clusteranalysen bieten sich bei einer großen Zahl von Objekten an, weil in diesem Fall eine hierarchische Clusteranalyse sowohl ausgesprochen rechenaufwendig ist, als auch das System hierarchisch geschachtelter Cluster ausgesprochen schwer zu interpretieren ist, solange die Daten nicht intervallskaliert sind (Eckes & Roßbach 1992 stellen Vor- und Nachteile beider Verfahren ausführlich dar). Von daher war eine iterativ-partitionierende Clusteranalyse für die vorliegenden Daten die Klassifizierungsmethode der Wahl(1).

Partitionierende Clusteranalysen erfordern, vor Beginn der Berechnungen die Anzahl der erwünschten Cluster festzulegen. Außerdem ist die Reihenfolge der Fälle nicht unerheblich, da die Clusterbildung mit dem ersten Fall beginnt und Ähnlichkeiten zu den anderen berechnet werden. Eine veränderte Reihenfolge hat i.d.R. auch (leicht) veränderte Ergebnisse zur Folge. Empirische Erfahrungen mit verschieden Ansätzen zur Optimierung dieses Verfahrens - etwa durch vorgeschaltete Bildung von Startzentren - sind jedoch widersprüchlich (Cormack 1971, zit. n. Eckes & Roßbach, S.58), so daß hierauf verzichtet wurde. Für die Clusteranalyse wurden die Daten in jener Reihenfolge aufgenommen, wie sie (zufällig je nach Eingang der ausgefüllten Fragebögen) erfaßt wurden.

Wichtige Vorentscheidungen bei der Clusteranalyse betreffen die der Unterteilung zugrunde gelegten Variablen und - im Fall der partitionierenden Clusteranalyse - die Zahl der Cluster. Ursprünglich war eine Zahl von drei Clustern vermutet worden: eher jungentypische, eher mädchentypische Kinder und schließlich eine Gruppe 'dazwischen'. Daher war drei die Zahl der Cluster, mit der begonnen wurde.

Zu Anfang wurden für die Clusteranalyse lediglich die Ergebnisse zu den selbstzugeschriebenen Eigenschaften benutzt, d.h. Frage 3 mit ihren 20 Variablen, die entweder angekreuzt (=ja) oder nicht angekreuzt (=nein) waren. Dies hatte den Vorteil, daß alle Variablen gleich skaliert und entsprechend mit 0 oder 1 kodiert waren. Außerdem hatte sich bei den vorangegangenen statistischen Verfahren gezeigt, daß die Eigenschaften z.T. hoch signifikante Korrelationen aufwiesen, was eine Clusterbildung erleichtern dürfte.

Nach der Berechnung der drei Cluster ließ sich am leichtesten ein Cluster anhand der Besetzungen bei den einzelnen Eigenschaften definieren, der etwa ein Fünftel der Befragten umfaßte und der dem jungentypischen nahekam: sportlich, selbstbewußt, mutig etc. Auch eine zweite Gruppe, die etwa ein Drittel des Samples ausmachte, konnte definiert werden als jene, die wohl dem herkömmlichen Bild vom prähomosexuellen Kind nahekamen: leicht verletzlich, empfindlich, schüchtern, sanft etc. Schwierigkeiten machte die dritte Gruppe, die ebenfalls durch Variablen wie sensibel, schüchtern und leicht verletzlich definiert wurde. Zunächst überraschend war zudem, daß in einem der Cluster gleichzeitig hohe Werte für 'aggressiv' und 'grob', aber ebenfalls für 'feminin' anzutreffen waren. Dies konnten zunächst nicht interpretiert werden und wurde mit einer ungenügenden Cluster-internen Differenzierung erklärt.

Dasselbe Verfahren wurde anschließend mit den Variablen der Frage 8 wiederholt, auch hier waren bei der Vorgabe von drei Clustern die Überschneidungen zwischen zwei Clustern recht hoch. Auch hier tauchten überraschende Kombinationen in einem Cluster auf, wenn etwa 'Kochen' und 'Raufen/Balgen' als Lieblingsbeschäftigung häufig genannt worden waren.

Eine Vielzahl von Variablen-Kombinationen aus den Fragen 3 bis 18 wurden nachfolgend der partitionierenden Clusteranalyse zugrunde gelegt, um zu überprüfen, ob sich hierbei besser differenzierte Cluster bilden lassen. Aber selbst als alle Variablen mit aufgenommen wurden, welche im Auswahl-Fragebogen bezüglich des Geschlechtsrollenverhaltens gestellt worden waren(2), blieben die drei Cluster nicht hinreichend voneinander unterschieden. Deshalb wurde beschlossen, zwar den Umfang der zugrunde gelegten Variablen beizubehalten, aber die Zahl der Cluster zu erhöhen.

Bereits die Vorgabe von 4 Clustern ergab eine deutliche Verbesserung der Heterogenität zwischen den Clustern, und schließlich erwies sich die Zahl von 5 Clustern als am besten geeignet, homogene Fallgruppen zu bilden, die klar voneinander unterschieden waren. Hier ließen sich zudem die 'überraschenden' Kombinationen dahingehend erklären, daß in einem Cluster ein Jungentyp präsentiert war, der sowohl betont männliche wie betont weibliche Eigenschaften und Beschäftigungen angekreuzt hatte (Cluster D, s.u.).

Es wurden auch höhere Aufteilungen von sechs, sieben oder zehn Clustern erprobt, aber wieder verworfen, weil dabei die Clustergröße einzelner Cluster zu stark gesunken wäre und durch die Erhöhung der Clusterzahl über fünf nur noch kleine Gruppen 'ausgelagert' wurden, um die Cluster zu 'bereinigen'. Da aber ein mathematisches Verfahren nie berücksichtigen kann, daß die einen Fragebogen ausfüllenden Menschen Fehler machen können bzw. 'unlogische' Kombinationen wählen könnten, erschien es sinnlos, eine weitere Aufteilung zu akzeptieren. Bei fünf Clustern schien die Gesamtgruppe hinreichend differenziert, ohne daß ein Cluster geringer als 10% des Gesamtsamples umfaßte, so daß diese Aufteilung beibehalten wurde.

Grob ließ sich die Gesamtgruppe zweiteilen in die Cluster A, C und D auf der einen, die alle ein mehr oder weniger für Jungen typisches Verhalten beschrieben, und die beiden Cluster B und E auf der anderen Seite, welche eher ein untypisches Verhalten für einen Jungen beschrieben. Diese zwei 'Obergruppen' waren etwa gleich umfangreich (76 vs. 75). Wie der unten abgebildeten Tabelle zu entnehmen ist, setzen sich die beiden Teile jedoch aus recht unterschiedlich großen Clustern zusammen. Während der eine Teil vom Cluster B dominiert wird (52 von 75), ist der größte Cluster des anderen Teil der mit der Nummer C.

Cluster-Bezeichnung Umfang des Clusters
Cluster A n = 16
Cluster B  n = 52
Cluster C n = 44
Cluster D n = 15
Cluster E n = 24
insgesamt n = 151

Tab.3: Clustergrößen

Der Cluster B repräsentierte in geradezu perfekter Weise das bisherige Muster vom prähomosexuellen Kind, wie es im wissenschaftlichen Diskurs präsentiert wird. Daher bot sich dieser Cluster eindeutig als einer der beiden Extremgruppen zur qualitativen Auswertung an.

Als 'Gegen-Modell' kamen sowohl Cluster A als auch Cluster C und D in Frage, die alle ein jungentypisches Verhaltensmuster in unterschiedlichen Schattierungen darstellten. Die Cluster C und D repräsentierten jedoch beide ein Verhaltensmuster, welches sich als Gegenüber für Cluster B nicht so gut eignete, weil es durch stark aggressives oder betont unaggressives Verhalten geprägt war. Die im nächsten Abschnitt folgende Beschreibung zeigt, daß im Cluster C eher jene Jungen vertreten waren, die eine Art 'Mitte' zwischen den Clustern B auf der einen und A und D auf der anderen darstellten. Sie waren 'sanfter' und 'sensibler' als die anderen Jungen, aber deutlich selbstbewußter, sportlicher und integrierter in die Gruppe der männlichen Peers als die des Clusters B. Als 'Gegenmodell' zu Cluster B eigneten sie sich deswegen weniger gut.

Cluster D repräsentierte in mehrfacher Hinsicht einen Typ Jungen, der vollkommen anders als jener des Clusters B ist: wild, ungezügelt, sich einer Prügelei nicht entziehend, unabhängig etc. Neben der Tatsache, daß dieser Cluster jedoch ebenfalls nur etwa 10% des Gesamtsamples umfaßte, sprach aber noch mehr dagegen, ihn als Modell vom 'typischen Jungen' für diese Untersuchung auszuwählen. In einem der zentralen Freizeitbetätigungen 'durchschnittlicher' Jungen, dem Sport (s. Kap. 3.5.1, u.a. Todt 1992, Janke & Niehues 1995), waren die Jungen des Cluster D nicht sonderlich engagiert, zumindest nicht im Teamsport. Im Vergleich zum Cluster A bezeichnete sich nur jeder dritte aus Cluster D in der Kindheit als 'sportlich'. Wie weiter oben ausgeführt wurde, korrelierten daher die im Cluster D besonders ausgeprägten Merkmale 'aggressiv' und 'grob' eher wenig mit der Variable 'sportlich'. Die Jungen des Clusters D bezeichneten sich auch häufig als Einzelgänger, was wiederum ungünstig für das 'Gegenmodell' zu den etwa ebenso starken Einzelgängern vom Cluster B sein würde. Die stärkere Ausprägung von weiteren Variablen, welche auch im Cluster B stark ausgeprägt sind wie 'leicht verletzlich' und 'empfindlich' sprachen außerdem dagegen. Nicht zuletzt dürfte es ungünstig sein, dem Bild vom 'weichen' prähomosexuellen Jungen das Bild eines 'wilden' Jungen gegenüberzustellen, der auf seine Weise genauso 'aus der Rolle fällt'.

So fiel die Entscheidung zugunsten eines Vergleichs zwischen den beiden Clustern A und B relativ leicht und in voller Übereinstimmung mit allen zwischenzeitlichen Clusterbildungen, bei denen stets eine Gruppe mit Merkmalen des Clusters A einer zweiten Gruppe mit Merkmalen des Clusters B gegenüber stand.

Das bedeutet, daß einer der beiden für die qualitative Auswertung ausgewählten Cluster verhältnismäßig klein war, was die Chancen beinträchtigen konnte, hinreichend Interviewpartner zu finden. Zudem ist der Einwand möglich, einer eher peripheren Teilgruppe zu hohe Bedeutung beizumessen, anstatt den zweiten großen Cluster für einen Vergleich heranzuziehen, den Cluster C.

Diese Einwände sind zwar berechtigt, es muß jedoch berücksichtigt werden, daß keine verläßliche Aussage darüber möglich ist, welchen Umfang die Cluster in einer repräsentativen Auswahl bzw. in der Gesamtpopulation ausschließlich homosexuell lebender Männer annehmen würden. Es ist beim gewählten Zugang über Freizeitgruppen und einige Treffpunkte vor allem homosexuellen-politisch orientierter Männer zu vermuten, daß eine Überrepräsentanz gut ausgebildeter Männer aus der Mittelschicht vorherrschte, was sich anhand der beim Interview erhobenen demografischen Daten auch belegen läßt. Dies könnte dazu geführt haben, daß gerade die Muster der beiden Cluster A und D unterrepräsentiert sind.

Zudem war bei dieser Studie beabsichtigt, zwei Extremgruppen in Bezug auf das Geschlechtsrollenverhalten zu vergleichen. Es kam folglich nicht so sehr auf die Größe der Cluster, sondern auf deren Verhaltensmuster an.

Nach Bildung der Cluster wurde zur Kontrolle das Gesamtsample noch einer hierarchischen Clusteranalyse unterzogen, um festzustellen, ob zumindest die beiden wichtigsten Cluster A und B dort ebenfalls gebildet werden. Für binäre Daten stehen bei den hierarchischen Verfahren als Unähnlichkeitsmaß u.a. der Phi-Koeffizient zur Verfügung, d.h. dieses Verfahren war dem Skalenniveau der Daten angemessen. Die ordinal skalierten Daten konnten im Verlauf des Verfahrens standardisiert werden, so daß die methodischen Voraussetzungen diesmal den Erfordernissen voll entsprachen.

Tatsächlich fanden sich die den beiden Clustern mit der partitionierenden Analyse zugeordneten Personen im Dendrogramm mit wenigen Ausnahmen dicht beieinander wieder. Es war zu diesem Zeitpunkt der Auswertung leicht, die Cluster wiederzufinden. Ähnliches gilt für die weiteren Cluster. Diese Wiederholung des Klassifizierungsprozesses bestätigte nicht nur die Stabilität und Validität der gefundenen Cluster, sondern auch, daß partitionierende Clusteranalysen offenbar auch bei nicht-metrischen Daten brauchbare Ergebnisse hervorbringen können.
 
 

3.8.3.      Beschreibung der Cluster A-E

Im folgenden Abschnitt sollen die fünf gebildeten Cluster genauer beschrieben werden. Ausgehend von den Daten der jeweiligen Cluster wird beschrieben, welche Antwortkombinationen in dem Cluster vorherrschten. Den Jungen in jedem Cluster wurde zur besseren Veranschaulichung und um die Cluster im weiteren Verlauf der Arbeit leichter wiedererkennen zu können, neben der abstrakten Buchstaben-Numerierung Namen gegeben.

Es sei vorsichtshalber darauf hingewiesen, daß es sich nicht um 'Typen' handelt, sondern lediglich um Untergruppen des gesamten Samples, die mit Hilfe eines mathematischen Verfahrens entlang ihrer Antworten auf den Merkmalskomplex Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit gebildet wurden. Es sind Verhaltensmuster, Hilfskonstruktionen zur Charakterisierung des jeweiligen Verhaltens in einer einzigen Dimension, der des in unserer Gesellschaft den beiden Geschlechtern als männlich und weiblich zugeordneten Rollenverhaltens. Auch sei noch einmal an das Ziel erinnert, zwei Cluster mit unterschiedlichem Geschlechtsrollenverhalten zu finden, um anhand dieser beiden Cluster die Auswirkungen auf die psychosexuelle Entwicklung homosexueller Männer zu untersuchen. Die Identifikation der Cluster war nicht Ergebnis der Untersuchung, sondern ein notwendiger Zwischenschritt für die zentrale Interview-Erhebung.

Im Zentrum der weiteren - qualitativen - Auswertung stehen die Cluster A und B, die - bezogen auf das bestehende Rollenklischee - am besten das Muster von männlich und un-männlich (Friedman 1993) abbilden. Die drei weiteren Cluster werden an dieser Stelle vor allem deshalb hier beschrieben, um die Variationen im Geschlechtsrollenverhalten darzustellen, die sich im Muster dieser Cluster niederschlagen. Dabei wird an dieser Stelle etwas ausführlicher auf diese Cluster eingegangen, weil sie in der Auswertung der Interviews kaum berücksichtigt wurden. In geringem Maß fließen deshalb auch einzelne Informationen in diese Darstellung mit ein, die aus Interviews mit Männern des jeweiligen Clusters stammen(3).
 

Cluster A: Die 'harten Jungen'

Diese Männer beschreiben sich in ihrer Kindheit alle als sehr sportlich, sie spielten fast alle als Kinder Fußball und andere Ballspiele, teilweise schon früh in einem Verein. Vorherrschend war das Spiel in der Gruppe, dem Team bzw. der Mannschaft. Ihr Interesse galt den typischen Jungenspielen, sie hatten alle viel Spaß daran, während nur ein kleiner Teil an typischen Mädchenspielen Gefallen fand. Ihre Spielgefährten waren überwiegend Jungen, ein kleinerer Teil gab an, etwa gleichviel mit Mädchen und Jungen gespielt zu haben. Drei von ihnen erinnerten sich daran, sich als Kind manchmal als Mädchen oder Frau verkleidet zu haben.
Als Eigenschaften wurden am häufigsten 'kämpferisch' und 'mutig', 'draufgängerisch' und 'kräftig', etwas seltener aber auch 'sensibel' und 'empfindlich' genannt. Ihr Konfliktverhalten kann beschrieben werden als standhaft bis ausweichend, sie wußten sich zu wehren, wenn der Konflikt unvermeidlich war, hielten sich aber bei unnötigen körperlichen Auseinandersetzungen heraus.
Sie bezeichnen sich selbst fast alle als 'normaler Junge', nur einer kannte aus der Zeit vor der Pubertät ein Gefühl des 'Andersseins'. Kaum einer konnte sich daran erinnern, bei Sport oder Spiel von Dritten jemals lächerlich gemacht oder als 'Weichei' bezeichnet worden zu sein. Als Einzelgänger bezeichnete sich kaum jemand, nur ein kleiner Teil meint, 'etwas' Einzelgänger gewesen zu sein.
 

Cluster B: Die 'weichen Jungen'

Die Männer dieses Clusters beschreiben sich in ihrer Kindheit als 'sensibel' und 'schüchtern', 'leicht verletzlich', 'empfindlich', 'ängstlich' und 'sanft', als Gesamtbezeichnung hauptsächlich als 'sanfter', in einigen Fällen auch als 'femininer' Junge. Als 'sportlich' sahen sich nicht einmal 10% an. Sie hatten überwiegend gar keinen oder nur wenig Spaß am Sport, nur ein Drittel betrieb eine Sportart im Verein, fast ausschließlich Individualsportarten. Den Teamsport mieden sie, die meisten wurden bei solchen Gelegenheiten von den anderen Kindern lächerlich gemacht bzw. als 'Weichei' angesehen.
Typische Jungenspiele mochten sie sehr wenig oder gar nicht, Fußball gab keiner als Lieblingsspiel an, Raufen nur 4%. Ihre Lieblingsspielarten waren geschlechtsneutrale wie Malen oder Basteln, Musik hören bzw. machen, Sammeln oder Lesen. Gern spielten sie auch Gummitwist oder machten Handarbeiten, ein Drittel erinnert sich daran, mit Puppen gespielt oder sich manchmal als Mädchen verkleidet zu haben. Praktisch alle gaben an, 'etwas' oder 'sehr' Spaß an typischen Mädchenspielen zu haben. Ihre Spielgefährten waren eher Mädchen, kaum jemand spielte überwiegend mit Jungen. Bei Konflikten liefen sie entweder weg oder ließen Schläge wehrlos über sich ergehen.
Dreiviertel empfanden sich bereits in der Kindheit als 'anders', fast alle waren 'sehr' oder 'etwas' Einzelgänger.
 

Cluster C: Die 'sensiblen Sportler'

Die Männer dieser Gruppe charakterisieren sich in der Kindheit zwar auch zu einem hohen Prozentsatz als 'sensibel' und 'schüchtern', aber auch als 'sportlich'. Insgesamt sieht sich die Mehrheit zu gleichen Teilen als 'normaler' und als 'sanfter' Junge. Sie stellen eine Mischung zwischen den beiden Clustern A und B dar, indem sie sich sanfter und ängstlicher als die 'harten Jungen', aber deutlich sportlicher und selbstbewußter als die 'weichen Jungen' beschreiben.
Sie hatten viel oder doch zumindest etwas Spaß an typischen Jungenspielen, aber weniger am harten Fußball oder Raufen, sondern an anderen Ballspielen wie Völkerball oder Handball sowie Autos oder Indianerspielen. Sehr beliebt waren bei ihnen die geschlechtsneutralen Spiele wie Lesen, Malen oder Basteln. Eher als die 'normalen' Jungen aus Cluster A konnten sich die Jungen des Clusters C auch für Inhalte und Spiele begeistern, welche eindeutig als 'Mädchen-Sachen' angesehen waren, ¾ hatten sehr viel oder wenigstens etwas Spaß daran: Gummitwist, Blumen großziehen, Mädchenbücher lesen.
Ihre Spielgefährten waren meist Jungen und Mädchen gleichermaßen, bei einem Drittel aber eher Jungen. Sie hatten meist 'viel' oder 'etwas' Spaß an Sport, trainierten auch fast alle im Verein, zu gleichen Teilen in Team- und Individualsportarten. Die Hälfte kannte es, wegen ihres Spiels von anderen Jungs lächerlich gemacht worden zu sein, selten aber als 'Weichei' bezeichnet zu werden.
Ihr Konfliktverhalten ähnelt jenem aus Cluster A, eine Mischung aus Standhaftigkeit und Heraushalten. Dasselbe gilt für ihre Einbindung in die Peers, die meisten waren kaum oder gar nicht, keiner ein starker Einzelgänger. An Gefühle des Andersseins erinnern sich jedoch deutlich mehr als bei den 'harten Jungen', es ist fast die Hälfte des Clusters C.
 

Cluster D: Die 'wilden Einzelkämpfer'

Diese Männer bezeichneten sich zu gleichen Teilen als in der Kindheit 'wilde' oder 'normale' Jungen. Deutlich häufiger als irgendeine der anderen Gruppen gaben sie an, 'aggressiv' oder 'grob' gewesen zu sein, aber auch 'selbstbewußt', 'mutig' und 'draufgängerisch' werden oft genannt. Häufiger als die 'harten Jungen' bezeichnen sie sich aber auch als 'leicht verletzlich' und 'empfindlich'.
In ihrem Spaß an Jungenspielen und geringem Spaß an Mädchenspielen ähneln sie dem Cluster A, doch bei den Einzelnennungen bekommt außer 'Indianerspielen' kaum eines der vorgeschlagenen Jungenspiele von mehr als einem Drittel seine Zustimmung. Möglicherweise enthielt die vorgegebene Auswahl an Jungenspielen nicht jene 'wilden' Spiele, die sie bevorzugten: so werden im Interview Stockkämpfe, Bogenschießen und Ringkämpfe genannt. Beim 'Raufen/Balgen' stellen sie jedoch den Cluster mit den häufigsten Nennungen.
Spielgefährten dieser Jungen waren seltener als beim Cluster A nur Jungen, fast die Hälfte spielte mit Jungen und Mädchen gleichermaßen oft. Meist waren es Jungen, die in einer Gemeinschaft aufwuchsen, in zwei Fällen zudem in anderen Kulturen, in der die beieinander wohnenden Kinder gleich welchen Alters und Geschlechts zusammenspielten. In diesem Cluster finden sich zudem einige Jungen, welche, wären sie weiblichen Geschlechts gewesen, wahrscheinlich als 'wilde Mädchen' bezeichnet worden wären, sie repräsentieren eine Mischung aus starken maskulinen und feminine Anteilen. Dies dürfte der Grund gewesen sein für die im Zuge der statistischen Auswertung zunächst verwirrende Nähe der Variable 'feminin' zu einigen Variablen wie 'aggressiv' und 'grob'.
Ein großer Unterschied zum Cluster A besteht auch darin, daß die Männer des Clusters D weniger Spaß am organisierten Sport hatten, gerade mal 20% antwortet hier mit 'viel Spaß', mehr als ein ¼ mit 'gar nicht'. Zwar trainierten über die Hälfte in irgendeiner Sportart, aber eher in einer Individualsportart. Im Team wurden sie deutlich häufiger als die 'harten Jungen' für ihr Spiel lächerlich gemacht - wenngleich nie als 'Weichei' bezeichnet. Möglicherweise wurden sie eher für ihr unkoordiniertes Spiel verspottet. Mehr als die Hälfte empfand sich bereits in der Kindheit als 'anders'.
Sie bezeichnen sich häufig als Einzelgänger, obwohl der Begriff 'Einzelkämpfer' vielleicht besser trifft, das totale Einfügen in eine Gruppe scheint nicht ihr Wunsch oder ihre Stärke gewesen zu sein. Bei diesem Cluster mag es aber auch die ganz spezifische Eigenwahrnehmung als 'anders' sein, welche viele sich als 'etwas' oder 'starker' Einzelgänger beschreiben läßt. Denn die meisten verbrachten durchaus viel Zeit mit anderen Kindern, waren also viel weniger allein im Vergleich zu den beiden Clustern E und B.
Bei Kämpfen sind sie diejenigen im Gesamtsample, welche am häufigsten angaben, 'ich schlug ohne Diskussion zurück' oder 'Ich habe gedroht, zurückzuschlagen, wenn er nicht aufhört'. 'Weglaufen' kam für keinen von ihnen in Frage.
 

Cluster E: Die 'unsportlichen Außenseiter'

Diese Gruppe ist sehr schwierig zu beschreiben. Das auffälligste Merkmal dieses Clusters ist das Fehlen bestimmter Faktoren, der Mangel an etwas. Dies macht es schwer, den Cluster positiv zu beschreiben, näher liegt, was ihn nicht auszeichnet. In einer Reihe von Merkmalen gleichen die Jungen dieses Clusters den 'weichen Jungen', es gibt eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Doch in mehreren Punkten unterscheiden sie sich doch so stark, daß die Trennung in zwei Cluster gerechtfertigt ist.
Bei den Jungen dieses Clusters finden sich wenig Interessen bzw. nur spezielle für ein sehr abgegrenztes Gebiet, dem sie fast ihre gesamte Zeit widmen: Autos, Walfische, Bastelarbeiten. Ein Interesse für die breite Palette an Jungen- oder Mädchenspielen ist nie vorhanden. Mit den 'weichen Jungen' teilen sie die Abneigung gegenüber Jungenspielen, ohne jedoch zum Ausgleich deren Spaß an Mädchenspielen zu haben. In keinem anderen Cluster ist das Interesse an typischen Mädchenspielen so gering wie bei ihnen. Selbst die 'harten Jungen' beteiligten sich häufiger am 'Gummitwist' der Mädchen, verglichen mit jenen des Clusters E. Auch ein Verkleiden als Mädchen, in allen anderen Clustern durchaus von einzelnen angegeben, hat hier niemand angekreuzt. Sie konzentrieren sich auf wenige, 'geschlechtsneutrale' wie Lesen, Malen, Sammeln und Musik.
Spaß am Sport kannten sie offenbar gar nicht, etwas dauerhaft trainiert hat der größte Teil erst recht nicht. Dies gilt auch für den Individualsport, bei dem sie weniger von der Gunst eines Teams abhängig waren, und der deshalb bei den 'weichen Jungen' und erst recht bei jenen des Clusters C eine gute Ausweichmöglichkeit bot. Die Frage, ob sie bei Teamspielen wegen ihres Spiels manchmal von anderen lächerlich gemacht wurden, verneint lediglich einer, während es bei den 'weichen Jungen' immerhin knapp ein Viertel war.
Ihre Spielgefährten waren eher Jungen, bei einem Teil auch beide Geschlechter, aber in keinem Fall eher Mädchen. Noch stärker als die Jungen des Clusters D waren jene des Clusters E starke Einzelgänger - mit 42% der Cluster mit den höchsten derartigen Nennungen in dieser Variable. 92% von ihnen bezeichneten sich so mehr oder weniger als Einzelgänger.
In den am häufigsten genannten Eigenschaften ähnelt diese Gruppe den 'weichen Jungen': 'sensibel', 'schüchtern', 'leicht verletzlich' und 'schwächlich'. Deutlich seltener als bei jener Gruppe wird jedoch 'ängstlich', 'sanft' oder 'weich' genannt.
Andererseits kennzeichnen sich 74% von ihnen als 'sanfter Junge', was vielleicht mit ihrem Konfliktverhalten zusammenhängt. Dies ist extrem ausweichend, bei ihnen ist 'Weglaufen' mit 60% die häufigste Nennung, sie zeigen sich damit noch um einiges mehr vermeidend als die ebenfalls in diesem Punkt sehr zurückhaltenden 'weichen Jungen'. Selbst das Drohen, sich zu wehren, kam offenbar für keinen von ihnen in Frage.
 
 

3.8.4.      Auswahl potentieller Interviewpartner und Kontaktaufnahme

Die Auswahl der Interviewpartner war dadurch eingeschränkt, daß nicht alle Befragten auf dem Auswahl-Fragebogen ihren Namen und eine Telefonnummer angegeben hatten. Dies war besonders problematisch im Cluster A, der insgesamt 16 Personen umfaßte. Hinzu kam, daß ein nicht geringer Teil dieser Männer nicht aus Hamburg kam, sondern Fußballer aus Köln und Frankfurt waren.

Da sich gleich zu Beginn der geplanten Interviewphase die Gelegenheit ergab, Interviews in Köln durchzuführen, wurden alle potentiellen Interviewpartner, welche dort lebten, kontaktiert und um eine Terminabsprache gebeten. Zwei der Befragten konnten nicht kontaktiert werden, ein Dritter sagte aus Termingründen ab. So konnten im November 1996 die ersten Interviews in Köln durchgeführt werden, drei aus dem Cluster A sowie je einer aus Cluster B und C, die ebenfalls aus Köln stammten. Sechs weitere Männer aus Cluster A wurden in Hamburg kontaktiert, sie waren alle zu einem Interview bereit, so daß diese Anfang 1997 stattfinden konnten. Nachdem sich bei den letzten Interviews aus diesem Cluster zeigte, daß zusätzliche Interviews nur wenig neue Informationen über diesen Cluster lieferten, wurden keine weiteren Männer aus Cluster A mehr kontaktiert. Damit konnte auch auf die Befragten aus Frankfurt und eine erneute Fahrt nach Köln verzichtet werden.

Zu Beginn war darauf verzichtet worden, gleichzeitig Männer der anderen Cluster zu befragen, um sich ganz auf die Lebensgeschichten der Männer eines Clusters konzentrieren zu können. Dies erwies sich auch als vorteilhaft, waren doch so Ähnlichkeiten und Unterschiede leichter unmittelbar während des Interviews aufzuspüren und ggf. bei den Fragen zu berücksichtigen.

Aus Zeitgründen wurde aber dann doch im Februar damit begonnen, Männer aus dem Cluster B zu kontaktieren. Hier war die Auswahl wegen der Größe des Clusters schwieriger. Ins Auge gefaßt war zu Beginn eine Zahl von 10 Befragten auch aus diesem Cluster. 14 der 52 potentiellen Interviewpartner hatten keine Kontaktmöglichkeit angegeben, so daß 38 Personen übrig blieben. Da auswärtige Interviews nur mit einem erheblichen Ressourcenaufwand durchgeführt werden konnten, andererseits eine große Zahl potentieller Interviewpartner dieses Clusters aus Hamburg vorhanden waren, von denen viele zudem an anderen Orten aufgewachsen waren, wurde die weitere Suche auf die Hamburger Befragten beschränkt. Hierdurch fielen noch einmal 12 Personen heraus, die dieses Kriterium nicht erfüllten (mit Ausnahme des oben bereits erwähnten Mannes aus Köln, der bereits interviewt worden war).

Aus den 26 übrig gebliebenen Männern wurden einige danach ausgesucht, ob sie den Cluster besonders gut repräsentierten, d.h. ein besonders 'typisches' Profil hatten, welches dem des Gesamtclusters nahekam. Andererseits wurden einige Männer ausgewählt, die sich in einigen Variablen deutlich von den anderen abhoben, sich z.B. als sehr feminin und mädchenhaft bezeichnet hatten oder die sich als 'mutig' oder 'kräftig' bezeichnet hatten, gern gerauft hatten oder sich als 'sportlich' einstuften.

Insgesamt wurden 15 Männer aus diesem Cluster ausgewählt und eine Kontaktaufnahme versucht. Die große Zahl von möglichen Ansprechpartnern sollte sicherstellen, daß auf jeden Fall der Umfang von 10 Interviews erreicht wurde. Im Laufe der folgenden Monate konnten 14 davon erreicht und 13 interviewt werden. Ein Mann lehnte zuerst ein Interview ab, meldete sich dann doch wieder und wollte sofort kommen, ließ sich dann auf einen Termin am folgenden Tag ein, zu dem er jedoch nicht erschien. Eines der durchgeführten Interviews konnte nicht verwertet werden, da der relativ junge Mann die nötige Fähigkeit zur Reflexion und Artikulation nicht mitbrachte. Da bis zu diesem Zeitpunkt bereits 12 Interviews durchgeführt worden waren, erschien dies unproblematisch. Danach wurde auch noch das letzte bereits vereinbarte Interview in diesem Cluster gemacht, so daß am Schluß insgesamt 13 Interviews aus Cluster B vorlagen.

Ebenfalls im Frühjahr 1997 wurden Kontakte zu Angehörigen der drei weiteren Cluster aufgenommen. Um sicherzustellen, daß die auf der Basis der Auswahl-Fragebogen gebildeten Cluster auch bei einem Vergleich der Kindheits- und Jugendgeschichte Bestand haben würde, sollten aus jedem Cluster drei Männer interviewt werden. Hier wurde vorrangig Wert darauf gelegt, daß sie die jeweiligen Cluster möglichst gut repräsentierten und leicht erreichbar waren. Neben zwei Interviews, die bei einem Aufenthalt in Berlin gemacht wurden, fanden die restlichen in Hamburg statt. Nachdem aus allen drei weiteren Clustern je drei Männer interviewt waren, wurden noch zwei weitere aus dem Cluster C angesprochen, da dieser Cluster wegen seiner 'Mittelposition' vergleichsweise interessant erschien. Insgesamt wurden so 33 Interviews realisiert.

 

Cluster Anzahl der Interviews von insgesamt
Cluster A: die 'harten Jungen'  09 16
Cluster B: die 'weichen Jungen'  13 52
Cluster C: Die 'sensiblen Sportler' 05 44
Cluster D: Die 'wilden Einzelkämpfer' 03 15
Cluster E: Die 'unsportlichen Außenseiter' 03 24
  33 151

Tab.4: Anzahl der durchgeführten Interviews nach Cluster
 
 

3.9.      Durchführung der Interviews

Die Interviews wurden in der Zeit zwischen November 1996 und Juni 1997 durchgeführt. Fünf fanden in Köln statt, der Rest in Hamburg (25) und Berlin (3). Alle Gespräche wurden ausschließlich von mir selbst geführt.

Die Kontaktaufnahme erfolgte über die Telefonnummer, welche die Befragten angegeben hatten. Da ein mögliches Interview dort bereits angekündigt war, konnte daran angeknüpft werden. Einige waren überrascht über den Anruf, da sie die Angabe ihrer Personalien vergessen hatten. Meist war die Reaktion auf den Wunsch nach einem Interview positiv. Das meist zwischen fünf und zehn Minuten dauernde Gespräch gab Gelegenheit, "vertrauensbildend" tätig zu werden, indem über den ersten Teil der Studie und den Auswahl-Fragebogen gesprochen wurde. So konnte auch die Frage, warum gerade er für ein Interview ausgewählt wurde, meist knapp, aber zufriedenstellend beantwortet werden, zumal von mir darauf hingewiesen wurde, daß es wichtig sei, möglichst alle geplanten Gespräche auch stattfinden zu lassen.

Es blieb den Kontaktierten überlassen, ob sie gern das Gespräch bei sich zuhause oder an einem anderen Ort führen wollten, i.d.R. in meiner Wohnung, in Einzelfällen in anderen Räumen. Die Interviews in Köln und Berlin fanden überwiegend in den Wohnungen der Befragten statt, zwei in Wohnungen Dritter, die zur Verfügung standen. Wichtig war, daß ein ungestörtes Gespräch von etwa 1 ½ - 2 Stunden möglich war und die Befragten sich in der gewählten Umgebung wohl fühlten.

Etwa die Hälfte der Hamburger Interviews wurde bei den Interviewpartnern zuhause, die andere Hälfte in meiner Wohnung realisiert. Für einige war es bequemer und zeitlich einfacher, daß ich zu ihnen kam, andere wollten lieber zu mir kommen. Nur in einem Fall wurde die Vereinbarung durch den Interviewpartner nicht eingehalten, worauf von mir auf das Interview verzichtet wurde, da bis zu diesem Zeitpunkt hinreichend Gespräche mit Männern desselben Clusters stattgefunden hatten.

Die Interviews fanden nicht in Anwesenheit Dritter statt, um Störungen und Beeinflussungen aus dieser Richtung auszuschließen. Da zu den meisten Interviewpartnern bis zu diesem Zeitpunkt kein persönlicher Kontakt bestand, wurde die erste Zeit genutzt, miteinander in Kontakt zu kommen, 'warm' zu werden. Fand das Interview in der Wohnung des Befragten statt, suchten wir gemeinsam einen geeigneten Platz, der ein entspanntes Gespräch ermöglichte und die Aufnahme per Ton-Cassette erlaubte. Ich gab meist noch einmal eine kurze Erläuterung, daß ich eine Studie zur Kindheit und Jugend homosexueller Männer mache, ohne auf Details oder etwa mein "Vorverständnis" einzugehen. Ich erklärte das geplante Vorgehen mit dem Leitfaden und meinen Wunsch an sie, frei zu erzählen, was sie zum jeweiligen Themenbereich erinnern. Bei weitergehenden Fragen verwies ich auf die Möglichkeit, diese im Anschluß zu beantworten.

Vorab war grundsätzlich die Bereitschaft der Interviewpartner erfragt worden, das Interview auf Cassette aufzeichnen zu dürfen, um es später auszuwerten. Anonymität wurde in allen Fällen zugesichert, bis dahin, daß keiner dritten Person Kenntnis davon gegeben würde, daß das folgende Interview stattgefunden hat. Dieses Vorhaben wurde gemäß dem Vorgehen in Therapie oder Beratung auch in allen Fällen eingehalten. Lediglich in zwei Fällen, in denen unabhängig voneinander Partner aus einer Beziehung interviewt wurden, ließ sich dies nicht verwirklichen, da diese bereits miteinander über das geplante Interview gesprochen hatten. Die Männer, die zuerst interviewt wurden, habe ich jedoch gebeten, dem Partner bis zu seinem Interview keine Details über die Fragen oder das Interview mitzuteilen, um nicht ungleiche Bedingungen zu schaffen.

Allen Befragten war aufgrund meiner bisherigen Veröffentlichungen bekannt, daß ich selbst homosexuell bin, wo dieses Wissen nicht bestand, wurde es von mir hergestellt. Es zeigte sich mehrfach, daß diese Tatsache für einige der Interviewpartner eine entscheidende Voraussetzung war, sich überhaupt auf ein Interview über ihre persönliche Entwicklung einzulassen.

Am Schluß der 'Aufwärmphase' wurden die Männer gefragt, ob wir nun mit dem Interview beginnen könnten und zum Zeichen dafür das Bandgerät gestartet. Das Vorgehen während des Interviews erfolgte entlang des Leitfadens, wenngleich die Fragen nur dann gestellt wurden, wenn der Befragte das Thema nicht bereits von selbst angesprochen hatte. Manchmal wurde durch die Frage zum Thema zurückgeführt, wenn es nur kurz gestreift worden war.

Wesentlich war die grobe Strukturierung des Interviews in die Einleitungsphase mit der Frage nach der frühesten Erinnerung aus der Kindheit, in der freies Assoziieren und langsames Erspüren der Erinnerungen wichtig war, als zweiter Teil die Zeit bis zur Pubertät, dann Pubertät und Adoleszenz und zum Abschluß die heutige Lebenssituation.

Ich habe darauf geachtet, daß neben der Schilderung von Fakten jene des Erlebens, der Gefühle im Zusammenhang mit dem Geschehen nicht zu kurz kam. Es ging mir nicht nur um die intellektuelle Sicht der jeweiligen Lebenssituation, sondern auch der gefühlsmäßigen Betroffenheit. So wurden manche Teile von Interviews zu gemeinsamen "Ausgrabungen", etwa wenn ein Befragter zunächst relativ nüchtern erzählt, wie seine Mutter eines Tages vergaß, ihn vom Kindergarten abzuholen, und er, von den Kindergärtnerinnen ausgesperrt im Windfang saß. Erst das Nachhaken und empathische Einfühlen in die Situation ließ den Interviewpartner das starke Gefühl der Verlassenheit und Ohnmacht erinnern bzw. aussprechen. Ich war bestrebt, in einer offenen Interaktion mit dem Interviewten das Erlebte bzw. Erinnerte zu bewerten, statt es nachträglich bei der Auswertung für den Interviewten zu tun (Palzkill 1989). Es zeigte sich oftmals, wie wichtig jene Kompetenzen sind, die Spöhring (1989) als vorteilhaft für die Interviewsituation beschrieben hat: die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören, um sorgfältig verstehen zu können; nicht zu unterbrechen, sondern ausreden zu lassen, damit er seine Gedanken in der ihm eigenen Darstellungsweise entfalten kann; Aufmerksamkeit und Reflexion bezüglich der eigenen Kommentare und Handlungen wegen ihres Einflusses auf das Gespräch; die Bereitschaft zum flexiblen Umgang mit dem Leitfaden, um das Interview den Erfordernissen des Befragten anzupassen und nicht umgekehrt. Beim späteren Abhören zeigte sich, daß es mir offenbar nicht immer leicht fiel, länger geduldig zuzuhören, wenn die Interviewpartner allzu sehr von der thematischen Struktur abwichen.

Manche erzählten ausführlich auch ohne vieles Nachfragen, andere hatten Schwierigkeiten, offen und nachvollziehbar über ihre Erfahrungen und ihr Erleben zu berichten, sie brauchten viele Fragen, gaben kurze, knappe Antworten. Selbst in diesen Fällen habe ich niemals 'nachgebohrt', um nicht die Gesprächspartner zu Aussagen zu drängen, zu denen sie eigentlich nicht bereit sind, zumal dies höchstwahrscheinlich den Wahrheitsgehalt des Gesagten beeinträchtigt hätte. Ich nahm dafür in Kauf, daß einzelne Befragte nicht auf alle Fragen eine (ausführliche) Antwort gaben. Mit gefällt als Charakterisierung des Interviewerverhaltens die "eines zugleich neugierigen und rückhaltlos akzeptierenden Bekannten/Freundes", wie die Autoren der Shell-Studie "Jugend 81" (Jugendwerk der Deutschen Shell 1982) ihren Stil bei den Interviews mit sieben Jugendlichen beschrieben haben (S.9).

Mit dem Antwortverhalten ging auch die Dauer des Interviews einher; mehr als die Hälfte konnte innerhalb des geplanten Limits von 1 ½ Stunden abgeschlossen werden, ein weiteres Drittel dauerte ungefähr 2 Stunden. Vier Interviews hatten einen Gesamtumfang von mehr Stunden, was allerdings auch damit zusammenhing, daß sie in zwei Teilen mit einem zeitlichen Abstand stattfinden mußten. Jeweils beim ersten Interview hatte sich gezeigt, daß sie sehr ausführlich und lebendig ihre Erinnerungen schildern konnten und wollten, dies aber den möglichen Zeitrahmen überschritt, so daß ein weiterer Termin vereinbart wurde. So umfaßten je zwei Interviews mit Männern aus Cluster A und aus Cluster B eine Dauer von drei bis vier Stunden insgesamt. In diesen vier sehr gehaltvollen und in keiner Minute langweiligen Interviews bewahrheitete sich, daß eine "üppige Zeitkalkulation für das Interview" den Spielraum für Spontaneität und freie Assoziation der Befragten sichere (Hoffmann-Riem 1980, S.358).

Fast alle Männer erzählten in einer sehr offenen und erfreulich ehrlichen und selbstkritischen Weise über ihr Leben. Es machte Freude, ihnen zuzuhören, und oft merkte ich, daß es ihnen zwar nicht immer leicht fiel, sich zu erinnern oder über manches zu sprechen, aber daß es dennoch den meisten ebenfalls Freude zu machen schien, sich ihre Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen genauer anzuschauen und zu erzählen. Mehrere Männer sagten, daß sie selten so intensiv über ihre Kindheit nachgedacht hätten und selbst überrascht waren, an welche Einzelheiten sie sich erinnerten. Die starken Gefühle von Sympathie und Nähe, welche durch die Bereitschaft der meisten Männer ausgelöst wurden, mich auf so beeindruckend offene Art an ihren Erinnerungen und ihrem Leben mit all seinen Widersprüchen und Brüchen teilhaben zu lassen, werte ich als ein deutliches Zeichen von Validität der Aussagen. Zwar war ich den meisten durch mein - auch sehr persönlich geschriebenes - Coming Out-Buch bekannt, und doch schätzte ich es sehr, wenn der größte Teil der Befragten seine Furcht vor unbequemen Wahrheiten (auch sich selbst gegenüber, wie mehrfach zu spüren war) und scheinbaren Widersprüchen bezwingen und sich auf das Abenteuer eines solchen Interviews einlassen konnte.

Es gab jedoch auch den anderen Fall. Bei einzelnen Männern regte sich manchmal Ärger in mir, daß sie sich zwar zu einem Interview bereit erklärt hatten, nun aber kaum einmal zwei Sätze auf eine Frage hin herausbrachten. Möglicherweise war es mir in den beiden Fällen, in denen dies extrem so war, nicht gelungen, hinreichend Vertrauen aufzubauen. Bei zwei oder drei Männern entstand weniger Ärger als eine Abneigung, eine Mißstimmung, die sich weniger aus dem was, sondern aus dem wie sie erzählten, speiste. Mir ist hierbei vor allem ein Interview in Erinnerung, bei dem ich mich immer wieder darauf konzentrieren mußte, überhaupt zuzuhören. Die sehr eintönige, wenig modulierte, einschläfernde Art des Erzählens, ohne jede Gefühlsregung mag hierzu beigetragen haben. Das Transkribieren dieses Interviews wurde später zur Qual, zumal es mir kaum gelang, längere Satzteile zu behalten, um sie zu verschriftlichen. Zwei dieser Männer waren aus dem Cluster E, die ich als 'unsportliche Außenseiter' bezeichnet habe und die sich durch geringe soziale Kontakte in der Kindheit (und teilweise auch Jugend) auszeichneten. Eine gefühlsmäßige Nähe zu diesen beiden konnte ich nicht aufbauen.

Möglicherweise war es aber nicht mangelnde Nähe oder das vielleicht fehlende Vertrauen, die das Interview so schwierig machte. Vielleicht war ihr sehr distanziertes, unbeteiligt wirkendes Erzählen von einer schier unerträglich erscheinenden Isolation, Auswirkung des damaligen Leidens. Womöglich hatte sie darauf mit einer Bewältigungsstrategie reagierte, die sie diese Zeit seelisch überleben ließ.

Nach Abschluß des Interviews, welches wiederum durch Abschalten des Bandgerätes klar gesetzt wurde, kam es meist noch zu Nachfragen der Interviewpartner, etwa daran, was andere Männer erzählt hätten, ob bestimmte Erlebnisse auch von anderen gemacht wurden etc. Mehrere äußerten großes Interesse an den Ergebnisse und waren teilweise enttäuscht zu erfahren, daß es sicher ein oder zwei Jahre dauern würde, ehe die Studie abgeschlossen sei. Einige legten im Nachhinein, so sie dies nicht bereits vorher getan hatten, ihre Motivation, am Interview teilzunehmen, offen. Viele meinte, daß es sich um ein spannendes, bisher wenig erforschtes Thema handele, über das mehr bekannt sein sollte und sie deshalb gern bereit gewesen seien, dazu beizutragen. Andere hatten sich bereits mehr mit ihrer Kindheit befaßt und nutzten die Gelegenheit, dies zu vertiefen durch die angesprochenen Fragen und Themen. Einzelne sagten explizit, daß sie durch ihre Teilnahme etwas zurückgeben wollten von dem, was sie durch meine Bücher früher bekommen hätten, und so dazu beizutragen, weitere Veröffentlichungen möglich zu machen.

Am Ende bat ich alle Befragten, den Begleit-Fragebogen auszufüllen, was die meisten unmittelbar im Anschluß taten. Einige nahmen ihn mit und schickten ihn mir später ausgefüllt zu. Die ersten Interviewpartner in Köln erhielten zunächst nur eine Vorform, da der Fragebogen noch nicht endgültig ausgearbeitet war, und später die restlichen Fragen.

Nachdem die Befragten gegangen waren bzw. nachdem ich ihre Wohnung verlassen hatte, schrieb ich jeweils ein kurzes Protokoll über die Interviewsituation und erste Ideen, die sich aus diesem speziellen Interview ergeben hatten (Haupert 1991). Hierzu gehörten auch Gegenübertragungen, die eine wichtige Zusatzinformation über die Interviewpartner darstellen können (M.Bock 1992).

Dieses Protokoll erwies sich später bei der Auswertung häufig als sehr hilfreich, aber bereits in dem guten halben Jahr, das für die Durchführung aller 33 Interviews benötigt wurde, führten diese festgehaltenen Ideen zu leichten Modifikationen insbesondere der Nachfragen nach bestimmten Aspekten.
 
 

3.10.      Auswertung der Interviews und des Begleit-Fragebogens

Die Auswertung der Interviews hatte klar benennbare Ziele. Es ging nicht, wie bei vielen narrativen Interviews, um die "Generierung sozialwissenschaftlicher Typen" (Haupert 1991), denn die unterschiedlichen Gruppen waren vorab durch die Antwortmuster im Auswahl-Fragebogen definiert. Gerade bei Homosexuellen, die per definitionem über ihre Sexualität eingruppiert werden, sollten weitere Typisierungen mit äußerster Vorsicht gehandhabt werden (Bochow 1998), die den sehr individuellen biographischen Entwicklungen, Umbrüchen und Neuorientierungen nicht Rechnung tragen können.

Es ging auch nicht darum, ein vollkommen fremdes Feld zu erschließen, wofür sich qualitative Methoden anbieten, da das Feld für mich sowohl wegen des Eigenerlebens als auch meiner Tätigkeit als Berater und Therapeut nicht 'vollkommen fremd' war (was die Annahme einer "prinzipiellen Fremdheit" zum Forschungssubjekt nicht ausschließt). Es ging auch nicht darum, Einzelfall-Analysen im Detail zu betreiben, da die einzelnen Fälle stets im Zusammenhang mit der Gruppe gesehen werden sollten, in die sie eingeordnet worden waren.

Vielmehr ging es darum, die Forschungsfragestellungen auf die Cluster anzuwenden, sie für die Gruppen und die in einer Gruppe zusammengefaßten Einzelpersonen zu beschreiben sowie zu untersuchen, ob sich neben den ursprünglichen Unterschieden, die auf dem Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit basierten, weitere Unterschiede in anderen Bereichen (soziale Beziehungen, Sexualität) und anderen Zeiträumen (Jugend, Heute) finden lassen. Es sollten (vorrangig) für beide Cluster "soziale Abläufe, in die Individuen eingebunden oder denen sie unterworfen sind, aus deren Sicht" rekonstruiert werden (Haupert 1991, S.215). Dabei existierte prinzipiell eine Offenheit für die subjektive Sicht der einzelnen Interviewpartner, und doch waren sie noch stärker als eine Art 'Experte' für den jeweiligen Cluster gefragt, im Vordergrund stand die Summe der Erfahrungen, das Gemeinsame innerhalb des Clusters. Immerhin wurde mit diesem Cluster-Vergleich Neuland betreten, bei dem es als erstem Schritt durchaus Sinn machte, "umgrenzte und eindeutige Antworten" statt "komplexe, vielschichtige Muster"(Flick 1995, S.149) zu suchen. Die damit verbundene Begrenzung der Auswertung wurde in Kauf genommen.

Es sei an dieser Stelle an die Fragestellungen der Studie erinnert, die in ihren ersten beiden Fragen die Rekonstruktion der psychosexuellen und psychosozialen Entwicklung der befragten Männer untersuchen, in den beiden weiteren aber die Bedeutung der Rollenkonformität als Junge bzw. Mann und damit das bisher geläufige Bild vom prähomosexuellen Jungen ins Zentrum stellen wollten. Die Gruppenbildung sollte ja gerade dazu beitragen, das geläufige Bild an der Realität zumindest einiger Männer zu 'messen' und im Vergleich der Cluster festzustellen, welchen Anteil das Geschlechtsrollenverhalten an der psychosexuellen und sozialen Entwicklung hat.

Die Ziele der Auswertung bestimmten die Methode der Auswertung entscheidend. Dies gilt bereits für die Verschriftlichung. Die Transkription sollte bestmöglich das, was der Interviewte gesagt hat, festhalten, ohne durch extensive Kennzeichnung bis ins letzte lautmalerische Detail die Lesbarkeit des Protokolls zu beeinträchtigen. Da es zudem wesentlich darum ging, die berichteten Erinnerungen auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede (innerhalb der Cluster sowie zwischen den Clustern) zu vergleichen, also die inhaltlich-thematische Ebene im Vordergrund stand, war die zusätzliche Information, die eine solche sehr umfassende Kennzeichnung liefert, auch nicht notwendig (Mayring 1990). Zudem dürfte es zweifelhaft sein, ob mit derartiger Detailtreue nicht "Ideale naturwissenschaftlicher Meßgenauigkeit"(Flick 1995) in die Sozialwissenschaft herübergeholt werden, die einen Anschein von Objektivität vermitteln sollen, der aber nicht wirklich aufrechtzuerhalten ist.

Existierende Transkriptionsregeln wie jene von Kallmeyer und Schütze (1976) oder von Mayring (1994) wurden zwar als Anregung rezipiert, jedoch nur in sehr begrenztem Maße übernommen. Es wurde beschlossen, das Gesprochene in der grammatikalischen Form niederzuschreiben, wie es auf Band aufgezeichnet war, d.h. grammatische Fehler und Sprachverhunzungen (Denn ham wir ... etc.) mit aufzunehmen. Weiter wurden sprachliche Äußerungen auch dann verschriftlicht, wenn es keine Worte im eigentlichen Sinn sind ('Mmh' für 'Ja', Pausenfüller wie 'Äh' etc.), Pausen durch Punkte gekennzeichnet, wobei ein Punkt etwa für eine Pause von 1 Sekunde steht, Unverständliches durch in Klammern gesetztes '(unverständlich)' ersetzt und deutliche nicht-sprachliche Äußerungen ebenfalls in Klammern gesetzt (wie (Lachen), (Räuspern) etc.). Die Äußerungen des Interviewers wurden zudem durch Kursivschrift von den Äußerungen des Interviewten abgesetzt.

Im Juli 1997 wurde mit der Verschriftlichung der Interviews begonnen. Die große Zahl der Interviews und ihre Länge sowie die Notwendigkeit, diese Arbeit selbst bewerkstelligen zu müssen, machten eine behutsame Begrenzung des Aufwandes notwendig.

Aus den Clustern A und B, welche intensiver ausgewertet werden sollten, wurden jeweils sieben Interviews - unter ihnen auch die umfangreichsten - komplett verschriftlicht. Bei den restlichen Interviews des Clusters wurden solche Passagen, die aus den bisherigen Verschriftlichungen hinreichend bekannt waren, nur noch zusammengefaßt festgehalten, so daß hier nicht immer alles komplett verschriftlicht wurde. Bei den Clustern C, aus dem fünf Interviews gemacht wurden, sowie D und E, aus denen je drei Interviews stammten, wurden jeweils zwei Interviews komplett verschriftlicht und bei den anderen parallel zum Vorgehen in A und B verfahren.

Bei der Verschriftlichung wurde zum großen Teil eine Spracheingabe der parallel per Kopfhörer abgehörten Interviews eingesetzt, was wegen der Mängel dieser Methode nicht so sehr ein Zeit-, aber ein Bequemlichkeitsgewinn war. Es war möglich, entspannt im Sessel zu sitzen und den Text zu diktieren, statt ihn komplett per Tastatur einzugeben.

Die gesamte Arbeit an der Verschriftlichung der Interviews nahm trotz dieser Vereinfachungen fast fünf Monate in Anspruch. Dies ist eine lange Zeit, die ebenso wie die vielen Monate der Erhebungen selbst in diesem Umfang nicht eingeplant war, aber die von mir selbst vorgenommene Verschriftlichung brachte bereits eine intensive Auseinandersetzung mit dem Material in einer Weise, wie es die Interviewsituation noch nicht geboten hatte. Eine Vielzahl von Details wurde beim Diktat und der anschließend nötigen Korrektur offensichtlich, so daß die Arbeit eine gute Vorbereitung für die Auswertung war.

Die Auswertung begann mit den gesamten Daten des Auswahl-Fragebogens, was in dieser Form für die Clusterbildung noch nicht nötig war, zum einen nach Gesamtergebnissen und dann differenziert nach den Clustern A und B.

Die Entscheidung für eine große Zahl von Interviews und den Vergleich zweier Cluster bedeutete gleichzeitig - angesichts vorhandener knapper Ressourcen - eine Entscheidung für ein Vorgehen bei der Analyse des Datenmaterials, das sich auf die Aussagen der Befragten beschränkte und weitergehende Analysen, etwa der Gestalt der Texte, vernachlässigt. Sequentielle Analysen wie jene der objektiven Hermeneutik (Oevermann, Allert, Konau & Krambeck 1979) kamen ebensowenig in Frage wie etwa narrative Analysen aus der Biographie-Forschung (Schütze 1983), auch wenn das Material prinzipiell dafür geeignet gewesen wäre.

Es bestand von Anfang an nicht der Anspruch, z.B. aus 'objektiv gesagtem' einen 'subjektiv gemeinten Sinn' zu erschließen oder 'Lebenskonstruktionen' herauszufinden, wie es Gehling (1993) in seiner Untersuchung sozialer Anpassungsprozesse homosexueller Männer aus der ehemaligen DDR tat. Ein solches Ziel führt in der Regel zur Vergrößerung des Textumfangs, da das Aufdecken und Konzeptualisieren von Aussagen seitenlange Interpretationen für kurze Textpassagen hervorbringt (ein gutes Beispiel hierfür bietet Mayring 1994, S.32f). Dies war weder angestrebt, noch wäre es angesichts von etwa 700 vollbeschriebenen Seiten Interview-Transkripten ökonomisch leistbar gewesen. Zudem erfordert ein solches Vorgehen eine explizite Theorie, welche die Lücke zwischen 'Gesagtem' und 'Gemeintem' zu schließen vermag.

Erstrebt war die gezielte Reduktion des Textmaterials durch Strukturierung und Kategorisierung, eine zusammenfassende und strukturierende Inhaltsanalyse. Vorangestellt werden sollte ein Überblick über das thematische Spektrum der Transkripte, wofür sich ein Vorgehen im Sinne der Globalauswertung von Böhm, Legewie und Muhr eignete, das Flick (1995, S.215ff) beschreibt.

Bei der Globalauswertung wird die Einzelfallanalyse wie folgt durchgeführt: Vor dem Hintergrund der Forschungsfragestellung und des eigenen Vorverständnisses wird das Transskript intensiv gelesen, mit Stichwörtern versehen und eine grobe Gliederung großer Passagen vorgenommen. Diese Gliederung wird anschließend verfeinert, indem zentrale Begriffe oder Aussagen markiert und Einfälle beim Lesen notiert wurden. Aus dieser Gliederung wird ein Inhaltsverzeichnis des Transskriptes erstellt, welches die Gliederungsstichworte zusammen mit den Zeilennummern enthält, auf die sie sich beziehen. Üblicherweise steht am Ende der Globalauswertung eine Bewertung der ausgewählten Textpassagen daraufhin, ob sie für eine ausführlichere Interpretation herangezogen werden sollen. In der vorliegenden Arbeit wurde auf den letzten Schritt zu diesem Zeitpunkt verzichtet, da beabsichtigt war, alle Interviews aus den Clustern A und B in die weitere Auswertung einzubeziehen. Eine Entscheidung, welche Aussagen aus einzelnen Interviews unberücksichtigt bleiben sollten, wurde auf den Zeitpunkt verschoben, an dem die Auswertung weiter fortgeschritten war.

Es wurde allerdings vorerst ebenfalls darauf verzichtet, Interviews aus den anderen drei Clustern in die Auswertung einzubeziehen, da die Hoffnung bestand, mit Hilfe der Analyse der beiden Extremgruppen den erwarteten Output auch bei begrenztem Input zu erhalten. Zudem wurde es für wichtiger erachtet, die innerhalb der beiden Cluster bestehenden Variationen und Differenzierungen herauszuarbeiten und sich hierbei nicht allzu stark auf das formalisierte Verfahren der Clusteranalyse zu verlassen. Dies darf als erneuter Hinweis darauf verstanden werden, daß die Clusteranalyse kein Mittel zur Typen-Entwicklung war, sondern lediglich ein Hilfsmittel, deutlich verschiedene Gruppen von Interviewpartnern zu identifizieren.

Als Ergebnis der Globalauswertung lagen Inhaltsverzeichnisse aller 22 Interviews der beiden Cluster A und B vor, jeweils ergänzt durch Ideen, die während der Auswertung entstanden oder direkt nach dem Interview notiert worden waren. Mit Hilfe dieser Verzeichnisse wurde eine erste inhaltliche Struktur für die weiterführende Auswertung erarbeitet, wobei die Grobstruktur des Interview-Leitfadens vorerst beibehalten wurde. Gleichzeitig war ein Überblick darüber möglich, zu welchen Themenbereichen welche Interviewpartner sich ausführlicher geäußert hatten und welche Themenbereiche oft nur kurz 'abgehandelt' worden waren.

Auf dieser Basis konnte mit der Reduktion des Textmaterials begonnen werden, welche zunächst als Vorbild die von Mayring (1983, 1994) vorgeschlagene strukturierende Inhaltsanalyse nahm, ohne sie in allen Verfahrensdetails zu übernehmen. Die Anlehnung an ein erprobtes und beschriebenes Verfahren sollte dazu dienen, eine bessere Kontrolle über den Auswertungsprozeß zu ermöglichen und Regeln zu finden, die bei der Auswahl von Kategorien behilflich sein konnten. Allerdings zeigte sich bald, daß das Verfahren 'kreativ' auf die gegebene Situation angewendet werden mußte.

Die strukturierende Inhaltsanalyse sucht formale, typisierende oder inhaltliche Strukturen im Text und kann z.B. Material zu bestimmten Inhaltsbereichen extrahieren und zusammenfassen oder auf einer Typisierungsdimension nach einzelnen markanten Ausprägungen im Material suchen (Mayring 1990, S.85ff). Das Vorgehen ist streng regelgeleitet: das Material wird zergliedert und schrittweise bearbeitet. Dies könnte bereits ohne Transkription vom Tonband her geschehen, indem Paraphrasen, d.h. die Umschreibung eines sprachlichen Ausdrucks mit anderen - in diesem Fall weniger - Wörtern, zusammengetragen werden, diese dann generalisiert, d.h. auf ein allgemeineres Niveau gehoben und dabei weiter reduziert werden und schließlich die Zahl der Generalisierungen durch Zusammenfassung ähnlicher Generalisierungen vermindert wird (S.68 ff.). So wird etwa aus den Paraphrasen "Fußball- und Indianerspiele fand ich aggressiv, das mochte ich nicht, das war ich nicht!" und "mich hat es nie gereizt, Fußball zu spielen oder so typisch männliche Spiele" durch Generalisierung und Reduktion "Ablehnung aggressiver Jungenspiele".

Ich versprach mir jedoch von der Transkription ein besseres Verständnis der Texte und dessen, was die Befragten mitteilen wollten, und zog es zusätzlich vor, diese schwarz auf weiß zum jederzeitigen Zugriff komplett vor mir zu haben. Zudem gehen mit der Generalisierung eine Fülle von - möglicherweise wesentlichen - Informationen unter. Im ersten der beiden Beispielsätze finden sich u.a. Aussagen zur Bewertung bestimmter (Jungen-)Spiele als aggressiv, zur Haltung gegenüber Aggressivität und zum Selbstbild als nicht-aggressiv. All diese Bestandteile der Aussage konnten für die spätere Auswertung, gerade im Hinblick auf Empfindungen, Ängste, Selbst- und Fremdbewertungen, Motive oder Wünsche, wichtig werden und helfen, das Handeln der Interviewten zu verstehen. Deshalb kam eine derartige Vereinfachung für mich nicht in Frage.

Üblicherweise ist ein derart entwickeltes Kategoriensystem theoriegeleitet und führt durch diese 'Vorgabe' auch bei großen Datenmengen schnell zu Ergebnissen. Hier liegt aber gerade auch das Problem bei der kompletten Übernahme des methodischen Vorgehens. Zum einen lag eine für mich brauchbare explizite Theorie nicht vor. Zum andere läßt sich an dem Beispiel gut verfolgen, wie auf dem Weg der Generalisierung und Reduktion ein großer Teil an Informationen verloren geht, auch wenn im Kern eine wesentliche Aussage bestehen bleibt. Bereits die Paraphrase ist ja ein Eingriff in das Bedeutungssystem des Interviewten, da seine Aussage bereits umformuliert und verkürzt wird. Umso mehr gilt dies bei den folgenden Schritten.

Dieser Effekt führte bald nach Beginn der Auswertung zu frustriertem Innehalten bei mir. Der Preis für das durch eindeutige Regeln angeleitete und so streng methodisch kontrollierte Vorgehen, aus umfangreichem Material wesentliche Kernaussagen zu extrahieren, ließ mir zu wenig Spielraum für ein genaueres Verstehen der subjektiven Sichtweise des jeweils Befragten (Stryker 1976), seiner Motive und von Zusammenhängen in den Erzählungen. Ich fühlte mich an die Auswertung quantitativen Materials erinnert, welches nicht erlaubt "wirklich in die Tiefe einzudringen" (Flick 1995, S.215).

Daher wurde von der sehr weitgehenden Zusammenfassung auf dieser Stufe der Auswertung abgesehen und das Auswertungskonzept modifiziert. Stärker als von Mayring vorgesehen, wurden die Kategorien im Material selbst gesucht und zudem das extrahierte Material anfänglich weit weniger gekürzt. Statt der Auswertung kompletter Interviews nacheinander wurden die bei der Globalauswertung gefundenen (und in Teilen mit dem Leitfaden übereinstimmenden) größeren thematischen Passagen aus allen Interviews parallel ausgewertet. Das sequentielle Vorgehen bezog sich nun auf die thematischen Passagen, die nacheinander - für alle Interviews gleichzeitig - ausgewertet wurden.

Aus allen Interview-Transskripten wurden jene Passagen herausgesucht, welche sich auf ein bestimmtes Thema bezogen, beispielsweise Geschlechtsidentität in der Kindheit. Diese Passagen wurden komplett extrahiert und in ein neues 'Themen-Dokument' eingefügt, welches anschließend die Haupt-Datenquelle für die weitere Auswertung bildete. Dieses neue Dokument enthielt nun alle direkten oder in irgendeiner Weise indirekt mit dem Thema zusammenhängenden Passagen, nach den beiden Clustern unterteilt und jeweils mit Namen versehen. Natürlich enthielten diese thematisch strukturierten Dokumente teilweise Textauszüge, welche bereits in anderen Themen-Dokumenten enthalten waren, sofern sie das jeweilige Thema betrafen. Eine Aussage über Konfliktverhalten gegenüber dem Bruder wurde in das Themen-Dokument 'Konfliktverhalten' und 'Soziale Kontakte zu Geschwistern' aufgenommen.

Mit diesem Vorgehen war ein für qualitative Textanalysen ungewöhnlicher Abstand zum Einzelfall vollzogen. Der Fokus war der thematische Schwerpunkt und der Vergleich der beiden Gruppen, nicht mehr so sehr der Einzelfall. Und doch ging aus verschiedenen Gründen der Bezug zu den einzelnen Fällen kaum verloren.

Jede Aussage war gekennzeichnet mit dem erfundenen Namen, den ich dem Interviewpartner gegeben hatte. "Christian", "Frank", "Torge" oder "Micha" blieben durch diesen Namen stets eine konkrete Person für mich, die ich mit der Zeit stark mit der tatsächlichen Person in Verbindung brachte. Der Zusammenhang war so stark, daß es mir während der Auswertung zunehmend unmöglich war, den realen Namen der Personen zu erinnern, etwa wenn ich ihr zufällig begegnete.

Die umfangreiche Beschäftigung mit jedem der Interviewpartner durch das Interviewgespräch, die spätere Verschriftlichung und die Erstellung der Inhaltsverzeichnisse war letztlich so intensiv, daß meist ein Bezug vom Textabschnitt zum betreffenden Interviewpartner leicht fiel. Im Verlauf der Inhaltsanalyse gab es mehrfach Situationen, bei denen mir Textpassagen wieder in den Sinn kamen, welche ich dem augenblicklich bearbeiteten Themenbereich nicht zugeordnet hatte, die sich nun aber als bedeutsam erwiesen. In den meisten Fällen konnte ich mich korrekt erinnern, wer diese Aussage getroffen hatte. Lediglich das Auffinden der Stelle im Transskript erwies sich manchmal als mühsam, insbesondere bei jenen Interviews, die in zwei Teilen durchgeführt worden waren.

Ein weiterer Umstand ließ den Zusammenhang mit den Einzelfällen ebenfalls leichter aufrecht erhalten. In beiden Cluster gab es mehrere Interviewpartner, die eine Art 'Schwergewicht' in der Auswertung bildeten. Dazu gehörten zum einen jene, die sehr ausführlich und lebendig ihre Handlungen, Empfindungen und Gedanken beschrieben hatten. Andererseits waren es jene, welche den Cluster besonders gut repräsentierten, sowie jene, die gerade vom prototypischen des Clusters abwichen. Zudem gab es Interviews, welche in einigen Themenbereichen besonders zum Verständnis der Männer dieses Clusters beitragen konnten, in anderen jedoch fast gar nicht. Auch wenn die 'Themen-Dokumente' die Grundlage für die weitere Auswertung bildeten, wurde doch immer wieder Rückgriff auf die kompletten Interview-Transskripte genommen, wenn dies für das Verständnis hilfreich oder nötig war.

Die im Themen-Dokument gesammelten Aussagen wurden nun erneut im Zusammenhang gesichtet, Gemeinsamkeiten und was diese konstituierte, Unterschiede und spezifische Aussagen markiert. Dies geschah zuerst für jeden Cluster getrennt, dann im Vergleich beider Cluster. Dabei wurde vor allem darauf geachtet, ob sich neben den bereits bestehenden Kategorien (beliebte Spiele, Spielgefährten) oder auch anstelle von ihnen weitere Kategorien ergaben, welche in beiden Clustern auftauchten, aber eventuell eine unterschiedliche Ausprägung hatten.

Als Beispiel hierfür mag die Kategorie 'Standhalten in Konflikten' gelten. Im Leitfaden war die Fragen nach dem Umgang mit Konflikten mit Peers gestellt worden. Eine ursprünglich gebildete Kategorie in diesem Themenfeld war 'sich in Konflikten prügeln' mit einer groben Unterteilung der Ausprägungen in 'ja, ich habe mich geprügelt bei Konflikten' und 'nein, ich habe mich nicht geprügelt'. Dies war als ein möglicher Gradmesser für aggressives Verhalten gedacht. Bereits in den Auswahl-Fragebogen, aber auch in den Interviews wurde schnell klar, daß eine solche Kategorisierung zu wenig Aussagekraft hat, da viele der Männer eher dazu neigten, sich auch in Konflikten nicht zu prügeln. Allerdings betonten viele Männer des Clusters A, daß für sie ein Ausweichen oder "Drücken" nicht in Frage kam, wenn sich ein Kampf nicht vermeiden ließ. Eine entscheidende Kategorie in diesem Themenfeld 'Konflikte/Umgang mit Aggression' war also, ob ein Junge standhielt, wo nötig, oder grundsätzlich allen körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg ging. In ähnlicher Weise entstanden Kategorien wie 'Ort des Spiel' oder 'Dynamik des Spiels', die beide Aspekte des Spielverhaltens beleuchten, welche nicht Bestandteil meines ursprünglichen inhaltlichen Konzeptes war.

Das Vorgehen wurde für den gesamten Bereich der Kindheit erprobt und erwies sich als tauglich für eine Konzentration der Aussagen der Interviewpartner auf wesentliche (Unterscheidungs-) Merkmale zwischen den Clustern, die gleichzeitig die Hintergründe der jeweiligen Ausprägungen transportierten. Trotz der Herausarbeitung neuer Kategorien konnte für die Kindheit grob entlang des Interview-Leitfadens gearbeitet werden.

Bei der Globalauswertung war deutlich geworden, daß dies für die weiteren Zeiträume Adoleszenz und Heute nicht galt. Zum einen war die vorgegebene Struktur für diese Zeiträume im Leitfaden weitaus weniger feinmaschig, so daß die Interviewpartner in viel freierer Form eigene Themen entwickeln konnten, zum anderen waren die Leitfaden-Fragen weniger konkret als etwa nach dem Spielverhalten in der Kindheit. Die Frage nach der psychosexuellen Entwicklung und dem Coming Out als homosexueller Mann beruhten zum Beispiel auf den zwei Fragen nach den sexuellen Erfahrungen in der Jugendzeit sowie nach dem 'Schwulwerden'.

Die allgemeine Frage nach sexuellen Erfahrungen in der Jugend brachte eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Themenbereiche hervor, die sich grob in hetero- und homosexuelle Empfindungen bzw. Erlebnisse unterteilen lassen. Dies war auch die grobe Struktur, welche bei der Globalauswertung entstanden war, ergänzt durch eine feinere, zeitlich orientierte Strukturierung (Pubertät, frühe Adoleszenz, späte Adoleszenz). In den Erzählungen der Männer beider Cluster spiegelte sich jedoch die hohe Bedeutung wieder, ob frühe (d.h. im Rahmen der Pubertät) sexuelle Kontakte mit anderen Jungen als homosexuell definiert worden waren oder nicht. Ohne daß ich danach gefragt habe, boten mir die Befragten so eine kategoriale Differenzierung des sexuellen Erlebens an.

Umso mehr gilt dies für das Coming Out. Es lag nahe, sich an herkömmlichen Schemata zur Beschreibung von "Meilensteinen" (Savin-Williams 1998) zu orientieren, oder auf eigene frühere Strukturierungen des Coming Out-Prozesses (Grossmann 1983) zurückzugreifen. Dies hätte aber nicht den von den Befragten gelieferten Strukturierungen dieses Prozesses entsprochen: etwa, was sie auf die Idee brachte, homosexuell zu sein, welche Bedeutung diese Tatsache für sie hatte, was es ihnen schwer oder leicht machte, ihre Homosexualität zu akzeptieren, wie sie die Phase zwischen Selbstakzeptanz und dem sich anderen gegenüber "outen" erlebt haben etc.

Für den restlichen Teil der Auswertung wurde folglich der Leitfaden nicht länger mit berücksichtigt. Die gesamte Strukturierung der Aussagen wurden ausschließlich nach der Globalauswertung und der Zusammenfassung aller Aussagen zum jeweiligen Themenbereich vorgenommen. Waren Kategorien herausgearbeitet und benannt, dann wurden ihnen für die beiden Cluster typische, explizierende Zitate zugeordnet und ein Abstrakt, eine Zusammenfassung erstellt, die als 'Kernaussage' vorangestellt wurde. In diesen 'Kernaussagen' ist in knapper Form beschrieben, wie die Ausprägung der beiden Cluster in der jeweiligen Kategorie ist, wobei durchaus auch Differenzierungen enthalten sind.

Gerade wegen des angestrebten Vergleichs zweier Gruppen kam die Auswertung nicht um quantifizierende Aussagen herum. Ob ein bestimmtes Verhalten, der Umgang mit einer Situation, bestimmte Gefühle bei der einen oder der anderen Gruppe häufiger anzutreffen waren oder ob von einer Gruppe ein benennbarer Anteil so und ein anderer Anteil anders mit einer sozialen Situation umgegangen ist, sind wichtige Teilergebnisse, die deshalb nicht unterschlagen werden durften. Wesentlich ist, daß viele dieser Aussagen nicht aufgrund der ebenfalls eingesetzten quantitativen Erhebungsinstrumente zustandekamen, sondern mit Hilfe der qualitativen Interviews (Hopf & Weingarten 1984). Sie wurden von den Befragten selbst 'angeboten', waren Ausprägungen von Kategorien, die oft erst bei der Auswertung entstanden.

Besondere Sorgfalt wurde darauf verwendet, sich immer wieder anhand des Materials (und damit, wie bereits erwähnt, auch der kompletten Transkripte) zu vergewissern, daß die Daten nicht den Ergebnissen, sondern die Ergebnisse den Daten zu folgen haben. Ist die jeweilige Deutung der Daten auch tatsächlich "im Feld", in den Erzählungen der Befragten begründet? Nicht selten stand beim Abschluß der Auswertung eines Teilabschnitts eine Modifikation der 'Kernaussage', wenn sich nach wiederholter Überprüfung aller Texte herausstellte, daß das bisherige zusammenfassende Ergebnis so nicht belegbar und damit auch wahrscheinlich nicht richtig ist.

Für die Darstellung der Ergebnisse folgen jeweils an den 'Abstract' mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen der unterschiedlichen Ausprägungen, die Raum für Ideen, mögliche Zusammenhänge und Motive ließen und damit viel von dem ursprünglichen Material transportieren. Ich verspreche mir von diesem Vorgehen nicht nur, selbst besser die subjektive Sichtweise des jeweils Befragten und der Mitglieder eines Clusters verstanden zu haben, sondern auch beim Leser, der die Möglichkeit nutzt, die Zitate auf sich wirken zu lassen und sie nicht nur als bloße Untermalung anzusehen, ein Verstehen, welches in Teilaspekten auch über das hinausgeht, was mir möglich war. So wird trotz Reduzierung und Generalisierung hoffentlich ein Stück weit inhaltlicher Gesamtzusammenhang transportiert, der mehr ist als das bereits von mir im Material vorgefundene.

Die Daten des Begleitfragebogens wurden nicht komplett ausgewertet. Neben den demographischen Angaben hinaus wurden lediglich jene Fragen ausgewertet, die thematisch in den Kontext der Interview-Auswertung paßten und in die Darstellung der Interview-Ergebnisse eingeflochten. Außen vor blieb der Teil über die heutigen Partnerschaften mit einer Beschreibung des Verhältnisses der Partner zueinander und der sexuellen Kontakte innerhalb und außerhalb der Beziehung. Es ist geplant, diese bereits erhobenen Daten zu einem späteren Zeitpunkt auszuwerten. Das 'Bem Sex Role Inventory' am Ende des Bogens wurde wegen der geringen Fallzahl nicht wie üblich ausgewertet, es wurden lediglich die Mittelwerte der Selbsteinschätzungen beider Cluster miteinander verglichen und bei markanten Differenzen in die inhaltliche Auswertung einbezogen.

weiter zum Kapitel 4.1

Fußnoten zu Kap.3

1. Üblicherweise verlangen partitionierende Clusteranalysen metrische Daten. Wie weiter unten im Vergleich der Ergebnisse mit einer Kontroll-Clusterung gezeigt werden kann, können sie jedoch auch mit nicht-metrischen Daten Ergebnisse produzieren, die "zweckdienlich oder fruchtbar" sind.

2. Verzichtet wurde lediglich auf die Antworten zu Frage 4, bei der sich die Befragten auf fünf Skalen bezüglich einiger Eigenschaften einordnen sollten. Die Beantwortung dieser Frage war offenbar durch eine unglückliche Skalen-Numerierung erschwert, so daß die Ergebnisse dieser Frage nicht mit aufgenommen werden konnten.

3. Am Ende der Interviewauswertung werden aus allen Clustern Einzelfälle vorgestellt
 
 

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