4.2      Interview: Der Einstieg

4.2.1      Vorbemerkung

Die Fragebogen-Umfrage diente in erster Linie dazu, Untergruppen mit verschieden starker Geschlechtsrollenkonformität herauszufiltern. Dies sollten die Fragen nach Eigenschaften, Spielverhalten, Geschlecht der Spielgefährten etc. ermöglichen.

Wie die Ergebnisse aus Kapitel 4.1 zeigen, war es realisierbar, verschiedene Gruppierungen von prähomosexuellen Kindern zu differenzieren, deren Verhalten und Vorlieben das gesamte Spektrum von Rollenkonformität bis zur Nonkonformität abdecken. Im zweiten Schritt sollte mit einem Leitfaden-Interview untersucht werden, wie sich die Gruppierungen - insbesondere jene beiden Untergruppen, die entweder 'typisch jungenhaft' (Cluster A) oder 'untypisch jungenhaft' (Cluster B) waren - in ihrem weiteren Weg hin zum homosexuellen Coming Out unterscheiden und welche Auswirkungen die (Non-)Konformität mit sich bringen kann.

Die folgende Darstellung konzentriert sich auf die zweiundzwanzig interviewten Männer aus den Clustern A und B. Die Interviews aus den Clustern C bis E finden nur in Ausnahmefällen Eingang in die Ergebnis-Darstellung, um die Klarheit der Unterschiede nicht zu beeinträchtigen. Ausnahmen werden dann gemacht, wenn sich die eine oder andere Aussage besonders gut zur Illustration der Unterschiede eignet, was gut möglich ist, da die drei 'vernachlässigten' Cluster Mischformen der beiden umfassend dargestellten Cluster sind. Sie unterscheiden sich also nicht prinzipiell, sondern vor allem im Ausmaß der (Non)Konformität(1) sowie einiger Einzel-Aspekte.

Die Darstellung der Ergebnisse qualitativer Forschung ist in den vergangenen 10 bis 15 Jahren zunehmend diskutiert worden, nachdem erkannt worden war, daß die Darstellung von Erkenntnis und Ergebnis ein substantieller Teil des Forschungsprozesses ist, in dem Konstruktion von Versionen der Wirklichkeit" (Flick 1985) stattfindet. Ein Forscher, der ein Interview auswertet und im Rahmen seiner Ergebnisdarstellung präsentiert, produziert eine neue Version, nachdem bereits der Interviewte selbst seine eigene Version konstruiert hat. Die Alternativen in der Darstellung reichen dabei von der Explikation einer mit Hilfe des Datenmaterials entwickelten Theorie bis zu den Tales of the field" der Ethnographie (v.Maanen 1988).

Die folgende Darstellung erhebt nicht den Anspruch, eine Theorie zu formulieren, möchte aber mehr als nur 'Geschichten' erzählen. Sie ist der Versuch, so verständlich wie möglich und so gut begründet wie nötig darzustellen, wie zwei Gruppen homosexueller Männer ihre psychosexuelle und psychosoziale Entwicklung vom kleinen Kind bis zum Erwachsenenalter beschreiben. Sie gliedert sich nach thematischen Schwerpunkten, bemüht sich aber trotzdem, die zweiundzwanzig individuellen Fälle mit ihrem ganz eigenen Erleben nicht zu verlieren. Aus diesem Grund wurden eine Vielzahl von wörtlichen Aussagen mit in den Text aufgenommen. Nicht, um als 'Beweis' für ein Ergebnis zu dienen - dies wäre auch mit noch so vielen Zitaten nicht möglich - sondern um hinter den zusammenfassenden Ergebnissen die Männer, deren Aussagen die Ergebnisse erst möglich machten, sichtbar werden zu lassen. Ein zudem erwünschter Nebeneffekt: Ergibt sich doch so für Leser und Leserinnen die Möglichkeit zum Verstehen des Forschungsgegenstandes, welches womöglich über das von mir Formulierte hinausgeht.

Dem Ziel, die Personen hinter den Ergebnissen sichtbar bleiben zu lassen, dient auch die Namensgebung. Eine Nennung der wirklichen Namen kam natürlich nicht in Frage, da Anonymität vereinbart war. So erhielt jeder Befragte einen neuen Vornamen, mit dem die Zitate gekennzeichnet sind. Auch die Namen erwähnter Dritter sowie Ortsangaben wurden verändert, um Anonymität sicherzustellen. Alle Namen und erwähnten Orte sind somit fiktiv, die erfundenen Namen werden aber durchgängig beibehalten. Auf diese Weise bleibt es leicht möglich, etwa die Aussagen eines 'Ernst' aus verschiedenen Kapiteln zu einem, wenn auch fragmentarischen, Gesamteindruck zu verknüpfen. Damit es nicht dabei bleibt, wurden im Kap. 4.6 umfassende Falldarstellungen aus allen fünf Clustern abgedruckt.

Für die Darstellung in Zitaten wurden die Aussagen meist in normales Schriftdeutsch übertragen, Satzbaufehler wurden z.T. behoben und sprachliche Verhunzungen bereinigt, denn eine gesprochene Sprache liest sich als geschriebene oft merkwürdig, undeutlich oder mit anderen Bedeutungen versehen als im Gespräch zu hören war"(Jugendwerk der Deutschen Shell 1982, S.12). Ziel war in erster Linie, die Lesbarkeit und Verstehbarkeit zu erleichtern. Bei einigen Zitaten wurden Kürzungen vorgenommen und als solche gekennzeichnet (...)", sofern sie nicht die Aussage veränderten bzw. fälschten, um unnötig lange Ausführungen zu vermeiden und das Wesentliche zu transportieren. In kursiv gedruckte Passagen bei den Zitaten sind Fragen bzw. Äußerungen des Interviewers.

Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt stets im Abgleich der beiden Cluster A und B. Zur Vereinfachung habe ich die Angehörigen beider Cluster mit einem schlagwortartigen und einprägsamen Namen versehen. Es handelt sich hierbei nicht um eine präzise Typologie, sondern um eine sprachliche Kurzbezeichnung, die stellvertretend für die Bezeichnung 'Männer des Clusters A' oder 'Männer des Clusters B' steht. Die prähomosexuellen Jungen, welche ein geschlechtsrollenkonformes Verhalten zeigen, nenne ich 'die harten Jungen', jene mit nonkonformem Verhalten 'die weichen Jungen'.

Unter 4.2.2 wird dargestellt, welches die frühesten Erinnerungen sind, die von den Befragten während des Interviews geschildert wurden, und diese auf mögliche Unterschiede zwischen den beiden Clustern hin untersucht.

Der erste Abschnitt von 4.3 (Kindheit) befaßt sich intensiv mit der Beschreibung des rollenspezifischen Verhaltens beider Gruppen in den Jahren bis zur Pubertät, geht aber gegenüber den Daten im Auswahl-Fragebogen darüber hinaus, weil er neben den reinen Fakten Gefühle, Haltungen und Einstellungen zum jeweiligen Verhalten mit Hilfe von Zitaten ergänzt. Gleichzeitig ermöglicht dieser Abschnitt eine intensive Betrachtung, wie sich das Geschlechtsrollenverhalten im subjektiven Grundgefühl der Befragten niederschlägt.

Die sozialen Beziehungen, vorrangig jene zu den Eltern und Geschwistern, anderen Verwandten und Bezugspersonen sowie jene zu Gleichaltrigen, Freunde und Freundinnen werden in Kap.4.3.2 beschrieben. Mit diesem Abschnitt verläßt die Darstellung mehr oder weniger den Themenbereich jener Fragen, welche bereits im Auswahl-Fragebogen enthalten waren, um ausführlicher die gesamte Lebenssituation der Befragten während der ersten zehn bis zwölf Lebensjahre zu erfassen.

In Kap.4.3.3 wird dann als abschließender Teil über die Kindheitserfahrungen die psychosexuelle Entwicklung bis zur Pubertät behandelt, wobei ein erotisches Interesse an Menschen des eigenen und des anderen Geschlechts wie auch konkrete sexuelle Erlebnisse vor der Pubertät geschildert werden.

Das Kapitel 4.4 (Jugend) umfaßt den anschließenden Zeitraum von der Pubertät bis zum Coming Out als homosexueller Mann. Zuerst wird dargestellt, welche Veränderungen es im Geschlechtsrollenverhalten und der Geschlechtsidentität im Zuge der Pubertät und Jugend, in den Kontakten zu Eltern und Peers sowie im Lebensgefühl gegeben hat.

Das anschließende Kapitel 4.4.2 beschreibt die sexuellen Erfahrungen in der Jugend, wobei neben dem allgemeinen Verhältnis zur Sexualität die heterosexuellen und homosexuellen Empfindungen und Beziehungen dargestellt werden.

In Kapitel 4.4.3 wird das Erleben und Verhalten im Zusammenhang mit dem eigenen Coming Out beschrieben, von der Lebensplanung als Jugendlicher bis zum Akzeptieren der eigenen Homosexualität sowie dem Coming Out gegenüber anderen. Mit diesem Abschnitt endet die detaillierte Darstellung aus Kindheit und Jugend.

Das Kapitel 4.5 (Erwachsenenalter) soll lediglich noch für die drei Bereiche Geschlechtsidentität, soziale Integration und feste Partnerschaften untersuchen, welche Unterschiede zwischen den beiden Clustern im heutigen Leben vorfindbar sind. Diese Darstellung ist jedoch vergleichsweise kurz und wenig ausdifferenziert, da das Erwachsenenalter nicht der Schwerpunkt dieser Arbeit ist.

Das letzte Ergebnis-Kapitel 4.6 (Dokumentation) enthält aus allen fünf Clustern Einzelfall-Darstellungen, um so im Zusammenhang an Beispielen die Entwicklung zweier 'harter Jungen' und zweier 'weicher Jungen' nachvollziehen zu können. Dort ist schließlich auch ein Vergleich mit je einem Beispiel aus den drei anderen Clustern möglich.
 
 

4.2.2      Früheste Erinnerungen

Die Frage nach den frühestens Erinnerungen leitete jedes Interview ein. Sie sollte dabei helfen, den Blick zurück in die Kindheit zu lenken, um sowohl die Erinnerung an die ersten 20 Lebensjahre anzuregen, als auch dem geplanten Interviewablauf von der frühen Kindheit bis zur Jugend einen geeigneten Ausgangspunkt zu bieten. Sie war bewußt sehr offen gestellt, um den Interviewten größtmögliche Freiheit bei der ersten Erinnerung zu lassen.

Den meisten Interviewten fielen nach kurzer Überlegung Ereignisse, Räume, Personen und die damit verbundenen Empfindungen aus den ersten Lebensjahren ein. Meist waren es Erinnerungen aus dem Kindergarten-Alter zwischen etwa drei und sechs Jahren. Die Ereignisse wurden teilweise äußerst lebendig, plastisch und mit allen damit verbundenen Gefühlen erzählt, was ein Hinweis darauf sein kann, daß es sich tatsächlich um eigene Erinnerungen und nicht - wie von einigen selbstkritisch angemerkt - um Ereignisse handelte, die von Eltern oder anderen Personen zu einem späteren Zeitpunkt den Interviewten berichtet wurden. Das Ziel, einen die Erinnerung stimulierenden Einstieg in das Interview zu finden, war so erreichbar. Unterschiede zwischen den beiden Clustern fallen jedoch nur ansatzweise in Bezug auf den Ort des Geschehens auf.

Inhalte und positive bzw. negative Bewertung der Ereignisse offenbaren wenig Unterschiede zwischen den Interviewten beider Cluster. Die Familie - Eltern und Geschwister - werden von beiden Gruppen fast immer erwähnt, in Einzelfällen auch Großeltern oder andere Verwandte.

Die frühesten Erinnerungen sind in beiden Gruppen häufig heftigste" bzw. schmerzhafte oder erschreckende Erlebnisse. Josef etwa erinnert, wie er mit drei Jahren hinzu kam, als soeben geschlachtete Hühner zerlegt wurden und meint, daß bis zu diesem Erlebnis die Welt eigentlich noch in Ordnung war. Bis dahin hatte er sich irgendwie geborgen gefühlt, und danach eigentlich nie mehr so." Valentin fiel wieder ein, daß er mit vier Jahren eines Morgens aufwachte und alleine war.

Ich hab fürchterlich rumkrakelt. Das war ganz furchtbar. Weil man ja irgendwie als kleines Kind ja doch ziemlich schutzbedürftig ist. Und ich hatte wirklich so das Gefühl, jetzt ist keiner da, und ich braucht doch jetzt jemanden. Also, von wegen Angst vor Alleingelassen oder Im-Stich-gelassen worden zu sein. Daß keiner mir was gesagt hat, daß niemand da ist. (Valentin)
Für Peter haben die frühesten Erinnerungen, die er hat, alle irgendwie so mit Unfällen und sowas zu tun." Auch Anton erzählt, wie er beim Rutschen auf dem Treppengeländer ganz doll gefallen bin und ins Krankenhaus mußte und Gehirnerschütterung hatte." Conrad erinnert einen Unfall im Fahrstuhl mit 3 ½ Jahren, von dem er jetzt noch eine Narbe zurückbehalten hat.
Und da wollten wir bis in den obersten Stock fahren, und dann hab ich halt meine kleine Patsche-Hand da so rein ... und dann fuhr der los, weil oben einer gedrückt hat, und wir haben da nicht drauf geachtet. Meine Schwester hatte das aber noch rechtzeitig bemerkt einigermaßen, ich kriegte die aber während der Fahrt dann nicht raus, die schrabbte da an den Wänden und Kacheln und was weiß ich entlang. (...) Und dann haben die das im Krankenhaus zusammengeflickt, und die sagten, noch zwei Etagen weiter, wär es wohl ab gewesen. (Conrad)
So berichten die Männer von einer größeren Zahl heftiger" Vorfälle, die sie womöglich deshalb gut erinnern, weil diese in späteren Jahren immer mal wieder Thema in der Familie waren. Allerdings halten sich positive und negative Erinnerungen die Waage, so daß bei beiden Clustern auch eine Reihe angenehmer oder sehr schöner Ereignisse bzw. Phänomene beschrieben werden. Etwa, wenn Ernst bei einer Reise zum ersten Mal Schnee sieht, oder Volker mit der Großmutter Kuchen bäckt.
Ich war viel bei meinen Großeltern, weil meine Mutter halbtags gearbeitet hat. Da seh' ich son paar Szenen, aber da war ich sehr klein. In der Küche sitzen und sowas... Also nichts Großartiges! Meine Großmutter hat sich viel mit uns beschäftigt, mit meiner Schwester und mir, und irgendwie in der Küche backen, z.B. Hefekuchen. Wir ham dann jeder n Teig gekriegt und haben alle was gebacken, also ham Figuren geformt aus dem Teigkloß, den wir bekommen haben. Sowas. (Volker)
Wie anhand der Zitate bereits sichtbar wird, sind Orte des Geschehens häufig die Wohnung von Eltern (bzw. Großeltern) oder das nähere Umfeld, sehr viel mehr jedoch bei den 'weichen Jungen' Volker, Josef und Valentin. In diesem Punkt sind Unterschiede zwischen den Clustern deutlich feststellbar. Lediglich zwei Männer aus Cluster A ('harte Jungen') erwähnen die elterliche Wohnung oder sprechen von zuhause, während sieben von dreizehn aus Cluster B ('weiche Jungen') Erinnerungen an die Wohnung ihrer Kindheit, Teile der Wohnung und den Garten des Hauses äußern. Sie erinnern ihr Kinderbett, den Teppich im Wohnzimmer und die Küche, den Balkon, die Küche der Großeltern, das Treppenhaus usw.

Das meiste, was die 'harten Jungen' beschreiben, findet außerhalb der Wohnung statt: im Kindergarten, auf dem Spielplatz, in den Ferien, in einem fremden Hochhaus. Sie erzählen vom Schneehöhlenbauen, Dreiradfahren in der Nachbarschaft, vom Abschied des Vaters in den Ferien, vom Kindergarten.

Mit dieser Ausnahme ergeben die frühesten Erinnerungen wenig unmittelbar erkennbare Unterschiede auf der Ebene der Inhalte, der beteiligten Personen und der Bewertung. Beachtlich bleibt allerdings, wie es den Interviewten überwiegend gelungen ist, ohne Vorbereitung auf diese spezifische Frage Vorfälle und Empfindungen aus recht frühen Jahren zu erinnern. Gerade die geäußerten Einschränkungen sprechen dafür, daß die Interviewten ernsthaft bemüht waren, frühe Bilder, Gefühle und Ereignisse aus ihrer eigenen Erinnerung 'hervorzukramen', etwa, wenn sie sagen: Ich weiß es gar nicht mehr so genau" oder Verschwommen erinnere ich mich an das Haus, wo wir gewohnt haben, als ich so drei oder vier Jahre alt war. (...) Die ersten Personen, an die ich mich wirklich erinnere, kann ich jetzt nicht so schnell sagen".

Insofern hat die Eingangsfrage ihren Hauptzweck erfüllt, die Interviewten gedanklich zurück in ihre frühe Kindheit zu führen.
 

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Fußnoten zu Kap. 4.2

1. Eine kurze Charakterisierung aller fünf Cluster befindet sich in Kap. 3.8.3.
 

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