4.     Ergebnisse der empirischen Untersuchungen

 

4.1     Fragebogen

Im folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse des Auswahlfragebogens dargestellt, der im Sommer 1996 in einigen deutschen Städten bei verschiedenen Anlässen (Gruppentreffen, Veranstaltungen etc.) verteilt wurde. Obwohl seine primäre Funktion war, Gruppen mit unterschiedlichem Geschlechtsrollenverhalten für Intensiv-Interviews zu gewinnen, können doch die 151 auswertbaren Fragebögen für eine quantitative Analyse sowohl des Gesamt-Samples als auch der Unter-Gruppen genutzt werden.

Der überwiegende Teil der Fragen behandelte das Geschlechtsrollenverhalten, im letzten Drittel gab es zusätzlich noch einige Fragen zum Verhältnis zu den Eltern sowie zum homosexuellen Coming Out. Viele Fragen entsprachen inhaltlich oder (fast) wörtlich vergleichbaren Fragen des Kinsey Institut Reports (Bell et al. 1981) über Geschlechtsrollenkonformität und Verhältnis zu den Eltern. Bei aller Zurückhaltung, die unterschiedliche kulturelle (nordamerikanische Gesellschaft vs. bundesdeutsche) und zeitgeschichtliche Hintergründe (1969/70 vs. 1996) geboten erscheinen lassen, dürfte dennoch ein Vergleich zur Bewertung der Daten interessant sein.

Eine kurze Skala aus dem eingesetzten Fragebogen konnte nicht ausgewertet werden. Bei der Frage 4 sollten sich die Befragten anhand von fünf Eigenschaftspaaren (u.a. schwach-stark, maskulin-feminin) auf einer siebenstufigen Skala (0-6) selbst einordnen. Die Rangordnung der Zahlen irritierte wohl einige der Befragten; sie hatten offensichtlich Schwierigkeiten, sich so einzuordnen, wie es der eigenen Wahrnehmung entsprach. So kreuzte ein Proband beim Paar 'maskulin-feminin' den Wert '0' an, was als 'besonders maskulin' gewertet werden müßte, obwohl er sich bei der Frage 3 als 'feminin' einschätzte. Da es mehrfach diesbezügliche Widersprüche gab, wurde auf die Auswertung dieser Skala verzichtet.
 
 

4.1.1     Demografische Angaben

Es wurden, um den Umfang des Fragebogens gering zu halten, nur wenige demografische Daten erfragt: In welchem dörflichen oder städtischen Umfeld und bei wem (Eltern, Pflegeeltern o.ä.) die Männer aufwuchsen sowie Alter und Wohnort zum Zeitpunkt der Befragung. Von vornherein war die Altersbegrenzung auf 20-40 jährige vorgegeben, so daß diese Angabe zwingend erhoben werden mußte. Mit einer Ausnahme, die keine Altersangabe enthielt, wurde das Alter von allen Beteiligten angegeben. Es ergab sich eine gleichmäßige Verteilung über das gesamte Spektrum von 20 Jahren, so daß der Median bei 30 Jahren liegt (Mittelwert 30,7).

Gut ¼ der befragten Männer wuchs in einem Dorf (weniger als 5.000 Einwohner) auf. Ca.16% kommen aus einer Klein- oder Mittelstadt (5-20.000 bzw. 20-100.000). Mehr als 40% lebte allerdings im Alter zwischen 6 und 12 Jahren in einer Großstadt (über 100.000). Damit waren sowohl ländliche Gebiete wie auch großstädtische hinreichend vertreten.

Abgesehen von 4 Personen wuchsen alle Befragten als Kind bei ihren leiblichen Eltern auf, knapp 83% bei beiden, 12,6% bei ihrer Mutter und 2% beim Vater. In einigen Fällen gab es bis zum 12.Lebensjahr einen Wechsel, zum Beispiel kam ein Mann nach dem Tod des Vaters mit 4 Jahren ins Heim. Der übergroße Teil jedoch lebte mindestens bis zur Pubertät bei beiden Eltern.

Zum Zeitpunkt der Umfrage (Sommer 1996) lebte der größte Teil der Befragten (117 Personen = 77,5%) im Großraum Hamburg, wo die meisten Fragebögen verteilt worden waren. Aus Köln kamen 10, aus Frankfurt 4, Berlin 5, Hannover 2 und 13 aus dem restlichen Bundesgebiet. Aufgrund einer vorherigen Codierung konnten die meisten Befragten zudem nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert werden, bei deren Treffen Fragebögen verteilt wurden.

Wie aus der folgenden Tabelle unschwer ersichtlich ist, erhielten zwei Drittel der Befragten den Bogen bei den verschiedenen Treffen homosexueller Gruppen (Parteigruppen, Kirchengruppen, Jugendgruppe etc.) oder bei Veranstaltungen. Das restliche Drittel wurde beim Training von homosexuellen Sportgruppen kontaktiert.

  Anzahl Prozent
'Altersgruppen' (Jugend, Twens, über 30) 36 23,8
Fußball-Gruppe 25 16,6
Hein&Fiete (Schwuler Infoladen) 24 15,9
Basketball/Volleyball-Gruppe 18 12,0
Psychologen-Workshop 15 9,9
Christliche Gruppen 14 9,3
Fitneß-Gruppe/Badminton-Gruppe 12 7,9
Parteigruppen 7 4,6
Gesamt 151 100

Tab. 5: Gruppen/Orte, in denen Fragebögen verteilt wurden sowie Anzahl der jeweiligen Rückläufe
 
 

4.1.2      Selbstbeschreibungen, Spiele und soziale Beziehungen

Im folgenden werden die weiteren Ergebnisse der Fragebogen-Umfrage dargestellt, jeweils zuerst mit den Daten des gesamten Samples und anschließend im Vergleich jener beiden Untergruppen, welche in Bezug auf ihr Geschlechtsrollenverhalten während der Kindheit die Extreme des Gesamtspektrums darstellen: die ehemals 'harten Jungen' und die ehemals 'weichen Jungen'. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kürze der Darstellung werden die Zwischengruppen dabei vernachlässigt. Wo dies möglich und sinnvoll ist, sind Vergleichs-Ergebnisse anderer Studien beigefügt.
 

-  Selbstbeschreibung

Gesamt-Daten: Ein wesentlicher Bestandteil der Beschreibung prähomosexueller Kinder in bisherigen Untersuchungen ist nonkonformes Geschlechtsrollenverhalten (Freund 1967, Boldizar 1991, Phillips & Over 1992, Bailey, Miller & Willerman 1993). Mit der Frage nach Eigenschaften, welche sich die Männer selbst für das Alter zwischen 6 und 12 Jahren zuschrieben, sollten erste Indikatoren für konformes bzw. nonkonformes Verhalten überprüft werden. Insgesamt konnten die Befragten aus 20 Eigenschaften beliebig viele ankreuzen, die sie am besten während ihrer ersten zwölf Lebensjahre beschrieben hätten.

Die von der Gesamtgruppe am häufigsten angekreuzten Eigenschaften waren sensibel' (69,5%), schüchtern' (58,3%), leicht verletzlich' (50,3%), empfindlich' (48,3%), ängstlich' (41,7%) und sanft' (36,4%) - alles Eigenschaften, welche nicht als rollentypisch für Jungen gelten. Erst dann kommt mit sportlich' (29,8%) eine Eigenschaft, welche sich von den anderen deutlich abhebt und eine Konnotation von Kraft, Energie und Aktivität beinhaltet - folglich zu den rollenkonformen Eigenschaften eines Jungen gerechnet werden (zum Beispiel athletic interest' bei Blanchard et.al. 1983 und Bailey et.al. 1993). Vergleichbare andere rollenkonforme Eigenschaften wie selbstbewußt' (21,2%), kräftig', mutig' (je 12,6%), aggressiv' (11,9%), kämpferisch' (11,3%) und dominant' bzw. draufgängerisch' (je 7,9%) erhielten noch geringere Nennungen.

Der Durchschnitt zeigt also das Bild eines empfindsamen, vorsichtigen Kindes, dem wenig typisch jungenhaftes' zu eigen ist. Er bestätigt somit die Ergebnisse anderer Studien hinsichtlich nonkonformen Geschlechtsrollenverhaltens prähomosexueller Kinder. Eigenschaften, welche - wahrscheinlich auch von den Männern selbst - als maskulin angesehen werden, mochte nur ein knappes Viertel für sich beanspruchen.

Allerdings: Das Etikett feminin' erhielt noch weniger Nennungen: 11 von 151 (7,3%), was mit den Daten von Bell et al. (1981) kongruent ist. Friedman (1993) spricht deshalb ja auch eher von unmännlichem' Gebaren, Hockenberry und Billingham (1987) beschreiben es als Abwesenheit von maskulinem', Bailey, Miller und Willerman (1993) als less masculine' Verhalten.

Ohne eigene Vergleichsdaten läßt sich schwer ergründen, ob diese Männer sich tatsächlich abweichend von den Beschreibungen heterosexueller Männer skizzieren. Immerhin entspricht das Kindheits-Selbstbild der Befragten jener Charakterisierung, mit der Benard und Schlaffer (1995) grundsätzlich alle Jungen versehen, bevor diese Männer werden: weich und gefühlvoll (S.207 u. 209). Homosexuellen Männern könnte es möglich sein, diese Eigenschaften von sich als Kind auch im Erwachsenenalter zuzugestehen. Nicht auszuschließen bleibt dennoch, daß die Mehrheit der befragten Männer in der Selbstbeschreibung vom Rollenklischee des typischen Jungen' abweicht.

'harte Jungen': Phillips (1992) beschreibt unter den von ihm untersuchten 61 Homosexuellen 18 Männer, die sich in vergleichbarer Weise an geschlechtsrollenkonformes Verhalten erinnerten wie die heterosexuellen Männer seiner Stichprobe. Ähnliches ließe sich vermutlich über einen Großteil jener Befragten sagen, die bei der Clusteranalyse in den Clustern A, C oder D eingeordnet wurden. Eigenschaften wie sportlich' wurden von ausnahmslos allen 15 'harten Jungen' (Cluster A) angekreuzt. 44% kennzeichneten sich als kämpferisch' bzw. mutig' und immerhin noch 38% als draufgängerisch'. 47% der Probanden aus Cluster D beschreiben sich als aggressiv' und selbstbewußt', 33% als grob'. Selbst im Cluster C, einem relativ großen Cluster, dessen Angaben an nonkonformen Eigenschaften eher dem Gesamt-Durchschnitt entsprechen, kreuzten 45% sportlich' und 30% selbstbewußt' an. Hier finden sich also diejenigen Homosexuellen, deren Kindheitsverhalten sich stärker an geschlechtsrollenkonformes Verhalten anlehnt.

'weiche Jungen': In diesem Cluster, der etwa des Gesamt-Samples umfaßt, finden sich sehr hohe Werte für alle Eigenschaften, die eher als wenig jungenhaft angesehen werden: weich', sanft', ängstlich', empfindlich', leicht verletzlich' und schüchtern' werden alle von 60-70% dieser Befragten angekreuzt, und mit 87% schreiben sich den Begriff sensibel' nahezu alle aufs Revers. Die homosexuellen Männer dieses Clusters charakterisieren sich selbst also als wenig geschlechtsrollenkonform. Diese große Teilgruppe dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, daß die Gesamtergebnisse so wenig rollenkonform ausgefallen sind.
 

-  Spielverhalten und SpielgefährtInnen

Zweiter Indikator für geschlechtsrollen(non)konformes Verhalten bei prähomosexuellen Kindern ist gemeinhin das Spielverhalten sowie das Geschlechts der SpielgefährtInnen (u.a. Whitam 1977, Zuger 1989). Ein Abschnitt des Fragebogens befaßte sich deshalb mit diesem Thema.

Welche Spiele bevorzugten die homosexuellen Männer der Studie während der Kindheit? Womit verbrachten sie ihre Zeit, was interessierte sie am meisten? Wieviel Spaß hatten sie an typischen Jungenspielen' (als Beispiele waren Fußball, Raufen, Räuber und Gendarm genannt), an typischen Mädchenspielen' (angeführte Beispiele: Gummitwist, Mutter und Kind, Puppenspiele, Handarbeiten) oder an Tätigkeiten, die nicht so deutlich Jungen oder Mädchen als typisch' zugeordnet werden (Beispiele: Zeichnen, Musik, Lesen)? Wer waren ihre bevorzugten SpielgefährtInnen?

Es galt weiterhin als orientierender Zeitrahmen das Alter 6 bis 12, also in etwa die in Deutschland übliche Grundschulzeit.

Gesamt-Daten: Knapp 60% der 151 befragten Männer berichteten von sehr viel oder etwas Spaß an typischen Jungenspielen. Ca. 40% teilten diese Begeisterung weniger. (vgl. Tab.6) Etwas mehr als bei den Jungenspielen, nämlich 65%, erinnerten sehr viel oder etwas Spaß an Mädchenspielen. Hier waren es 35%, die wenig oder gar keine Lust auf derartige Tätigkeiten hatten. Beide Arten von Spielen erhielten also fast identische Nennungen in den vier Rubriken.

 

Spaß an Jungenspielen Anzahl Prozent Prozent 
kumuliert
Spaß an Mädchenspielen Anzahl Prozent  Prozent
kumuliert
sehr 38 25,2 25,2 sehr 38 25,2 25,2
etwas 52 34,4 59,6 etwas 60 39,7 64,9
sehr wenig 47 31,1 90,7 sehr wenig 32 21,2 86,1
gar nicht 14 9,3 100 gar nicht 21 13,9 100
  n = 151 100     n = 151 100  

Tab. 6: Ergebnisse des Gesamtsamples zu Spaß an Jungen- bzw. Mädchenspielen'

Für die Gesamtgruppe fällt also zunächst auf, daß viele befragte Männer als Kinder Spaß an Spielen hatten, welche eher vom anderen Geschlecht gespielt wurden. Vorerst unberücksichtigt bleibt, daß Zustimmung bzw. Ablehnung bei den jeweiligen Spielen von unterschiedlichen Untergruppen ausgeht. Es erscheint nur konsequent, wenn die Zustimmung zu geschlechtsneutralen Spiele wie Lesen, Zeichnen, Musik hören bzw. machen in der Gesamtgruppe am höchsten ist: 137, d.h. 91,5% kreuzten hier an, daß sie an diesen Spielen sehr viel oder etwas Spaß hatten. Lediglich 13 Männer oder 8,7% kreuzten gar nicht' oder sehr wenig' an.

Diese Ergebnisse bestärken die Vermutung, viele prähomosexuelle Jungen hätten ein außergewöhnliches Interesse an mädchentypischen oder geschlechtsneutralen Spielen.

Die sehr allgemeine Frage nach Jungen- bzw. Mädchen-Spielen wurde ergänzt durch eine detaillierte Frage nach bestimmten Lieblingsspielen. 17 populäre Kinderspiele konnten angekreuzt werden. Es waren Beispiele aus denselben Kategorien jungen- bzw. mädchentypisch oder geschlechtsneutral. Da eine beliebige Zahl von Spielen angekreuzt werden konnte, stellen die Daten nur Hinweise auf besonders beliebte oder besonders gut erinnerte Spiele dar.

Für die Gesamtgruppe aller Befragten ergab sich ein Bild, welches mit den bereits vorgestellten Daten übereinstimmt: Am häufigsten wurden eher geschlechtsneutrale Tätigkeiten wie Lesen (51,7%), Malen/Basteln (43%), Sammeln (41,7) und Musik (39,7%) genannt.Ballspiele' - nach Milhoffer (1996) das bei Jungen beliebteste Spiel -, wurden von 35,8% angekreuzt, alle eindeutiger einem Geschlecht zugeordneten Beschäftigungen kamen nicht über 30% hinaus: Indianerspiele (29,1%), Gummitwist (29,1%), Verkleiden (28,5%), Autos (26,5%), Handarbeiten (25,2%) und Marmelspiele (21,9%).

Seltener wurden jene Spiele angekreuzt, welche sehr klar dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: Fußball (19,9%), Kochen (19,9%), Puppenspiel (15,2%), Raufen/Balgen (11,3%).

Auch hier zeigt sich also die große Vorliebe für jene Tätigkeiten, die weder als typisch jungenhaft noch als typisch mädchenhaft gelten. Eine Vorliebe für Mädchenspiele (Whitam 1977), wie sie von vielen Forschern vermutet wird, läßt sich allerdings nicht feststellen.

'harte Jungen': Betrachten wir statt der Gesamtgruppe einzelne Untergruppen aus der Clusteranalyse, findet sich hier eine größere Zahl homosexueller Männer, deren Daten hohe Übereinstimmung mit jenen der heterosexuellen Männer aus der Kinsey-Studie zeigen. Diese Männer aus Cluster A hatten zu 94% sehr viel Spaß an Jungenspielen, die restlichen 6% zumindest etwas. Mädchenspiele waren bei ihnen eher wenig beliebt, 63% mochten sie sehr wenig oder gar nicht. Eher äußern sie noch Gefallen an geschlechtsneutralen Spielen, bei denen gut die Hälfte etwas und ein Viertel sehr viel Spaß im Fragebogen ankreuzte.

Die Übereinstimmung der Männer des Clusters A mit heterosexuellen Männern in dieser Frage ist bemerkenswert und setzt sich bei der Auswahl von Lieblingsspielen fort. Typische Jungenspiele wie Fußball mit 88%, Ballspiele mit 75% und Indianerspiele mit 56% führen die Liste der beliebtesten Spiele dieser Männer an. Raufen/Balgen und Sammeln folgen mit je 31% an vierter Stelle. Einer der 16 Männer dieses Clusters kreuzte Puppenspielen und Vater, Mutter, Kind an - zusammen mit Fußball und Gummitwist. Mit dieser Ausnahme, die vom Spielverhalten eher in den Cluster D passen würde, benennen die Männer des Clusters A eindeutige Jungenspiele zu ihren Lieblingsspielen. Selbst geschlechtsneutrale Spiele werden nur von weniger als einem Drittel angekreuzt.

 

Ausgewählte Beispiele von Lieblingsspielen  Fußball Gummi- twist Vater,Mutter, Kind Indianer- spiele Puppen- spielen Ballspiele Raufen/ Balgen
Cluster A 88% 13% 6% 56% 6% 75% 31%
Cluster B 0% 44% 27% 10% 29% 23% 4%
Cluster C 25% 41% 14% 41% 11% 50% 7%
Cluster D 33% 0% 27% 47% 13% 33% 40%
Cluster E 0% 4% 4% 21% 0% 13% 4%

Tab.7: Ausgewählte Beispiele von Lieblingsspielen, nach Clustern
 

'weiche Jungen': Die Probanden aus Cluster B gaben die häufigsten Nennungen den geschlechtsneutralen' Spielen: Lesen (61,5%), Sammeln (56%), Malen/Basteln und Musik mit je 54%. Eine deutliche Vorliebe auch für mädchentypische Spiele offenbaren jedoch die gut 40% Ankreuzungen für Gummitwist, Verkleiden und Handarbeiten sowie knapp 30% für's Puppenspielen und 'Vater, Mutter, Kind'-Spielen.

Indianerspiele und Autos finden kaum Interesse (10 bzw. 12%), und Raufen/Balgen' wird gerade mal von 2 Probanden aus diesem Cluster angekreuzt, Fußball von keinem. Lediglich Ballspiele werden noch von einem knappen Viertel genannt, wobei aus dem Ergebnis für Fußball geschlossen werden kann, daß es sich wahrscheinlich um sanftere' Varianten gehandelt haben wird. Ähnlich wie bei den Ergebnissen zur Selbstbeschreibung präsentieren sich die Männer des Clusters A als geschlechtsrollenkonform und jene des Clusters B als eher nicht konform.
 

Als zusätzlicher Indikator für geschlechtrollenkonformes Verhalten wird häufig das Geschlecht der SpielgefährtInnen angesehen. Whitam (1977) führt die preference for company of girls rather than boys in childhood games" als einen von six childhood indicators of adult homosexuality" an. Friedman (1993, S.220) benennt als ein Merkmal der Störung der Geschlechtsidentität, die mit einer vornehmlichen oder ausschließliche Homosexualität verbunden ist": 5. Keine positiven dauerhaften Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen" und behauptet, Viele dieser Jungen suchen die Gesellschaft von Mädchen". Dies gelte nicht nur für die Jungen mit einer schweren Effeminität", sondern für auch für jene Jungen, deren primäres Problem nicht darin besteht, daß sie weiblich sind, sondern darin, daß sie unmännlich sind." Neben den Vorlieben für bestimmte Spiele wurde deshalb das Geschlecht der SpielgefährtInnen erfragt.

Gesamt-Daten: Die Gesamtzahlen besagen, daß 21,9% eher mit Mädchen als mit Jungen gespielt haben. Ein Drittel spielte hauptsächlich mit anderen Jungen, und knapp die Hälfte aller Befragten kreuzte etwa mit beiden gleich' an. Diese Zahlen lassen zwar vermuten, daß für ein Fünftel der Männer dieser childhood indicator' zutrifft, für den großen Teil jedoch erscheint dies nicht so vertretbar. Allerdings liegt die Zahl jener, die mehr mit Jungen gespielt haben, mit 30,5% auch nicht sehr hoch. In der Kinsey-Studie (Bell et al..1981, S.316) gaben bei einer ähnlich formulierten Frage die weißen heterosexuellen Männer zu 91% an, häufiger oder ausschließlich mit Jungen gespielt zu haben. Auch in diesem Punkt geben die Fragebogen- Ergebnisse also Anlaß zur Vermutung, daß die Abgrenzung der prähomosexuellen Jungen gegenüber Mädchen nicht ähnlich massiv bestand wie bei präheterosexuellen Jungen. Keine Rede kann allerdings davon sein, als gäbe keine positiven dauerhaften Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen", oder es gäbe eine allgemeingültige preference for company of girls".

'weiche Jungen': Differenziert man jedoch nach Clustern, dann wird sichtbar, daß es sich bei dem Fünftel, welches Mädchen als Spielgefährtinnen bevorzugte, überwiegend um die Angehörigen eines Clusters handelt: 26 von 52 (50%) der 'weichen Jungen'. Weitere 44% gaben an, gleichermaßen mit Mädchen wie Jungen gespielt zu haben, und lediglich 6% spielten mehr mit Jungen.

'harte Jungen': Von den Männern dieses Clusters berichtete kein einziger davon, mehr mit Mädchen als mit Jungen gespielt zu haben. 62,5% hingegen hatten ausschließlich männliche Spielgefährten. Auch dies entspricht mehr oder weniger den Angaben der heterosexuellen Männer aus der Kinsey-Studie.

Die Gesamtzahlen und erst recht die Differenzierung der quantitativen Daten nach Clustern belegen, daß sich unter den befragten homosexuellen Männern durchaus solche befinden, deren berichtetes Spielverhalten und das Geschlecht der SpielgefährtInnen in der Kindheit sich dem für alle Homosexuellen vermuteten Muster annähert.

Von den quantitativen Daten her gesehen kann jedoch bei anderen, etwa den in Cluster A beschriebenen Männern, nicht von einem mädchenhaften' Spielverhalten, einer Abneigung gegen Jungenspiele oder eine Bevorzugung von Mädchenspielen im Alter zwischen 6 und 12 Jahren gesprochen werden, sondern lediglich von einer Offenheit gegenüber Mädchen-Spielen.

Gleichermaßen gilt speziell für diesen Teil der Befragten keineswegs eine Vorliebe, mit Mädchen zu spielen, aber womöglich eine größere Bereitschaft, Mädchen nicht völlig beim Spiel auszugrenzen.
 

-  Verhältnis zum Sport

Bestandteil des weitverbreiteten Klischees über schwule Männer bzw. prähomosexuelle Kinder ist deren 'Unsportlichkeit'. Sportlich zu sein, ist für Jungen eine der wichtigsten Eigenschaften (nach Milhoffer 1996 sogar noch vor 'mutig' und 'stark'), und diesen athletic interest' (Blanchard et al. 1983) lassen Homosexuelle sowohl nach Ansicht von Forschern (Whitam 1977, Grellert, Newcomb & Bentler 1982, Zuger 1989) wie auch von vielen homosexuellen Männern selbst vermissen (Zitat aus einem Interview: ... was man eben so klassisch schwul sagt: immer schön drin gewesen, mit Puppen gespielt und keinen Sport gemocht").

Im Fragebogen wurden deshalb drei Fragen zum Sport gestellt, die das Interesse an und das Engagement in diesem Bereich erheben sollten. Wieviel Spaß hat den Männern Sport als Kind gemacht? Haben sie längerfristig eine Sportart trainiert, und wenn ja, war es eher eine Teamsportart (Fußball, Volleyball, Hockey, Rudern etc.) oder eine Individualsportart (Leichtathletik, Schwimmen, Radsport etc.)?

Gesamt-Daten: Die Antworten bei der Frage nach Spaß am Sport teilen sich im Gesamt-Sample in drei gleich große Gruppen. Jeweils ca. 50 Männer meinten, sie hätten viel Spaß an Sport, etwas oder gar keinen Spaß daran gehabt. Längere Zeit eine Sportart trainiert hat gut die Hälfte der Männer, zur einen Hälfte (25% vom Gesamt) in einer Teamsportart, zur anderen (26% vom Gesamt) in einer Individualsportart.

Es ist denkbar, daß diese Verteilung durch den hohen Anteil an Mitgliedern aus schwulen Sportvereinen (zusammen 36,4%) geprägt ist. Insofern ist der quantitative Anteil nur bedingt aussagefähig. Wenn aber, obwohl diese Männer ja auch nur ein Drittel des Samples ausmachen, 65,6% der Gesamtgruppe etwas oder viel Spaß am Sport als Kind berichtet, dann läßt bereits dies ernste Zweifel am allgemein vermuteten Desinteresse prähomosexueller Kinder für Sport aufkommen.

'harte Jungen': Erst recht gilt dies für die Männer des Clusters A. 100% von ihnen hatten 'viel Spaß am Sport' angekreuzt, und mit einer Ausnahme haben alle längerfristig in einer Teamsportart trainiert.

'weiche Jungen': In diesem Cluster finden wir hingegen eine starke Abneigung gegen Sport. Lediglich drei Männer hatten viel Spaß an sportlicher Betätigung, 29 Männer (55,8%) gar nicht. 20 der Männer gaben an, etwas Spaß am Sport gehabt zu haben. Von daher ist es wenig verwunderlich, wenn auch nur ein knappes Drittel (30,8%) irgendeine Sportart über einen längeren Zeitraum trainiert hat. Lediglich zwei von diesen trainierten in einer Teamsportart, alle anderen engagierten sich in einer Individualsportart.

Zwar wird bei den 'weichen Jungen' das schwierige Verhältnis einer Teilgruppe zum Sport sichtbar, aber von einem generellen Desinteresse der Gesamtgruppe kann nicht gesprochen werden.
 

Zusätzlich wurde gefragt, ob die Befragten im Sportunterricht bei Teamspielen öfter von anderen Jungen wegen ihres Spiels lächerlich gemacht wurden. Dies könnte auf nonkonformes Geschlechtsrollenverhalten hindeuten.

Gesamt-Daten: 40,7% der Männer gaben an, sich manchmal bei Teamspielen im Sportunterricht lächerlich gemacht zu haben, bei 14,7% kam dies regelmäßig vor. 10,7% mieden Teamsport, so gut es ging; auch bei ihnen kann vermutet werden, daß sie bei einer Teilnahme damit rechnen mußten, sich lächerlich zu machen. Wenn nur keinen Spott beim Teamspiel erinnert, vermag das ein starkes Motiv sein, sportliche Betätigung zu meiden.

'harte Jungen': Keiner der Männer aus Cluster A wurde regelmäßig beim Teamsport lächerlich gemacht, wenn man ihren Angaben vertrauen kann. Und lediglich einer gab an, manchmal derartige Erfahrungen gemacht zu haben.

'weiche Jungen': Demgegenüber berichten 60% der Männer des Clusters B davon, regelmäßig oder manchmal von anderen Jungen beim Teamsport lächerlich gemacht worden zu sein. Weitere 17% mieden Teamsport ganz. So bleiben gerade 23% übrig, welche von dieser Erfahrung verschont blieben. Es erscheint nachvollziehbar, wenn gerade aus dieser Gruppe seltener vom 'Spaß an Sport' berichtet wird; die Korrelation zwischen beiden Items ist mit .575 auf dem Niveau von 0,01 (zweiseitig) signifikant und damit die höchste, die das Item 'lächerlich gemacht' mit einem anderen Item des Fragebogens hat.

Es kann bei den befragten Männern nicht prinzipiell von einer Abneigung gegen Sport und sportliches Training gesprochen werden. Zwei Drittel äußern viel oder zumindest etwas Spaß am Sport während ihrer Kindheit. Bei Teilgruppen traf Sport auf sehr hohes Interesse, welches sich in langfristigem Training äußerte.
 

-  Umgang mit Konflikten und Aggression

Mangelnde Aggression und Konfliktvermeidung gehört ebenfalls zum Bild, welches bisherige Darstellungen von der Kindheit homosexueller Männer gezeichnet haben (Blanchard et al.1983, Isay 1990, Friedman 1993). Im Fragebogen gab es zwei Fragen, welche direkt dieses Thema aufgriffen. Die Männer wurden gefragt, wie sie normalerweise reagiert haben, wenn sie ein Junge ohne Grund angegriffen hat. Sie hatten vier Alternativen zur Auswahl, vom sofortigen Zurückschlagen bis zum Weglaufen. In der anschließenden Frage wurden sie gebeten, sich selbst als Kind in eine von vier Kategorien vom 'wilden' bis zum 'mädchenhaften Jungen' einzuordnen.

Gesamt-Daten: Nur acht Männer (5,3%) gaben an, im vorgegebenen Fall 'ohne Diskussion' zurückgeschlagen zu haben. Ein Viertel reagierte auf einen solchen Angriff mit der Drohung, zurückzuschlagen, falls der andere Junge nicht aufhörte. Die häufigsten Nennungen erhielt die Alternative, den Angriff zu ignorieren und sich nicht zu wehren (38%). Ein knappes Drittel schließlich meinte, er wäre weggelaufen, sofern dies möglich war.

Diese überwiegend zurückhaltende Reaktion paßt zur anschließenden Eingruppierung von der Hälfte als 'sanfter Junge'. Die zweithäufigste Nennung erhielt die Kategorie 'normaler Junge'. der Befragten ordnete sich als Kind auf diese Weise ein und umging damit die Schwierigkeit, sich als mehr oder weniger aggressiv zu beschreiben. Gerade mal 8% wollten sich als ehemals 'wilder Junge' sehen, und eine noch kleinere Gruppe outete sich als früherer 'mädchenhafter Junge' (5,3%).

Berücksichtigt man, daß bei der Selbstbeschreibung (s.o) sich lediglich 12% als kräftig oder kämpferisch geschildert hatten, dann ergibt sich ein Gesamtbild von eher gezügelter (körperlicher) Aggression, bei 69% für 'nicht wehren' bzw. 'weglaufen' kann sehr wohl von Konfliktvermeidung dieser prähomosexuellen Jungen bei tätlichen Angriffen gesprochen werden.

'harte Jungen': Auch bei dieser Teilgruppe kann keineswegs von heftigen Aggressionen gesprochen werden. Kein einziger aus diesem Cluster hatte angekreuzt, ohne Diskussion zurückzuschlagen. Diese Männer meinten zu 50%, sich in solchen Fällen mit Drohungen wehren zu können. Die andere Hälfte zog es zu gleichen Teilen vor, den Angriff zu ignorieren bzw. wegzulaufen. Aggressives Verhalten scheint in diesem Cluster nicht sehr erwünscht bzw. an der Tagesordnung zu sein. Nur einer der 16 Männer sah sich als 'wilder Junge' während seiner Kindheit, ebenfalls einer meinte, ein 'sanfter Junge' gewesen zu sein. Die restlichen 14 kreuzten 'normaler Junge' an.

'weiche Jungen': Noch viel deutlicher ist eine geringe Neigung zu Aggressionen für die Männer des Clusters B. 43% meinten, sie wären bei einem tätlichen Angriff weggelaufen, ebenfalls 43% hätten ihn ignoriert und sich selbst bei einem grundlosen Angriff nicht gewehrt. Einzig 13,7% gaben an, in einem solchen Fall Gegenwehr angedroht zu haben. Ohne Diskussion zurückgeschlagen hätte auch von ihnen keiner. Dies korrespondiert mit der Selbstwahrnehmung als 'sanfter Junge', welche 83% dieser Gruppe wählte. Nur 3 mochten die Bezeichnung 'normaler Junge' auf sich anwenden, niemand sah sich als 'wild' an. Und 12% wählten den 'mädchenhaften Jungen'.
 

Durch die Clusteranalyse sind mit den Clustern A und B Gruppierungen entstanden, die in diesem Punkt nicht allzu stark voneinander abweichen. Vor allem bei einem weiteren Cluster ist das Antwortmuster in Bezug auf Aggression anders, weshalb es hier kurz referiert werden soll.

Die Männer des Clusters D schilderten sich in ihrem Antwortmuster als aggressiver, kämpferischer und wehrhaft. 40% von ihnen bezeichneten sich als 'wilder Junge', 26,7% hätten ohne Diskussion zurückgeschlagen und weitere 60% mit Schlägen gedroht, falls der Angreifer nicht aufhört.

Es finden sich also auch unter den 151 homosexuellen Männern dieser Umfrage eine Reihe, welche es an Aggressivität und Konfliktbereitschaft mit dem gesellschaftlich geprägten Rollenbild des aggressiven Jungen aufnehmen können. Für die Mehrzahl gilt dies jedoch nicht, Aggressionen und Konfliktbereitschaft sind in der Tat bei den meisten wenig ausgeprägt.

Welche Rolle hierbei die durchschnittlich hohe Schulbildung der Befragten spielen kann, ist schwer zu sagen, weil keine korrekten Daten darüber erhoben wurden. Es kann aber vermutet werden, daß viele der Männer Abitur oder einen Hochschulabschluß haben und damit eine tendenziell aggressionshemmende Sozialisation erfahren haben könnten.
 

-  Soziale Kontakte

Mit einer Frage wurde das Thema berührt, wie stark die Befragten in die Gruppe der Peers sozial eingebunden waren. Hintergrund dieser Frage ist eine der zentralen Vermutungen dieser Arbeit, das Geschlechtsrollenverhalten habe Auswirkungen auf die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen. Es wurde deshalb gefragt, ob der Befragte im Alter zwischen 6 und 12 Jahren ein Einzelgänger war. Die Antwort konnte in vier Stufen differenziert werden von 'gar nicht' bis 'sehr'.

Gesamt-Daten: Ein Viertel der 151 Befragten gaben an, im besagten Zeitraum sehr stark Einzelgänger gewesen zu sein (24,5%), immerhin weitere 37,7% meinten, sie seien 'etwas' Einzelgänger gewesen. Gerade mal 13,9% antworteten mit 'gar nicht'. Dies ist eine sehr hohe Rate, auch wenn keine Vergleichdaten darüber vorliegen, wie sich heterosexuelle Männer zu dieser Frage äußern würden. Es ist damit natürlich keine Wertung verbunden, das Einzelgängertum kann durchaus dem eigenen Wunsch entsprochen haben. Dennoch bleibt es auffällig, daß eine so hohe Zahl davon berichte, während der Kindheit Einzelgänger gewesen zu sein.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Wie unterschiedlich die Situation der Teilgruppen ist, wird gerade an dieser Frage deutlich. 81,2% der 'harten Jungen' waren gar nicht oder sehr wenig Einzelgänger während ihrer Kindheit. Kein einziger gab an, ein starker Einzelgänger gewesen zu sein. Genau umgekehrt sind die Daten der 'weichen Jungen'. 40,4% meinten, sie wären etwas Einzelgänger gewesen, und sogar 46,2% hielten sich für starke Einzelgänger. Nur knapp 6% mochten den Begriff Einzelgänger nicht auf sich anwenden.

Diese Unterschiede spiegeln sich wieder in den Korrelationen zwischen der Frage nach dem Einzelgänger-Sein und anderen Items. Eigenschaften wie 'leicht verletzlich', 'unsportlich', 'schwächlich', 'nicht dominant', 'weich', Abneigung gegen Fußball, Indianer- und Ballspiele, wenig Spaß an Sport, keine Training einer Sportart, Konfliktscheu, Selbstsicht als 'sanfter' bzw. 'mädchenhafter Junge' und Gefühl des Andersseins korrelieren alle auf 0,01-Niveau signifikant mit dem Einzelgänger-Dasein.
 

Als Ergänzung sollen noch die Daten zweier weiterer Cluster eingefügt werden, die vom Geschlechtsrollenverhalten zwischen den beiden Clustern A und B angesiedelt werden könnten. Die Männer des Clusters C unterschieden sich vor allem durch ein stärkeres Interesse an sportlicher Betätigung, aber auch höhere Werte bei jungentypischen Eigenschaften bzw. Spielen und niedrigere bei mädchentypischen von den Männern des Clusters B. Der Cluster D enthält demgegenüber Männer, die aggressiver, wilder, aber auch unangepaßter als die Männer des Clusters A sind. Beide Teilgruppen können wahrscheinlich am besten den Trend vervollständigen, der zwischen den beiden Clustern A und B wahrnehmbar ist.

Die etwas weicheren Jungen des Clusters C berichten von ähnlich geringem Einzelgängertum während ihrer Kindheit wie die 'harten Jungen'. Möglicherweise erlaubte ihnen ihr Interesse am Sport und Ballspielen wie auch anderen typischen Jungenspielen, gut in die Gruppe der Peers integriert zu sein, auch wenn sie sich mal beim Teamsport lächerlich machten.

Die Männer des Clusters D hingegen mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Wildheit, Grobheit, aber auch weniger Spaß an sportlicher Gruppen-Betätigung berichten zu ¾ davon, eher Einzelgänger gewesen zu sein, wenngleich weniger deutlich als die Männer des Clusters B.
 

Alle drei Cluster A, C und D zeigen ein Verhalten, welches durchaus als 'jungentypisch' in unterschiedlichen Ausprägungen bezeichnet werden kann. Der wesentliche Unterschied bei der Frage des Einzelgängertums scheint zu sein, ob ein Junge bereit und in der Lage war, sich den üblichen Jungeninteressen einzupassen (speziell Sport, Ballspiel etc.) oder nicht. Die Männer des Clusters D scheinen diese Bereitschaft nicht mitgebracht zu haben, ebenso wie die Männer des Clusters B, die zudem durch Ängstlichkeit, Verletzlichkeit etc. stark darin behindert waren.

Diese Zahlen dokumentieren nicht nur, daß eine Vielzahl homosexueller Männer während ihrer Kindheit Einzelgänger waren. Sie liefern auch starke Hinweise darauf, daß diese soziale Isolation mit dem Geschlechtsrollenverhalten, insbesondere dem geringen Interesse an jungentypischen Sportarten, zusammenhängen könnte.
 
 

4.1.3      Geschlechtsidentität

Für prähomosexuelle Kinder wird häufig eine gestörte oder konträre Geschlechtsidentität angenommen (Money & Russo 1979, Freund & Blanchard 1983, Blanchard et al.1983, Green 1987, Coates & Zucker 1988). Deshalb wurden in den Fragebogen einzelne Fragen gestellt, die mit diesem Themenkomplex direkt oder indirekt (über das Geschlechtsrollenverhalten) in Verbindung stehen könnten.

Es wurde danach gefragt, ob die Eltern oder einzelne Elternteile vor der Geburt gewünscht hätten, ein Mädchen zu kriegen. Nach dem eigenen Wunsch als Kind, ein Mädchen zu sein, wurde nicht direkt gefragt, dafür nach der damaligen Identifikation mit dem Vater. Auch wurde an zwei Stellen nach dem Wunsch gefragt, per Verkleidung als Mädchen in eine andere Geschlechtsrolle zu wechseln. Schließlich gab es Fragen nach der Selbstwahrnehmung als 'anders' sowie der Fremdwahrnehmung als jungenhaft bzw. mädchenhaft.
 

-  Wünsche der Eltern nach einem Mädchen

Bei den Probe-Interviews, welche vor der Konstruktion des Fragebogens durchgeführt wurden, hatten einzelne Männer von sich aus oder auf Nachfrage geäußert, die Eltern hätten sich vor ihrer Geburt ein Mädchen gewünscht. Da ein solcher Wunsch möglicherweise für die Geschlechtsidentität nicht ohne Auswirkung sein könnte und um besser einschätzen zu können, wie verbreitet diese Tatsache ist, wurde eine Frage hierzu im Fragebogen aufgenommen. Diese Frage wurde jedoch, wie ein Großteil der im weiteren behandelten Fragen, nicht in die Clusteranalyse einbezogen.

Gesamt-Daten: Die meisten Befragten gingen davon aus, daß weder ihre Mutter noch ihr Vater vor ihrer Geburt wünschten, statt eines Sohnes eine Tochter zu bekommen, oder sie wußten nicht, ob es derartige Wünsche gab. In 17 Fällen (11,4%) war dieser Wunsch von Seiten der Mutter bekannt, in 10 Fällen wünschten sich beide Eltern eine Tochter (6,7%) und in 4 Fällen (2,7%) der Vater allein. Insgesamt erinnern also etwa 20% einen Wunsch der Eltern nach einem Mädchen. Ohne Vergleichszahlen läßt sich nicht beurteilen, ob dies eine höhere Quote als bei präheterosexuellen Jungen ist. Sicher ist zumindest, daß dieser Wunsch nur von einer Minderheit erinnert wurde bzw. nur bei einer Minderheit bestand.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': In beiden Clustern erinnern etwa der Männer den Elternwunsch nach einem Mädchen. Einziger Unterschied: Sind es bei den 'harten Jungen' meist beide Eltern (25%), so ist es bei den 'weichen Jungen' am häufigsten die Mutter (19,2%), bei der ein solcher Wunsch bekannt ist oder vermutet wird.
 

-  Verhältnis zum und Identifikation mit dem Vater

Eine ganze Reihe von Darstellungen enthalten Aussagen zum Vater als Bezugsperson des prähomosexuellen Kindes, und neben der Mutter, die "ihren Sohn eng an sich bindet" (Bieber et al. 1962, zitiert nach Friedman 1993), wurden verschiedene Haltungen des Vaters beschrieben, die entweder als ätiologisch bedeutsam (Bieber et al.) oder weniger bedeutungsvoll eingeschätzt wurde (Bell et al. 1981). In mehreren Untersuchungen wurde der 'abwesende', der 'gleichgültige' oder der 'distanzierte' Vater bei homosexuellen Männern häufiger angetroffen als bei der heterosexuellen Kontrollgruppe.
 

In Frage 19 wurden die Probanden gebeten, das Verhältnis zu ihrem Vater aus der Zeit zwischen ihrem 6. und 12.Lebensjahr auf drei Skalen einzuschätzen. Die eine Skala enthielt das Wort-Paar 'Beschäftigt mit mir - zurückgezogen von mir', die zweite das Paar 'Wohlwollend zu mir - feindselig zu mir', das dritte 'Erkannte mich an - erkannte mich nicht an'.

Gesamt-Daten: Es gibt eine klare Kumulation auf der Seite 'zurückgezogen von mir'. Gut 40% markierten die beiden äußeren Positionen der Skala in dieser Richtung. Ein knappes Drittel (27,8%) kreuzte eine der drei Werte an, welche mehr oder weniger dafür standen, daß der Vater sich häufiger mit ihnen beschäftigt hat.

Feindseligkeit hingegen wurde nur von einer Minderheit (20,2%) konstatiert, es herrschte die Einschätzung vor, der Vater sei mehr oder weniger wohlwollend gewesen (53,5% kreuzten hier die drei entsprechenden Werte an).

Auch Anerkennung nahmen etwa gleich viele wahr (52,4), während 30,8% diese mehr oder weniger vermißten.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Zwischen beiden Clustern gibt es prägnante Unterschiede. Während 31,3% der 'weichen Jungen' ihren Vater als eher feindselig einordnen, sind es bei den 'harten Jungen' nur 6,3%. Und während von den 'weichen Jungen' mit 50,9% eine Mehrheit die Anerkennung durch den Vater vermißte, gab es bei den 'harten Jungen' niemanden, der es so sah - ganz im Gegenteil. 73,4% empfanden seitens ihres Vaters so viel Anerkennung, daß sie eine der beiden diesbezüglich extremsten Positionen auf der Skala markierten. Selbst bei der dritten Skala ist noch ein Unterschied feststellbar: 70,6% der Männer aus Cluster B empfanden ihren Vater als eher zurückgezogen, während es bei den Männern des Cluster A mit 56,1% nur gut die Hälfte waren. Die 'harten Jungen' nahmen also in der Kindheit ihren Vater wohlwollender und weniger zurückgezogen wahr als die 'weichen Jungen' und sie geben an, mehr Anerkennung erhalten zu haben.
 

In der nächsten Frage wurde eine eindeutige Beurteilung verlangt, ob das Verhältnis zum Vater während der Kindheit insgesamt eher positiv oder negativ war.

Gesamt-Daten: Eine Mehrheit bewertete das Verhältnis zum Vater als positiv (55,3%), 44,7% entschieden sich dafür, das Verhältnis als negativ zu beurteilen.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Auch hier gibt es eklatante Unterschiede zwischen den beiden Clustern. Drei Viertel der 'harten Jungen' antworteten mit 'positiv', bei den 'weichen Jungen' waren es nur 40,8%.
 

Die letzten Fragen zum Vater betrafen die Selbstwahrnehmung als gleich bzw. ähnlich dem Vater sowie den möglichen Wunsch, ein Mensch wie der Vater zu sein. Die Befragten konnten jeweils zwischen 4 Kategorien von 'gar nicht' bis 'sehr' wählen.

Gesamt-Daten: 37,9% nahmen sich als etwas oder sehr ähnlich dem Vater wahr, ein knappes Viertel sah überhaupt keine Ähnlichkeiten. Deutlich höher noch war die Zahl jener, welche in keiner Weise wie ihr Vater sein wollten (41%), auch wenn die Zahl derjenigen, die gern ihrem Vater ähneln wollten, mit 33,4% ein deutliches Gegengewicht darstellt. Insgesamt wird kein besonders hohes Identifikationsbedürfnis seitens der Männer mit ihrem Vater sichtbar, nur etwa ein Drittel äußert es bei der Umfrage.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Bei der Frage nach Ähnlichkeit mit dem Vater sind keine allzu deutlichen Unterschiede zwischen beiden Clustern feststellbar. Der Wunsch, wie der Vater zu sein, ist jedoch sehr verschieden stark ausgeprägt. Die 'harten Jungen' wollten dies zu 56,3% etwas oder sehr gern, die 'weichen Jungen' nur zu 32%. Offenbar war es für die 'jungenhaften' prähomosexuellen Kinder durchaus attraktiv, dem Vater nachzueifern, während dies 68% aus Cluster B ablehnten.

Die Fragen zum Vater offenbaren eine von Seiten des Kindes - möglicherweise kritische - Distanz zum Vater und dessen Eigenschaften. Dennoch kann aufgrund der Zahlen nicht von einem allgemein gestörten Verhältnis gesprochen werden, sondern gerade bei den geschlechtsrollenkonformen Jungen war Anerkennung und Unterstützung keineswegs selten.
 

-  Verkleidung als Rollenwechsel

Das Verkleiden als Mädchen, 'cross-dressing' (Bailey, Nothnagel & Wolfe 1995) ist ein häufig genannter Indikator bei prähomosexuellen Jungen (Zuger 1978 und Zuger 1988, Green 1987). Whitam (1977) zählt 'cross dressing' zu einem der 6 Früh-Indikatoren für Homosexualität, auch wenn die Studienergebnisse zum Zusammenhang zwischen cross-dressing in der Kindheit und späterer Homosexualität stark differieren. Davenport (1986) etwa fand in seiner Follow-up-Studie an 10 Jugendlichen bzw. Erwachsenen, die als Kinder gern weibliche Kleider trugen, mindestens 4 Heterosexuelle, 3 Homosexuelle und 1 Transsexuellen, bei dreien war die sexuelle Orientierung noch unsicher. Isay (1990) fand kaum Hinweise auf cross-dressing bei seinen homosexuellen Klienten.

Im Fragebogen wurde dennoch an zwei Stellen ein Verkleiden abgefragt, einmal als Lieblingsspiel und zum zweiten als direkte Frage danach, ob sich der Befragte im Alter zwischen 6 und 12 Jahren gern als Mädchen verkleidet hat.

Gesamt-Daten: Knapp 30% kreuzten 'Verkleiden' als eines ihrer Lieblingsspiele an, wobei offen bleibt, als was sie sich verkleidet haben. Verkleiden als Rollenwechsel jeglicher Art, bei dem vorübergehend in die Rolle eines Cowboys oder Indianers, eines Tieres oder aber einer Frau geschlüpft wird, haben Tradition sowohl im Karneval als auch allgemein im Kinderspiel. Von daher erscheint die Quote nicht ungewöhnlich hoch.

Es existiert jedoch eine signifikant hohe Korrelation zwischen der Antwort auf das Lieblingsspiel 'Verkleiden' und die Frage, ob sie sich gern 'als Mädchen verkleidet' hätten. Ebenfalls signifikant auf dem 0,01-Niveau ist die Korrelation mit 'Spaß an Mädchenspielen' und 'Puppenspiel'. Möglicherweise haben die Befragten das 'Verkleiden' vor allem dann als Lieblingsspiel angekreuzt, wenn es um einen Geschlechtsrollentausch ging.

Nur etwa halb so hoch wie beim Spiel 'Verkleiden' war die Zahl derjenigen Männer, welche angaben, sich manchmal als Mädchen verkleidet zu haben (16,6%). Hier gibt es ebenfalls eine signifikante Korrelation mit 'Spaß an Mädchenspielen' und eine noch höhere beim 'Puppenspiel'. Insgesamt umfaßt die Zahl jener, die sich an ein Verkleiden als Mädchen erinnern, nur eine kleine Gruppe der homosexuellen Männer.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': 44,2% aus dem Cluster B der 'weichen Jungen' haben 'Verkleiden' als eines ihrer Lieblingsspiele benannt, aber nur drei der 16 'harten Jungen' aus Cluster A. Mit einer Ausnahme dieselben Männer aus Cluster A sind es auch, die sich 'gerne als Mädchen verkleidet' haben - übrigens allesamt keine begeisterten Fußballer. Im Cluster B war aber das Verkleiden als Mädchen weniger beliebt als Verkleiden überhaupt: Nur ein gutes Viertel war am Rollentausch interessiert. Damit ist dies zwar der Cluster mit dem höchsten Anteil an Spaß am Verkleiden als Mädchen, und doch ist auch bei den weniger rollenkonformen prähomosexuellen Jungen dieses spielerische Anpassen an das andere Geschlecht keineswegs so verbreitet, wie die bisherige Forschung glauben macht.
 

-  Anderssein in Selbst- und Fremdwahrnehmung

Sich 'anders' fühlen, als 'anders' erleben, diese sehr vage Formulierung benutzen viele homosexuelle Männer, wenn sie über ihre Selbstwahrnehmung in den Jahren vor dem Coming Out sprechen (Isay 1990, Grossmann 1981).

Nach Bell et al. (1981) meinten lediglich 12% der befragten weißen homosexuellen Männer, sie hätten sich in der Kindheit nicht als unterschiedlich von den anderen Jungen empfunden. Die Gründe für ein Gefühl, anders zu sein, waren vielfältig, sie hatten z.T. mit Geschlechtsrollenverhalten zu tun, z.T. auch nicht. 48% kreuzten an, es habe mit ihrem (geringen) Interesse an Sport zu tun, ein Fünftel meinte, homosexuelle oder fehlende heterosexuelle Gefühle seien der Grund. Insgesamt 72% gaben aber auch Eigenschaften oder Interessen an, welche nach Meinung der Forscher in keiner Beziehung zum Geschlecht stünden(1).

Im Fragebogen wurde gefragt, ob jemand in der Kindheit manchmal das Gefühl gehabt habe, anders als die anderen Jungen zu sein. Zusätzlich zum einfach 'Ja' oder 'Nein' sollten sie durch ein angefügtes 'weil .......' dazu animiert werden, ihre ganz persönlichen Gründe dafür zu benennen.

Gesamt-Daten: Gut die Hälfte aller befragten Männer erinnerten aus ihrer Kindheit ein Gefühl von 'anders sein'. 44% verneinen diese Frage jedoch. 30 von diesen gaben keinen expliziten Grund dafür an, warum sie 'nein' ankreuzten, d.h. nur die Hälfte konnte bzw. wollte einen Grund benennen, warum sie nicht das Gefühl gehabt haben, anders zu sein.

Viele, die eine Begründung für ihr 'nein' schrieben, meinten, sie hätten als Kind nicht darüber nachgedacht oder hätten sich eben nicht anders gefühlt. Sie empfanden sich als 'gleich stark' wie andere Jungen, hatten die gleichen Interessen, spielten die selben Spiele. Drei Männer schrieben lapidar: Weil ich es nicht war" oder ähnliches. Einzelne formulierten, sie hätten sich bei den anderen Jungen wohl gefühlt, seien 'voll akzeptiert' gewesen und hätten 'keine großen Probleme' gehabt. Zwei Männer stellten fest, daß auch andere Jungen Gummitwist" spielten oder ängstlich waren.

Wer sich als 'anders' gefühlt hatte, begründet dies auf sehr unterschiedliche Weise. Am häufigsten werden andere Interessen", Spaß an Mädchenspielen oder keine Lust auf Fußball genannt. Immerhin ein gutes Drittel aller, die Gründe für ihr Anders-Fühlen nannten, beschrieb diese Abweichungen in den Interessen und Spielen als Grundlage. Als zweithäufigster Grund wird das erotisch/sexuelle Interesse an Männern oder Jungen genannt, fast 20% geben dies an.

Ebenso viele gaben eine ganz andere Begründung ab. Sie fühlten sich reifer, intelligenter, cleverer, erwachsener, fanden etwa die anderen Jungs zu blöd", zu oberflächlich. Einige wiederum fühlten sich den anderen Jungen unterlegen, waren nicht so sportlich", zu dick" oder zu klein". 16% meinte, sie seien nicht jungenhaft genug" gewesen, untypische Jungen", sensibler, sanfter, weicher als andere Jungen. Etwa 10% nehmen ihre guten Kontakte zu Mädchen als Anlaß, sich 'anders' zu fühlen. Sie gingen mit Mädchen anders um", spielten mehr mit Mädchen als andere Jungen oder hatten eben Freundinnen statt Freunde".

Es sind also überwiegend die wahrgenommenen Abweichungen im Spielverhalten bzw. Interessen oder in der erotischen Vorliebe für das gleiche Geschlecht, welche 56% der prähomosexuellen Jungen dazu brachte, sich als 'anders' zu empfinden. An dritter Stelle stehen Unterschiede im sonstigen Verhalten, Denken und Fühlen.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Nur ein einziger der 'harten Jungen' hatte sich als 'anders' empfunden, weil er sich bereits als 10jähriger von Jungen und Männern erotisch angezogen fühlte. Die anderen schrieben: Ich war wie alle anderen", weil ich viele soziale Kontakte zu Jungen hatte", weil ich mich als normal fand", weil ich alles machte, was andere Jungs auch unternahmen", es gab keinen Grund" oder weil ich es nicht war".

Von den 'weichen Jungen' meinen drei Viertel heute, sie hätten sich damals 'anders' gefühlt. Die gegebenen Begründungen entsprechen jenen der Gesamtgruppe, wobei die Unterschiede bei den Interessen inklusive dem Spielen mit Mädchen wie auch die Wahrnehmung eines erotischen Hingezogen-Fühlens zu Jungen besonders häufig genannt werden.
 

Eine Form des Andersseins, die prähomosexuellen Kinder zugeschrieben wird, ist ein 'mädchenhaftes' Verhalten oder auch das Zeigen von Schwäche. Mit einer Frage sollte eruiert werden, ob die Befragten in dieser Weise von anderen Jungen wahrgenommen und offen bezeichnet wurden.

Gesamt-Daten: 32% aller Männer bejahten diese Frage, 68% hatten dies nicht so erlebt bzw. erinnerten sich nicht daran.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Sehr deutlich sind jedoch auch hier die Unterschiede zwischen den beiden Clustern A und B. Kein einziger der 'harten Jungen' kreuzte an, diese Erfahrung als Kind gemacht zu haben, während 56% der 'weichen Jungen' in solcher Weise von anderen Jungen betitelt worden waren. Die 'weichen Jungen' bekamen also zu mehr als der Hälfte häufiger mal Rückmeldungen von anderen Jungen, daß sie 'anders' seien.
 
 

4.1.4     Erste homo-erotische Gefühle und Coming Out

Dannecker und Reiche (1974) ließen ihren Fragebogen mit der Frage über das "erste Aufflackern der Triebrichtung" beginnen, indem sie sich nach dem Zeitpunkt erkundigen, "als Sie das erste Mal auf die Idee kamen, daß Sie homosexuell sind oder mindestens bemerkten, daß Sie sich von anderen Männern unterscheiden?". Sie verknüpften damit das Thema der ersten Wahrnehmung eigener homo-erotischer Gefühle mit dem Thema 'Anderssein', welches - wie die bisherigen Ergebnisse zeigten - auch mit Unterschieden im Geschlechtsrollenverhalten zusammenhängen konnte. Daher sind die Daten nicht unbedingt vergleichbar mit den Antworten der vorliegenden Befragung, bei der ich deutlich nach dem ersten Mal fragte, an dem sich die Befragten erotisch von einem Jungen oder einem Mann angezogen fühlten.

Bell et al. (1981) fragten direkter, wann sich ihre Interviewpartner "zum ersten Mal von einem Mann erregt" gefühlt hätten (S.340). Auch wenn die Fragestellung nicht so übereinstimmt, wie es wünschenswert wäre, müßten dieses Daten einen Vergleich ermöglichen.

Cohen und Savin-Williams (1996) referieren insgesamt zehn Studien aus der Zeit zwischen 1971 und 1994, bei denen - sofern erhoben - durchschnittliche Altersangaben auch zu "first same sex attractions", zu "Label self gay/lesbian" und "First disclosure (Tom) other" tabellarisch aufgelistet sind.
 

-  Alter bei der ersten Wahrnehmung homo-erotischer Gefühle

Bei Bell et al. (1981) nahmen bis zum Alter von 6 Jahren 11% der weißen homosexuellen Männer das erste Mal homo-erotischer Gefühle wahr, bis 11 weitere 27% und bis 14 insgesamt 76%. Das entsprach in etwa den Zahlen, welche die heterosexuellen weißen Männer für ihre erste Wahrnehmung sexueller Erregung durch Frauen angaben. Dannecker und Reiche (1974) differenzierten erst ab 13 Jahren, wo von ihren Befragten gerade mal 19% zum ersten Mal homo-erotische Gefühle (oder Anderssein, s.o.) wahrgenommen hatten. Knapp 75% werden erst mit 17 Jahren erreicht, d.h. deutlich später als bei Bell et al.

In der Aufstellung von Cohen und Savin-Williams (1996) reichen die Altersangaben für die erste gleichgeschlechtliche Anziehung von 10 bis 13,5 Jahren.

Gesamt-Daten: Das früheste Alter, welches von einem der Befragten genannt wurde, war vier und damit jenseits der 'ödipalen Verdrängungsschwelle' (Dannecker & Reiche, 1974). Bis zum Alter von 7 Jahren meinten immerhin 11%, dies bei sich wahrgenommen zu haben, mit 10 bereits ein Drittel aller Befragten. Der Mittelwert liegt bei 12,05, der Median bei 12 Jahren, also zum Zeitpunkt der Pubertät, und lediglich 10% waren 16 oder älter, ehe sie ihre homosexuelle Neigung bemerkten. Bis zum Alter von 14 Jahren gaben genauso wie bei Bell, Weinberg und Hammersmith 76% an, diese erste Wahrnehmung erinnern zu können.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Der Mittelwert liegt bei den 'harten Jungen' bei 12,67 Jahren und bei den 'weichen Jungen' bei 11,51, also um mehr als ein Jahr niedriger. Dies zeigt sich auch bei der Alters-Verteilung. Bei den 'weichen Jungen' ergibt sich ein kontinuierlicher Anstieg von dem niedrigsten genannten Alter (4 Jahre) bis zu den drei am häufigsten genannten Jahren 10-12 Jahren. Die 'harten Jungen', deren Zahl allerdings auch deutlich geringer ist, weisen eine erste Spitze bei 8-10 Jahren, eine weitere bei 13 und die letzte beim Alter von 17 Jahren auf. Die erste Wahrnehmung homo-erotischer Gefühle liegt bei den 'weichen Jungen' offenbar im Durchschnitt früher.
 

-  Alter beim Coming Out gegenüber sich selbst und anderen

Die Frage nach dem Alter beim Coming Out vor sich selbst befragt ein ähnliches Ereignis wie die Frage aus der Dannecker und Reiche-Studie nach jenem Zeitpunkt, an dem die Probanden sicher wußten, daß sie homosexuell sind. Dort waren es 13% bis zum 13.Lebensjahr, mit 18 Jahren waren sich 50% sicher und mit 25 Jahren 92%.

Vermutlich aufgrund des Konzeptes des Kinsey-Instituts, Menschen zwar verhaltensmäßig einzustufen, aber eher von Homosexualität als von Homosexuellen zu sprechen (Kinsey 1966, S.572), enthält die Studie von Bell et al. (1981) keine Frage nach dem Alter beim Coming Out, bietet also keine Vergleichsmöglichkeit. Dafür enthält aber die Übersicht von Cohen und Savin-Williams (1996) Vergleichsdaten. Dort lag der Mittelwert zwischen 15 und 21,1 Jahren.

Gesamt-Daten: Mit einem Mittelwert von 18,45 und einem Modus von 18 Jahren liegen die Daten auch bei diesem Item im mittleren Bereich der von Cohen zusammengetragenen Ergebnisse. Das 'Einstiegsalter' in die eigene Überzeugung, homosexuell zu sein, war bei der vorliegenden Untersuchung 9 Jahre, die von 2 Männern angegeben wurden. Mit 13 Jahren waren es 13,4%, mit 18 etwas über die Hälfte und mit 24 Jahren 91,9%. Das höchste Alter, welches von diesen Männern zwischen 20 und 40 Jahren genannt wurde, war 35.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Noch deutlichere Unterschiede zwischen beiden Clustern als bei der ersten Wahrnehmung ergeben sich bei dieser Frage. Während der Mittelwert bei den 'harten Jungen' bei 20,81 Jahren und der Median bei 22 Jahren liegt, befinden sich beide Werte bei den 'weichen Jungen' auffällig darunter: der Mittelwert beträgt 18,14 Jahre, der Median 18 Jahre.
 

Zusätzlich wurde gefragt, in welchem Alter das Coming Out gegenüber (bisherigen) Freunden und gegenüber den Eltern stattgefunden habe. Bei Dannecker und Reiche (1974) gibt es keine Vergleichsdaten, da dort das Coming Out gegenüber Dritten als Zeitpunkt des ersten freundschaftlichen Kontakts mit anderen Homosexuellen definiert wurde. Aber auch für diese Frage kann die Tabelle von Cohen und Savin-Williams dienen; die Altersangaben für ein Coming Out gegenüber "significant nongay other" (S.120) liegen zwischen 28 und 16 Jahren.

Gesamt-Daten: Bei den meisten Befragten verging einige Zeit nach dem eigenen Bewußtwerden, ehe Freunde über diese Tatsache informiert wurden. Mit 13 hatte der Jüngste seine Freunde und mit 14 seine Eltern eingeweiht, allerdings empfand er sich selbst bereits mit 11 Jahren seiner sexuellen Orientierung sicher. Bis zum 18.Lebensjahr teilte erst ein knappes Drittel seinen Freunden mit, er sei homosexuell. Der Median liegt bei 20, der Mittelwert bei 21,14 Jahren.

Noch zwei Jahre höher liegt der Median bei der Frage, wann das Coming Out gegenüber den Eltern stattfand. Das Durchschnittsalter liegt hier bei 22,64 Jahren, im 20.Lebensjahr hatte erst ein Drittel die Eltern aufgeklärt. Die Zahl jener, welche diese Frage nicht beantworteten, lag mit 13 sehr hoch. Vermutlich verbergen sich hinter dieser Verweigerung diejenigen Männer, deren Eltern bis heute nichts über deren Homosexualität wissen.

'harte Jungen' und 'weiche Jungen': Auch bei der Offenheit gegenüber Freunden und Eltern ergeben sich starke Unterschiede zwischen den beiden Clustern. So hatte die Hälfte der 'weichen Jungen' ihre Freunde bereits mit 20 Jahren über ihre sexuelle Orientierung in Kenntnis gesetzt, während dies bei den 'harten Jungen' erst mit 24,5 Jahren der Fall war, also erheblich später. Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch, daß etwa dieselbe Differenz bereits bei der Frage nach dem eigenen Coming Out festzustellen war. Der Mittelwert liegt bei den 'weichen Jungen' bei 20,75 Jahren und bei den 'harten Jungen' bei 23,63 Jahren.

Die Eltern wurden von beiden Gruppen erst zu einem noch späteren Zeitpunkt aufgeklärt, von den 'weichen Jungen' im Durchschnitt mit 22,5 Jahren, von den 'harten Jungen' mit 24,08 Jahren.

Drei der 16 Männer aus Clusters 4 gaben keine Auskunft, ihre Eltern sind wahrscheinlich noch gar nicht informiert worden. Bei den 52 Männern des Clusters 5 sind es nur zwei, also knapp 4%, welche keine Antwort gaben.

Neben der Wahrnehmung, homosexuell zu sein, die bei den 'weichen Jungen' früher liegt als bei den 'harten Jungen', ist auch der Zeitpunkt, an dem sie sich ihren Freunden und den Eltern offenbarten, wesentlich früher. Nur ein einziger 'harter Junge' gab seinen Eltern bereits vor seinem 20.Geburtstag darüber Bescheid, obwohl immerhin sechs der fünfzehn Männer zu diesem Zeitpunkt bereits von ihrer Homosexualität sicher wußten. Insgesamt liegen die Altersangaben zum Offenbaren gegenüber Freunden und Eltern um mehrere Jahre höher als das Coming Out gegenüber sich selbst.
 
 

4.1.5     Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Die Gesamtdaten aller Befragten belegen, daß eine Mehrheit von ihnen sich selbst in der Erinnerung als ein Kind beschreibt, welches in einer Reihe der Items vom gesellschaftlich erwarteten Rollenideal eines Jungen abweicht, ohne jedoch einem femininen Rollenbild zu entsprechen.

Sie beschreiben sich vorwiegend mit Eigenschaften, die als wenig jungenhaft angesehen werden, eine Mehrheit bevorzugte geschlechtsrollenneutrale Spiele, hatte aber durchaus auch (etwas) Spaß an typischen Jungen- oder Mädchenspielen. Sportliche Betätigung war für zwei Drittel der Befragten mit viel oder doch etwas Spaß verbunden, auch wenn etwa ein Drittel beim Teamsport wenig positive Rückmeldungen von den Peers erhielt.

Indikatoren für eine feminine Geschlechtsidentität sind nicht stark ausgeprägt, vorherrschend war der Typ des 'sanften Jungen', der sich teilweise als 'anders' erlebt hat. Im Umgang mit Konflikten herrschte Zurückhaltung vor, ein Drittel hielt Weglaufen für das Mittel der Wahl bei Angriffen. Aggressionen und Konfliktbereitschaft sind insgesamt nicht stark ausgeprägt.

Ihre Väter schätzten sie für die damalige Zeit als mehr oder weniger wohlwollend und anerkennend, wenngleich recht zurückgezogen von ihnen. Über die Hälfte schätzt das Verhältnis zu ihm während der Kinderzeit als positiv ein, wobei sich knapp 40% als etwas oder sehr dem Vater ähnlich empfanden. Wie er sein wollten allerdings weniger, über 40% in gar keinem Fall.

Die Daten aller Befragten zusammengenommen ergeben so ein Bild, welches zwar in der Tendenz von dem des 'typischen Jungen' abweicht, wie es häufig für prähomosexuelle Jungen beschrieben wird.

Jedoch bei keinem einzigen Item entspricht die Ausprägung mehrheitlich dem in prospektiven Studien (v.a. Green 1987) demonstrierten Bild des effeminierten Jungen. Offenbar stellen die dort verfolgten 'sissy boys' nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtgruppe prähomosexueller Kinder dar, der wenig repräsentativ für diese Gesamtgruppe ist. Selbst das Klischeebild vom femininen oder unmännlichen (Friedman 1993) prähomosexuellen Jungen, der am liebsten mit Mädchen und ihren Spielsachen spielt, der Jungenspiele verachtet, sich als Mädchen verkleidet und von anderen Kindern verlacht wird, stimmt bestenfalls für einen Teil der Befragten.

Es darf bei der Bewertung dieser quantitativen Daten nicht übergangen werden, daß der hierfür relativ geringe Umfang des Gesamtsamples wie auch die Gewichtung einzelner Teilgruppen das Ergebnis beeinflussen dürften.

Etwa 10% des gesamten Samples waren Männer, die über homosexuelle Fußball-Mannschaften angesprochen wurden, zusammen mit denjenigen vom Volley- und Basketball machen sie etwa ein Fünftel der befragten 151 Männer aus. Welche Bedeutung die Auswahl der Befragten haben kann, zeigt ein Vergleich zwischen jenen Männern aus Fußballern und jenen aus einem Psychologen-Workshop oder vom Treffen einer religiösen Gruppe. Von den Fußballern kamen knapp 60% in den Cluster A ('harte Jungen'), während von den christlichen Homosexuellen 50% und von den homosexuellen Psychologen 44% im Cluster B ('weiche Jungen') wiederzufinden sind.

Unter den Heranwachsenden der Jugendgruppe waren fast 50%, die im Cluster D ('wilde Jungen') enthalten sind. Welche Konsequenzen dies für die Ergebnisse einer Untersuchung haben kann, die sich ausschließlich auf Jugendliche aus derartigen Gruppen stützt (Herdt & Boxer 1993, Rosario, Meyer-Bahlburg, Hunter, Exner, Gwadz & Keller 1996), ist vorstellbar.

Wesentlich bleibt an den Ergebnissen des Auswahl-Fragebogen deshalb, wie sich die Unterschiede zwischen den Clustern, und hier vorrangig zwischen den beiden Gruppierungen der 'harten' und der 'weichen Jungen' darstellen.

Sehr deutlich zeigt sich am Cluster A, daß es sich dabei um prähomosexuelle Kinder gehandelt haben dürfte, die sich dem Klischeebild des 'sissy boys' offensichtlich verweigerten. Sie beschreiben sich als 'sportlich', 'mutig', 'kämpferisch' und 'draufgängerisch'. Sie spielten am liebsten mit anderen Jungen, hatten sehr viel Spaß an 'typischen' Jungenspielen und wenig an typischen Mädchenspielen, wobei Fußball bzw. Ballspiele allgemein und Indianerspiele die Hitliste der Lieblingsspiele anführen. Sport machten ihnen allen viel Spaß, so daß sie fast alle im Sportverein trainierten. Es verwundert nicht, daß keiner von ihnen je beim Sport von anderen Jungen lächerlich gemacht wurde.

Nur einer von ihnen erlebte sich wegen seiner gleichgeschlechtlichen Empfindungen als 'anders', fast alle empfanden sich als 'normaler Junge'. Ihren Vater erinnern sie überwiegend als anerkennend und wohlwollend, drei Viertel empfanden das Verhältnis als positiv. Knapp 60% wollten wie ihr Vater sein.

Zumindest dieser Teil der Gesamtgruppe machte Angaben im Fragebogen, welche prima vista als typisch jungenhaft eingeschätzt werden können und in der Tat beim Vergleich mit den Daten der Kinsey-Studie (Bell et al. 1981) den Angaben der dort befragten heterosexuellen Männern entsprechen - sie in einzelnen Fragen eher noch im Ausmaß dessen übertreffen, was als typisch für einen Jungen in den westlich orientierten Gesellschaften angesehen wird.

Zusammen mit den etwas sanfteren Knaben des Clusters C und den mehr wilden Jungen vom Cluster D machen diese Männer, welche sich allesamt im Rahmen des typischen Geschlechtsrollenverhaltens von männlichen Kindern bewegen, immerhin die Hälfte aller Responder aus.

Mit Hilfe des quantitativen Instruments sind somit Teilgruppen unter dem Aspekt des Geschlechtsrollenverhaltens in der Kindheit voneinander unterscheidbar geworden, die bereits im Methoden-Kapitel zusammengefaßten Unterschiede detailliert beschrieben wurden. Es ist sichtbar, welch starke Unterschiede zwischen Teilgruppen prähomosexueller Kinder existieren können, was die Notwendigkeit mit sich bringt, auch die weitere Entwicklung zum homosexuellen Mann differenzierter zu betrachten.

weiter zum Kapitel 4.2

Fußnoten zu Kap. 4.1

1. Da mehrere Antworten möglich waren, liegen die Prozentpunkte insgesamt über 100%
 

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