4.3      Interview: Kindheit

4.3.1      Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität

Das Spiel liefert einen wichtigen Beitrag zur sozialen und kognitiven Entwicklung des Kindes. Es lernt Regeln und Rollen, übt sprachliche Verständigung und lernt soziales Verhalten (Schmidt-Denter & Zierau 1995). Spiele helfen Kindern, ganz verschiedenartige Aktivitäten einzuüben und neue Situationen zu meistern. Sportliche Betätigungen vermitteln einen Bezug zum eigenen Körper, spielerische Kämpfe können der Sozialisation und Aggressionskontrolle dienen (Gamber 1989). Somit bietet das kindliche Spiel einen guten Zugang dazu, wie die Befragten als Kind ihre Umwelt erlebten und welche Wege sie einschlugen, um sich die Welt zu erschließen.

Das gemeinschaftliche Spiel schafft Gelegenheit, Kontakte zu finden und Konfliktbewältigung zu lernen, birgt allerdings auch das Risiko von Ausgrenzung und der Herausbildung von einzelnen Kindern als Opfer von Gruppen (Schwartz, Dodge & Coie 1993). Im Spielen und der Wahl der Partner bzw. Partnerinnen sind folglich auch Elemente der sozialen Einbindung zu entdecken.

Spiele reflektieren, wie Kinder ihre Umwelt wahrnehmen, sie ahmen die Lebenswelt der großen nach und übernehmen damit frühzeitig ein Rollenverhalten. Bereits Dreijährige können Angaben über typische Merkmale weiblicher und männlicher Personen machen (Alfermann 1995), in diesem Alter 'wissen' Kinder, welchem Geschlecht sie angehören und sie nehmen Männer und Frauen als unterschiedlich wahr (Kasten 1996). Geschlechtsspezifisches Spielverhalten unterscheidet sich u.a. in der Dynamik, den Spielorten, der Auswahl der Spielgefährten (Maccoby 1990) und 'Aggress' (Seidmann 1966), wobei eine Vielfalt von Einflußfaktoren nachgewiesen werden konnten, welche die Polarisierung stützen (Kasten, a.a.O.). Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte sind dabei nur geringe Veränderungen feststellbar (Sandberg & Meyer-Bahlburg 1994).

Damit sind die vielfältigen Bereiche angesprochen, welche über Fragen nach Spiel und Sport, dem Umgang mit Konflikten sowie nach Spielgefährten thematisiert werden sollten. Über allem stand die Frage, wie die Männer mit ihrem 'Junge-sein' damals umgingen, wie stark oder weniger stark sie in ihren ersten zehn bis zwölf Lebensjahren einem Bild entsprachen, welches von der sozialen Umwelt wie auch den Medien als 'normal', 'typisch' oder 'üblich' für Jungen angesehen und beschrieben wurde?
 

Spiel und Sport

Spielverhalten und Verhältnis zum Sport werden als wesentliche Indikatoren für das Geschlechtsrollenverhalten angesehen, weshalb sie auch in der vorliegenden Untersuchung als zentral für die Cluster-Differenzierung eingesetzt wurden (s. Kap. 4.1.2). Insofern geht es in diesem Kapitel um dieselben oder ähnliche Variablen, welche bereits im Auswahl-Fragebogen abgefragt wurden. Im Interview konnten die Variablen jedoch viel umfassender und differenzierter behandelt werden, zudem konnten die Interviewpartner sehr ausführlich ihre Einstellungen, Empfindungen und Verhaltensweisen darstellen. Es war ihnen zudem möglich, Zusammenhänge zwischen ihrem Verhalten und jenen Umständen herzustellen, welche das Verhalten mitbestimmt haben mögen.

Im folgenden Kapitel können somit viel genauer die Cluster, die mit Hilfe des Auswahlfragebogens gebildet wurden, auf Unterschiede im Spielverhalten überprüft und die tatsächlichen Unterschiede zwischen den beiden Clustern dargestellt werden. Es bildet damit die Grundlage der weiteren Beschreibung zweier verschiedener Gruppen prähomosexueller Kinder/Jugendlicher. Es geht darum, was gern gespielte wurde, welches die bevorzugten Orte des Spielens waren und mit wem in der Regel gespielt wurde.

Im Fragebogen konnten die Befragten lediglich vorgegebene Spiele ankreuzen und Vorlieben für jungen- oder mädchentypisches Spiel quantifizieren. Im Interview war mit der offenen Frage nach den Lieblingsspielen ein weites Feld aufgetan, welches frei gestaltet werden konnte. Zum einen beschrieben die Männer so viel prägnanter und lebendiger ihr kindliches Spiel, zum anderen wurden bereits hier Zusammenhänge und übergeordnete Kategorien sichtbar. Und drittens wird plastischer, welche Wahrnehmung der Umwelt sich hinter dem Geschlechtsrollen(non)konformen Verhalten und den jeweiligen Vorlieben verbirgt.
 

-  Spielräume

'Draußen' ist ein zentraler Begriff, der mit den Spielen und Interessen der 'harten Jungen' eng verbunden ist. Draußen sein, draußen spielen - ihr Aktionsradius für Spiele ist sehr weit gesteckt. Die 'weichen Jungen' spielen eher drinnen, 'zuhause' in der Geborgenheit der (elterlichen) Wohnung.

'Draußen' als Raum der Jungen und 'drinnen' als Raum der Mädchen wird in der Literatur vielfach thematisiert. Maccoby (1990) faßte die Erkenntnisse diverser Studien so zusammen: "Boys more often play in the streets and other public places, girls more often congregate in private homes oder yards" (S.516). Nach Schredl & Palmer (1998) spiegelt sich dies auch in den Träumen wider, wie bei den Erwachsenen befinde sich das Traumsetting von Jungen eher außerhalb geschlossener Räume, bei Mädchen wie auch Frauen eher drinnen. Alfermann (1995) bringt das dominante und aggressive Spielverhalten vieler Jungen in einen Zusammenhang mit den 'Spielräumen', dieses Spielverhalten würde eine "Raumerweiterung der Jungen" und eine "Raumeinengung der Mädchen" bewirken. Über prähomosexuelle Jungen hatten Bieber et al. (1962) als Ergebnis ihrer Umfrage festgestellt, sie würden stärker als heterosexuelle Jungen am Schürzenzipfel der Mutter hängen und sich nicht aus der Sicherheit des Hauses wagen.

Im Interview tritt der bereits bei der einleitenden Frage nach der frühesten Erinnerung markante Unterschied zwischen beiden Clustern in den Spielräumen sehr deutlich zutage. Insofern ist es wahrscheinlich kein Zufall, daß die Männer des Clusters A sich seltener an Situationen oder Ereignisse innerhalb der Wohnung erinnerten. Sie erwähnen bei der Frage nach den Lieblingsspielen alle, als Kind am liebsten außerhalb des Hauses, auf der Straße, auf Wiesen und im Wald gespielt zu haben. Die Wohnung der Eltern bzw. das Haus, in dem die Männer als Kinder lebten, selbst der elterliche Garten wird als Spielraum wesentlich seltener genannt als alles, was weiter 'draußen' ist. Sie grenzen sich eher ab davon, drinnen gespielt zu haben, keine "Stubenhocker" gewesen zu sein. Die Betonung, gern und häufig draußen gespielt zu haben, wird oft unmittelbar bzw. auf Nachfrage ergänzt um die Aussage, drinnen habe der Interviewte selten oder gar nicht gespielt.

... ich war immer gerne draußen und mit andern zusammen unterwegs, das war auch gut. (...) Ich war eigentlich gewohnt, immer in Action zu sein, ne. Also eher unternehmenslustig so. Also nicht so ein Stubenhocker und .. lieber draußen, mit anderen, und Fußball spielen, aktiv, als drinnen sitzen und so für sich rumpröddeln. Oder Poesie-Album machen oder so. (Micha)
Die Orientierung nach draußen, außerhalb der Wohnung, wird nicht nur explizit erwähnt, sondern durchdringt meist die Schilderung der bevorzugten Spiele, die entweder nur draußen oder zumindest dort besonders gut gespielt werden können. 'Draußen' beinhaltet auch einen sehr weiten Aktionsradius für Spiele, die mit Entdecken, Erkunden und Erobern zu tun haben: eben nicht nur Hof und Garten, sondern Felder, "das kleine Wäldchen" oder der Strand, die zu spannenden Entdeckungsfahrten einluden. Ihre Begeisterung, das weite Umfeld der heimischen Wohnung zu erkunden, ist spürbar in den Schilderungen ihrer Spiele.

Einzelne liefern explizit eine Begründung für diesen Drang nach draußen, für andere scheint es ohne Begründung klar, daß sie ihre liebsten Spiele nur außerhalb der Wohnung verwirklichen konnten. Sie suchten Freiräume vor Müttern, welche es nach ihrer Auffassung mit der Betreuung übertrieben, wollten sich unkontrolliert ausleben und austoben. Draußen hatte so auch etwas mit Selbständigkeit und Eigenkontrolle zu tun.

Ich denke, das fängt dann irgendwann auch an, man möchte sein Ding machen. Man möchte raus, man will nicht mehr kontrolliert werden. So diese .. ich hatte ein großes Bedürfnis, nicht mehr unter Kontrolle zu stehen. (Jürgen)
Etwas Ähnliches beschreibt Düring (1993) für die von ihr befragten 'wilden Mädchen'. Sie beschreibt eine Assoziationskette von Draußen, Freisein, Unbehelligtsein, die bei allen diesen Frauen in der Kindheit anzutreffen war. "Sie wollten vor allem der Kontrolle der Mutter entkommen und als eigenständige Person wahrgenommen werden" (S.67) In Bezug auf Jungen vermutet Schenk (1991) jedoch noch etwas anderes. Er meint, sie hielten es zuhause nicht aus, würden fliehen, weil es dort keinen Raum gäbe, "der wirklich der eigene wäre"(S.110). Benard & Schlaffer (1995) vermuten Ähnliches und zitieren Pitcher & Schultz: "Mit fünf Jahren haben die Jungen erkannt, daß es für sie im häuslichen Spiel keine befriedigende Rolle gibt. (...) Sie rechnen bereits damit, hinausgeworfen zu werden"(S.189).

Die 'weichen Jungen' betonen demgegenüber in ihrer Mehrzahl, daß sie gerne drinnen spielten und sich dort sehr wohl fühlten. Sie benutzen zwar nicht alle den Begriff "drinnen", aber die spontan geschilderten Lieblingsspiele bzw. Spielräume haben meist mit der Wohnung oder dem Haus zu tun. Zuhause war es "am wohlsten, am wärmsten", dort regnete es nicht; draußen war es kühler, dreckiger und irgendwie "alles unbequem". Die heimische Wohnung hatte offenbar eine starke Anziehungskraft, der sich ein großer Teil der 'weichen Jungen' nicht entziehen konnte oder wollte.

... weil ich eher son sehr häuslicher Typ war und immer lieber zuhause blieb und so und denn immer so rauskomplementiert wurde, nu geh mal raus! (...) Ich bin nie jemand gewesen, zu keiner Zeit, den es immer magisch raus gezogen hat. Nie. Selbst im Sommer konnt ich gut irgendwo drinnen sein, irgendwo liegen und lesen oder was weiß ich. (Veit)
Dies geht soweit, daß einzelne Männer sogar Spiele, die viele Kinder draußen spielen, wie Rollschuhlaufen, lieber im Hausflur oder im Keller spielten. Zuhause waren zudem die Eltern, die Familie. So war das Spielen drinnen beschützter, behüteter, zwar unter Kontrolle von Mutter und Vater, aber gleichzeitig sicherer. Einige erwähnen in diesem Zusammenhang ihre eigene Angst oder die ihrer Mutter vor Orten außerhalb der elterlichen Wohnung, welche sie davon zurückhielt, draußen zu spielen.

Bei den Begründungen oder Bemerkungen zu dem bevorzugten Ort des Spielens finden sich mehrere Hinweise, die in ähnliche Richtungen deuten wie die selbstzugeschriebenen Eigenschaften ängstlich, empfindlich, leicht verletzbar, schüchtern (s.o.). Dieses Selbstempfinden oder auch die durch Eltern vermittelte Einschätzung könnte eine wesentliche Grundlage dafür sein, daß die 'weichen Jungen' lieber drinnen spielten.

Lediglich drei der dreizehn interviewten Männer aus Cluster B sagen von sich, gerne draußen oder sogar lieber draußen gespielt zu haben. Sie sprechen wie die 'harten Jungen' von der Lust am Erkunden und Entdecken. Doch selbst bei diesen Männern taucht unmittelbar wieder das Spielen im Hause auf, wenn etwa Volker nach seinen Erzählungen von Streifzügen "durch die Feldmark" meint:

Wir haben 'n Garten gehabt und meine Mutter hat mich denn oft raus geschickt, damit ich nicht so lang da im Haus rum hocke und so. (Volker)


-  Spieldynamik

In den Schilderungen der 'harten Jungen' dominiert Bewegung, lebhaftes Ausagieren. Sie alle erzählen von dynamischen Spielen mit dem Ball, Herumtoben und manchem spielerischen Raufen. Von den 'weichen Jungen' entsteht ein Bild, welches mehr von Ruhe, stillem und friedfertigen Spiel, sitzender Tätigkeit und behudsamem Beobachten geprägt ist.

Schmerbitz u. Seidensticker (1995) beobachteten im koedukativen Sportunterricht, daß die Jungen bereits vor Beginn der Stunde mit herumliegenden Bällen spielten, ständig in Bewegung waren, sich aktiv und initiativ verhielten. Bei der Befragung von 9 bis 13jährigen Schülern und Schülerinnen waren dementsprechend Ball- und Laufspiele die Lieblingsaktivität der Jungen während der Pause. Dies muß nicht nur mit einem Bewegungsdrang zusammenhängen, merkt Schmauch (1994) an. Erwachsene würden bei Jungen "stolz die Beweglichkeit und Wildheit" genießen und sie ihre Enttäuschung spüren lassen, wenn sie diese als lahm oder brav empfinden würden, also ein dynamisches Verhalten fördern. Zugleich diene die Beweglichkeit als Gefühlsabwehr. Ein dreijähriger Junge, den sie beruhigend festhalten wollte, weil er wie gehetzt durch den Raum lief, sagte zu Schmauch: "Aber dann merk ich doch, daß ich traurig bin"(S.13).

Bei den 'harten Jungen' finden sich viele Merkmale von großer Dynamik. Toben, herumlaufen, Fußballspielen, Eishockey sind einzelne Beispiele dafür, sogar Spiele, welche an einem Ort gespielt werden, enthalten häufig sehr dynamische Elemente wie etwa Sägen und Hämmern. Da wurde "rumgerannt", "gekloppt", sie waren "einfach unheimlich viel auf der Straße unterwegs". Immer wieder taucht der Begriff "toben" auf, es wird "durch die Gegend getobt", "rumgetobt" - schon die Wortwahl vermittelt einen plastischen Eindruck von dem Spaß am körperlichen Ausagieren, dem Aktivsein, der Freude an der körperlichen Bewegung.

Ich war halt unbeschwert, habe halt .. nach der Schule ging's raus und dann .. aktiv ... und abends dann verschwitzt nach Hause kommen. Das war eigentlich so .... das war Spaß und Freude. (Rainer)
Ruhige, besinnliche Spiele waren bei ihnen eher selten, und sogar diese hingen teilweise mit ihrem Interesse an Bewegung zusammen, wenn etwa einer sorgfältig Bilder von Fußball-Mannschaften sammelte und einklebte.

Manchmal wird durchaus sichtbar, daß die Beweglichkeit der 'harten Jungen' nicht nur das Ausagieren eines Bedürfnisses nach Aktivität ist, so wie es Schmauch vermutet hat. Hinter der "Action" wird bei manchem durchaus ein Mangel sichtbar, Ruhe und Entspannung genießen zu können, auch wenn dies nur versteckt hinter der Bemerkung "wenn ich nichts zu tun hatte, dann fand ich das schon doof" zugestanden wird.

Bei den 'weichen Jungen' herrscht eine geringere Dynamik und das ruhigere Spiel vor, wenngleich es schwerer fällt, dies explizit erwähnt zu finden. Nur einer sagt sehr deutlich "Ich war nicht so auf Sport und Bewegung aus oder so. Diese Rennereien und Keilereien, da war ich eher ruhiger in der Hinsicht." Bei den anderen schwingt diese Information vielmehr mit, wenn sie von ihren Spielen erzählen, sie ist auch und gerade darin enthalten, daß sie im Gegensatz zu den 'harten Jungen' eben nicht vom Spaß am Toben, laufen und an der Bewegung erzählen. Sie erzählen über Spiele wie Malen, Schallplatten hören, Lego, Fernsehen, Lesen und Tagträumen. Die meisten genannten Tätigkeiten erfordern (und ermöglichen) kaum Bewegung.

... und sehr früh sehr gern ferngesehen, eigentlich im Grunde nachhinein mehr als mir gut tat, das weiß ich. Und ich hab sehr viel gelesen, wirklich, also, eher wirklich son Bücherwurm. Da ist wirklich sehr viel Zeit reingegangen. (Veit)
Einzelne Männer berichten von mehr Mobilität, Radfahren oder Ballspielen, doch bleiben dies Ausnahmen. Zudem sind es Spiele, die im Vergleich mit jenen der 'harten Jungen' weniger Dynamik und weniger "Toben" beinhalten: Prellball statt Fußball, Radfahren statt Seifenkisten-Rennen, "herum streifen" statt "herum toben". Und wenn anfänglich ein Umherstreifen in der Natur als verstärkte Mobilität verstanden werden kann, zeigt sich bei genauerer Betrachtung, daß sogar hierbei nicht die Bewegung das entscheidende Element ist, sondern ruhigere Tätigkeiten wie Tiere beobachten".
Ich hab Tiere so gerne gemocht und hab da irgendwelche Tiere mal sehen können. Und wenn's mal n Frosch ist oder so. Einfach.... Das war's eigentlich so: Tiere beobachten. (Volker)


-  Jungenspiele

Die Freude an ausgelassenem Spiel spiegelt sich wieder in den Lieblingsspielen der 'harten Jungen': jede Art von schnellem Ballspiel, insbesondere Fußball, Cowboy und Indianer, Eishockey. Es überwiegen eindeutig die typischen Jungenspiele. Die 'weichen Jungen' drücken gerade gegenüber Fußball und anderen kämpferischen Spielen ihre Abneigung, manchmal sogar Haß aus. Weniger aggressive Jungenspiele spielten auch sie z.T. gern.

Kasten (1994) faßt Ergebnisse zu geschlechtsspezifischen Spielzeugbevorzugungen dahingehend zusammen, daß sie schon in einem Alter vorkommen, in dem viele Kinder zwar ihres Geschlechts bewußt, seiner Kontinuität jedoch nicht sicher sind. Bereits zweijährige Kinder würden in hohem Maße bestimmte, 'typische' Spielzeuge (etwa Traktor bzw. Puppe) bevorzugen. Spätestens im Grundschulalter würde sich diese Vorliebe verfestigt haben. So wünschten sich siebenjährige Jungen in Briefen an den Weihnachtsmann gleichviel traditionell maskuline wie neutrale, aber selten feminine Spielsachen, die Mädchen meist neutrale, dann feminine und selten maskuline (Douns 1983). Sack (1989) begründet diese Wahl der Jungen mit dem Wunsch nach dynamischen Spielen, in denen sie ihren Bewegungsdrang mit Wettstreit, Leistung und Risiko verbinden können. Für prähomosexuelle hingegen fanden bisherige Studien fast ausschließlich eine Abneigung gegen jungentypische Spiele und Spielzeug (u.a. Bell, Weinberg & Hammersmith 1981, Grellert, Newcomb & Bentler 1982).

Fast ohne Ausnahme berichten die 'harten Jungen' vom Fußballspiel in ihrer Kindheit, ein Spiel, welches in Deutschland sicherlich mit zu dem harten Kern der jungentypischen Spiele gezählt werden kann. Nicht für alle war es ihr Lieblingsspiel, einzelne spielten nur mit, weil es die anderen so gern spielten, aber für viele war Fußball jenes Spiel, welches ganz oben auf der Liste der Lieblingsspiele stand, und für das jede Gelegenheit zum Üben und Spielen genutzt wurde, egal, ob allein, zu zweit, mit Jungen oder mit Mädchen.

Ich muß einfach Fußball spielen. (Rainer)
Ja, wir haben viel Fußball gespielt, viel Fußball gespielt. (...) Wir ham fast jeden Nachmittag Fußball gespielt - wenn wir uns nicht grad mit irgendwelchen Banden rumgeprügelt haben. (Micha)
Weiterhin werden von ihnen eine Vielzahl von Spielen genannt, welche ebenfalls als typisch für Jungen angesehen werden: Höhlenbauen im Wald, Soldat- oder Indianerspiele, Autos, Abenteuerspiele, Schneeballschlachten, Bandenkriege und spielerisches Raufen. Gerade letzeres ist eines der wesentlichen Merkmale, welches nach Auffassung vieler Autoren geeignet ist, jungen- und mädchen-typisches Spiel zu unterscheiden (Finegan et al.1991, Maccoby 1990, Henschel 1993) oder das Spiel prähomosexueller Kinder von dem präheterosexueller (McConaghy & Zamir 1995, Friedman & Stern 1980). Die Männer aus Cluster A halten hier mit der Darstellung heterosexueller Jungen durchaus mit.
Ich habe Fußball gespielt und gekloppt, sehr viel gekloppt mit anderen. (...) Ich würde erst mal sagen, ich habe mich viel geprügelt. Ich habe mich keiner Schlägerei damals, würde ich sagen so, entzogen. Also in den jungen Jahren, ne. (Ernst)
Ein Mann aus Cluster A beschreibt Spiele, die eher als mädchentypisch angesehen werden: Verkleiden (auch als Frau), Familie spielen, Spiel mit einer Puppe. Doch dies ist eher eine Ausnahme von dem geschilderten Bild.

Umgekehrt gibt es bei einzelnen 'weichen Jungen' durchaus das eine oder andere Spiel, welches als typisch für Jungen angesehen werden könnte: auf Bäume klettern, Schiffe bauen und fahren lassen, Matchbox-Autos oder Technik-Baukästen. Insgesamt ist aber ein Desinteresse oder eine Ablehnung typischer Jungenspiele vorherrschend. Insbesondere die wilderen, rauheren, wurden von den meisten Männern dieses Clusters während ihrer Kindheit gemieden. Fußball wird ohne Ausnahme als äußerst unbeliebtes Spiel benannt, in den Schilderungen wird geradezu eine heftige Aversion spürbar.

Ich weiß, daß ich typische Jungenspiele nie besonders gern gemacht habe. Ich habe es gehaßt, Fußball zu spielen. (Torge)
Dieses Spiel - oder überhaupt viele der Jungenspiele - wird als zu "aggressiv", zu "rauh" bezeichnet, und "die rauheren Rollen" waren nicht das, was diese Männer mochten. Wenn es wild wurde, wenn die Jungen miteinander tobten, fühlten sich viele der 'weichen Jungen' unwohl bzw. gingen diesem Spiel aus dem Weg.
Und auch so Cowboy und Indianer-Spiele, das hatte immer irgendwas so mit ... ja, da mußte man aggressiv sein und ... das war ich einfach nicht.! Und deshalb konnte ich es nicht. Und wollte das auch nicht! Und habe mich dann eben den anderen Sachen zugewandt. (Frank)
Andere typische Jungenspiele und Jungenspielzeug werden oft als uninteressant oder langweilig beschrieben, mit dem sie "überhaupt nichts anfangen" konnten. Sie erzählen davon, wie sie Spielzeug bekamen aus dem Wunsch heraus, "daß ein Junge ein Jungen-Spielzeug bekommt", ihnen dies jedoch keinen Spaß gebracht habe. Folglich ließen sie es links liegen.

Manche Männer nahmen ihr fehlendes Interesse an "Jungenspielzeug" durchaus als unterschiedlich wahr und betonen den Gegensatz zu anderen Jungen, seien es Brüder oder Kinder aus ihrer Umgebung. Dieser Unterschied scheint ihnen aber nicht unangenehm oder peinlich gewesen zu sein, es war eine schlichte Tatsache, die sie erinnern, so wie sie die Vorliebe, zuhause zu spielen, in keiner Weise negativ darstellen. Sie waren eben so.

Fußballspielen, das ham meine Cousins total gern gemacht und das hab ich gehaßt! Und die mochten denn auch gerne Cowboy und Indianer spielen, sprich irgendwie so durch die Gebüsche und so zu ziehen, und das hat mir auch keinen Spaß gemacht. (Valentin)


-  Mädchenspiele

Bei den weichen Jungen überwiegt das Interesse an jenem Spielzeug, welches entweder als von Jungen und Mädchen gleichermaßen gespieltes (geschlechtsneutral) oder als mädchentypisch charakterisiert werden kann. Bei den 'harten Jungen' treffen die mädchentypischen Spiele auf geringe Begeisterung, eher schon die neutralen Tätigkeiten.

Grellert, Newcomb & Bentler (1982) fanden in ihrer Studie signifikant große Unterschiede im Spielverhalten männlicher und weiblicher Heterosexueller sowie zwischen männlichen Homosexuellen und Heterosexuellen. Die präheterosexuellen Jungen zeigten mit zunehmendem Alter immer weniger Interesse an Mädchenspielen, während sich dieses Interesse bei den prähomosexuellen Jungen weiterhin halten würde. Gerade die Beteiligung an 'femininen' Spielen in der Kindheit würde stark zwischen den homosexuellen und heterosexuellen Männern differieren. Nach Benard & Schlaffer (1995) hängt dies stark mit dem jeweiligen Spielverhalten zusammen. Ein Junge, der sich am Spiel der Mädchen beteiligen wolle, müsse sich meist mit einer passiven Rolle zufriedengeben, worauf die meisten Jungen mit Rückzug oder Übermut reagieren würden.

Von den Männern des Clusters A wurden im Interview kaum Mädchenspiele angeführt. Nur ganz vereinzelt beschreiben Männer Spiele, die eher als mädchentypisch angesehen werden könnten: Verkleiden (auch als Frau), Kochen, Familie spielen, Spiel mit einer Puppe.

Einer zählte Gummitwist zu einer seiner Lieblingsbeschäftigungen und lernte bei seiner Großmutter backen und kochen, ein anderer spielte gern mit der Puppenküche seiner Schwester. Einen Widerspruch zum großen Spaß an Jungenspielen muß man dahinter nicht notwendig vermuten, beide waren als Kind ziemlich "wilde Feger". Bei Ernst etwa ist das Interesse für die Puppenküche eher ein frühes Signal für sein berufliches Interesse - er arbeitet heute als Koch in einem Restaurant. Es ist dieses Interesse am Kochen und Lebensmittel verarbeiten, welches ihn frühzeitig in Puppen-Gefilde geraten ließ. Er spielte, wie er betont, "Küche .. nicht Puppen-Küche".

So mit der Puppen-Küche, da hab ich gerne gespielt. So wo man irgendwie was machen konnte und Schubladen aufmachen konnte und irgendwas raus holen konnte, im Topf rühren konnte und, vor allem das Essen, was immer dabei war. Das hab ich gerne gemacht. Da hab ich dann Küche gespielt, nicht Puppenküche sozusagen. (Ernst)
Nur ein 'harter Junge' berichtet mit verlegenem Lächeln über einen Weihnachtswunsch, der für einen Jungen ungewöhnlich war: er wünschte sich mit sieben oder acht Jahren eine Puppe. Er erinnert sich weder, wieso er diesen Wunsch hatte, noch, was er mit dieser Puppe gespielt hat. Gut im Gedächnis ist ihm aber die Reaktion seines Bruders.
Der hat mich ausgelacht. Aber nicht übertrieben, glaube ich. Das war irgendwie komisch. Weil ich habe schon gespürt, daß das ein ... unnormales Geschenk war, oder daß das schon ein bißchen merkwürdig war. (Christian)
Es hat aber den Anschein, als wäre es den Männern aus Cluster A wichtig, selbst diese für sie ungewöhnlichen Spiele zu nennen, denn sie bilden im Vergleich zu den jungentypischen Spielen die Ausnahme. Eher noch erwähnen sie Spiele, die allgemein keinem Geschlecht zugeordnet werden: Lego, Zeichnen, Brett- oder Denkspiele ('Stadt, Land, Fluß' u.ä.). Im Vergleich mit der heftigen Abneigung der 'weichen Jungen' gegen typische Jungenspiele scheint bei den 'harten Jungen' jedenfalls mehr ein Desinteresse und wenig Spaß an 'Mädchenspielen' vorzuherrschen.

Bei den 'weichen Jungen' ist das Interesse an diesen Spielen jedoch erheblich größer. Wenn auch im Auswahl-Fragebogen nur etwa ein Viertel der Probanden aus Cluster B Puppenspielen als eines ihrer Lieblingsspiele angekreuzt hatte, berichten doch die Männer dieses Clusters im Interview sehr häufig vom Spiel mit Puppen - ein Spiel, welches vergleichbar dem Fußball in unserer Gesellschaft sehr eindeutig einem Geschlecht zugeordnet wird.

Ich hatte wirklich Interesse an Mädchen-Spielzeug. Also Puppen fand ich dann auch toll. Also das, was meine Schwester hatte, fand ich auch toll. Irgendwann haben wir angefangen zu zeichnen beide. Mal-Bücher, zeichnen, und dann haben wir um die Wette, ich weiß nicht, ob du diese Anzieh-Puppen kennst, ausgeschnitten und ganz viele Kleider gezeichnet. (Albert)
Im Extremfall bestand das gesamte Repertoire an Lieblings-Beschäftigungen aus derartigen 'weiblicheren' Spielen. Dieser Begriff oder auch Begriffe wie die weichen Sachen" wird von manchen der Männer aus Cluster B benutzt, um ihr Spielverhalten zu kategorisieren. Neben dem Puppenspiel sind dies Verkleiden, Geschichten oder Märchen hören bzw. lesen, malen/zeichnen, Kinderküche, Vater-Mutter-Kind, Basteln, Lego, Fernsehen, Kartenspiele, Musik hören oder machen, Kasperletheater usw.

"Koch-Geschichten", backen und "Kinderpflege", die weiblichem Rollenverhalten entsprechen, gehören wie selbstverständlich dazu. Da verwundert es nicht, wenn ein Mann von den "anderen Mädchen" spricht, als er seine liebsten Freizeitbeschäftigungen aus der Kindheit beschreibt.

Eigentlich immer so im Verbund mit andern Mädchen oder auch natürlich teilweise Jungen, daß wir so Familie gespielt haben und diese üblichen Spielchen. Daß ich eigentlich überwiegend auch mit Mädchen gespielt habe, so Koch-Geschichten, Backstube, was da alles so reinkam, Kinderpflege usw. (Jan)
Selten grenzt sich ein 'weicher Junge' von Mädchenspielen ab, und es sind dabei keineswegs die 'jungenhafteren' unter den Männern aus Cluster B, die dies ausnahmsweise tun. Die stärkste Abgrenzung kommt von einem Mann, der sich selbst als feminin beschreibt, sich aber kaum etwas aus Puppenspiel oder Verkleiden machte.
Was mir Spaß gemacht hatte, war so dieses Basteln und all diese Sachen... geschlechtsneutral. Puppen, ja, ich hab auch mit meiner Schwester Barbie-Puppen mal gespielt und sowas, aber das war nicht das Größte unbedingt. Aber ich hab's schon gerne gemacht, also lieber jetzt als Bolzen oder sowas. (Volker)
Eher spielte er mit seinem besten Freund und dessen 'Big Jim'-Puppen, bei deren Beschreibung wenig Mädchenhaftes sichtbar wird, eher schon ein erotisches Interesse an kräftigen Männern.
Big Jim, die ham so Abenteuertouren gemacht auf Kanus und Bäume gefällt, die hatten son beweglichen Arm, wo man auf'n Rücken drückt und der hatte dann solch ein Schwert. Und damit hat der Holz gehackt oder so, weißt du, so richtig Abenteuer mit'm Jeep, und außerdem, das tollste eigentlich an Big Jim natürlich: sein sagenhafter Bizeps! Wenn du den Arm zusammen biegst, dann entsteht ein richtig dicker Bizepsmuskel an dieser Stelle. (Volker)


- Sport

Freude an Bewegung heißt bei den 'harten Jungen' auch Freude an sportlicher Betätigung in jeglicher Form. Sie alle hatten Spaß an Sport und haben in einer oder mehreren Sportarten langfristig trainiert. Für die 'weichen Jungen' hatte Sport nur wenig Reiz, sie freuten sich nicht daran und mieden sportliche Aktivitäten wie auch die damit verbundenen Wettkämpfe.

Sport ist bei Jungen das beliebteste Schulfach (Milhoffer, Krettmann & Gluszczynski 1996, Todt 1992), für Jungen entwickelte der Bauer-Verlag 1984 die Zeitschrift "BRAVO Sport", die 14-täglich in einer Auflage von 500.000 Exemplaren verkauft wird (Fechtig 1995). Für Bech ist in der Spätmoderne Sport eine der letzten Möglichkeiten, sich als männlich zu beweisen (1997a), auch Pronger teilt diese Einschätzung: "For boys, sport is an initiation into manhood"(1990, S.19), Sport "gives them a feel for masculinity, a sense of how they are different from girls"(S.22). Historisch gesehen ist diese Zuordnung keineswegs eindeutig, wie Tschapp-Bock (1983) für den Frauensport nachweist, aber für den Lebensraum der befragten Männer dürfte insbesondere vor den 90er Jahren die enge Verknüpfung zwischen Sport und Männlichkeit gegolten haben.

Sich als männlich beweisen zu können, heißt aber auch: sich als männlich beweisen zu müssen (Schenk 1994). Ein 'richtiger Mann' dürfe nicht schwach oder weinerlich sein und muß Schmerzen aushalten können. Wettkampfsport ist somit ein idealer Trainingsplatz für "aggressive violent masculinity", orthodoxe Männlichkeit wird von Jungen im Sport erwartet (Pronger 1990, S.22).

Bei den 'harten Jungen' taucht Sport in jedem Interview in irgendeiner Form auf. Der eine weist darauf hin, daß er eher schwimmen als laufen konnte, und zählte eine Vielzahl von Sportarten auf, die er betrieben hat, der andere faßt es einfach zusammen, er habe immer viel Sport gemacht. Alles, was mit Sport zu tun hatte, zog sie fast magisch an, vom Skifahren über Fußball bis zum Windsurfen. Sport machte ihnen Spaß, konnte gemeinschaftlich erlebt werden und erhöhte das eigene Selbstwertgefühl bei Erfolgen.

Sport überhaupt hat mich immer total interessiert, in der Schule und überall, das war immer wichtig für mich. So als Ausgleich und als ... ja, um auch einfach Erfolgserlebnisse zu haben und solche Sachen. (Conrad)
Um den Erfolg zu erreichen, strengten sie sich an, setzten ihren ganzen Eifer daran, immer besser zu werden. "Ich wollte immer weiter und immer weiter" - auch wenn die Schulter schmerzte vom Werfen. So ist Sport, ob als Straßen-Fußball oder in geregeltem Vereins-Training, eine zentrale Aktivität während der Kindheit der 'harten Jungen'.

Ganz anders sieht es da bei den 'weichen Jungen' aus. Fast durchgängig äußern die meisten, nur ungern Sport betrieben zu haben. Manche bezeichnen sich als "einfach unsportlich", andere empfanden sich als schwach und im sportlichen Bereich ohne jedes Selbstbewußtsein, wieder andere äußern schlicht ein Desinteresse an Sport und Bewegung. Nicht zuletzt beklagten einige körperliche Schwächen wie Dicksein, Unkoordiniertheit oder langsame Reaktion.

Also, ich hab ungern Sport gemacht und, das was man eben so klassisch schwul sagt: immer schön drin gewesen, mit Puppen gespielt und keinen Sport gemocht. (Veit)
Ich fühlte mich beim Laufen wie son alter Mehlsack oder so, und machte mir von daher keinen Spaß und ich hatte keine Chance. Also, warum sollte ich's machen? (Peter)
Die Abneigung gegen sportlichen Wettkampf und die damit verbundene Gefahr, zu unterliegen, scheint ein wesentlicher Faktor bei vielen 'weichen Jungen' zu sein, daß sie dem Sport aus dem Weg gingen. Es fällt auf, wie oft die Männer dies, ohne speziell danach gefragt worden zu sein, erwähnen. Sie bevorzugten konkurrenzfreie Spiele, welche sie weniger stark mit mangelnden Fertigkeiten und Fähigkeiten konfrontierten.
Manchmal wurde ich auch überredet, dann doch mitzuspielen, und dann hab ich mich nicht wohlgefühlt. Weil ich dachte, ich werd' den Ball sowieso nicht treffen und kann sowieso nicht zielen. (Anton)
Es berichtet allerdings auch keiner von besonderen Anstrengungen, durch Üben und Trainieren diesen Mangel auszugleichen und damit 'konkurrenzfähig' zu werden.(1) Es wird geradezu schicksalshaft genommen, wie es ist, es kann nicht geändert werden, und folglich wird als Konsequenz dem Sport aus dem Weg gegangen. Dabei können eine Reihe von Studien (Ericsson1993, Howe 1990, Sloboda et al. 1996) nachweisen, daß regelmäßiges Üben der wichtigste Faktor für die Erlangung von Fertigkeiten ist, daß es sich bei dem "nicht treffen" und "nicht zielen" können wahrscheinlich eher um Ungeübtheit handelt als um eine unsportliche Anlage. Bierhoff-Alfermann (1986) zitiert eine Experimentalstudie von Schreiter, der zunächst bei drei- bis siebenjährigen Kindern erhebliche Geschlechtsunterschiede im Schlagballweitwurf feststellte. Als die Kinder einer ersten Klasse zusätzliche Übungsmöglichkeiten erhielten, holten die Mädchen im Vergleich zur Kontrollgruppe jedoch schnell auf. Möglicherweise liegt folglich der Unterschied zwischen den beiden Clustern nicht in größerer 'Unsportlichkeit' der 'weichen Jungen', sondern darin, daß sie weniger Antrieb zum Üben hatten bzw. weniger dazu ermutigt wurden.

Auch im Cluster B gibt es Männer, die gerne einiges gemacht haben, was als Sport bezeichnet werden könnte, etwa Fahrradfahren, Schlittschuhlaufen, Seilspringen. Überwiegend werden diese Tätigkeiten aber allein ausgeführt, was eine Konkurrenz oder einen Wettbewerb ausschließt.
 

- 'Normal' spielen

Die Männer des Clusters A benennen ihr Spiel als 'ganz normal', betonen die Übereinstimmung mit dem Spiel präheterosexueller Jungen, während die Männer des Clusters B ihre Abweichung thematisieren.

Das "große Ravensburger Buch der Kinderbeschäftigung" aus dem Jahr 1991 weiß genau, was für Jungen des Übliche, das Normale ist: "Wollt ihr wissen, wollt ihr wissen, wie's die kleinen Jungen machen? Fußball spielen, Fußball spielen alles dreht sich herum" (zitiert nach Benard & Schlaffer 1995). Für die Mädchen hingegen drehe sich alles um "Püppchen wiegen". Mit diesem Bild von Normalität verwundert es nicht, wenn die Männer des Clusters A ihr Spiel und ihr Verhalten häufig als "normal" charakterisieren. Einer faßt anfänglich, bevor er Details seiner Kinderspiele erinnert oder in Worte fassen kann, dieses als "was Kinder gerne in so einem Alter machen" und dann als "eben ganz normal so" zusammen. Ein anderer meint in derselben Situation: "Ganz normal so. Was Kinder normalerweise spielen". Er dritter sagt, er sei "ein ganz normaler Junge" gewesen bis zu seinem zehnten Lebensjahr. Normal-Sein stellt offensichtlich für viele der Männer aus Cluster A eine wichtige Eigenschaft dar, dies zeigt sich bereits in der Beschreibung der Lieblingsspiele aus ihrer Kindheit.

Sie spielen 'normal', d.h. sie spielen wie 'typische Jungen'. Diese Klassifizierung bringt manchen in eine definitorische Klemme, scheint es für ihn doch fast unvorstellbar, daß er trotz seines Normalseins "damals schwul gewesen sein könnte". Es paßt für ihn nicht zusammen, und er bewegt sich damit im Einklang mit vielen Forschungshypothesen, welche eine starke Korrelation zwischen der Vorliebe für 'unnormales' Spielen wie ein Mädchen und Homosexualität vermuten.

Also, im nachhinein kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, daß ich damals schwul gewesen sein könnte, weil ich habe eigentlich alle Heten-Sachen gemacht. (Ernst)
"Heten-Sachen", also Sachen, die von (prä-)heterosexuellen Jungen üblicherweise bzw. dem Klischee nach gemacht werden - so charakterisiert Ernst seine Spiele in Abgrenzung von schwulen' Sachen, die (prä-)homosexuelle Kinder angeblich spielen. Er betont durch diesen scheinbaren Widerspruch die Übereinstimmung mit dem 'normalen' Spielverhalten von Jungen.

Männer des Clusters B betonen umgekehrt die Abweichung vom Normalen, vom Üblichen, auch wenn sie den Begriff 'normal' seltener benutzen. Sie bezeichnen sich - durchaus komplementär zu den Männern aus Cluster A als "von den Verhaltensweisen vielleicht eher untypischer Junge", dessen "Interessen abweichend von anderen waren".

Ihr Spiel bezeichnen sie selbst als "unmännlich" oder "nicht so typisch für einen Jungen" , es ist einfach "anders" . Der Begriff 'normal' taucht eher im Zusammenhang mit der Bewertung von außen auf, wenn Dritte ihr Spiel- oder sonstiges Verhalten mit dem Label "nicht ganz normal" versahen.

Also von den anderen Jungen in der Schule, von meinen Eltern oder von Tanten, die alle das ein bißchen komisch fanden oder süß fanden oder ... auf jeden Fall nicht ganz normal fanden, wie ich als Junge war. (Torge)


- Zusammen spielen

Männer des Clusters A spielten viel zusammen, mit anderen Kindern oder auch in größeren Gruppen. Die Männer des Clusters B spielten eher allein oder mit einzelnen Freunden.

Wenn die 'harten Jungen' von ihren Spielen berichten, ist dies fast immer verknüpft mit dem Begriff 'wir' oder 'uns'. Stets ist die Rede davon, daß mit anderen Kindern gespielt wurde, die Phrase 'wir' ist so selbstverständlich in die Berichte vom Kinderspiel integriert, daß das gemeinsame Spielen als universales Merkmal zu vermuten ist.

Das 'wir' umfaßte manchmal den Bruder oder einen Freund, häufig aber eine Gruppe bzw. eine größere Zahl von Kindern, mit denen Ballspiele stattfanden, Streifzüge durch die Natur oder Bandenkriege. Diese Gruppen hatten manchmal Größen bis zu fünfzehn oder auch dreißig Kindern, letzteres vor allem bei zwei Männern: einem, der im Heim aufwuchs, und einem, der in einer abgeschlossenen Siedlung lebte. Zwar berichten auch 'harte Jungen' davon, manchmal allein zu spielen, einer sogar häufiger, aber dies bleibt die Ausnahme.

Die Männer des Clusters B berichten zwar auch davon, daß sie mit anderen Kindern gespielt haben, es fällt jedoch auf, daß sie alle im Verlauf des Gesprächs auf die eine oder andere Weise ausdrückten, daß sie manchmal oder sogar meistens alleine gespielt haben.

Oft ist es schon in den Spielen impliziert, denn Lesen oder Malen werden von vielen Kindern als Einzelbeschäftigung durchgeführt. Darüber hinaus erwähnen sie aber bei ihren Erzählungen über das Spielverhalten immer wieder, "viel alleine" oder "oft allein" gespielt zu haben. Manchmal ist diese Aussage verbunden mit dem deutlich ausgedrückten eigenen Interesse, allein zu spielen, manchmal ergab es sich vorgeblich aus der singulären Situation in der Familie.

Ich war auch gar nicht so interessiert, mit anderen zu spielen. Manchmal spielte meine Mutter mit, aber am liebsten spielte ich alleine. (Leander)
Eine Vertiefung dieses Unterpunktes findet im Abschnitt 4.3.2 im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsverhalten (Peer-Integration) statt.
 

- Spielgefährten und Spielgefährtinnen

Die 'harten Jungen' spielten fast ausschließlich mit anderen Jungen und 'jungenhaften' Mädchen, die 'weichen Jungen' häufig mit Mädchen bzw. solchen Jungen, die ihre Interessen an weniger jungentypischen Spielen teilten.

Die frühzeitige Trennung von Mädchen und Jungen beim Spiel belegen eine große Zahl von Erhebungen (ausführlich dargestellt bei Alfermann 1995). Nach Maccoby (1990) bevorzugen bereits Kleinkinder des Spiel mit Kindern des gleichen Geschlechts, weil sie dies mehr zufriedenstelle und zudem das Spiel mit andersgeschlechtlichen Kindern von den Peers durch Lächerlichmachen negativ sanktioniert sei. Dies gilt keineswegs nur für Jungen, auch Mädchen grenzen sich heftig von Jungen ab, welche versuchen, sich an ihren Spielen zu beteiligen (Benard & Schlaffer 1995). Wie Schmerbitz & Seidensticker (1995) exemplarisch am Sportunterricht zeigen konnten, ist diese Abgrenzung eng verknüpft mit 'typischem' Jungen- bzw. Mädchenverhalten (u.a. dominantes Gesprächs- und Spielverhalten der Jungen vs. zurückhaltendes Verhalten der Mädchen), welches vom jeweils anderen Geschlecht als störend empfunden werde. Von einem Jungen ist starke Anpassungsbereitschaft gefordert, wenn er bei Mädchenspielen mitmachen und von ihnen als Spielgefährte akzeptiert werden möchte.

Entsprechend der allgemeinen Beobachtung spielten die 'harten Jungen' fast ausschließlich mit anderen Jungs. Selbst wenn jemand sich daran erinnert, auf dem Schulhof manchmal mit den Mädchen beim 'Gummitwist' zusammengespielt zu haben, bleibt doch die Feststellung, alle sonstigen Unternehmungen "meistens mit Jungs" gemacht zu haben.

Also eigentlich, wenn ich mich jetzt so zurückerinnere, nie mit Mädchen, außer meiner Schwester mal. Und, nee, an Mädchen kann ich mich jetzt nicht erinnern beim Spielen. (Ernst)
Nur ein Mann aus diesem Cluster hat nach eigenen Angaben häufiger auch mit Mädchen gespielt, wobei er auch jene "besonders sportlichen Mädchen" (Alfermann) einschließt, mit denen er in der gemischtgeschlechtlichen Gruppe tagtäglich Fußball spielte.

Die 'weichen Jungen' sind auch in diesem Punkt anders. Keiner der Männer des Clusters B berichtet, er habe überwiegend mit Jungen gespielt. Fast bei jedem kommt die Sprache jedoch auf Mädchen, auf Freundinnen, mit denen er "gut klarkam", mit denen er "die meiste Zeit verbracht" hat. Mädchen haben sie als Spielgefährten nach eigener Aussage mehr interessiert als die Jungs", Mädchen teilten mehrere ihrer Interessen, Mädchen waren weniger aggressiv. So bilden die Mädchen eine feste Basis für die Kinderspiele, mit ihnen verbrachten die meisten 'weichen Jungen' einen großen Teil jener Zeit, den sie nicht zuhause allein oder mit der Familie zubrachten.

Aber wenn die Jungs dann loszogen auf'n Fußballplatz, blieb ich auf dem Spielplatz mit den Mädchen zurück. (Lars)
Auch auf diesen Unterpunktes wird im Abschnitt 4.3.2 im Zusammenhang mit der Peer-Integration intensiver eingegangen, so daß hier auf weitere Details verzichtet wird.
 

Selbstbehauptung und Aggression

In vielen Entwicklungsmodellen wird der Zeit zwischen sechs und zwölf Jahren eine hohe Priorität eingeräumt (Krappmann 1994, S.497), insbesondere im Hinblick auf das Lernen, sich mit Gleichen auseinanderzusetzen, sich durchzusetzen oder einzufügen (ebd. S.498f, Gamber 1989).

Bisherige Aggressionsskalen, die vor allem physische Aggression messen, belegen eine höhere Aggressionsbereitschaft des männlichen Geschlechts (Gladue & Bailey 1995). Benard & Schlaffer (1995) beschreiben das wesentlich stärkere Involviertsein von Jungen in körperliche Grobheiten, sowohl als Täter als auch - im Vergleich zu Mädchen - in weitaus größerem Maße als Opfer: lediglich 6% der von ihnen befragten Jungen konnten von sich behaupten, in einer durchschnittlichen Schulwoche nicht geschlagen worden zu sein (gegenüber 83% der Mädchen).

Kummer (1980) differenziert allerdings für Primaten als "Hauptfaktor des männlichen Syndroms" statt vermehrter Aggressionsbereitschaft den "Aggress", bei dem es nicht um körperliche Auseinandersetzungen oder Kämpfe geht, sondern um das "tätliche Herantreten an die Umwelt". Das körperliche Ausleben von Aggression sei hingegen sozial trainiert bzw. bestimmt. Nach Gilmore (1991) müßten Jungen und Männer erst zu Selbstbehauptung und Aggressivität motiviert werden. Das westliche Männlichkeitskonzept erwartet jedenfalls von Jungen die Bereitschaft, sich zu wehren und in Konflikten standzuhalten.

Dem Konfliktverhalten prähomosexueller Kinder wird in der Homosexuellenforschung ähnliche hohe Aufmerksamkeit gewidmet wie dem rollenspezifischen Spielverhalten (Friedman & Stern 1980, Gladue & Bailey 1995). Das "Meiden körperlicher Auseinandersetzungen (spielerisches Raufen)" ist nach Friedman (1993) ein Symptom für "Störungen in der Geschlechtsidentität in der Kindheit", welche "in der Regel" der "vornehmlichen oder ausschließlichen Homosexualität" vorausgehen (S.212). So gilt gemeinhin das Vermeiden spielerischen Raufens als die "häufigste kindliche Eigenschaft prähomosexueller Jungen"(S.19). Bieber & Bieber (1997) hatten in ihrer Untersuchung festgestellt, homosexuelle Männer seien als Kind unfähig gewesen, es mit aggressivem, wettkämpferischen Verhalten aufzunehmen.

So war es naheliegend, die Männer im Interview zu fragen, wie sie mit Konflikten und Aggressionen unter Peers umgegangen sind. Wie erleben sie sich rückblickend in Bezug auf Auseinandersetzungen und Konflikte mit anderen Kindern? Konnten und wollten sie sich ihnen stellen oder zogen sie es vor, diesen aus dem Weg zu gehen? Wie gingen sie um mit Konkurrenz und Wettkampf, denen gerade in jungentypischen Spielen eine besondere Bedeutung zukommt?
 

-  Kämpfe unter Peers

Nur ein Teil der 'harten Jungen' liebte das körperliche Kräftemessen, das spielerische Raufen und Gruppenprügeleien. Die Mehrheit erinnert Zurückhaltung und wenig Lust am Prügeln. Die 'weichen Jungen' berichten eher von Angst und Abneigung gegen Kämpfe; körperliche Auseinandersetzungen mit anderen Jungen wurden massiv abgelehnt.

Große Lust am Prügeln oder ausufernde Begeisterung für heftige körperliche Attacken ist aus keinem der Interviews herauszuhören, weder bei den 'harten Jungen', noch bei den 'weichen Jungen'. In dieser Hinsicht gibt es eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Clustern.

Bei dieser Ablehnung extensiver Gewalt endet jedoch die Gemeinsamkeit, bereits in etwas abgeschwächter Form findet sich bei einigen Männern aus Cluster A Freude und Spaß am Prügeln. Ernst scheint während der Kindheit durchaus das spielerische Raufen, das Kämpfen darum, wer stärker ist, genossen zu haben.

Ich habe Fußball gespielt und gekloppt, sehr viel gekloppt mit anderen. Ich habe mich keiner Schlägerei damals, würde ich sagen so, entzogen. Also in den jungen Jahren, ne. (Ernst)
Es wird allerdings sehr bald klar, daß dieses Raufen ein eher harmloses Spiel war, bei dem die Jungen ihre Kräfte messen und Energien abbauen konnten, ohne sich ernsthaft zu verletzen. Ernst spricht also nicht vom Krieg, vom gnadenlosen Kampf, der nur mit dem völligen Untergang einer Seite beendet werden konnte und bei dem Verletzungen dazugehörten, sondern von einem "Gerangel", welches ein ansonsten harmonisches Miteinander nicht beschädigte. Nur so läßt sich der nachgeschobene Satz verstehen.
Wir haben sehr gerne gerauft. Es war irgendwie nie so .. es gab kein auf die Fresse hauen so aus .. in dem brutalen Sinne so, aus Boshaftigkeit. Sondern nur aus Gerangel so. Es war einfach sehr harmonisch. (Ernst)
Noch ein weiterer Mann erinnert sich sehr wohl an heftige Auseinandersetzungen mit anderen Jungen. Er redet sehr extensiv von Prügeleien, einem Kräftemessen zwischen einzelnen oder auch Gruppen, welches ihm offensichtlich sehr viel Spaß gemacht hat. Dieser Spaß und sicher auch Stolz, am Kampf teilgehabt zu haben, ist seinen Worten anzuhören. Er schildert Bandenkriege, welche über Jahre ausgetragen wurden, zwischen den Jungen zweier Ortsteile oder zweier Klassen mit "tierischen Verfolgungsjagden durch den Wald" unter Gefangennahme und Massenprügeleien.
Und später in der Schule, da gab es das Bergwäldchen, und in diesem Bergwäldchen ham wir dann in ner Pause immer so Bandenspiele gemacht. Ich weiß gar nicht, welche Klasse gegen welche, das war völlig klar, das gab ne genaue Einteilung. Und dann gab's da die tierischen Verfolgungsjagden durch'n Wald. Wir sind hin und her gerannt und auch geprügelt, wurden Leute auch gefangengenommen. Das hat mir immer riesig viel Spaß gemacht! Da ging's richtig rund, das sag ich dir! Meine Güte. Weiß nich, wie oft wir blaue Flecke hatten. (...) Ich hab ja auch noch 'ne Macke am Kopf hier irgendwo. Hat mir einer mal so mit' m Metallschwert so auf'n Kopf gehauen. Hab ne richtige Beule im Schädel. Ich war natürlich superstolz und hab so getan, als hätte' ich überhaupt nix gemerkt, und plötzlich wurde irgendwie an meiner Nase das warm und ich faß da so mit der Hand hin und merk, daß das alles voller Blut war. (Micha)
Trotz solcher Verletzungen, die aber wohl nicht die Regel waren, waren beide nach eigenen Angaben gern dabei, wenngleich Micha zu einem späteren Zeitpunkt erwähnt, andere Jungen hätten sich mehr geprügelt als er.

Insbesondere in Gruppen oder Banden gehörte der Kampf "einfach dazu", diente gruppeninternen Prozessen wie der Bildung von Rangordnungen, dem Machtkampf oder externen Prozessen wie der Abgrenzung von anderen Gruppen. So sind es vor allem jene Jungen, die fest in große Gruppen eingebunden waren, welche von Prügeleien erzählen.

Ein großer Teil der 'harten Jungen' geht jedoch zu der aggressiven körperlichen Auseinandersetzung auf Distanz. Es ist bemerkenswert, wie viele der Männer, die in Bezug auf ihre Lieblingsspiele, ihr sportliches Interesse und ihren Spaß am spielerischen Wettkampf dem immer noch gültigen gesellschaftlichen Rollenideal für Jungen entsprechen, im Bereich der Kämpfe und Rangeleien eine Ausnahme machen.

Sich zu prügeln, an "kleinen Schlägereien" teilzunehmen, gefiel ihnen nicht. Etwa die Hälfte aller Männer aus diesem Cluster betont, sie habe dabei "nie an vorderster Front mitgemischt", war nie "der Treibende" bei Prügeleien. Sie stellen sich als zurückhaltend dar, wenn es zu Kämpfen kam, wobei sie Wert darauf legen, daß dies keinesfalls aus Angst geschah, sondern als bewußte Entscheidung, sich nicht "zum Spaß zu prügeln". Diese Männer suchten folglich auch nicht den Konflikt, sondern bemühten sich, Streit ohne Körpereinsatz zu schlichten bzw. zu beenden.

... beim Spiel-Kämpfen, sich zum Spaß zu prügeln, nie mitgemacht. Warum nicht? Weil ich nicht wollte! Das war nicht, weil ich Angst hatte, das gefiel mir nicht. (Christian)
Also, ich habe da nie an vorderster Front mitgemischt, das steht schon mal fest. Ich war auch nie der Treibende bei einem Konflikt, das kann man nicht sagen. (Rainer)
Es dürfte nicht übertrieben sein, zu sagen, daß die Mehrheit der 'harten Jungen' im Felde der körperlichen Aggression eher zurückhaltend war. Zumindest war das explizite Interesse, sich mit anderen zu prügeln, bei den Männern des Clusters A nur selten vertreten. Hier meinen einige von ihnen einen Gegensatz zu anderen Jungen feststellen zu können: "Von meinen Brüdern existieren Stories über Kloppereien, von mir nicht".

Weitaus eindeutiger noch grenzen sich die 'weichen Jungen' von Kämpfen mit Peers ab. Kein einziger berichtet von Gruppenkämpfen oder prügelnden Banden, an denen er beteiligt war. Aber auch vor Kämpfen mit einzelnen anderen Jungen schreckten alle zurück, zu groß war ihre Angst, sich zu verletzten oder zu unterliegen, zu gering das Vertrauen in ihre körperliche Stärke.

Ich weiß, daß ich auch immer sehr große Angst hatte, irgendwie verprügelt zu werden oder mal in eine Prügelei zu geraten und so in dem inneren Wissen, na, das kannst du sowieso abhaken, da ziehst du auf jeden Fall den Kürzeren! (Veit)
Da ihre Angst vor Prügeleien durchweg groß war, ist ihr Verhältnis zu Prügeleien wesentlich abweisender als bei den 'harten Jungen'. Daß sie Kämpfe suchten könnten, erscheint geradezu als absurder Gedanke, ganz im Gegenteil fürchteten sie sich davor, überhaupt in einen Kampf geraten zu können, den ihnen andere aufzwingen wollten. Jeglicher Kampf mit Peers erschien ihnen bedrohlich, der Gedanke, "sich aus Spaß zu prügeln, (war) unvorstellbar! Ich hätte mir nie vorstellen können, daß sowas Spaß machen kann! Ich bin immer bloß verprügelt worden, und das hat vielleicht den anderen Spaß gemacht, mir nie".

Nur einer der dreizehn interviewten Männer erzählt, er habe sich in einem bestimmten Abschnitt seiner Kindheit manchmal - und dann auch gern - geprügelt. Gerade dieser Mann, der sich als feminines Kind beschreibt und zu jenen Männern seines Clusters gehört, welche mehrere Jungenspiele gern spielten, hatte zeitweise seine Angst vor Kämpfen überwunden.

Also, es gab Zeiten, da fühlte ich mich sehr stark, da habe ich mich geprügelt sogar. Und dann gab es Zeiten, da hatte ich tierisch Angst vor Streit und vor allem, mich zu prügeln. Das mag 5., 6. oder 7. Klasse gewesen sein, da hab ich Judo gemacht. Und da fühlte ich mich natürlich besonders stark! Und da hatte ich natürlich auch keine Angst vor Streit und hab mich auch gerne so geprügelt und hab halt auch eben ziemlich viel gewonnen, weil ich auch halt Judo konnte. Das hatte mir gut getan! Da fühlte ich mich halt richtig stark. (Volker)
Volker erlebt in diesen Judo-Zeiten, wie selbstbewußte Stärke ihn sowohl vor Angriffen schützt als auch zum Sieg über andere Jungen verhilft. Mit dieser Erfahrung bleibt er in seinem Cluster jedoch allein. Alle anderen - und auch Volker in der übrigen Zeit - nutzen jede Gelegenheit, körperlichen Auseinandersetzungen auszuweichen, und leben ihre aggressiven Impulse höchstens verbal aus oder gar nicht.
 

-  Standhalten - raushalten

Die 'harten Jungen' waren bereit, sich einem Gegner zu stellen, wenn es ihnen nötig erschien, sie wollten standhalten oder die Wettkämpfe gewinnen. Voraussetzung dabei: ein fairer Kampf mit allgemein anerkannten Regeln. Die 'weichen Jungen' vermieden Kämpfe und jegliche körperliche Auseinandersetzung, sie hielten sich aus ihnen heraus oder zogen sich heraus, egal, welche Folgen dies hatte. Der Rückzug galt generell allen Konkurrenz- oder Wettkampf-Situationen.

Ihre Zurückhaltung gaben alle 'harten Jungen' dann auf, wenn sich Auseinandersetzungen nicht vermeiden ließen, "wenn es sein mußte", etwa, um gegen Angreifer zu bestehen oder weil nur so ein erfolgversprechender Umgang mit Konflikten möglich schien. Die Prügelei wurde nicht gesucht, aber auch nicht in jedem Fall gemieden.

Es ist ein scheinbar zwiespältiges Verhältnis zur Körpergewalt, welches viele dieser Männer an den Tag legen, das mehr mit Können als mit Wollen zu tun hat. Selbst wenn sie selbst vielleicht nicht so gern wollten, ging es ihnen darum, zu zeigen, daß sie sich prinzipiell wehren können. Dies gilt umso mehr für Gruppenkämpfe, denen sich der Einzelne nicht entziehen durfte, wollte er dazugehören.

Also, wenn's dann mal dazu kam, habe ich auch versucht, durchaus mitzumachen, aber ich habe sowas nicht gesucht. Wenn es so Gruppe gegen Gruppe ... ich habe zwar auch gern mitgemacht, das waren ja auch so kleine .. kleine Bandenkriege oder was. Da habe ich mich dann auch daran beteiligt. Hast du dich gern geprügelt? Nö, nicht unbedingt. Gab's auch, na klar! Ließ sich ja nicht vermeiden immer, ne. Aber dann war ich auch froh, wenn es hinterher vorbei war. Also mehr so notwendiges Übel? Ja, klar. Ich habe schon mitgemacht, durchaus. Aber auch nur, wenn es sein mußte. Auch nicht so mit dem Drang, den anderen da irgendwie abgrundtief kaputt zu machen, sondern möglichst das über die Bühne zu bringen und dann auch .. von mir aus hätte man das auch sein lassen können, ne. (Rainer)
Prügeleien waren für sie ein notwendiges Übel, dem man sich von Zeit zu Zeit stellen muß, etwas, was dazugehört, auf das man aber durchaus verzichten konnte bzw. möglichst verzichtete, so lassen sich die Aussagen der meisten Männer aus Cluster A zusammenfassen.

Eine hohe Bedeutung scheint hierbei die Gruppe oder auch die Gesamtheit der Jungen aus ihrem sozialen Umfeld zu haben, die Erwartungen an den Einzelnen stellt, welchen er sich nicht entziehen möchte. Wichtig scheint ihnen zu sein, standzuhalten, einem notwendigen Kampf nicht auszuweichen. Diese Notwendigkeit entstand entweder, wenn die Gruppe sich einem Gegner stellte oder wenn der Einzelne angegriffen wurde. In diesem Fall setzten sie sich zur Wehr, wollten kein Opfer von Gewalt werden. "Also ich konnte mich auch wehren. Kein Opfer-Typ".

Die 'harten Jungen' betonen praktisch alle, daß sie Kämpfe nie um des Kämpfens willen oder gar, um andere mutwillig zu verletzen, austrugen. Es wurde eher in Kauf genommen, hingenommen, daß der Kampf nicht ohne Verletzungen ausgehen konnte - dies gehörte zum Reglement der Auseinandersetzung. "Das war ja dann sozusagen die Vereinbarung, jetzt tut man sich ja mal weh". Diese Vereinbarungen boten einen Rahmen für gezügelte Aggression und schützten vor ungeregelten Übergriffen und unfairen Angriffen.

Der Rahmen des 'Fair Play' galt natürlich besonders beim sportlichen Spiel und den dabei auftretenden Aggressionen. Beim Fußball wird nach allgemein anerkannten Regeln ein Foul mit dem Strafstoß geahndet, und im Prinzip kann sich jeder darauf verlassen, daß die mehr oder weniger eng gesetzten Grenzen kaum überschritten werden. So trauten sich auch jene 'harten Jungen', die sonst Kämpfen eher aus dem Weg gingen, Aggressionen zu zeigen und sich ihnen auszusetzen.

Also, ich denke, daß das wahrscheinlich im sportlichen Bereich für mich deshalb auch nie ein Problem war, weil das immer mit Regeln verbunden war. Das heißt, es gab Möglichkeiten, wo es hieß, bis dahin und nicht weiter. Oder die dann auch nur sehr selten überschritten wurden. Wo es ja auch jemanden gab, der darauf achtete, daß sie nicht überschritten wurden. (Olaf)
Das Regelwerk wird von einigen betont, es scheint eine besondere Bedeutung nach außen und nach innen zu haben. Denn es schützte ja nicht nur vor Angriffen Dritter, sondern legte zugleich einem selbst Zügel an, den Kampf und die Aggression nicht im persönlichen, individuellen Interesse, sondern im gemeinsamen Interesse der Mannschaft einzusetzen. So erhielt die gezügelte Aggression aber auch etwas von einer 'Pflicht', der man sich zu stellen hatte, wollte man Teil der Gruppe bzw. der Mannschaft sein. Standhalten hieß mehr, als das eigene Gesicht zu wahren, standhalten trug dazu bei, das Ansehen der Gruppe zu fördern(2).
... beim Fußball geht es ja nachher auch um die Mannschaft, man hat da schon son Gefüge, was man hat, die einen gegen die anderen, irgendwas Übergeordnetes, für das man das machen kann. Fußball hat ja so ein ethisches Gefüge da drüber, so ... für eine Mannschaft macht man das. Ist ja auch für die Ehre. Es ist für den Sieg von der eigenen Mannschaft. (Rainer)
'Fair Play' wird von den 'harten Jungen' aber auch bei Einzelkämpfen betont. Ein Mann etwa berichtet von einer Schlägerei auf dem Schulhof, bei der er einem anderen den Kopf in den Magen rammte. Zum Ausgleich ließ er sich vom Gegenüber widerstandslos zu Boden werfen und bekam dessen Finger schmerzhaft in die Schläfen gedrückt.

So stellten sich die Männer des Clusters A dem Kampf, wenn er unvermeidlich schien. Die 'weichen Jungen' hingegen wichen auch dann, wenn sie zum Kampf gezwungen werden sollten. Jegliche körperliche Auseinandersetzung wurde gemieden, sofern dies möglich war. Sie liefen davon, gingen potentiellen Kampfsituationen aus dem Weg oder ließen Angriffe wehrlos über sich ergehen. Ihre Angst vor den Folgen eines Kampfes war offensichtlich so groß und ihr Mut, sich zu wehren, so gering, daß sie sich lieber schlagen ließen oder wegrannten. "Gleichzeitig habe ich mich immer dafür ein bißchen geschämt". Trotz dieser Scham, die einzelne eingestehen, war es ihnen offenbar nicht möglich, standzuhalten.

Ich bin diesen Konflikten immer ausgewichen. Also, ich bin nie in einen Konflikt reingegangen, sondern ich bin immer zurückgewichen oder den Konflikten ausgewichen. War das möglich? Ja, bis zur Grenze der Selbstverletzung oder Verleugnung ist das möglich gewesen. Sicher, das war sehr schwierig so die Zeit für mich dann, aber .. es war möglich. Wie so ne Tarnkappe, also, man kann sich auch fast unsichtbar machen, wenn man sich wenig bewegt in gewisser Richtung, dann wird man ja auch kaum wahrgenommen. (Jan)
Selbst wenn von häufigen Konflikten berichtet wird, ist dies doch verbunden mit einem Hinweis, welche Belastung solche Konflikte waren, wie schwer die Tatsache zu ertragen war, daß es überhaupt welche gab und nicht permanente Harmonie herrschte. Konflikten auszuweichen, dürfte nicht immer leicht gewesen sein. Sie mußten im Streit nachgeben, auf eigene Wünsche und Interessen verzichten, sich kleinmachen, bis sie kaum wahrgenommen" wurden.

Rückzug fand jedoch nicht nur bei tatsächlichen Konflikten oder körperlichen Auseinandersetzungen statt, ihr Rückzug galt auch dem aggressivem Wettkampf-Spiel vieler Jungen. Folglich zogen sie sich zu den Mädchen und deren weniger aggressiven Spielen zurück (vgl. 4.3.2).

Bei diesem Ausweichen sind die Begründungen sehr vielfältig. Häufig wird mangelndes Interesse bekundet: "Die Sachen, die die gemacht haben, haben mir überhaupt nicht gefallen". Ein geringes Bedürfnis nach Aggression oder mangelnder Ehrgeiz wird ebenfalls als Grund dafür angegeben, weshalb sie bestimmte Spiele mieden. Sie zeigten nicht das für Jungen behauptete Bedürfnis nach Wettstreit, keine Konkurrenzorientierung nach dem Prinzip "schneller, höher, weiter" (Schmerbitz & Seidensticker 1995), sie geben an, nicht gewinnen zu wollen.

Tischtennis, Fußball, all solche Spiele, wo man irgendwie gewinnen konnte ... ich hab immer kein Interesse, zu gewinnen. Ich hab nicht den Ehrgeiz, zu gewinnen. Das gibt mir nichts. (Volker)
Sie grenzen sich damit nicht nur vom aggressiven Spiel der Jungen, sondern gegenüber jeglichem wettkämpferischem Verhalten anderer Jungen ab. Man wolle sich nicht "beweisen oder profilieren in einer so typisch männlichen Form".

Trotz dieser vielfältigen Begründungen für das Ausweichen vor rauhen Spielen schimmert aber fast immer auch Angst als wichtiges Motiv durch: Angst, vom Ball getroffen zu werden, Angst, hinzufallen und sich zu verletzen, aber auch Angst davor, zu versagen. Mehrere Männer benennen ihre Angst sehr deutlich, benennen sie als zentralen Grund ihres Rückzugs von Jungenspielen, vom 'draußen', und präsentieren so eine sehr plausible Begründung für einige der in oben beschriebenen Verhaltensweisen beim Spiel.

Also, wenn der Fluß zu breit wurde oder wenn das Spiel zu schnell wurde, also Fußball zum Beispiel, war eigentlich ständig son verhaßtes Thema, weil ich nur Angst vor dem Ball hatte. Hab mich dann immer zurückgezogen. Und nehme an, daß ich dann wohl wieder zuhause gespielt habe oder sowas und mich da so in diese Sicherheit verkrochen habe. (Jan)
Es ist somit nicht nur die Aggression, sondern auch die Konkurrenz zwischen den Jungen, denen die 'weichen Jungen' ausweichen. Hier scheint ein wesentlicher Grund angesprochen, warum viele der 'weichen Jungen' lieber mit Mädchen bzw. zuhause spielten; diese Spiele machten ihnen weniger Angst, gaben ihnen mehr das Gefühl von Sicherheit".
 

-  Sich stark fühlen - sich schwach fühlen

Auch wenn die meisten der 'harten Jungen' sich bei Kämpfen zurückhielten, war dies nicht mit einem Gefühl von Schwäche verbunden. Sie fühlten sich stark, selbst wenn sie dies nicht unmittelbar beweisen konnten. Die 'weichen Jungen' fühlten sich fast ausnahmslos schwach und unfähig, einen körperlichen Kampf zu bestehen. Sie holten deshalb häufiger Hilfe von Erwachsenen bei Konflikten.

Schwachsein gilt gemeinhin als weibliche Eigenschaft, Stärke als typisch männlich (Bange 1995, Schnack & Neuzling 1990). Zusammen mit der Geringschätzung von Weiblichkeit (Alfermann 1995) wird Schwäche gerade unter Jungen verachtet. Fühlten sich die befragten Männer in ihrer Kindheit eher schwach, wie es dem Bild Homosexueller in der Öffentlichkeit entspricht (Schmidt 1967)?

Die Zurückhaltung der 'harten Jungen' bei körperlichen Auseinandersetzungen ging nicht einher mit einem Gefühl, zu schwach für derartige Konflikte zu sein. Kein einziger der Männer dieses Clusters begründet seine Zurückhaltung auf diese Weise, viel eher sagen sie über sich: "Ich packe Konflikte an, ich bin es gewohnt, Konflikte zu lösen". Sie sind also nicht nur seltener Täter bei Prügeleien, sondern auch selten Opfer von ebensolchen. Aus ihren Schilderungen spricht eher ein Gefühl von Stärke, der es ihnen möglich machte, auch ohne Kampf kräftig und robust zu erscheinen.

Ja, und schwach war ich nicht, also ich hab nicht allzu oft einen aufs Maul gekriegt. Ab und zu mal von Älteren vielleicht, aber .. das hielt sich so die Waage. (Conrad)
Die "Älteren", deren Stärke sie ohne Gesichtsverlust anerkennen durften, durften ihnen "einen auf's Maul" geben, doch sonst achteten sie darauf, nicht als schwach zu gelten. Viel von ihrer Stärke konnten sie, wenn denn nicht beim Prügeln, so doch im Spiel, etwa beim Fußball, demonstrieren und quasi 'legalisiert' ausleben. Hier erweisen sie sich wieder als 'richtige Jungen', die sich austoben und denen es nichts ausmacht, "daß es ein bißchen robuster zugeht". Hier, wo körperlicher Einsatz, gepaart mit einer merklichen Portion Aggressivität, erforderlich und erwünscht ist, haben sie Gelegenheit, ihre Stärke zu zeigen und Freude dran haben. Diese Gelegenheit nutzt selbst ein 'harter Junge', der sonst nie an vorderster Front mitgemischt" hat.
Beim Fußball schätze ich auch, daß es ein bißchen robuster zugeht, daß man dann da auch mal weggestoßen wird und mal wegstoßen kann, daß es also ein körperliches Spiel ist. Das schätze ich auch sehr daran. Man kann auch Aggressivitäten da reinlegen, muß man ja auch, wenn man das gut machen will. Und das finde ich schon Klasse. Man hat da ja nur einen Ball, und jeder will den haben, und daß man .. was weiß ich, den auch mal weg rammt oder auch weg gerammt wird, das brauche ich dann auch. Ja, letztlich habe ich dann auch ein Abreagieren von Aggression. Die man da schön kanalisiert und legal raus lassen kann. Spaß am Sport haben und am Brüllen und Laufen. (Rainer)
Die Stärke der interviewten Männer drückt sich zudem weniger in Prügeleien aus, sondern in einer Art Führerschaft, die sie unter ihren Spielgefährten einnahmen. Ihre Ideen werden angenommen, sie gelten als 'fit', sie führen - nicht durch körperliche Stärke allein, sondern auch durch Intelligenz und Sportlichkeit. Viele beschreiben sich als "Macher", als "Wortführer", anerkannt, beliebt und "körperlich sehr fit".
Also, ich war relativ beliebt gewesen, ich war auch Klassensprecher, das war eigentlich so keine Frage gewesen. Oder ich war der Schnellste aus der Klasse, das ist zu dem Alter immer viel wert, ne. Ich hab ja Fußball gespielt, alles mögliche, also, war eigentlich körperlich immer sehr fit. (Kurt)
So demonstrierten die 'harten Jungen' in vielen Bereichen Stärke und sie fühlten sich auch stark. Die 'weichen Jungen' hingegen fühlten sich schwach, schwächlich, körperlich wenig belastbar. Sie hielten sich aus Konflikten heraus, vermieden Streits oder ließen sie möglichst gar nicht erst entstehen, weil sie sich ihnen nicht gewachsen fühlten. Dies gilt insbesondere für körperliche Auseinandersetzungen.
Ich hatte auch immer den Eindruck, daß ich schwach oder schwächer bin als andere, also, jetzt vor allem Jungs. Ich hatte immer Angst, wenn Leute in Streit gerieten, da hineingezogen zu werden und bin dem deshalb aus dem Weg gegangen. Wenn das mal soweit gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich angefangen zu heulen. (Valentin)
Die Empfindung, nicht stark genug zu sein, um sich gegen andere Kinder erfolgreich zu wehren, verunmöglicht so von vornherein ein Widerstehen der 'weichen Jungen' im Konflikt. Ihre Angst, verbunden mit der Überzeugung, schwächer zu sein als die anderen, machte sie zum idealen Opfer für andere Kinder, welche Objekte suchten, an denen sie Ärger ablassen und gegenüber denen sie ihrerseits sich stark fühlen konnten. Als 'Opfer-Typ', also das, was die 'harten Jungen' gerade nicht darzustellen meinten, so präsentieren sich viele Männer aus Cluster B, wenn sie sich selbst und ihr Verhältnis zu Konflikten und Aggression in der Kindheit beschreiben.

Es ist zu vermuten, daß dies andere Jungen geradezu herausforderte, immer wieder auszutesten, wann ihr Gegenüber endlich beginnen würde, sich zu wehren. Diese wiederholte Erfahrung festigte das Selbstbild vom schwachen, wehrlosen Jungen.

Ach, ich hatte immer das Gefühl, daß mir was passieren könnte. Daß jemand mich angreifen könnte, mich überfallen könnte oder sowas. Also, das war ganz .... Unbestimmtes. Meist hab ich mich einfach schwach und hilflos gefühlt, irgendwie so ausgeliefert. Bei den Pfadfindern, da war so ein eher kleiner, drahtiger Typ, Michael hieß der, weiß ich heute noch, obwohl ich ein ganz schlechtes Namensgedächnis hab, der hat mich immer verhauen, also, der hat gerne ausgenutzt, daß ich da ... ja, eigentlich mich auch nicht so richtig gewehrt hab, ne. Der hat das also mit wahrer Vorliebe gemacht. Das war wirklich so ein Alptraum. Ich hatte einfach das Gefühl, ich komme nicht gegen den an, aber Weglaufen ging auch nicht, weil wir ja in einer Pfadfindergruppe waren. Jeden Samstag. (Werner)
Wo Weglaufen oder Ausweichen nicht möglich war, richtete sich alle Hoffnung auf Hilfe durch ältere Geschwister oder ihre Eltern, was ihr Selbstwertgefühl kaum gesteigert haben dürfte und andererseits wahrscheinlich Spott und neuerliche Aggressionen durch andere Kinder hervorgerufen hat. Mehrfach berichten Männer aus Cluster B, wie sie ihre Mutter zu Hilfe holten oder gar den Konflikt ganz an die Mutter delegieren konnten.
Also, ich erinnere mich, daß ich mich ungern gestritten habe. Das ist dann meistens so gewesen, daß wenn da irgendwelche Konflikte so mit den Freundinnen oder Nachbarskindern aufgetreten sind, daß ich dann zu meiner Mutter gegangen bin, weil ich das alleine gar nicht hinbekommen habe. (Frank)
Die passierte sogar dann, wenn es keineswegs um Prügeleien oder andere körperliche Auseinandersetzungen ging. Konflikt an sich wurde gemieden, der Spannung eines ungelösten Streits wurde ausgewichen. Bereits diese Spannung konnten die 'weichen Jungen' kaum ertragen, sie kaum aushalten.
Konflikte, das .. ich meine, ich habe mich auch mit meiner Schwester oft gestritten oder mit meinem Bruder. Wir haben uns gezankt und wir haben geschrien. Aber das .. ich habe es schwer ausgehalten, wenn es Konflikte gab. (Albert)
Mit den guten Freunden kam es selten zum Streit, aber wenn doch, dann war es sehr schwierig für mich und ich suchte die Schuld meistens bei mir selbst. Und das hat mich ziemlich runter gezogen. Konflikte auszutragen, das lerne ich erst jetzt, da bin ich immer noch dabei, das so zu lernen. Weil ich das nicht gewohnt war. (Josef)
Durch dieses Vermeidungsverhalten sind Auswirkungen auf das soziale Lernen der 'weichen Jungen' denkbar. Sullivan (1983, zitiert nach Krappmann 1994, S.498) hält die Entwicklungsphase zwischen sechs Jahren und der Prä-Adoleszenz für die Entwicklung des Sozialverhaltens für entscheidend. In dieser Zeit müsse das Kind lernen, mit den anderen zu wetteifern und Kompromisse zu schließen. Wenn sich die 'weichen Jungen' Konflikten grundsätzlich entzogen haben, war das Lernfeld für die adäquate Durchsetzungsfähigkeit wie auch eine angemessene Kompromißbereitschaft begrenzter als für andere Jungen.
 

- Verbales Wehren

Sowohl 'harte Jungen' wie 'weiche Jungen' schildern verbale Konflikte und den Einsatz von Intelligenz gegen Gewalttätigkeit. Während dies bei den 'harten Jungen' aber nur ein Mittel in aggressiver Auseinandersetzung darstellt, welches bei Bedarf durch Körperkraft ergänzt werden konnte, bildete die verbale Gewalt neben der Flucht meist das einzige Mittel für die 'weichen Jungen', um auf Aggression zu antworten.

Indirekte und verbale Beeinflussungsstrategien sind nach Alfermann (1995) eher die Domäne von Mädchen. Insbesondere innerhalb der Mädchengruppe spiele diese Form der Bildung von Rangordnungen eine weitaus größere Rolle als in Jungengruppen. Verbale Dominanz finden Schmerbitz & Seidensticker (1995) jedoch häufiger bei Jungen als bei Mädchen. So bildet verbales Wehren eine abgeschwächte Form jungentypischer Aggression.

Prügeleien, Wettkämpfe und Bandenkriege waren für einen Teil der 'harten Jungen' mögliche Antworten auf Konflikte. Nur ein Mann aus Cluster A meinte, sich an keinerlei körperliche Auseinandersetzungen zu erinnern. Viele, gerade von jenen, die Prügeleien wenig abgewinnen konnten, zeigten ihre Stärke auf verbale Weise, mit Intelligenz und Witz. "Ich war nie der Stärkste, aber ich war den meisten vom Kopf her überlegen." So schützte er sich mit Worten, wenn Taten nicht viel geholfen hätten. Intellektuell überlegen, "pfiffig" sein, dies half unter den Jungen, verschaffte Respekt, selbst in einem sozialen Umfeld, welches überwiegend körperliche Stärke respektiert.

Gut, in dem Umfeld, wo ich groß geworden bin, Schule und so weiter, da mußte man sich schon ziemlich durchsetzen. Also, das war schon ... da mußte man entweder besonders stark oder besonders pfiffig sein. Oder man mußte sich mit den richtigen Leuten gut halten. Und wie war das bei Dir? Was war bei Dir der Faktor? Bei mir, ich war, glaube ich, immer pfiffig. (Conrad)
In diesem Punkt gibt es gewisse Übereinstimmungen zwischen den beiden Clustern. Auch die 'weichen Jungen' berichten von Auseinandersetzungen, bei denen sie ihren Kopf oder ihre Intelligenz, teilweise gepaart mit verbaler Aggressivität als Gegenwehr gegen Angriffe oder als Mittel zur Auseinandersetzung einsetzten. War ihre Aggressivität in körperlicher Hinsicht auch begrenzt, in Worten zeigten einige durchaus heftiges aggressives Verhalten in Konflikten.
Ich hab mich defensiv verhalten, zurückgezogen. Oder aber durch meine Phantasie die andern trickmäßig ausgespielt. Und das war dann hinterher meine Waffe in der Schule. Durch meine Intelligenz und durch meine Phantasie und das alles. (Lars)
Also ich hab mich schon gewehrt und hab was entgegengesetzt, soweit es eben um irgendwelche Verbalstreite ging, und konnte mich da auch behaupten. Also, da hatte ich keine Angst oder war da nicht mutlos oder sowas, sondern hab da einfach mitgehalten. (Peter)
Auf diesem Feld fühlten diese 'weichen Jungen' sich den anderen gewachsen, mit Worten vermochten sie sich zur Wehr zu setzen bzw. ihre Aggressionen auszuleben, wo tätliche Konflikte sie in die Flucht geschlagen hätten. Ihre Chance bestand also immer dort, wo andere bereit waren, Konflikte ausschließlich auf der verbalen Ebene auszutragen.
 

-  Erinnerung an Konflikte

Während die Männer des Clusters A eher wenig Erinnerungen an belastende Konflikte haben, beschreiben Männer des Clusters B detailliert und in guter Erinnerung bedrohliche Konflikte und Kämpfe bzw. das Androhen von Prügeleien durch andere Kinder.

Die Männer des Clusters A ließen häufig Bemerkungen fallen, die den Eindruck erweckten, Konflikte seien während ihrer Kindheit eher selten gewesen. Es gab "kaum Streit", "sehr sehr wenig Konflikte", an die sie sich erinnern. Möglicherweise wurde unter dem Begriff 'Konflikt', der in der Frage vorkam, die massive, körperliche Auseinandersetzung oder der heftige Streit verstanden, so daß sich die Bemerkungen eher darauf beziehen. Denn es kam vor, daß jemand erzählte, man habe sich "schon mal gefetzt", aber das wären ja "in dem Sinne keine Konflikte".

Ob die Erinnerung möglicherweise getrübt ist oder aggressive Auseinandersetzungen bei den zitierten Männern einer Verdrängung anheimgefallen sind, ist anhand der Interviews schwerlich zu sagen. Immerhin beschreibt einer der Männer, der kurz zuvor noch sagte, "ich glaub, es gab kaum Streit", bei der Nachfrage nach dem Verhältnis zu seinem Bruder heftige körperliche Konflikte. Sie besuchten die gleiche Schule, und fast jeden Abend prügelten sie sich auf der Heimfahrt im Bus.

Ich glaub, es gab kaum Streit. Ich habe mich fast nie gestritten, also, mit meinen Freunden nicht. Nee, ich kann mich nicht dran erinnern. (...) Mit meinem Bruder hatte ich kein gutes Verhältnis. Ich weiß, daß wir uns jeden Abend im Bus gestritten ... oder nicht gestritten, richtig .. daß wir auf dem Boden lagen und .. ja, daß wir uns geprügelt haben. Und das fast jeden Tag. (Christian)
Dennoch: insgesamt werden von den 'harten Jungen' selten Konflikte bzw. Streitereien in der Kindheit berichtet.

Völlig anders sieht dies bei den 'weichen Jungen' aus. Fast jeder dieser Männer weiß von bedrohlichen Situationen zu erzählen, die er als Kind im Zusammenhang mit anderen Kindern (meist Jungen) erlebte, und die Ängste und Hilflosigkeit hervorriefen anstelle von Aggression und Gegenwehr.

Da war so ein Klassenkamerad von mir in der Grundschule in der ersten Klasse, der verfolgte mich immer den ganzen Weg zur Schule und sagte .. stieß mich immer an und sagte: Morgen verprügel ich dich, morgen verprügel ich dich. Du kannst dich auf was gefaßt machen! Das machte er den ganzen Schulweg, und ich konnte mich nicht wehren, war völlig hilflos, sondern nur jeden Morgen in panischer Angst, was passiert heute und wird er mich heute verprügeln. (...) Oder, es haben mich auch immer zwei Mädchen verfolgt, die einen Spitznamen für mich erfunden hatten. Ich weiß nicht, was die gesagt haben .. den ganzen Schulweg lang klebten die an mir, ich konnte mich nicht wehren. Ich bin eine Stunde nach Hause gegangen und habe diese Tortur ertragen, weil ich nicht wußte, was machen sollte. (Albert)
Ausnahmslos alle Männer aus Cluster B erinnern sich an Konflikte aus seiner Kindheit, auch wenn nicht jeder so traumatisierende Erfahrungen wie Albert machte. Die Erinnerung an erlittene Ängste, aber auch die nicht selten empfundene Scham, so hilflos und schwach zu sein, scheint sich tief eingebrannt zu haben in das Gedächnis der 'weichen Jungen'.
 

-    Geschlechtsidentität und Selbstwahrnehmung als 'anders'

Zwei weitere Variablen gehören zu dem 'Syndrom' Prähomosexualität, welches von vielen Forschern (u.a. Freund 1965, Green 1987, Isay 1990) beschrieben wird: eine gegengeschlechtliche Geschlechtsidentität und das Gefühl des Andersseins' als andere Jungen.

Abweichungen in der Geschlechtsidentität sind somit angeblich der zweite 'Baustein' für ein späteres homosexuelles Leben. Lang (1990) dokumentiert, wie bei den Indianern Nordamerikas sehr früh im Leben eines Kindes ein "Test" darüber durchgeführt wurde, ob eine Junge oder ein Mädchen die gegengeschlechtliche Geschlechtsrolle ausfüllen wolle. Sie setzten das Kind hin und plazierten Pfeile und Bogen auf der einen, Handarbeitszeug auf der anderen Seite. Griff der Junge nach dem Handarbeitszeug, sahen die Eltern dies "as a sign that the boy was destined to become a berdache and proceeded to raise him as a girl" (Greenberg 1988).

Zwar würden wenig Informationen über die Geschlechtsidentität solcher 'berdaches', 'tüvasa' oder 'tuvasawuts' existieren, aber da Lang mit Money & Ehrhardt (1975) Geschlechtsrolle als äußere Manifestation der Geschlechtsidentität ansieht, ist bei diesen Jungen/Männern offenbar von einer ambivalenten, gleichermaßen weiblichen wie männlichen Geschlechtsidentität auszugehen.

Eine in dieser Weise verstandene Geschlechtsidentität ist im allgemeinen bereits mit 18 Monaten gefestigt und liegt spätestens im Alter von 5 Jahren fest (Money 1955). Während frühere Studien, etwa von Freund et al. (1974a), homosexuellen Männern eine feminine Geschlechtsidentität attestierten, sprechen neuere Arbeiten lediglich noch von "acting like a girl" (Savin-Williams1998), aber nicht dem Wunsch, eines zu sein.

In der vorliegenden Arbeit wird laut Definition stärker zwischen Geschlechtsrolle bzw. dem dieser Rolle zugeordneten Verhalten und der Geschlechtsidentität als innerer Überzeugung, dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht anzugehören, unterschieden. Nachdem in den ersten Fragen das Geschlechtsrollenverhalten behandelt worden war, sollte zusätzlich erhoben werden, wie es um diese innere Überzeugung, ein Junge bzw. ein männliches Wesen zu sein, während der Kindheit stand. Die Männer wurden deswegen im Interview gefragt, wie es ihnen damit ging, ein Junge zu sein, ob sie sich als 'anders' empfunden haben und ob sie sich gern als Mädchen oder Frau verkleideten. Insbesondere die beiden letzteren Fragen könnten Indizien für eine weibliche Identifikation liefern.
 

- Verkleiden

Viele der interviewten Männer berichten davon, sich als Kind verkleidet zu haben. Die 'harten Jungen' erzählen jedoch fast ausschließlich von männlichen Rollen, die sie im Verkleiden übernommen haben, während bei den 'weichen Jungen' die Übernahme weiblicher Rollen berichtet wird.

Sich verkleiden, in eine andere Rolle schlüpfen, sich für eine Zeitlang wie ein (meist erwachsenes) Rollenvorbild geben, dies ist bei allen Kindern, ob Jungen oder Mädchen, ein beliebtes Spiel. In Studien über die Entwicklung zum Homosexuellen wird allerdings das 'cross-dressing' (Bailey, Nothnagel & Wolfe 1995), das Verkleiden des männlichen Kindes mit weiblicher Kleidung als typisch prähomosexuell angesehen (Davenport 1986). Whitam (1977) zählt es zu den 6 ' childhood indicators' von späterer Homosexualität, Zuger (1988) zu 'early signs of feminine behavior'. Aber bereits Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) eliminierten die Variablen 'Verkleidung als Mädchen' und 'Sich wie ein Mädchen fühlen' frühzeitig aus ihrem Pfadmodell, da sie ihnen bedeutungslos für die spätere Homosexualität zu sein schienen. Und Isay (1990) entdeckte bei seinen homosexuellen Klienten nur selten Hinweise auf 'cross-dressing'. Wie steht es damit bei den befragten Männern der vorliegenden Arbeit?

Von den 'harten Jungen' erzählten lediglich zwei, sie hätten sich auch mal als Frau verkleidet. In beiden Fällen klingt es wie ein Ausprobieren vieler verschiedener Rollen, Männerfiguren, Frauenfiguren, Tierfiguren, ohne daß ein Verkleiden mit weiblicher Garderobe eine hervorgehobene Bedeutung gehabt haben muß. Es war "einfach ein Haufen Klamotten" da, so daß vieles zum Verkleiden benutzt wurde. Zudem deutet das "wir" in der Absatzmitte auf eine Beteiligung seines Bruders hin.

Ach ja, ich habe mich häufig verkleidet als Kind. Als was? Och, in manches. So ... manchmal auch Indianer, als Frau hab ich mich auch mal verkleidet, .. als Katze. Wir hatten zuhause einen Haufen Klamotten, und dann haben wir uns häufig verkleidet. Und da es so viele Klamotten gab, habe ich mich in vieles verkleidet. Ich weiß auch nicht mehr genau, was. (Christian)
Es fällt allerdings auf, daß diese Vorfälle von jenen Männern berichtet werden, die im Fragebogen oder während des Interviews erwähnen, daß beide Eltern oder ein Elternteil sich vor ihrer Geburt statt eines Jungen ein Mädchen gewünscht hätten. Christian selbst findet das Verkleiden als Frau offenbar erklärungsbedürftig, zumal er äußert, "manchmal auf Mädchen gespielt" zu haben. Er zieht hieraus den Schluß, das von seiner sonstigen Geschlechtsidentität abweichende Verhalten sei ein (mehr oder weniger unbewußtes) Reagieren auf diesen Wunsch gewesen.
Meine Mutter hätte gern ein Mädchen gehabt, und ich glaube, daß ich das irgendwie ein bißchen .. sie hat das nie gezeigt oder so geäußert, aber ich glaub, daß ich das ein bißchen gespürt habe. Und ich habe manchmal auf Mädchen gespielt, aber ich war gerne Junge. (Christian)
Im Zusammenhang mit dem Verkleiden berichtete derselbe Mann, daß er beim Familie-Spielen hingegen bei der männlichen Rolle blieb und den Vater spielte. So scheint ein Verkleiden als Frau oder Mädchen für die 'harten Jungen' überwiegend uninteressant oder gar unangenehm gewesen zu sein und deshalb eine Ausnahme.

Aus dem Cluster B beschrieben mehrere Männer, daß sie sich gern verkleidet haben, teilweise als Frau, teilweise als Mann. Die Beschreibungen spiegeln viel stärker Freude und Wohlgefühl mit der weiblichen Bekleidung und dem dazugehörigen Schmuck wider, Freude an der Übernahme der Rolle als Mädchen oder Frau. Mutter oder Prinzessin zu spielen, war für diesen Teil der 'weichen Jungen' keineswegs problematisch oder unangenehm, sondern ganz reizvoll".

Meine Mutter hat sehr viel geschneidert und genäht und auch selbst Mode entworfen, und das hab ich nachgespielt. Hab dann Schmuck von meiner Mutter genommen und mich mit Schmuck behangen und Perücken aufgesetzt. Das erinnere ich so als die Spiele, die mir am meisten Spaß brachten. (Lars)
Dies gilt aber offenbar nicht für alle. Mindestens vier Männer bestanden darauf, daß Verkleiden und erst recht das Verkleiden als Frau ihnen keinen Spaß machte bzw. sie es nie getan haben. Sie wehren z.T. sehr heftig ab, sich in weiblicher Bekleidung wohlgefühlt zu haben, und wenn sie es aus eigenem oder fremden Antrieb taten, dann war es ihnen unangenehm.
Kann mich nicht dran erinnern, jemals viel Spaß daran gehabt zu haben. Ich glaube, Frauenkleidung war mir eher fremd. Mein Mutter hat mich als kleiner Junge manchmal so als Mädchen verkleidet, weil sie gern nach meinem Bruder ein Mädchen gehabt hätte, einmal als Rotkäppchen und ein anderes Mal als Prinzessin. Dann saß ich da auf meinem 'Thron' und die anderen Kinder kamen, um mir zu 'huldigen'. Von dem Rotkäppchen-Kostüm gibt es noch Fotos, aber ich finde, ich sehe nicht sehr glücklich damit aus. (Werner).
Auch für die 'weichen Jungen' scheint es also keineswegs die Regel gewesen zu sein, mit dem Anlegen weiblicher Kleidung auch die weibliche Rolle zu übernehmen. Dies wird überdeutlich, wenn gerade zwei Männer, die sowohl in der Kindheit als auch heute durchaus als feminin eingestuft werden könnten, wenig Interesse am Anlegen weiblicher Kleidung zeigten. Diese, nach eigener Angabe sehr weiblich identifizierten Männer lehnten das Tragen von Frauenkleidung ab, wollten ihre Weiblichkeit nicht durch Kleidung ausgedrückt sehen.
Hast Du Dich damals auch als Mädchen verkleidet? Nein, das habe ich nie getan. Aber wenn ich mal . so Kinder-Fotos von mir so angeschaut habe, wo ich ganz klein war, da dachte ich, ja, das sieht schon fast aus wie so eine tuntige Haltung. So das Bein so angeknickt ... irgendwie fand ich das schon sehr feminin, wie ich als Kind da war. (Albert)
Offenbar sind einzelne der 'harten Jungen' und ein Teil der 'weichen Jungen' motiviert, sich durch Kleidung in eine weibliche Rolle hineinzuversetzen, aber keineswegs alle. Es ist denkbar, daß der Wunsch einzelner Elternteile oder beider hierbei eine Rolle spielt, wie bei den 'harten Jungen' einmal vermutet wurde. Auch einer der 'weichen Jungen' erwähnt etwas ähnliches. Denkbar ist auch, daß ältere weibliche Geschwister als Rollenvorbild insbesondere für kleinere Jungen dienen könnten, so daß mit dem Überstreifen der weiblichen Kleidung ein Stück Identifikation mit der größeren, bewunderten Schwester möglich war.

Das Gesamtbild ist folglich uneinheitlich. Zwar erinnern zwei Männer des Clusters A und einige Männer des Clusters B Cross-Dressing, aber keinesfalls generell. Auch weisen gerade jene Männer des Clusters B Spaß am Verkleiden mit weiblicher Kleidung zurück, welche sich in der Kindheit als eher feminin definieren.
 

- Männliche Identität

Für die 'harten Jungen' stellte sich die Frage nach der Geschlechtsidentität nie, sie waren gerne Jungen und genossen die Vorzüge, die dieses für sie hatte. Die 'weichen Jungen' waren auch gerne ein Junge, bei den meisten war jedoch die männliche Geschlechtsidentität von Zweifeln belastet, selten ungebrochen. Betont wird die Last, die mit der männlichen Rolle zu tragen ist und der sie sich gern entzogen.

"Die Brüchigkeit männlicher Identität zwingt Jungen und männliche Jugendliche, sich ihrer 'Männlichkeit' permanent über ihr Verhalten zu versichern." (Schenk 1994). Und: "Das Prädikat 'Männlichkeit' muß erkämpft werden, denn es wird nur kurzzeitig und auf Widerruf vergeben" (Schenk 1995). Schmauch (1995) vermutet, daß es deswegen eine "stabile männliche Identität" überhaupt nicht geben könne.

Sofern dies die Realität von Jungen und jungen Männern richtig wiedergibt, müßten zumindest die 'weichen Jungen' in ihrer Geschlechtsidentität zutiefst erschüttert worden sein. Denn ihr Verhalten spiegelte ja nur begrenzt Männlichkeit wider. Kasten (1994) geht jedoch davon aus, daß Identifikation mit dem eigenem Geschlecht nicht notwendig ein geschlechtsspezifisches Verhalten bedinge. Gerade bei Jungen ist durchaus denkbar, daß sie die biologische Tatsache, männlich zu sein, als hinreichend ansehen könnten, sich mit dem gesellschaftlich angeseheneren Geschlecht zu identifizieren. Können sie doch zumindest physiologische Aspekte für sich ins Feld führen, wie es 9-13-jährige Jungen in der Umfrage von Milhoffer, Krettmann & Gluszczynski (1996) taten, wenn sie den Vorteil, "an den Baum pinkeln zu können" anführen.

Bei der Beantwortung des Auswahlfragebogens sind die Aussagen der harten Jungen' klar. Alle neun interviewten Männer hatten sich als normaler Junge' klassifiziert(3). Im Interview wurden sie danach gefragt, ob sie gern ein Junge gewesen sind, und die Antworten waren stets ein uneingeschränktes Ja. Häufigster Tenor ist: "Mir wäre nichts anderes in den Kopf gekommen." Beantwortet jemand überhaupt die Frage ausführlicher, dann kommt nicht nur die Selbstverständlichkeit der männlichen Geschlechtsidentität, sondern auch Stolz und Selbstbewußtsein (in) dieser Rolle zur Sprache.

Ja, auf jeden Fall. Also, absolut! Da habe ich auch ... nie irgendwie .. also auf den Gedanken wäre ich auch nicht gekommen, das irgendwie ändern zu wollen. Da war man auch stolz irgendwann drauf, ne, wie die Mädchen da .. ha, wir sind Jungen und wir sind besser! Oder was weiß ich. Also, absolut, hundertprozentig! (Rainer)
Zufrieden sein mit der eigenen Geschlechtsrolle, auch stolz sein auf die eigenen Fähigkeiten - vergleichbare Aussagen finden sich wiederholt in den Antworten auf obige Frage. Mehrere Männer deuten an, daß sie sich diese Frage als Kind gar nicht stellten, "vielleicht weil es so normal war." Sie waren Jungen und waren zufrieden damit.

Keiner der Interviewten aus Cluster A beklagt die Erschwernisse, die Junge-Sein mit sich bringen kann: Stark sein müssen, sich wehren müssen etc. Dieser Bereich wird von den harten Jungen' ausgeblendet, gesehen wird fast nur der positive Teil, die Anerkennung, der Spaß, das Selbstwertgefühl, welches sie aus ihrer Geschlechtsidentität ziehen.

Im Grundsatz gibt es bei den Männer aus Cluster B keinen Unterschied in der Haltung zum Jungesein. Zehn der dreizehn Interviewten hatten sich im Auswahlfragebogen als ehemals 'sanfte Jungen' charakterisiert, drei hatten 'mädchenhafter Junge' angekreuzt. Die Interview-Frage, ob sie gerne eine Junge waren, brachte zunächst bei fast allen eine ähnlich klare Haltung hervor wie bei den ehemals 'harten Jungen'.

Ja. War gern ein Junge und bin immer .. bin gern ein Mann. Also, ne Frau wollte ich eigentlich nie sein. (Lars)
Ich fand es im Prinzip gut. Ich wollte auch ein Mann sein. Ein Mann zu sein, war .. glaub ich auch immer für mich schon erstrebenswert. (Werner)
Die Zusätze ' glaube ich' oder 'im Prinzip' deuten aber darauf hin, daß hier ein für sie problematisches Thema berührt ist. Zwar wird der Wunsch, ein Junge zu sein, von vielen geäußert - gerade wenn es um die positiven Seiten des Jungeseins geht. Hier greift offenbar ein ähnlicher Mechanismus wie bei den 'harten Jungen', eine Reaktion auf das höhere Ansehen, das Jungen und Männer in unserer Gesellschaft haben.
Junge an sich sein, merk ich schon, war schon irgendwie ganz positiv. Also, ich glaube, ich hab dadurch doch mehr Aufmerksamkeit zum Beispiel auch von meinem Vater gekriegt, als meine Schwester. Und das merk ich irgendwie schon, das war was anderes. Zumal ich der einzige Sohn war, der später mal das Geschäft übernehmen soll. Ich glaub, das hab ich genossen! (Veit)
Ein Junge zu sein hatte in den 60er und 70er Jahren, als die interviewten Männer Kinder waren, ein hohes Ansehen und etliche Vorteile. Dies nahmen die weichen Jungen' offenbar wahr und genossen es.

Aber Junge-sein hatte für sie nicht nur diese positiven Seiten. Neuere Untersuchungen stellen bei Kindern beiderlei Geschlechts im Kindergartenalter auch ein spürbares "Leiden an der (kulturellen) Differenz und den damit verbundenen Zuschreibungen, Einschränkungen und Tabus (insbesondere das der Homosexualität)" fest (Hoeltje 1996, S.174, Klammern im Original). Kommt folglich zur Sprache, welche Anforderungen und Erwartungen an Jungen gestellt werden, dann sprechen die ehemals weichen Jungen' sehr schnell über ihre Abneigung oder ihr Versagen gegenüber der geforderten Rolle.

Ich wollte ein Junge sein, aber ich wollte nicht unbedingt das sein, was so .. wie so Jungen allgemein sind, aber ich wollte ein Junge sein! (Werner)
Die 'weichen Jungen' wollten ein Junge sein, waren gerne Jungen, wollten diesem ihrem Geschlecht gern angehören, fühlten sich aber gleichzeitig unwohl mit der männlichen Rolle und deren Anforderungen. Von Zufriedenheit oder gar Stolz auf die eigene Rolle, auf das eigene Geschlecht kann kaum bei einem von ihnen die Rede sein. Es wird mehr das Scheitern an den gesellschaftlich geforderten Vorgaben beschrieben, die männliche Identität kann nicht ungebrochen wahrgenommen werden. Und doch beschreiben mit einer Ausnahme alle, sowohl 'harte Jungen' wie 'weiche Jungen' ihre Geschlechtsidentität als eindeutig männlich. Dies steht in Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Düring (1993), deren 'wilde Mädchen' ebenfalls ihre Geschlechtszugehörigkeit nicht in Zweifel ziehen, und die innere Gewißheit haben, ein Mädchen bzw. eine Frau zu sein. Im Gegensatz zu den Männern dieser Studie gaben die Frauen dort jedoch nicht an, Probleme mit der Brechung der Geschlechterrollen zu haben. Es gelang ihnen offenbar, das biologische vom sozialen Geschlecht zu trennen.
 

- Weibliche Identität

Die 'harten Jungen' grenzten sich ab von Mädchen und akzeptieren die Erwartungen, die an sie als Jungen gestellt werden. Die 'weichen Jungen' vermuteten eher weibliche Anteile bei sich und haderten mit ihrer Geschlechtsrolle. Aber nur einer dieser Jungen hatte dauerhaft den Wunsch nach weiblicher Geschlechtsidentität.

Nach Bech (1997) bieten die Gesellschaft und die Medien den Platz an der Seite eines Mannes nur Frauen an. Ein prähomosexuelles Kind, welches frühzeitig erotische Sehnsüchte und ein Nähe-Bedürfnis gegenüber Männern wahrnimmt, könnte daher den logischen Schluß ziehen, es müsse eine Frau sein. Wie in Kap.2 beschrieben wurde, war dieser Gedanke sowohl in der Wissenschaft wie auch unter Homosexuellen selbst lange Zeit verbreitet. Isay (1990) konnte jedoch bei keinem der von ihm untersuchten homosexuellen Männern eine Störung der Geschlechtsidentität dahingehend feststellen, daß sie in der Kindheit das Gefühl hatten, ein Mädchen und nicht ein Junge zu sein.

Ihre männliche Identität war für die harten Jungen' offenbar eng mit einer Abgrenzung von Mädchen verbunden. Jungesein hieß für viele Männer dieses Clusters nicht nur, überwiegend mit anderen Jungen zu spielen, sondern sich bewußt von Mädchen - und deren Spielen - fern zu halten. Sie akzeptieren die bei vielen Jungen mit zunehmendem Alter wachsende Distanz zu Mädchen und deren Verhalten. Dieses wird beschrieben als "weibliches oder mädchenhaftes, zierliches Zieren", das man niemals hatte bzw. an den Tag legte. Die Abgrenzung galt sowohl in der Schule als auch in der Freizeit, auch bei jenen, die vor der Schule noch gern mit Mädchen gespielt hatten. Alles andere "wäre auch komisch gekommen", wäre von den anderen Jungen offenbar negativ bemerkt und ggf. sanktioniert worden. So ist die Abgrenzung bei den meisten recht heftig.

Also es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht so, das zu tun, was ich mit den Jungs gemacht habe. Und, also ich weiß noch, daß Mädchen in der Nachbarschaft, die haben mit Puppen gespielt und .. also, das konnte ich überhaupt nicht abhaben, ne. (Ernst)
Die Mädchen haben alle zusammen auf dem Schulhof was gespielt, und die Jungen haben auf dem Schulhof gespielt. Und da war so überhaupt keine Verbindung mehr. Das wäre auch komisch gekommen, glaube ich. (Rainer)
Mit Mädchen hatten sie eher wenig zu tun, ein Mädchen zu sein konnten sie sich nicht vorstellen. Ein Mann berichtet davon, wie er als kleiner Junge von einem Fremden für ein Mädchen gehalten wurde, was ihm peinlich war und er als Zumutung empfand. Er bestand empört auf seiner männlichen Identität.
Fand ich ne Unverschämtheit! (...) Ich kann das ist nicht nachvollziehen. Ich weiß nur, daß mich das damals geärgert hat. ich fand das fast schon peinlich irgendwie. Geht ja auch in dem Alter ein bißchen um ... um Selbstdarstellung, daß man gut dasteht und so. Und wenn da so einer kommt und das so sagt, Erwachsener auch noch. (Rainer)
Wenn Männer des Clusters A davon erzählen, daß sie doch mal bestimmte Mädchenspiele mitspielten, dann folgt häufig eine Bemerkung, die diese 'Ausrutscher' relativeren soll. Einer erzählt etwa von Gummitwist, beeilt sich aber, hinzuzufügen, "also, das war jetzt nicht so, daß wir das regelmäßig und ständig gemacht haben." Als er später erneut von seinem Spaß am Gummitwist erzählt, folgen kurz darauf Bemerkungen zu riskanten Jungenspielen: "Also, wenn ich mir das heute überlege, daß ich das alles überlebt habe - meine Güte!".

Lediglich einer der 'harten Jungen' fühlte bereits als Kind eine größere Nähe zu Mädchen und spielte viel mit einzelnen Freundinnen. Er ist damit einer der wenigen, die sich kaum von Mädchen oder 'mädchenhaftem' Verhalten abgrenzten.

Bei den 'weichen Jungen' ist dieser Umgang mit Mädchen und eine vertraute, sympathische Einstellung zu weiblichen Verhaltensweisen mit wenigen Ausnahmen die Regel. Sie nahmen sich selbst als nicht sehr männlich wahr bzw. bewerten ihr Verhalten heute so. Einige Männer bezeichnen sich ausdrücklich als feminin, womit sie ein eher mädchenhaftes Verhalten beschreiben wollen. "Irgendwie fand ich das schon sehr feminin, wie ich als Kind da war."

Andere beschreiben sich mehr in Abgrenzung von dem "wie man sich einen Jungen so vorstellt", also in Abgrenzung vom herkömmlichen Jungen-Bild. Sie empfanden sich als Jungen, ohne in ihrem Verhalten diesem üblichen Bild zu entsprechen.

Aber ich war ja nich son Junge, wie man sich einen Jungen so vorstellt. Oder wie sich viele so .. wie zumindest mein Vater sich einen richtigen Jungen gewünscht hat. (...) Das einzige Problem dabei war, daß es keine .. daß es keinen anderen Jungen gab, der so war wie ich. Also daß ich in meinem ganzen Spielverhalten, in meinem ganzen Sozialverhalten viel mehr mit den Mädchen anfangen konnte. Für mich selbst war das nicht so ein Problem, es war nur da ein Problem, wo ich son Feedback von anderen bekommen habe. (Torge)
Dieser Mann empfand sich keineswegs als Mädchen, war sogar gern ein Junge. Aber im Spielverhalten und im Sozialverhalten fühlte er sich den Mädchen näher, da "es keinen anderen Jungen gab, der so war wie ich". Die Nähe zu den Mädchen scheint zumindest in diesem Fall an die Ferne zu Jungen gekoppelt. Sie ist somit eher ein "ich bin nicht maskulin" wegen der kognitiven Einschätzung der Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Jungen (Friedman 1993), als ein "ich bin weiblich".

Die explizite Einordnung als Mädchen wird meist abgelehnt, selbst wenn in Rollenspielen oder beim Verkleiden die weibliche Garderobe gern getragen wird. Stellt jedoch jemand das Junge-Sein in Frage, dann reagieren diese 'weichen Jungen' ebenso empört und verletzt wie der oben erwähnte 'harte Junge'.

Ich hab mich auch oft verkleidet als Mädchen oder als Frau, und meine Eltern meinten dann, du hättest ein Mädchen werden sollen oder so. Mein Vater hat mich dann auch oft geärgert mit und mich dann einfach Petra genannt statt Peter und .. also, mir ham diese Spiele sehr viel Spaß gemacht. Wenn mein Vater mich dann so mit dem Mädchennamen genannt hat, hab ich das total weggestoßen, also das fand ich sehr unangenehm. Also, ein Mädchen sein wollen, glaub ich eigentlich nicht. (Peter)
Auch dieser Mann verspürte nicht den Wunsch nach weiblicher Geschlechtsidentität, aber sein Spielen mit der Rolle führt bald dazu, daß die soziale Umwelt ihm eine solche überstülpt.

Erzählt wird von Männern dieses Clusters häufig von den Nachteilen des Mannseins, des Jungeseins bzw. den Vorteilen des Mädchenseins. Wenn sie Angst vor etwas hatten, wenn sie mal wieder beim Schulsport vor den in sie gesetzten Anforderungen kapitulierten, dann regte sich manchmal ein Neidgefühl gegenüber Mädchen.

Manchmal war ich wohl nicht so glücklich, ein Junge zu sein. Und da dachte ich mir, daß es die Mädchen eigentlich viel viel besser haben. Weil die müssen nicht zur Bundeswehr. Tja, und im Schulsport hatten die das leichter, weil die bestimmte Sachen nicht machen mußten und die mußten nicht stark sein. (Valentin)
Dieser Mann beneidete als Kind Mädchen, weil diese nicht Erwartungen erfüllen müssen, die ihn belasteten. Dieses Hadern mit der Geschlechtsrolle taucht bei Männern des Clusters B häufig auf, ganz im Gegensatz zu den 'harten Jungen'.

Das Leiden an den Anforderungen führte bei manchen dazu, daß er sich gelegentlich wünschte, eine andere Geschlechtsidentität zu besitzen. "Um nicht so in sone Außenseiter-Position zu geraten, wäre das bestimmt für mich auch einfacher gewesen, wenn ich ein Mädchen gewesen wäre". Während der Wunsch bei diesem Mann nur zeitweise auftrat und sehr konkret mit Ausgrenzungserfahrung als 'weicher Junge' zu tun hatte, kann bei einem der Männer tatsächlich von einer weiblichen Geschlechtsidentität gesprochen werden, womit er sich in dieser Deutlichkeit jedoch von den anderen 12 Männern des Clusters B abhebt.

Ich war immer ganz hingerissen von diesen Mädchen, die in der Pubertät waren. Ich fand die unglaublich schön! Das ist eigentlich nur das, woran ich mich erinnere. Und dann einfach, daß ich irgendwann mich auch in so eine Traumwelt verloren habe und dann mir selbst vorgestellt habe, ein Mädchen zu sein. Und vor allen Dingen auch, als ich in die Schule kam. Ich war ein sehr weicher Junge, super ängstlich, und hab mich sehr an meiner Schwester orientiert. Und dann habe ich mich in Tag-Träumen verloren. So Fantasien, daß ich schon ein großes Mädchen bin und ganz toll Gummitwist tanzen kann, damals noch mit diesen Mini-Röckchen aus den Siebzigern. Ich habe sehr stark Phantasie-Welten entwickelt, und eine davon war immer auch, daß ich mir gewünscht habe, ein Mädchen zu sein. Daß ich wirklich gebetet habe jede Nacht. Warst du gerne ein Junge? Kann ich eindeutig mit Nein beantworten. Ja. Ich kann nicht sagen, daß ich mein Geschlecht gehaßt habe, ich hatte auch nie den Wunsch, daß mein Penis weg ist oder so. (Albert)
Bis zur Pubertät hat dieser Mann eine weibliche Geschlechtsidentität, ohne sie allerdings auf den Wunsch nach weiblichen Geschlechtsteilen zu übertragen, also ohne wirklich eine transsexuelle Entwicklung durchzumachen.

Insgesamt äußern jedoch alle anderen Männer des Clusters B, daß sie sich einem weiblichen Rollenvorbild zwar nahe fühlten, ohne deshalb eine andere als die männliche Geschlechtsidentität haben zu wollen. Es scheint eher das Unvermögen oder die fehlende Bereitschaft vorzuherrschen, sich dem geforderten Rollenverhalten anzupassen.
 

- Gefühl des Andersseins

Die 'harten Jungen' erlebten sich in ihrer Kindheit nicht als anders als andere Jungen; gleiche Spiele, Interessen und Verhaltensweisen stärkten diesen Eindruck. Die meisten 'weichen Jungen' beschreiben ihr Selbsterleben jedoch als 'anders', da sie sich im Handeln und Fühlen von anderen Jungen unterschieden fühlten.

Ein Gefühl von Anderssein in Kindheit und Jugend wird vielfach als Indikator (Bell, Weinberg & Hammersmith 1981, Troiden 1989) oder gar verursachendes Moment (Johnston & Bell 1995, D.Bem 1996) für spätere Homosexualität angesehen. "Jungen, die sich nicht anders als ihre Altersgenossen fühlen oder sich aus anderen (als geschlechtsbezogenen, T.G.) Gründen anders fühlen (etwa weil sie klüger, ärmer oder introvertierter sind), werden kaum homosexuell."(Bell, Weinberg & Hammersmith 1981). Bochow (1998) berichtet jedoch auch von Männern, die dieses Gefühl in der Kindheit nicht kannten.

Isay (1990) macht explizit homoerotische Empfindungen verantwortlich für das Gefühl von Anderssein, welches nach seiner Erfahrung "fast alle Homosexuellen" in der Kindheit gehabt hätten. Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten seien nur vordergründig dafür verantwortlich und würden der Verdrängung homoerotischer Phantasien dienen.

Allerdings schildert z.B. Seidler (1996) eigene Erfahrungen als präheterosexueller Junge, die jenen vieler prähomosexueller Jungen ähneln: er kam sich schwächlich vor, hatte Angst, von den anderen Menschen als 'anders' wahrgenommen zu werden, paßte sich an die anderen an, wurde aus Angst vor Ablehnung ein 'guter Junge' und zog sich in eine Phantasiewelt zurück. "Dies war ein wichtiger Bestandteil meiner Überlebensstrategie, weil sie es mir erlaubte, mich angesichts der Erniedrigungen und Demütigungen des Schullebens zurückzuziehen"(S.125). Bei ihm waren ganz offensichtlich Defizite in der Übernahme der männlichen Geschlechtsrolle die Grundlage für sein Gefühl des Andersseins.

Ein solches Gefühl findet sich bei den 'harten Jungen' vor der Pubertät nur in Ausnahmefällen. Da die Interessen dieselben waren wie bei dem Bruder bzw. anderen Jungen, die Spiele und das Verhalten sich ähnelten, kam kaum einer von ihnen vor dem Pubertät auf die Idee, 'anders' zu sein. Auch hier also eine Übereinstimmung mit den Antworten des Fragebogens.

Lediglich zwei Männer, dabei auch einer, der bereits im Auswahl-Fragebogen Gefühle des Andersseins angab, schildern ein Selbsterleben, welches ein solches Gefühl entstehen lassen könnte. Der eine erwähnt die geringe Neigung zum Raufen, die ihn sich als ein wenig anders erleben läßt. Der zweite, dessen beide Eltern sich nach zwei Söhnen eine Tochter wünschten, erlebte sich als ein Junge, der im Gegensatz zu seinen Brüdern mehr mit Mädchen und häufiger auch ganz allein spielte. Allerdings erlebte er Anderssein auch in seiner Vorliebe für Autos.

Also, einmal dieses alleine spielen, das war nur ich - oder ich hab's bei meinen Brüdern nicht mitgekriegt, das kann natürlich auch sein, weil die nun älter waren, daß die dann eher in ihren Zimmern was gemacht haben. Aber ansonsten war das mein Ding. Und die Autos, war auch mein Ding. (...) Als man dann später die Chance hatte, sich selber Freundschaften zu suchen, in der Schule oder was, da hatten, glaub ich, meine Brüder nur noch Freunde. Und ich hatte Freundinnen und Freunde. (Dirk)
Hier stimmen Realität und Wahrnehmung also überein. Derjenige Mann, dessen Verhalten in der Kindheit in mancher Hinsicht bei den 'harten Jungen' etwas aus dem Rahmen fällt, erlebt dieses Abweichen auch schon während der Kindheit.

Sich als anders erleben, den Unterschied zu den männlichen Peers deutlich wahrnehmen, tritt jedoch bei den 'weichen Jungen' regelmäßig auf. Selbst Männer, die im Auswahlfragebogen diese Frage verneint hatten, berichten im Interview auf Nachfrage davon. Fast immer hing diese Wahrnehmung mit dem eigenen, als verschieden von dem anderer Jungen erlebten Verhalten und den abweichenden Interessen zusammen.

Weil ich mich ja auch für andere Sachen interessiert hab, als die meisten anderen Jungs. Meine Spielsachen, aber auch mein Interesse für Bücher, auch für vielleicht eher so ungewöhnliche Themen. Ich hab mich früher für Schlösser interessiert, hab mir so Bücher über Schlösser gekauft. Oder klassische Musik gehört. Und wollte dann unbedingt anfangen, Klavier zu spielen. Ham mir meine Eltern auch irgendwann n Klavier gekauft. Also, ich kenn eigentlich keinen Jungen aus meiner früheren Zeit, der das interessant fand. (Valentin)
Es ist sehr deutlich das geschlechtsspezifische Verhalten, welches als 'anders' wahrgenommen wird. Lesen, Klavierspielen, klassische Musik hören - obwohl dies durchaus Tätigkeiten sind, die eher als geschlechtsneutral eingeordnet werden (S.Bem 1974), reichte es offenbar zur Selbstwahrnehmung als anders. Genannt werden aber auch Verhaltensweisen wie Ängstlichkeit, Zurückhaltung, geringer Mut und wenig Durchsetzungsvermögen, wenn die Männer aus Cluster B beschreiben, was sie sich als anders erleben ließ. Hinzu kam die Erfahrung, "Mädchen immer viel besser (zu) verstehen als Jungs", daß es mit den Mädchen "leichter, alles stimmiger, alles fließender" war.

All diese Unterschiede zum gesellschaftlich definierten Jungenbild wie auch zu realen Jungen, welche im bisherigen Kapitel zu Spiel und Sport beschrieben wurden, wurden offenbar wahrgenommen. Dies führte dazu, daß fast ¾ der Cluster B-Männer ihr Verhalten bzw. sich selbst als 'anders' empfanden, jedenfalls im Vergleich mit anderen Jungen.
 

-     Zusammenfassung, Fragen, Ideen, Kommentare

Anhand einer Vielzahl von Zitaten konnte verdeutlicht werden, wie sich die Angehörigen der beiden Cluster A und B hinsichtlich ihres erinnerten Geschlechtsrollenverhaltens im Spiel, bei Konflikten und bei ihrer Geschlechtsidentität in nicht geringem Maße unterscheiden.

Dies ist angesichts der Auswahl mit Hilfe der Clusteranalyse auf der Basis von Angaben zum Geschlechtsrollenverhalten nicht erstaunlich, auch wenn die Ergebnisse der Interviews jene des Auswahl-Fragebogens damit validieren. Die bei der Clusteranalyse verwendeten Variablen waren offensichtlich hinreichend, um zwei in fast allen aufgeführten Merkmalen des Geschlechtsrollenverhaltens bis in Details des Erlebens und Empfindens unterschiedliche Gruppen zu bilden.

Die harten Jungen' bevorzugten nach ihrer Aussage überwiegend typische Jungenspiele, spielten meist draußen und mit anderen Jungen, schildern sportliche Spiele und durchaus lustvoll Wettkampf und "Spaß-Kämpfchen". Sie suchten überwiegend nicht die aggressive körperliche Auseinandersetzung, gingen ihr aber auch nicht unbedingt aus dem Weg. Der Gesamteindruck bezüglich des Geschlechtsrollenverhaltens der 'harten Jungen' ist der von 'normalen' Jungen, die sich nur wenig oder gar nicht von den anderen Jungen ihrer Umgebung unterschieden, sich nicht als anders oder gar mädchenhaft erlebten.

In deutlichen Kontrast hierzu stehen die weichen Jungen'. Sie schildern Interesse für aggressions-ärmere, von den Mädchen bevorzugte Spiele, hielten sich häufig drinnen auf, hatten vielfach weibliche Spielgefährten oder spielten allein. Sportliche Spiele und Wettkampf bzw. Konkurrenz lehnten sie ab, körperlichen Auseinandersetzungen vermieden sie, wo immer es ging. Ihre Geschlechtsidentität ist männlich, Zweifel an der Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht selten, häufig aber der Zweifel, ein richtiger Junge" zu sein.

In Bezug auf Spiel- und Konfliktverhalten entsprechen die Männer des Clusters B jenem Bild, welches in der bisherigen Forschung vorwiegend als typisch für alle prähomosexuellen Kinder gezeichnet wurde. Allerdings es ist bei einer Stichprobengröße von 151 kaum gelungen, im Friedman'schen Sinne effeminierte" prähomosexuelle Männer zu finden, d.h. den umgekehrten Weg wie Green zu gehen. Lediglich auf einzelne (im Interview ein Mann) könnte diese Bezeichnung in der Kindheit zutreffen.

Für dieses erste Auswertungskapitel kann es nicht das Wesentliche sein, daß es die deutlichen Unterschiede zwischen beiden Clustern gibt. Dies ist bereits mit Hilfe des Begleit-Fragebogens belegt und war konstitutiv für die Clusterbildung. In den folgenden Kapiteln muß sich erweisen, ob diese Unterschiedlichkeit auch auf andere Bereiche zutrifft. Neu aufgrund der Interviews ist allerdings das jeweilige Erleben, Beschreiben und Begründen, was das Handeln der Befragten verständlicher und nachvollziehbar macht. Von daher war es wichtig und angebracht, Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität erneut zu thematisieren.

Wichtig ist jedoch, daß durch die Bildung des Clusters A Männer gefunden wurden, welche in ganz zentraler Weise dem weit verbreiteten Bild vom prähomosexuellen weichen Jungen widersprechen. Die Erzählungen dieser Männer eröffnen damit den Zugang zu Entwicklungsmustern homosexueller Kindheit und Jugend, welche bisher unter den Tisch der Homosexualitätsforschung fielen.

Bereits jetzt stellen sich jedoch auch Fragen an die Ergebnisse, sollen Ideen festgehalten und Kommentare angefügt werden.

Trotz einer Aufsplitterung in unterschiedliche Variablen wie 'Spielräume', 'Dynamik des Spiels', 'Spielgefährten' etc. muß festgestellt werden, daß diese vermutlich kaum unabhängig voneinander sind. Die von einer starken Dynamik geprägten sogenannten Jungenspiele (Fußball, Räuber und Gendarm, Entdeckungstouren, Bandenkämpfe) finden drinnen wenig Raum, so daß es fast zur notwendigen Voraussetzung wird, draußen zu spielen. Wer Freude an körperlicher Bewegung hat und diese gerne auslebt, wird auch eher Spaß an Sport und wildem Ballspiel haben. Da Jungen dieses Ausleben von Bewegungsimpulsen zur Zeit der Kindheit der interviewten Männer eher zugestanden wurde als Mädchen, ist auch wenig verwunderlich, daß als Spielgefährten hauptsächlich Jungen (oder entsprechend bewegungsfreudige Mädchen) in Frage kommen. Und nicht zuletzt erfordern die meisten der oben aufgeführten 'Jungenspiele' einen oder mehrere Mitspieler, was es mit sich bringt, 'zusammen' zu spielen. Ähnliches läßt sich umgekehrt für die 'weichen Jungen' entwickeln.

Ist es womöglich vor allem der starke Bewegungsimpuls, der ungehemmte Wunsch nach körperlicher Aktivität, welcher die beiden Gruppen unterscheidet? Sehr gut läßt sich dies am Fußballspiel belegen, ein Spiel, welches wie kaum ein anderes aggressive Impulse sowohl zu fordern wie auch zu fördern scheint(4). So gut wie jeder der 'harten Jungen' spielte dieses "mit Leidenschaften aufgeheizte" Spiel, meist jeden Tag. Die 'weichen Jungen' hingegen haßten diesen aggressiven Sport, er ängstigte sie, konfrontierte sie mit Bedrohung und Gefahr, so daß sie dem Fußball auswichen. Sie spürten offenbar die Bedrohung so stark, daß sie sich diesem Spiel lieber entzogen, so wie sie allen körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg gingen. Die 'harten Jungen' ignorierten entweder diese Angst oder konnten sie mit Hilfe der dauernden Bewegung verdrängen (Schmauch 1995).

Im Rahmen der Interviews lieferten die Männer allerdings auch eigene Theorien, weshalb sie z.B. eher drinnen oder draußen spielten, wieso sie die wilden Spiele bevorzugten oder ablehnten. Der 'Zugzwang des Erzählschemas' (Schütze 1977, S.52) verhalf hier zu einigen Begründungen (s.o.). Wieweit diese externen Faktoren (insbesondere ängstliche Eltern bei den 'weichen Jungen' oder kontrollierende Eltern bzw. Erzieherinnen bei den 'harten Jungen') vorhandene Bewegungsimpulse eingeschränkt oder gefördert haben, kann noch nicht verläßlich beantwortet werden. Sie dürften jedoch durchaus eine Rolle spielen.

Eine weitere wichtige Überlegung ist, ob beide Gruppen in sich homogener erscheinen, als sie wirklich sind. Die Gegenüberstellung innerhalb der Unterpunkte bringt es mit sich, daß Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Clustern unterbewertet werden können. Einzelne Männer des Clusters A erzählen vom Spaß am Spiel mit Mädchen, benennen sogar 'Gummitwist' als eines ihrer Lieblingsspiele. Ein Mann spielte relativ viel mit Mädchen und zudem recht häufig allein. Ein anderer wünschte sich als Kind eine Puppe, bekam sie und erinnert, vom Bruder deswegen ausgelacht worden zu sein. Derselbe Mann erzählt davon, sich auch einmal als Frau verkleidet zu haben - aber eben auch als Indianer oder Katze.

Kann es sein, daß (auch) die Männer des Clusters A in ihrer (frühen) Kindheit mehr Spaß an Spielen hatten, welche jungen-untypisch waren, als sie im Interview erinnern oder zugeben mögen? Sind die Unterschiede zwischen den Clustern, die ja aufgrund von Selbsteinschätzungen gebildet wurden, in der Realität geringer? Und was heißt dies für die vermutete Ähnlichkeit der prähomosexuellen Jungen des Clusters A mit präheterosexuellen Jungen? Rekonstruieren auch heterosexuelle Männer ihre Kindheit 'jungenhafter', um sich vom 'Makel' weiblicher Anteile abzusetzen?

Oder erinnern die (homosexuellen) Männer dieser Untersuchung eher nonkonformes Verhalten in der Kindheit, weil dies dem Klischee innerhalb der homosexuellen Gemeinschaft entspricht, wo Spiel mit Puppen, Bälle nicht treffen können und Gummitwist zum Standard-Repertoire gemeinsamer Erinnerungen gehört?

Bei den Männern des Clusters B muß dieselbe Frage gestellt werden. Überbetonen die Männer den klischeehaften Anteil ihrer Kindheit und wehren Übereinstimmungen mit präheterosexuellen Jungen ab? Findet hier ein Prozeß der Vereinheitlichung statt, um sich als Teil eines Ganzen - in diesem Fall der homosexuellen Welt - begreifen zu können?

Es fällt auf, daß es gerade diejenigen Männer sind, die sich in anderer Hinsicht als besonders typisch für den jeweiligen Cluster beschreiben, welche von Verhaltensweisen berichten, die aus der Rolle fallen. Micha aus Cluster A hatte Gummitwist als eines seiner Lieblingsspiele angekreuzt und berichtet begeistert vom Backen mit der Großmutter wie auch dem Stricken mit der Strickliesel. Er ist aber gleichzeitig einer der Männer des Clusters A, die mit wahrer Begeisterung von Bandenkämpfen, wildem Spiel und Fußball erzählen. Auch heute imponiert er als ausgesprochen maskulin wirkender Mann. Volker aus Cluster B ist in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil. Er bezeichnet sich selbst sowohl in der Kindheit wie auch jetzt als feminin. Und doch ist es gerade Volker, der viel draußen war, weniger an Mädchenspielen interessiert war und dem es mit Hilfe von Judo gelungen ist, sich Respekt bei anderen Jungs zu verschaffen. Kann es sein, daß gerade diese typischen Vertreter einer Rolle leichter Abweichungen von der Rolle zulassen bzw. erinnern können?

Eine der bedeutsamen Gemeinsamkeiten beider Cluster liegt in der oft geäußerten Abneigung gegen Aggressionen und körperliche Auseinandersetzungen. Ob die Männer des Cluster A in diesem tatsächlich vom durchschnittlichen heterosexuellen Jungen abweichen, ist mangels Kontrollgruppe schwer zu klären. Möglicherweise findet man auch bei diesen eine Mehrheit, die sich nur widerwillig an körperlichen Auseinandersetzungen beteiligt hat.

Ein nicht zu unterschätzender Bias im vorliegenden Sample mag gerade hier besonders zum Tragen kommen. Acht der neun interviewten Männer des Clusters A haben Abitur bzw. ein Hochschulstudium absolviert, der neunte hat die Schule mit der Mittleren Reife abgeschlossen. Es ist denkbar, daß sie einem familiären Hintergrund entstammen, in dem Gewalt sanktioniert war. Mindestens einer der Männer erwähnt dies explizit, als das Thema Gewalt angesprochen wird: "Also, ich bin von meinen Eltern nie geschlagen worden, nie!". Dies könnte eine Auswirkung auch auf das außerfamiliäre Konfliktverhalten haben. Die mehrfach erwähnten Konfliktstrategien der verbalen Auseinandersetzung könnten ein Hinweis auf mittelschicht-orientiertes Straf- bzw. Streitverhalten sein.

Ein weiterer Grund mag eine Rolle spielen. Durch die Trennung in 5 Cluster entstand auch der Cluster D der 'wilden Jungen', die gerade bei Aggression und körperlichen Auseinandersetzungen deutlich höhere Scores erhielten(5). Möglicherweise sind durch die Trennung der beiden Cluster die durch mehr Aggression geprägten Jungen, die aber auf anderen Feldern stärkere Abweichungen vom gesellschaftlichen Bild des 'normalen Jungen' aufwiesen, aus der Gegenüberstellung herausgefallen. In der Tat erzählen diese Männer aus Cluster D in den Interviews alle davon, daß sie selten einer Prügelei oder einem Streit aus dem Weg gingen.

Wenn es Streit gab, hab ich mich geprügelt. Ich war ziemlich rechthaberisch und bestimmte oft, was gemacht wird. (...) Ich hatte kaum Angst und habe selten verloren, es sei denn eins gegen drei, vier oder so. (John)
Mit dem Bruder, das war ziemlich heftig unser Streit. Und ziemlich oft (lacht). Einmal habe ich ihn sogar .. ihn auf den Boden geschlagen und mit dem Fuß ins Gesicht getreten. Ich war so wütend! Hattest Du Angst vor solchen Auseinandersetzungen damals? Nein, überhaupt nicht. Nee. (Gerold)
Wie bist du mit Konflikten umgegangen? Ich bin dem ausgewichen. Ja. Oder wenn ich dann doch nicht mehr ausweichen konnte, dann bin ich aggressiv geworden. Versucht, dem auszuweichen, und wenn es nicht mehr ging, dann aggressiv geworden, dann draufhauen auf deutsch. Warum ausweichen? Ja, weil keiner gern Konflikt oder Streit ... weil keiner hat das gerne. (Jürgen)
Der letzte Satz verdeutlicht vielleicht die Haltung, die auch viele der in meiner Untersuchung 'harten Jungen' genannten prähomosexuellen Männer vertreten. Die Mehrheit suchte nicht die Schlägerei, "keiner hat das gerne." Sehen präheterosexuelle Jungen dies wirklich anders? Einige Bemerkungen von Männern des Clusters A könnten darauf hindeuten(6). Oder gilt nicht auch bei ihnen mehrheitlich, daß Prügeln höchstens ein notwendiges Übel ist, dem sich niemand gerne aussetzt? Friedman (1993) berichtet von einer Untersuchung, die er zusammen mit Stern 1980 durchführte. Von den 17 heterosexuellen Männer, die er befragte, gaben 13 an, während ihrer Kindheit und Adoleszenz anderen Jungen gegenüber Aggressionen gezeigt zu haben. "Diejenigen, die an Kämpfen teilnahmen, hatten nicht immer Spaß daran. Sie waren häufig ängstlich, aber es war mit ihrem Wertsystem unvereinbar, nicht an ihnen teilzunehmen. Es ist zu betonen, daß keiner dieser präheterosexuellen Jungen auf ungewöhnliche Weise 'kampflustig' war. . . . . Allerdings zeigten sie auch kein phobisches Vermeidungsverhalten, wenn es um solche Kämpfe ging."(Friedman 1993, S.22). Und dies ist der Unterschied, der sich auch zwischen den Clustern A und B finden läßt, das phobische Vermeidungsverhalten" der meisten 'weichen Jungen'.

Wenn fast alle Interviewten eine weibliche Geschlechtsidentität für sich ablehnten, könnte dies auch mit der hohen gesellschaftlichen Wertung des Mannes bzw. des Jungen gegenüber der Frau/ dem Mädchen sowie den Vorteilen zusammenhängen, die Jungesein an sich in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft mit sich bringt. Solange Frauen als das weniger wertvolle Geschlecht angesehen werden (Schmauch 1995), dürfte zumindest eine formale weibliche Identifikation als minderwertig empfunden und daher abgelehnt werden. Hätten in einer in Hinsicht auf das Geschlecht egalitären Gesellschaft mehr der 'weichen Jungen' den Wunsch verspürt, ein Mädchen zu sein? Wäre dies nicht angesichts des Leidens an der geforderten Rolle ein verlockender Weg gewesen?

Eine solche Idee liegt nahe, da es durchaus Äußerungen in dieser Richtung von Männern des Clusters B gibt. Auch bei jenem Mann, der während seiner gesamt Kinderzeit ein Mädchen sein wollte, kann der Wunsch eine Schutzfunktion gegenüber den gewalttätigen Eltern gewesen sein, in der Hoffnung (und womöglich auch aus Erfahrung bei seiner Schwester), als Mädchen weniger brutal behandelt zu werden.

Beim Spaß am Verkleiden als weibliches Wesen scheinen die Gruppen-Unterschiede zwischen beiden Clustern deutlich zu sein, auch wenn es interessante Ausnahmen gibt. Einzelne 'harte Jungen' verkleideten sich als Mädchen, einzelne 'weichen Jungen' lehnten dies massiv ab.

Welche Rolle spielt hierbei der Wunsch der Eltern nach einem Mädchen statt des Jungen bzw. umgekehrt? Wird womöglich der unbewußt oder bewußt wahrgenommene Wunsch durch Verkleiden (scheinbar) umzusetzen versucht? Beide Männer aus Cluster A, die Verkleiden als Frau erinnern, gaben an, daß ihre Mutter sich vor der Geburt ein Mädchen wünschte, einige der Männer aus Clusters B, die ein Verkleiden als Frau ablehnten bzw. es nicht erinnern, gaben an, ihre Eltern hätten sich vor der Geburt einen Jungen gewünscht.
 
 
 
 

4.3.2      Soziale Beziehungen: Eltern, Geschwister und Peers

 
A cup of father absence, a dash of maternal dominance, a sprig of peer rejection,
and a pinch of early homosexual seduction combine to yield the homosexual man.
Green (1987) in "Sissy Boy Syndrome"


In ironisierter Form greift Green mit diesem Wort die populären Vorstellungen über soziale Beziehungen prähomosexueller Kinder zusammen, die zudem in Theorien eingeflossen sind. Ein ferner Vater, eine dominante Mutter, abweisende Peers und homosexuelle Verführung bilden eine eingängige Quadratur aus Schuldzuweisungen, die zur Erklärung der Abweichung 'Homosexualität' offenbar nötig sind. Dieses Verständnis der elterlichen Beziehungen Homosexueller erhielt Ende der 60er Jahren durch Bieber et al. (1962) eine breite wissenschaftliche Unterstützung.

Der Diskussionsstand in den 90er Jahren ist fortgeschrittener, präferiert werden nun interaktionistische Beschreibungen von einer gegenseitigen Beeinflussung von Eltern und Kind bzw. prähomosexuelles Kind und Peers. Für Isay (1990) zieht sich der Vater aus dem engen Kontakt zum prähomosexuellen Sohn zurück, weil er die erotische Zuneigung des Jungen spürt und er sich vom unmännlichen Verhalten des Kindes abgrenzt. Der Junge seinerseits zieht sich ebenfalls zurück, z.T. um das homoerotische Begehren zu verdrängen. Zur Mutter besteht nach Isay eher eine Konkurrenzbeziehung, aus Neid für ihre Beziehung zum Vater wird die Mutter als unterdrückend oder vereinnahmend beschrieben. Auch McConaghy & Silove (1992) vermuten, die Gefühle und Verhaltensweisen der Eltern seien zumindest teilweise eine Antwort auf das Verhalten ihres Kindes.
 

-      Die Eltern

Die Beziehung zu den Eltern wurde im Auswahl-Fragebogen nur wenig berührt. Es wurde lediglich erfragt, ob der Proband bei seinen Eltern bzw. Stief- oder Großeltern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren lebte und mit drei Fragen das Verhältnis zum Vater ausgelotet(7).

Im Interview hingegen wurde sehr ausführlich auf diese Beziehungen eingegangen, indem sowohl für die Kindheit als auch für die Jugend das Verhältnis zu den Eltern erfragt wurde. Ergänzt wurde dies durch die sehr konkrete Frage danach, ob der Vater oder die Mutter dem Interviewten während seiner Kinderzeit näher gestanden habe. In den folgenden Abschnitten werden die Antworten hierzu dargestellt, wiederum unterschieden nach den beiden Gruppen 'harte Jungen' und 'weiche Jungen'.

Über den nach dem Interview auszufüllenden Begleit-Fragebogen wurden zudem Fragen nach dem Familienstand und den Berufen beider Eltern gestellt, auf die hier einleitend eingegangen werden soll. Fast alle Interviewten aus den beiden Clustern wuchsen zusammen mit beiden Eltern auf. Während der ersten zehn Jahre waren dies sieben von neun der Männer des Clusters A und zwölf von dreizehn der Cluster B-Interviewpartner. Von den 'harten Jungen' wuchs einer ohne Vater auf, einer anderer ab dem 4.Lebensjahr im Heim, wobei sein Vater die einzige elterliche Bezugsperson war. Bei den 'weichen Jungen' lebte einer ausschließlich bei seiner Mutter.

Auch bei der Berufstätigkeit der Eltern sind keine deutlichen Unterschiede zwischen den Clustern festzustellen. Alle Väter waren berufstätig, zwei Drittel der Mütter ebenfalls, wenngleich nicht alle davon in Vollzeit-Stellung. Die Berufe der Väter reichen von handwerklichen Tätigkeiten (Parkettleger, Maurer, KFZ-Mechaniker) über Dienstleistungen (Postbeamter, Standesbeamter), Lehrpersonal bis hin zu Selbständigen (Kaufmann, Arzt). Insgesamt überwiegen Berufe mit höheren Ausbildungsabschlüssen. Bei den Müttern sind es neben Lehrerinnen, Verkäuferinnen und Sekretärinnen einzelne selbständig Tätige (Taxifahrerin, Fotografin, Ärztin, Psychologin, Schneiderin).
 

- Nähe zu den Eltern

Für praktisch alle Männer beider Cluster war das Verhältnis zur Mutter näher als das zum Vater. Begründet wird dies vorwiegend mit der beruflichen Abwesenheit des Vaters. Während die 'harten Jungen' jedoch das Versorgtwerden und die häufigere Anwesenheit der Mutter als Grund für die Nähe benennen, thematisieren die 'weichen Jungen' Schutz und Anerkennung durch die Mutter.

Bieber & Bieber führten 1979 'psychoanalytisch fokussierte psychiatrische Interviews' mit 100 Elternpaaren und über 1000 homosexuellen Männern über die Beziehungen beider Generationen. Ihr Fazit lautete: 1. die Eltern hatten eine unbefriedigende Beziehung miteinander, die Mutter entwickelte ein übermäßig nahes Verhältnis mit ihrem Sohn und tendierte dazu, ihn zu dominieren, einzuengen und seine Selbstsicherheit zu unterminieren. 2. die Väter waren feindselig und konkurrierend, sie neutralisierten nicht den schädlichen mütterlichen Einfluß. Die Homosexuellen schilderten ihre Väter negativ (z.B. nicht vorhanden, ablehnend, feindlich, barsch, oder brutal).

Eine in der beschriebenen Weise belastete Beziehung im Rahmen eines 90-minütigen Interviews angemessen zu erfassen, dürfte schwierig sein. Trotzdem wurde zunächst versucht, die Erinnerung an das allgemeine Verhältnis gegenüber den beiden Eltern in seiner möglichen Unterschiedlichkeit anzusprechen, wobei als Ausgangspunkt die Frage nach der Nähe bzw. Ferne zum jeweiligen Elternteil gewählt wurde.

Die Antworten beider Cluster waren von der Grundaussage her sehr ähnlich. Obwohl ein Teil der Mütter berufstätig war, erwähnen viele Männer die häufigere Anwesenheit der Mutter, wenn sie über die Nähe der Beziehung gefragt werden.

Sicher meine Mutter. Würde ich jetzt spontan so antworten. Die war sicher die alltägliche und ständig bereite Bezugsperson. Wenn man da aus der Schule kam oder aus dem Kindergarten kam, klar, war die Mutter da immer. Sie hat einen auch abgeholt, der Kindergarten lag auch weiter weg von Zuhause, das konnte man nicht zu Fuß gehen (...) Also, daß man da dann entweder hingefahren wurde oder ... das lief eigentlich so. Und die war echt der tägliche Ansprechpartner, also auch für die ersten Schulaufgaben, wenn man sich da noch daran erinnert, das war also die Mutter gewesen. (Olaf)
Meine Mutter war der gute Geist. Die war die ganze Woche da, das Essen stand auf dem Tisch und .. sie hat, meine ich, auch Probleme erledigt, wenn welche da waren. (Rainer)
Allein der Zeitfaktor spielt offenbar eine große Rolle, verbunden mit dem Versorgungsaspekt. Die Mutter war zuhause, wenn die Kinder kamen. Sie war es, die das Essen machte, bei Hausaufgaben half, als Ansprechpartnerin zur Verfügung stand, sich kümmerte und sich mit den Kindern beschäftigte - "der gute Geist". Die Mutter wird dabei von den Männern des Clusters A vor allem als Versorgerin und Bezugsperson geschildert, die als solche näher stand als der Vater.

Für die 'weichen Jungen' spielte dies ebenfalls eine Rolle, bei ihnen kommen jedoch zwei weitere Funktionen hinzu, die ihnen erwähnenswert erscheinen: zum einen Schutz und Geborgenheit, zum anderen Akzeptanz und behudsame Förderung.

In der Zeit, in der ich aufwuchs, stand mir meine Mutter näher. (...) Ich hatte das Gefühl von Geborgenheit, wenn ich in der Nähe meiner Mutter war, ich konnte mich da bewegen, ich wurde nicht gefordert, oder vielleicht in gewisser Weise gefordert, daß ich jedenfalls .. mich darin wohlfühlen konnte, damit umgehen konnte. (...) ich mich auch hab fallen lassen können in diese Beschützerrolle ihrerseits, die Akzeptanz auch .. in einer Person. (Jan)
Rückhalt geben, beschützen und - gerade für die 'weichen Jungen' offenbar besonders wichtig - eine quasi bedingungslose Annahme: "Die hat mich auch so gemocht, wie ich war, das war ganz egal!" In dieser Beschreibung der Beziehung zur Mutter wird von den Männern des Clusters B nicht notwendig eine größere Nähe ausgedrückt, aber doch die hohe Bedeutung dieser nahen Beziehung für das eigene Wohlbefinden.

Einzelne Männer aus Cluster B erzählen in dem Zusammenhang davon, daß sie ihrer Mutter im Haushalt halfen und verschiedene Fertigkeiten erlernten. Vermutlich haben auch einige von den 'harten Jungen' in früher Kindheit derartiges gemeinsam mit ihrer Mutter getan, sie imitiert und ihr geholfen - sie erwähnen es jedoch nicht in gleicher Weise.

So stand die Mutter fast ohne Ausnahme allen Interviewten näher als der Vater, wenngleich dies nicht immer an der Mutter allein lag, sondern auch an der Ferne des Vaters (s.u.).
 

- Verhältnis zur Mutter

Die 'harten Jungen' schildern ihre Mütter überwiegend mit positiven Adjektiven, sie entwerfen meist das Bild einer 'guten Mutter'. Die 'weichen Jungen' verwenden wenig Adjektive bei der Beschreibung ihrer Mutter und betonen ihre Funktion als Beschützerin und verständnisvolles Gegenüber. Es werden aber auch mehrfach die Mütter negativ dargestellt, von den 'weichen Jungen' teilweise mit heftiger emotionaler Beteiligung.

Eine "ungewöhnlich enge Mutter-Bindung", die schon Bieber et al. (1962) beschrieben hatten und die auch Brown (1963) schilderte, gehört seit der frühen Erwähnung durch Freud (1905) zum Standardrepertoire der Wissenschaft, wenn es um die Beziehung zwischen Mutter und prähomosexuellem Kind geht. Dominant, zu sehr behütend, das Kind einengend und ängstigend, nörglig - eine Vielzahl negativer Eigenschaften werden den Müttern zugeschrieben. Daher wurde bei der Auswertung darauf geachtet, wie die in der vorliegenden Studie interviewten Männer ihre Mutter charakterisierten.

Bei den Männern des Clusters A überwiegen positive Darstellungen. Die Mutter wird als "sehr lebendig", "adrett, sehr schick angezogen, sehr fraulich", "der gute Geist" und "gesprächsoffen" geschildert. Sie sei "ständig bereit"gewesen, geherrscht habe "ein prima Verhältnis". Selbst Tom, dessen Mutter früh psychisch krank wurde und die damals in eine Klinik kam, sagt: "Ich hab das instinktive Gefühl, daß sie mich sehr geliebt hat."

Wenn in Einzelfällen Kritik geäußert wird, ist sie gutmütig oder verständnisvoll. Heftige Vorwürfe oder Haßgefühle scheinen damit kaum verknüpft, selbst in einem Fall von deutlicher Belastung durch eine dominante und distanzlose Mutter mündet die Beschwerde schließlich in einer rationalen, verständnisvollen Betrachtungsweise.

Sie war sehr laut, ein sehr lautes Organ, sehr extrovertiert. Daran kann ich mich gut erinnern. Und sie hat mich mit Ihren ganzen Problemen befrachtet, mit ihrem ganzen Unglück, das sie da hatte. Hat Tagebücher geschrieben, die offen liegen gelassen, damit ich sie lese, wenn ich allein in der Wohnung war. Alles solche Sachen, also alles auch so ein bißchen gesteuert und manipuliert. Andererseits habe ich natürlich gedacht, meine Güte, so ein Vertrauen geschenkt zu bekommen, das ist ja Wahnsinn! War mir schon auch ... auf der anderen Seite, das war so zwiespältig halt, nicht? Die war, glaube ich, manchmal sehr unglücklich darüber, daß Sie alleine mit drei Kindern sich durchschlagen mußte. Denk ich mal. (Conrad)
So zeichnen die 'harten Jungen' ein Bild von ihrer Mutter, welches sich - sieht man von Conrad's Mutter ab - einem unbeschwerten Ideal annähert, so wie es einer der Männer explizit beschreibt: "Wie aus Filmen, wo so anständige Mütter und anständige Väter sind."

Solche Mütter kommen auch bei den 'weichen Jungen' vor. Extrem positiv in einem Fall ("ganz ganz toll"), wo der Mann in seiner Kindheit "regelrecht verliebt" in seine Mutter war und sich auch heute noch mit ihr vergleicht.

Und meine Mutter, die hat glaub ich sehr viel Ähnlichkeit mit mir. Die .. also, irgendwie kann ich mich ganz gut so mit ihr identifizieren. Sie ist auch eher sensibel, ist aufs Ästhetische bedacht, auch ehrgeizig. Deswegen hab ich sehr viel so, was meine Mutter auch hat an Charakterzügen. (Valentin)
Diese Männer verwenden jedoch selten Adjektive wie die 'harten Jungen', sondern beschreiben das Tun der Mutter bzw. ihre Funktion: "sie nahm sich Zeit", "hatte viel Verständnis", "konnte sich prima kümmern", man habe sich "beschützt gefühlt". Wenn Adjektive genannt werden, dann von jenen, die deutlich kritische Bemerkungen über ihre Mutter bzw. das Verhältnis zu ihr machen und dann anscheinend klarstellen wollen, daß sie auch positive Seiten gehabt habe.
Aber der Schutz, den sie bot, der hatte Grenzen. Also, daß meine Mutter abends in Ruhe gelassen sein wollte, und da nicht als Schutz zur Verfügung stand. Oder daß ich andern Kindern ausgeliefert war, die mich verprügelt haben oder so und ich da keinen Schutz hatte. Oder daß sie eben nicht da war oft. Aber sie war auch liebevoll und zärtlich. (Werner)
Ein mangelhafter Schutz wird von mehreren 'weichen Jungen' beklagt. Die Enttäuschung über das Alleingelassen werden ist dann spürbar. Da wird beklagt, man habe mit der Mutter "nie so recht über Probleme sprechen können", habe "mit allem alleine fertig werden" müssen. Vor allem bei berufstätigen Müttern beklagen einige dieser Männer die geringe Aufmerksamkeit, welche ihnen seitens ihrer Mutter zuteil wurde. Sie wünschten sich mehr Zeit, mehr Kümmern, mehr Zuhören und auch mehr gemeinsame Unternehmungen, und waren frustriert, wie wenig von ihren Wünschen von der Mutter gesehen und verwirklicht wurden. "Also das war das eine, daß sie einfach wenig Zeit hatte, und das andere war, daß Sie auch geistig oder psychisch oft gar nicht richtig da war, wenn sie dann endlich nach Hause gekommen ist." Ähnliche Erwartungen an Zuwendung seitens der Mutter wurden von mehreren 'weichen Jungen' gestellt.

Frustration und Enttäuschung sind keineswegs die heftigsten negativen Gefühle, welche einige Männer des Clusters B gegenüber ihren Müttern hegen. Sie übertreffen in der Darstellung die kritischen Anmerkungen von Männern des Clusters A erheblich. Dort wird der "gute Geist" Mutter beschrieben, dem lediglich in einem Fall Distanzlosigkeit und Lautstärke vorgeworfen wird. Demgegenüber stellen mehrere 'weiche Jungen' wahrhaft tragische Mutter-Sohn-Konstellationen dar. Die geäußerten Gefühle gegenüber diesen Müttern sind Haß und Angst.

Ich denke, daß Sie Psychotikerin war, daß die also sehr früh geschlagen hat auch schon, sie ist sehr brutal gewesen von Anfang an. Also, das war so Grundmotiv also ... das ist vielleicht ein bißchen klischeehaft, also, meine Mutter war echt der Hausdrache, und sie hat geprügelt, wo sie nur zuschlagen konnte. (...) Einmal hat mich ein Junge verhauen, und ich bin sofort nach oben gelaufen, habe gemeint: Mama, der will mich hauen. Und das einzige, was ich so als Reaktion kriegte: wenn Du nicht gleich abhaust, kriegst du noch eine Tracht Arschvoll dazu. (...) Also, in der Haß-Verbindung ist meine Mutter irgendwie so bedeutsam. Also, nach der Liebe meines Vaters habe ich mich halt immer gesehnt, nach der Liebe meiner Mutter eigentlich nicht, ne. Irgendwann habe ich sie dann ... nicht mehr ertragen können. (Albert)
Schlagende Mütter, betrügende Mütter, Mütter, die ihre Söhne verstießen - es findet sich ein ganzes Kaleidoskop von schweren Anklagen gegen die eigene Mutter bei diesen ehemals 'weichen Jungen', der in starkem Kontrast zum Mutter-Bild der 'harten Jungen' steht. Dabei scheint die Mutter als der näherstehende Elternteil mehr Haß- und Wutgefühle abzubekommen als der Vater, auch wenn die Grundlage für die Schwierigkeiten nach Beschreibung der Männer eine problematische Situation in der gesamten Familie war, in die z.T. Geschwister oder Großeltern mit einbezogen waren.
Am Ende hatte ich geradezu einen Haß, ja, auf meine Mutter vor allem. (...) Ich stellte mir immer vor, meine Eltern wären gar nicht meine Eltern und spätestens mit 18 Jahren müßten sie mir mitteilen, daß ich adoptiert sei. (Josef)
Auch die eheliche Beziehung der Eltern wird von den Männern aus Cluster B ausführlicher thematisiert als von jenen des Clusters A. Während von jenen lediglich einer detailliert auf die "gestörte Beziehung" zwischen seinen Eltern eingeht, die nach seinen Vermutungen mit einer Vergewaltigung seiner Mutter in ihrer Jugend zusammenhing, beschreiben mehrere ehemals 'weichen Jungen' die "unglückliche Ehe" oder die "ziemlich angespannte Familiensituation" ihrer Eltern, teilweise mit den von ihnen vermuteten Konsequenzen für ihr Verhältnis zu diesen.
Meine Eltern führten eine sehr unglückliche Ehe, und ich mußte mich entscheiden, ob ich mit meiner Mutter gehen will oder mit meinem Vater. Und ich wußte instinktiv, wenn ich Vater's Liebling wäre, verlier ich Mutter. Da war immer die Existenzangst da, ich verliere meine Mutter. Weil ich sah, wie mein Bruder von ihr völlig fallengelassen wurde, als er nicht mehr ihre Traumvorstellungen entsprach. (Lars)
Die Mütter der 'weichen Jungen' werden folglich von diesen weitaus stärker kritisiert, verglichen mit denen der 'harten Jungen'. Sie scheiterten nach Angabe ihrer erwachsenen Söhne zum Teil an der Aufgabe, dem ängstlichen, weichen, sanften Kind jene Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Schutz zu gewähren, den diese sich gewünscht haben. Eine vergleichbare Kritik ist von keinem der homosexuellen Männer aus Cluster A zu hören. Vieles spricht dafür, daß es den 'weichen Jungen' weniger gut gelungen ist, sich von ihrer Mutter zu lösen, was ihre z.T. hoch emotionale Beschreibung und aggressive Abgrenzung erklären könnte. Das Problem der "close-binding mother" könnte somit speziell ein Problem 'unmännlicher' Jungen sein.
 

- Nähe zum Vater

Sehr wenig Kontakt im Alltag oder gar kein Verhältnis - so beschreiben die meisten Männer aus beiden Clustern die Beziehung zu ihrem Vater, sobald sie diese in Vergleich setzen mit der zu ihrer Mutter. Gut erinnert werden aber im Einzelfall Urlaube oder Wochenenden, an denen ein intensiver Kontakt bestand.

Feinberg & Bakeman (1994) berichteten Ungewöhnliches: bei den Heterosexuellen ihrer Untersuchung meinten mehr als doppelt so viele als bei den Homosexuellen, sie hätten distanzierte Väter gehabt. In der Regel fanden Studien ein Muster, welches genau umgekehrt war. Erst kürzlich bestätigte Phelan (1996) das "classical pattern" vom abweisenden, lieblosen Vater, mit dem das prähomosexuelle Kind konfrontiert sei.

Mit je einer Ausnahme äußerten die Männer beider Cluster übereinstimmend die Erinnerung, daß ihnen ihr Vater wenig nahe stand, insbesondere, wenn sie dies im Vergleich zu ihrer Mutter betrachteten. So wie zur Mutter schon wegen der häufigen Anwesenheit zuhause meist ein näherer Kontakt besteht, so ist es die häufige Abwesenheit des Vaters, die diesen erschwert. Besonders deutlich wurde das im Alltag, an den normalen Wochentagen, an denen der Vater tagsüber oder im Schichtdienst arbeitete und auch während der restlichen Tagesstunden kaum für die Kinder präsent war. Er "verblaßt im Alltag", war "aus diesen Alltäglichkeiten weit weg", "war wenig da".

Ich kann mich kaum an Sachen erinnern, die mit meinem Vater zu tun hatten, oder daß mein Vater richtig da war. (Christian)
Mein Vater war ganz weit weg. Von dem hab ich den größten Teil meiner Kindheit nicht viel mitgekriegt. Der war wenig da. (Werner)
Meist ist es die Berufstätigkeit und die damit verbundene Abwesenheit, die als Erklärung oder Begründung genannt werden, warum die Väter im Alltag "verblaßt" sind. Der Vater "der war eben berufstätig", fuhr früh um sechs zur Arbeit, kam um fünf nach Hause, "und hat sich dann vor den Fernseher gesetzt, Fernsehen geguckt." Oder er machte die Wohnzimmertür zu und las die Zeitung. "In der Woche war er nicht zu gebrauchen." In klassischer Rollenteilung war der Vater für den Unterhalt der Familie zuständig, die Mutter für die Kindererziehung. Vor allem bei Männern des Clusters A klingt manchmal ein gewisses Verständnis dafür durch, daß diese Rolle auch für den Vater möglicherweise nicht leicht war.
Der hatte halt nen schweren Job gehabt, so als Kaufmann irgendwie seinen Laden in Schwung zu halten. Hat viel gearbeitet. Und hat sich mit der Kindererziehung kaum auseinandergesetzt. Der hat das glaub ich ganz gut gefunden, daß es da so ne klare Rollenteilung gab, meine Mutter hat das dann gemacht. (Micha)
Zur Rollenteilung gehörte bei einigen Familien auch die Funktion des Vaters als strafende Instanz. Vor allem die ehemals 'harten Jungen', erwähnen dies als einen der seltenen Kontakte zwischen ihnen und ihrem Vater. "So als strafende Instanz wurde er immer bemüht dann, von meiner Mutter so: Na ja, denn warte mal, wenn Papa kommt!" Gleichzeitig wird beklagt, daß diese Funktion mit dazu beigetragen haben mag, einen engeren Kontakt zu verhindern.

Die mangelnde Nähe führte dazu, daß die Väter kaum als Ansprechpartner in Frage kamen und häufig eine emotionale Distanz vorherrschte. Die Rollenteilung funktionierte offenbar selbst bei jenen Männern im herkömmlichen Sinne, deren Mutter auch berufstätig war. "Ich hab mich nie mit meinem Vater über irgendwelche wichtigen Dinge unterhalten. Oder Gefühle austauschen, gab es nicht." Für die Emotionen blieb die Mutter zuständig, sowohl bei den 'harten Jungen' wie auch bei den 'weichen'.

Wenn ich mir das Knie aufgeschlagen hätte, wäre ich nie zum Vater gelaufen. War auch immer so eine emotionale Distanz eigentlich dadurch, so habe ich es wenigstens empfunden. (...) Es fehlte vielleicht etwas mehr die Zuwendung für meine Problematik, ne. Das lieferte die Mutter, das lieferte also nicht der Vater. Das heißt jetzt, was die kleinen Probleme in der Schule betraf, oder auch Kleinigkeiten mit ... wenn's mal Auseinandersetzungen eben gab beim Spiel draußen, da war nie Vater der Ansprechpunkt, das war immer die Mutter eigentlich. (Olaf)
"Es fehlte ... die Zuwendung", so oder ähnlich beschreiben die Männer einen Mangel an sozialen Kompetenzen, welche sie bei ihrem Vater wahrnahmen. Sie spürten selten sein echtes Interesse an dem, was ihnen wichtig war, sie vermißten Empathie und verständnisvolle Wärme. Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich dies wie auch die Distanz heute hingenommen wird, wie selten tiefe Enttäuschung in den Aussagen spürbar wird. Vergleicht man dies mit den Aussagen zur Mutter, dann wird offenbar vom Vater bereits deutlich weniger Zuwendung erwartet. Es wird als Fakt akzeptiert, daß der Vater nun mal weit weg ist, und die Jungen haben sich wohl frühzeitig damit abgefunden. Es wäre anders schöner, aber so ist es nun mal. "Sagen wir so, ich hätte wahrscheinlich häufiger gerne Kontakt zu ihm gehabt."

An einigen Stellen wird allerdings sichtbar, daß einzelne Jungen über diese Distanz traurig oder ärgerlich waren, etwa, wenn sie davon erzählen, wie sie den Vater in ihrem Spiel bzw. durch ihr Verhalten dafür "bestraften", daß er sich so wenig Zeit für sie nahm. Ein 'harter Junge' etwa spielte manchmal allein 'Mensch ärger dich nicht'. Die anderen Farben standen für seine Eltern sowie seine drei Brüder. "Ich hab natürlich immer gewonnen, und meine Mutter wurde immer zweiter und so. Mein Vater wurde immer letzter."

Lediglich zwei Männer aus Cluster A und ein Mann aus Cluster B beschrieben ein enges und positives Verhältnis zum Vater.

Also, auch durchweg positiv, auf jeden Fall. Haben viel unternommen, und da hat es mir eigentlich an nichts gefehlt. Kannst Du ein bißchen erzählen, was ihr zusammen gemacht habt? Wir sind halt jedes Wochenende, wenn mein Vater halt dann von der Arbeit da war, haben wir immer was unternommen. Waren im Zoo oder ... beim Fußballspielen war er auch oft mit. Mit anderen Kindern auch oder nur mit mir oder je nachdem. Hat also seine Freizeit da voll auf mich abgestimmt. Obwohl die vielleicht auch knapp bemessen war, aber da hat er sich auf jeden Fall Zeit für genommen. Und ja, wir sind Fahrrad gefahren. Also, wir haben wirklich viel gemacht, und das war ein sehr harmonisches Verhältnis schon eigentlich. (Rainer)
Es ist kein Zufall, wenn es ein 'harter Junge' ist, der so positiv das Verhältnis zu seinem Vater schildert, gab es für diese doch zumindest punktuell Berührungspunkte über beide interessierende Freizeitbeschäftigungen (Fußball etc.). Und es ist kein Zufall, wenn er die gemeinsamen Wochenenden beschreibt. Denn gemäß dem alten Gewerkschaftsmotto aus der Zeit des Kampfes für eine 5-Tage-Woche, 'Am Samstag gehört Vati der Familie', waren Wochenenden und Urlaube die einzigen Zeiten, in denen bei einigen Männern das Verhältnis zum Vater und der Kontakt deutlich besser war. Dies wird sowohl von 'weichen Jungen' wie auch 'harten Jungen' berichtet.
Der Urlaub fing an, abends Sachen packen oder so oder ins Auto setzen, und er war ein völlig anderer Mensch! Der Urlaub war dann wunderbar, wir sind gewandert, und abends spielte er mit uns Brett- und Kartenspiele. (Kurt)
Ich hab noch Fotos, auf denen war er so ganz schmusig und hat viel mit mir gespielt. Nur so am Wochenende. Oder im Urlaub. Da war er fürsorglich und lieb und nett. (Anton)
Diese gemeinsame Urlaube waren offenbar wie kleine Inseln, auf denen man selten landete und die den Männern lebhaft in Erinnerung blieben. Insgesamt muß trotzdem festgehalten werden, daß während der bewußt erinnerten Kinderzeit bis zum Ende der Grundschule der Kontakt zum Vater von den meisten nicht als eng erlebt wurde. In dieser Grundtatsache gibt es keine größeren Unterschiede zwischen beiden Clustern.
 

- Verhältnis zum Vater

Ein positives Verhältnis zum Vater stellte sich am ehesten auf einer instrumentellen Ebene ein (Natur und Technik, Sport), wobei ein Nähe erzeugender Kontakt über gemeinsame Interessen bei den 'harten Jungen' punktuell gelingt, bei den 'weichen Jungen' aber scheitert. Bei diesen ist durch Anforderungen, bestimmte Interessen zu entwickeln oder Leistungen zu vollbringen, die Beziehung in der Kindheit eher belastet und wird als negativ erlebt.

Neben dem auf bestimmte Zeiten wie Urlaub und Wochenende beschränkten Kontakt war eine weitere Möglichkeit, bei der sich Väter und Söhne auch im Alltag näher kommen konnten, gemeinsame Interessen wie Natur und Technik, Sport und Handwerk sowie Berufe. Passend zur Rollenteilung zwischen den Eltern erwies sich der Vater in mehreren Schilderungen als zuständig dafür, "die Welt zu erklären", dem Sohn handwerkliche Fertigkeiten beizubringen bzw. ihn in der Ausübung derselben zu fördern ("Ich habe gemauert im Garten. Das hat er unterstützt, und das fand er auch ganz toll.") oder Naturphänomene zu erläutern. Von derartigen Vorfällen berichten sowohl 'harte' wie auch einzelne 'weiche Jungen'.

Er hat nämlich dann immer gleich sozusagen meinen Beruf da hineingesehen. Ich denke, es war schon sehr früh klar, daß ich nicht der Typ bin, der unbedingt Abitur macht. Und ich denke, daß meine Eltern schon sehr früh drauf bedacht waren, mich auch zu loben in handwerklichen Dingen. Ich würde sagen, besonders von meinem Vater! (Ernst)
Mein Vater hatte so ne Ader, mir Technik und die Natur näher zu bringen, mir zu erklären, warum Salzwasser einen anderen Gefrierpunkt hat als Süßwasser, und mir das auch zu demonstrieren im Gefrierfach mit zwei verschiedenen Schnapsgläsern. Diese Dinge hat er versucht, mir nahezubringen, und ich war ganz interessiert, ganz neugierig. Er hat mir sogar einen Teich im Garten angelegt. (Anton)
Es sind Themen, welche die Welt draußen betreffen, außerhalb der durch die Mutter dominierten vier Wände der Wohnung, über die einige Väter punktuell Kontakt zu ihren Söhnen gesucht und gefunden haben.

Häufiger noch wurde vom Vater der Kontakt über ein anderes Thema gesucht: 'jungen-typische' bzw. 'männliche' Interessen wie Sport und da insbesondere Fußball. "Ich hatte die Beziehung zum Vater eigentlich immer nur über den Sport." Am Wochenende ging "man" zusammen zum Fußballplatz oder schaute gemeinsam die 'Sportschau' im Fernsehen, der Fußball bildete die Brücke zum gemeinsamen Erleben und einer zeitweiligen Nähe. Hier ergab sich für die 'harten Jungen' ein Zugang zum Vater, wo gemeinsame Interessen oder auch bloß die Interessen des Vaters zur Gemeinsamkeit führten. Einer betont besonders, daß sein Vater positiv reagierte, wenn er sich für das interessierte, was sein Vater tat.

Ich hab ihm da sehr häufig über die Schulter geguckt. Also geguckt, was er da macht. Bin da auch nie, wenn ich mich so erinnere, zurückgewiesen worden. Das mochte er, denke ich, ganz gerne, daß man sich da auch für ihn interessierte oder mit ihm da was machte. (Olaf)
Einer Reihe von 'harten Jungen' gelang es teilweise, über gemeinsame Interessen und sportliche Leistungen ein positives Verhältnis zum Vater herzustellen und Anerkennung von ihm zu erhalten. So blieb zwar für sie der Vater eine Person, zu der weniger Nähe als zur Mutter bestand und der keine allzu große Rolle in ihrem Kindheitsalltag spielte, aber zumindest auf dem Felde der 'männlichen' Interessen gab es Anknüpfungspunkte und potentielle Gemeinsamkeiten, die genutzt werden konnten und wurden.

Es überrascht nicht, daß die 'weichen Jungen' dieses Potential wenig nutzen konnten. Mehrere berichten durchaus von Versuchen ihres Vaters, auf den beschriebenen Gebieten gemeinsam aktiv zu werden. Bestenfalls gaben die Väter, sofern es überhaupt zu solchen Versuchen kam, diese wieder auf, nachdem sich das Desinteresse und die mangelnden Fertigkeiten ihrer Söhne auf diesem Feld nur allzu deutlich herauskristallisierten. In einigen Fällen eskalierten diese Versuche aber auch zu - teils langwierigen - Anstrengungen der Väter, den Sohn für die eigenen Interessen zu begeistern und sie damit zu 'richtigen Jungen' umzuformen.

Mein Vater wollte, daß ich Jäger werde. Er hat mich dann, als ich kleiner war, mit zur Jagd genommen, und als er ein Reh schoß, hab ich wie am Spieß geschrien. (Valentin)
Viele dieser Geschichten durchzieht die qualvolle Belastung, welche diese 'weichen Jungen' empfanden, weil sie es ihrem Vater nicht recht machten, und in Einzelfällen wird von sehr heftigen Methoden erzählt, den Sohn "in so eine Richtung zu bringen".
Er verlangte dann auch irgendwelche Sachen von mir, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Also, das übliche Fußballspiel, diese Macho-Geschichte kam da so richtig durch. Er wollte einen Jungen haben, der so tollt und kerlig ist und 'n richtiger Mann wird, und ich spielte doch lieber mit meinen Puppen oder mit den Puppen meiner Freundinnen am Herd und in der Puppenstube, und es gab dann immer sehr starke Konflikte. Wie hat sich das ausgewirkt? Die Folgen waren, daß er natürlich versuchte, mich in seine Richtung zu bringen mit seinen Möglichkeiten oder mit ziemlich ekligen Methoden teilweise auch. Also, beim Fußball-Spielen, daß er mich dann mit dem Ball anschoß, was ja sehr schmerzhaft ist für Kinder. Also, solche Geschichten, daß er eben versuchte, mich mit aller Gewalt oder irgend jeder Methode oder sowas in so eine Richtung zu bringen. Was natürlich nicht zum besonders guten Verhältnis dann führte meinerseits zu ihm. (Jan)
Das Verhältnis war, vielleicht aufgrund der Anforderungen und "ekligen Methoden", eher sehr schlecht, und noch heute kann sich dieser Mann eine heimliche Schadenfreude nicht verkneifen, wenn er davon erzählt, wie er als Dreijähriger mit seinem Vater herumtollte und ihm versehentlich in den Schritt schlug. Sein Vater wurde fast ohnmächtig davon. "So im Nachhinein gibt das natürlich n ganz gutes Gefühl auch gelegentlich.". Es kann bezweifelt werden, ob dieses "gute Gefühl" in der Tat "natürlich" ist, aber vor dem Hintergrund einer langwierig gespannten Atmosphäre zwischen Vater und Sohn erscheint es doch nachvollziehbar.

Es sind im übrigen stets die Väter, die solche Anforderungen gestellt haben und die von den Jungen als streng und starr erlebt wurden, wenig orientiert an ihren eigenen Bedürfnissen als sanfter Junge und "ohne dran zu denken, wie das für die anderen ist." Vergleichbare Aussagen über die Mütter finden sich in den Interviews nicht - eher im Gegenteil. Bei ihr wird eher eine bedingungslose Akzeptanz beschrieben. "Meine Mutter hat mich auch so gemocht, wie ich war, das war ganz egal, bei ihr hatte ich das Gefühl, daß Sie es mir verzeiht, daß ich sie nicht erfüllen kann." Als dieser Mann dann eher verhalten kritisiert, wie es ihm dagegen mit seinem Vater ging, klingt deutlich Traurigkeit und Verzweiflung durch, die er während seiner Kindheit verspürt haben wird, weil sein Vater Anforderungen an ihn stellte, die er nicht oder kaum erfüllen konnte.

Mein Vater war zwar immer lieb zu mir, aber hatte auch andere Anforderungen an mich. Er hätte mich schon irgendwie gerne 'n bißchen anders gehabt. 'N bißchen herber. Wie die andern alle waren. Und so war ich halt eben nicht. (Volker)
So werden dieselben Interessenbereiche, welche den 'harten Jungen' Chancen für Gemeinsamkeiten und ein positives Verhältnis wenigstens in Teilbereichen boten, für viele 'weiche Jungen' eher zum Gegenteil. Sie bekamen nicht nur keine Gelegenheit, etwas mit dem Vater zusammen zu tun, sondern fühlten sich eher noch zurückgestoßen. "Ich war ja nich so'n Junge, wie man sich einen Jungen so vorstellt. Oder wie zumindest mein Vater sich einen richtigen Jungen gewünscht hat." Die Ängstlichkeit, die Weichheit, das in einigen Fällen selbst so benannte 'feminine' der 'weichen Jungen' machte anscheinend vielen Vätern besonders zu schaffen. Erst recht gilt dies für ein Verhalten, welches offen sichtbar ein Spielen mit der Geschlechtsrolle mit sich brachte.
Ich habe mich auch oft verkleidet als Mädchen oder als Frau. Mein Vater hat mich dann auch oft geärgert damit und mich dann einfach Petra genannt statt Peter (Peter)
Nun muß eine solche Belastung des Verhältnisses keineswegs von Anfang an bestanden haben. Es bleibt vorstellbar, daß ein Vater gegenüber dem kleinen Jungen nachsichtiger und offener reagiert, den kleinen Jungen mit seinen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Ängsten annimmt, und erst zu einem späteren Zeitpunkt damit beginnt, den Jungen "zu formen". Düring (1993) stellte fest, daß bei den von ihr untersuchten 'wilden', d.h. nicht geschlechtsrollenkonformen, Mädchen der Veränderungsdruck in Richtung auf 'weibliches' Verhalten oft erst in der Pubertät einsetzte. Schnack und Neutzling (1990) vermuten, bei Jungen dürfe ein entsprechender Druck bereits früher ausgeübt werden.

Hinweise auf ein anfänglich entspannteres Verhältnis zum Vater finden sich durchaus bei einzelnen 'weichen Jungen'. Green (1987) bringt Beispiele für solche engen Vater-Sohn-Beziehungen bei den von ihm untersuchten 'femininen' Jungen (S.385):

Example 1
Mother: I want to tell you something. He's had a too-devoted father. This is my impression, because he spent more time with him than any man will spend with a child.

Example 2
R.G.: To what extent were you able to spend time with him in his first year?
Father: A lot. During the day we used to wrestle a lot.
R.G.:  Compared with most fathers, how would you rate the time [with your son]?
Father: I had a lot of time - I would hold him a lot.
R.G.: How about the second year?
Father: Quite a lot.
R.G.: What kind of things would you do together?
Father: We wrestled a lot, kid games, hide-and-seek, walks.
R.G.: How much time did you have compared with the average father?
Father: More.

Ähnliche Aussagen von den Männern selbst kamen auch bei einzelnen Interviews im Cluster B vor.

So erzählt ein Mann davon, daß anfangs wohl eine recht große Nähe zwischen seinem Vater und ihm bestanden haben mag.

Ganz am Anfang, erzählen meine Eltern, daß ich, wenn ich ins Bett kam, immer mich zu meinem Vater kuschelte. Mein Vater ist ein sehr lebensfreudiger, machohafter .. ja, er ist Ringer gewesen, ist Kreismeister als Fußballer gewesen, er ist sehr kräftig, sehr stark, 'n Arbeitermensch, ist als Bauernsohn aufgewachsen. (Lars)
Die körperliche Nähe mag dem kleinen Jungen gut getan haben, hat Schutz geboten oder wurde als lustvoll erlebt. Aber später bekam die Stärke, das "machohafte" des Vaters eine andere Bedeutung für ihn, so daß der heranwachsende Sohn sich davon absetzte und eine Identifikation nicht mehr möglich war: Bloß nicht so werden wie mein Vater!"

Andererseits erzählen auch nicht alle Männer des Clusters B von Versuchen des Vaters, sie "umzuformen". Ein Teil sicher auch deshalb, weil der gesamte Kontakt zum Vater extrem gestört oder vom Zeitumfang her sehr gering war. Es bleibt daher schwierig, sich ein Gesamtbild vom Verhältnis der Interviewpartner zum Vater während ihrer Kindheit zu machen.

Um das Bild zu vervollständigen, sollen deshalb hier ein paar Daten der Interviewpartner aus dem Auswahl-Fragebogen mit herangezogen werden. Der Fragebogen enthielt mehrere Möglichkeiten, das Verhältnis zum Vater zu beschreiben. Die Antworten der interviewten Männer auf diese Fragen erlauben einen groben Überblick darüber, wie unterschiedlich alles in Allem in beiden Clustern das Verhältnis zum Vater beurteilt wurde.

 

Verhältnis zum Vater in der Kindheit Cluster A (n=9) Cluster B (n=13)
Beziehung zum Vater eher positiv: 89% eher positiv: 23%
Zugewandtsein des Vaters 'eher' oder 'sehr' zugewandt: 44% 'eher' oder 'sehr' zugewandt: 15%
Wohlwollen des Vaters 'eher' bis 'extrem' wohlwollend: 78% 'eher' bis 'extrem' wohlwollend: 15%
Anerkennung durch Vater 'eher' bis 'extrem' anerkennend: 88%  'eher' bis 'extrem' anerkennend: 15%

Tab.8: Verhältnis der Interviewpartner zum Vater während der Kindheit

Die Männer des Clusters A nahmen das Verhältnis zum Vater fast alle als eher positiv wahr, sie erhielten zu zwei Drittel deutliche Anerkennung durch den Vater und erlebten ihn mit 2 Ausnahmen als wohlwollend. Die Männer des Clusters B, die 'weichen Jungen', erlebten die Beziehung nur zu einem Viertel als insgesamt positiv. Und nur eine sehr kleine Zahl erlebte ihren Vater als anerkennend und wohlwollend.

Es bleibt als Gesamteindruck beim Cluster B eine zusätzliche Störung des ohnehin bei fast allen Interviewten wenig intensiven Vater-Sohn-Verhältnisses festzustellen. Der Kontakt über Interesse und Leistung im sportlichen Bereich sowie im Erreichen des Klassenziels 'richtiger Junge' funktionierte bei den 'weichen Jungen' nicht. Und so kann aufgrund der Aussagen der interviewten Männer aus Cluster B vermutet werden, daß ihr Verhältnis zum Vater während der Kindheit überwiegend schlechter war als das des durchschnittlichen Mannes aus Cluster A.
 

-      Geschwister/Verwandte der gleichen Generation

Während Mutter und Vater von homosexuellen Männern seit langem Objekt der Forschung geworden sind, gilt dies für die Geschwister nicht in gleicher Weise. Dabei sind diese neben den Eltern zentrale Bezugspersonen von Kindern im Vorschulalter (Baacke 1993). Auch wenn den familienfremden Peers im Verlauf des Heranwachsens eine zunehmend größere Rolle zukommt (Fend 1990, Krappmann 1994), dürfte es doch für das Verständnis des sozialen Umfeldes unserer Befragten von Belang sein, welchen Bezug sie zu ihren Geschwistern hatten.

Daher wurde beim Interview im Zusammenhang mit der Frage nach den Eltern auch gefragt, wie das Verhältnis zu den Geschwistern während der Kinderzeit war. Lediglich vier der interviewten Männer aus allen Clustern wuchsen ohne Geschwister auf.
 

- Geschlecht und Alter der Geschwister

Alle 'harten Jungen' hatte Brüder, zwei Drittel der 'weichen Jungen' hatten Schwestern. In der Mehrzahl der Fälle waren die Geschwister älter. Drei 'weiche Jungen' wuchsen ganz ohne Geschwister auf.

Forscher auf der Suche nach Entstehungsfaktoren homosexuellen Begehrens haben seit den 60er Jahren untersucht, ob homosexuelle Männer sich von heterosexuellen durch die Zahl und Art ihrer Geschwister unterschieden (Übersicht bei Blanchard 1997). Eine wiederholt untersuchte Frage war die Stellung innerhalb der Geschwister-Rangfolge, d.h. ob der Homosexuelle eher Erst- oder Letztgeborener ist bzw. in einer mittleren Position steht.

Alle neueren Untersuchungen stellten fest, "that homosexual men have .. greater number of older brothers than do heterosexual men, but they do not have also greater number of older sisters, once the number of older brothers has been taken into account." (ebd., S.39). Blanchard kommt deshalb zu dem Schluß: "The birth order phenomenon is the observable manifestation of one cause of male homosexuality." (S.62)

Tatsächlich überwiegt unter den Interviewpartnern die Zahl der älteren Brüder die der jüngeren bei weitem: 12 älteren stehen 4 jüngere Brüder gegenüber. Allerdings ist auch die Zahl der älteren Schwestern erheblich größer als die der jüngeren: 12 gegenüber 1.

Mindestens ebenso bedeutsam dürfte aber eine Tatsache sein, die mit dem zahlenmäßigen Verhältnis von Brüdern zu Schwestern zu tun hat. Während in der Gesamt-Bevölkerung das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Lebendgeburten 106:100 sei, haben nach einer Zusammenstellung von Studien aus den 90er Jahren insbesondere sehr feminine bzw. transsexuelle Probanden deutlich mehr Brüder als Schwestern (a.a.O., S.48).

In der vorliegenden Studie war es eher umgekehrt. Alle neun Männer aus Cluster A, also 100%, hatten einen oder mehrere Brüder, während dies nur für fünf (38%) der 'weichen Jungen' gilt. Bei ihnen waren die Schwestern eindeutig in der Mehrzahl, neun hatten eine oder mehrere Schwestern (69%).

Diese Verteilung mag ein Zufall sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, daß die fünf interviewten Männer des Clusters C, die in ihrem Spielverhalten zwischen den beiden Clusters A und B liegen, fast alle sowohl Brüder als auch Schwestern hatten.(8)
 

- Verhältnis zum Geschwister

Die 'harten Jungen', die alle mit Brüdern aufwuchsen, beschreiben meist ein positives Verhältnis zu diesen. Ihre Beziehung zu den Schwestern schildern die 'weichen Jungen' ebenfalls eher positiv, zu ihren Brüdern nur in einem Fall.

Bieber & Bieber (1979) hatten in ihrem Buch 'Male homosexuality' festgestellt, die Beziehungen homosexueller Männer zu ihren Geschwistern sei ebenso gestört wie zur Mutter und zum Vater. Es würde eine intensive Eifersucht um die Zuneigung der Mutter insbesondere unter Brüdern herrschen.

Mögliche Hinweise auf eine derartige Störung der Beziehung finden sich in den Interviews nur bei zwei 'harten Jungen' und drei 'weichen Jungen'. Die dabei abgegebenen Begründungen könnten durchaus im Sinne von Bieber & Bieber interpretiert werden, klingen aber auch durchaus plausibel im Sinne eines üblichen Geschwisterkonfliktes: Streitereien, Eifersucht, Neid, wie sie überall dort anzutreffen sind, wo um knappe Ressourcen gekämpft und soziale Anpassung erst mühsam erlernt werden muß.

Zu meinem älteren Bruder war die Beziehung immer sehr gespannt. Wir haben uns ganz viel gezankt und gestritten. Es gab viel Streit und Eifersucht. Warum Eifersucht? Ich durfte zuhause leben bei meinen Eltern und er mußte weg zu Pflegeeltern oder ins Internat. Das war wohl ziemlich schrecklich für ihn, gerade auch weil er ein sehr stiller, zurückhaltender Junge war. (Werner)
Die meisten Männer des Clusters A beschreiben hingegen ein positives Miteinander mit den Brüdern, ein nahes Verhältnis, welches sie während der Kindheit begleitete. Sie spielten gern mit ihren Brüdern, oft gemeinsam mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft. Mit den Brüdern etwas zusammen zu machen, gefiel ihnen, gerade auch, weil es im Falle der interviewten Männer nicht selten ältere Brüder waren. Für einige war die Beziehung zum Bruder "sicher die näheste Beziehung", zumindest aber eine sehr enge.
Lego war der ganz große Renner, bei uns beiden gewesen. So mit Pistolen sind wir auch rumgelaufen (...) Wir hatten immer n Volleyball .. im Auto. Ich sag immer 'wir', weil, also, unsere Kindheit war doch sehr ... wir hatten einen ähnlichen Freundeskreis, wir waren auf der gleichen Grundschule und so. Mit meinem Freund aus der Klasse meines Bruders und meinem Bruder zusammen haben wir fast so ne Art Gang gegründet. (...) Also, wir hatten eigentlich die gleichen Interessen, die gleichen Hobbys. (Kurt)
Gemeinsam wurde Fußball gespielt, mit Autos oder Lego. Gerade während der ersten Lebensjahre bis zur Pubertät schildern die 'harten Jungen' den Kontakt zu ihrem Bruder bzw. den Brüdern fast durchweg als nah und positiv.

Nur ein ehemals 'harter Junge' macht Einschränkungen. Zu seinem fünf Jahre älteren Bruder bestand kein gute Verhältnis. Sie hätten zwar meistens miteinander gespielt, sich aber auch oft geprügelt. Es habe kein wirkliches Vertrauen gegeben, da sie sehr unterschiedlich seien. Eine solch negative Erfahrung findet sich in den Erzählungen der anderen 'harten Jungen' jedoch nicht wieder.

Die 'weichen Jungen' beschreiben ihrerseits eine enge Beziehung zu den - meist älteren - Schwestern. In einigen Fällen ist das Verhältnis ausgesprochen nah, es wird fast immer zusammen gespielt, zur Schule gegangen oder ein gemeinsames Zimmer bewohnt. "Das ging alles wunderbar", faßt einer der Männer seine Schilderung zusammen, und fügt noch hinzu, wie im Verwandtenkreis die Verwunderung groß war, "daß sich Geschwister so gut verstehen." Ein anderer Mann erzählt, er habe "fast zwillingshaft" mit seiner Schwester gelebt, die ein Jahr älter war. Die Schwester war ihm Vertraute und Schutz, Spiegel und Leitbild.

Das war eine Zeit lang so verblüffend, daß wir zur gleichen Sekunde die gleichen Worte aussprachen. Als hätten wir ein Gehirn. So weit waren wir in einer Welle drin, daß das immer so raus kam. Ja, ich habe mich sehr an sie geheftet. (Albert)
Ein anderer hatte zu seiner deutlich älteren Schwester "eine Art Mutter-Verhältnis, "weil unsere Mutter arbeitete und sie als Älteste auf die jüngeren Geschwister aufpaßte". Ein vierter erwähnt, "Ich hing ständig bei meiner Schwester am Rockzipfel". So überwiegt in den Beschreibungen ein liebevolles, sehr freundschaftliches Verhältnis der 'weichen Jungen' zu ihren Schwestern, ohne daß Konflikte oder kritische Untertöne ausbleiben müssen. Es wird also keineswegs eine heile Welt vorgegaukelt, sondern es wird es plastisches Bild einer - trotz mancher Streitereien - harmonischen Beziehung beschrieben. Derselbe Mann etwa, der als Junge stets am Rockzipfel seiner Schwester hing und sich "wunderbar" mit ihr verstand, beneidete diese dennoch um ihr nahes Verhältnis zum Vater, der nach seinem Eindruck "unbedingt immer ein Mädchen haben wollte" und seine Tochter scheinbar lieber hatte. "Die hat er dann auf'n Schoß genommen, und daß er das mit mir gemacht hat, nee, glaube ich nicht."

Lediglich ein Mann aus Cluster B berichtet von einem generell schlechten, eher konkurrenzhaften Kontakt zu seiner Schwester um die Aufmerksamkeit und die Zeit der beiden Eltern. Aber dies bleibt die Ausnahme.

Das Verhältnis zu den Brüdern scheint bei den 'weichen Jungen' konflikthafter gewesen zu sein. Nur in einem Fall bestand ein naher, in diesem Fall sogar besonders enger Kontakt. Hier bot der ältere Bruder echten Schutz und Geborgenheit, hatte "fast eine Vater-Position". Bei ihm konnte der Junge kuscheln, bei ihm fand er Sympathie ohne Gegenleistung - ein wahrhaft "großer Bruder" im besten Sinne des Wortes.

Wir hatten ein Zimmer zusammen. Ich hab gerne bei ihm mit im Bett gelegen. Wenn ich Kinderfotos angucke, gibt es kein Bild, in dem ich nicht engen Körperkontakt mit meinem Bruder hatte. Also, entweder ich kuschelte mich an meinen Bruder ran oder ich hielt seine Hand oder . ich war nicht bei meiner Mutter auf'm Schoß oder bei meinem Vater, ich war ständig bei meinem Bruder, an meinem Bruder bei Familienbildern. Mein Bruder war es eigentlich, der mich erzogen hat. (Lars)
In allen anderen Fällen herrschte eher ein "Konkurrenz-Verhältnis" oder kaum Kontakt, gab es Spannungen und Streitereien, die sich durch die gesamte Kindheit hindurch zogen. Es waren keine nahen Beziehungen, unterschiedliches Alter und verschiedene Interessen zwischen den 'weichen Jungen' und ihren z.T. 'typisch' jungenhaften Brüdern ließ keine dauerhafte Nähe und Gemeinsamkeit entstehen.

Insgesamt gesehen sind es jedoch nur wenige Männer aus beiden Clustern, die das Verhältnis zum Geschwister bzw. zum Bruder so beschreiben, daß von schwerwiegenden Konflikten und Störungen ausgegangen werden kann. Von einer generellen Störung der Beziehung zwischen prähomosexuellen Männern und deren Brüdern oder Schwestern kann angesichts der vorliegenden Aussagen nicht gesprochen werden.

Da die Geschwister häufig älter waren, waren sie im Gegenteil eher ein Vorbild als ein Gegner.
 

- Geschwister als Vorbild

Ältere Brüder waren für die 'harten Jungen' in vielfacher Weise Vorbild und Vergleichsobjekt, so wie es ältere Schwestern für die 'weichen Jungen' waren. Dies kann Einfluß auf das Geschlechtsrollenverhalten gehabt haben.

Ältere Geschwister bieten sich den jüngeren als Rollenmodell an, liefern sie doch eine alltägliche Vergleichsmöglichkeit und unter Umständen ein erstrebenswertes (bzw. ablehnenswertes) Vorbild, dem nachgeeifert werden oder von dem das jüngere Kind sich absetzen kann. Dies könnte auch für jüngere Geschwister gelten, insbesondere, wenn es um das Geschlechtsrollenverhalten geht, bei dem sich ein Kind mit dem Geschwister vergleicht (Bigner 1972, Brown 1956).

Die Bedeutung der Geschwister wird an vielen Stellen der Interviews aus beiden Clustern sichtbar. Etliche Männer erinnern aus ihren ersten Lebensjahren, teilweise bis gegen Ende der Grundschul-zeit, wie wichtig ihre Familie und ihre Geschwister waren. Für den einen waren sie während der ersten Lebensjahre "die wichtigsten Personen", für den anderen "der näheste Spielpartner", die Freundin, mit der man regelmäßig die Zeit verbrachte: "Ich habe alles zusammen mit meiner Schwester gemacht". Es sind die Menschen innerhalb der Familie, neben Mutter und Vater oder anderen Erwachsenen eben die Geschwister, an denen sich die Männer als Kinder orientierten. Und so finden sich in der Tat bei vielen Männern Hinweise auf die Vorbild- oder Vergleichs-Funktion ihrer (älteren) Geschwister.

Dann eigentlich die ganz konventionellen Spiele: Playmobil, dann hatten wir son Cowboy und Indianer-Fort. Also, ich sag mal, das ist auch ganz stark von meinem Bruder beeinflußt, wir haben die Geschenke häufig zusammen auch gekriegt. (Kurt)
In Bezug auf das Geschlechtsrollenverhalten mag die Tatsache eine bedeutsame Rolle gespielt haben, daß die 'harten Jungen' alle gleichgeschlechtliche und die 'weichen Jungen' überwiegend gegengeschlechtliche ältere Geschwister hatten. Das Vorbild der älteren Brüder resp. Schwestern könnte hier modifizierend gewirkt haben (Bigner 1972). Jedenfalls beschreiben viele Männer aus Clusters A, wie neben ihrem Vater der größere Bruder bestimmte Interessen bei ihnen erfolgreich gefördert hat.
So sportliche Dinge. Darunter waren vor allem Ball-Sportarten. Das mag sicher ne Beziehung haben, weil ich einen älteren Bruder habe, vier Jahre älter, der sehr viel auch sportlich unterwegs war, und dazu noch der Vater Sport-Lehrer war. (Olaf)
Die Brüder trugen so zur jungenhaften Entwicklung der 'harten Jungen' bei. Etwa auch, wenn sie feminines Verhalten oder Interesse für Mädchenspielzeug mit Spott belegen.

Umgekehrt berichten mehrere Männer des Clusters B, wie sie sich an den älteren Schwestern orientierten und damit möglicherweise mädchentypische Interessen gefördert wurden. Indem sie "am Rockzipfel" der Schwester hingen, engagierten sie sich im Schwimmverein ("Da bin ich einfach mitgegangen, oder mitgenommen worden, kann man eher sagen"), spielten mit Mädchen-Spielzeug ("Also das, was meine Schwester hatte, fand ich auch toll"), wollten eben auch das machen, was die ältere Schwester tat.

Ich wollte unbedingt in die Schule kommen, weil meine Schwester schon in der Schule war, und ich wollt immer so gut in der Schule sein wie meine Schwester. Und halt auch immer das so machen, was meine fünf Jahre ältere Schwester da schon konnte. Das war mein Vorbild für mich. (Valentin)
Ein Mann aus Cluster B hingegen, der mit einem vier Jahre älteren Bruder aufwuchs, hatte diesen als Vorbild und versuchte so, jungentypische Verhaltensweisen zu entwickeln.
Ich wollte schon ganz gerne wie mein großer Bruder sein, so stark und geschickt. Er war dann ziemlich früh bei den Pfadfindern, und ich bin schließlich da auch hingegangen. Ich hab einfach versucht, den gleichen Weg zu gehen wie er, obwohl ich eigentlich ganz anders war. (Werner)
Es ist denkbar, daß die ältere Schwester einen 'weichen Jungen' mitprägt und eine vielleicht vorhandene Sanftheit und Ängstlichkeit fördert bzw. allein schon durch ihr Vorhandensein den Anschluß an andere Jungen weniger notwendig macht. Umgekehrt könnten die größeren Brüder bei den prähomosexuellen 'harten Jungen' dazu beigetragen haben, daß diese maskuline Spielinteressen und eine Begeisterung für sportliche Aktivitäten entwickelten.
 

-     Peer-Integration: Freunde, Freundinnen und Cliquen

Die Familie (Eltern, Geschwister) hatte in den ersten Lebensjahren der meisten Männer beider Cluster eine hohe Priorität, mit dem Besuch eines Kindergartens oder der Grundschule ist aber ein zunehmender Kontakt zu gleichaltrigen anderen Kindern anzutreffen. In Untersuchungen über das Sozialverhalten von Kindern (Überblick in Krappmann 1994) wird die hohe Bedeutung der Peer-Kontakte für das soziale Lernen belegt, vor allem, wenn es um Kooperation geht. Unter Gleichaltrigen kann sich das Kind freier bewegen als unter der Kontrolle der Eltern, es ist aber gezwungen, sich vor Gleichen und Gleichaltrigen zu rechtfertigen und Lösungen für Konflikte auszuhandeln (Baacke 1993). Anerkennung muß verdient werden, errungen werden, Unterstützung und Wohlwollen sind weniger leicht zu erwarten als von Seiten der Eltern.

Frühzeitig kommt es innerhalb der Gleichaltrigengruppe zu einer Bevorzugung gleichgeschlechtlicher Gruppen, welches vorrangig mit unterschiedlichen Interessen von Jungen und Mädchen sowie differierenden Geschlechtscharakteren erklärt wird (Alfermann 1995). Dabei treiben bereits Kinder zwischen drei und fünf Jahren im sozialen Gefüge die Geschlechtersozialisation im Sinne klarer Rollenvorgaben voran (Hoeltje, 1996), weshalb Benard & Schlaffer (1995) die Peers als "Geschlechterpolizei" bezeichneten: "Die Männlichkeit wird unseren Söhnen im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt - von der sogenannten Peer-group, der gleichaltrigen Jungengemeinschaft, und mehr noch von den etwas älteren Jungen". Die Gruppe der gleichaltrigen Jungen bilde eine "Subkultur der Grobheit und Gewalt, in der sie [die einzelnen Jungen, Anm. T.G.] nur mit primitiven Dschungeltaktiken überleben können" (S.207) Wie iranische Revolutionswächter würde die Gruppe der Jungen den Einzelnen kontrollieren. "Ihre Sanktionen: Spott, Ausschluß aus der Jungengruppe, Gewalt" (S.210).

Wer sich nicht anpaßt, nicht einfügt in die Gruppe oder - wie Krappmann (1994) es nennt, im "Geflecht" der häufig miteinander interagierenden gleichgeschlechtlichen Kinder, läuft Gefahr, ausgeschlossen und sozial isoliert zu werden (Schmidt-Denter & Zierau 1995). Das Geflecht stelle ein wichtiges Reservoir für enge Freundschaften dar, so daß eine Außenseiter-Stellung nicht nur für die Stellung unter den Peers, sondern überhaupt für engere soziale Bindungen zu Gleichaltrigen fatal sein könne. Diese Außenseiter-Stellung drohe nach Green (1987) jedem Jungen mit nonkonformem Geschlechtsrollenverhalten: "A boy's nondisposition to rough-and-tumble play, and perhaps his predisposition for dollplay, set him apart from most male peers"(S.380). Nach Bieber et al. (1962) sind prähomosexuelle Jungen in der Tat sozial isoliert in Kindheit und Adoleszenz, sie spielen mit Mädchen und meiden Gruppenspiele.

Wegen der hohen Bedeutung von Geflecht und Gruppen der Gleichaltrigen enthielt das Interview mehrere Fragen, in denen direkt oder indirekt der Kontakt zu den Peers angesprochen war. Die 'frühesten Erinnerungen' konnten sich auf andere Kinder beziehen, bei der Frage nach den Lieblingsspielen war es naheliegend, sich auch zu den jeweiligen Spielgefährten zu äußern, und schließlich wurde direkt nach den Freundschaften, dem Kontakt zu anderen Kindern gefragt und dem Verhalten bei Konflikten mit diesen.

Dadurch ergaben sich eine Vielzahl von Angaben zum Verhältnis zu den Peers, wie es die Männer im Interview erinnerten. Die thematischen Schwerpunkte bei diesen Aussagen und die feststellbaren Unterschiede zwischen den 'harten Jungen' und den 'weichen Jungen' werden im folgenden beleuchtet.
 

- Zusammensein mit Peers

Männer des Clusters A verbrachten ihre freie Zeit meist zusammen mit anderen Kindern, mit Freunden und in teilweise großen Gruppen. Die Männer des Clusters B spielten oft allein, sonst mit einzelnen Freunden und selten mit mehreren.

Ein ganz zentraler Unterschied zwischen beiden Clustern im Kontakt zu anderen Kindern ist, daß die 'harten Jungen' ausgesprochen selten davon erzählen, ihre Freizeit im Grundschulalter allein verbracht zu haben. Von einzelnen Situationen abgesehen, ist stets die Rede davon, daß mit anderen Kindern gespielt wurde. Dabei beziehen sie sich manchmal auf einzelne Spielpartner, etwa ihren Bruder, meistens aber auf mehrere Kinder.

Da sind wir in eine Siedlung gezogen, wo wir ungefähr dreißig Kinder waren, alle in meinem Alter oder ein, zwei Jahre jünger oder ein, zwei Jahre älter. So ungefähr. Und da haben wir auch alle zusammen gespielt, also da gab's dann auch keine Grenzen von Jüngeren oder von Älteren, sondern im Grunde genommen haben wir alle immer sehr viel gespielt, wer halt gerade konnte. (Ernst)
Alleine spielen erschien ihnen offenbar als wenig attraktiv, wenig wünschenswert. Lieber schon nahmen sie in Kauf, mitzuspielen, obwohl ihnen das Spiel selbst nicht sehr zusagte. Sie wollten Teil der Kindergruppe sein und dazugehören. "Ich bin auch ein Mensch, der die Gruppe braucht, der die Gruppe auch genießt." Der Sport, das Fußball-Spielen bekam so eine soziale Funktion, die Förderung von Zusammensein, die Möglichkeit zum Kontakt. Die Art der gern gespielten Spiele legt es zudem nahe, mit anderen zusammen zu spielen. Fußball, Hockey, Cowboy und Indianer, dies alles sind Gruppenspiele.

Bei vielen Männer des Clusters A spürt man deutlich die Freude am gemeinsamen Spiel, am Zusammensein mit anderen Kindern, dem Kontakt und dem Pflegen von Beziehungen. Sie fühlten sich wohl mit den anderen, es war "was los".

Es war eine schöne Zeit, wir waren zehn bis fünfzehn Kinder in einer Gruppe. Es war immer was los. (Tom)
Die einzige Ausnahme - wenn überhaupt - bildet ein Mann, der zwar fast täglich mit anderen Kindern oder seinen älteren Brüdern Fußball auf der Straße spielte, und von sich sagt: "Ich hatte ein paar feste Freunde, mit denen hatte ich oft was gemacht." Aber er erinnert auch, häufiger allein gespielt zu haben, sogar 'Mensch ärger dich nicht'. Eine Begründung dafür mag in seinem Konfliktverhalten liegen ("Ich war oft beleidigt", bei Streits um Fußball-Fragen "war ich dann meistens irgendwie eingeschnappt") oder in seiner Zurückhaltung im Kontakt mit ihm Unbekannten. Wenn seine Brüder oder andere Vertraute nicht zur Verfügung standen, zog er es deshalb vor, allein zu spielen.

Zwei weitere Männer dieses Clusters taten sich mit größeren Gruppen etwas schwer und zogen es vor, mit wenigen, vertrauten Kindern zu spielen. Einer davon erklärt es mit einer gewissen Unsicherheit in der Konfrontation mit Fremden, der andere damit, daß größere Gruppen eher etwas "angestellt" hätten, was ihm als Sohn einer Lehrerin und eines Lehrers offenbar wenig behagte.

Ich fühle mich halt so zu zweit wohler, würde ich sagen, als in einer großen Gruppe. Es ist intimer, und man kennt den anderen besser. Bei einer großen Gruppe kennt man immer manche Leute nicht. Da bin ich eigentlich auch mal unsicher so ein bißchen. (Rainer)
Mit anderen gemeinsam spielen, die Zeit verbringen - kein einziger Mann aus dem Cluster A bezeichnete sich im Auswahl-Fragebogen als 'starker Einzelgänger'. Der Umgang mit einzelnen Freunden bis hin zu Gruppen ist bezeichnend für sie, sie suchen und finden wie selbstverständlich den Kontakt zu Peers.

Bei den 'weichen Jungen' hingegen ist der Begriff 'allein' ein ebenso durchgängiger Begriff wie das 'wir' bei den 'harten Jungen'. Ohne Ausnahme erzählen alle davon, sie hätten "viel" oder sogar "am liebsten" allein gespielt. Nur konsequent sprechen sie beim Aufzählen ihrer Lieblingsspiele häufig davon, "ich habe gern ...", "Ich war...", anstatt in der Mehrzahl zu sprechen.

Vielfältig sind die Erklärungen dafür, wieso sie als Kinder so häufig allein gespielt haben. Diese Tatsache erscheint ihnen erklärungsbedürftig, obwohl eine Begründung vom Interviewer nicht erfragt wurde. Der Tonfall, mit dem vom Allein-Spielen erzählt wurde, läßt jedoch vermuten, daß dies mit Bedauern, mit einer gewissen Traurigkeit festgestellt wird, das Allein-Spielen also bei vielen nicht nur freiwillig war. Daher suchen die Männer des Clusters B fast alle nach Gründen, wieso es dennoch dazu kam.

Mehrere meinen, daß es schon am Fehlen weiterer Kinder in unmittelbarer oder näherer Umgebung liegen würde, wenn sie allein gespielt haben. "Es gab wenig Kinder in der Nachbarschaft" oder sie waren Einzelkind. Ein weiterer oft genannter Grund sind die Vorlieben und Interessen, welche von Geschwistern (v.a. Brüdern) oder auch anderen Jungen nicht hinreichend geteilt wurden, so daß nur die Wahl bestand, auf die Lieblingsbeschäftigung zu verzichten oder sie allein zu betreiben.

Ich habe auch viel alleine mit Puppen gespielt. Auch mit meinem älterem Bruder, aber der hatte wenig Interesse daran, deshalb meistens alleine. (Peter)
Ein Mann äußert explizit Abgrenzungswünsche gegenüber anderen Kindern oder überhaupt anderen Menschen: "Ich war auch gar nicht so interessiert, mit anderen zu spielen. Manchmal spielte meine Mutter mit, aber am liebsten spielte ich alleine." Wenn er alleine spielte, mußte er sich nicht an andere anpassen bzw. in Kauf nehmen, daß die anderen seine Spiele und Interessen abqualifizierten. Er selbst entwertet gleichzeitig die anderen Kinder - ein willkommener weiterer Grund, sich nicht auf sie einzulassen. "Dann war ich eben mein eigener Herr." Die rationale Beurteilung seines kindlichen Spielverhaltens bewahrt diesen ehemals 'weichen Jungen' davor, Trauer oder Einsamkeitsgefühle zu empfinden.

Minderwertigkeitsgefühle oder depressive Stimmungen waren bei einem weiteren Mann Gründe für den zeitweiligen Rückzug von Peers und Familie. Er habe dann "so für mich gehockt und aus dem Fenster geguckt", fühlte sich schlecht und klein, was ihn davon abhielt, sich zu den anderen Kindern draußen auf der Straße zu gesellen.

Sechs der dreizehn Befragten aus diesem Cluster hatten im Auswahl-Fragebogen angekreuzt, ein starker Einzelgänger gewesen zu sein. Zwei Männer dieses Clusters spielten in der Tat meist allein. Der eine verbrachte zwar die Kindergartenzeit und die erste Schulklasse in einer Einrichtung, wo er den ganzen Tag mit anderen Kindern zusammen war. Aber als er nach dem Umzug in eine neue Schule kam, traf er sich nur noch selten mit ein oder zwei Jungen aus der Nachbarschaft. Der andere partizipierte an den Freundschaften des zwei Jahre älteren Bruders, blieb aber sonst meist allein. Beide hatten in jener Zeit keinen Freund oder keine Freundin, mit denen sie sich regelmäßig trafen.

Alle anderen elf 'weichen Jungen' haben früher oder später einzelne Kinder gefunden, mit denen sie sich verstanden und Freundschaften schlossen. Sie berichten von Freunden und Freundinnen, mit denen sie einen Teil ihrer Freizeit gemeinsam verbrachten. Bei ihnen liegt ein wesentlicher Unterschied zu den Männern des Clusters A in der Tatsache, daß sie trotz dieser Freundschaften häufig allein blieben, das gemeinsame Spiel nicht unbedingt die Regel war.

Was sie vor allem aus ihrer Kinderzeit nie erwähnen, sind größere Gruppen, Cliquen, denen sie angehören könnten und die in den Interviews der 'harten Jungen' häufig erwähnt wurden. In Gruppen fühlten sie sich nicht wohl, und für 'Banden' bzw. 'Cliquen' fehlte ihnen wohl auch ein zugrundeliegendes Interesse, wie es bei den 'harten Jungen' anzutreffen war (Bandenkriege etc.).

Ich hatte zwar immer .. so einen . guten Freund, aber nie so, daß ich eine Gruppe hatte mit Jungen, mit denen ich was anfangen konnte. Das war nie so. (Frank)
So stellen sich die Männer des Clusters B zwar in ihrer übergroßen Mehrzahl nicht als absolute Einzelgänger dar, allein zu spielen gehörte jedoch zu ihrem Alltag und die Zahl ihrer Freunde beschränkte sich meist auf wenige.
 

- Integration bei den Jungen

Die 'harten Jungen' schildern sich als integriert in die Gruppe der gleichaltrigen Jungen, gemeinsame Interessen halfen ihnen dabei. Die 'weichen Jungen' erzählen meist von einer Außenseiterstellung in Bezug auf andere Jungen, der sie vielfältige Kompensationsstrategien entgegensetzen.

Die Präferenz für Spiel mit gleichgeschlechtlichen Kindern nimmt nach Maccoby (1990) von der Vorschule/Kindergarten und Schule bis zum Alter von 11 Jahren erheblich zu. Einer guten Integration in die Gruppe der Jungen kommt folglich besondere Bedeutung zu, will ein Junge nicht ganz aus dem Geflecht der Gleichaltrigen herausfallen.

Die Häufigkeit, mit der die Männer des Clusters A während ihrer Kindheit offenbar mit anderen Jungen zusammen waren, läßt eine gute Integration in die männliche peer-group erwarten. Und tatsächlich deuten viele Aussagen darauf hin. Sie trafen sich "jeden Nachmittag" mit den Freunden, waren "ein beliebtes Kind", "sehr akzeptiert" und "absolut integriert".

In der Kindheit war ich absolut integriert. War auch kein Mitläufer, also war auch durchaus jemand, der aktiv war. (Rainer)
Es war nie so, daß ich da irgendwie Außenseiter oder so war. Das war eigentlich nie der Fall. Eigentlich eher in so kleinen Grüppchen, vielleicht eher noch ne Führungsrolle. (Olaf)
Die gemeinsamen Interessen schufen offenbar eine brauchbare Grundlage für diese Integration. Die Selbstverständlichkeit, mit der die 'harten Jungen' das 'wir' benutzen, wenn sie vom Spielen sprechen, und die vielen Aussagen zum gemeinsamen Spiel im vorigen Abschnitt untermauern den Eindruck, daß die Männer aus Cluster A in ihrer Kindheit mit 'dazu' gehörten.

Dies kann über die 'weichen Jungen' und ihre männlichen Peers kaum in gleicher Weise gesagt werden. Das Gefühl, punktuell oder generell Außenseiter zu sein, ist weit verbreitet und wird von mehreren Männern im Interview angesprochen. Dieses Gefühl mag situativ aufgekommen sein, etwa "bei Geburtstagen, wenn die Jungs Fußball spielten", aber meist handelte es sich bei diesem Gefühl um ein dauerhaftes, welches "schon sehr früh" einsetzte.

Son bißchen ausgestoßen schon. Weil, ich kam damit in sone Rolle, ne, daß ich alleine dastand und ... also, ich fühlte mich dann so ein bißchen als Außenseiter auch. Und das hat sich zur Schulzeit dann immer wie ein roter Faden weitergezogen. (Frank)
Sie selbst benennen - neben ganz individuellen wie z.B. eine große Entfernung zur Schule und den anderen Kindern - verschiedene Gründe, wieso sie zum Außenseiter wurden bzw. dies andauerte. Mehrfach genannt wird dabei der Interessenunterschied, der kaum ein großes Ausmaß an Gemeinsamkeiten und Verbindendem mit anderen Jungen entstehen ließ.
Ich denke, daß ich relativ beliebt gewesen bin, und trotzdem hab ich immer das Gefühl gehabt, ich steh irgendwie daneben. Also, ich hab ungern Sport gemacht und das was man so eben so klassisch schwul sagt: immer schön drin gewesen, mit Puppen gespielt und keinen Sport gemocht. Und da war ich .. fühlte ich mich den andern Jungs zumindest immer sehr weit entfernt. Also, da war immer dieses Gefühl, irgendwas ist anders, irgendwie gehör ich nicht dazu. (Veit)
Interesse an Mädchenspielen oder andere bei jüngeren Kindern seltene Neigungen wie etwa für klassische Musik traf auf wenig Gegenliebe bei anderen Kindern. "Da konnte ich auch irgendwie nicht so mit andern darüber reden."

Ihre Ängstlichkeit und Vorsicht ließ sie nicht nur ein geeignetes Opfer für Streiche und Prügeleien werden, sondern die Angst an sich machte sie schon zu Außenseitern und ließ ihre Freundschaften mit anderen Jungen zerbrechen.

Ich hatte immer eine Angst vor Konkurrenzspielen mit Jungs, also Fußball. Mit sieben, acht hab ich dann mehrfach enge Jungsfreundschaften angefangen, die dann immer kaputt gingen, wenn diese Jungen quasi in ihre Rüpeljahre kamen. (Lars)
Der Rückzug von den anderen Jungen und das allein spielen mag eine der Gegenstrategien sein, welche die 'weichen Jungen' anwendeten, um ihre Außenseiterposition entweder zu verlieren oder sie wenigstens nicht so deutlich zu spüren. Viele Interviews enthalten jedoch auch Hinweise auf weitere Gegenstrategien, etwa die Beschränkung der Freundschaft auf einzelne Jungen, die den 'weichen Jungen' in seinem Anderssein akzeptieren.

Akzeptanz durch andere Jungen und Integration in eine (kleine) Gruppe von Peers war dann leichter zu erreichen, wenn die anderen Jungen ebenfalls Außenseiter waren bzw. ihnen ähnlicher im Verhalten und in ihren Interessen. Ein Mann freundete sich mit einem "sozialen Außenseiter in der Klasse" an, ein anderer sagt von seinen Freunden, sie wären "teilweise auch son bißchen außen vor" gewesen. Und es sind vor allem andere ruhigere, "sanfte" Jungen, die ähnliche Spiele liebten und wohl ebenfalls froh waren, (überhaupt) einen anderen Jungen zum Freund zu haben.

So ab der Grundschule waren es dann fast nur noch Jungen, aber so die sanfte Sorte. Die waren entweder so dicke Typen, wie der Sohn vom Restaurant-Besitzer oder ruhige, nicht so wilde Typen, mit denen ich mich gut verstand und die mich auch mochten. (Werner)
Einzelne Männer des Clusters B fanden dadurch einen Kompromiß. Äußerlich erfüllten sie so die Erwartungen der männlichen Peers, sich anderen Jungen anzuschließen und formal von Mädchen abzugrenzen, letztendlich ermöglichten sie sich dennoch die Nähe von anderen Kindern, die ihr Wesen und ihre Vorlieben teilen. Ob die Einschätzung von Krappmann (1994) zutrifft, "zurückgewiesene Kinder" würden mangels anderer Partner viel miteinander unternehmen, ohne daß sie dabei jedoch dauerhafte Beziehungen eingingen, kann aufgrund der Interviewaussagen weder bestätigt noch falsifiziert werden.

Einige ehemals 'weichen Jungen' berichten, daß ihnen andere Eigenschaften, die sie entwickelt hatten, oder geeignete Strategien dazu verhalfen, bei den Jungen ihres Umfeldes doch noch akzeptiert zu werden und einen "ganz guten Stand" zu erreichen. Selbst ein Mann, der sehr viel allein spielte und sich von seinen Interessen her erheblich von anderen Jungen unterschied, war möglicherweise Außenseiter, ohne deshalb von den anderen verachtet zu werden oder Prügelknabe zu sein.

Eigentlich hatte ich immer einen ganz guten Stand in der Klasse oder in der Schule gehabt, weil ich gut war und weil ich hilfsbereit war und weil ich irgendwo halt mit allen auch ausgekommen bin. Bei Kindergeburtstagen ließ ich mich auch mal zu Kompromissen überreden, also z.B. fünfzehn Minuten Fußballspielen und hinterher was anderes wie Topfschlagen. Ja, also, irgendwie bin ich damit klargekommen. Und die auch. (Valentin)
Oder sie konnten die Freundschaft eines angesehenen Jungen erringen, wodurch sie sowohl vor Angriffen geschützt als auch partiell in Gruppen integriert waren.

Eine weitere erfolgreiche Strategie, sich durch Peers akzeptiert zu fühlen, scheint der Wechsel der 'weichen Jungen' zu den weiblichen Peers zu sein, auf den im nächsten Abschnitt genauer eingegangen werden soll. Was die Gruppe der männlichen Peers jedoch angeht, ist die Integration der 'weichen Jungen' häufig begrenzt bis gar nicht vorhanden, beschränkt sich auf Teilgruppen (andere Außenseiter) oder besonders geglückte Situationen. Kein einziger der Männer aus Cluster B beschreibt eine Situation besonders geglückter Integration in die gleichgeschlechtliche Peer-Group, wie sie bei den Männern des Clusters A offenbar mehrheitlich vorgelegen hat.
 

- Mädchen als Freunde

Mädchenfreundschaften waren ab Beginn der Grundschule selten bei den 'harten Jungen', sie verbrachten ihre freie Zeit fast ausschließlich mit anderen Jungen oder 'jungenhaften' Mädchen. Die 'weichen Jungen' flüchteten vom Außenseiter-Dasein bei den Jungen zu Mädchen oder ihnen ähnlichen Jungen.

Spätestens mit dem Beginn der Grundschule, wenn nach dem Kindergarten der nächste große Schritt in die extra-familiäre Umwelt getan wird, engt sich der Kreis der Freunde bei den 'harten Jungen' mehr oder weniger auf die gleichgeschlechtlichen Peers ein. Berichten sie aus frühen Jahren durchaus manchmal, daß Freundschaften mit Mädchen bestanden, lösten sich diese offenbar mit den Jahren auf bzw. wurden nicht wieder durch vergleichbare andere Mädchenfreundschaften abgelöst. Dies geht nicht nur von den Jungen allein aus, die ihre Männlichkeit über die Abwertung von Frauen und Mädchen konstituieren (Schenk 1994) und den engen Kontakt meiden. Auch die meisten Mädchen grenzen sich ihrerseits von den Jungen ab, da sie das Dominanzverhalten und die rauhen Spiel der Jungen ablehnen (Maccoby 1990).

Für prähomosexuelle Jungen gilt hingegen das Spielen mit Mädchen als einer der 'Indikatoren' für spätere Homosexualität (Witham 1977), in seiner Interviewstudie mit jugendlichen Homosexuellen stellte Savin-Williams (1998) heraus, daß fast alle nonkonformen Jungen das Spiel mit Mädchen bevorzugt hätten.

Entsprechend den Angaben im Auswahl-Fragebogen, bei dem acht der neun Männer aus Cluster A 'eher Jungen als Spielgefährten' angekreuzt hatten, schildern sie auch im Interview die relativ geringe Rolle, die Mädchen während ihrer Grundschulzeit gespielt haben. "Es gab keinen Kontakt zu Mädchen", "an Mädchen kann ich mich jetzt nicht erinnern beim Spielen". Alles, was sie in ihrer Freizeit unternahmen, machten sie mit Jungen.

Die gemeinsamen Interessen verbanden offensichtlich. Und die soziale Kontrolle in der Schule oder die Organisation des Zusammenlebens (etwa im Heim) sorgt zusätzlich dafür, daß keiner der Jungen allzu nahe Kontakte zu Mädchen fand. Dabei scheinen die 'harten Jungen' besonders Wert darauf zu legen, die Normen der Peers zu befolgen und sich 'normal' zu verhalten(9).

Dann waren es eigentlich immer nur noch Jungen. Mit denen hat man auch mehr gemeinsam gehabt und dann konnte man auch Sport machen und so. Und das hat sich irgendwie mehr ergeben. In der Schule war eher so eine Abgrenzung. Die Mädchen haben alle zusammen auf dem Schulhof was gespielt, und die Jungen haben auf dem Schulhof gespielt. Und da war so überhaupt keine Verbindung mehr. Das wäre auch komisch gekommen, glaube ich.In der Grundschule war das absolut strikt getrennt. (Rainer)
Manch einer sucht Begründungen auch im bloßen Nicht-Vorhandensein, etwa, "weil es in der Gegend ja nicht so viele Mädchen gab", aber in den meisten Fällen wird das Spielen mit anderen Jungen als "selbstverständlichste Sache von der Welt" angesehen.

Wenn von Mädchen berichtet wird, sind dies solche, die ein 'jungenhaftes' Verhalten an den Tag legten. Sie wurden in gewisser Weise als gleich wahrgenommen, so daß ein Spiel wie mit anderen Jungen möglich war.

Die war sehr extrovertiert eigentlich, die war aber auch sehr sportlich. Wir haben auch oft dann so .. was weiß ich .. dann auch in der Gruppe wieder kräftig mitgemacht. Die war eigentlich .. da konnte man keinen großen Unterschied feststellen, also, das wäre jetzt so das Mädchen oder so. (Rainer)
Die 'harten Jungen' suchen ihre sozialen Kontakte überwiegend im Jungen-Bereich oder im jungenhaft geprägten. Hier fühlen sie sich wohl, dies erscheint ihnen naheliegend. Sie grenzen sich von Mädchen oder mädchenhaftem Verhalten ab - ob durch jungentypische Spiele oder durch räumliche Trennung, um ihre männliche Identität zu sichern. Ein Mann betont, daß er zwar gern mal beim Gummitwist der Mädchen mitmachte, da jedoch andere Jungen ebenfalls beteiligt waren ("Ich war aber nicht der einzige Junge! Das weiß ich!"), war dieses Abweichen vom Jungen-Spiel offenbar akzeptabel.

Mädchenfreundschaften sind die große Ausnahme bei diesen Männern, von punktuellem Zusammentreffen abgesehen. Sie scheinen während der Grundschuljahre einen engeren Kontakt zu Mädchen auch keineswegs zu vermissen, sondern sich ohne diese durchaus wohl zu fühlen.

Ganz anders die 'weichen Jungen'. Keiner der Männer des Clusters B berichtet, er habe überwiegend mit Jungen gespielt. Sieben hatten im Auswahl-Fragebogen angekreuzt, sie hätten 'mehr mit Mädchen' gespielt, die restlichen sechs 'etwa mit beiden gleich'. Und so berichtet mit einer Ausnahme jeder im Interview von Mädchen, von Freundinnen, mit denen er "gut klarkam", mit denen er "die meiste Zeit verbracht" hat.

Das, wie die Mädchen waren und was sie interessierte, entsprach nach ihren Aussagen mehr dem Lebensgefühl dieser Jungen, war mehr 'ihre Welt'. Die Spielinteressen waren ähnlich gelagert, so daß sich die Gesellschaft der Mädchen fast naturwüchsig ergab. Die (anderen) Jungen zogen los auf den Fußballplatz, und der 'weiche Junge' "blieb auf dem Spielplatz mit den Mädchen zurück".

Und hab eben auch sehr viele ... Bekanntschaften auch so zu Mädchen gehabt, das war irgendwie mehr meine Welt. Damals schon. (...) Also, ich konnte Mädchen immer viel besser verstehen als Jungs. So, wenn mit denen Umgang hatte, das war irgendwie alles leichter, alles stimmiger, alles fließender. Das war sehr deutlich. Deswegen hab ich eigentlich auch immer die Nähe von Mädchen oder Frauen gesucht. Da fühlte ich mich auch eher akzeptiert.(Veit)
Mit Mädchen konnten diese Jungen "Sachen machen", Spiele spielen, die sie mit anderen Jungen nicht hätten spielen können. Mit ihnen kamen sie "besser klar", konnten mit ihnen "mehr anfangen".

Mädchenfreundschaften begleiten so die 'weichen Jungen' bis in die Pubertät, zu ihnen können sie sich vor den Anforderungen und Erwartungen der männlichen Peers flüchten, bei ihnen finden sie Nähe, Akzeptanz und Verständnis für ihre sanfte Art wie auch für ihre Ängste.
 

-      Grundgefühl in der Kindheit

Zum Schluß dieses Kapitels soll betrachtet werden, welches Grundgefühl die 'harten' und die 'weichen Jungen' während der Kindheit vorherrschend gewesen sei. Selbstverständlich kann ein solches Grundgefühl mit einer Vielzahl von Faktoren und Lebensumständen zusammenhängen, die Frage nach dem Grundgefühl wurde aber bewußt im Anschluß an die Themen "Geschlechtsrollenverhalten" und "Soziale Kontakte" gestellt, da vermutet werden kann, daß beide Bereiche nicht ganz ohne Einfluß auf das vorherrschende Grundgefühl der Jungen blieben (Fend 1998).

Mit dieser Frage wurde zudem die Hoffnung verbunden, über die z.T. recht konkreten Fragen nach Beziehungen zu Peers oder Eltern hinaus ein Stimmungsbild über die Kindheitsjahre zu bekommen, in dem sich sowohl Eigenschaften und Haltung des (damaligen) Kindes als auch die Reaktion auf die Umwelt widerspiegeln könnte. Damit wurde nach dem Abschnitt über das Verhältnis zu Mutter, Vater, Geschwistern und Peers eine ähnlich offene Frage gestellt wie mit der einleitenden nach den frühesten Erinnerungen.

Da sich bei den Probe-Interviews gezeigt hatte, daß einzelne Interview-Teilnehmer mit einer so unkonkret gestellten Frage wenig anfangen konnten, wurden sechs Begriffe als Beispiel ausgewählt und genannt, die dann meist in der einen oder anderen Weise aufgegriffen wurden: Geborgen, allein, frei, unabhängig, ängstlich, unglücklich. Einige dieser Begriff wurden einer Zuordnung von Düring (1993) entnommen, welche sie zur Beschreibung des Grundgefühls verschiedener Gruppen von Mädchen benutzt hatte.
 

- Die 'harten Jungen'

In ihrer Erinnerung überwiegen bei den Männern des Clusters A positive Gefühle. Sie fühlten sich sorglos und unbeschwert, frei und selbständig, unternehmenslustig und zufrieden. Die Darstellungen ähneln einem Bild von 'glücklicher Kindheit', welches Schmerz und Konflikte verdrängt oder zumindest nicht herausstellt.

Ihre Kindheit stellen die Männer des Clusters A im Rückblick meist ausgesprochen positiv dar. Sie beschreiben eine unbeschwerte, fröhliche Zeit, die ihnen vielfältige Möglichkeiten bot. "Sorglos" und "problemlos" sind mehrfach benutzte Wörter, die eine Leichtigkeit ausdrücken, mit der die Männer als Kind gelebt haben. "Frei", "unabhängig" und "selbständig" lassen sie im positiven Sinne uneingeschränkt von starken Zwängen und Bindungen erscheinen. Im Nachhinein erscheinen manchen diese Jahre als "die goldenen Jahre" oder einfach eine "sehr sehr schöne Zeit", "eine gute Zeit" auf jeden Fall.

Glücklich. Also, ich denke mal so .. zufrieden einfach so. Ich durfte alles machen, ich durfte mich dreckig machen, ich durfte nackt rumrennen, ich durfte alles machen, was ich wollte. (Ernst)
Ich war halt unbeschwert, habe halt ... nach der Schule ging's raus und dann . aktiv ... und abends dann verschwitzt nach Hause kommen. Das war eigentlich so ... das war Spaß und Freude. War auch eigentlich problemlos. (...) Es war eigentlich immer so locker und lustig und war sehr .. angenehm eigentlich, sehr sehr schöne Zeit eigentlich. (Rainer)
Da und dort werden Probleme oder Einschränkungen der positiven Grundstimmung benannt, dann aber schnell relativiert, seien es Konflikte mit den Eltern oder Einschränkungen durch Krankheit. Die Probleme seien an ihnen "vorbeigegangen", sie hätten "einfach nicht dran gedacht". Auf jeden Fall wurde Problemen wenig Bedeutung beigemessen.
Also, im Krankenhaus war ich schon ein paarmal in der Zeit. Gut, das war schon ne massive Einschränkung, aber das war danach dann wieder auch vergessen halt, ne. Das bewerte ich also nicht als irgendwie ne massive Sache. (Rainer)
Schwierige Erfahrungen, die womöglich für sie als Kind schmerzhaft waren, werden so in ihrer Bedeutung geschmälert und ein Klagen vermieden. Implizit stellen sich einige dadurch als starke, problemresistente, standhafte Jungen dar, die nicht so schnell etwas umwirft. Hier findet möglicherweise eine Idealisierung der Kindheit statt, um einem solchen Selbstbild bzw. Anspruch zu entsprechen.

Nur einer weiß einen Konflikt zu berichten, der ihn schwer belastet hat. Er war Bettnässer, und seine Mutter brachte ihn in Gegenwart anderer Frauen in Verlegenheit, indem sie offen darüber sprach. "Also, da bin ich raus und habe geheult wie ein Schloßhund und dachte, wie kann eine Mutter ihrem Kind sowas antun! Da war ich völlig fertig." Allein die Tatsache, daß er lange Zeit Bettnässer war, läßt einiges an seelischen Nöten vermuten. Da dieser Mann aber nach eigenen Aussagen kein "Opfer-Typ" als Kind war, berichtet er selbst über diese schmerzlichen Szene mit gelassener Distanz.

Ähnliches gilt für den Mann mit den häufigen Krankenhaus-Aufenthalten. Trotz mehrfacher Nachfragen sind ihm keine Klagen über Gefühle von Einsamkeit oder Leiden zu 'entlocken'. Die Beschreibung der Situation klingt eher nüchtern-distanziert wie bei einer Party-Plauderei, und vielleicht hat der 'harte Junge' die "massive Einschränkung" damals auch wirklich tapfer ertragen, wie es von einem 'richtigen' Jungen erwartet wird.

Hast du eine Erinnerung daran, wie es dir im Krankenhaus gegangen ist? Nee. Also gut, die üblichen Krankenhaus-Erinnerungen, im Bett liegen und ekelhaftes Essen essen. Das war also einfach nur Liegen und .. Eltern empfangen nachmittags und dann wieder daliegen und Langeweile, ne. Sicher, klar, für ein Kind ist das schon eine massive Einschränkung. Da kann man ja auch nicht groß was lesen oder was oder sich weiterbilden, kommt ja nicht in Frage. (Rainer)
So bleibt im Allgemeinen der Eindruck einer meist unbeschwerten, guten Zeit, an die sich die 'harten Jungen' gern zurückerinnern. Dieser Eindruck paßt sich gut in den Gesamteindruck über Spielverhalten und soziale Kontakte ein.
 

- Die 'weichen Jungen'

Die Männer des Clusters B erinnern ihre Kindheit überwiegend mit negativen Gefühlen. Angst und Schwäche sind oft genannte Empfindungen, auch Ohnmacht und Unterlegenheitsgefühl. Einzelne hingegen benennen 'fröhlich', 'lebendig' und 'glücklich' als Grundgefühl, welches negative Erlebnisse überdeckte.

Der Unterschied zur Darstellung der Männer aus Cluster B über ihre Kindheit im Vergleich zu Cluster A ist eklatant. Wo bei den 'harten Jungen' die positiven Schilderungen und Begriffe vorherrschen, bilden sie bei den 'weichen Jungen' eher die Ausnahme. Nur drei der dreizehn Männer blickte auf eine Kindheit zurück, die in der Erinnerung von positiven Grundgefühlen bestimmt war.

"Lebensfroh", "richtig glücklich" und "fröhlich" sind einige der Begriffe, welche diese drei benutzen. Bei allen drei Männern paßt diese Aussage in ihre sonstige Schilderung einer Kindheit, in der es ihnen gelungen scheint, ihre Welt positiv wahrzunehmen und sich etwa durch Rückzug und Beschäftigung mit sich selbst vor Konflikten zu schützen. In mindestens einem Fall liegt eine Betonung zudem auf dem Gegensatz zur folgenden Zeit, in der sich der Junge deutlich mehr zurückgezogen hat. Verglichen mit den unerfreulichen Zeiten von Pubertät und Adoleszenz scheint ihm die Kindheit geradezu wunderbar.

Mit dieser positiven Sicht stehen diese drei jedoch in ihrem Cluster allein. Alle anderen Männer beschreiben negative Gefühle wie Angst, Depression und Einsamkeit, die sie belasteten und als Grundgefühl aus der Kindheit ins Gedächnis eingeprägt haben. Es waren dabei keineswegs momentane oder vorübergehende Empfindungen, wie sie jedes Kind zu Zeiten erlebt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes langanhaltende Grundgefühle. Im Extremfall waren sie alltägliche Begleiter durch die Kindheit.

Also, wenn ich das zentralste Gefühl benennen soll, wäre es Angst, Bedrohung, (...) und eine unglaubliche Einsamkeit. Ich war sicher, daß ich das unbeliebteste Wesen auf der ganzen Welt bin. Das habe ich eigentlich immer gedacht. Aber Basis-Gefühl war eigentlich Angst, weil ich es eigentlich nur kenne, daß jeder Tag mit Angst begann und ich eigentlich auch mit Angst eingeschlafen bin. (Albert)
Also, ich würde sagen, Depression wär da das Wort. Mehr in Richtung traurig oder ängstlich? Sowohl als auch. Am besten ging's mir als Kind eigentlich, wenn ich so ... also, ja, eigentlich nichts gespürt hab so irgendwie, irgendwie abgelenkt war. (Josef)
Meist ergänzen die 'weichen Jungen' recht konkret, womit ihre Angst zusammenhing. Bei Albert waren es die häufigen Schläge durch die Mutter, bei Lars umgekehrt das Gefühl, ohne seine Mutter "völlig blockiert" zu sein.
Ja, Angst, ständige Unterlegenheitsgefühle, und ich lebte immer nur auf in meinen Träumen und in meiner Phantasie. Aber ansonsten war es eine schreckliche Zeit. Also, ich weiß noch, daß ich mit 8 Jahren völlig verzweifelt zuhause saß und völlig blockiert war, nichts machen konnte. Meine Mutter hatte einen Job angenommen und war nicht mehr zuhause, und ich kam aus der Schule und stand drei Stunden lang an der Gardine und starrte aus dem Fenster und war völlig lethargisch und wußte nichts mit mir anzufangen, völlig ohnmächtig, Lebensangst, Zukunftsangst. (Lars)
Unterlegenheitsgefühl, Schwäche - dieses Selbsterleben scheint eine wesentlicher Hintergrund für die Ängste zu sein. Ein Mann erwähnt in diesem Zusammenhang noch einmal sein Erleben, gegenüber den anderen Jungen im so wichtigen Bereich Sport zu versagen. "Ich fühlte mich schwach, ich konnte es einfach nicht." Nicht mithalten zu können, dieses Gefühl blieb bei vielen von ihnen hängen. Die anderen Jungen machten etwas im sportlichen Bereich, konnten es auch - zumindest war dies die Wahrnehmung der 'weichen Jungen' - während sie versagten und immer wieder mit ihrem Schwachsein konfrontiert wurden.

Mit dem Selbsterleben von Schwäche ging ein stärkeres Schutzbedürfnis einher, und ein nicht ausreichender Schutz rief Angst hervor. Dieser Schutz fehlte, wenn, wie z.B. bei Lars, die Mutter nicht zuhause war, oder wie bei einem anderen, der oft mit seinem Schwimmverein am Wochenende fortfuhr und heftig unter Heimweh litt. Ein dritter fürchtete sich im Dunkeln, lag abends im Bett und hatte wahnsinnige Angst, wenn er nachts auf die Toilette mußte.

In zwei Fällen wurden Auseinandersetzungen der Eltern als Anlaß für Angst benannt, Angst vor dem Streit, aber auch vor dessen möglichen Konsequenzen.

So erinnert der größte Teil 'weicher Jungen' seine Kindheit mit wenig angenehmem Gefühl, ist eher froh, sie hinter sich gelassen zu haben und erwachsen geworden zu sein.
 

-      Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

"Eine Tasse väterliche Abwesenheit, ein Schuß mütterliche Dominanz, ein bißchen Ablehnung durch Peers" - wie zutreffend ist diese pointierte Zusammenfassung ätiologischer Theorien durch Green (1987)?

Ein gewisses Ausmaß an väterlicher Abwesenheit ist von praktisch allen Männern berichtet worden. Doch was den Rest der theoretischen Vorgaben angeht, passen sie nicht so recht zu dem, was die Männer beider Cluster im Interview über ihre sozialen Beziehungen äußern. Zwar erzählen viele 'weiche Jungen' von Ablehnung durch die Peers, dies gilt aber nicht für die Männer aus Cluster A. Auch dominante Mütter tauchen nur da und dort auf, von einem regelhaften Vorkommen kann nicht die Rede sein.

Die Ergebnisse zum Bereich soziale Beziehungen setzen eher das differenzierte Bild fort, welches in Kap.4.3.1 begann: eine ganze Reihe von Aussagen über prähomosexuelle Jungen lassen sich bei den 'weichen Jungen' bestätigen, doch nicht bei den 'harten Jungen'.

Die 'weichen Jungen' betonen meist eine größere Nähe zur Mutter als zum Vater, bei ihr suchen sie Schutz, Geborgenheit und Anerkennung und finden sie meist auch. Diese hohen Erwartungen werden aber nicht immer erfüllt, und so beschreiben manche Männer aus Cluster B ihre Mutter kritisch und recht negativ mit hoher emotionaler Beteiligung. Gegenüber dem Vater besteht zwar eine - manchmal sichtlich libidinös besetzte - Sehnsucht, die jedoch nach ihren Abgaben nur selten mit der gewünschten Zuwendung und Aufmerksamkeit erwidert wird. Da für den Vater Leistung und die Erfüllung rollenspezifischer Anforderungen bedeutsamer sind als für die Mutter, fehlt es auch an Anerkennung, wenn die 'weichen Jungen' in typischen Jungeninteressen "versagen". Ältere Schwestern werden gern als Vorbild angenommen, eine enge Beziehung ist üblich, bei älteren Brüder seltener. Der Kontakt mit gleichgeschlechtlichen Peers wird von 'weichen Jungen' seltener gesucht, statt dessen besteht häufig ein guter Kontakt zu Mädchen oder sie ziehen sich von anderen Kindern ganz zurück. Der größte Teil erinnert die Kindheit nicht sehr positiv, Angst, Ohnmachts- und Unterlegenheitsgefühle bestimmen die Erinnerung.

Das Gesamtbild der 'weichen Jungen' hat fürwahr viele Gemeinsamkeiten mit den Forschungsergebnissen zu den sozialen Beziehungen prähomosexueller Jungen: Ablehnung oder geringer Kontakt sowohl von den männlichen Peers wie auch vom männlichen Elternteil, Nähe und teilweise sehr vertraute Beziehung zur Mutter.

In den meisten Punkten anders jedoch die 'harten Jungen'. Sie berichten ein sehr 'normales' Verhältnis zur Mutter mit einem i.d.R. allmählich und ohne heftige Tragödien verlaufenen Ablösungsprozeß, der sie das weibliche Elternteil als 'gute Mutter' in Erinnerung behalten läßt. Sie brauchten die Mutter im Hintergrund, jedoch weniger als ständiges Gegenüber, etwa beim Spielen.

Der Vater, wenig anwesend und in seiner Bereitschaft, sich auf den Sohn einzulassen, zurückhaltend, wird als weniger nah erlebt, und doch gibt es Gemeinsamkeiten - der Besuch auf dem Fußballplatz, Spiele im Urlaub -, die positiv vermerkt werden. Vom Vater kommt durchaus Anerkennung und Zuwendung. Insgesamt wird die Beziehung zu ihm, mangels allzu großer Erwartungen, als positiv eingeschätzt. Zum Bruder besteht teilweise ein enges, gutes, manchmal aber auch ein konkurrenzhaftes Verhältnis, der ältere Bruder war dabei häufig Vorbild. Kontakt mit den anderen Jungen war ihnen wichtig, sie waren häufig in Gruppen zusammen und gut integriert, wobei die gemeinsamen Interessen sicher hilfreich waren. Mit Mädchen gaben sie sich im Lauf der Jahre immer seltener ab. Ihr Grundgefühl aus der Kindheit war das einer glücklichen, unbeschwerten Zeit, wobei sie Zeiten unangenehmer Erfahrungen eher wegsteckten, als sie zu betonen.

Noch deutlicher als bei Geschlechtsrollenverhalten entdeckt man in der sozialen Einbindung und im sozialen Kontakt bei den 'harten Jungen' wenig, was als Unterschied zum 'normalen' heterosexuellen Jungen auffällt.

Doch auch bei diesem Abschnitt bleiben Fragen offen:

Welche Bedeutung hat die durchgängig von beiden Clustern betonte Distanz zum Vater? Zeigt sich hier die von Green erwähnte "cup of fathers absence", die für prähomosexuelle Jungen typisch sei? Dies würde allen Analysen über die Rolle des Vaters in der Familie des 19. und 20. Jahrhunderts widersprechen, die sich prinzipiell durch Abstand von den Kindern auszeichnet. Pilgrim als einer der Gründungsväter selbstkritischer Männerliteratur beschrieb diese Situation in seinem 'Manifest für den freien Mann' wie folgt: "Der Mann hat sich ein Bild gemacht, wie seine Beziehung zu Kindern sein soll: abgerückt und entfernt. .... Der Mann ist leiblich, ideologisch und heute vor allem wirtschaftlich vom Kinde getrennt."(1983, S.120)

Im 19.Jahrhundert "entführte" der Beruf den Vater aus der Familie, und erst in letzter Zeit kehrt er tendenziell dorthin zurück (Baacke 1993). 1984 konnte Weikert in einer Interviewstudie mit homosexuellen und heterosexuellen Männern nachweisen, daß eine geringe Nähe zwischen Vater und Sohn bei beiden Gruppen anzutreffen ist. Weikert resümiert: "Die mir vorliegenden Äußerungen und die Eindrücke aus den Interviews vermitteln mir ein erschütterndes und traurig stimmendes Bild von der großen Beziehungslosigkeit zwischen Vater und Sohn in den von den Männern geschilderten Vaterbeziehungen. Dabei ist es m.E., wie schon erwähnt, unerheblich, ob es sich um den Bericht eines homosexuellen oder eines heterosexuellen Mannes handelt."(S.83) In der Studie von Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) schlägt sich dies darin nieder, daß auch bei einer beträchtlichen Zahl heterosexueller Männer eine Identifikation des Jungen mit seinem Vater durch diese Beziehungslosigkeit behindert ist.

Möglicherweise liegt der Unterschied zwischen heterosexuellen und 'harten' homosexuellen Jungen auf der einen und 'weichen' homosexuellen Jungen auf der anderen Seite darin, wie sie auf diese Tatsache reagieren. Die 'weichen Jungen' nehmen offenbar das Angebot einer nahen Beziehung der Mutter eher an, entwickeln eine stärkere Abhängigkeit und erwarten mehr von ihr als die 'harten Jungen'. Obwohl - oder weil - mehrere von ihnen gegenüber dem Vater ein Bedürfnis nach Nähe und auch Erotik verspüren, bleiben sie auf Distanz bzw. ziehen sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr von ihm zurück. Diesen Rückzug hat Isay (1990) ausführlich beschrieben, doch er scheint mir vor allem für die 'weichen Jungen' zu gelten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, was ein 'weicher Junge' über seinen Vater erzählt. Während seiner Kindheit bestand ein extrem enges Verhältnis zu Mutter, und er meint, Angst gehabt zu haben, sie zu verlieren, wenn er sich dem Vater nähere. Später kam es anläßlich seines Coming Out's zu einem intensiven, guten Gespräch zwischen beiden, in dessen Verlauf der Vater äußerte: "Deine Mutter hat mich ja nie an dich rangelassen. Ich hatte irgendwie auch keine Energie, ständig zu kämpfen um dich. Du warst Mutter's Kind." Während offenbar keiner der 'harten Jungen' eine solch enge Beziehung zur Mutter gesucht bzw. zugelassen hat, besteht sie bei einer Reihe von 'weichen Jungen' die gesamte Kindheit hindurch. Sie schlagen sich auf die Seite der Mutter bzw. lassen sich vereinnahmen.

Ist die teils erhebliche Distanz zwischen den meisten 'weichen Jungen' und ihrem Vater einer Art konzertierten Aktion zwischen Sohn und Mutter zu verdanken? Vielleicht ist es nicht bloß die eine oder andere "close-binding" Mutter, die den Vater nicht an den Sohn "rangelassen" hat, sondern auch der Sohn, der den Vater nicht (mehr) an sich ranließ? Zucker ließ 1993 Versuchspersonen Bilder von 'femininen' Jungen und von einer 'normalen' Kontrollgruppe beurteilen. Die femininen Jungen wurden als attraktiver und niedlicher eingeschätzt. Wäre es nicht denkbar, daß auch Väter - zumindest in der früheren Kindheit - auf diese Attraktivität positiv reagieren und dem Kind Zuwendung anbieten? Dannecker (1997) vermutet, daß die Beschreibung des Vaters als distanziert eine Wahrnehmungsverzerrung ist, die mit der gescheiterten ödipalen Liebe zum Vater zusammenhängt. Reagieren die 'weichen Jungen' stärker als die 'harten Jungen' auf die unerfüllte Sehnsucht nach dem väterlichen Liebesobjekt, nehmen sie womöglich die Sehnsucht stärker wahr und reagieren deshalb enttäuschter?

Die 'harten Jungen' hatten es gewiß angesichts ihrer jungentypischen Interessen leichter, mehr Nähe und Gemeinsamkeit mit dem Vater zu verwirklichen. Aber auch bei 'weichen Jungen' finden sich Beispiele dafür, wie ein Junge sich geöffnet hat für mehr Gemeinsamkeit, und der Vater z.B. ihm einen Zugang zu Natur und Technik ermöglichte. Bereits bei den Lieblingsspielen nannte einer der Männer, plötzlich sehr lebendig: "Mit meinem Vater angeln gehen". Er hat den Vater aus diesen Situationen und aus dem Urlaub als "fürsorglich und lieb und nett" in Erinnerung. Dieser Junge ist ein gutes Beispiel, wie selbst begrenzte Begeisterung für eine Sache - in diesem Fall das Angeln, bei dem er die Fische nach dem Fangen lieber wieder ins Wasser geschmissen hätte, statt ihnen den Haken aus dem Maul reißen und sie töten zu müssen - hintan gestellt wurde, um etwas mit dem Vater zusammen zu unternehmen.

Das mit den Interviews vorliegende Material erlaubt wenig eindeutige Aussagen zu dieser Frage, so daß es bei Vermutungen bleiben muß. Deutlich wird allerdings, wie wenig differenziert bisher das Verhältnis homosexueller Männer - egal, ob 'hart' oder 'weich' - zu Mutter und Vater untersucht wurde.

Ähnliches gilt aber auch für den Kontakt zu Gleichaltrigen. Mit Fortschreiten der Kindheit separieren sich die Geschlechter zunehmend, Jungen sind hauptsächlich mit Jungen zusammen, Mädchen mit Mädchen. Diese Regel durchbrechen die meisten 'weichen Jungen' im Gegensatz zu den 'harten Jungen' und schließen sich eher den Mädchen an. Dies scheint u.a. damit zusammenzuhängen, daß sie unter den Anforderungen leiden, die sie als Jungen - gerade auch gegenüber anderen Jungen - erfüllen sollen.

Ist damit die Nähe zu Mädchen und Frauen, die als Spielgefährtinnen gesucht und gefunden wurden, nur aus der Not geboren, um den Erwartungen an sie als Jungen zu entgehen? Ist also die Wahl der Mädchen als Spielgefährtinnen in Wirklichkeit keine Entscheidung für Mädchen, sondern vor allem eine gegen Jungen?

Und welche Auswirkung hat diese Wahl im späteren Leben? Beginnt hier womöglich eine Art Mißbrauch des weiblichen Geschlechts für den eigenen Schutz und das eigene Wohlergehen, das sich später in Form von Freundschaften mit Frauen fortsetzt, deren Nähe gesucht wird, solange Sorgen, Liebeskummer oder Depressionen drücken, deren eigenen Interessen als Frau aber übergangen werden? Und was bedeutet diese Wahl für das Verhältnis zu Männern und zur (eigenen) Männlichkeit? Friedman (1993) betont, daß die Beurteilung von sich selbst als männlich von positiven sozialen Beziehungen zu anderen männlichen Personen abhängt. Können die 'weichen Jungen' überhaupt ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zum eigenen Mannsein und eine stabile Eigenwahrnehmung als männlich entwickeln, wenn das männliche Element in ihrem Umfeld so nachdrücklich ausgeschlossen ist?

Die Gesellschaft der Mädchen scheint den 'weichen Jungen' so naheliegend und komfortabel, daß keiner von ihnen ausdrückliches Bedauern darüber äußert, von den Jungen ausgegrenzt zu werden. Solange die Mädchen statt dessen zur Verfügung stehen, die den Jungen bereitwillig in ihrer Mitte aufnehmen, scheint das Leiden begrenzt zu sein.

Wie 'heil' aber war diese Welt wirklich? Es ist denkbar, daß die Konfliktscheu der 'weichen Jungen', die im Abschnitt 4.3.1 konstatiert wurde, auch für die Mädchen galt. Nur zwei der Männer erzählen explizit von Konflikten mit Mädchen, beide davon, daß ein Mädchen sie im Streit geschlagen hatte. Werden Interessenkonflikte mit den Mädchen ausgeblendet, entweder in der Retrospektive oder bereits während der Kindheit, um nicht die einzigen potentiellen Spielgefährten zu verlieren? Wie gut war der Kontakt wirklich? Wie hoch war die Anpassungserfordernis damals? Und welche Folgen kann dies für spätere Beziehungen zu Frauen haben?

Die meisten Männer des Clusters B erwähnen, sie hätten zumindest zeitweise allein gespielt, waren z.T. starke Einzelgänger. Während im Kontakt mit Mädchen doch ein Großteil jener Entwicklungsaufgaben erfüllbar erscheinen, welche nach Krappmann (1994) ein Kind im sozialen Kontakt bewältigen muß, wie Kooperation, Durchsetzungsvermögen, Verhandeln, Flexibilität, Selbsterfahrung etc., ist dies ohne hinreichenden Kontakt zu Peers erschwert bzw. unmöglich. Könnte dies ein Faktor sein, der spätere Schwierigkeiten als erwachsener Mann im sozialen Kontakt mit sich bringt?

Andererseits wird Einzelgängern eine starke Selbständigkeit und Phantasie zugesprochen, verglichen mit jenen Kindern, die sich nur in einer Gruppe wohl fühlen. Allein-Spieler können durchaus von den Peers akzeptiert und respektiert werden, so wie es einer der Männer beschreibt.

Allerdings bleibt auch beim Thema 'allein spielen' die Frage offen, ob die den Berichten entnommenen Unterschiede wirklich so deutlich sind oder ob es sich um überbetonte Darstellungen insbesondere der Männer des Clusters B handelt, wenn sie erzählen, 'viel' allein gespielt zu haben. Denn oft wird bei den Lieblingsspielen vom Versteckspiel, Kriegen spielen und ähnlichen Aktivitäten berichtet, die eher zu den Gruppenspielen gerechnet werden können. Ist die Betonung des alleine Spielens möglicherweise eine Projektion von später erlebter Einsamkeit, sei es im Verlauf der Pubertät, im homosexuellen Coming Out oder im aktuellen Leben als homosexueller Mann?

Die Unterschiede zwischen den beiden Clustern beim Grundgefühl in der Kindheit sind sehr deutlich. Wie verläßlich sind die Aussagen der Interviewpartner? Haben die vorgegebenen Beispiele (geborgen, frei, unabhängig, ängstlich, allein, unglücklich) dazu verführt, das Grundgefühl extremer zu schildern?

Gerade bei den 'weichen Jungen' wird der Begriff 'ängstlich', der auch bereits im Auswahl-Fragebogen abgefragt wurde, häufig aufgegriffen. Allerdings hatten sich in diesem Fragebogen bereits elf der dreizehn Männer als 'ängstlich' beschrieben, so daß es kaum vorstellbar erscheint, die Männer hätten das Gefühl 'Angst' nur wegen der Vorgabe aufgegriffen. Es ist eher bemerkenswert, daß die drei davor genannten, grundsätzlich positiv besetzten Begriffe eben nicht aufgegriffen wurden. Keiner der 'weichen Jungen' benannte 'geborgen' als Grundgefühl, ebenso wenig 'frei' oder 'unabhängig'. Gerade die beiden letzten Begriffe wurden aber von den Männern des Clusters A unmittelbar angenommen. Es ist allerdings möglich, daß innerhalb des gesamten 'Clusters B' weniger Männer als Grundgefühl 'Angst' angegeben hätten, da sich bei den interviewten Männern im Vergleich zum Gesamtcluster ein größerer Anteil im Fragebogen als 'ängstlich' bezeichnet hatte (Gesamtcluster 63,5%, Interviewpartner 84,6%)(10).

Es gibt allerdings noch einen weiteren Faktor, der hier Einfluß genommen haben könnte. Einige Männer des Clusters B haben Erfahrungen mit Therapie, was ihren Zugang zu frühen Gefühlen erleichtert haben dürfte. Dies war in den Interviews häufig spürbar. Sie konnten die Angst noch spüren, die sie als Kind durchlebten. Die Stimmung der meisten Männer dieses Clusters wirkte deutlich niedergeschlagen, als sie über ihr Grundgefühl während der Kindheit sprachen.

Diese Wahrnehmung hatte ich bei den Männern des Clusters A nicht. Lediglich einer erwähnte, daß seine Ausbildung auch Selbsterfahrungselemente enthalten habe. Wieviel der sehr positiven Äußerungen aus dem Kreis der Männer des Clusters A über die eigene Kindheit ist unhinterfragtes Klischee, Produkt guter Verdrängung, welche die Ängste und Nöte des ehemals kleinen Jungen nicht mehr wahrnehmen will? Haben eventuell gerade diese 'jungenhaften' Jungen frühzeitig gelernt, ihre Angst zu unterdrücken, kein Aufsehen darum zu machen bzw. sie 'mannhaft' zu überwinden, während den 'weichen Jungen' dies nicht gelang oder sie sich diesem Bemühen verweigerten? Betonen andererseits die Männer des Clusters B ganz besonders ihre Ängste und verdrängen die schönen, unbeschwerten Jahre?
 
 

4.3.3      Erotik und Sexualität vor der Pubertät

- Vorbemerkungen

Die Darstellung verschiedener Aspekte der Kindheit der Interviewpartner bis zur Pubertät soll mit der Fragestellung abgeschlossen werden, welche erotischen Phantasien, Interessen und Erlebnisse die Männer aus diesen ersten zehn bis zwölf Lebensjahren erinnern.

Hirschfeld zitierte 1903 mehrere Männer, die von früher Faszination für andere Jungen oder Männer berichteten:

1870 - ich war 8 Jahre - kam ein Wirtschaftsinspektor zu uns, der mich völlig bezauberte. Ich starrte diesen Mann bei Tische so unablässig an, daß mein Vater mich fragte, was ich an ihm habe, worauf ich erwiderte, sein rötlicher Bart gefiele mir über alles. Verabschiedete sich dieser Herr am Abend von meinen Eltern, lief ich ihm auf dem Korridor des Hauses nach und erbettelte einen Kuß von ihm. Hatte ich einen solchen erlangt, drückte ich diesen Kuß in meine Linke, ballte diese zur Faust und nahm den Kuß so mit ins Bett, um in der Dunkelheit die Hand immer wieder zu küssen, bis ich einschlief." (Fall 1)
Meine Schwester war mein alter ego, während mein 13 Jahre älterer Bruder, ein sehr schöner Mann, mein 10jähriges reines, unschuldiges Herz furchtbar verwirrte. (...) Ich erinnere mich genau, daß im 6. oder 7. Jahr vorübergehend meines Bruders Schönheit mir wie ein geoffenbartes Mysterium durch Mark und Bein zitterte." (Fall 2)
Die ersten noch unbewußten Regungen des homosexuellen Lebens fallen etwa ins zehnte und elfte Jahr. Wir hatten einen Kutscher, einen schönen und kräftig gebauten Menschen mit dunklem, langem Schnurrbart. (...) Ich hatte das unwiderstehliche Verlangen, ihn zu umarmen, da das aber schwer anging, so schlich ich mich öfter, wenn ich ihn bei der Arbeit wußte, in seine Wohnung, schlüpfte in seine riesigen Stiefel, hing seinen Rock oder Pelz an mich und hatte ein Gefühl des seligsten Wohlbehagens. Ich drückte die Kleidungsstücke fest und krampfhaft an mich (...) verbunden mit dem Gedanken an den schönen groß gebauten Kutscher, den ich mir dachte, indem ich die Kleidungsstücke an meinem Körper befühlte, verursachten mir heftige Erektionen (...) Meinen Angehörigen teilte ich nie etwas von meinen Gedanken und Gefühlen mit - nicht weil ich etwas Unrechtes zu tun glaubte, aber doch wohl, weil ich mir schon damals unwillkürlich werde bewußt gewesen sein, etwas zu empfinden, das nur mir selber verständlich war." (Fall 3)
Isay (1990) unterstrich die Bedeutung der sexuellen Phantasien. "Ich bin der Ansicht, daß sexuelle Phantasien zur Definition Homosexueller nützlicher sind als das Verhalten."(S.19). In die selbe Richtung zielte eine Feststellung von Krafft-Ebing (1984): "Von größtem Wert für die Diagnose ist die Ermittlung der Vita sexualis im Schlaf- und Traumwesen"(S.330)

In der Fragestellung wurde deshalb wesentlich das Interesse und die Phantasien erfragt, aber auch nach konkreten Erlebnissen gefragt. Deshalb wurde auch nach 'erotischen' Empfindungen gefragt, um in Abgrenzung von der in der Alltagssprache genital-körperlichen Konnotation des Begriffes 'sexuell' das gesamte "mit sensorischer Faszination erlebte, den geistig-seelischen Bereich einbeziehende" Empfinden (Duden Fremdwörterbuch, 1982, S.226) zu erkunden. Es wurde die Frage gestellt, ob sich der Interviewte an erotische bzw. sexuelle Phantasien und Erlebnisse vor der Pubertät erinnere, was er dabei empfunden habe und wie er damit umgegangen sei. In einer weiteren Frage wurden Erinnerungen an sexuelle Erlebnisse vor der Pubertät angesprochen.

Die Pubertät, genauer gesagt der Zeitpunkt der ersten Ejakulation als Ausdruck körperlicher Veränderungen, wurde als 'Grenzmarke' gewählt, weil davon ausgegangen werden kann, daß mit der Pubertät u.a. aufgrund hormoneller Umstellungen das sexuelle Interesse allgemein - und damit möglicherweise auch die stärkere Wahrnehmung einer sexuellen Orientierung - steigt. Neben der Entwicklung des Schamhaares stellt die erste Pollution allgemein die früheste körperliche Manifestation der Pubertät dar (Kinsey 1966, S.163). Wie bei den ersten Abschnitten dieses Kapitels über die Kindheitserfahrungen sollte aber auch in diesem letzten Abschnitt das kindliche Empfinden und Verhalten vor der Pubertät erfragt werden, um es im Rahmen des Vergleichs der beiden Cluster darstellen zu können.
 

-  Erotisches Interesse und sexuelle Erlebnisse vor der Pubertät

Erinnerungen an ein homo-erotisches Interesse vor der Pubertät waren bei beiden Clustern nicht sehr umfangreich. Die Männer des Clusters A erinnern z.T. Bewunderung und Faszination für andere Jungen, dem ein erotisches Interesse zugrunde liegen könnte. Bei den Männern des Clusters B bestehen demgegenüber eher Erinnerungen an erotisch gefärbtes Interesse, bis hin zu konkreten sexuellen Wünschen. In zwei Fällen wird explizit hetero-erotisches Interesse geäußert.

Im Auswahl-Fragebogen gaben die Männer des Clusters A ein Alter von durchschnittlich 12,67 Jahren an, in dem sie zum ersten Mal eine erotische Anziehung gegenüber Jungen oder Männern wahrnahmen, und die Männer des Clusters B einen Alters-Mittelwert von 11,51.

Zu diesem Zeitpunkt muß davon ausgegangen werden, daß sich zumindest ein Teil der Jungen bereits in der Pubertät oder unmittelbar davor befanden (bei Bell, Weinberg & Hammersmith 1981 datierten 55% ihre erste Ejakulation auf ein Alter bis 12 Jahren), so daß Berichte ab jener Zeit erst im Kapitel über sexuelle Empfindungen und Erlebnisse in der Adoleszenz berücksichtigt werden.

Die Spannweite der Daten war jedoch recht hoch, sie betrug bei den 'harten Jungen' 10, bei den 'weichen Jungen' 16 Jahre, mit den niedrigsten Werten bei 7 resp. 4 Jahren. Die Daten ließen also vermuten, daß ein Teil beider Cluster sich bereits vor der Pubertät erotisch zu dem gleichen Geschlecht hingezogen fühlte.

Die Aussagen in den Interviews entsprechen grundsätzlich den quantitativen Daten des Fragebogens, wonach ein großer Teil beider Cluster angab, vor ihrer Pubertät kein erotisches Interesse an Männern wahrgenommen zu haben. Zwar schränken einige Männer ihre Aussage ein, indem sie "glauben" oder "meinen", derartige Bedürfnisse erst in der Pubertät verspürt zu haben, aber viele sind sich doch recht sicher.

Ich kann nur sagen, daß die Sex-Phantasien so mit der Pubertät anfingen. Vorher, also bevor ich das alles ausgekundschaftet hab, wie das so läuft so sehr erotische Phantasien kann ich gar nicht erinnern aus der Kindheit. Echt nicht. Also, nicht vor 11. Oder vor 10. (Volker)
Es war für viele Männer nicht leicht, die erste erotische Anziehung durch Männer altersmäßig zu bestimmen. Verdrängung mag einen Teil dazu beitragen, in der Erinnerung jedenfalls ist diesen Männern keine derartige Anziehung vor ihrer Pubertät bewußt.

Was dem einen oder anderen im Gedächnis blieb, ist Neugier am Körper anderer Kinder, also auch von Mädchen, die sie veranlaßte, sich einander entblößt zu zeigen oder bei Doktorspielen den Körper des anderen Kindes zu erforschen: "Doktorspiele haben wir gemacht, Schwanzlängen verglichen auf dem Kinderplatz, aber mehr nicht." Ein erotisches Interesse wird in diesen Begebenheiten nicht gesehen, es war "zu dem Zeitpunkt nur Neugierde".

Diese Erlebnisse entsprechen der Kategorie 'Exhibition der Genitalien' bei Kinsey, in seiner Untersuchung eine weit verbreitete Tätigkeit unter Kindern, ob homosexuell oder heterosexuell. Was 'sexuelle Erlebnisse' angeht, sind diese 'Doktorspiele' oder 'Schwanzvergleiche' bei den meisten Männern alles, was bis zur Pubertät geschieht.

Manche verneinen auch ein erotisches Interesse vor der Pubertät, berichten aber von einem "Interesse" oder, nachdem dieses Wort in der Frage benutzt worden war, von einer "Faszination" für einen oder mehrere andere Jungen. Auch dies findet sich sowohl bei Männern des Clusters A wie auch des Clusters B:

Ich fand Männerkörper sehr interessant. Also, es gibt sone Szene, die ist schon ziemlich lange mir wieder bewußt geworden, wo ich .. im Badezimmer auf der Kommode sitze, also noch relativ ... ich weiß nicht, wie alt ich da war, aber relativ jung war, und mein Vater stand in der Wanne und hat sich abgeduscht oder abgewaschen, und ich fand das total faszinierend, ihn anzugucken. Und auch später dann, wir waren in so einem Tennisclub, fand ich das ganz toll, als ich endlich in die Männer-Umkleide durfte und da so die Männer sehen konnte und beobachten konnte. Also, die fand ich einfach sehr interessant! Kannst du sagen, was das Faszinierende war? Ich fand die schön! Ich fand die einfach schön, interessant und schön. Es hatte irgendwas, was mich interessierte. Ich kann auch nicht sagen, wieso. Wobei ich das damals überhaupt nicht als erotisch empfand, ne, sondern einfach, ja, eben schön. (Werner)
Wie schwer sich die Interviewpartner damit taten, erotisches Interesse von allgemeiner Neugier abzugrenzen, demonstriert ein Mann, der zunächst davon sprach, die "Ausstrahlung" eines anderen Jungen im Kindergarten habe ihn fasziniert, weil dieser so ein "Lausbub" war, damit aber ein "erotisches Interesse sicher nicht" verbunden gewesen sei. Wenig später fällt ihm doch ein, daß es im Alter von fünf oder sechs Jahren ein Ereignis gab, bei dem er mit einem Nachbarsjungen sich gegenseitig Penis und Gesäß zeigte, was in seiner Erinnerung über bloße Neugier hinausging: "Ja, das war auch deutlich erotisch belegt, ja."

Einige Männer aus beiden Clustern gehen auch tatsächlich so weit, ihre "Faszination" als "erotisch" zu benennen und so ein erstes gleichgeschlechtliches Interesse vor der Pubertät festzustellen. Sie erinnern eine Anziehung durch einen Jungen, etwa in der Grundschule: "Das hatte auch irgendwie so ne erotische Komponente". Sie suchen nach Worten, mit denen sie das damalige Gefühl beschreiben könnten, benennen es "geheimnisvoll und prickelnd", ein anderer "fand einen Mitschüler total anziehend", einen "Super-Sportler": "Ich fand es total erregend, ihm zum Beispiel beim Schwimm-Unterricht zuzusehen." Die Schilderungen beschränken sich also keineswegs auf diffuse Empfindungen, sondern wurden in einzelnen Fällen als explizit erotisch wahrgenommen.

Das war etwa mit neun oder zehn. Da gab's einen Praktikanten im Ferienlager, den fand ich schon ganz toll und erotisch. Und dann einen, der war der älteste in meiner Gruppe. Der sah sehr gut aus, fand ich, war sehr gut gebaut und die Frauen, die jungen Erzieherinnen, die waren son bißchen hinter ihm her, und der war auch der beste im Fußball. Also, das war sicherlich so ne Mischung aus Bewunderung und Erotik, die ich für ihn empfunden habe. Den habe ich natürlich beim Waschen am Waschbecken oft angeguckt. Und den fand ich schon toll! Der hatte schon die ersten Brusthaare und der war einfach zwei Köpfe größer als ich, sehr kräftig, und den fand ich schon toll! Den hab ich immer bewundert, eigentlich bewundert angeguckt. (Tom)
Anziehung, Faszination und erotisches Interesse bei den Männern vor der Pubertät hatte offenbar viel mit Bewunderung von Stärke, Kraft und körperlicher Schönheit zu tun. Dies gilt nicht nur für die 'weichen Jungen', sondern für alle.

Einzelne Männer erinnern über Interesse hinaus die Sehnsucht nach Berührung, die sich ausdrücklich auf Männer richtete. Manchmal hat sie mehr die Bedeutung von Schutz oder Geborgenheit, etwa wenn Tom zu einem größeren Kind ins Bett krabbelt, als er während seines Heimaufenthaltes krank wird. Manchmal scheint die Sehnsucht aber auch erotisch gefärbt zu sein.

Ich erinnere schon, wie mein Vater so mit freiem Oberkörper auf der Terrasse oder am Strand lag. Mittelgroß, schlank, blond, blauäugig, .... eher kräftiger Oberkörper. Da war schon Interesse, und ich glaube, ich fand ihn interessanter als meine Mutter. Ich weiß auch noch, wie ich mich gerne ans Bein von ihm geschmiegt hab, wenn der von der Arbeit kam. Diese Berührung .. hab ich dann gesucht. (Anton)
Einer der ehemals 'harten Jungen' entsinnt sich, daß seine Vorliebe fürs spielerische Raufen viel mit Erotik zu tun hatte. Auch wenn er es damals wohl nicht zugegeben hätte, genoß er doch "das Aneinanderreiben von Körpern, die Berührung, auch zu mehreren."

Wie groß die Sehnsucht war, aber auch die Ängste, mit dieser geheimen Sehnsucht entdeckt und bloßgestellt zu werden, wird im folgenden Beispiel deutlich. Dieser 'weiche Junge' hatte sich bereits als Kind eine Puppe mit Penis gewünscht, und mit etwa sieben Jahren erfüllte sich endlich auch sein lang gehegter Wunsch, den Penis eines anderen Jungen zu berühren. Die Gelegenheit dazu fand er beim "Mörderspiel", bei dem im dunklen Zimmer ein "Mörder" ein anderes Kind auf den Rücken schlagen darf. Später konnte er dasselbe noch einmal wiederholen, diesmal mit Wissen und Bereitschaft des anderen Jungen. Trotzdem war ihm damals sehr bewußt, daß diese Sehnsucht verboten war.

In diesen Situationen wollte ich immer unbedingt der Mörder sein und wollte immer gerne andern Jungen an den Schwanz fassen. Daran erinnere ich mich noch. (...) Es ist mir auch einmal gelungen. Das war uns dann beiden aber auch peinlich, als das Licht dann an war. Es war peinlich ... was hast du noch in dem Zusammenhang empfunden? Na, ich fand es auch total aufregend, ich wollte das unbedingt. (...) Du hättest dir gerne mehr gewünscht? Ja! Also vielleicht auch nicht in der Form, wie ich heute Sex habe, aber vielleicht in einer anderen Form. Und es war für mich so stark tabuisiert, daß dieses Spiel für mich die einzige Möglichkeit war ... im Dunkeln .... wenigstens einen ganz kleinen Teil davon auszuleben. (Torge)
Dieser Mann benennt eindeutige sexuelle Wünsche, wenngleich er sie nicht in der Form, "wie ich heute Sex habe" einordnet, aber dennoch auf Männer gerichtet. Er gehört damit zu den drei 'weichen Jungen', die ein direktes sexuelles Interesse benennen. Ein zweiter entsinnt sich an ein starkes Interesse für muskulöse Männer, u.a. seinen Vater, den er "sehr attraktiv" fand. Seine Beschreibungen mehrerer Vorfälle demonstrieren plastisch, wie deutlich sein Interesse schon in der Kindheit auf Männer gerichtet war.
Ich fand zum Beispiel meinen Vater, weil er so muskulös war, sehr attraktiv. Und der hat dann zur Jagd auch so Lederhosen angehabt so und .. ich mochte halt so diese Lederhosen, wenn er die mal so .. auf'm Sessel im Schlafzimmer hingelegt hatte, hab ich das halt gerne angefaßt so. Das hatte halt was Geiles, also, wußte ich nicht, daß das geil ist, aber das fand ich halt irgendwie so kribbelnd. Fand ich total schön. Schon als Kind mit 5 oder 6 Jahren hab ich gern im Lexikon geblättert und da gab es eine Abbildung Raub der Töchter des Leukipos", wo zwei Kerle auf'm Pferd zwei Frauen entführen, und diese Kerle sehen halt auch so ziemlich gut aus, muskulös und so .. wild irgendwie. Ja, das hat mich irgendwo auch angemacht. (Valentin)
Der dritte schließlich, der lange Teilnehmer einer psychoanalytischen Therapiegruppe war, beschreibt starke sexuelle Faszination und auf den Vater gerichtete sexuelle Wünsche aus seiner Kindheit. Seine Erinnerungen an ein sexuelles Interesse an Männern reichen bis vor sein 6. Lebensjahr zurück. Dabei hatten es ihm die Genitalien von Männern besonders angetan. Er verliebte sich schon als kleiner Junge oft in attraktive Männer, besonders in sehr sportliche. "Sport-Lehrer fand ich eigentlich grundsätzlich doof, ich fand aber ihre Körper toll.". Seine "Liebeswünsche" habe er jedoch hauptsächlich auf seinen Vater gerichtet: "Und ich habe wirklich gedacht, eines Tages sind wir ein Paar, eines Tages. Darauf habe ich innerlich unbewußt gewartet." Diese Hoffnung wurde möglicherweise genährt von früh einsetzenden sexuellen Übergriffen seines Vaters gegen ihn.

Es mag in diesem einen Fall zutreffen, was Isay (1990) schrieb, daß nämlich feminines Verhalten eines Jungen darauf zielt, das Interesse des Vaters zu wecken (S.27). Dieser Mann beschreibt sich als ehemals äußerst feminines Kind mit dem Wunsch, von starken, schönen Männern beachtet zu werden. In seiner Phantasie malte er sich aus, eine Frau zu sein, die von Männern begehrt, gerettet o.ä. wurde.

Vergleichbare Phantasien berichten die anderen 'weichen Jungen' nicht, die sich an homo-erotische Empfindungen vor der Pubertät erinnern, gemeinsam ist ihnen jedoch die Faszination durch sehr 'männliche', "muskulöse" Männer. Auffällig bleibt zudem, daß es ausschließlich Männer des Clusters B sind, welche solche Erinnerungen haben.

Da die Frage an die Interviewpartner spezifisch nach homo-erotischen Gefühlen fragte, kann wenig über die möglichen gegengeschlechtlichen Empfindungen vor der Pubertät gesagt werden. Zwei Männer betonen dennoch eine erotische Anziehung, die sich nicht auf das gleiche, sondern auf das andere Geschlecht richtet.

Einer, ein Mann aus Cluster A, spürte früh eine Neigung zu Mädchen, die er "gern mochte", sich aber auch von ihnen "angezogen" fühlte. Noch vor der Pubertät träumte er davon, die Mädchen seiner Umgebung zu küssen oder sexuell zu berühren. Ein Mann aus Cluster B erinnert ein erotisches Interesse an seiner Mutter, mit der ihn eine sehr enges Verhältnis verband. Nach einem Streit der Eltern, bei dem er sich mit der Mutter solidarisiert hatte, 'erwischte' er seine Eltern beim Sex, was er als Verrat empfand.

Ich fühlte mich so verraten! Daß meine Mutter dann mit meinem Vater schlief, und hinterher waren sie ein Herz und eine Seele, und ich war völlig außen vor und vorher mußte ich den ganzen Mist von meiner Mutter anhören, wie sie unter meinem Vater leidet. Und in dem Moment hatte ich Wutgefühle gegenüber meinem Vater, weil er mit seiner Potenz einfach stärker war. Und ich hatte immer die Wünsche, wichtiger zu werden für meine Mutter als mein Vater. Und ich weiß, daß, wenn meine Mutter sich schminkte und schön machte, daß . da war schon ein erotisches Gefühl da. Ich begehrte schon irgendwo meine Mutter. (Lars)
Lars ist in der Gruppe der 'weichen Jungen' derjenige, am obersten Ende der Altersspanne liegt; mit 15 Jahren will er zum ersten Mal gegenüber Männern eine erotische Anziehung gespürt haben. Alle anderen Befragten seines Clusters gaben ein niedrigeres Alter an.

Einige Männer beider Cluster erinnern also ein - wie auch immer geartetes - Interesse an anderen Jungen und Männer bzw. deren Körper. Dennoch erscheint es angesichts der Aussagen sinnvoller, den Bereich Erotik und Sexualität ab dem Einsetzen der Pubertät genauer zu betrachten, wenn von der Mehrzahl ein deutlicher spürbares sexuelles Interesse bejaht wird.
 

-  Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Die Frage nach einem erotischen Interesse gegenüber Jungen oder Männern vor der Pubertät ergab zwar Hinweise und einzelne plastische Aussagen, die belegen können, daß es ein derartiges Interesse offensichtlich gibt. Viele andere erinnern aber ein solches Interesse vor der Pubertät nicht, einzelne erinnern auch hetero-erotische Gefühle.

Das Ergebnis zu dieser Frage ist für den Forschenden enttäuschend knapp. Angesichts einer Reihe von Arbeiten, welche sehr ausführlich präpubertäre erotische und sexuelle Empfindungen bzw. Handlungen referieren, ist die 'Ausbeute' an diesbezüglichen Aussagen und Erinnerungen bei den 22 Männern aus Cluster A und B eher gering.

Eine grundsätzliche Schwierigkeit war die zeitliche und begriffliche Abgrenzung von Pubertät bzw. Vor-Pubertät. Mehrere Männer waren unsicher, ob die berichteten Empfindungen, Interessen und Sehnsüchte bereits vor der Pubertät einsetzten oder erst im Verlauf der Pubertät. Wie Behnken & Zinnecker (1992) berichten, fiel es Befragten über 21 Jahren schwer, Lebensereignisse korrekt zu datieren, sie neigten dazu, sie etwas später in ihrer Lebensgeschichte zu datieren. So erzählten auch einige Männer aus der vorliegenden Studie von einer 'späten' Pubertät, auf Nachfrage wurde jedoch korrigiert, daß die erste Ejakulation als ein wesentliches Merkmal sich verändernder somatischer Bedingungen und gleichzeitig für einen Jungen wichtiges 'life-event' früher stattgefunden habe, in einzelnen Fällen bereits mit 9 Jahren. So wurde aus dem zuvor als 'präpubertär' eingestuften Erlebnis, welches mit 9 ¾ Jahren stattfand, plötzlich ein pubertäres Erlebnis, als der Interviewte erwähnte, dabei seinen ersten Samenerguß erlebt zu haben. Dieses homosexuelle Ereignis, welches dem Interviewten in ausgesprochen positiver Erinnerung geblieben ist, wurde deshalb nicht in diesem Abschnitt verwendet, sondern wird in den Zusammenhang mit der sexuellen Entwicklung während der Jugendzeit gestellt.

Kann überhaupt von einem 'erotischen' oder 'sexuellen' Interesse vor der Pubertät gesprochen werden? Sind Erotik und Sexualität nicht derart schillernde Begriffe, die in der Alltagssprache so unterschiedlich gefüllt werden, daß kaum feststellbar sein dürfte, ob tatsächlich vor Einsetzen der körperlichen Veränderungen während der Pubertät mit der damit verbundenen Fähigkeit zu 'meßbaren' Reaktion im Sinne von Kinsey'schen 'Outlets' von einem sexuellen Interesse gesprochen werden kann? Diese Schwierigkeit spiegeln die Antworten der Interviewpartner wider. Mehrfach wird von 'Neugier' oder einem 'prickelnden Gefühl' gesprochen, welches aber teilweise auch gegenüber Mädchen bzw. Frauen auftrat. Oder Männer benutzen Begriffe wie 'geil', 'heiß' oder 'erregend', die wohl eher ihrem heutigen Empfinden und Wortschatz entsprechen, um Worte für das zu haben, was sie damals empfanden.

Die relativ wenigen Erinnerungen an frühe homo-erotische Empfindungen bei den interviewten Männern stehen in krassem Gegensatz zu anderen Forschungsergebnissen. Bereits die frühen Kasuistiken von Krafft-Ebing oder Hirschfeld enthielten immer wieder Aussagen über derartige Vorkommnisse bzw. Gefühle aus den Kinderjahren der dokumentierten Personen.

Dasselbe gilt für neuere Studien. Silverstein (1981) zitiert eine Vielzahl von Aussagen, die homosexuelle Männern über frühe erotisch-sexuelle Empfindungen und Aktivitäten mit anderen Jungen bzw. mit Männern gemacht hatten. Drastisch, aber im Tenor damit übereinstimmend, ließ Spanbauer (1994) in seinem Roman den Ich-Erzähler beschreiben, wie er als etwa achtjähriges Kind Männern beim Duschen zugesehen hatte: "Hab riesig gern auf die weißen Rücken und die weißen Ärsche der Männer geschaut. Nicht weil ich sie ficken wollte - damals hab ich noch gar nichts vom Ficken gewußt -, sondern weil sie so schön waren."(S.34f).

Savin-Williams (1998) liefert eine Fülle von Angaben zu Erinnerungen an "same-sex attractions". 80% der von ihm befragten Jugendlichen erinnerten sich daran aus der Zeit vor ihrer Pubertät, bei der Hälfte waren dies Erinnerungen aus der Zeit noch vor der Grundschule, Empfindungen von starker Anziehung durch (nackte) Männer bis hin zu sexuellen Handlungen mit anderen Jungs, begleitet von präpubertären Erektionen. Das Durchschnittsalter bei den ersten gleichgeschlechtlichen Empfindungen war bei ihm 7,97, bei einer Spanne von drei bis siebzehn. Ein Viertel der Jugendlichen hatten vor ihrer Pubertät ihren ersten homosexuellen Kontakt.

Isay (1990) fand bei jedem seiner Patienten "in den Tiefen seines Bewußtseins sexuelle Erinnerungen" aus der Kindheit (S.33). Die von ihm beschriebenen Beispiele - wie auch jene von Silverstein und Savin-Williams - ähneln jenen Empfindungen, die einzelne Männer bei den Interviews der vorliegenden Arbeit angeführt hatten: sexuelles Interesse für muskulöse Comic-Helden, Gefühle von Wärme und Lust auf dem Schoß des Vaters, lustvolle sexuelle Spiele mit anderen Jungen. Wenn diese Erinnerungen bei allen Patienten im Verlauf der Analyse auftauchen, mag dies als Hinweis darauf gewertet werden, daß homo-erotische Gefühle häufiger vorhanden sind, als es von den interviewten Männern dargestellt wird. Die Daten von Kinsey (1966) sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache: bei 60% der Jungen fand er Beispiele homo-erotischer bzw. -sexueller 'Spielereien' (s. Kap. 2.2.2.3).

Möglicherweise ist ein anderthalbstündiges Interview mit einem fremden Interviewer über Kindheit und Jugend nicht die geeignetste Gelegenheit, frühe sexuelle Erinnerungen zu mobilisieren, zumal es insgesamt nicht vorrangig um sexuelle Erfahrungen ging. In einem Fall, in dem das Interview aus Zeitgründen zweigeteilt werden mußte, negierte der Interviewpartner beim ersten Mal die erotische Bedeutung des Interesses an einem Klassenkameraden; als er beim zweiten Mal das Thema nochmals streifte, meinte er mehrfach, das Ganze habe "schon eine erotische Komponente" gehabt. Das nochmalige Nachdenken hatte eventuell geholfen, die inneren Beweggründe für die Faszination stärker zu hinterfragen.

Gerade sexuelle Interessen aus der Kindheit unterliegen in starkem Maße einer Verdrängung, weshalb Freud von "infantile(r) Amnesie" spricht, welche beim Menschen "die Anfänge seines eigenen Geschlechtslebens verdeckt" (1977, S.15). Isay beschreibt diesen Gedächnisverlust eindrucksvoll anhand dreier Beispiele (S.33ff). Daß dieser Effekt bei den hier ausgewerteten Interviews zum Tragen gekommen sein mag, dafür spricht, daß es gerade die therapie-erfahrenen Männer des Clusters B sind, die ein erotisches Interesse am Vater oder überhaupt an Jungen erinnerten. Allein anhand der Aussagen ist jedoch nicht zu entscheiden, ob die bessere Erinnerung der Männer des Clusters B damit zu tun hat, daß sie im Rahmen von Therapien ihre Erinnerung an viele Details auffrischen konnten.

Eine andere Möglichkeit wäre, daß die 'weichen Jungen' wesentlich deutlicher homo-erotische Empfindungen verspürten und sich weniger stark veranlaßt sehen, diese zu verdrängen. Umgekehrt ist auch denkbar, daß zumindest ein Teil der 'harten Jungen' in der Kindheit und Adoleszenz wenig homo-erotische Empfindungen verspürte. Dafür sprechen etwa die Erfahrungen des 'Playboy' Christian, der sich frühzeitig von Mädchen angezogen fühlte. Könnte es sein, daß ein Teil der homosexuellen Männer, gerade jener, der wie die Männer des Clusters A nie die Unterstützung einer Therapie suchten bzw. nie deren Bedarf sahen, nicht nur ein 'typisch' jungenhaftes Verhalten an den Tag legten, sondern auch von ihrer erotischen Präferenz während der Kindheit 'typisch' jungenhaft, nämlich hetero-erotisch empfindend waren?

Savin-Williams bietet noch eine weitere Möglichkeit an. Auch er hatte unter seinen jugendlichen Befragten eine Reihe Jugendlicher, die wahrscheinlich in den Cluster 'harten Jungen' gehören würden. Gerade in dieser Gruppe waren die Erinnerungen an frühe homoerotische Empfindungen gering, weshalb er sie als 'sexless' in Bezug auf die Kindheit bezeichnete.

Zwar sprechen viele diesbezügliche Forschungsergebnisse dafür, daß homosexuelle Männer bereits vor ihrer Pubertät ihre gleichgeschlechtliche Orientierung verspüren. Vorstellbar ist aber auch, daß viele von ihnen gerade homo-erotische Empfindungen besonders hervorheben. Sind vielleicht die Erinnerungen von Jugendlichen und Männern an erotisches Empfinden gegenüber anderen Jungen oder Männern etwa im Alter von drei oder sieben Jahren spätere Konstrukte, Konstruktionen einer Kontinuität in der Entwicklung, die real eher diskontinuierlich verlief? Versuchen hier einige Männer, sich nachträglich eine frühe homosexuelle Identität überzustreifen, die erst später entwickelt wurde? Blenden sie gleichfalls vorhandene hetero-erotische Empfindungen aus demselben Grund aus, wie es Freud (1977) vermutete?
 

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Fußnoten für Kap. 4.3

1. Dies ist ein wichtiger Unterschied zwischen Cluster B und Cluster C. Während 'weiche Jungen' sich resignativ aufs Unsportlichsein zurückziehen, nehmen die Jungen, welche im Cluster C beschrieben sind, den Wettkampf auf und erreichen damit auch eine andere soziale Integration bei den männlichen Peers.

2. Welche Bedeutung gerade Gruppen und Peers für die 'harten Jungen' haben, wird im Abschnitt 4.3.2 deutlich

3. im Gegensatz zum 'wilden', 'sanften' oder 'femininen' Jungen, vgl. Kap. 4.1.2

4. "Fußball, der weltweit populärste, mit Leidenschaften aufgeheizte Sport, (...) scheint die Gewaltbereitschaft anzuziehen, stärker als jede andere sportliche Disziplin. Beim vornehmeren Tennis gibt es gar keine, aber auch bei so aggressiven Mannschaftssportarten wie dem amerikanischen Football, Rugby oder Eishockey gibt es viel weniger Krawall als bei den Balltretern. (...) Der Fußball hingegen kann offenbar jederzeit auch als Vehikel von Haßgefühlen herhalten ..." (DER SPIEGEL 27/1998, S.74 f)

5. Im Auswahlfragebogen waren die Variablen im Cluster D, die Aggression betrafen, deutlich häufiger angekreuzt worden als im Cluster A (z.B. aggressiv 47% vs. 13%, grob 33% vs. 13%).

6. s. Bemerkungen zum wahrgenommenen Unterschied gegenüber anderen Jungen

7. vgl. 4.1 sowie 4.3.2

8. Leider liegen für die Gesamtcluster Vergleichszahlen nicht vor, da diese Daten im Auswahl-Fragebogen nicht erhoben wurden.

9. s. Unterpunkt 'Normal' spielen - 'anders' spielen im Abschnitt 4.3.1.

10. Im Vergleich zwischen den Angaben des Gesamt-Clusters beim Auswahl-Fragebogen und jenen der Interviewten ergeben sich einige Unterschiede. Die Prozentangaben bei den Eigenschaften ängstlich, leicht verletzlich, schüchtern, schwächlich, empfindlich, sanft und weich sind alle bei der Gruppe der interviewten Männer etwas höher. Allerdings ist der Unterschied nur bei den Items 'ängstlich' (63,5% vs. 84,6%) und 'weich' (46,2% vs. 61,5%) signifikant.
 
 

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