4.4      Interview: Jugend und Adoleszenz

You leave in the morning with everything you own
in a little black case alone on a platform
the wind and the rain on a sad and lonely face
Mother will never understand why you have to leave
for the love that you need will never be found at home
and the answer you seek will never be found at home
Pushed around, kicked around, always a lonely boy
you were the one that they'd talk about around town
as they put you down and as hard as they would try
they'd hurt to make you cry but you'd never cry to them
just to your soul

Smalltown boy, Bronski Beat


Die Pop-Gruppe 'Bronski Beat' schuf mit 'Smalltown boy' einen sehr beliebten Song, der das Leiden eines weichen, ängstlichen homosexuellen Jugendlichen an den Aggressionen seiner Peers wie auch seines Vaters in eindrucksvoller Weise darstellte. Im zugehörigen Video des Sommerhits 1984 wurde die Einsamkeit und Traurigkeit des Jugendlichen durch die Bilder verstärkt. Diese Vorstellung entsprach damals und entspricht auch heute noch häufig der Selbstdarstellung homosexueller Männer sowie der wissenschaftlichen Darstellung der seelischen und sozialen Situation von Jugendlichen vor ihrem Coming Out (Bieber & Bieber1979, Isay 1990, Saltzburg1996): Unverstanden von den Eltern, herumgestoßen von den anderen Kindern, einsam. Im folgenden Kapitel soll dargestellt werden, ob diese Beschreibung für die Jugend der Männer beider Cluster zutreffend ist.

Hurrelmann (1994) sieht die Verortung der eigenen Geschlechtsrolle und der sozialen Bindungen zu Gleichaltrigen als eine von vier psychosozialen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter an, er schreibt dieser Aufgabe also eine hohe Bedeutung zu. Weitere Aufgaben sind: die Ausprägung von Handlungsmustern für Freizeit und Konsum, die Konstruktion eines eigenen Wertesystems und die Erweiterung der intellektuellen und sozialen Kompetenz. Fast alle genannten Aufgaben sind im folgenden Kapitel angesprochen: Wie hat sich das Geschlechtsrollenverhalten und die Geschlechtsidentität der Männer in der Adoleszenz entwickelt? Für die Kindheit hatten sich erhebliche Unterschiede zwischen den 'harten' und den 'weichen Jungen' ergeben, was wenig erstaunlich war, da die Clusterbildung auf Differenzen in diesem Bereich aufbauten.

Aber auch in fast allen anderen untersuchten Feldern gab es Unterschiede zwischen den Clustern. Welche Handlungsmuster für ihre Freizeit bildeten die prähomosexuellen Jugendlichen beider Cluster aus? Wie entwickelten sich ihre soziale Kompetenzen, wie ihre sozialen Bindungen zu Gleichaltrigen? Zur Gesamteinschätzung wurde zudem nach dem Lebens- und Selbstwertgefühl in diesem zweiten Lebensabschnitt gefragt.

Die sexuellen Erfahrungen und das Coming Out als homosexueller Mann wurden allerdings herausgenommen und werden in gesonderten Kapitel im Anschluß beschrieben.
 

4.4.1      Geschlechtsrolle, Lebensgefühl und soziale Kontakte

-    Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität

Hat sich das Geschlechtrollenverhalten der befragten Männer in oder nach der Pubertät verändert, blieben die Unterschiede zwischen den beiden Clustern auch in der Jugendzeit bestehen? Bevorzugten die 'harten Jungen' die für männliche Jugendliche typischen Freizeitbeschäftigungen, während die 'weichen Jungen' geschlechtsrollenneutralen und für weibliche Jugendliche typische Tätigkeiten den Vorrang gaben?

Wie entwickelte sich die Geschlechtsidentität bei beiden Clustern, prolongiert sich das mit Zweifeln belastete Selbstbild bei den 'weichen Jungen'? Was wurde aus dem raren Beispiel einer weiblichen Geschlechtsidentität? Und wie entwickelte sich die Selbstwahrnehmung als 'anders' in der Jugendzeit?

Alle diese Fragen wurden nicht genauso detailliert im Interview behandelt wie im Zusammenhang mit der Kindheit. Der inhaltliche Schwerpunkt für die Zeit der Adoleszenz lag bei der Entwicklung der sexuellen Orientierung, auf sexuellen und Beziehungserfahrungen. Daher existieren bei weitem nicht so vollständige Aussagen zum Geschlechtsrollenverhalten oder zur Geschlechtsidentität aus der Zeit nach der Pubertät, Aggressivität und Konfliktverhalten etwa wurden nicht noch einmal erfragt.

Ein direkter Vergleich mit den Ergebnissen aller Unterabschnitte aus Kap. 4.3.1 ist deshalb nicht möglich, so daß im folgenden nur einige wenige Kernbereiche dargestellt werden können: Sport als typische Betätigung männlicher Jugendlicher, Vorlieben für typische Tätigkeiten männlicher wie weiblicher Jugendlicher sowie für geschlechtsrollenneutrale Aktivitäten, männliche oder weibliche Identität und das Gefühl von Anderssein.
 

-  Sportliches Engagement

Die 'harten Jungen' verstärkten in der Pubertät ihr sportliches Engagement, indem sie fast alle in Sportvereine eintraten. Die 'weichen Jungen' litten demgegenüber unter dem zunehmenden Druck, sich sportlich betätigen zu müssen, wobei einzelne diesem Druck nachgaben.

"In der Alltagswelt hat Sport Karriere gemacht", stellte Rittner (1997) fest. Der Vorrang für Sport bei männlichen Jugendlichen ist durch zahlreiche Studien belegt. Zinnecker (1989) schreibt über die "Versportlichung jugendlicher Körper" und belegt, daß bereits Mitte der achtziger Jahre drei Viertel der 15-24-jährigen männlichen Jugendlichen eigene sportliche Aktivitäten entwickelten. Sport wurde so zur "jugendspezifischen Altersnorm"(S.136). Für 56% der 13-29-jährigen ist Sport das Lieblingsfach an der Schule (Zinnecker 1992, Bd.4, S.159), wobei Fußball bei den männlichen Jugendlichen mit 29% die Hitparade der beliebtesten Sportarten anführt. Steigerung des Selbstwertgefühls, Spüren des eigenen Körpers und seiner Grenzen, die sofortige Gratifikation und die Achtung durch Erwachsene und Peers spielen beim Sport eine wichtige Rolle (Brinkhoff 1992) und lassen ihn deshalb für viele Jugendliche attraktiv werden.

Mehr noch als in der Kindheit ist sportliche Betätigung für Jungen nach der Pubertät eine Selbstverständlichkeit, die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft demonstrieren soll - beides zentrale gesellschaftliche Anforderungen an den zukünftigen Mann. So wie nach der Pubertät auf Mädchen von Familie und Peers Druck ausgeübt wird, ein allzu jungenhaftes Verhalten abzubauen (Düring 1993), wächst auch gegenüber Jungen in dieser Zeit die Erwartung, sportlich (wett)kampfbereit und erfolgreich zu sein. Der Umgang mit dieser Erwartung dürfte für die Adoleszenz einen potenten Indikator für ein geschlechtsrollenspezifisches Verhalten darstellen.

Besondere Bedeutung hat hierbei der Mannschaftssport. Für Herdt (1989) ist der Teamsport einer von zwei "key points of adolescent peer grouping", also für die soziale Integration in die Peers besonders wichtig. Eine Mannschaft vermittelt zudem Geborgenheit und Vertrautheit. Die Kehrseite: sie fordert Leistung, und beim Versagen drohen Ausschluß bzw. der selbstvollzogene Rückzug.

Wie gut die Übernahme der männlichen Geschlechtsrolle gelingen kann, verdeutlich ein Mann aus Cluster A, der sich wegen seines Auftretens sicher war, nicht für homosexuell gehalten zu werden ("Ich glaub, ich wäre einer der letzten wahrscheinlich gewesen, von dem jemand gedacht hätte, daß er schwul ist."). Er beschreibt sein Verhältnis zum Sport so:

Man mußte Mutproben bestehen im Grunde. Das war wichtig. Und leistungsbereit sein. Das war auch ich auch. (...) Sport überhaupt, hat mich immer total interessiert, in der Schule und überall, das war immer wichtig für mich. So als Ausgleich und um auch einfach Erfolgs-Erlebnisse zu haben und solche Sachen. (Conrad)
Bei der Frage nach Hobbys in ihrer Jugendzeit stand für die 'harten Jungen' der Sport in der Tat fast für alle an erster Stelle. Statt einer Veränderung ist eher eine Weiterführung des während der Kindheit Begonnenen festzustellen. Sie betrieben weiter gerne Sport, vermehrt in Vereinen, spielten Fußball, Volleyball oder Hockey, es trieb sie nach draußen zu den anderen männlichen Jugendlichen bzw. ihren Vereinskollegen. Aus dem kindlichen Spiel wurde der jugendliche Sport.
Der Sport spielte, denke ich, mit zunehmendem Alter eine große Rolle. Volleyball begann ich, da war ich dreizehn. Zwölf, dreizehn. Und das spielte dann also eigentlich ne ganz dominierende Rolle in meinem Leben. Also mit dreizehn, vierzehn auch schon zwei- bis dreimal trainiert in der Woche, Fußball spielte ich ja noch nebenher, das war also auch noch einmal, das war das vierte Mal. (Olaf)
Zwei Drittel der 'harten Jungen' folgt diesem für Jungen typischen Weg zum engagierten Sportler. Ein Drittel berichtet jedoch von einer Veränderung in Bezug auf sportliche Aktivitäten. Einer zog sich vom aktiven Sport vorübergehend etwas zurück, ein zweiter tobte zwar als Jugendlicher durch die Gegend und spielte 'Geheimdetektiv', verlor aber das Interesse an Leistungssport. Ein dritter wechselte vom Fußball zum Rudern. Hier deuten sich - auf dem sportlichen Sektor - Veränderungen bei einzelnen 'harten Jungen' an, die möglicherweise mit anderen Veränderungen im Zusammenhang stehen, auf die in den weiteren Kapiteln eingegangen wird.

Was ihr Verhältnis zum Sport angeht, ist bei den 'weichen Jungen' eine vergleichbare Kontinuität in der Entwicklung zu beobachten. War Sport für sie bereits in der Kindheit wenig reizvoll, in vielen Fällen eher abschreckend, so hielt sich diese Abneigung auch in der Adoleszenz, nahm eher noch zu, weil im Schulsport die Leistungsanforderungen stiegen. Kein einziger begann mit der Pubertät, Fußball oder andere rauhe Spiele als Lieblingsbeschäftigung für sich zu entdecken, vielmehr wurde das Unbehagen am Sport größer. Dies betraf in vorderster Linie den Sport-Unterricht in der Schule, dem sie nur schwerlich entweichen konnten.

Sport-Unterricht hab ich weiterhin gehaßt. Das war immer meine schlechteste Schulnote, immer Sport. Das war überhaupt nichts für mich. (Anton)
Sport? Da kamen ja natürlich diese üblichen Spiele. Ich hätte am liebsten die Entschuldigungen auch gehabt, die die Mädchen immer hatten! (Jan)
Geringe Motivation und mangelhaftes Training waren mit entsprechend schlechten Leistungen verbunden, was sich in sozialer Hinsicht auf das Ansehen bei den Peers und deren Interesse, miteinander Sport zu treiben auswirkte. So berichten mehrere Männer des Clusters B, wie kränkend und erniedrigend jene Situationen beim Sportunterricht waren, bei denen es um die Zusammenstellung von Mannschaften ging. Ausgewählt zu werden bzw. nur ungern ausgewählt zu werden war eine Erfahrung, an die sich viele ehemals 'weichen Jungen' mit Entsetzen zurückerinnern.
Was mich auch teilweise verletzt hat, wenn's um die Gruppen-Aufteilung ging, war ich immer unter den Letzten und oft der Letzte. Ja, dann müssen wir den Anton auch noch nehmen. Bei vielen Spielen oder Völkerball stand ich dann einfach nur so im Weg. Wenn ich da nicht gewesen wäre, wäre meine Mannschaft besser gewesen. Das ist die ganze Schulzeit geblieben. (Anton)
Es gibt allerdings eine geringe Zahl von 'weichen Jungen', bei denen trotz aller Abneigung und Mißerfolge mit der Pubertät oder danach sportliches Interesse entstand. Nach den wenig erfreulichen Erfahrungen mit den Mannschafts-Spielen Fußball etc. im Schulsport lag es für sie nahe, sich Sportarten auszusuchen, in denen sie sich wohler fühlten, weil diese weniger aggressiv im Umgang sind oder nicht in einer Mannschaft stattfinden: Leichtathletik, Schwimmen oder Rudern werden hier manchmal genannt.

Es scheint bei einigen Jungen der Wunsch bestanden zu haben, sich irgendwie sportlich zu betätigen, der aber weniger mit dem körperlichen Bedürfnis nach Bewegung, sondern mehr mit sozialem Druck zu tun hat oder mit der Überzeugung, daß Sport gut bzw. sinnvoll sei. Der Vater von Volker etwa wollte, daß er viel Sport machen sollte, und er selbst sah ein, daß es "vernünftig" sei. Er unternahm verschiedene Versuche, "vernünftig" zu sein und sich sportlich zu betätigen. Zunächst ließ er sich von seinem Vater "inspirieren", der aus dem sehr weichen, sensiblen Jungen mit Hilfe von Fußball einen 'harten Jungen' zu machen versuchte.

Ich hab denn sogar Fußball gespielt, obwohl mir das gar kein Spaß gemacht hat, und Tischtennis hab ich gespielt, obwohl mir das kein Spaß gemacht hat. Aber es war sehr destruktiv, weil's mir kein Spaß gemacht hat, war ich da immer die letzte Krücke und denn war ich einfach schlecht! Das war die falsche Sache, Fußball ausgerechnet zu machen. Is Quatsch zu sagen, wie ne Vergewaltigung, also, hab ich mir selber ja angetan. Ich hab ja auch nich gesagt, ich möchte lieber Turnen oder so - das hätte mir gutgetan. Da hätte ich auch andere Leute kennengelernt, die eher meine Welle auch gehabt hätten. (...) Diese Sache, daß ich Fußball gespielt hatte, war auch nicht unbedingt meine Idee, sondern mein Vater hatte mich dazu ... inspiriert oder hat mich halt eben dazu gedrängt oder so, daß ich Sport machen sollte. Ist ja auch immer in Ordnung, aber es war auf jeden Fall das Falsche für mich. (Volker)
Erst gegen Ende der Pubertät fand dieser Mann eine Sportart, die ihm Spaß machte und gleichzeitig Anerkennung bei den anderen Jungen brachte, Judo. Dieser Sport verhalf ihm dazu, sich mutig und stark zu fühlen, ein typischer Benefit des Jungen-Sports.
Es mag 5., 6. oder 7. Klasse gewesen sein, da hab ich Judo gemacht. (...) Das hatte mir gut getan! Da fühlte ich mich halt richtig stark. Das war auch in einer Zeit, wo es mir gut ging, wo ich auch anerkannt war. (Volker)
Volker bleibt der einzige der interviewten Männer aus Cluster B, dem dieser Schritt zu einer befriedigenden sportlichen Tätigkeit gelingt. Die Mehrheit der 'weichen Jungen' zeigte in diesem Gebiet auch nach der Pubertät kein ausgeprägt geschlechtsrollenkonformes Verhalten.
 

- 'Männliche' Tätigkeiten

Neben Sport nennen die Männer des Clusters A eine Vielzahl von Tätigkeiten, welche als typisch für männliche Jugendliche angesehen werden können. Auch bei den 'weichen Jungen' entwickelten nach der Pubertät einzelne Interesse an derartigen Freizeitbeschäftigungen, sie bilden jedoch nicht die Mehrheit.

Bei den Schilderungen der Männer des Clusters A entsteht der Eindruck, in ihrer Jugend habe der Sport absolut im Zentrum ihrer Interessen gestanden. Folglich ist die Liste der anderen Freizeitbeschäftigungen weniger lang als in der Kindheit. Doch auch bei diesen anderen Tätigkeiten herrschen jene vor, die von männlichen Jugendlichen erwartet werden: Tischfußball, Billard, Handwerkliches, Abenteuer, Zeltlager, Computerspiele, mit Freunden losziehen, Mofafahren, politisches Engagement.

Im Jugendheim sind wir viel gewesen, später, zu den Parties. (...) Da gab's auch son Keller, da ham wir öfters mal Billard gespielt und Tischfußball. (...) Das ham wir auch in den Jugendlagern gemacht. Ja genau, das war auch noch ne wichtige Jugenderfahrung, daß wir so Zeltlager gemacht haben. Katholische Jugend, junge Gemeinde oder wie das da hieß. (...) Da kann ich mich auch noch dran erinnern, die Halbstarken da auf ihren Mofas. Ich hatte ne Mofa , und dann sind wir da rumgedüst. (Micha)
Dann habe ich auch sehr viel am Computer gesessen. Das war aber nicht ganz so früh, irgendwann so mit zehn, elf habe ich mir einen angeschafft. War schon so eine Anziehung. Was Technisches und war toll! Und dann habe ich mir auch später immer den nächstgrößeren geholt und viel selbst programmiert, viel gespielt auch dabei. Hat also auch einen großen Teil meiner Freizeit eingenommen. (Rainer)
So kann auch in diesem Bereich eine Kontinuität konstatiert werden. Bemerkenswert selten wird von diesen Männern die Arbeit für Schule oder Ausbildung erwähnt. Nur ein einziger sagt in einem Nebensatz, daß Arbeiten für die Schule zeitaufwendig war. Ansonsten wird ein 'jungentypisch' lascher Umgang mit schulischen Leistungsanforderungen bzw. den in dieser Institution geforderten Verhaltensweisen präsentiert, sofern das Thema überhaupt aufgegriffen wird: "Ich habe mich immer drum gedrückt, irgendwelche Hausaufgaben zu machen."

Ganz anders bei vielen 'weichen Jungen'. Die Anforderungen der Schule werden betont und gleichzeitig als Erklärung dafür genutzt, warum daneben wenig Zeit für irgendwelche Hobbys blieb: "Eigentlich hatte ich damals nicht so richtig Hobbys. Ich hab dann ziemlich viel für die Schule gemacht." Der Unterschied hat keineswegs damit zu tun, daß verschiedene Schultypen besucht wurden, mit einer Ausnahme besuchten alle Männer der beiden Cluster ein Gymnasium oder eine Realschule.

Die Schule scheint für viele der 'weichen Jungen' eine zentrale Rolle gespielt zu haben, da sie diese ähnlich häufig erwähnen wie die 'harten Jungen' den Sport. Keiner der Männer, die strebsam ihre Zeit für Schule und Hausaufgaben verwendeten, erwähnt Freizeitbeschäftigungen, die typisch für männliche Jugendliche wären. Ihre Lieblingsbeschäftigungen in der Jugendzeit finden sich ausschließlich unter denjenigen, die als geschlechtsrollenneutral eingestuft werden können.

Interessanterweise kam es jedoch bei einem dieser Männer zu einer eklatanten Veränderung, als er sich im Alter von sechzehn Jahren mit drei anderen Jungen anfreundete. In diesem Verbund änderten sich seine Freizeitbeschäftigungen hin zu Tätigkeiten, die als typisch für männliche Teenager angesehen werden. War sein Tag vorher mit Schule, Hausaufgaben und Lesen angefüllt, fand nun mit den anderen drei Jungen eine erhebliche Kehrwendung in dem statt, wie er seine Freizeit verbrachte.

Wir sind mit dem Mofa übers Land gefahren, um andere Klassenkameraden zu besuchen und so. Und am Wochenende haben wir abends dann auch Karten gespielt, zusammen ferngesehen, rumgefahren. Später dann auch in Diskotheken gegangen. (Peter)
Bei jenen 'weichen Jungen', die wie die 'harten Jungen' die Schule nicht als Zeitfaktor erwähnen, scheint das Interesse an jungentypischen Hobbys nach der Pubertät zu steigen. Es ist nicht der 'harte' Sport, der sie nun reizt, sondern Technik, Handwerkliches oder die bei männlichen Jugendlichen sehr beliebte Lektüre von Science-Fiction- oder Comic-Heften. Einer beschäftigte sich als Konstrukteur von Linien-Netzen für U- und S-Bahnen, bastelte Haltestellenschilder und Pläne, ein anderer probierte vom Chemiebaukasten bis zum Reparieren von technischen Apparaten und entdeckte die Fotografie.
Ich habe viel fotografiert, und die Fotos habe ich auch selbst vergrößert. Das war ein ziemlicher technischer Aufwand, vor allem die Farbvergrößerungen! Mein Vater hatte ein Labor, und ich habe das noch weiter ausgebaut. Großes Interesse hatte ich auch an technischen Apparaten. Wenn am Tonbandgerät was war, hab ich das selbst repariert, da wurde ich immer besser. Und dann habe ich noch viel mit Chemie-Sachen experimentiert, so Stinkbomben gebastelt oder chemische Reaktionen ausprobiert. Später hab ich angefangen, mir Möbel selber zu bauen, Regale und eine Sitzecke, alles aus Holzplatten zusammengebaut, lackiert und gepolstert. Da war ich ganz schön stolz drauf, weil das war zwar nach einer Idee aus einem Heimbastelbuch, aber ich habe mir dann einen eigenen Plan dafür gemacht. War richtig ein System-Bau. (Werner)
Das letzte Zitat zeigt bereits eine große Ähnlichkeit mit den Äußerungen eines 'harten Jungen', der ebenfalls umfassend handwerklich tätig war. Letztlich ergibt sich so hinsichtlich nicht-sportlicher jungentypischer Interessen kein einheitliches Bild bei den 'weichen Jungen'. Das Beispiel von Peter zeigt, welche Auswirkungen die Freundschaft mit anderen Jungen auf das Freizeitverhalten haben kann. Abgesehen vom Sport gibt es wenige von den 'harten Jungen' genannte jungentypischen Tätigkeiten, die im Einzelfall nicht auch von den Männern des Clusters B während der Adoleszenz genannt werden.

Allerdings waren auch bei den 'harten Jungen' keine einzige jener extremen Beschäftigungen genannt worden, die sich bei einer Reihe männlicher Jugendlicher hoher Beliebtheit erfreuen und als Männlichkeitsbeweis herhalten müssen, wie z.B. U-Bahn-Surfen, Motocross-Fahren oder Schlägereien.

So bleibt als Fazit dieses Abschnitts, daß die 'harten Jungen' in ihrer Adoleszenz fast ohne Ausnahme männliche Tätigkeiten vorzogen, während dies bei den 'weichen Jungen' nur für eine Teilgruppe gilt. Einige begannen offenbar in und nach der Pubertät, sich für Interessen zu begeistern, welche eindeutig in das Spektrum männlicher Tätigkeiten fallen. Dies stellt eine Veränderung gegenüber der Kindheit dar. Allerdings zogen sie Beschäftigungen vor, welche auch allein vollzogen werden konnten und die nicht allzuviel Mut oder körperlichen Krafteinsatz erforderten.
 

- 'Geschlechtsneutrale' Tätigkeiten

Wie in der Kindheit kann ein Teil der Tätigkeiten, von denen die Männer des Clusters A berichten, als geschlechtsneutral bezeichnet werden. Bei den Männern des Clusters B stellten diese Tätigkeiten jedoch den Großteil ihrer Freizeitbeschäftigungen dar.

Von Männern des Clusters A werden teilweise Aktivitäten aus ihrer Jugendzeit genannt, die weder typisch für männliche, noch für weibliche Jugendliche eingestuft werden können. Ein sehr passendes Beispiel hierfür ist das Lesen, auch wenn als Beispiel hierfür männliche Abenteuer-Romane genannt werden. Andere Beispiele umfassen Musikhören, Gedichte schreiben, 'träumen', alles bei einzelnen 'harten Jungen' häufige Aktivitäten, welche schwerlich einer Geschlechtsrolle zugeordnet werden können.

Wenn ich zuhause war, dann war ich schon damals sehr viel alleine in meinem Zimmer und hab Musik gehört. Also so Radio gehört. Schnulzen, Schlager. Mit was für einem Gefühl war das verbunden? Träumen, weg. Das war für mich so ne Entfremdung von der Realität. Ich habe sehr viel nachgedacht und sehr viel geträumt. (Ernst)
Diese Vorlieben stehen neben den anderen, eher jungentypischen Verhaltensweisen und sind überwiegend Ausdruck von Veränderungen im sozialen oder psychosexuellen Bereich (Trennung der Eltern, Verliebtsein), auf die später eingegangen wird. Insgesamt wurden derartige geschlechtsrollenneutrale Aktivitäten von den Männern des Clusters A jedoch nur ausnahmsweise erwähnt.

Im Gegensatz dazu stellen geschlechtsrollenneutrale Tätigkeiten den Hauptanteil der Freizeit-Aktivitäten des 'weichen Jungen' dar. Lesen, Fernsehen, einkaufen, Natur beobachten, Karten spielen, zaubern, Briefmarkensammeln - es läßt sich eine lange Liste aufstellen, womit sie außerhalb der Schule ihre Zeit verbrachten.

Ich wurde ne Leseratte. Ich hab jede Woche aus der öffentlichen Bücherhalle son Stapel von Büchern nach Haus geschleppt und die verschlungen. (Lars)
Ich kann mich an intensive Phasen erinnern, wo ich alleine Karten gespielt hab, also, Patience gelegt hab (...) Ich bin eigentlich immer jemand gewesen, der selten ausgegangen ist, der zwar Freunde getroffen hat, aber der auch mehrere Abende in der Woche auch zuhause saß und gelesen hat oder auch ferngesehen hat. (Veit)
Blumen keimen lassen, Pflanzen wachsen lassen, auch Zimmerpflanzen, auch ein Aquarium hatte er, hatten wir uns mit beschäftigt und all sone Sachen. (Volker)
Im Gegensatz zu den eher bewegungsorientierten jungentypischen Aktivitäten der 'harten Jungen' handelt es sich hierbei um einen ruhigen, bewegungsarmen Zeitvertreib, der zudem selten Kontakt beinhaltete. Dies kann bereits als Hinweis darauf gewertet werden, daß die 'weichen Jungen' während ihrer Jugend noch stärker als während der Kindheit isoliert waren bzw. sich isolierten.

Die Aktivitäten außerhalb der Wohnung sind ebenfalls wenig geschlechtsrollenspezifisch: die Stadt entdecken, U-Bahn-Fahren, Einkaufen gehen, herumbummeln, Konfirmanden-Unterricht, Tanzkurs. Ein Mann beschreibt das etwas andere Leben im 'Dienste' seiner Kirche, welche hohen Zeiteinsatz von ihren Mitgliedern erwartete: "Unsere Freizeit spielte sich quasi in der Kirche ab."

So wirken die meisten geschlechtsrollenneutralen Beschäftigungen wenig aktiv, erst recht im körperlichen Sinne, aber auch im Sinne von 'aktiv herangehend', und etwas orientierungslos. Sie unterscheiden sich damit sichtlich von den geschlechtsrollenspezifischen Tätigkeiten.
 

- 'Weibliche' Tätigkeiten

Kein einziger Mann aus Cluster A berichtet aus seiner Jugendzeit von Freizeitbeschäftigungen, die eher 'mädchentypisch' sind. Aber auch bei den Männern aus Cluster B sind derartige Beschäftigungen nach der Pubertät die Ausnahme.

Bei den 'harten Jungen' überwiegen auch während der Jugend jene Tätigkeiten, welche als typisch für männliche Jugendliche angesehen werden: Ballspiele, Zeltlager, Billard, Vereinssport, Kneipen-Besuche. Keine einziger der Männer berichtet aus dieser Zeit noch von Hobbys oder Vorlieben, welche typisch für weibliche Jugendliche sind. Hatten sie aus der Kindheit noch in einzelnen Fällen vom Spiel mit Puppen und Gummitwist erzählt, finden sich nach der Pubertät keinerlei Hinweise in den Interviews auf ebensolche einer weiblichen Geschlechtsrolle zuordbaren Aktivitäten.

Aber auch von den Männern des Clusters B werden nach der Pubertät nur noch sehr selten Interessen beschrieben, welche als 'weibliche' eingeschätzt werden könnten. Einige Bemerkungen deuten darauf hin, daß einzelne 'weichen Jungen' auch während ihrer Adoleszenz manchmal ein weibliches Geschlechtsrollenverhalten zeigten. Es wird von Kochen und Saubermachen berichtet, ein Mann erwähnt sein großes Interesse an Parfüm, ein dritter legte viel Wert darauf, "sich irgendwie rauszuputzen".

Dennoch hinterlassen die seltenen Beispiele aus den Interviews mit Männern des Clusters B den Gesamteindruck, daß auch bei den 'weichen Jungen' nach der Pubertät das Interesse und die Häufigkeit jungenuntypischen Verhaltens sank.

Diese Tendenz, 'jungenhafter' zu werden, stellten bereits Isay, Green und Harry heraus. Harry (1983) fand zwar "cross-gender"-Verhalten bei prähomosexuellen Jungen, nach der Pubertät käme es jedoch zu einer 'defeminization'. Isay (1990) meinte, dies würde mit dem Druck der Gesellschaft zusammenhängen, der in der Adoleszenz steige. Wie dies abläuft, erzählt ein früherer 'sissy-boy', den Green (1987) zitiert: "I think it's my mother saying, 'No, you should not act this way,' and it was myself realizing that people in school and socially are gonna look down on this, you don't do it. ... I still have my moments"(S.148)

Vielleicht ist dies die größte Veränderung, die bei Männern des Clusters B festgestellt werden kann. Während der Kindheit waren eine ganze Reihe von Spielen deutlicher dem Rollenverhalten von Mädchen zuzuordnen, was in und nach der Pubertät keineswegs in gleicher Form der Fall zu sein scheint. Die Tendenz scheint bei den 'weichen Jungen' zwar weiterhin zu einer Abgrenzung von sehr für Jungen typischen Betätigungen zu gehen, ihr Freizeitverhalten stellt sich jedoch weniger stark abweichend von jenem Verhalten dar, welches auch die meisten anderen Jungen während ihrer Freizeit an den Tag legen: Fernsehen, Sammeln, Lesen, 'Nichtstun'.
 

-  Männliche Identität

Alle Männer des Clusters A waren sich in der Jugend ihrer männlichen Geschlechtsidentität vollkommen sicher. Sie akzeptierten die Rolle und genossen sie. Auch die meisten 'weichen Jungen' waren männlich identifiziert, erschwert wurde dies teils durch negative Haltungen der Umwelt, erleichtert bei einer Neudefinition von Männlichkeit.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Cluster A und B im Geschlechtsrollenverhalten auch während der Adoleszenz, deuten die Veränderungen in der Pubertät darauf hin, daß bei allen Männern eine stärkere Ausrichtung auf männliches Rollenverhalten stattfand. Korrespondiert dies mit einer eindeutigen männlichen Geschlechtsidentität bei beiden Clustern?

"Wie ging es dir mit dem Mannsein in der Jugend", wurden die Interviewpartner gefragt, und die Antworten der Männer aus Cluster A waren eindeutig. Einige beschränkten sich auf eine knappe Bemerkung ("Gut ging's mir damit"), andere beschrieben etwas ausführlicher, worauf sich diese Sicherheit gründete.

Ich habe es eigentlich immer genossen, ein Mann zu sein. Mit meiner Schwester hätte ich nicht tauschen wollen. Die hat mir immer leid getan. (Conrad)
Mit den körperlichen Veränderungen, da war ich schon stolz darauf, ne. Wie man das so halt so an sich beobachtet, und toll, das klappt alles und läuft alles ganz richtig und so. Ich war nach wie vor froh, ein Junge zu sein. Da war ich schon stolz und sehr zufrieden eigentlich. (Rainer)
Sie waren "stolz und sehr zufrieden" mit der männlichen Geschlechtsrolle, maßen die Erfüllung ihrer Rolle daran, daß alles "ganz richtig" läuft und sie erfolgreich bzw. stark sind. Einer betont, wie sexueller Erfolg bei Mädchen seine Geschlechtsrolle bei anderen Jungen untermauerte, ein anderer führt die Rolle als Führer in der Klasse oder beim Sport als Beleg für seine Männlichkeit an.
Ich war sicher gerne Mann. Ich war, und ich bin auch heute noch. Also, da hat sich nichts verändert. (...) Ich denke, daß ich in dieser Zeit eigentlich eine gewisse Führungsrolle in der Gruppe hatte. In der Volleyball-Mannschaft war ich zum Beispiel der Mannschaftskapitän. Auch in der Klasse hatte ich eine Führungsposition. (Olaf)
Zweifel an seiner Geschlechtsidentität drückt keiner der Männer aus Cluster A aus, Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität stehen in perfekter Übereinstimmung: "Ich fühlte mich als Mann, und ich habe mich auch so verhalten." Eher im Gegenteil sehen sie ihr damaliges Verhalten und ihre damalige Haltung teilweise kritisch ("Natürlich war ich ein ganz klassischer Macho"), meinen, sie hätten als Jugendlicher und Heranwachsender ganz selbstverständlich eine Rolle übernommen, die "diese Gesellschaft ja so vorgibt": Stark sein, organisieren, im Haushalt für das Handwerkliche zuständig sein usw. Die männliche Identität war ihnen vertraut, in sie waren sie hineingewachsen und sie lebten sie ganz selbstverständlich.

Prinzipiell beschreiben auch alle Männer des Clusters B ihre Geschlechtsidentität nach der Pubertät als eindeutig. Mit einer Ausnahme gab es für sie selbst keinen Zweifel, daß sie männliche Jugendliche waren: "Irgendwie war das völlig klar, daß ich ein Mann bin." Auch sie erwähnen z.T. die körperlichen Merkmale, welche unzweifelhaft männlich waren ("Schon mal körperlich so, war ja sichtbar und deutlich durch die Behaarung und den Schwanz"), oder die heterosexuelle Reaktion ("Ich fühlte mich als Mann, zumal ich damals ja auch Frauen sehr geil fand").

Zweifel an der eigenen Geschlechtsidentität hatten eher etwas mit dem Fremdbild zu tun, mit dem die 'weichen Jungen' bereits in ihrer Kindheit konfrontiert waren. Sie selbst sahen sich als Mann, als männlicher Jugendlicher, aber ihr Geschlechtsrollenverhalten war nicht ausgeprägt männlich genug, um nicht von Seiten anderer Jugendlicher mit Zweifeln konfrontiert zu werden: "Ja, ich war gerne ein Mann, aber ich litt schrecklich, daß ich eigentlich keiner war für die andern." Es sind "die anderen", andere Jugendliche, Erwachsene, "die Gesellschaft", die das Mannsein der 'weichen Jungen' in Frage stellen. Um akzeptiert zu sein als Junge oder junger Mann, hätten sie nach ihrem damaligen Empfinden mehr typisch männliches Verhalten zeigen müssen, sich anders, weniger "feminin" oder "zart" geben müssen.

Dieses Männlichkeitsideal war für mich oft dieses Grobe. Und ich wollte das auch gar nicht. Aber andererseits, ich wollte schon akzeptiert sein und anerkannt sein. Und ich habe schon gemerkt, daß ich das nicht war. Weil ich zu zart war oder zu feminin meinetwegen. Das hat mir halt doch Probleme gemacht, muß ich zugeben. Daß sie das halt nicht so nehmen konnten, wie es ist. Sondern daß sie mir die Wahl lassen, und entweder du bist so, wie du zu sein hast, stark und grob und .. Mann. Und dann ist das okay für uns. Oder du bist es nicht. Und du siehst ja, es ist nicht okay, wir erkennen dich nicht an. Also, ich war da in einer Misere. Ich fühlte mich als Mann, aber ich fühlte mich nicht so, wie mich die Gesellschaft haben wollte. (Volker)
Im Einzelfall finden sich derartige Einschätzungen, "daß ich eigentlich keiner war für die anderen" auch bei 'harten Jungen'. Sie zeigen, wie schwierig es für einen Jungen oder männlichen Jugendlichen sein konnte, als solcher "akzeptiert" zu werden.
Man wurde nicht so für voll genommen, ne. Da kann ich mich noch dran erinnern, die Halbstarken da auf ihren Mofas. Ich hatte dann ne Mofa , und dann sind wir da rumgedüst. Ich hatte nicht das Gefühl, daß man irgendwie als Mann so oder in seiner Männlichkeit da schon akzeptiert wird, also in dieser Zeit als Jugendlicher oder in der Pubertät. Das war sehr gemischt. Also von den Erwachsenen sowieso nicht, von den Gleichaltrigen, die waren alle selbst viel zu verunsichert, vielleicht noch bis auf dieses Alpha-Tierchen in der Gruppe, der immer so auf Macho gemacht hat. (Micha)
Es waren keineswegs nur die männlichen Jugendlichen, die sich über "zartes" oder scheinbar unmännliches Verhalten mokierten. Mit der Pubertät erwuchsen den 'weichen Jungen' unter den gleichaltrigen Mädchen zum Teil scharfe Kritikerinnen, die ein Versagen vor der Geschlechtsrolle Mann teilweise erbitterter anprangerten als gleichaltrige Jungs. Einer der Männer, der bis zum Alter von 15 Jahren ausgeprägt heterosexuelle Sehnsüchte hatte und wiederholt Anbahnungsversuche bei Mädchen startete, wurde in der Tanzstunde verlacht ("Ach, Fräulein Hansen kommt!"), weil er sich sehr weiblich bewegte. "Und das wirkte dann natürlich bei so einem pubertären, aufgeschossenen, schlanken Jüngelchen sehr feminin." Als er sich in ein Mädchen verliebte, die auf dem Schulhof Brötchen verkaufte, wurde er mit Sprüchen wie "Hach, der Süße will ein Milch-Brötchen" konfrontiert, unter denen er sehr litt. Dieser Jugendliche erlebte Abwertung und Spott hauptsächlich von den Mädchen. "Fertig gemacht wurde ich von den Frauen. Die Jungs haben mich eigentlich ziemlich zufrieden gelassen." Vor der Pubertät waren es häufig die anderen Jungen, welche die 'weichen Jungen' beim Sport oder Spiel auslachten. Damals hatte sich dieser Jugendliche bei den Mädchen noch wohlgefühlt, nun fürchtet er deren spitze Zunge.

Zweifel an der eigenen männlichen Identität hatten aber manchmal auch mit der Wahrnehmung von Unterschieden zu anderen männlichen Jugendlichen oder mit homosexuellen Gefühlen zu tun. Wenn, so müssen sie damals gedacht haben, ich mich so wenig für jene Dinge interessiere, die den anderen Jungs wichtig sind (Autos, Biertrinken etc.), dann kann ich kein Mann sein! Umso mehr galt das für ihre sexuellen Gefühle und mangelnde heterosexuelle Beziehungen.

Ich glaub nicht, daß ich mich als Mann wirklich gesehen hab. Auch mit meinen schwulen Gefühlen nicht. Ich hab mich sicherlich auch nicht weiblich gefühlt, aber Mannsein, denk ich, war damals noch viel mit so Klischees behaftet, eben ne Freundin haben, natürlich eben nicht schwul sein, ja, es hatte auch glaub ich was mit körperlicher Kraft zu tun, und das Körpergefühl damals war .. ich glaub, ich hatte das ziemlich abgespalten, das war sehr schwierig. (Veit)
Es fiel den Männern zum Teil offensichtlich schwer, über die reine Tatsache der männlichen Geschlechtsidentität hinaus sich mit dem zu identifizieren, was als Geschlechtsrolle damit untrennbar verbunden schien.

Eine neue Qualität stellte es dar, wenn es 'weichen Jungen' in der Adoleszenz gelang, zumindest für sich selbst oder auch mit Hilfe von Freund(inn)en, Männlichkeit neu zu definieren. Sie konnten dann eine sichere männliche Identität entwickeln, ohne dabei den herkömmlichen Rollenvorbildern folgen zu müssen. Vielfältige Bereiche, in denen sie sich zuhause fühlten, etwa "geistige Fähigkeiten" oder das Bild vom "neuen Mann", konnten sie als männlich definieren und auf diesem Weg sich selbst einen Weg zum eigenen Mannsein bereiten. Es gab eben den "männlichen" Mann, aber auch andere Formen von Mannsein. Diese anderen Arten, Mann zu sein, verhalfen ihnen dazu, sich selbst ohne Zweifel als Mann verstehen zu können.

Ich fing an, wirklich darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft Männer haben will, und daß das nicht in Ordnung ist, daß die nicht auch wirklich anders sein dürfen, als es eben dieses Bild des männlichen Mannes vorschreibt. Und ich war einfach anders, das hab ich gemerkt. Und ich hatte aber auch Freunde, die mich so mochten, wie ich war, ohne daß ich auch dieser Super-Mann bin, so wie die Gesellschaft ihn sich vorstellte, mit nächtlichen Gewaltmärschen durch den Wald und schwitzen dabei und Soldat sein und Held sein und stark sein. Sondern die auch das andere zu schätzen wußten, wenn jemand irgendwie zart ist und feinfühlig und sowas. Und ich mochte auch einfach nicht grob sein. (Volker)
Meine Rolle war klar, auch wenn ich nicht so der Super-Macho war. Ende der sechziger Jahre war ja mit den Hippies eh ein neues Rollenbild angesagt. (Werner)
Sich selbst als Mann sehen, auch wenn man Teile des gesellschaftlich geforderten Rollenvorbildes nicht erfüllt, diese Abgrenzungsleistung gelingt offenbar mehreren 'weichen Jungen' bereits während ihrer Jugend. Hier wird eine Lösung in Ansätzen sichtbar, die in späteren Jahren zu einer sehr sicheren, eigenständigen Identifikation als Mann auch für jene Männer führt, welche bis heute im Geschlechtsrollenverhalten vom herkömmlichen Bild des Mannes abweichen.
 

-  Weibliche Identität

Keiner der Männer aus beiden Clustern sah sich in der Jugend noch als weiblich an. Vereinzelte Vorstellungen, ein Mädchen zu sein, kamen bei zwei Männern aus Cluster A vor, waren aber lediglich Gedankenspiele, um bewußt wahrgenommene sexuelle Sehnsüchte gegenüber anderen Jungen mit einem heterosexuellen Weltbild in Einklang zu bringen.

Gab es während der Kindheit bei einigen 'weichen Jungen' noch Wünsche, dem anderen Geschlecht anzugehören, oder wenigstens ein spielerisches Ausprobieren der weiblichen Rolle auch bei einzelnen 'harten Jungen', sind diese Wünsche und Vorstellungen nach der Pubertät gänzlich verschwunden. Kein einziger der interviewten 33 Männer äußert für die Adoleszenz noch derartige Sehnsüchte bzw. Überlegungen. Ganz im Gegenteil wird bei der Aussage zur eigenen männlichen Identität von mehreren Männern darauf hingewiesen, daß man keineswegs ein Mädchen sein wollte. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Mädchen sein zu wollen." Schließlich profitieren auch homosexuelle Männer von den "benefits of masculinity"(Bech 1997a, S.135).

In jenen Fällen, wo derartige Überlegungen in der Kindheit bestanden, wird nun darauf hingewiesen, daß sich dies geändert habe: "Ich hatte nicht mehr das Gefühl, ein Mädchen sein zu wollen."

Auch für die 'weichen Jungen' ist nun Abgrenzung wichtig. Als Mädchen bezeichnet zu werden, wird als schwere Kränkung angesehen, die "zutiefst verletzt", dem sich der Jugendliche aber zu jener Zeit noch hilflos gegenüber sah, weil ihm nur zu gut vertraut war, daß sein Geschlechtsrollenverhalten von dem 'normaler' Jungen abwich.

Das war mal wieder son Streit mit meinem Bruder. Und er hat mich dann vor versammelter Familie als Mädchen bezeichnet. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber das hat mich unheimlich getroffen und ich bin dann heulend raus und in mein Zimmer. Ich war zutiefst verletzt, zutiefst verletzt. Und ich konnte ihm nicht mal irgendwie was entgegnen. (Peter)
Ein Mann, der während seiner Kindheit noch allabendlich dafür gebetet hatte, ein Mädchen zu werden, und als einziger 'weicher Junge' deutlich weiblich identifiziert war, spürte in der Pubertät "Scham" über seine engen Kontakte zu Mädchen und die Notwendigkeit, sich von Mädchen zu distanzieren.
Es fing an, als ich aufs Gymnasium kam, daß eine Scham da war, daß ich so viel mit Mädchen gespielt habe. Und wenn Jungs aus der Klasse an dem Gelände vorbeifuhren, wo ich mit den Mädchen gespielt habe oder in der Wiese lag, dann habe ich mich immer ganz flach hingelegt, daß die nicht sehen, daß ich mit Mädchen spiele. (Albert)
Dieser Mann hatte jedoch auch die stärksten Probleme, sich nicht mehr als Frau bzw. Mädchen, sondern als Mann zu identifizieren. Ihm war frühzeitig bewußt, daß er mit einem Mann zusammen sein wollte, verstand auch, daß er dies als Mann wollte, ihm fiel es jedoch enorm schwer, sich Mannsein konkret vorzustellen. "Ich hatte gar keine Ahnung, was Mannsein überhaupt ist." So sehr hatte er sich während seiner gesamten Kindheit als Mädchen vorgestellt und gewünscht, daß es für ihn "völlig schleierhaft" war, was Mannsein bedeuten könnte.

Während also viele 'weichen Jungen' wie schon in der Kindheit damit hadern, ihre Wahrnehmung von sich selbst als männlichem Jugendlichen und ihre Nicht-Erfüllung gesellschaftlicher Rollenvorbilder in Einklang zu bringen, ist doch der Wunsch, Frau zu sein nicht einmal in Ansätzen vorhanden. Vielleicht gerade weil sie keine 'Super-Machos' waren, wollten sie spätestens in der Pubertät keineswegs weiblich sein.

Nun, da sexuelle Wünsche stark spürbar werden, sind es eher 'harte Junge', die den Konflikt, als Mann Männer zu begehren, mit Gedankenspielen zu bewältigen versuchen, als Frau dürften sie dieses Begehren problemlos ausleben. Waren es in der Kindheit einzelne 'weichen Jungen', die den Widerspruch zwischen ihrem Geschlechtsrollenverhalten und ihrer Geschlechtsidentität durch Änderungswünsche hinsichtlich ihres Geschlechts zu mindern wünschten, so sind es jetzt einzelne 'harten Jungen', die als Ausweg aus dem Widerspruch, als 'normaler' Junge homosexuelle Sehnsüchte zu haben, sich vorstellen, ein Mädchen zu sein.

Dies hatte jedoch wenig zu tun mit Geschlechtsidentität, sondern begründete sich in der Erkenntnis, daß es ihnen als Mädchen leichter wäre, einen begehrten Jungen 'zu kriegen'. "Als Mädchen hätte ich vielleicht mehr Chancen gehabt hätte bei dem einen Jungen". Verfangen im heterosexuellen Denken, träumen sie sich in das entgegengesetzte Geschlecht, um ihre Sehnsüchte nach Sexualität mit einem Jungen erfüllen zu können.

In der achten, neunten Klasse, da hatte ich einem Klassenkameraden, den ich geil fand, und da habe ich mir immer gewünscht, ein Mädchen zu sein. Aber nur, um ihn zu kriegen so ungefähr. Nur damit ich mit ihm zusammen sein konnte. Nicht irgendwie, weil Mädchen es so viel besser haben oder so, sondern einfach nur, weil ich mit ihm zusammen sein wollte. (...) Weil ich ja gelernt hab, Berührungen zwischen zwei ... ist immer nur zwischen Mann und Frau, und zu diesem Zeitpunkt habe ich mir dann gewünscht, halt ein Mädchen zu sein, damit ich den Mann berühren kann. Oder den Jungen. (Ernst)
Aber dies waren nur Gedankenspiele ohne den tatsächlichen starken Wunsch nach einer anderen Geschlechtsidentität. Denn diese war bei allen 'harten Jungen' seit der Kindheit klar und deutlich männlich.
 

-  Gefühl des Andersseins

In der Pubertät taucht auch bei 'harten Jungen' manchmal das Gefühl auf, 'anders' zu sein. Ursache hierfür ist fast immer, daß sie ein sexuelles Interesse an Männern wahrnehmen. Dieses Gefühl führt bei ihnen aber kaum zur Absonderung. Bei den 'weichen Jungen' wird das Gefühl des Andersseins, welches wegen ihres non-konformen Geschlechtsrollenverhaltens bereits in der Kindheit einsetzte, durch die homosexuellen Gefühle verstärkt oder aktualisiert. Sie nehmen dieses Gefühl eher zum Anlaß, sich (weiter) zurückzuziehen.

Sich als 'anders' empfinden, Differenzen zwischen sich und anderen männlichen Jugendlichen wahrzunehmen, steigt nach den Daten von Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) mit dem Älterwerden an - allerdings auch bei heterosexuellen Jugendlichen. Für die Zeit der Grade School gaben 72% der Homosexuellen und immerhin 39% der Heterosexuellen an, sich als 'anders' empfunden zu haben, in der High School waren es gar 86% der Homosexuellen und 45% der Heterosexuellen. Dies deutet darauf hin, daß die Wahrnehmung einer Differenz zu anderen Jungen für viele - gleich welcher sexuellen Orientierung - vorhanden war.

Mit einer Ausnahme, die mit seinem Interesse an Mädchenspielen zusammenhing, hatte keiner der 'harten Jungen' während der Kindheit ein Gefühl von 'Anderssein' (s. Kap.4.3.1). Bei den 'weichen Jungen' war dieses Gefühl jedoch weit verbreitet und scheint auch dort mit dem non-konformen Interesse an Mädchenspielen bzw. Desinteresse an typischen Jungenspielen zusammenzuhängen.

Nun, in der Pubertät und danach ereilt dieses Gefühl auch einige 'harte Jungen'. Die Mitschüler und Kameraden zeigen ihr heterosexuelles Verhalten zunehmend offensiv, gerade jene 'harten Jungen', die gut eingebunden in die Peer-Group sind, werden also in starkem Masse auf diese Tatsache gestoßen. Sofern bei ihnen mit der Pubertät homosexuelle Wünsche aufgetaucht sind - was keinesfalls selbstverständlich ist (s. Kap. 4.4.2) - bzw. heterosexuelle Wünsche nicht in üblichem Umfang gespürt werden, ist ein Gefühl von Anderssein naheliegend.

Bei einem entwickelt sich ein Fremdheitsgefühl gegenüber seinen Freunden und Schulkameraden, weil "Mädchen-Themen aufkamen, die mich nicht betrafen." Ein anderer fand diese Gespräche "nicht so interessant", "weil das bei mir halt ein bißchen anders war". Ein dritter stellte fest, wie die allgemeine Neugier der anderen Jungen am männlichen Körper mit der Zeit nachließ, bei ihm diese Neugier aber bestehen blieb - auch dies ein Grund, sich als anders oder "außen vor" zu erleben.

Das war aber nicht so durchgehend. Ich glaube, mehr auf Parties war das so. Also das, was dann da so abging zwischen den Mädchen und den Jungs. Das fand ich nicht so spannend, glaube ich. Ich glaube, das war son Grund, warum ich dieses Gefühl hatte, ich bin so da irgendwie so ein bißchen außen vor. (...) Weil ich schon gemerkt habe, daß bei den anderen da was abgeht, was bei mir an scheinend nicht so abgeht, ne. Also, daß die sich schon zu den Frauen hingezogen fühlen, während ich da irgendwie ... ja, ich wollte ne nette Party, was trinken, Tanzen ... also, ich habe dann lieber getanzt oder so. (Micha)
Ein großer Teil der 'harten Jungen' erlebt nun sehr deutlich, daß es einen wesentlichen Unterschied zwischen ihm und den anderen Jungen gibt. Zum ersten Mal gibt es dafür einen handfesten Grund. Offensichtlich wird dies jedoch nur registriert, zur Kenntnis genommen, womöglich mit einiger Beunruhigung, das Anderssein wird jedoch nicht für so bedeutsam gehalten, daß die Männer sich von den anderen Jungen zurückzogen.
Von daher gab's dann so Unterschiede. Aber nicht so, daß ich mich fremd gefühlt hätte oder daß ich mich abgesondert hätte. (Dirk)
Die Unterschiedlichkeit auf dem einen, sexuellen Gebiet überwiegt wohl nicht die Gemeinsamkeiten auf anderen Gebieten wie etwa dem Sport oder dem Geschlechtsrollenverhalten. Erst wenn weitere Faktoren hinzukommen, wie etwa Verliebtsein, dann kommt es zu weitergehenden Konsequenzen des Andersseins auch bei den 'harten Jungen'.

Ein zusätzlicher Grund, warum die von ihrem Geschlechtsrollenverhalten so 'normalen' Männer aus Cluster A das Anderssein nicht allzu hoch bewerteten, mag gewesen sein, daß sie auch sonstige Eigenschaften und Interessen bei sich wahrnahmen, bei denen sie sich von anderen Jungen unterschieden, ohne daß sie dies allzu hoch bewerteten. Auch hier nahmen sie das Anderssein zur Kenntnis, offenbar ohne daraus Konsequenzen für ihr Selbstwertgefühl oder ihren Kontakt zu anderen Kindern zu ziehen.

Also da gibt es ja immer diese eine Aufklärungsseite, Dr. Sommer. Da war halt ein nackter Junge drauf. Und ich muß dazu sagen, ich bin beschnitten, und ich habe nie jemand anders gekannt, der auch beschnitten ist, über Jahre hinweg! Zu dem Zeitpunkt hatte ich immer gedacht, es wäre was nicht in Ordnung bei mir. Ich hab gesehen, daß es bei anderen Jungs anders aussieht und daß es bei mir nicht so aussieht. Und ich hab meins nicht schön gefunden. (Ernst)
Bei den 'weichen Jungen' scheint das Wahrnehmen von Anderssein bedeutsamere Folgen gehabt zu haben. Das Anderssein wird häufig allumfassend empfunden, es beschränkt sich nicht auf das eine oder andere Merkmal: "Eigentlich hatte ich immer so das Gefühl, überhaupt anders als die anderen Menschen zu sein, völlig klein, häßlich und minderwertig." Ist das Gefühl von Anderssein bei den 'harten Jungen' punktuell (in bestimmten Situationen) oder partiell (in einem einzigen Bereich), so wächst sich das bereits aus der Kindheit bekannte Gefühl bei den 'weichen Jungen' vielfach zu einer ganz grundsätzlichen Bewertung der eigenen Person aus. Anderssein bezog sich nicht nur auf andere Kinder oder Jungen, sondern auf die ganze Welt.
Es war immer so dieses Gefühl, anders zu sein. Anders zu sein und nicht akzeptiert zu sein, schwach zu sein, denen nicht gewachsen zu sein, den andern Jungs. Ja, aber eben auch hauptsächlich so dieses innere Gefühl, nicht nur von den anderen irgendwo ausgegrenzt zu sein, sondern auch dieses eigene Gefühl, ich bin auch anders, also, ich gehör auch nicht dazu! Und vielleicht auch son Stück: Ich will auch gar nicht dazu gehören, obwohl, ich denke schon, daß ein Teil von mir sich's nicht sehnlicher gewünscht hat. Aber ich merkte ja sehr deutlich, daß ich all das nicht leisten konnte. Es gab einfach so viele Bereiche, kann ich gar nicht benennen, wo ich sehr deutlich spürte: Nee, das bin ich nicht! (Veit)
Sehr oft ist nach der Pubertät weiterhin ein nonkonformes Geschlechtsrollenverhalten der Auslöser für Gefühle des Andersseins bei 'weichen Jungen'. In einigen Fällen hat sich dies aus der Kindheit bewahrt, ein eher femininer Mann beschreibt aber auch, daß ihm sein Anderssein erst in der Pubertät bewußt wurde. Vorher war ihm ein Abweichen von der Jungen-Rolle überhaupt nicht bewußt.
Ich habe schon gespürt, was anders war. Als Junge ist mir das nicht aufgefallen. Weil, ich durfte ja mit den Puppen spielen, ich habe da nicht die Anweisungen bekommen: Spiel mal mit den Jungs. Es hieß ja nicht, nun spiel mal mit deinem Kran, oder so. Es wurde in dem Sinne auch nicht registriert so als etwas .. Jungen spielen nicht mit Puppen. Und da so wenig Jungs in meinem Umfeld waren, hatte ich auch so gut wie keine Vergleichsmöglichkeiten, wie die sind und spielen. (...) Ich weiß nur, daß es mir einmal mit Entsetzen aufgefallen ist, als ich die Fotos von meiner Konfirmation angeschaut habe, und da habe ich immer mit so einem angeknickten Bein dagestanden. Und das sah so sehr damenhaft aus, das konnte ich nicht ertragen, ich habe die alle zerrissen die Fotos und dann habe ich die alle weggeschmissen. Da ist mir etwas bewußt geworden ... Und da war so das einzige Mal, wo ich wirklich gedacht habe, da stimmt was nicht und das darf nicht sein und ich bin anders oder so. (Albert)
Die Beschreibung des Schocks, zwar männlich zu sein, aber von der Gestik und Körperhaltung her sich weiblich zu verhalten, verrät eine wesentlich stärkere Betroffenheit von diesem Anderssein als die Schilderungen der Männer aus Cluster A.

Natürlich geben auch Männer des Clusters B an, die mit der Pubertät aufkommenden sexuellen Wünsche gegenüber Männern als Quelle von Gefühlen des Andersseins empfunden zu haben. Für sie ist es häufig 'nur' noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal, das die schon lange geläufigen Anderssein-Gefühle noch verstärkte: "Es war wieder ein erneutes Ausgeschlossen sein, das kam halt nur noch oben drauf so quasi."

Klar, ich war anders als die andern, denk ich mal, weil ich halt eben tatsächlich schon schwul war und weil ich femininer war als irgendwelche anderen und ich denke mal, daß ich das natürlich auch gewußt hab, wenn nich bewußt, dann schon irgendwie gespürt hab und daß mir das klar gewesen ist. (Volker)
Ob Geschlechtsrollenverhalten oder sexuelles Empfinden, fast alle 'weichen Jungen' erleben sich in ihrer Jugend als 'anders' , als von der Mehrheit der Jungen um sie herum unterschieden. Und ihre Reaktionen auf dieses Gefühl erscheinen wesentlich drastischer als bei den 'harten Jungen', wie die nachfolgenden Kapitel zeigen werden.
 

-      Lebensgefühl und Selbstwertgefühl

Welches Grundgefühl prägte die Jugend der interviewten Männer? Wie fühlten sie sich, innerhalb ihrer sozialen Umgebung und mit sich selbst? Gab es hierbei Veränderungen gegenüber der Kindheit, der Zeit vor ihrer Pubertät? Damals überwogen bei den 'harten Jungen' positive Gefühle, sie bezeichneten sich als sorglos und frei, sprachen von einer "glücklichen Kindheit". Auftauchende Probleme wurden relativiert, es herrschte das Grundgefühl einer guten Zeit vor.

Vergleichbares stellten auch einige 'weichen Jungen' dar, die Mehrheit erinnert jedoch eine belastete Kindheit, die von Angst sowie dem Gefühl überschattet war, Probleme und Konflikte nicht bewältigen zu können. Im folgenden Abschnitt soll dargestellt werden, ob sich für die Männer in der Rückschau Veränderungen in der Jugend ergeben haben.

Isay (1990) nennt die Jugend homosexueller Männer eine "angstauslösende Zeit", da sie ohne Rollenmodelle auskommen müßten. In der Studie von Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) waren die häufigsten Nennungen in Bezug auf ein vorherrschendes Gefühl: untüchtig/inkompetent, unglücklich oder ein anderes negatives Wort. Allerdings fühlten sich auch 31% der heterosexuellen Männer in jener Zeit unglücklich. Was sagen die Interviewpartner zu diesem Thema?
 

- Die 'harten Jungen'

Das positive Grundgefühl aus der Kindheit der 'harten Jungen' hält sich offenbar auch noch in der Jugend. Einzig dort, wo einschneidende Veränderungen wie Verlust des besten Freundes, Trennung der Eltern oder Tod eines Elternteils eintreten, treten Belastungen und sogar depressive Stimmungen auf. Ein gutes Selbstwertgefühl konnte sich durchaus auch dort halten, wo auftauchende homosexuelle Empfindungen das Konzept einer heterosexuellen Entwicklung störten.

Die Frage, ob sich das Lebensgefühl oder das Selbstwertgefühl in der Jugend verändert habe, wurde im unmittelbaren Anschluß an die Frage nach generellen Veränderungen durch die Pubertät gestellt. Von den Männern des Clusters A wurde in den meisten Fällen klargestellt, daß das positive Grundgefühl der Kindheit auch in die Adoleszenz hineinreichte: "Es gab keinen Grund, mich zu sorgen und mir Gedanken zu machen." Sie fühlten sich wohl mit sich und ihrem Körper, genossen es, zunehmend unabhängig und frei agieren zu können. "Frei. Und rebellisch. Alles in Frage stellen", unter diesem Motto wuchsen sie in eine aktive und engagierte Zeit hinein, die ausgefüllt war mit extensiver sportlicher Betätigung, dem Entdecken neuer Welten und Möglichkeiten oder auch dem gesellschaftspolitischen Engagement, etwa in der Anti-AKW-Bewegung oder kirchlichen Jugendgruppen.

Von daher fand ich diese Zeit eigentlich ganz gut für mich und auch spannend. War eine wilde Zeit und ne gute Zeit. (Micha)
Weder versuchten die Männer aus Cluster A im Interview, den Eindruck zu erwecken, es habe keine Probleme gegeben, noch soll hier ein solcher Eindruck verbreitet werden. Aber im Grundsatz und in der Mehrheit war die Stimmung und das Lebensgefühl, welches sie im Rückblick erinnern, positiv und lebendig, aufregend und zufrieden.

Wenn es mal nicht so "gut" gewesen sein sollte, scheint es die Überzeugung gegeben zu haben, "gut drauf" sein sei eine wichtige Qualität für das Wohlbefinden, so daß manch einer zur Not "so tat", als wäre er "gut drauf". Und diese Strategie scheint durchaus geholfen zu haben, ein positives Lebensgefühl zu bewahren.

Ich hab immer das Gefühl gehabt, daß ich, wie als Kind auch, als Jugendlicher sehr gut gelitten war, weil ich war halt sehr lebendig, war sehr aktiv, ich hatte immer Ideen, was man machen könnte. Ich war auch son bißchen der Klassenclown. Ich denke, auch dadurch kam viel Anerkennung, daß ich halt immer gut drauf war, immer so tat, als wäre ich gut drauf. Damals war mir das wichtig, dabei zu sein, anerkannt zu werden. Dann spielte ich auch schon mal den Clown." (Tom)
Aufgrund der Anerkennung, etwa aus den sportlichen Erfolgen oder anderem Engagement, war ihr Selbstwertgefühl überwiegend stark, zumindest demonstrierten sie dies. Es hat den Anschein, daß dieses gefestigte Selbstwertgefühl auch nicht so leicht zu erschüttern war. Einer der Männer, der frühzeitig seine Zuneigung zu anderen Jungen entdeckte, zog sich zwar etwas von den anderen Jungen zurück, sagt aber, daß dies keine Auswirkungen auf sein Selbstwertgefühl gehabt habe.
Also ich wurde ein bißchen so zurückgezogener, nicht mehr so ... in der großen Gruppe und dann das ständig Zeit mit anderen Jungen verbringen, sondern ich habe mich ein bißchen mehr zurückgezogen dann. Auch aus dem Grund dann, daß ich da dem einen mehr nachgesetzt habe. Aber ansonsten, mit meinem Selbstwertgefühl hatte ich keinen Hänger oder was. (Rainer)
Drei der neun 'harten Jungen' erlebten jedoch derart einschneidende Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld, daß das positive Lebensgefühl mehr oder weniger stark gestört wurde und in einem Fall sogar völliger Orientierungslosigkeit Platz machte.

Bei einem Mann änderte der Tod des Vaters sein Leben erheblich, als er sechzehn war. Innerhalb weniger Wochen und für viele Jahre fühlte er sich in die Rolle des Familienoberhauptes gedrängt, obwohl er einen älteren Bruder hat, der jedoch damals Schwierigkeiten im Studium hatte. Bruder und Mutter verließen sich ganz auf ihn, und er übernahm für den Rest seiner Adoleszenz die Rolle des Familienoberhauptes, was mit Einschränkungen verbunden war und sein Grundgefühl aus der Kindheit, Geborgenheit in der Familie, zerstörte. "Ich denke, da gingen mir Zeiten der Pubertät verloren, da war ich erwachsen." Und doch lieferte ihm, so belastend die Situation war, das Vertrauen in seine Fähigkeiten, die Rolle des Familienoberhauptes wahrzunehmen, wichtige Stützen für sein Selbstwertgefühl.

Ein weiterer Mann mußte sich mit zweierlei Beziehungsverlusten auseinandersetzen, die ihn belasteten. Nach der Grundschule gingen alle bisherigen Freunde auf's Gymnasium, er aber zur Hauptschule, wodurch die Freundschaften zerbrachen, und als er zwölf war, verließ seine Mutter die Familie. So beschreibt er aus der Jugend eine sehr gemischte Stimmung, einerseits ein sehr unabhängiges, freies, spannendes Leben, meist draußen unterwegs, andererseits ein nachdenklicher Rückzug aus der Realität, ein Träumen, um Verwirrung und Trauer über die Verluste nicht allzu sehr zu spüren.

Träumen, weg. Das war für mich so ne Entfremdung von der Realität. Ich habe sehr viel nachgedacht und sehr viel geträumt. Ich weiß noch, daß gewisse Gedanken mich tagelang beschäftigt haben und ich extra viel dieses oder jenes gemacht habe, nur um nicht nachdenken zu müssen. Das hing auch damit zusammen, warum hat Mama uns verlassen sozusagen. Also das war's. (Ernst)
Beide Männer führen die Veränderung in ihrem Lebensgefühl auf konkrete life events zurück, die in ihrer Auswirkung gut nachvollziehbar sind. Es ist also denkbar, daß sie ohne diese einschneidenden Veränderungen ihr positives Grundgefühl wie die anderen auch während ihrer Jugend beibehalten hätten.

Dies mag für den dritten Mann nicht so gelten. Im Verlauf des Interviews benennt er zuerst mehrere Ereignisse, die er für den Wandel in seinem Lebensgefühl verantwortlich macht. Innerhalb weniger Monate verlor er einen Zahn, er mußte eine Brille tragen und er brach sich seine linke Hand. Zwei Jahre später macht ihn ein Lehrer auf einen Wandel aufmerksam, der offenbar recht auffällig war. Im Zeugnis stand, er habe sich zurückgezogen. "Von da ab hab ich nicht mehr zu der alten Form zurückgefunden." Ein Arzt stellt Eisenmangel fest, aber weder dies noch die Ereignisse zwei Jahre zuvor scheinen ihm Erklärung genug für den Stimmungsumschwung. Er begriff überhaupt nicht, was mit ihm los war. Auch er bemühte sich, nach außen den guten Schein zu wahren, spürte innen drin allerdings sehr gut, daß dies keineswegs seinem Lebensgefühl entsprach.

Erst im weiteren Verlauf des Interviews wurde nachvollziehbar, was wirklich damals geschehen war und was sein Lebensgefühl so nachhaltig beeinträchtigt hatte. Kurt mußte mit zwölf Jahren erleben, daß sein bester Freund Thomas in die Pubertät kam und die Freundschaft zerbrach. Erst viel später wurde ihm bewußt, daß dieser großgewachsene Freund mit seinen braunen Augen und dem dunklen Haar seinem erotischen Ideal entspricht.

Das war wirklich so von der Grundschule an bis zum zwölften Lebensjahr, da war er wohl dreizehn, da ist die Freundschaft kaputtgegangen, er ist in die Pubertät gekommen, hat sich für irgendwelche Frauen interessiert und es ist irgendwie auseinandergegangen. Ich denk mal, da fingen dann auch meine sexuellen Probleme an, ohne daß ich das jetzt gemerkt hab. Also, der ist ganz maßgeblich, wo ich auch heute sag, da kann ich schon homosexuelle Anteile erkennen, also daß ich ihn attraktiv fand oder mich ihm nahe gezogen fühlte. (Kurt)
Es scheint so, als ob auch hier der Verlust eines 'significant other' das vorher positive Lebensgefühl belastet oder sogar zerstört hat.
 

- Die 'weichen Jungen'

Die Bilanz der Männer aus Cluster B über das Lebens- und Selbstwertgefühl in der Adoleszenz ist durchweg negativ. Im Vergleich zur Kindheit ist es sogar noch schlechter geworden. Einzelne können von Lichtblicken berichten, die mit engen Freundschaften, einer guten Familienatmosphäre oder einem Wechsel im sozialen Umfeld zu tun haben.

Der Gegensatz zu den 'harten Jungen' im Bereich Lebens- und Selbstwertgefühl ist bei den 'weichen Jungen' ebenso kraß wie bereits in der Kindheit. Selbst dort, wo in den frühen Jahren noch positive Schilderungen anzutreffen waren ("lebensfroh", "richtig glücklich", s. Kap. 4.3.2), breitete sich in der Pubertät und den ersten Jahren danach eine niedergeschlagene, unglückliche Stimmung aus, die nach Angaben einiger Männer geradezu katastrophale Ausmaße annahm.

Mein Selbstwertgefühl, das ist immer schlechter geworden. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich mir gewünscht, eine Tarnkappe zu haben, damit mich niemand mehr sieht. Eine Zeitlang mußte ich zwanghaft eine Jacke mit Kapuze tragen und habe immer diese Kapuze aufgesetzt, weil ich nur noch so aus dem Haus gehen konnte, weil ich mich nur so geschützt gefühlt habe. Also, das war die aller-schrecklichste Zeit meines Lebens. Also, so tief vom Gefühl, tiefer geht es gar nicht. (Albert)
Mein Selbstwertgefühl war schwach, ich hielt wenig von mir. Ich wurde immer verschlossener und hab mich zurückgezogen. War unglücklich und wenig zugänglich. Das war von vierzehn bis siebzehn am schlimmsten. Hing der Rückzug damit zusammen, daß du dich anders gefühlt hast? Ja. Kann gut sein. Daß ichmich so anders fand und mich so selbst zu beobachten, was passiert da in mir. Erst mal keinen andern ranlassen. Und mich nicht verletzlich zeigen. Nach außen hin unverletzbar wirke. Nicht mir ne Blöße gebe oder ne Schwachstelle. (Anton)
"Erst mal keinen anderen ranlassen" - diese Absicht findet sich mehrfach in den Aussagen der 'weichen Jungen'. Sie äußern Verwirrung und eine weitergehende Verunsicherung im Gefühl sich selbst gegenüber. Sicherlich ist die Pubertät und die folgenden Jahre für viele Jugendliche keine einfache Zeit, die körperlichen und seelischen Entwicklungen werden häufig nicht verstanden, der Selbstfindungsprozeß ist sehr mühsam (Fend 1990), und doch erscheint das Unwohlsein und die Irritation durch lange erlebtes Außenseiter-Dasein und die vielen schwer verständlichen Gefühle, die offenbar von anderen Jugendlichen nicht so erlebt werden, bei diesen Männern in der Pubertät besonders stark gewesen zu sein.

Und während 'harte Jungen' versuchen, sich ihr positives Lebensgefühl nicht durch negative Empfindungen zerstören zu lassen, mag die Sicht der 'weichen Jungen' umgekehrt geprägt gewesen sein. Das Angenehme wird "in den Hintergrund gerückt" und ist "vielleicht auch gar nicht mehr bewußt", so daß das Negative überwiegt.

Häufig fällt es den Interviewpartnern schwer, das Lebensgefühl genauer zu definieren oder zu beschreiben. "Es war keine schöne Zeit", faßt ein Mann es zurückhaltend zusammen, um dann zu schildern, wie er mit Nicht-Fühlen versuchte, sein Leben erträglich zu gestalten. Die Stimmung erscheint durchaus nicht depressiv, es ist eher, angesichts von geringem Selbstwertgefühl und wenigen Möglichkeiten, sich durch andere Bestätigung zu holen, eine Traurigkeit und Aussichtslosigkeit zu spüren, die den Alltag in den Jugendjahren bestimmt zu haben scheint.

Ich kann das gar nicht so in Worte fassen, wie ich mich damals gefühlt habe. Irgendwie gar nicht. Ich habe meine Schule gemacht, hab mich manchmal mit Freunden getroffen. Es war irgendwie so, ich wußte nicht, wo es langgehen soll. Es war keine schöne Zeit, nee, bestimmt nicht. Und besonders selbstbewußt war ich bestimmt nicht. In der 9.Klasse bin ich sitzengeblieben, ich war eigentlich das ganze Gymnasium über schlecht. Die Mädchen wollten von mir nichts wissen und bei den Jungen war ich auch nicht sonderlich beliebt. Ich glaube, das einzige, worauf ich wirklich stolz war, waren die Zauberkunststücke, die ich mir damals beigebracht habe. (Werner)
"Ich habe versucht, mich völlig gleichgültig zu machen", beschreibt ein anderer dieses Absicht, nichts zu fühlen, nichts zu spüren, was einen belastet, weder die Zurückweisung durch andere, noch die Belastungen des täglichen Lebens. Die Signale für ein ganz grundlegend schlechtes Lebensgefühl sind bei den meisten Aussagen der Männer dieses Clusters nicht zu übersehen. In einigen Fällen führt diese negative Stimmung und das geringe Selbstwertgefühl bei 'weichen Jungen' zu Suizidversuchen.
Ich sah auch keinen Ausweg, wie das denn anders werden könnte. Ich hatte auch als Jugendlicher oft Gedanken, mich umzubringen durch einen Sprung von einem hohen Gebäude. Wo ich dann oftmals so am Rand stand und, na, springst du jetzt? Oder läßt dich einfach fallen? So. Und vielleicht ist das dann alles vorbei so und das wirkliche Leben beginnt dann erst. So ne Erlösung irgendwie. Ich hatte nie Angst vorm Tod, aber immer vorm Sterben, vorm Schmerz. (Josef)
Diesen 'weichen Jungen' hat damals vielleicht nur seine Angst vor dem Schmerz, vor den mit einem Sturz verbundenen Qualen zurückgehalten. Andere berichten von geglückten Versuchen, etwa mit Schlaftabletten oder, bei einem Mann mit sehr spätem Coming Out, mit einem Föhn in der Badewanne, die aber letztlich doch nicht ihr Ziel erreichten.

Es werden jedoch auch Umstände erwähnt, welche eine positive Wendung ermöglichten bzw. die ein positives Lebensgefühl auch in der Jugend zuließen. Ein Mann, der sich als "zwischen dreizehn und sechzehn depressiv" beschreibt, erreichte einen Wandel, indem er die belastende Schulumgebung verließ und an eine andere Schule ging. Die neue Schule war größer, er fand leichter andere Jugendliche, mit denen er gemeinsame Interessen hatte. "Auch einen neuen Start zu machen", die alte, belastende Situation und die Menschen, zu denen die Beziehungen lange definiert und festgefahren waren, hinter sich zu lassen, dies schaffte er damit.

Wie spätere Abschnitte zeigen werden, gab es im Alter von sechzehn Jahren bei ihm noch andere Veränderungen, die sein Lebensgefühl verbesserten. Hier sollen nur noch zwei weitere Beispiele für positive Elemente genannt werden, die einzelnen 'weichen Jungen' in ähnlicher Weise halfen. Bei einem Mann war es der Beginn einer langjährigen Freundschaft zu einem attraktiven, allgemein angesehenen Jugendlichen ("Ab vierzehn war das Leben wieder lustvoll, war schön, die depressive Phase war überwunden durch diesen Freund"), beim anderen die Familie und später eine kleine Clique von Freunden.

In der Familie hatte ich eigentlich ein recht gutes Selbstwertgefühl. Ich war der einzige, der zum Gymnasium kam, meine Geschwister haben alle Hauptschulabschluß gemacht. Und von daher wurde ich auch anerkannt. Auch später in der Clique habe ich mich sehr wohl gefühlt, auch ein gutes Selbstwertgefühl gehabt. Was mir jetzt gerade einfällt ist, daß so dieses Selbstwertgefühl immer dann besonders stark oder stärker war, wenn ich eben in so ner Gruppe war. Also, in dieser Clique oder mit Familie. Wenn ich alleine war, war ich schon sehr viel weniger selbstbewußt. (Peter)
Es gab bei den 'weichen Jungen' also einige positive Erfahrungen, und doch war das Lebensgefühl der meisten in Pubertät und den unmittelbaren Jahren danach schlecht bis sehr schlecht. Kaum einer von ihnen denkt an diese Zeit gern zurück, sie verstärkte nur noch die Erfahrung von Ablehnung und Ausgeschlossenfühlen, die schon die Kindheit vieler dieser Männer belastete.
 

-     Kontakt zu Eltern und Peers

Als dritter und letzter Komplex über Veränderungen in der Pubertät sollen jene im Kontakt zu den Eltern sowie anderen Jugendlichen behandelt werden. Wie entwickelte sich in der Adoleszenz das Verhältnis zu Vater und Mutter? Waren die 'harten Jungen' weiterhin gut integriert bei den Jungen, wie stand es um die Integration der 'weichen Jungen'? Welche Veränderungen gab es in Bezug auf ein mögliches Außenseitergefühl bei beiden Clustern?
 

- Jugend bei den Eltern

Eine gute Hälfte der 'harten Jungen' lebte auch in der Jugend mit beiden Eltern zusammen, vier jedoch mußten Tod oder Trennung von Eltern verarbeiten. Bei den 'weichen Jungen' gab es nur in einem Fall eine aktuelle Trennung sowie einem zweiten das Fortbestehen einer solchen. Der große Rest erlebte die Jugend unter einem Dach mit beiden Eltern.

Die Männer des Clusters A erlebten häufiger als jene des Clusters B eine Trennung der Eltern. Einer von ihnen lebte von klein auf nur mit Mutter, Schwester und Bruder, ohne viel Kontakt zum Vater, ein anderer mit seinem Bruder zusammen im Heim, nachdem die Mutter, als er vier war, psychisch erkrankte. Letzterer hatte somit während seiner Adoleszenz kaum Kontakt zu Mutter und selten Kontakt zum Vater.

Ein 'harter Junge' verlor seinen Vater mit sechzehn, als dieser an einem Herzinfarkt starb, ein anderer den Kontakt zu seiner Mutter, als diese die Familie verließ. Ab zwölf Jahren lebte er allein mit seinem Vater, bis er mit zwanzig auszog.

Bei den 'weichen Jungen' gab es lediglich in einem Fall eine Änderung in der Adoleszenz, als sich seine Mutter vom Vater trennte und der Sohn bei der Mutter blieb. Ein zweiter war bereits seit seinem dritten Lebensjahr mit Mutter und Schwester allein. Alle anderen, immerhin 85% der Gesamtgruppe aus Cluster B, wuchsen auch in der Jugend bei beiden Eltern auf.

Natürlich sagt das Zusammenleben oder Nichtzusammenleben wenig über die Qualität der Beziehung zwischen den Männern und ihren Eltern in der Jugend aus. Daher soll dargestellt werden, wie sich das Verhältnis zu den Eltern in dieser Zeit bei beiden Clustern verändert hat.
 

- Verhältnis zu den Eltern

Die große Mehrheit aus beiden Clustern schildert einen Prozeß der Abgrenzung und Distanzierung von den Eltern während der Jugendzeit. Insbesondere gegenüber dem Vater gab es häufig nur noch wenig nahen Kontakt. Unterschiede zwischen den Clustern scheinen zu sein, daß die 'harten Jungen' sich eher nach draußen zurückzogen, die 'weichen Jungen' eher in ihr Zimmer. Zudem kommt massive Kritik der 'harten Jungen' fast nur am Vater, bei den 'weichen Jungen' fast nur an der Mutter, die bis zum völligen Beziehungsabbruch reicht.

'Sehr wichtig' fanden 66% der West- und 75% der Ost-Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren die Beziehung zu ihren Eltern (Oswald 1992). Es dürfte von daher bedeutsam sein, wie sich diese Beziehung bei den Interviewpartnern dieser Arbeit in der Adoleszenz entwickelte. Freund (1967) hatte keinen Unterschied in der Elternbeziehung zwischen männlich und feminin identifizierten prähomosexuellen Kindern und Jugendlichen gefunden. Gilt dies auch für die beiden Cluster A und B?

Während der Adoleszenz fand bei den meisten Männern des Clusters A eine innere und äußere Abgrenzung von den Eltern, vor allem vom Vater, statt. Es drängte sie noch mehr nach draußen, raus aus dem Elternhaus mit seiner Kontrolle oder einem Vereinnahmtwerden. Die "Basis" für ihr Leben bildeten nicht mehr das elterliche Zuhause und die Eltern selbst, sondern "die Clique". Zuhause wurde es zu eng: "Da bin ich nur zum Essen nach Hause gekommen und zum Umziehen. Vielleicht noch zum Hausaufgaben machen. Und zum Schlafen halt."

Dieser räumliche Rückzug nach außen war eine Form der Distanzierung, Streit und Auseinandersetzung eine andere, von der die 'harten Jungen' berichten. Ob sich diese Konflikte lediglich in "ein, zwei pubertätsbedingten Ausbrüchen" zeigten oder "in der Familie permanent Zoff" war, das Verhältnis zu den Eltern als Autoritätspersonen verschlechterte sich bei den meisten über die Jahre deutlich. Dieser durchaus übliche Prozeß jugendlicher Abgrenzung (Fend 1998) wird ergänzt durch Beispiele, in denen eher ein Nebeneinander entstand, in dem sich beide Seiten mehr oder weniger aus dem Weg gingen, die Jugendlichen aber eben ihren Weg suchten, ohne sich allzu viel mit den Eltern auseinanderzusetzen.

Nur ein Mann aus diesem Cluster schildert eine Familiensituation mit weiterhin enger Bindung zu den Eltern, während sein größerer Bruder in der Pubertät heftige Konflikte mit den Eltern ausgetragen hatte. Zwar gab es nicht allzu viel Kontakte zu den Eltern, aber er fühlte sich zuhause wohl und sah offenbar wenig Anlaß, sich abzugrenzen: "Ich bin nicht ungern nach Hause gegangen."

Auch die 'weichen Jungen' grenzten sich von ihren Eltern ab. Es gab dabei im Einzelfall durchaus eine vergleichbare 'Flucht nach draußen'. Dem Kontakt mit den Eltern und ihren Versuchen, am Leben ihres Sprößlings beteiligt zu bleiben, wird Abstand und Aus-dem-Weg-gehen entgegengesetzt. Allerdings hatte dieser Mann ab der Pubertät einen einzelnen guten Freund, mit dem er Tag für Tag zusammen war und sich so von seinen Eltern absondern konnte.

Unser Verhältnis war nicht zu vertraut, ganz bestimmt nicht. Ich habe meine Probleme, wenn ich sie besprochen habe, mit Freunden besprochen, nicht mit meinen Eltern. Ich bin lieber weggefahren von zuhause, um mit Freunden zu spielen, als daß ich bei mir war. Ich bin selten zuhause gewesen bei meinen Eltern. Das hat mir auch keinen Spaß gemacht, mit denen was zusammen zu machen. Also insgesamt sehr distanziert von meiner Seite. (Volker)
Viel häufiger bei den 'weichen Jungen' ist die räumliche Abgrenzung durch Rückzug in ihr Zimmer, die man bei vielen Jugendlichen erwarten würde, von der aber 'harte Jungen' nur in einem Fall berichteten. Für die 'weichen Jungen' lag es wohl nahe, sich an den Ort zurückzuziehen, der bereits in den Jahren vorher Schutz und Geborgenheit beim Spiel gegeben hatte. Von ihnen erwähnen diesen Rückzugsort mehrere.

Ob räumlicher Rückzug stattfand oder nicht so sehr, fast durchgängig ist eine innere Abkehr von den Eltern, der sich in sehr eingegrenzter Kommunikation ausdrückte. Mütter, die nachfragten, ließen sie auflaufen, besprachen "nur das Notwendigste", bei Vätern hätte sich der Kontakt "höchstens zum Positiven entwickeln können, hat er aber nicht." Der geschiedene Vater wird nicht mehr besucht, beim daheim lebenden ist man froh, wenn dieser sich nicht ins Leben einmischt. "Es war eben mein Leben".

Die Distanzierung drückt sich auch bei beiden Clustern in einer veränderten Einstellung zu den Eltern aus. Kindliche Illusionen und Fehleinschätzungen machen einer neuen, kritischen Einstellung Platz. Auffällig ist, daß - kongruent mit den kritischen Anmerkungen aus der Kinderzeit - die 'harten Jungen' mehr den Vater kritisieren, während bei den 'weichen Jungen' die Mutter stärker ins Fadenkreuz gerät.

Damals hatte mein Vater für mich kaum etwas bedeutet, er war kein Vorbild mehr. Klar, er war Lehrer in der Schule und jeder kannte ihn, aber für mich war er niemand, zu dem ich hochguckte. (...) Ich hatte keinen großen Respekt vor ihm. Klar, als Vater, aber als Person nicht. (Christian)
(Er) war sehr zurückgezogen, jedem Konflikte ausgewichen - also, der war überhaupt nicht konfliktfähig! Mit dem konnte man sich gar nicht streiten! Mit meiner Mutter konnte man ja wenigstens noch streiten. (Micha)
Nur in einem Fall kommt eine ausdrücklich kritische Bemerkung eines 'harten Jungen' zur Mutter, alle anderen derartigen Bemerkungen stammen von 'weichen Jungen'. Den Müttern wird, ähnlich wie bereits in der Betrachtung aus der Kindheit, vieles vorgeworfen, während die Väter bei den 'weichen Jungen' erstaunlich ungeschoren davonkommen.
Mit meiner Mutter hab ich natürlich auch gewisse Kämpfe ausgefochten. Sie hat versucht, über allerlei Mittel lenkend einzugreifen. Etwas subtiler, etwas ruhiger. Hat versucht, meine Berufswahl stark zu beeinflussen, was ihr auch gelungen ist. Also, sie hat es sehr geschickt eingefädelt und hat auch sehr geschickt agiert, so daß gar nichts zu kämpfen da war. Sie mißbrauchte mich aber auch als Puffer gegenüber dem Vater, als Verbündeter. (Jan)
Dieses tolle Bild von meiner Mutter, das ging schon mit der 5.Klasse los, daß das Risse bekommen hat. Weil ich sehr sauer wurde über sie. Meine Mutter war immer sehr besorgt um meine Schwester und mich, daß uns was passieren könnte. Sie hat mich, auch als ich in der 5.Klasse noch war, zum Bus hingebracht und vom Bus abgeholt. Da bin ich in der Schule und im Bus gehänselt worden, so 'Muttersöhnchen' ham die mich dann genannt. Und da hab ich meiner Mutter gesagt, daß ich nicht möchte, daß sie mich hinbringt und abholt, daß ich glaube, daß ich das alleine kann. Und das hat sie nicht akzeptiert, sie hat das trotzdem gemacht. Und sie hatte überhaupt nicht verstanden, was sie mir damit antut. (Valentin)
In umgekehrter Relation sind es unter den 'weichen Jungen' nur zwei, die explizit Kritik am Vater äußern. Was zusätzlich auffällt ist, daß zwar ein Mann aus Cluster A so Ärger und Enttäuschung über den Vater äußert, daß der Kontakt jetzt nur noch sehr rudimentär weiterbesteht, aus dem Cluster B aber gleich zwei Männern sich so heftig von den Eltern abgrenzen, daß es gegen Ende der Jugend zu einem zeitweiligen bzw. völligen Beziehungsabbruch kommt.
Das Jahr, wo ich meinen Wehrdienst abgeleistet hab, das hab ich auf eine Art sehr genossen, weil ich da ziemlich wenig mit meiner Familie zu tun hatte. In meiner Ausbildung wurde die Wut so stark, daß ich richtig Mordphantasien entwickelte. Oder wünschte, daß meine Eltern irgendwie bei einem Unfall umkommen mögen, daß das Haus abbrennt oder so. (Josef)
Das "Abgrenzung im Erwachsenenwerden" findet also bei beiden Clustern statt, wenn auch teilweise auf unterschiedlichen Wegen. Nur in wenigen Fällen bleibt ein sehr vertrautes und enges Verhältnis zur Mutter bestehen - bei beiden Clustern. Auf dieses Verhältnis geht der übernächste Abschnitt ein.
 

- Der weiterhin ferne Vater

Wie schon in der Kindheit bleibt die Beziehung zum Vater distanziert, die Distanz steigt eher noch. Dies gilt im Prinzip für beide Cluster. Wirkliche Nähe entsteht selbst da kaum, wo Sehnsüchte der Jugendlichen bestehen oder der Vater Kontaktversuche unternimmt, wovon vorrangig Männer des Clusters A berichten.

Die Darstellung aller interviewten Männer über das Verhältnis zum Vater in der Jugend zeigt eine große Übereinstimmung. Der Kontakt zum Vater "war fast auf Null", selbst in jenem Fall, wo der Jugendliche allein mit seinem Vater lebte. Der Eindruck entsteht, daß es weder den Jugendlichen gelang, Zugang zu ihrem Vater zu finden, noch den Vätern gelang, überhaupt einen engeren Kontakt herzustellen. Die 'harten Jungen' sind in ihrer Beschreibung der Situation sehr deutlich.

Und mein Vater, der war irgendwie nicht da! Also, der war nicht greifbar so, das war ja schon vorher so, da hat sich eigentlich nicht soviel geändert. Der hat immer so ein bißchen Distanz gehalten und hat irgendwie durch bestimmte symbolische Akte seine Zuneigung ausgedrückt. (Micha)
Selbst in jenem Fall, in dem ein Mann aus Cluster A nur mit dem Vater zusammen lebte, ist die Distanz unüberhörbar. Sie essen zusammen, gehen auch mal spazieren, aber der Vater schien ihm fern zu bleiben.

Dieselbe Ferne zum Vater in ihrer Adoleszenz beschreiben die Männer aus Cluster B, spätestens nach der Pubertät gab es selten oder gar kein Kontakt. Leistung war auch in der Jugend offenbar noch ein Weg, überhaupt Zugang zum Vater zu erreichen.

Mein Vater wurde mir da richtig fremd. (...) Bei einem Streit hat mir dann meine Vater einmal eine geknallt, und danach war irgendwie ganz vorbei. In der Zeit hat mir meine Mutter auch anvertraut, daß sie langfristig die Trennung plante, so daß es sich wirklich auch anbot, daß mein Vater eben die Haß-Figur ist, von allen Seiten so. Eine Zeitlang war das ein bißchen besser, weil ich in der Schule, speziell in Latein, sehr gut war. Über die Leistungsschiene ging es dann eine Zeitlang ganz gut, aber eben nur darüber. (Leander)
Manchmal wird auch jetzt, in der Pubertät, noch eine Sehnsucht sichtbar nach mehr Kontakt zum Vater. Die Sehnsucht ist zu spüren hinter Beschwerden wie "Der hatte nie Zeit!", sie drückt sich auch in der Adoleszenz noch aus in Träumen und Phantasien von gemeinsamen Erlebnissen und sie wird offensichtlich, wenn einzelne Männer von gemeinsamen Erlebnissen berichten wie familiäre Mittagessen, bei denen gescherzt und gelacht wurde, oder dem gemeinschaftlichen Gang ins Fußballstadion, bei dem es - ausnahmsweise - zum näheren Kontakt kam.
Obwohl in dieser Zeit, das erinnere ich eigentlich sehr gut, am Samstag, wenn man zu dem Fußballverein vor Ort zu dem Fußballspiel ging und das anguckte. War eigentlich eine Situation, auf die ich mich immer sehr gefreut hatte, weil ich meinen Vater da auch mal für mich hatte, eine Zeitlang. Der Bruder war nicht mehr dabei, der war ja schon dann deutlich älter. Der würde zumindest damals nicht mit meinem Vater zu dem Fußballspiel gegangen sein. Der stand vielleicht dann in der Gegengeraden, aber nicht beim Vater. Aber ich stand eben noch beim Vater und empfand es als sehr sehr schön und angenehm. Und das waren eigentlich die einzigen Stunden, wo ich ihn wirklich auch mal für mich hatte. (...) War auch durchaus so, daß mich mein Vater nachts um elf, da war ich vielleicht gerade auch zwölf, dreizehn Jahre alt, aus dem Bett holte, und dann haben wir einen Boxkampf angeguckt. Mohammed Ali gegen soundso. Und ich wäre auch stinksauer gewesen, wenn ich nicht geweckt worden wäre. Das waren dann schöne gemeinsame Erlebnisse. Das war für mich auch was ganz Besonderes. Da hatte man auch so den Eindruck, der Vater macht jetzt ganz persönlich für einen etwas. (Olaf)
In Einzelfällen, die ausschließlich von Männern des Clusters A angeführt werden, spürten sie ein Interesse des Vaters an ihnen. Es blieb aber meist beschränkt, unbeholfen im Ausdruck, so daß kein wirklich enger Kontakt zustande kam. Da schenkt ein Vater selbst dem zwanzigjährigen Sohn immer noch wie früher Schokolade als Zeichen seiner Zuneigung oder fragt ein Vater immer interessiert daran, wie es dem Sohn geht, zeigt Interesse und Bedürfnis nach Verbundenbleiben. Und doch sind dies seltene Beispiele, welche die starke Distanz, die allgemein von allen Interviewten geschildert wird, nicht widerlegen.

So verging auch die Jugend, ohne daß es zu einer Annäherung an die Väter kam. Es blieb bei der Ferne, diese nahm eher noch zu, und Momente intensiven Kontaktes, wie sie teilweise in der Kindheit vorkamen (z.B. Urlaube), gab es nur noch in Ausnahmefällen.
 

- Die nähere Mutter

Im Vergleich zum Vater blieb der Kontakt zur Mutter - im altersbedingt geringen Umfang - bei beiden Clustern bestehen. Die 'harten Jungen' schildern einen durchaus von Konflikten geprägten Umgang, der nicht allzu intensiv war. Auch bei den 'weichen Jungen' war der Kontakt meist enger als zum Vater, einigen aber auch zu eng. Der Loslösungsprozeß verlief hier dann um einiges konfliktreicher.

Einige Männer differenzieren nicht zwischen Mutter und Vater, wenn sie das Verhältnis zu beiden in der Jugend darstellen. Sie schildern die Abgrenzung, ohne darüber zu sprechen, ob sich die Beziehung zur einen oder zum anderen unterschied. Dies gilt in erster Linie für die Männer des Clusters B, von denen vier lediglich über ihre Eltern sprachen.

Bei den anderen wird trotz aller Abgrenzung der Kontakt zu Mutter als näher oder gar intensiv bezeichnet. Die 'harten Jungen' blieben mit ihrer Mutter - und sie mit ihnen - im Kontakt, selbst wenn dieser von vielen Auseinandersetzungen geprägt war.

Es gab viele Quengeleien. Ich kann allerdings bei meiner Mutter nicht sagen, daß das jemals schlecht gewesen ist. Weil wir immer Kontakt hatten. Der ist nie zerbrochen. (Kurt)
Die Aussagen deuten meist nicht auf einen besonders innigen Kontakt während der Adoleszenz, die Abgrenzung betraf also in jedem Fall auch die Mutter. Nur in einem Fall war dies anders, was nach Aussage des Mannes von der Mutter ausging und von ihm selbst als belastend angesehen wurde.
Meine Mutter hat dann eben gemerkt, daß ich in der Familie der bin von Ihren Kindern, der am meisten da drauf hatte, und sie hat sich dann immer mehr an mich gewandt. In der Zeit war ich ihr sehr, sehr nahe, und sie hat mich da aber einfach völlig überfordert. Sie hat mich wie Ihren Ehemann fast in manchen Sachen gesehen und meinte immer, sie müßte alles und jedes noch so peinliche Thema mit mir besprechen. (Conrad)
Mit dieser einen Ausnahme ist also lediglich festzustellen, daß die 'harten Jungen' im Kontakt mit der Mutter blieben, ohne daß dieser sehr intensiv war.

Etwas anders stellt sich die Situation bei den 'weichen Jungen' dar. In der Kindheit bestand oft eine enge Bindung zur Mutter, die Schutz und Geborgenheit bot bzw. bieten sollte (s.Kap. 4.3.2), gleichzeitig äußerten die Männer des Clusters B deutliche Kritik an ihrer Mutter. In der Jugendzeit blieb es im Einzelfall bei einer engen Beziehung, die aber fast immer von Seiten der Mutter in dieser Weise gestaltet wurde. Aus verschiedenen Aussagen wird deutlich, welch Kampf teilweise von 'weichen Jungen' geführt wurde, um eine allzu große Nähe oder Grenzenlosigkeit abzuwehren.

Das Verhältnis zu meiner Mutter war zu der Zeit noch sehr eng. Ich versuchte, von ihr wegzukommen, und sie tyrannisierte mich mit ihrer Anhänglichkeit. Wenn ich aus war mit Johannes und spät abends nach Hause kam, ich war ja schon neunzehn, zwanzig, dann wartete sie immer noch im Nachthemd im Flur und sagte, wieso kommst du so spät, du weißt doch, ich muß morgen früh aufstehen, und ich kann nicht schlafen, wenn du noch nicht da bist. Und sone Geschichten. Bis ich denn mit zwanzig ausgezogen bin. Um mich selbstständig zu machen. (...) Da bin ich zum Hauptstudium nach Hannover gegangen. Johannes setzte mich unter Druck, zu bleiben und meine Mutter sagte, wenn du gehst, sterbe ich. Und als ich ging, hatte sie Krebs, und daran ist sie auch gestorben. (Lars)
Die Grenzenlosigkeit ging manchmal weit über das psychische hinaus. Ein Mann erinnert eine Vielzahl von sexuellen Annäherungsversuchen und ungezügelte Überschreitung von Schamgrenzen durch seine Mutter. In diesem Fall ist besonders bemerkenswert, daß es parallel dazu sexuelle Annäherungen durch den Vater gab ( diese jedoch hauptsächlich vor der Pubertät), die der Junge erregend fand und auf die er keineswegs genauso abwehrend reagierte wie auf jene der Mutter.
Dann gab es auch immer so die Verführungsversuche von meiner Mutter. Sie ist mir permanent an den Hintern gegangen und wollte mich befummeln. Dann nahm sie mich plötzlich in den Arm, und steckte mir die Zunge ins Ohr, und leckte mein Ohr aus und solche Sachen. Dann habe ich mit ihr gemeinsam auf dem Balkon gesessen, halt im Sommer und dann saß sie da halbnackt und hat denn angefangen, mit dem Fuß nach mir zu angeln und das fand ich so widerlich! Am liebsten hätte ich sie vom Balkon gestoßen! Mein Vater durfte das übrigens bei mir machen, ne. Da habe ich es halt schön empfunden, aber bei ihr fand ich das nur widerlich. Oder wenn ich auf der Toilette war, kam sie immer sofort rein, und wollte gucken, wie ich pinkel. Und dann konnte ich natürlich nicht, und dann sagte sie, nun mach doch mal, nun pinkel mal. Geht das nicht? Alles so ... also, es war ganz furchtbar! (Albert)
Beide Fälle stellen sicherlich das Extrem von einer Beziehung dar, die insbesondere von der Mutter als sehr nah zu halten versucht wird. Vielen anderen 'weichen Jungen' gelang es in der Jugend, sich von der Mutter zu lösen und einen Abstand zu gewinnen, indem sie den Kontakt gering hielten, persönlichen Gesprächen auswichen oder sich einsilbig zu gaben, wenn die Mutter nachfragte.

Der Kontakt zur Mutter war also in der Jugend der 'weichen Jungen' manchmal eng, häufiger zu eng, so daß sie Abstand suchten, und in einigen Fällen ein freundlich-distanziertes Miteinander. Gemeinsam ist beiden Clustern, daß sie offensichtlich trotz einer gewissen Nähe zur Mutter auf unterschiedliche Weise ein Zuviel an unerwünschter Nähe abwehrten. Dies scheint vorrangig bei den 'weichen Jungen' nötig gewesen zu sein.
 

- Integration bei den Peers

Der größere Teil der 'harten Jungen' war ebenso gut integriert bei den männlichen Peers wie in der Kindheit. Einige zogen sich jedoch zurück, was vermutlich mit ihrer sexuellen Orientierung zusammenhing. Die 'weichen Jungen' blieben weiterhin Außenseiter bei den Jungen, nun oft auch bei den Mädchen. Starke Isolation oder eine kleine Zahl von Freunden waren die Regel.

Spätestens in der Adoleszenz erhält die Gruppe der Peers in der Regel eine höhere Bedeutung als die Familie, insbesondere als die Eltern (Baake 1994). Die Abnabelung von diesen wird durch die Hinwendung zu Gleichaltrigen erleichtert und unterstützt (Fend 1998). Fend betont das Doppelgesicht dieser Peer-Kontakte, deren Bedeutung nicht zuletzt durch längere Schulzeiten gewachsen ist: sie können emotionale Stützen bieten und das Selbstwertgefühl stärken, sie gestatten eine konsensuale Validierung von Interessen, Hoffnungen und Befürchtungen, und bieten Möglichkeiten, Normen der Gegenseitigkeit zu lernen (S.229). Sie können aber auch sehr belastend sein, durch Gruppendruck Normen und Lebensvorstellungen prägen, die für den Einzelnen weniger passend oder erwünscht sind. Nicht zuletzt sind Cliquen für jene, die draußen stehen, ein permanentes Zeugnis des Außenseiterdaseins (S.233)

Von den Eltern fand i.d.R. eine Distanzierung statt, wie erging es beiden Clustern mit den Peers? Sechs der neun 'harten Jungen' schildern einen Kontakt zu Peers, der sich auch während ihrer Jugend noch wenig von der anderer männlicher Jugendlicher unterschiedet. Sie verbringen ihre Freizeit zusammen mit größeren oder kleineren Gruppen von Freunden, mit denen sie Sport treiben, ausgehen, Urlaub machen und all jene 'ersten Erfahrungen' machen, die typisch für das Hineinwachsen in die Erwachsenenwelt sind: "Mit meinen Kameraden gab's halt Cliquen, in denen man sich organisiert hat, und das war auch so die Basis, um sich vom Elternhaus abzuwenden".

Hilfreich in Bezug auf Kontakte waren hierbei sicherlich die Sportvereine, in denen sie engagiert waren. Dort fanden sie nicht nur Möglichkeiten vor, sich in der Gruppe zu betätigen ("Diese Volleyball-Mannschaft war auch gleichzeitig der Freundeskreis"), sondern konnten auch unter den Jugendlichen mit ähnlichen Interessen einzelne Freunde finden. Ähnliches galt bei ihnen offenbar auch in der Schule.

In dem Fußball-Verein, also wo ich dann hin gegangen bin, da habe ich mit zehn Jahren jemanden kennengelernt, der war gestern noch hier. Wir haben also eine ganz engen Kontakt noch weiterhin, über die ganzen Jahre auch. Und ansonsten noch einer, aus dem Nachbar-Haus, auch über den Sport. Nach dem Training sind wir immer zusammen zur Pommes-Bude gegangen.(...) Und später habe ich dann noch mal so eine Zeit gehabt, da habe ich mit so Typen zu tun gehabt, war aber schon achtes Schuljahr, die dann auch viel geklaut haben und solche Sachen. Die auch schon ein bißchen älter waren, die schon zweimal sitzen geblieben sind und so. Mit denen habe ich eigentlich ziemlich viel gemacht eine Zeitlang. (...) Und unsere Klasse hat auch extrem viele Feten gemacht, kann ich mich erinnern. Also viel mehr als andere Klassen. Wir hatten so einen ganz guten Draht in der Zeit. (Conrad)
Die Kontakte blieben "so wie es sich eben im Alltag ganz normal entwickelt", sie fühlen sich von den anderen Jungen akzeptiert ("hundertprozentig!") und hatten so durch die gesamte Adoleszenz hindurch Freunde, mit denen sie ihre Freizeit verbrachten. Die männlichen Freunde standen für diese Jugendlichen als soziales Umfeld ganz im Vordergrund, auch wenn einzelne nach und nach Zweierbeziehungen mit Mädchen eingingen. Die 'Kumpel' und 'Cliquen' waren männlich, was für die meisten nicht nur selbstverständlich, sondern auch wünschenswert war. Der eine oder andere 'harte Junge' störte sich geradezu daran, wenn Mädchen als 'Konkurrenz' auftauchten und die 'Kumpel' es vorzogen, sich mit diesen zu treffen statt der Jungen-Clique.
Die anderen Jungs, die haben sich da halt geändert und sind zu den Mädchen gegangen. Aber da hatte ich nie irgendwie so dieses Bedürfnis. Wenn dann, überhaupt mal, weil die anderen das auch machen. Damit ich wieder mit den anderen Jungs zusammen bin, ne. (Ernst)
Zwei der 'harten Jungen' trafen sich jedoch ganz gerne mit Mädchen, einer davon sogar überwiegend in der Jugendzeit. Es mag auch mit ihrer Schulbildung oder ihrem politischen Interesse zusammenhängen, daß sie bei Mädchen aufgeschlossenere Gesprächspartnerinnen fanden. Beide Männer hatten diese Erfahrung bereits während der Kindheit gemacht, als sie trotz Fußball-Begeisterung dann und wann gern mit Mädchen spielten.
Ich hatte auch gute Freundinnen und nette Freundinnen, also teilweise auch heute noch aus der Zeit, mit denen ich noch zu tun habe. Fand ich immer Klasse. (...) Also das Gute war einfach, daß ich den Eindruck hatte, daß man mit den Mädchen einfach besser reden konnte, auch über andere Sachen reden konnte, die unter den Jungs tabu waren. (Micha)
Für den zweiten waren die Mädchen zudem eine Gruppe, in der er das Fremdheitsgefühl, welches angesichts vorherrschend heterosexueller Gesprächsthemen in den Cliquen auftauchte, weniger verspürte. Er spielte zwar weiterhin gern mit den anderen Jungen und ging mit ihnen in die Kneipe, er wird auch nun noch voll akzeptiert von ihnen, aber bei ihm wird sehr deutlich, daß homosexuelles bzw. mangelndes heterosexuelles Interesse diese Wahl der Peers beeinflußte ("durch die Bank welche, mit denen ich gerne was gehabt hätte").

Absonderung, Rückzug und eine partielle Desintegration gab es schließlich bei drei 'harten Jungen'. Einer davon mag mit der inzwischen spürbar werdenden homosexuellen Orientierung zusammenhängen, hat aber auch andere Gründe.

Als dann der Druck für die Gymnasiasten stieg, mehr Hausaufgaben machen zu müssen, da waren sie natürlich auch immer weniger bereit zum spielen. Und ich war immer noch sehr verspielt, denk ich. (...) Die anderen, die konnten nicht einfach rumhängen, so wie ich. Die hatten nur so eine Stunde zum Spielen, und dann haben die sich dann wirklich auch darauf konzentriert, irgendwie was Bestimmtes zu machen. So, das war der Eindruck, den ich damals hatte. Und dadurch kam diese Absonderung zustande von mir. Also, ich war ein Außenseiter, ohne das zu wollen oder ohne .. tu ich mir auch überhaupt nicht leid dafür so eigentlich. Nee, kann ich nicht sagen. Und da habe ich dann auch angefangen, mich mit anderen Außenseitern zusammen zu tun. Das waren aber entweder die schlimmsten in der Klasse, also sprich die ältesten oder die geprügelt haben schon, also brutal geprügelt haben dann so. (Ernst)
Es gab aber noch einen weiteren Grund, weshalb er sich von den anderen Jungen zurückzog. Während seiner Pubertät hatte seine Mutter beschlossen, die Familie zu verlassen, und er scheint oft darüber nachgedacht zu haben, was der Grund dafür gewesen sein mag, da die wirkliche Begründung von ihr damals nicht gegeben wurde.

Bei einem zweiten 'harten Jungen' findet ein partieller Rückzug statt, die ihn nach eigener Aussage zwar nicht zum Außenseiter stempelte, aber zum 'Mitläufer' machte. Er hatte sich in einen anderen Jungen verliebt, und diese Zuneigung beschäftigte ihn derart stark, daß er stundenlang in seinem Zimmer hockte oder dem einen Jungen nahe zu sein versuchte.

In der Kindheit, vor diesem Datum, was wir von mir aus als Pubertät dann bezeichnen, war ich absolut integriert. Und später, dadurch daß ich mich so zurückgezogen habe, war es schon so, daß ... in ne Außenseiterrolle bin ich nicht geraten, aber ich war schon eher ruhig und eher schon so Richtung Mitläufer, ne. Also mehr so etwas am Rande schon. Nicht mehr so auffällig. (...) Ich habe halt teilweise nur zuhause gelegen und an den gedacht oder ... was macht der jetzt gerade. Oder hab ein Gedicht geschrieben und dann in den Schrank gepackt. Oder war halt viel unterwegs, um dem möglichst nahe zu sein. (...) Das war mir also dann schon wichtiger, als noch da auf der Straße Fußball zu spielen. Habe ich auch noch gemacht, aber das andere hatte mich dann mehr erfüllt eigentlich. (Rainer)
Er spielte noch Fußball manchmal, traf sich mit Freunden und hatte nach wie vor einen besten Freund, aber deren Bedeutung verblaßte doch vor dem Hintergrund des ersten Verliebtseins: "Ich war wirklich erfüllt von .. von das erste Mal richtig lieben und auch von sexuellen Wünschen".

Beim dritten kann man ähnliches vermuten, das Auftauchen homosexueller Wünsche, aber bei ihm waren dieses nach seinen Angaben völlig unbewußt. Mit Einsetzen der Pubertät zog er sich mehr und mehr zurück, ohne allerdings selbst einen Grund dafür benennen zu können. War er früher "extrem kontaktfreudig" und beliebt, zog er sich nun vollkommen zurück, hörte auf, Fußball zu spielen, verließ den Verein, entwickelte starke Kontaktschwierigkeiten. Statt nach der Schule rauszugehen zu anderen oder Freunde zu treffen, schlief er viel, klagte über Kopfschmerzen, und "Leute zu treffen, war immer ein Krampf". Besonders stark wurde dies nach einem Besuch in den Staaten, wo er einen Jugendlichen kennenlernt, der sich ebenfalls im Coming Out befand.

In Kap. 4.4.1 wurde bereits die Vermutung geäußert, daß der Auslöser für die Veränderungen, die mehr und mehr zum Rückzug führten, der Verlust eines engen Freundes mit zwölf Jahren war. Hier bietet sich als weiterer Grund der Kontakt in den USA an, der bleibende Eindrücke hinterlassen haben mag.

Es liegt jedenfalls nahe, und spätere Kapitel werden womöglich hier weitere Indizien liefern, daß es bei allen drei 'harten Jungen', die sich nach der Pubertät aus der Gruppe der Peers zurückzogen, Zusammenhänge mit ihren homosexuellen Neigungen gab. Trotzdem soll festgehalten werden, daß zwei Drittel der 'harten' Jugendlichen wohlintegriert in die Peergroup blieben.

Vergleichbares kann von den 'weichen' Jugendlichen nicht gesagt werden. Bei ihnen war oft von einer nach der Pubertät noch zunehmenden Isolation die Rede. Ihr Außenseiter-Dasein, welches bezüglich der Jungen schon während der Kindheit bestand, nahm meist weiter zu, während sich das Verhältnis zu Mädchen häufig verschlechterte. Von einer Integration in die Peers, gleich, ob männlich oder weiblich, kann bei vielen nicht mehr die Rede sein.

Die Frage nach Veränderungen in der Pubertät wurden sehr oft mit Sätzen über das isolierte Leben beantwortet, so daß dieses Thema von den Männern des Clusters B ganz von allein aufgegriffen wurde, ehe es mit der Frage nach dem Umgang mit anderen Jugendlichen angesprochen war: "Ich war echt so der Außerirdische, wirklich so ganz alleine auf der Welt."

Der Schwerpunkt der Isolation lag bei den meisten dieser Männer in den ersten Jahren der Adoleszenz bis fünfzehn oder sechzehn. Sie hatten kaum oder gar keine Freunde, in der Schule beschränkte sich der Kontakt zu den anderen Jugendlichen auf kurze Momente ("Ich hab mich mit niemandem unterhalten, und in den Pausen war ich immer alleine"). So sprachen sie mit niemandem über das, was sie dachten oder fühlten oder wonach sie sich sehnten.

Der Rückzug von vorher ist auch nach der Pubertät weitergegangen. Ich hatte eigentlich gar keine Freunde. Ich bin zur Schule gegangen und war nachmittags zuhause. Wenn ich mit anderen Jugendlichen was unternommen habe, waren das die Freunde meines Bruders. Bis fünfzehn, sechzehn war ich viel allein. Aber ich habe das verdrängt damals und nicht drüber nachgedacht. Ich hab was gemacht und nicht darüber nachgedacht, daß ich viel alleine bin. Weil es auch unangenehm war, aber ich auch keinen Weg gesehen habe, da rauszukommen. Ich habe alle Dinge, die mich betroffen haben, mich bewegt haben, eigentlich für mich behalten. Und überhaupt nicht nach außen getragen. Mit niemandem drüber gesprochen. (Peter)
Es ist oft eine Mischung aus Wollen und Nicht-Können im Umgang mit anderen Jugendlichen. Es besteht der Wunsch nach Kontakt, und gleichzeitig scheint kein Instrument da zu sein, kein Weg offen zu stehen, um diesen Kontakt herzustellen. Manch einer ging gerne in die Schule, "um unter anderen Leuten zu sein. Aber wenn ich dann da war, dann häufig wollte ich auch wieder schnell weg". Dies ist vergleichbar mit der starken Sehnsucht nach Körperkontakt bei vielen Jugendlichen, die diesen jedoch abwehren, sobald sie ihn haben können.

Ein häufig genannter Grund für den Rückzug war das Gefühl des Andersseins, daß "irgendwas nicht normal ist", daß man sich mit den anderen Jungen wegen der Unterschiede nicht mehr wohl fühlte.

Das war schon spürbar, daß ich mich irgendwie anders entwickelt habe als andere Jungen. Ich habe ja gemerkt, daß bei mir eben Sachen anders waren und irgendwas nicht normal ist. Wie hat sich das ausgewirkt? Ich habe mich irgendwie immer mehr zurückgezogen und habe versucht, das mit mir auszumachen und da auch keinen zugezogen, auch nicht mit meinen Eltern darüber gesprochen, mit meiner Schwester auch nicht. Ich bin da auch immer ruhiger geworden, immer verschlossener und habe zu Mitschülern immer weniger Kontakt gehabt, weil ich mich da so unwohl gefühlt habe. Ich habe mich irgendwie anders gefühlt, und habe mich vielleicht auch selbst so rausgezogen. Vielleicht habe ich das nicht nur selbst gemacht, ich glaube, das ist anderen auch aufgefallen und daß ich deshalb sone Einzelstellung hatte speziell in der Schule. (Frank)
Ein Mann benennt Scham als Grund für den Rückzug, Scham wegen der Eltern, Scham wegen deren Wohnung. Ein weiterer Grund ist Scham über die Sehnsucht nach den anderen Jungen, die man attraktiv fand, mit denen man gern zusammensein und noch viel lieber sexuell zusammensein wollte, die aber ihrerseits so wenig von einem hielten.

Kontakte, die bestehen bleiben oder neu entstehen, sind nicht selten wie in der Kindheit auch schon andere Außenseiter, andere Ausgegrenzte: "Die Dicken und die Starren und die Ungeliebten, mit denen habe ich mich in der Pause unterhalten. Das waren son bißchen meine Freunde." Oder die anderen sanften, sensiblen jungen Männer, mit denen es wenigstens partiell gemeinsame Interessen gab.

An dem Außenseiter-Dasein änderte sich bei keinem einzigen 'weichen Jungen' etwas bis zum Ende der Jugend. Ein Teil richtete sich ein in dieser Isolation und überwand sie erst nach dem Coming Out.

Etwa der Hälfte der 'weichen Jungen' gelang es aber mit der Zeit, wenigstens einen guten Freund zu finden oder sogar mehrere, mit denen sie sich wohl fühlten, und so einen gewissen Ausgleich für die fehlende Peerintegration zu finden. Manchen gelang dies bereits relativ früh nach der Pubertät, anderen erst mit sechzehn oder siebzehn. Diese Freundschaften waren wichtig für die 'weichen Jungen', sie waren mit Aufwertung und weniger Isolation verbunden.

Dann gab es einen großen Umbruch mit vierzehn, daß ich im Konfirmanden-Unterricht einen Jungen kennenlernte, und wir beide wurden die dicksten Freunde. Dieser Junge hatte alles, was ich mir wünschte. Er spielte Tennis, er war attraktiv, er war von den Mädchen heiß begehrt, er war rabaukig, er kloppte sich, er war musisch und spielte Geige. (...) Wir waren quasi 'ne Einheit. Und da ging's mir gut. Also, ab vierzehn war das Leben wieder lustvoll, war schön, depressive Phase war überwunden durch diesen Freund. Durch ihn, durch die Verbindung mit ihm war ich der Mann, der ich eigentlich sein wollte. Der Hetero-Mann, der sportliche, der Tausendsassa. Ich war eigentlich viel damit beschäftigt, ihn irgendwo abzuholen. Meine Freizeit war eigentlich, das Leben von Johannes mitzuleben. (Lars)
Da dieser Mann das Glück hatte, einen attraktiven, beliebten Jungen zum Freund zu gewinnen, fiel es ihm leicht, sein Außenseiter-Dasein zu verlassen. Die Abgrenzung von den Peers hatte ja durchaus auch ihre Vorteile; durch den geringen Kontakt blieben sie von manchen schmerzhaften Verletzungen bewahrt, sie mußten sich keiner Gruppe anpassen und deren Normen übernehmen, sondern konnten vollkommen frei eigene Interessen entwickeln und pflegen. Die Angst vor diesen Risiken einer engen Freundschaft ließ einige zu vorsichtig sein, sich darauf einzulassen, dann waren die zustande kommenden Freundschaften "nichts Bleibendes" oder eine reine "Zweckfreundschaft".

Wenn sie sich aber doch trauten, sich auf Freunde einzulassen, dann hatte dies sehr positive Auswirkungen. Die Freundschaft hob ihr Selbstwertgefühl erheblich und ließ sie ihr Außenseiterdasein bei den 'normalen' Jungs als weniger schmerzhaft erscheinen. Die Beziehungen gaben Geborgenheit und Halt. Gerade wenn der Andere auch ein Außenseiter war, tröstete sie der Gedanke, es gab wenigstens eine Person, für die sie nicht 'anders' und außen vor waren.

Ich glaube, die Freundschaft hat mir immer so das Gefühl gegeben, daß da doch noch jemand ist, der mich einfach so nimmt, wie ich bin. Und mit dem ich mich trotzdem gut verstehe und Sachen unternehmen kann und Spaß haben kann und der nicht denkt, mein Gott, der ist irgendwie so anders. So wie eine Art Bestätigung, daß ich doch nicht so anders bin. (Frank)
Es war angenehmer, wieder Freunde zu haben, auch meine Freunde zu haben. Da fühlte ich mich sehr aufgehoben und sehr geborgen, weil, wie gesagt, wir waren ständig zusammen. Und allein nur daß die da waren, das war schon schön. Sie haben mir Halt gegeben, sie haben mein Leben mit ausgefüllt, und das war mich auch wichtig daran. (Peter)
Auch wenn sie so die Isolation überwinden oder deren Auswirkungen schmälern konnten, ist dies keineswegs mit Integration bei den Peers gleichzusetzen. Kein einziger 'weicher Junge' berichtet davon, während seiner Jugend bei 'den' anderen Jungs in Schule und außerhalb akzeptiert bzw. integriert gewesen zu sein. Wenn es Integration gab, dann war sie vermittelt und abhängig von dem anerkannten Freund.

Auffällig ist, daß offenbar in der Jugend etwas fehlte, was in der Kindheit ein vielgesuchter Ausweg aus der fehlenden Akzeptanz durch die Jungen war: der intensive Kontakt mit Mädchen, die den Jungen in ihre Reihen integrierten und so einen Ausgleich schufen. Nur selten berichten Männer des Clusters B von Freundinnen während ihrer Jugend. Sei es, daß die Mädchen mehr daran interessiert waren, mit heterosexuellen Jungen zusammen zu sein, die als Liebespartner in Frage kamen, oder daß die homosexuellen Männer eher den Kontakt zu männlichen Jugendlichen suchten, oder ob sie ihre sexuellen Orientierung verheimlichen wollten - die Nähe zu Mädchen ist sehr viel seltener als noch in der Kindheit.

Männer, die als Kinder viel mit Mädchen gespielt hatten, verloren nun den Kontakt zu ihnen bzw. suchten ihn auch nicht länger. Einer, der eine enge Jungenfreundschaft pflegte, hatte offensichtlich nicht nur weniger Interesse an Mädchenfreundschaften, sondern wurde obendrein von Mädchen verspottet, in die er sich verliebt hatte. Ein anderer verlor mit dem Schulwechsel den Kontakt zu früheren Freundinnen. Ein dritter fand es einfach nicht mehr so interessant, mit Mädchen zusammen zu sein, Jungs waren ihm wichtiger.

Ob bei einzelnen von einer Integration bei den weiblichen Peers gesprochen werden kann, weil sie manchmal mit Mädchen zusammen waren, sei dahingestellt, eine Integration bei den männlichen Peers fand in der Adoleszenz keinesfalls in ähnlicher Weise statt wie bei der Mehrheit der 'harten Jungen'. Die 'weichen Jungen' bleiben auch in der Jugend außen vor, selbst wenn sie durch einzelne Freundschaften und die gegen Ende der Adoleszenz stärkere Unabhängigkeit von den Gesamt-Peers und einer Integration in Teilgruppen einen Ausgleich schaffen können.
 

-      Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Die starken Unterschiede zwischen beiden Clustern während der Kindheit setzen sich in und nach der Pubertät fort. Die 'harten Jungen' gehen weiter den konformen Weg und engagieren sich im Sport-Verein. Interesse an 'weiblichen' Tätigkeiten findet sich kaum noch, auch der freundschaftliche Kontakt zu Mädchen wird zunächst deutlich geringer. Sie pflegen und entwickeln ihre männliche Identität, nabeln sich von ihren Eltern mehr und mehr ab - insbesondere vom Vater - und sind gut bei den Peers integriert. Ein Gefühl von Anderssein taucht nun dennoch bei einigen auf, i.d.R. verbunden mit der Wahrnehmung sexueller Unterschiedlichkeit.

Die Kontinuität im Verhalten der 'weichen Jungen' ist ebenfalls stark, ihr Freizeitverhalten ist überwiegend geschlechtsrollenneutral und selten sportlich. Ihr Interesse an Tätigkeiten, welche weiblichem Rollenverhalten zugeschrieben werden, nimmt jedoch nach der Pubertät ab. Auch als Jugendliche haben 'weiche Jungen' Probleme damit, sich uneingeschränkt als 'männlich' zu sehen, da ihnen dieses Label von der Umwelt wiederholt verweigert wird. Eine größere Aufgeschlossenheit unter Jugendlichen und eine Neudefinition von Mannsein erleichtert aber mit der Zeit die eindeutige Annahme der eigenen Geschlechtsidentität. Als 'anders' erleben sie sich daher fast alle, verstärkt noch durch das massivere Auftauchen homosexueller Empfindungen.

Diese Empfindungen sind es auch, welche wahrscheinlich bei einzelnen 'harten Jungen' Abweichungen vom bisherigen jungentypischen Weg mit sich bringen. Sie ziehen sich ein Stück weit zurück - ohne jedoch dadurch zum Außenseiter zu werden. Einzelne 'weiche Jungen' wiederum entwickeln zunehmend männliche Interessen wie Werken, Kampfsport etc.

Mehreren 'weichen Jungen' fällt die Abnabelung von den Eltern, insbesondere der Mutter deutlich schwerer. Zwar berichtet keiner mehr von erotischen oder Nähe-Wünschen gegenüber dem Vater, aber der Kontakt zu ihm scheint in der Adoleszenz eher noch distanzierter zu sein als vorher. Mehrere Männer aus Cluster B schildern eine von Seiten der Mutter bekämpfte Loslösung, die nur mit erheblicher Anstrengung möglich war bzw. endgültig vielleicht bis heute nicht erreicht wurde. Nur ein Mann aus Cluster A beschreibt eine ähnliche "Monsterglucke", die er zwar bis heute als zuwenig abgegrenzt erlebt. Aber bei ihm entsteht eher das Gefühl eines andauernden Streits um Ziele und Normen, nicht einer symbiotischen Beziehung. Wie es um die Belastung der 'weichen Jungen' durch nicht abgegrenzte Mütter aussieht, ist ohne genaueres Nachfragen noch nicht zu beantworten.

In der Adoleszenz der 'weichen Jungen' war Rückzug in die Einsamkeit häufig. Nur der Kontakt zu einem oder wenigen Freunden bewahrte einen großen Teil von ihnen vor einer starken Isolation. Ihnen kommt dabei der Wandel zu Hilfe, den Freundschaften bei Jugendlichen gegenüber jenen bei Kindern haben. Kindern geht es darum, gut miteinander spielen zu können. Bei Jugendlichen wird der Freund zum Gesprächspartner, mit dem man 'was zusammen unternehmen kann' (Fatke 1988). In dieser Zeit wird sogar Anderssein eine erwünschte Qualität, was für Außenseiter nützlich sein kann.

Die Vorstellung, daß Einsamkeit eine "nicht zu unterschätzende Rolle während der vorschwulen Phase" spielt, wie es Hentzelt (1994, S.43) aufgrund seiner Interviewstudie vermutet, trifft allerdings für die 'harten Jungen' in der von Hentzelt beschriebenen Form nicht zu. Die von diesen Männern während der Adoleszenz in mancher Hinsicht empfundene Wahrnehmung von Anderssein oder auch Alleinsein angesichts der zunehmenden homosexuellen Gefühle entspricht eher einer bei vielen (männlichen) Jugendlichen anzutreffenden Empfindung (Fend 1998), welche damit zu tun hat, daß gerade unter Jungen eine wirkliche Offenheit über innere Gefühle oder ein Sprechen über Probleme unüblich ist, ja geradezu als 'unmännlich' angesehen wird (Rohrmann 1994, Schnack & Neutzling 1990).

Selbst für die 'weichen Jungen' trifft die Vermutung einer starken Einsamkeit in der Jugend nicht generell zu. Wenn sie sehr enge - z.T. auch sexuelle - Freundschaften zu anderen Jungen aufbauen oder Teil eines kleinen Freundeskreises sein konnten, berichten sie gar nicht von Einsamkeits- oder Isolationsgefühlen.

Hier schließt Hentzelt fälschlicherweise von seinen sechs Befragten auf alle Homosexuellen, möglicherweise aufgrund eigener ähnlicher Erfahrung, womit er sich - leider - in guter Gesellschaft befindet, läßt man die vergangenen 130 Jahre Homosexuellen-Forschung Revue passieren (vgl. Kap.2.3). Dies verführt ihn, sogar bei einem seiner Gesprächspartner eine 'fundamentale' und 'unausweichliche' Einsamkeit zu bescheinigen, der von sich selbst sagte: Ich "hatte vielerlei Verbindungen und war immer der, um den sich etwas gruppierte. Insofern war ich eigentlich nie alleine und einsam", da dieser darauf hinweist, daß er mit seiner Homosexualität und den damit verbundenen Gefühlen doch "absolut alleine" war (S.144).

Das Lebensgefühl der 'harten Jungen' war bis in die Jugend hinein überwiegend positiv, solange nicht schwerwiegende soziale Verluste eintraten, während das Lebensgefühl der 'weichen Jungen' meist negativ blieb und das Selbstwertgefühl schwach.

Bemerkenswert ist der Wandel in Bezug auf Wünsche, dem anderen Geschlecht anzugehören. In der Kindheit kam er aus den Reihen der 'weichen Jungen', nun nach der Pubertät von einzelnen 'harten Jungen'. Die Vermutung liegt nahe, daß es sich in beiden Fällen ausschließlich im Lösungsversuche eines Konfliktes handelt. Die Kinder bzw. Jugendlichen nehmen Anteile bei sich wahr, die in einer heterosexuellen, auf polaren Geschlechterrollen beruhenden Gesellschaft ausschließlich dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden: feminines Verhalten und sexuelles Begehren von Männern. Da liegt es nahe, den Widerspruch zu lösen, indem man sich als Frau bzw. Mädchen träumt. Wünsche, dem anderen Geschlecht anzugehören, würden dann zumindest bei den hier interviewten Männern lediglich eine Reaktion auf Nonkonformität darstellen, keinesfalls eine der Homosexualität inhärente Komponente.

So gibt es, trotz der fortgesetzten Unterschiedlichkeit, nach der Pubertät in einigen Bereichen zunehmende Ähnlichkeiten. Diese liegen in der Annäherung der 'weichen Jungen' an ein männliches Rollenverhalten und mehr Distanz zum weiblichen Geschlecht, bei den 'harten Jungen' in partiellem Rückzug aus der Geborgenheit und dem Normendruck der Peers.

Es liegt nahe, als gemeinsamen kausalen Hintergrund für diese Annäherungen die sich entwickelnden sexuellen Neigungen zu vermuten: Könnte es sein, daß die 'weichen Jungen' nach den vergeblichen Versuchen, durch weibliches Verhalten die Aufmerksamkeit von Männer bzw. Jungen zu erringen, nun diese Versuche aufgeben und ihre Männlichkeit eher zulassen bzw. sich entfalten können? Oder versuchen sie lediglich, männlicher zu werden, um ihre Homosexualität zu verstecken?

Es gibt Beispiele gerade unter femininen Jungen, daß es ihnen in der Kindheit gut gelang, Zuneigung und Schutz starker Jungen zu erringen. Albert erzählte von Tagträumen aus der damaligen Zeit.

Es gab damals den 'Kurier des Zaren', da habe ich mich immer in die Frauenrollen reingeträumt. Daß ich gerettet werde. Das war immer so ein Fallen und starke Männerarme fangen einen auf. Immer das ewige, gleiche Strickmuster. (Albert)
Diese Tagträume fanden ihre Entsprechung im Schutz und der Sorge der "stärksten und jungenhaftesten Jungs":
Es gab ein sehr eigenartiges Phänomen. Wenn wir Kriegen gespielt haben, in der Grundschule, und ich hingeflogen bin und erbärmlich geschrien hab vor Schmerz, dann waren die Jungs an meiner Seite und die haben mich irgendwie beschützt. Gerade die stärksten und jungenhaftesten Jungs waren denn besorgt um mich, und das ist etwas, was ich häufig bemerkt habe. Ich muß irgend etwas an mir gehabt haben, daß solche Leute mich auf eine ganz merkwürdige Weise respektiert haben. Also, von solchen habe nie einen drauf gekriegt. Das war eher so, daß ... daß sie fasziniert waren in irgendeiner Weise. Oder freundlich, warmherzig.
Sein feminines Wesen schien die begehrten starken Jungs anzuziehen, auch wenn es offenbar nie zu körperlichen bzw. sexuellen Kontakten kam. In der Pubertät fing er jedoch an, sich gegenüber anderen Jungen der Gesellschaft von Mädchen zu schämen. Femininität setzt er nun mit Homosexualität gleich, und den Eindruck, homosexuell zu sein, will er mit allen Mitteln unterdrücken.
Ich hatte einen anderen Jungen der Schule gesehen, der das noch extremer gemacht hat. Der war auch eindeutig schwul, und hat sich wohl sehr stark weiblich identifiziert. Und irgendwann hörte ich nur mal, irgendwie ein auffälliges Wort ... ich weiß nicht mehr, was ich hörte, und dann durchzuckte es mich schlagartig, und dann dachte ich, oh Gott, du siehst auch so aus, versuch das sofort anders zu machen!
Albert entwickelte Männlichkeit also, um seine Homosexualität zu kaschieren. Ein anderer 'weicher Junge', Valentin, brachte Femininität unmittelbar in Verbindung mit dem, was ihn sexuell anregte. Auf die Frage nach seinem Umgang mit Mannsein in der Adoleszenz antwortet er:
Ich habe damals viel über Rollenverhalten nachgedacht. Ich habe mich damals zum Beispiel gefragt: "Wie finde ich Tunten?" Also, für mich persönlich, ich hab halt rausgefunden, daß ich von anderen Männern immer so fasziniert bin, wenn die eher so in diese Richtung männlich gehen. Das find ich sehr schön halt, gute Statur und tiefe Stimme und so. Ja, und ich selbst, ich glaub, daß ich mich auch eher in diese Richtung entwickelt hab.
Er förderte bei sich selbst daher männliches Verhalten, um Attraktivität in jener Richtung zu gewinnen, die ihn selbst faszinierte.

Die zunehmend empfundene Attraktivität von Jungen und Männern könnte es auch sein, die bei 'weichen Jungen' den Kontakt zu Mädchen abreißen läßt. Sie sehnen sich nach der Nähe von Angehörigen des eigenen Geschlechts. Hinweise in dieser Richtung finden sich in den Interviews jedoch kaum. Da von mir nicht nachgefragt wurde nach den Ursachen der wachsenden Distanz, erwähnte kaum einer der Männer aus Cluster B überhaupt dieses Thema. Es ist, als ob die Mädchen einfach aus dem Leben dieser Jugendlichen verschwinden, ohne daß dies groß vermerkt wird. Zeigt sich hier eine Ignoranz und ein Desinteresse gegenüber Frauen/Mädchen, ist dieses Verhältnis eine Fortsetzung des bereits in Kap. 4.4.1 angedeuteten, frauenfeindlichen Denkens, in dem Frauen nur als Surrogat für nicht erreichbare Männer Platz haben?

Wenn jedoch die 'weichen Jungen' trotz eines mehr und mehr männlichen Rollenverhaltens auch in der Adoleszenz kaum bei den Jungs integriert sind, welche dauerhaften Auswirkungen hat das auf ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Kompetenzen? Ist beides im Erwachsenenalter immer noch schlechter entwickelt als bei den 'harten Jungen'?

Andererseits: welche Auswirkungen hat die vorhandene Integration bei den Peers auf die 'harten Jungen'? Fördert die Integration eine starke Anpassung an die - heterosexuellen - Normen, verhindert sie die abweichende homosexuelle Entwicklung? Die weiteren Kapitel werden hierauf einige Antworten geben können.
 
 

4.4.2      Sexuelle Erfahrungen

-    Verhältnis zur Sexualität

Bevor in den beiden weiteren Unterpunkten dieses Kapitels die hetero- und homosexuellen Erfahrungen in der Jugend dargestellt werden, soll vorweg betrachtet werden, ob es Unterschiede zwischen den Clustern bezüglich ihrer allgemeinen Haltung zur Sexualität gab. Denn sollte sich herausstellen, daß es in diesem Punkt erheblich Differenzen zwischen den Clustern gibt, würde dies auf die konkreten sexuellen Erfahrungen nicht ohne Einfluß bleiben. Die Interviewpartner wurden deshalb gefragt, wie ihr Verhältnis zur Sexualität in der Jugendzeit war.

Sowohl bei den 'harten Jungen' wie bei den 'weichen Jungen' gab es einige, die ein ausgeprägt positives Verhältnis zur Sexualität hatten, aber auch solche, die unter einem sehr befangen-verklemmten Umgang mit Sexualität aufwuchsen. Ein deutlicher Unterschied zwischen den Clustern ist hier nicht erkennbar.

Mehrere Männer aus Cluster A beschreiben eine sehr offene, positive Einstellung zu Sexualität während ihrer Jugend. Entweder kam diese Offenheit von den Eltern, so daß es "kein Problem" war, mit Sexualität umzugehen. Sexualität und das, was damit zusammenhängt, war weder ein Geheimnis noch ein Tabu. Die Eltern zeigten sich nackt vor den Kindern, klärten sie auf und vermittelten dabei eine unverkrampfte Haltung zum Körper wie zur Sexualität.

Meine Mutter war eigentlich aufklärungstechnisch sehr frei und locker. Wenn man so nackt durch die Wohnung läuft, ist das ja auch naheliegend, daß man dann kein Problem mit Sexualität hat. Das war bei uns ein einfaches Thema, Aufklärung und so. Das ging gut. Da haben wir keine Schwierigkeiten gehabt. Sie hat mir genau erklärt, wie was gemacht wurde und war mir auch alles logisch. Und meine Geschwister sind auch gut aufgeklärt worden. Also, da muß ich sagen, da hat sie gute Arbeit geleistet. (Conrad)
Ein anderer erhielt von seinen Eltern nur Hilfestellung in Form von Büchern, aber er hatte ganz offensichtlich "Spaß am Entdecken" und fand Sexualität aufregend. Er war "neugierig, was Sexualität ist" und hatte frühzeitig Freundinnen, mit denen er die ersten Schritte zu körperlichen Beziehungen ausprobierte.

Die meisten hatten zu dieser frühen Zeit noch keine sexuellen Erfahrungen mit anderen, aber dafür genossen sie Sexualität für sich allein. Selbstbefriedigung war für sie selbstverständlich, eine lustvolle Beschäftigung mit dem eigenen Körper, bei dem sie diesen entdeckten und "vieles ausprobierten".

Ein Mann hat während seines Heim-Lebens eine Menge an Sexualität mit anderen "ausprobiert", aber die Haltung in dem christlichen Heim war wenig sexualfreundlich, so daß eine Mischung aus viel praktischer Erfahrung bei gleichzeitig eher verklemmter Einstellung dabei entstand: "Das macht man, aber man redet nicht darüber". In seinem Fall kann folglich nur von bedingt sexualfreundlicher Einstellung gesprochen werden.

Zwei der Männer schließlich beschrieben eine verklemmte, sexualfeindliche Stimmung zuhause, wo Aufklärung ein Fremdwort und Sexualität ein Tabu war. Kein Wunder, wenn sie während ihrer Jugend erhebliche Probleme damit hatten, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben. Obwohl der zweite die Situation sehr launig schildert, ist es unschwer vorstellbar, welche Belastungen diese sexualfeindliche Haltung mit sich brachte.

Also Aufklärung, das war nie Thema gewesen. Es gab zwar die ein, zwei Aufklärungsbücher, die irgendwo in der sogenannten Bibliothek zuhause standen, und die vielleicht dann auch mal da demonstrativer standen, aber das Gespräch hat nie stattgefunden. Weder mit Mutter noch mit Vater. Mein erster Samenerguß, das war für mich völlig unerklärlich, was da mit mir ablief. Und da fühlte mich schon sehr alleine. (Olaf)
Ich war ja so verklemmt, kein Wunder bei so einem Vater und meiner Mutter! Also, ich hab mich denen auch nie nackt gezeigt, also im Prinzip genau das gemacht, was sie mir vorgelebt haben. (...) Ich war einer der wenigen, die da im Schulsport nicht geduscht haben, ne. Das war natürlich auch unangenehm, ich denk auch für die anderen. Dann sitzt du da und stinkst wie son Otter, weil du dich nicht geduscht hast, weil du dich nicht traust. Grauenvoll! (Micha)
Eine ähnlich breite Palette von Einstellungen zur Sexualität findet sich auch bei den 'weichen Jungen'. Drei Männer beschreiben eine sehr lustvolle, sexualfreundliche Einstellung bei sich selbst bzw. bei Eltern. Auch hier ist es meist wieder die Haltung der Eltern, welche Sexualität und sexuelle Befriedigung in all ihren Formen akzeptiert, die in der Folge schon beim Kind, und erst recht später beim Jugendlichen einen guten Boden für die sexualfreundliche Einstellung bildet. Dem einen "war eigentlich immer schon klar, daß meine Eltern eine glückliche Sexualität haben", befriedigende Sexualität gehörte für seine Eltern zu einer liebevollen Beziehung dazu. In der Grundschule beschwerten sich fremde Eltern, daß er ihre Kinder 'aufklärte'. Nach einer eher späten Pubertät genoß er es sehr, beim Onanieren "Lust selbst vorzukitzeln". Auch der zweite erzählt von sehr "phantasievollem und sehr ausgeprägtem Sex" mit sich selbst. Der dritte fand es schon als Kind sehr reizvoll, sich vor anderen auszuziehen.
Ich mußte ins Bett, und dann hab ich in einer furchtbar langen Arie mich ganz langsam ausgezogen. Und dieses Ausziehen empfand ich auch immer irgendwie als knisternd. Vor meinen Eltern auszuziehen, oder wenn Besuch da war. (...) Wir hatten Aufklärungsunterricht in der Schule, und unser Klassenlehrer erklärte uns, wie man sich selbst befriedigt. Und dann hab ich's ausprobiert und hab gemerkt, wie toll das ist. Und dann ging aber auch das Karussell der Phantasien los, Erregungen usw. (Lars)
Ein weiterer Mann wuchs in einer Atmosphäre, die "sehr unkompliziert und sehr lebensfreudig" war, trotzdem beschreibt er sich als in der Jugend "verklemmt". Die Eltern liefen nackt durch die Wohnung, "du mußtest nichts verstecken bei uns". Nur die Aufklärung war mangelhaft, und das Nacktsein war in diesem Fall nicht notwendig ein Zeichen von sexueller Offenheit.

Von sehr sexualfeindlichen Umständen berichten drei 'weiche Jungen'. Zwei von ihnen wuchsen in einem Dorf auf, einer in der Kleinstadt. Selbstbefriedigung konnten sie nur mit Schuldgefühlen machen, Sexualität war etwas "Fremdes, Entferntes", "etwas Mysteriöses". Einer davon wuchs zudem in einer extrem autoritären Atmosphäre mit heftigen, religiös unterfütterten Verboten auf, wo sexuelle Übergriffe verknüpft mit einer sexualfeindlichen Stimmung.

Ich bin mit diesen strafenden Gottes-Bild erzogen worden, Gott sieht alles und Gott bestraft alles. Dementsprechend wußte ich intuitiv, Gott bestraft das, was ich mache, und habe oft gehofft, daß ich das nie wieder machen müßte. Dabei habe ich es eigentlich permanent gemacht. Und bin zwischen schlechtem Gewissen und Geilheit hin und her gependelt. (Albert)
Aufklärung fand in keiner Weise statt, im Gegenteil bewiesen die Eltern im Alltag - etwa beim Fernsehen -, wie peinlich ihnen schon Andeutungen sexueller Beziehungen waren. Scham und Schuld waren dabei wesentliche Faktoren in der Verhinderung eines sexualfreundlichen Klimas. Körperkontakt fand kaum statt, weder zwischen den Eltern noch mit dem Sohn, so daß dieser weder den beruhigenden, schützenden Aspekt von körperlicher Nähe, noch den lustvollen, erregenden kennenlernen konnte.
Aufklärung ist so größtenteils an mir vorbeigegangen, und das war alles irgendwie geheimnisvoll und mit Schuldgefühlen beladen. Auch wenn ich mich selbst befriedigt hab, dann hab ich mich fühlte nicht gerade wohl gefühlt dabei. Das war so .. ja, eigentlich darfst du das ja nicht! Bist du von deinen Eltern aufgeklärt worden? Nein, überhaupt nicht. Das Thema war für die offenbar auch unangenehm, hab ich den Eindruck so. Wenn im Fernsehen bei einem Film irgendwelche Sex-Szenen oder Liebesszenen zu sehen waren, da hab ich oftmals gemerkt, daß das meinen Eltern peinlich war. Ich hab ja auch gemerkt, daß meine Eltern nicht besonders liebevoll miteinander umgegangen sind. Also, so Körperkontakt so gut wie gar nicht. (Josef)
Die Aussagen der Männer aus beiden Clustern lassen vermuten, daß es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen den Clustern in der allgemeinen Einstellung zu Sexualität gibt. Sowohl im Cluster A als auch im Cluster B gibt es Männer, die mit einer sehr sexualfreundlichen und offenen Haltung aufwuchsen, und in beiden Clustern gab es solche, die unter sexualfeindlichen Umständen groß wurden. Unterschiede zwischen beiden Clustern bei der weiteren sexuellen Entwicklung nach der Pubertät werden deshalb durch diesen Faktor wohl nicht in bedeutsamer Weise beeinflußt.
 

-      Heterosexuelle Empfindungen und Beziehungen

Alle 'harten Jungen' hatten - mit einer Ausnahme - in der Zeit zwischen Pubertät und Erwachsenenleben heterosexuelle Beziehungen. Das reicht von Affären bis zu mehrjährigen Partnerschaften, wenngleich nicht bei allen mit Geschlechtsverkehr. Bei den 'weichen Jungen' hingegen spielten heterosexuelle Sehnsüchte und Empfindungen kaum eine Rolle. Nur zwei von ihnen hatten eine feste Partnerschaft mit einem Mädchen, keiner hatte heterosexuellen Geschlechtsverkehr von seinem Coming Out. Abgesehen von der Vorliebe für Sport und Fußball gibt es kein weiteres erfragtes Merkmal, welches so deutlich zwischen beiden Clustern differenziert.

Im Alter zwischen 14 und 17 Jahren macht ein erheblicher Teil der bundesdeutschen männlichen Jugendlichen seine ersten heterosexuellen Erfahrungen. Knapp 60% hatten 1990 Petting-Erfahrung, 40% ihren ersten Koitus hinter sich (Schmidt 1993). Laut einer neueren Repräsentativ-Umfrage gaben sogar 61% der 17jährigen und 31% der 16jährigen Jungen an, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben (Schmidt-Tannwald & Kluge 1998).

Was Homosexuelle angeht, wird heterosexuellen Erfahrungen in den Untersuchungen wenig Bedeutung beigemessen. Für Isay (1990) sind heterosexuelle Kontakte Homosexueller ein "Herumexperimentieren" trotz homosexueller Phantasie und Impulsen (S.56). Die Befragten von Dannecker & Reiche (1974) hatten zwar zu 56% derartige Kontakte gehabt, diese wurden von den Forschern jedoch als "einmalige und sporadische Kontakte" (S.48) im Rahmen des Coming Outs, als "kompensatorische" Erscheinung (S.49) und als wenig bedeutsam eingeschätzt. In der Untersuchung von Savin-Williams (1998) hatte gut die Hälfte der interviewten Jugendlichen heterosexuelle Erfahrungen, auch hier blieb es meist bei einem Kontakt, der den Jugendlichen klarmachte, daß dies nicht "ihr Weg" sei.

Was die Männer des Clusters A angeht, stimmen die Aussagen nicht ohne weiteres mit diesen Untersuchungsergebnissen überein. Im Begleit-Fragebogen des Interviews gaben sieben der neun Männer an, feste Beziehungen zu Mädchen gehabt zu haben, ehe sie homosexuelle Kontakte aufnahmen, einer erst im Anschluß daran. Nur ein Mann hatte dies nicht.

Folglich können die Männer von heterosexuellen Empfindungen, Bedürfnissen und Kontakten bis hin zu langjährigen Beziehungen berichten. Das Interesse an Sex mit Mädchen oder Frauen entwickelte sich bei vielen wie bei ihren Peers in der Pubertät. Einzelne spürten auch vor dieser Zeit eine "spezielle Stimmung" bei Mädchen, einer beschreibt, wie er sich zu ihnen hingezogen fühlte und sich ihnen schon früh näherte.

Im Gymnasium machten wir im ersten Jahr einen Ausflug, und da bin ich mit einem Mädchen Hand-in-Hand gegangen. Das war schön, und das ist das einzige, was ich von diesem Ausflug noch weiß. (...) Ich war frühreif und hatte eine Freundin aus meiner Klasse. Ich weiß noch, wie wir im Wald einander geküßt haben und dann bin ich unter ihre Bluse... habe ich sie gestreichelt. Da fingen die ersten sexuellen Kontakte an. Das war so Anfang der Pubertät. Da gab es hin und wieder ein Mädchen, mit dem ich zusammen war. Als ich dreizehn oder vierzehn war, habe ich dann auch mit Mädchen geschlafen. Ich war irgendwie in dieser Periode frühreif. Weil, ich war zusammen mit Mädchen, die zwei Jahre älter waren! Und das war irgendwie so komisch, weil ... na ja, ich war noch jung. Ich war dreizehn und sie war fünfzehn. Ich fand das alles toll, klar! (Christian)
Dieser Jugendliche, der frühzeitig sexuelle Erfahrungen mit Mädchen macht, schildert Erfahrungen, die stark an jene eines durchschnittlichen heterosexuellen Jungen seines Alters erinnern. Das erste Mal, mit vielen Erwartungen verknüpft, ist weniger überwältigend, als er sich es erträumt hatte: "Na ja, wenn das alles ist?" Seine Begeisterung war gedämpft, obwohl dies wenig mit seiner sexuellen Orientierung zu tun zu haben schien. Denn diese Erfahrung ließ ihn nicht stutzen oder an seinem Interesse für weibliche Wesen zweifeln:
Es gab immer den sexuellen Reiz, und der hat mich immer getrieben, aber der geistige Reiz war nicht da. Erst mit siebzehn war ich etwas länger mit einem Mädchen befreundet, und als wir auch häufiger Sex hatten, das war etwas ganz Intimes. Und da habe ich schönere Erinnerungen daran. (Christian)
Seine heterosexuelle Karriere dauerte bis zum ersten Jahr an der Universität, wo er noch einige kurze Affären hatte, meist One-Night-Stands.

Eine so uneingeschränkt heterosexuelle Entwicklung, die zudem sehr früh einsetzte, ist auch bei den 'harten Jungen' selten. Andere Männer dieses Clusters machten ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Frauen nicht vor Ende der Adoleszenz, mit sechzehn oder später. Es beginnt recht üblich mit ersten Zärtlichkeiten bei Parties oder im Zeltlager, mit der Zeit auch sexuelle Kontakte, wo es "sich ergibt" und schließlich längerdauernde Beziehungen, die Sexualität einschlossen. Einer lernt mit zwanzig seine spätere Frau kennen, ein anderer phantasierte hauptsächlich über sexuelle Affären, hatte in der Realität jedoch nur "Petting-Aktionen" mit "sieben, acht Frauen, mit denen ich einen Abend bis zwei Wochen zusammen war". Ein anderer genoß die "Engtanz-Feten, das fand ich immer ganz geil, diese erotischen Klassenfeten, die wir gemacht haben". Und am Ende dieser Erlebnisse steht für einige von ihnen die feste Beziehung mit einer Frau, entweder - wie in einem Fall - als Ehe oder als längerfristige Partnerschaft.

Die ersten Erfahrungen mit Frauen waren in Zeltlagern, mit denen ich dann geknutscht habe und Petting gemacht habe. Das fand ich ganz schön, das waren aber Einmal-Erlebnisse, also, das war keine Beziehung oder so, die man da eingegangen ist. Da war ich schon fünfzehn, sechzehn. Aber meine erste richtige sexuelle Erfahrungen habe ich erst mit achtzehn gehabt, mit meiner ersten Freundin, mit der ich da geschlafen habe. (...) Mit der habe ich eine Beziehung angefangen, die auch relativ lange gehalten hat - über 5 Jahre. (Micha)
Ein Vergleich der Schilderungen mit den Erfahrungen junger heterosexueller Männer aus den 60er, 70er und 80er Jahren dürfte schwierig sein. 1970 hatten 37% der 14-17-jährigen Koituserfahrung, 58% Petting-Erfahrung (Schmidt 1993), einen vergleichbaren Umfang speziell an Erfahrungen mit heterosexuellem Geschlechtsverkehr haben die 'harten Jungen' wohl nicht.

Beachtenswert bleibt das offensichtliche Interesse dieser Männer, sich heterosexuell zu betätigen und sexuelle Beziehungen zu Mädchen aufzunehmen bzw. zu haben. Auch wenn dieses Interesse erst gegen Ende der Adoleszenz auftauchte, wie bei einem der 'harten Jungen'. Eine längerdauernde sexuelle Beziehung zu einer Frau hatte er erst nach einer homosexuellen Beziehung mit vierundzwanzig, als er sich "total" verliebte.

Dann hab ich mich total verknallt in ein Mädchen. Das war wirklich so ein Mädchen, die hätte ich auch geheiratet damals. Zum Schluß hatten wir eigentlich immer Sex, und so vom physischen hat da auch nie was gefehlt. Also es war für mich schon eine sehr schöne Sache. Das wäre wirklich die Frau gewesen, die ich geheiratet hätte. Ich hab sie ein paarmal besucht, was sie ganz toll fand. Und wir hatten auch jedes Mal ganz wunderbaren Sex miteinander. (Ernst)
In seiner Schilderung tauchen heterosexuelle Empfindungen und Erfahrungen zwar auf, sie haben aber nur temporären Charakter, da bei ihm sehr früh homosexuelle Sehnsüchte vorhanden waren. Auch andere Männer dieses Clusters spürten in ihrer Pubertät bereits ihr Interesse an Jungen und Männern, nahmen aber dennoch feste Beziehungen zu Mädchen auf, in denen ein Geschlechtsverkehr nicht stattfand. Dies lag wohl eher an den Frauen ("das wollte die nicht"), denn "da war so ne körperliche Neugier".

Mehrere dieser Männer nahmen allerdings wahr, daß der heterosexuelle Sex nicht hundertprozentig ihre Sache war, ohne daß ihnen damit "definitiv" klar wurde, "daß ich das eigentlich nicht wollte". Sie spürten es eher unterschwellig, hatten sexuelle Kontakte, merkten aber erst allmählich, "nee, das ist es irgendwie nicht!" Ein spürbares Zeichen war etwa, daß nur wenige Frauen erotisch auf sie wirkten, oder daß sie sich selten in eine Frau verliebten.

Aber sie beugten sich einem Druck, der von ihrem eigenen Anspruch, "zu den anderen zu gehören", und auch von den Peers ausging. Es entstand ein Erfolgsdruck, mitzuhalten und wie die anderen sich eine Freundin zu suchen. Die Freunde in der Volleyball-Mannschaft wunderten sich bereits, bei Feiern der Fußballer wurde versucht, einen Jugendlichen zu "verkuppeln", wer nicht mitmachte, wurde "so ein bißchen besonders beäugt". Der Gruppendruck machte es ihnen schwer, sich in diesem Punkt rauszuhalten.

Für einen der Männer war der Kontakt zu Mädchen gar eine gute Möglichkeit, den Kontakt zu anderen Jungen aufrecht zu erhalten, weshalb er Mädchen "benutzte", "um einer von den anderen zu sein."

Ich habe gemerkt, daß andere Jungen anfingen, mit Mädchen auszugehen. Oder sich für Mädchen interessieren. Und ich hab das dann auch gemacht, weil ich mit den anderen Jungen zu tun haben wollte. Wenn die anderen alle mit einem Mädchen im Arm auf der Straße stehen und quatschen, und man selber alleine, das hat sich nicht gut angefühlt. Und deshalb mußte ich das auch machen, um einfach zu den anderen zu gehören und dabei zu sein. Das war für mich aber nie son besonderes Interesse. Aber das war einfach so, was man machen mußte. Das heißt, du hast Freundschaften mit Mädchen angefangen? Ja, das waren keine Freundschaften, sondern das war einfach son benutzen. Ich hab sie benutzt, um wieder angesehen zu sein, um einer von den anderen zu sein. (Ernst)
Oder sie nahmen bereitwillig das an, was sich ihnen bot: Mädchen und junge Frauen, die an einer (sexuellen) Beziehung zu ihnen interessiert waren. Diese machten es dem 'harten Jungen' leicht, heterosexuelle Erfahrungen zu sammeln. Sie verführten den jungen Mann, bei einem lagen sie gar "zu Füßen", er war der Playboy, der "dann einfach zugebissen" hat.

Nur ein einziger Mann dieses Clusters entzog sich ganz dem Druck und hatte keinerlei Beziehungen zu Mädchen, weder emotional noch sexuell. Allerdings ist er es auch, der bereits mit dreizehn Jahren sehr sicher wußte, daß er homosexuell ist, und dies für sich akzeptierte. Sein partieller Rückzug von den Peers und sein Verliebtsein in einen anderen Jungen, welches ihn über viele Jahre fesselte, scheint dafür gesorgt zu haben, daß heterosexuelle Beziehungen keine Rolle spielten.

Trotz dieser Ausnahme kann gesagt werden, daß für die 'harten Jungen' der Weg in eine heterosexuelle Zukunft offenbar naheliegend war, selbst für jene, die bereits ab der Pubertät homosexuelle Empfindungen verspürten. Sie gingen zunächst den 'normalen' Weg, um später, mit siebzehn, achtzehn oder gar erst Mitte zwanzig dies als perspektivlos für sich zu erkennen.

Entgegengesetzt hierzu verlief die Entwicklung bei den 'weichen Jungen'. Der Begleitfragebogen zum Interview enthält elfmal die Antwort 'nein' auf die Frage nach festen Beziehungen zu Mädchen. Nur zwei von ihnen hatten sich in ihrer Jugend auf eine heterosexuelle Beziehung eingelassen bzw. eine solche Beziehung gefunden, beide ohne Sexualität. Abgesehen vom Interesse an Sport und Fußball gibt es kein weiteres erfragtes Merkmal, welches so drastisch zwischen beiden Clustern differenziert.

Nur zwei Männer aus Cluster B berichten davon, daß sie in der Pubertät eine starke sexuelle Anziehung Mädchen gegenüber verspürten. Bei ihnen begann offenbar die Pubertät sehr ähnlich wie bei einem heterosexuellen Jungen, sie waren "total scharf auf die Mädchen", weibliche Wesen regten ihre sexuelle Phantasie unzweideutig an.

Ich interessierte mich für Mädchen. Auf Schulfesten fand ich das total spannend, mit Mädchen eng zu tanzen, und denn kam ich nach Hause und hab gleich mich selbst befriedigt und war total scharf auf die Mädchen in der Klasse. Das war eigentlich das erste Pubertätsgefühl, das Interesse an den Mädchen in der Klasse und in der Straße. (Lars)
Während bei ihm dieses Interesse sehr bald einem homosexuellen Begehren Platz macht, blieb das Interesse an Frauen für den zweiten Mann eine längere Zeit bestehen, obwohl auch hier allmählich homosexuelle Sehnsüchte hinzukamen. Er nahm das heterosexuelle Interesse als selbstverständlich wahr, es war ja "wie bei den andern auch", vergleichbar den körperlichen Veränderungen, die in jener Zeit einsetzten. "Wir interessierten uns für Sex und für Frauen". In Dänemark kaufte er sich Pornohefte mit nackten Frauen, die damals in Deutschland noch verboten waren, und mehrfach verliebte er sich in Mädchen in seiner Umgebung, aus der Schule, vom Tanzunterricht usw. "Aber da ist nie was draus geworden, was ich ziemlich schlimm damals fand. Ich habe immer auf die 'Richtige' gewartet." Erst mit sechsundzwanzig, nach mehreren Jahren homosexueller Beziehungen, hatte er zum ersten Mal Sex mit einer Frau.

Einer weiterer 'weicher Junge' war zwar sexuell nicht an Frauen interessiert, hatte aber lange Zeit eine Freundin, obwohl er "nicht danach gesucht hatte". Diese Freundschaft blieb bis zum Ende nach zweieinhalb Jahren asexuell, was er aber "ganz natürlich so" fand - immerhin waren beide erst dreizehn, vierzehn Jahre alt. Er wollte eigentlich nichts anderes als einen Freund, einen "Kumpel", und dieses Mädchen war genau das. Er dachte zudem, es müsse ein Mädchen sein, "weil alle das ja irgendwann früher oder später machen". Bei den anderen Jungen hatte er zudem den Bonus, schon eine Freundin zu haben.

Einen "guten Freund" haben wollen, da klingt etwas ähnliches durch wie bei den 'harten Jungen', wenn auch nicht mit derselben Eindringlichkeit. Wie wenig dieser 'weiche Junge' an Heterosexualität interessiert war, zeigt eine Erfahrung aus seiner Zivildienstzeit, als er sich mit einem anderen Mädchen anfreundete.

Das war noch vor meinem Coming Out, wo ich noch meinte, ich muß mal was mit ner Frau anfangen, dann kommt das Interesse schon von alleine. So nach dem Motto: Der Appetit kommt beim Essen. Aber ich fand das Mädchen langweilig und abstoßend. Wir haben uns verabredet und zum Abschied geküßt, und da konnte ich die Nacht nicht einschlafen, weil ich mich geekelt hatte und andererseits mich so eklig gefühlt habe, weil ich ihr was vorspiele, weil ich ihr Gefühle vorgespielt habe. Also, ich hab am nächsten Tag mit ihr Schluß gemacht, das ging nicht anders. (Valentin)
Es muß nicht der Druck der Umwelt sein, weshalb ein 'weicher Junge' eine Beziehung mit einer Frau versucht, es kann auch die mangelnde Vorstellungskraft sein, es gäbe Alternativen dazu. Manch einer konnte sich einfach nicht vorstellen, "daß es mit Männern auch irgendwelche Möglichkeiten gäbe".

Insgesamt drei Männer aus Cluster B hatten eine Beziehung zu einer Frau oder einem Mädchen, alle anderen verneinen jegliche sexuelle Erfahrungen mit Frauen oder feste Beziehungen. Es gab zwar Kontakte über die Schule oder woanders, aber die meisten verspürten wenig Interesse daran, sich näher mit einem Mädchen einzulassen. Wenn Mädchen sich in sie verliebten oder sich sexuell näherten, wurden sie zurückgewiesen: "Sie hat mich umarmt, da sträubten sich sämtliche Haare bei mir."

Andere machten kurze Beziehungsversuche, die aber bald scheiterten, oder versuchen, sich heterosexuelle Bedürfnisse einzureden bzw. anzutrainieren: "Ich habe immer wieder mal versucht, mich ganz bewußt bei der Selbstbefriedigung auf Frauen zu konzentrieren, das klappte mal ein, zwei Tage und dann klappte das nicht mehr, und das war immer ziemlich frustig." Es fehlte offenbar an echter Faszination und wirklichem Engagement, so daß all diese Versuche zum Scheitern verurteilt waren.

Sieht man von den beiden zuerst genannten Männern ab(1), dann spielten heterosexuelle Sehnsüchte und Empfindungen bei den 'weichen Jungen' kaum eine Rolle. Entweder war da "nie ein Interesse" oder gar eine Abwehr gegen Mädchen, oder die Versuche in Richtung 'Normalität' wurden früher oder später - meist früher - abgebrochen. Dies wird auch verständlich, wenn im nächsten Abschnitt die homosexuellen Empfindungen und Kontakte während der Jugend dargestellt werden.
 

-      Homosexuelle Empfindungen und Kontakte

Die quantitativen Daten aus den Fragebögen sprechen eine deutliche Sprache. Das durchschnittliche Alter, in dem verschiedene Erfahrungen im Zusammenhang mit der Entwicklung zum homosexuellen Mann gemacht werden, liegt in allen Fällen bei 'harten Jungen' erheblich höher als bei 'weichen Jungen'.

Da einige der Altersangaben nur von den Interviewpartnern erhoben wurden, kann auch nur eine Aussage über diese Teile beider Cluster gemacht werden. In einigen Variablen unterscheiden sich die Mittelwerte von Gesamt-Cluster und Auswahl allerdings etwas, so daß die Auswahl den Gesamt-Cluster nicht optimal repräsentiert. Dies führt jedoch nur zu einer Verschiebung im Ausmaß, der grundsätzliche Unterschied bleibt bestehen.

So liegt das durchschnittliche Alter der ersten homo-erotischen Anziehung im Gesamtcluster B bei 11,51 Jahren, bei den Interviewpartnern jedoch bei 10,69 - d.h. um fast ein Jahr niedriger. In beiden Fällen liegt der Mittelwert der Altersangaben aber mindestens ein Jahr unter dem von 12,67 Jahren bei Cluster A. Trotz dieser Differenzen in einem Teil der Werte sollen im folgenden trotzdem nur die statistischen Daten der Interviewpartner miteinander verglichen werden, weil dadurch ein Abgleich mit den Angaben aus dem jeweiligen Interview möglich wird.

Bei aller Zurückhaltung, statistische Daten von Gruppen zu verwenden, deren Gesamt-Population nur neun bzw. dreizehn Personen umfaßt, können die Daten dennoch als Trend-Aussage gewertet werden und einen groben Überblick über die Unterschiede zwischen 'harten' und 'weichen Jungen' ermöglichen.

Die quantitativen Daten markieren jedoch nur einen Teil des Unterschieds, auch im Erleben der 'Meilensteine' (Savin-Williams 1998) homosexueller Entwicklung unterscheiden sich die beiden Cluster.
 

- Erste homo-erotische Anziehung

Spätestens in der Pubertät spürten alle 'weichen Jungen' zum ersten Mal, daß sie Männer sexuell anziehend finden. Bis zum Alter von zehn Jahren hatten bereits 60% von ihnen dies wahrgenommen. Bei den 'harten Jungen' dauerte es länger, bis diese Wahrnehmung erstmalig eintrat, bis zum Alter von zehn Jahren nur bei 45% und bei den beiden letzten erst mit sechzehn Jahren.

Plummer (1981) warnt davor, Aussagen über die erste Wahrnehmung homo-erotischer Präferenz allzu ernst zu nehmen - sie könnten Rekonstruktionen der Vergangenheit sein, um diese dem gegenwärtigen Empfinden anzupassen. 1989 stellt er jedoch fest, derartige Aussagen würden so durchgängig auftauchen, daß er sie zumindest bei einem Teil der homosexuellen Männer für valide halte. Eine Vielzahl von Untersuchungen fand Altersangaben unter zehn Jahren für diese erste Wahrnehmung bei einer Reihe von Befragten (Bell, Weinberg & Hammersmith 1981, Herdt & Boxer 1993, Savin-Williams 1998). Bei Telljohann & Price (1993) gab ein Drittel an, zwischen vier und zehn Jahren ihr gleichgeschlechtliches Fühlen zuerst gespürt zu haben, ein Drittel merkte dies zwischen 11 und 13 Jahren, das letzte Drittel zwischen 14 und 17.

Bei den interviewten Männern dieser Untersuchung zeigen sowohl die Altersangaben im Auswahl-Fragebogen als auch in den Interviews einen markanten Unterschied zwischen beiden Clustern in diesem Punkt.

Das erste Mal, daß die Männer eine homo-erotische Anziehung wahrnahmen, wird im Cluster B frühestens mit 4 bis 6 Jahren, im Cluster A frühestens mit 9 bis 10 Jahren erinnert. Die späteste 'erste Anziehung' liegt im Cluster B mit fünfzehn Jahren, im Cluster A mit siebzehn. Laut Auswahl-Fragebogen liegt der Mittelwert für die 'weichen Jungen' bei 10,7 Jahren, für die 'harten Jungen' bei 12,5 Jahren. Diese Angaben wurden beim schnellen Ausfüllen des Fragebogens gemacht, und es ist zu vermuten, daß die Angaben aus den Interviews, in denen die Darstellung des Gesamtablaufs im Zusammenhang berichtet wurde, zuverlässigere Angaben erwarten läßt. Im Interview wurden z.T. gerade im Cluster B deutlich frühere Zeitpunkte benannt bzw. erinnert. Hierbei sank der Altersdurchschnitt bei den 'weichen Jungen' um über ein Jahr, so daß er damit bei 9,6 Jahren liegt, bei den 'harten Jungen' erhöhte er sich um ein halbes Jahr auf 13,1.

 

 'Erste erotische Anziehung 
durch Männer' (Mittelwert Alter)
Altersangaben Fragebogen 
n=151
Altersangaben Interview 
n=22
'harte Jungen'  12,5 13,1
'weiche Jungen'  10,7 9,6

Tab. 9: Alter bei der ersten homo-erotischen Anziehung

Im Cluster A befindet sich niemand, der sich an ein erotisches Interesse vor seinem 9.Lebensjahr erinnert. In diesem Alter verspürte ein 'harter Junge' zum ersten Mal "körperliche Anzeichen" eines Interesses an einem anderen Jungen, der "sehr gut gebaut" war und in seine Grundschulklasse ging.

Also, ich fühlte mich schon irgendwie durch den angezogen. Ich würde mit meinem heutigen Wissen schon sagen, das hatte auch irgendwie so ne erotische Komponente. Obwohl ich das selber nicht damals so beschrieben hätte. Sondern ich war mehr so, ja, was ist das denn jetzt? Oder ... war einfach interessant, spannend und geheimnisvoll und prickelnd auch ein bißchen. Also schon so, wie soll man sagen, also körperliche Anzeichen, die man auch damit verbindet. (Micha)
Alle weiteren Erinnerungen reichen höchstens bis zum 10.Lebensjahr zurück, eher wird ein Alter von 12 oder 13 genannt, in dem ihnen ihr Interesse an Jungen und Männern bewußt wurde, fast immer verbunden mit dem Anblick nackter oder fast nackter Männer. Sie beobachteten heimlich Klassenkameraden beim Umziehen nach dem Sport ("Einer war auch dabei, der hatte echt n geilen Arsch. Und der hat dann seine Hose immer so ausgezogen, so ganz langsam, die war supereng, wenn die so über seinen Arsch rüber rutschte, da mußt ich immer hingucken") beim Duschen ("Begonnen hat das eigentlich in der C-Jugend, d.h. da waren wir dann so zwölf, dreizehn. So das erste Mal, wo man sich traute, zu duschen. Das war schon eine sehr interessante Sache"), oder beim Schwimmen, wo sie nicht den Mädchen hinterher schauten, sondern grundsätzlich nur den Jungen. Ihnen fiel zum ersten Mal auf, wie reizvoll die Abbildungen in der BRAVO waren, wo auf der Aufklärungsseite auch einmal nackte Jungen abgebildet waren.
Und ich weiß noch, wie ich mir diesen Bravo-Typen raus gerissen habe heimlich, und das war über Jahre hinweg eine meiner Wichs-Vorlagen dann. (Ernst)
Sehr deutlich ist der Zusammenhang mit der Pubertät bei den 'harten Jungen', denn mit Ausnahme des eingangs zitierten Mannes werden alle Schilderungen der ersten homo-erotischen Anziehung mit Onanie-Phantasien verbunden oder beziehen sich auf einen Zeitpunkt, an dem die befragten Männer bereits in der Pubertät waren(2).

Für zwei Männer dieses Clusters dauert es sogar bis zum 16.Lebensjahr, ehe sie eine erste Wahrnehmung ihrer gleichgeschlechtlichen Interessen erinnern. Die Pubertät hindurch war ihr Interesse ausschließlich auf Mädchen bzw. Frauen gerichtet. Für den einen war es eine plötzliche, sehr klare Offenbarung, als ihm sein für ihn völlig neues Interesse am gutgeformten Gesäß eines Klassenkameraden auffiel, für den anderen nur ein erstes neugieriges Entdecken, welches sexuelle Anziehung vermuten läßt. Beim gemeinsamen Übernachten in einem Bett versuchte er, den Penis eines anderen Jungen zu berühren, der ihn aber wegschob, und nach einer Party onanierte er gemeinsam mit einem anderen Freund.

Dieses neugierige Entdecken kann vielleicht als Anzeichen einer homo-erotischen Anziehung gewertet werden - der Mann selbst gibt hierfür das Alter von sechzehn Jahren an -, doch es gelingt ihm offenbar, in derselben Zeit ein mögliches homosexuelles Begehren abzuwehren, nicht zu spüren, wenn er etwa seine Mit-Fußballer unter der Dusche auch zu diesem Zeitpunkt nicht als potentielle Objekte seines Begehrens ansieht, sondern sie ganz in der Funktion als Sportler sieht, so daß sie ihn nicht zu erregen vermochten.

Ich kannte die ja vorher, und das war für mich eine so normale Sache, sich nach dem Spiel zu duschen. Nee, ich hab in meiner ganzen Umgebung niemanden getroffen, den ich so toll fand, um auf den abzufahren. Ich war dafür, glaube ich, auch nicht offen. Das war Sport. Punkt. Und mehr nicht. Ich habe zwar geguckt, aber ich war nicht so erregt, daß ich eine Erektion bekam oder so. (Christian)
Er kann - und will offenbar - vollkommen trennen zwischen seinem sexuellen Begehren, welches sich bereits ein wenig auf das eigene Geschlecht zu richten beginnt, und der Norm asexuellen Miteinanders in einer heterosexuellen (Fußball-)Mannschaft, die soweit verinnerlicht scheint, daß es selbst zu einer ungewollten sexuelle Reaktion nicht kommt. Sein erotisches Interesse an Männern äußert sich anscheinend wesentlich zurückhaltender und leichter verdrängbar.

Eine Sonderposition nimmt schließlich ein Mann aus Cluster A ein, der meint, er habe bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr gar keine Ahnung von seinen homosexuellen Gefühlen gehabt. Auch im Nachhinein ist er fest davon überzeugt, vorher keinerlei Anzeichen homo-erotischer Anziehung verspürt zu haben. Selbst aus seinen Träumen kannte er bis dahin keine Lust auf männliche Körper. Allerdings hat dieser Mann als Zeitpunkt der ersten Wahrnehmung homo-erotischer Gefühle im Begleit-Fragebogen sein 15.Lebensjahr angegeben, ohne daß er im Interview entsprechende Angaben machte. Dort antwortete er andererseits auf die Frage nach ersten homo-erotischen Gefühlen mit dem Hinweis auf seinen besten Freund Thomas, mit dem er bis zu seinem 12.Lebensjahr viel zusammen war.

Heute würde ich ja sagen, das könnte Thomas gewesen sein. Der 1,80 groß war. Das war letztendlich auch immer meine Traumgröße. Die ich nie erreicht hab. Also, das kann man ... vielleicht so sagen. Aber was ist Erotik dann .. in der Zeit? (Kurt)
In der Tat dürfte in der homosexuellen Entwicklung von Kurt dieser Freund Thomas eine Rolle gespielt haben, den Kurt damals "attraktiv" fand und der seinem Idealbild vom männlichen Partner entspricht ("Braune Augen, dunkle Haare, südländischer Typ"). Als sich Thomas in der Pubertät mehr an Mädchen interessiert zeigte, zerbrach die enge Freundschaft und Kurt zog sich in den folgenden Jahren sehr zurück. Welches Alter hier für diese Fragestellung anzusetzen ist, bleibt unklar. Die erste bewußte Wahrnehmung einer homo-erotischen Anziehung jedenfalls war mit 22 Jahren, was zum relativ hohen Durchschnittswert von 13,11 Jahren beiträgt.

Die ersten Ahnungen eines Interesses für Männer und den männlichen Körper erinnern demgegenüber fünf Männer des Clusters B aus der Zeit bis zur Einschulung, knapp zwei Drittel bis zum Alter von 10 Jahren. In Kap. 4.3.3 wurden bereits einige dieser Fälle zitiert, da sie vor bzw. am Beginn der Pubertät stattfanden bzw. noch während des dort behandelten Zeitraums von 6 bis 12 Jahren. Ein Großteil der Erinnerungen 'weicher Jungen' aus früherer Kindheit haben dabei mit dem Vater zu tun.

Als ich noch recht klein war, hab ich immer mit meinem Vater zusammen gebadet. Und das hat er irgendwann eingestellt. Ich weiß eigentlich nicht, warum. (...) Ich erinnere mich an einen Vorfall, wo ich meinem Vater im Badezimmer die Unterhose runter gezogen hab, als der sich gerade rasierte. Das war für mich richtig son lustvoller Moment, so ganz prickelnd. Ich fand meinen Vater nicht sooo attraktiv, aber die Hinternformung fand ich gut, hat mir gefallen. (Leander)
Aber auch andere Zeichen homo-erotischen Interesses werden erinnert, Bewunderung für sportliche Jungs, muskulöse Männer oder der Wunsch, den Penis anderer Jungen anzufassen.

Mit der Pubertät war diese Anziehung für alle dreizehn 'weichen Jungen' eindringlich spürbar, spätestens mit vierzehn Jahren. In der Kindheit war es vielleicht noch eine unbeschwerte Wahrnehmung, wie schön sie Männer fanden, wie aufregend ein Junge auf sie wirkte, nun in der Pubertät war die Auswirkung auf die sexuelle Erregbarkeit auch für sie unmittelbar fühlbar. Und sie stellen fest, daß Mädchen und Frauen sie keineswegs in gleicher Weise faszinieren, sondern im Gegenteil "kalt lassen".

Wahrscheinlich fing das in der Pubertät an, ich schätze so mit zehn, elf fing ich an zu merken, daß ich Männer geil fand. Daß ich sexuell von denen angezogen bin und Frauen mich kalt lassen. Irgendwie hab ich das erst mal so heimlich für mich realisiert, aber auch versucht, zu verdrängen in der Pubertät. Zum Beispiel beim Fußball habe ich mich nicht getraut, mich zu duschen. Weil ich Angst hatte, daß ich womöglich einen Steifen kriege. Irgendwann habe ich es aber doch gemacht, und das war dann schon mal ganz gut. Gerade unser Trainer, das war ein erwachsener Mann, da konnte man wirklich was sehen. Da war ich vielleicht dreizehn schon. Oder beim Tischtennis, ich war immer erfreut, wenn mal ein Erwachsener in der Umkleide-Kabine geduscht hat, wenn wir gerade kamen, um uns umzuziehen. Dann waren die Erwachsenen vielleicht gerade fertig, und dann haben die sich nackt ausgezogen und ich konnte mal was sehen! (Volker)
In diesem Zusammenhang fällt ein weiterer Unterschied zwischen den Clustern auf. Ist es bei den 'harten Jungen' zu Beginn häufig die körperliche Attraktivität und die sexuelle Erregung, die ihnen ihr homo-erotisches Interesse bewußt werden läßt, berichten einige 'weiche Jungen' auch von "Schwärmereien" und dem Verlieben in Klassenkameraden oder andere Jungs. Zwar liebten auch sie es, sportlichen Schwimmern beim Training zuzusehen, und sie hatten ebenso männliche Körper bei der Selbstbefriedigung im Sinn, aber recht oft sind es auch nicht direkt erotische Empfindungen, die sie ihre sexuelle Neigung registrieren ließ.
Mit zwölf, dreizehn schon hab ich mich mehr für die Jungs als für die Mädchen interessiert. Ich habe andere Mitschüler beobachtet, fand sie interessant, fand sie schön. Auch einen Lehrer. Habe heimlich für die geschwärmt. (Anton)
So haben mit der Pubertät alle 'weichen Jungen' ihre Neigung für das gleiche Geschlecht wahrgenommen. Sie merkten es an ihrem Interesse, an ihren Träumen, es war sichtbar in ihren Onanie-Phantasien. Die körperliche Reifung und die sich entwickelnde Sexualität sorgten dafür, daß sie spürbare Zeichen für ihre sexuelle Orientierung erhielten.

Selbst jene beiden 'weichen Jungen', die zu Beginn der Pubertät heterosexuell reagierten, wurden sehr bald vom homosexuellen Begehren eingeholt. Beim einen kam nach einiger Zeit das Interesse wieder zurück, welches er durch die ganze Kindheit hindurch an Männern verspürte, nun verbunden mit sexueller Reaktion.

Beim anderen trat das Interesse am gleichen Geschlecht sehr überraschend auf, er war sich vorher keiner vergleichbarer Gefühle bewußt. Dieses "Schlüssel-Erlebnis" ereignete sich etwa mit dreizehn Jahren im Urlaub, als er ein Geschwisterpaar kennenlernte. An dem Mädchen entwickelte er ein starkes Interesse, abends kam jedoch der Bruder stets zum Plaudern zu ihm ins Zimmer. "Und ich empfand es plötzlich als total erotisch, wenn er neben mir auf dem Bett saß". Zum ersten Mal befriedigte er sich selbst, indem er sich vorstellte, mit einem - diesem - Jungen Sex zu haben. Wenige Tage später begegnet er im Wald einem anderen Jungen, der ihn spontan faszinierte und erregte. "Ich guckte ihm hinterher und lief ihm hinterher und fieberte jeden Tag, ihm wieder zu begegnen." Spätestens von diesen, sehr eindrucksvollen Ereignissen wurde ihm bewußt, daß Jungen eine besondere Bedeutung für ihn haben.
 

- Identifikation der eigenen Sehnsucht als homosexuell

Die Wahrnehmung eines sexuellen Interesses an Jungen oder Männern führt nicht notwendig zum Bewußtsein, die eigene Sehnsucht sei homosexuell. In beiden Cluster gibt es Jugendliche, die sich diesem Bewußtsein widersetzten. Das vorherrschende Bild vom homosexuellen Mann scheint den 'harten Jungen' diese Identifikation jedoch zusätzlich erschwert zu haben, während mehrere 'weiche Jungen' sich und ihr Begehren sehr früh als homosexuell anerkannten.

Homo-erotische Empfindungen wahrzunehmen und sie als homosexuell zu identifizieren, sind zwei unterschiedliche Bewußtseinsstufen. Abwehr, Unwissenheit bzw. Unerfahrenheit können es für längere Zeit verhindern, daß selbst eindeutige Anzeichen einer sexuellen Orientierung nicht angemessen interpretiert werden. Dies kann auch damit zu tun haben, daß Homosexualität als Möglichkeit erst in den vergangenen Jahren in das Bewußtsein der meisten Bevölkerungsschichten - und damit auch der von Kindern und Jugendlichen - gerückt ist.

Einige Männer aus beiden Clustern identifizierten ihr Begehren gegenüber Jungs und Männern über einen längeren Zeitraum nicht als homosexuell. Sie spürten zwar die homo-erotische Anziehung, hatten teilweise auch sexuelle Kontakte mit männlichen Partnern, definierten dies jedoch um in einen Teil der 'pubertären' oder 'normalen' Entwicklung. Besonders nachhaltig und ausdauernd geschah dies bei Männern aus Cluster A.

Einer der Männer verspürte durchaus Neugier und Interesse an anderen Männern, dem er in seiner Jugend nachgab, indem er unter Alkoholeinfluß einen Freund nachts im Bett zu berühren versuchte oder mit einem anderen Freund nach einer Fete zusammen onanierte. Da dieser Mann bereits mit dreizehn Jahren erste sexuelle Kontakte zu Mädchen hatte und während seiner Jugend meist mit Mädchen befreundet war, fiel es ihm offenbar leicht, homo-erotische Empfindungen umzudefinieren.

Ja, aber das war eher so .. entdecken, und ich hab auch nicht etwas Besonderes dabei gefühlt, wie Liebe oder so. Das waren so Kontakte. Und ich habe es immer betrachtet als meine Pubertät. Daß ich einfach auch mal gucken wollte, wie es bei den anderen Jungs ist. (Christian)
Es war für ihn nur ein "Entdecken", "wie es halt bei den anderen Jungen ist." Er betrachtete es als pubertäre Spielerei, "Kontakte" ohne besondere Bedeutung. Dabei hatte er zu einem späteren Zeitpunkt in jenem Jahr sogar mit einem erwachsenen Mann Sex. Aber er meint rückblickend selbst, daß er damals noch keineswegs offen war für eindeutiges homosexuelles Interesse bzw. eine Identifikation seiner Entdeckerfreude als homosexuell. Sein erotisches Interesse an Männern äußerte sich folglich wesentlich zurückhaltender und leichter verdrängbar.

Bei einem anderen 'harten Jungen' kamen alle Anzeichen homosexueller Orientierung bereits frühzeitig vor: ausschließliche sexuelle Phantasien mit Jungen, sexuelle Erregung im nahen Zusammensein mit anderen Jungs. Zudem hatte er, begünstigt durch die Heim-Situation, häufig sexuelle Kontakte zu anderen Jungen. Aber auch er verbuchte diese sexuellen Kontakte unter "normal", als Bestandteil einer Entwicklung, die für alle Jungen gilt - was für das Heim womöglich auch stimmte - und die ganz selbstverständlich in eine heterosexuellen Erwachsenenzeit münden würde. Nicht-Wissen und Vorurteile über Homosexuelle verstärkten zusätzlich die Illusion, heterosexuell zu sein.

Ich habe mich überhaupt nicht als schwul empfunden, obwohl ich ja viele Kontakte zu Männern gehabt habe, also rumgewichst habe, so bis siebzehn, achtzehn. (...) Mit den Jungs im Heim fand ich das normal, das machte man, aber man sprach nicht darüber. Also ich hab sicher gespürt, daß Jungen mich reizen, aber hab das nicht ernst genommen. Irgendwann geht das vorbei und ... Nee, ich hab das für normal genommen und nicht darüber nachgedacht. Ich wußte auch gar nicht, was Schwulsein bedeutet. Für mich war eben Schwulsein auch das, ne, man erkennt einen Schwulen. So habe ich das gesehen. Und da ich ja Sport machte, normal aussah und auch ganz hübsch war, sage ich mal, war das für mich nie eine Frage, daß ich schwul wäre. (Tom)
Tom konnte sich mit dem gesellschaftlichen Klischee vom homosexuellen Mann (unsportlich, unattraktiv) nicht identifizieren und verlängerte die 'Normalität' pubertärer sexueller Spiele zwischen Jungen bis ins Ende der Adoleszenz. Er schaffte sich mit dieser Verlängerung einen Ausweg, um sein Begehren nicht als das definieren zu müssen, was es war.

Ein Dritter nimmt nach eigenen Aussagen bis zu seinem 22.Lebensjahr nicht wahr, daß er homosexuell ist, obwohl er auf Reisen mehrfach Männern begegnete, die ihn wegen ihres Aussehens faszinierten. Er hat "sie richtig angeguckt", einen attraktiven Steward etwa, aber daß diese Faszination mit Homosexualität zu tun haben könnte, war ihm nicht klar: "Ich hab's einfach nicht gesehen!"

Ein Mann, der als Neunjähriger ein "tolles" sexuelles Erlebnis mit einem Achtzehnjährigen hatte, von dem er sagt, "ich habe Jahre über davon gezehrt", deutete die Erregung überhaupt nicht als sexuell - und demnach auch nicht als homosexuell - , obwohl er bei diesem Erlebnis seinen ersten Samenerguß hatte. Für ihn war das kein Sex, sondern "einfach nur toll, was zwei Jungs machen können". Auch viele Jahre später noch, nachdem er sich mehrfach in andere Jungen verliebt oder versucht hatte, diese zum Sex zu überreden, und Männer regelmäßig in seinen Sex-Phantasien auftauchten, brachte er sein Begehren nicht mit Homosexualität in Verbindung.

Ich hab damals auch irgendwie nicht geschnallt, mich mit schwul in Verbindung zu bringen. Wir haben zwar darüber geredet, was Schwule denn so machen. Und ich hab gemerkt, daß ich das auch gerne machen würde. Aber es hat einfach nicht Klick gemacht, daß ich gesagt hätte, ich bin schwul. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen. Das ist erst sehr spät gekommen, mit achtzehn oder neunzehn. (Ernst)
Obwohl er sich seit früher Kindheit deutlich stärker zu Jungen als zu Mädchen hingezogen fühlte und seine sexuellen Phantasien ausschließlich um Männern kreisten, hatte dieser Mann während seiner Jugend als einziger im Cluster A keine (sexuellen) Beziehungen zu Mädchen oder Frauen. Die anderen gingen aufgrund ihrer Umdefinition homo-erotischer Gefühle heterosexuelle Beziehungen ein, in einem Fall sogar eine fünfjährige Ehe.

Ein einziger 'harter Junge' identifiziert bereits früh seine Gefühle als homosexuell, nachdem er sich mit etwa dreizehn, vierzehn Jahren erst in den Jungen in einem Film, dann in einen Jungen aus seiner Schule verliebte.

Ich war ja schwul, das wußte ich ja auch. Das war für mich immer klar, und das war kein Problem. Wann war das etwa? Ich würde sagen, daß ich da vierzehn war. Also spätestens zu dem Zeitpunkt war mir das klar. Es wurde mir ziemlich schnell klar. (Rainer)
Erleichtert hat ihm, seine sexuelle Lust zu diesem frühen Zeitpunkt korrekt zu definieren, daß er nichts über Homosexuelle wußte, weder von ihrer Existenz, noch von ihrer Diskriminierung.
Das war halt, bevor ich irgendwelche negativen Sachen über Schwule gehört hatte. Das Wort schwul kannte ich wahrscheinlich gar nicht. Ich war absolut unvorbelastet und von daher war es absolut durchweg positiv. (Rainer)
Sein Rückzug von den anderen Jungen, der gleichzeitig einsetzte, bot möglicherweise einen Schutz davor, mehr zu wissen und zu fürchten. Seine Probleme setzten erst an dem Punkt ein, wo es darum ging, die empfundenen Gefühle auch auszuleben.

Eine solch "unbelastete" Wahrnehmung homosexueller Gefühle und der Identifikation als solche wäre allerdings auch für einen 'weichen Jungen' damals ungewöhnlich gewesen. Einige wehrten sie erheblich dagegen, ihr Begehren unmittelbar als homosexuell zu identifizieren, auch sie hielten längere Zeit an der Illusion fest, ihre Sehnsucht nach Männern sei etwas ganz Übliches. Im Gegensatz zu den 'harten Jungen' handelt es sich bei den folgenden Fallbeispielen überwiegend um Prozesse, die bereits während der frühen Adoleszenz stattfanden.

Ein Mann, der sich erinnert, "daß ich wirklich schon im sechsten Lebensjahr nur noch mit Männern beschäftigt war", erkannte erst mit fünfzehn, daß seine Gefühle etwas mit Homosexualität zu tun hatten. Trotz seiner erotischen Präferenz für Männer interpretierte er, unterstützt von den Aufklärungsseiten in der Jugendzeitschrift 'BRAVO' seine Sehnsüchte während der frühen Adoleszenz als 'pubertär', die mit der Zeit weggehen würden. "Ich habe es gewußt und nicht gewußt. Anders kann ich das nicht bezeichnen." Selbst seine Anziehung durch Klassenkameraden und Sportlehrer brachte er nie mit Homosexualität in Verbindung.

Beim einem weiteren Mann aus Cluster B ist es ebenso wie bei einem der 'harten Jungen' der Irrtum, bestimmte Anzeichen seien Voraussetzung für Homosexualität, bestimmte Eigenschaften wurde jeder Homosexuelle haben bzw. nicht haben. Dies nährte lange Zeit die Illusion, er könne nicht homosexuell sein. Auch in diesem Fall bilden Unwissenheit und Vorurteile sowie das bloße Vorhandensein einer (platonischen) Freundin den Nährboden für eine falsche Einschätzung.

Ich hatte Angst, es könnte rauskommen, daß ich zum Beispiel aus Zeitschriften nackte Männer ausschnitt, obwohl ich gleichzeitig halt mit Simone zusammen war. Und da hab ich irgendwie überhaupt gar nicht gepeilt, daß das eigentlich schwul ist, was ich da mache. Und hab dann auch schon mal in so einem Buch nachgeschlagen, was Schwulsein ist, was Homosexualität ist. Aber hab dann immer gedacht, nee, das bin ich nicht, was die da schreiben. Weil ich ja auch mit Mädchen so gut klarkam. Ich kannte auch überhaupt keine Schwulen. Und die Schwulen, die Schwulen, die irgendwie auffallen im Fernsehen oder in den Medien oder auf der Straße, das waren halt diese Klischee-Schwulen und die hab ich damals abgelehnt. (Valentin)
Obwohl es sich bei diesen beiden Männer um 'weiche Jungen' handelte, die sehr deutliche 'feminine' Züge präsentierten, hinderte sie dies nicht daran, sich vom femininen Klischee des Homosexuellen abzugrenzen. Sie fanden Argumente, ihr Selbstbild vom heterosexuellen Jugendlichen trotzdem aufrecht zu erhalten, und sei es das gute Verhältnis zu Mädchen bzw. im zweiten Fall die Tatsache, daß er mit einem Mädchen befreundet war.

Ähnlich 'fadenscheinig', aber dennoch wirkungsvoll, war die Argumentation eines weiteren 'weichen Jungen', auch er mit sehr 'femininem' Gestus. Er war verliebt in einen Jungen, redete sich jedoch ein, diese Liebe sei rein platonisch und nicht sexuell. "Ich habe mir gesagt, das kann ja nicht schwul sein!" Seine sexuelle Lust richtete er auf fremde Männer, Unbekannte.

Da die 'weichen Jungen' nicht wie die Männer aus Cluster A ihr 'jungenhaftes' Verhalten, sportliche Hobbys und erotisches Interesse an Frauen ins Feld führen konnten, mußten sie erhebliche Phantasie walten lassen, um die eigenen erotischen Empfindungen nicht als das anzusehen, was sie waren: homosexuell. Allein die Tatsache etwa, daß in seinen Pornoheften auch Frauen abgebildet waren, beruhigte einen Mann zu jener Zeit: "Es waren ja auch Frauen in den Heftchen, das war dann Alibi genug".

Die Nähe der 'weichen Jungen' zum gesellschaftlichen Bild des Homosexuellen in ihrem Geschlechtsrollenverhalten machte es diesen schwerer, sich von Homosexualität abzugrenzen. Das geringe erotische Interesse an Frauen und die deutliche Sehnsucht nach Männern bzw. Männer-körpern tat ein übriges. Deswegen finden sich bei den Männern des Clusters B mehrere, die schon in früher Jugend vermuteten, homosexuell zu sein. Die Identifikation des Begehrens fand statt, wenngleich vielfach verbunden mit der Überzeugung, "das ist nicht richtig" oder "das darf nicht sein".

Einige von ihnen vermuteten nicht bloß, homosexuell zu sein, sondern es war ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits klar, daß sie es sind. Zwei Männer sagen, daß es ihnen kaum möglich sei zu sagen, wann sie zum ersten Mal vermuteten, homosexuell zu sein.

Ich glaube, es war mir immer klar, daß ich schwul bin. Das fand ich eigentlich nicht besonders toll, aber ich habe das einfach so hingenommen. Und ich glaube, es bestand auch bei meiner Mutter immer eine dumpfe Ahnung, daß ich schwul sein könnte. (Torge)
Die homo-erotischen Onaniephantasien und ihr spürbares Interesse an Männerkörpern waren eindeutig, auch wenn es ihnen nicht gefiel. Die Feststellung, schon früh die eigene Lust als homosexuell identifiziert zu haben, war meist verknüpft mit einem Ausdruck des Bedauerns, man hätte es zwar "hingenommen", aber "fand es nicht gut".
Also, spätestens mit der Pubertät hab ich mich von Männern angezogen gefühlt und auch ganz klare Sex-Phantasien gehabt. Und also, da war das allerspätestens, daß ich gewußt hab, daß ich schwul bin. Ich fand es nicht gut und ich hätte es gerne anders gehabt. (Volker)
Ein anderer Mann macht jedoch auch deutlich, daß für ihn das sexuelle zu dem sozialen 'Anderssein' paßte, mit dem er sich arrangiert hatte. Seine Abwehr gegen die Identifikation der eigenen Lust als homosexuell war deshalb gering.
Ich fand das nicht unbedingt störend oder so, daß ich jetzt anders oder 'nicht normal' bin. Das paßt eigentlich auch wieder da hin so, was immer so der rote Faden ist, das war dann eben wieder mein Ding, und das ging auch wieder keinen was an. (Leander)
So belegen auch die Aussagen in den Interviews, daß ein größerer Teil von den 'weichen Jungen' bereits während der Pubertät oder sogar noch früher ahnte, homosexuell zu sein bzw. dies sicher wußte. Sie bewerten diese Tatsache eher nicht positiv, finden es "nicht gut" oder "nicht besonders toll", hoffen vielleicht auch noch, es würde sich doch etwas daran wieder ändern. Doch die Identifikation der eigenen Lust als homosexuell findet relativ früh statt.
 

- Frühe sexuelle Erlebnisse mit Jungen

Wenn es in frühen Jahren zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen kam, wurden diese von 'harten Jungen' meist unbeschwert erlebt und genossen. 'Weiche Jungen' verzichteten aber teilweise auf homosexuelle Früh-Kontakte, weil diese für sie eine andere Bedeutung gehabt hätten als für heterosexuelle Beteiligte.

Bell, Weinberg & Hammersmith (1981) entdeckten eine zunächst überraschende Tatsache: mehr heterosexuelle als homosexuelle Männer hatten ihren ersten sexuellen Kontakt mit einem anderen Jungen oder Mann. Baldwin & Baldwin (1989) beschrieben die sexuelle Entwicklung pubertärer Jungen bei den Sambia in Neu-Guinea, bei der diese ganz selbstverständlich zunächst homosexuelle Kontakte hatten, um später ein ausschließlich heterosexuelles (Ehe-)Leben zu führen. Was läßt unter Umständen heterosexuelle Jugendliche unbeschwerter gleichgeschlechtliche Sexualität erleben und homosexuelle Jugendliche nicht?

Vergleicht man den Altersdurchschnitt für erste sexuelle Kontakte mit anderen Jungen oder Männern, dann liegt dieser für beide Cluster nicht allzu sehr auseinander. Auch wenn diese Daten nicht systematisch per Fragebogen erfaßt wurden, sondern den Interviews entnommen sind, was keine Vollständigkeit sicherstellt, sind die Aussagen der interviewten Männer eindeutig genug, um sagen zu können, daß sowohl die Mittelwerte wie der Median für beide Cluster bei achtzehn Jahren liegen (Mittelwert:'harte Jungen' 18,6 vs. 'weiche Jungen' 18,2).

Es wird bei den Erlebnissen bewußt nicht unterschieden zwischen sexuellen Spielereien unter Jungen und weitergehenden gemeinsamen sexuellen Handlungen. Kriterium war einzig, in welchem Alter eine solche Handlung geschah. Auch wenn der Altersdurchschnitt von achtzehn Jahren darauf hinweist, daß frühe sexuelle Erlebnisse mit Jungen nicht die Regel waren, gab es doch in beiden Clustern Männer, die schon vor oder während der Pubertät sexuelle Erfahrungen mit anderen Jungen machten.

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Clustern in dieser Frage liegt jedoch nicht im Alter, in dem diese Kontakte stattfanden, sondern in der Bedeutung solcher Erfahrungen mit anderen Jungen. Frühe homosexuelle Kontakte werden von den Beteiligten in der Regel nicht als homosexuell, sondern als 'normal' zwischen pubertierenden Jungen angesehen. Silverstein (1981) schrieb über diese Kontakte: "Sex is one more game they play with each other - just a different type of sport" (S.67).

Hierin liegt womöglich der Grund, warum ein Teil der Männer unbeschwert früh sexuelle Kontakte zu anderen Jungen aufnehmen konnte (überwiegend 'harte Jungen'), während ein anderer Teil, der sich früher seiner homosexuellen Gefühle bewußt war (überwiegend 'weiche Jungen'), gerade solche Kontakte vermied. Savin-Williams (1998) konnte feststellen, daß frühe homosexuelle Erlebnisse stets positiv erlebt wurden, während jene im Verlauf der Adoleszenz häufiger mit Schuldgefühlen verbunden waren. Den älteren war offensichtlich die Bedeutung, die mit ihrer Handlung verknüpft ist, wesentlich klarer, und das blieb nicht ohne Konsequenzen.

Einzelne 'harte Jungen' berichten von frühen sexuellen Kontakten mit anderen Jungen. Diese Kontakte gingen meist nicht über gemeinsames Onanieren hinaus, sie wurden unbeschwert und unbelastet genossen. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind zwei Erlebnisse, die ein Mann ganz zu Beginn seiner Pubertät hatte.

Ich hatte mit neun dreiviertel Jahren mein erstes sexuelles Erlebnisse mit einem Mann, was ich ganz toll fand. Da hat ein junger Mann, also, der war etwa achtzehn, neunzehn, bei mir im Zimmer übernachtet. Wir hatten immer viel gerangelt und viel gespielt zusammen auch. Und wie das dann genau an diesem Abend zustande kam, das weiß ich nicht mehr so. Ich weiß nur noch, daß ich damals auch schon Erektionen hatte, die auch hervorgerufen werden konnten, also durch Streicheln und sowas. Und der hatte dann auch eine, und dann hatte er die Idee, zu fechten. Wir haben also mit den Schwänzen aneinander gerieben und gefochten und sind durchs Zimmer getobt und .. war einfach ganz lustig. Und dann hat er mich auch mal so von hinten gepackt und hat mir so den Schwanz zwischen die Beine geschoben so. Also, das war keine Penetration, also in keiner Weise! Sondern es war einfach nur anfassen und streicheln. Es war sehr spielerisch und es war einfach ganz toll! Das ging schließlich bis zum Samenerguß, was auch gleichzeitig das erste Mal war bei mir. Ich habe Jahre über davon gezehrt. Also ich hab mich gerne daran zurückerinnert. (Ernst)
Kurze Zeit später hat er nochmals ein sexuelles Erlebnis, wenngleich nicht so offen und direkt, dennoch nicht weniger lustvoll und relativ unbeschwert.
Nachdem wir umgezogen sind, haben wir gleich angefangen, im Sommer immer in Gärten zu zelten. Ich weiß noch, daß wir damals zu dritt in einem Zelt waren, in Schlafsäcken und Trainingshosen. Und ich bin mit einem Jungen sehr lange morgens noch im Zelt geblieben. Und wir haben so getan, als wenn wir schlafen oder so im Halbschlaf. Wir haben uns immer geräkelt und aufeinandergelegt und übereinander gewälzt. Für mich, und ich bin mir sicher, auch für ihn, war es durchaus zu spüren, daß wir beide steife Schwänze hatten. Und daß sich das gut angefühlt hat. Wir haben uns halt so immer so übereinander her geräkelt und gewälzt. So, als wenn wir schlafen, weil, sowas darf man ja nicht bewußt machen, nich. Das macht man ja nicht. (Ernst)
Er kannte die allgemeine Regel durchaus, "das macht man ja nicht", was ihn aber keineswegs daran hinderte, es dennoch auf eine an diese Regel angepaßt Weise zu tun.

Einen ähnlichen Umgang damit berichtet ein zweiter Mann aus Cluster A, der früh begann, regelmäßig mit anderen Jungen aus dem Heim zu onanieren. Dies ergab sich so, war üblich im Heim. Es wurde zwar nicht offen darüber gesprochen, aber es war diesem 'harten Jungen' so möglich, über viele Jahre mit anderen Jungen gemeinsamen Sex zu genießen.

Ein weiterer 'harter Junge' konnte zwar seinen ersten kurzen sexuellen Kontakt längst nicht so genießen, wie er es gern getan hätte, dies hatte aber weniger damit zu tun, daß es sich um Homosexualität handelte, sondern überhaupt Sexualität. Aufgrund seines sexualfeindlichen Aufwachsens war Sexualität jeglicher Form für ihn fremd. Sein bester Freund, den er sehr erotisch und anziehend fand, nahm seine Hand und legte sie sich an die Hose. "So nach dem Motto: Ja, bedien dich! Und da war ich echt überfordert!" Er war noch nicht soweit, so daß er zu seinem späteren Leidwesen die Chance nicht wahrnahm.

Auch einer der 'weichen Jungen' erzählt, wie er mit dreizehn Jahren seinen ersten sexuellen Kontakt mit einem Jungen hatte. "Völlig unbelastet" entdeckte er so mit dem anderen seine Sexualität, womit zu diesem Zeitpunkt aber nicht seine gleichgeschlechtliche Sexualität gemeint war, sondern Sexualität schlechthin.

Das war son Petting. Das machte auch Spaß, und ich entdeckte so meine Sexualität und entdeckte das sogar mit dem zusammen. Ich hab mich da auch ganz wohl drin gefühlt, so völlig unbelastet, auch 'n bißchen naiv, kindlich vielleicht noch in der Situation, aber das war eigentlich völlig okay. (Jan)
Erst ein Jahr später wird ihm sein ganz besonderes Interesse an Jungen und Männern bewußt, und von da an kann er seine Sexualität nicht mehr "unbelastet" entdecken bzw. das, was er entdeckt hatte, konnte er nicht annehmen. Es kam bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr zu keinen weiteren sexuellen Kontakten mit anderen Jungen.

Welche Bedeutung es haben kann, wenn dem Jugendlichen seine sexuelle Orientierung bewußter ist, belegt der Fall jenes 'weichen Jungen', der noch vor der Pubertät sich sehnlichst wünschte, andere Jungen anzufassen und ihren Penis zu berühren. Obwohl die Ereignisse bis in die Kindheit zurückreichen und einiges bereits in Kap. 4.3.3 zitiert wurden, sollen sie wegen des gefühlsmäßigen Umgangs mit diesen Wünschen hier noch einmal aufgegriffen werden.

Torge glaubt in der Retrospektive, schon immer von seiner Homosexualität gewußt zu haben, doch noch heute fällt es ihm schwer, über die Sehnsucht seiner Kindheit zu sprechen. Sie ist ihm peinlich, er schämt sich für sie, schämte sich bereits damals dafür, den Penis eines anderen Jungen angefaßt zu haben.

Da war ich nicht alt, so sieben vielleicht oder acht. Und es ist mir heute noch peinlich! Und es war mir glaub ich damals schon peinlich. (...) Vielleicht weil's mir in der Zeit ganz peinlich war, daß ich solche Wünsche hab und solche Annäherungsversuche mache. Ich wußte, daß wenn das öffentlich wird, daß die Blamage endlos ist! (Torge)
Bei einer Schülerfahrt kam es nochmals zu einem Kontakt mit einem anderen Schüler, bei dem sie sich gegenseitig am Penis berührten - wiederum verbunden mit derart unangenehmen Gefühlen, daß es für ihn selbst heute noch beschämend ist, darüber zu reden. Als er mit 13 Jahren für einige Wochen zu einem Austauschprojekt nach Frankreich ging, entwickelte sich mit dem Gastbruder eine sexuelle Beziehung. Und obwohl diesmal der andere sehr bewußt mitgemacht (oder es gar initiiert) hatte, konnte Torge keineswegs "unbelastet" mit der Situation umgehen. Im Gegenteil war er sich der Bedeutung dieses Erlebnisses nur zu bewußt, und die Scham über das, was geschehen war, warf ihn vollkommen aus der Bahn.
Die erste Frage, die ich mir immer gestellt hab, war, ob er mich verführt hat oder ob ich das wirklich wollte. Und die zweite Frage war, wie kann ich das so schnell wie möglich wieder vergessen. Wie kann ich wieder genauso sein, wie ich vorher war. Das hört sich fast an wie: Wie kann ich es ungeschehen machen... Ja. Daß ich nie, nie, nie wieder dran denken muß. Ich hab mich ganz stark zurückgezogen. Und ich hab auch überhaupt nicht mehr onaniert, ich hab mit siebzehn das erste Mal wieder onaniert. Und das war wirklich ne schwierige Zeit. Man kann wirklich sagen, daß ich in der Zeit zwischen dreizehn und fünfzehn depressiv war. Da hat mir wirklich fast nichts Spaß gemacht. Zur Schule bin ich mit Widerwillen gegangenen, ich hatte keine Freunde, eigentlich das Leben fast nur ertragen. Ich habe nicht besonders gern gelebt. (Torge)
Es war ihm nicht möglich, die sexuellen Aktivitäten als 'normal' abzuhaken, wie es Tom im Kinderheim getan hatte, zumal es nicht bei der sexuellen Beziehung blieb, sondern der damalige Partner beim Abschied durch sein Weinen offen zeigte, wie viel ihm die Beziehung bedeutete.

Als sein Gastbruder einige Zeit später zu einem Gegenbesuch kam, wurde dennoch der unterschiedliche Umgang mit der gemeinsamen Sexualität offensichtlich. Der Freund behandelte das Thema Sexualität zwischen ihnen ungezwungen, während Torge sich endlos damit quälte.

Ich habe ihm gleich am ersten Tag gesagt, daß ich das nicht weiter machen will, also daß ich keinen Sex mehr mit ihm machen will. Na ja, er meinte, das wäre ganz okay, und er würde nur hoffen, daß ich jetzt keine schlechte Gefühle deswegen hätte. (Torge)
Doch er hatte sehr wohl "schlechte Gefühle", kämpfte immer wieder mit dem Gefühl, "etwas Falsches oder Verbotenes" getan zu haben, und hatte gleichzeitig Phantasien, doch wieder Sex mit dem Freund zu haben. Jeden Tag wurde er mit dem Jungen, den er begehrte, konfrontiert, und jeden Tag mußte er sich aufs Neue mit seinen widersprüchlichen Empfindungen auseinandersetzen. Im Ergebnis war er nach diesem Besuch noch verwirrter als beim ersten Mal.

Da es einer ganzen Reihe von 'weichen Jungen' relativ früh bewußt wurde, daß sie homosexuelle Neigungen haben, waren für sie selbst die bei heterosexuellen Jungen durchaus üblichen sexuellen Spielereien undenkbar. Ein sexuelles Erlebnis mit einem anderen Jungen wäre eben kein "Spiel" gewesen, sondern "absoluter Ernst".

Außer Masturbation hatte ich keine sexuellen Erfahrungen als Jugendlicher. Es war undenkbar, zumindest für mich, irgendwie mit andern Jungs was zu machen. A, weil ich eben so'n distanziertes Verhältnis zu den Jungs hatte, und B, weil all das, was für die vielleicht Spiel gewesen wär, für mich ja absoluter Ernst war. Das habe ich also weder initiiert, noch zu denken gewagt. (Veit)
Neben der Tatsache, daß viele 'weiche Jungen' wenig Kontakt zu männlichen Peers hatten, folglich ihre Möglichkeiten zu sexuellem "Spiel" begrenzt waren, hatte für sie die Sexualität mit Jungen eine andere Bedeutung. Zu viel stand für sie auf dem Spiel, wäre es doch nicht nur Sex gewesen, der mangels Gelegenheit an weiblichen Partnern eben mit Jungen betrieben wurde, sondern ein Akt, der viele Wünsche, Gefühle und Sehnsüchte berührte. Deshalb zogen es viele vor, darauf zu verzichten.

Auch ein anderer 'weicher Junge' hatte keinerlei frühe (homo-)sexuelle Kontakte, obwohl ihm längst klar war, daß er homosexuell ist. Für die anderen wäre es nach seiner Meinung "Pubertätswichserei" ohne weitere Bedeutung gewesen, er hätte aber etwas gesucht, "was mehr ist". Sein bester Freund, der sich später auch als homosexuell herausstellte, wäre durchaus ein erwünschter Sexualpartner für ihn gewesen, aber er traute sich nicht. "Mir war diese Freundschaft zu kostbar, als daß ich versucht hätte, da was zu riskieren". Es gab zwar Situationen, in denen ein erotische Atmosphäre zwischen beiden entstand. Aber dann haben sie sich "bloß durchgekitzelt - statt dessen!"

Es hätte eine ideale Situation sein können: Zwei homosexuelle Jugendliche, die miteinander ihre Sexualität und ihre ganz persönlichen Eigenarten entdecken, ein Ausweg aus der Isolation des Schweigens, der Geheimhaltung eigener Sehnsüchte. Aber die Furcht vor Ablehnung durch den einzigen guten Freund verhinderte sowohl den Ausbruch aus der Isolation als auch frühe sexuelle Kontakte.

Versuche von 'weichen Jungen', ihre Sehnsucht nach Nähe und Sexualität mit einem anderen Jungen zu befriedigen, mißlangen nicht selten. Sei es, daß der andere Jugendliche befürchtete, als homosexuell zu gelten, sei es, daß dem Gegenüber die Ernsthaftigkeit des homosexuellen Jugendlichen spürbar war, was ihn zurückschrecken ließ.

Ich hab mehrfach versucht, Freunde zum gemeinsamen Wichsen zu überreden, aber das war immer mit sehr viel Drumherum verbunden, weil ich Angst hatte, die würden merken, worum es mir wirklich ging! Ich habe zum Beispiel Klassenkameraden versucht weiszumachen, daß unsere Ein-Mann-Sauna für zwei Personen gedacht ist, damit ich sie berühren konnte. Völlig verrückt! Dabei hatten die im Prinzip überhaupt nichts gegen ein gemeinsames Wichsen, aber irgendwie müssen die gemerkt haben, daß bei mir mehr dahinter steckt, das war alles immer sehr verkrampft und irgendwie nicht so doll. (Werner)
Gerade dieser Mann erlebte bei sich selbst den großen Unterschied zwischen ersten, unbeschwerten sexuellen Kontakten und jenen, die später "verkrampft" abliefen. In der Pubertät kam es mehrfach zu gemeinsamem Onanieren mit Gleichaltrigen, zu einem Zeitpunkt, als ihm seine sexuelle Neigung noch überhaupt nicht bewußt war. Es waren unkomplizierte, lustvolle Momente, die ihm bis heute auch so in Erinnerung geblieben sind.

Für die meisten 'weichen Jungen' existieren solch unbeschwerte frühe sexuelle Erfahrungen mit anderen Jungen fast gar nicht. Offensichtlich macht ihnen das spätestens in der Pubertät einsetzende Wissen um die eigenen homosexuellen Sehnsüchte solche Erfahrungen unmöglich bzw. erschwert diese. Denn es ist nur zu deutlich, daß ein 'unbeschwerter Genuß' nur von jenen Männern berichtet wird, die zu jenem Zeitpunkt mehr oder weniger davon ausgingen, es handele sich dabei um 'ganz normale' sexuelle Spiele von ansonsten heterosexuellen Jungen miteinander. Diese Einschätzung kann sich durchaus die ganze Jugend fortsetzen, wenn ein Mann aus Cluster A wie Tom selbst als 18jähriger noch unbeschwert Sex mit anderen Jungen haben kann, während ein 'weicher Junge' verzweifelt versuchte, sein Bedürfnis nach Sexualität mit Klassenkameraden auszuleben, und damit kläglich scheiterte. Das, was er suchte, fand er bei den heterosexuellen Jungen nicht.

Ich hatte in den folgenden Jahren bis ich achtzehn war oder neunzehn vielleicht, ein paar unglückliche Erlebnisse mit Heteros, wo ich Sex mit Hetero-Schulfreunden hatte. Aber das war ziemlich verklemmt, es war auch gar keine Nähe da. Es war nicht mit schönen Gefühlen verbunden. (Torge)


- Erster bewußt homosexueller Sex

Der erste bewußt als homosexuell erlebte Sex mit einem anderen Jungen oder Mann findet bei den 'weichen Jungen' bereits in der Adoleszenz statt, während die 'harten Jungen' bei diesem Ereignis zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt sind. Die wenigen 'ersten Male' von 'harten Jungen' in der Adoleszenz sind mit unerfreulichen Begleitumständen verbunden, während einzelne Männer aus Cluster B, die ihr Coming Out erst später hatten, Homosexualität z.T. im Rahmen einer Jungen-Freundschaft ausleben konnten.

Wann hatten die Männer zum ersten Mal Sex mit einem Mann, den sie selbst als 'homosexuellen Sex' bezeichnen würden? Diese Frage wurde im Begleitfragebogen gestellt, und auch im Interview ergaben sich aus den Erzählungen Angaben darüber, wann sie ihren ersten sexuellen Kontakt hatten, der über gemeinsame Masturbation oder sexuelle Spiele mit Gleichaltrigen hinausging.

Der Unterschied gegenüber den im vorigen Abschnitt behandelten ersten sexuellen Kontakten zu Jungen liegt bereits in der Definition durch die Männer selbst. Sie lieferten im Begleitfragebogen Altersangaben, die sich stets auf das erste Mal bezogen, bei dem sie - entweder im Rahmen ihres Coming Outs oder auch schon vorher - ein bewußt als homosexuell definiertes sexuelles Erlebnis hatten. Obwohl die Frage lautete, 'Wie alt warst du, als du das erste Mal homosexuellen Sex hattest?', beziehen sich die Altersangaben, wie sich durch die Aussagen im Interview verifizieren läßt, in keinem Fall auf Doktorspiele oder auf gemeinsame Onanie während der Pubertät. Ein Mann verzichtet bei dieser Frage ganz auf eine Altersangabe, weil er von der Pubertät an regelmäßig mit anderen Jungen onanierte, andere ließen bei dieser Frage "pubertäre Spielereien" ganz außer Betracht. Dannecker & Reiche (1974) erfuhren von ihren Befragten, daß bei sexuellen Erlebnissen mit Jungen oder Männern, die vor dem 18.Lebensjahr stattfanden, beinahe die Hälfte nicht als "homosexuelles Sexualerlebnis" eingestuft wurde (S.40).

Die Unterscheidung in der Einstufung ist wichtig, denn im Gegensatz zu den Daten des vorangegangenen Abschnitts gibt es im Alter beim ersten, bewußt als homosexuell erlebten sexuellen Erlebnis einen Unterschied zwischen den Clustern.

 

Durchschnittsalter beim ersten als 
homosexuell definierten Sex
Angaben Fragebogen Angaben Interview
'harte Jungen'  21,1 21,3
'weiche Jungen'  19,1 18,8

Tab. 10: Durchschnittliches Alter beim ersten bewußt homosexuellen Sex
 

Die Tabelle zeigt, daß die 'weichen Jungen' im Durchschnitt zwei Jahre früher ihr erstes homosexuelles Erlebnis hatten, welches die obigen Kriterien erfüllt. Der Durchschnitt wird auch nicht durch Extremfälle zugunsten der 'weichen Jungen' verfälscht - eher im Gegenteil. Denn einer der 'weichen Jungen' hatte erst mit 29 Jahren seinen ersten Sex mit einem Mann, während das Höchstalter bei 'harten Jungen' 25 war.

Der Mittelwert bildet also die frühere Entwicklung der 'weichen Jungen' sehr gut ab. Drei Viertel von ihnen hatten dieses Erlebnis bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr, während es von den 'harten Jungen' zu diesem Zeitpunkt weniger als die Hälfte waren. Der 'Altersvorsprung' der 'weichen Jungen' bleibt also auch beim ersten homosexuellen Sex bestehen.

Auch hier kommt es neben dem Zeitpunkt auch auf die Bedeutung dieses Ereignisses und die Konsequenzen an, sie unterscheiden sich für beide Cluster erheblich. Jene beiden 'harten Jungen', die als einzige ihres Clusters vor Vollendung der Volljährigkeit mit sechzehn und siebzehn Jahren gleichgeschlechtlichen Sex ausprobierten, verstanden diesen zwar als homosexuell, sich selbst aber nicht.

Ich hab noch mit sechzehn eine Erfahrung mit einem Mann gehabt. Ich kam abends zurück vom Sport, und da hat mich auf der Straße ein Typ angequatscht. Der war älter, 40 oder so. Der hat gleich so von Wichsen erzählt, mich gefragt, wie häufig wichst du. Und obwohl der ziemlich eklig war, war ich sehr erregt, und habe mir gedacht, na, kannst ja mal gucken, wie das so ist. Er fragte, kommst du mit? Und dann bin ich einfach mitgegangen! Er hat dann an mir rumgefummelt und ich habe seinen Schwanz auch angefaßt, aber ich fand das eklig. Und dann bin ich weggelaufen und habe ihm gesagt, ich treibe es lieber mit Mädchen. (Christian)
Für diesen Interviewpartner war der erste Sex mit einem Mann unangenehm verlaufen, eine Tatsache, die für ihn Beleg ist, eben nicht homosexuell zu sein. Sein nächster Versuch gleichgeschlechtlicher Sexualität findet erst fünf Jahre später statt, als er längst für sich akzeptiert hatte, homosexuell zu sein.

Auch beim zweiten 'harten Jungen', der das 'erste Mal' während der Adoleszenz erlebte, verlief dieses wenig vielversprechend, unter Alkoholeinfluß mit einem ihm bis dahin fremden Jugendlichen. Der andere war am folgenden Tag sehr wütend und schrieb ihm einen Brief, daß er ihn nie wiedersehen wolle. Möglicherweise hatte das verunglückte Erlebnis dazu beigetragen, daß dieser Mann erst mit zweiundzwanzig Jahren den nächsten Versuch wagte.

Diese Männer waren die beiden einzigen aus Cluster A mit bewußt homosexuellen Erfahrungen vor ihrem achtzehnten Geburtstag, die zudem für längere Zeit die einzigen blieben. Nur ein weiterer 'harter Junge' kam dem nahe, weil er mit sechzehn sein Interesse am Männerkörper, das er eben erst entdeckt hat, sehr schnell akzeptierte und mit achtzehn Jahren ebenfalls gezielt auf die Suche nach einem Partner ging.

Erst deutlich später, im Alter von einundzwanzig Jahren, ist bei den 'harten Jungen' ein weiteres 'erstes Mal', nunmehr ebenfalls bewußt und gewollt gesucht, zu registrieren - in diesem Fall allerdings ein so nicht gewolltes, eine Vergewaltigung. Auch ein zweiter Mann dieses Clusters hat mit Anfang Zwanzig sein 'erstes Mal', und jene beiden mit den mißlungenen "Erstversuchen" in der Adoleszenz erleben nun endlich Sexualität mit einem Mann als positiv. Alle weiteren 'harten Jungen' jedoch brauchen noch bis Mitte Zwanzig, ehe sie sich trauen, ihre sexuellen Wünsche auszuleben. Auf diese Ereignisse im Zusammenhang mit dem Coming Out soll in Kap. 4.4.3 eingegangen werden.

Im Durchschnitt früher und häufig bereits eingebettet in das Wissen um die eigene sexuelle Orientierung findet das 'erste Mal' bei den 'weichen Jungen' statt. Neun der dreizehn Männer hatten es bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr (inklusive) erlebt.

Bei jenen, welche diese bewußt homosexuelle Erfahrung im Rahmen der Pubertät oder kurz darauf hatte, verliefen allerdings auch diese Erfahrung folgenschwer. Dies trifft auf zwei der 'weichen Jungen' zu, von einem war schon im vorigen Abschnitt die Rede. Beim zweiten 'weichen Jungen', der in den 60er Jahren sein erstes Mal erlebt, ist die Konsequenz weniger dramatisch, wenngleich die anfängliche Lust einem Ekel Platz machte, was bei ihm ähnlich wie bei Christian von den 'harten Jungen' den Eindruck hinterließ, er könne nicht homosexuell sein.

So mit sechzehn kam es dann zum ersten richtigen Sex mit einem Mann. Der war so Mitte zwanzig, und ich hatte ihn schon öfter beobachtet beim Duschen. Und einmal, als wir allein im Duschraum waren, ließ er mich seinen steifen Schwanz sehen. Und dann sind wir in eine Kabine gegangen. Das war irgendwie ganz toll, den anzufassen und so den Körper zu spüren. Aber als er dann meinen Schwanz in den Mund genommen hat, fand ich das so eklig, daß ich raus bin. Ich war hinterher richtig sauer, daß er mich 'verführt' hat, daß ich sogar überlegt habe, ihn anzuzeigen. Weil das war ja noch strafbar damals. Hab ich aber glücklicherweise nicht gemacht. (Werner)
Diese beiden Männer reagieren im Endeffekt ähnlich wie die beiden 'harten Jungen', die ebenfalls früh ihren ersten homosexuellen Sex erlebten, indem sie Abstand von dieser Form sexueller Betätigung nahmen. Und doch unterscheidet sich die Ausgangslage je nach Cluster. Die beiden Männer aus Cluster A gingen zum Zeitpunkt des ersten homosexuellen Erlebnisses davon aus, daß sie heterosexuell sind, auch wenn ihnen bewußt war, daß es sich um homosexuellen Sex handelt. Den beiden Männern aus Cluster B war nicht nur klar, daß ihr Tun eindeutig homosexuell war, sondern es traf zusammen mit der Vermutung bzw. dem (unterschwelligen) Bewußtsein, selbst homosexuell zu sein.

Einige andere 'weiche Jungen' erlebten ihr 'erstes Mal' bewußt gleichgeschlechtlicher Sexualität ebenfalls während der Adoleszenz, in den folgenden beiden Fällen eingebettet in eine enge Jungen-Freundschaft. Obwohl beide früh begannen, blieb es trotz mancher Bedenken bei den sexuellen Kontakten, die bereits ein hohes Maß an Intimität beinhalteten.

Und dann haben wir uns aufs Bett gelegt, und haben gesagt, so, jetzt darf jeder die Brust anfassen beim anderen. Und dann ging es immer so weiter, nachher durfte man alles anfassen und das war praktisch der Höhepunkt. Und das ist nicht nur einmal passiert, das haben wir öfter gemacht. Immer so heimlich bei dem im Zimmer auf dem Boden. Wie alt warst du da? Vierzehn, fünfzehn? Ja, kommt hin. Das ging bestimmt ein Jahr lang so. Wir haben uns nicht oft getroffen, aber wenn, dann haben wir es immer gemacht. (Frank)
Als Einzelereignis betrachtet, könnte man diesen Kontakt als spät-pubertäre Onanie klassifizieren, aber die regelmäßige Wiederholung und - im folgenden Zitat - der beschriebene Augenkontakt sprechen dagegen. Dieser Mann vermutet deswegen auch, daß sein damaliger Freund und Sexualpartner zumindest bisexuell ist.
Wir machten, bis wir siebzehn waren, zusammen Sex. Nicht richtigen Sex, also, Onanieren. Es lief immer so ab, daß wir uns zusammen Phantasie-Geschichten erzählten, also, er erzählte meistens irgendeine Porno-Geschichte, meistens, daß wir beide mit zwei Mädchen zu viert Sex machen. Und ich durfte ihn dabei streicheln, bis er dann kam. Und dabei kam ich dann meistens auch. Oder wir liebten es, nebeneinander zu liegen, zu wichsen und uns dabei in die Augen zu gucken und gegenseitig zu kommen und das in dem Gesicht des andern zu sehen, solche Spiele haben wir gemacht. (Lars)
Alle weitere 'ersten Male' von 'weichen Jungen' fanden im Zusammenhang mit dem Coming Out statt und waren - mit einer Ausnahme - bewußte und akzeptierte Ereignisse. Eines davon fand noch mit siebzehn Jahren statt, vier weitere mit achtzehn Jahren, der Rest ab einundzwanzig. Ab siebzehn sind die 'ersten Male' von 'weichen Jungen' also nicht mehr ein Ausprobieren, sondern konsequente Umsetzung der Akzeptanz, homosexuell zu sein. Diese Erfahrungen, als Konsequenz des Coming Outs, werden im Zusammenhang damit in Kap. 4.4.3 eingehender behandelt.
 

-      Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Im Verhältnis zur Sexualität finden sich keine durchgängigen Unterschiede zwischen den beiden Clustern. Doch heterosexuelle Kontakte in der Adoleszenz bilden - neben dem 'jungentypischen' Interesse für Sport und Fußball das deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Clustern. In beiden Bereichen verhalten sich die 'harten Jungen' ausgesprochen 'normal', die 'weichen Jungen' geradezu klassisch 'prähomosexuell'.

Fast alle 'harten Jungen' hatten dauerhafte Beziehungen zu Frauen oder wenigstens einzelne 'Affären' nach der Pubertät. Mit einer Ausnahme durchliefen sie nach außen hin zunächst eine - für heterosexuelle Jungen - übliche Annäherung an das weibliche Geschlecht, teils aus echtem erotischen Interesse, teils auf Druck der Peers hin.

Die 'weichen Jungen' entwickelten sich ohne diesen 'Umweg' weitaus direkter hin zum homosexuellen Jugendlichen bzw. Erwachsenen. Lediglich zwei dieser Männer versuchten es mit heterosexuellen Beziehungen, bei denen Sexualität aber ausgespart blieb.

Parallel dazu erinnern sie um einiges früher erste homo-erotische Sehnsüchte, identifizieren diese Empfindungen früher als homosexuell und meiden daher die von einigen 'harten Jungen' vollkommen unbeschwert genossenen sexuellen Spiele unter Pubertierenden. Auch ihr erstes explizit als 'homosexuell' empfundenes sexuelles Erlebnis liegt in der Regel früher als bei den 'harten Jungen', die diese Bedeutungszuschreibung erst im dritten Lebensjahrzehnt wagen.

Die Parallelität des sexuellen Verhaltens von 'harten' prähomosexuellen Jungen und präheterosexuellen Jungen ist bemerkenswert. Im Umgang und Erleben homo-erotischer Gefühle und Sehnsüchte ist der Unterschied zwischen den Clustern weiterhin vorhanden.

Die Selbstwahrnehmung homosexueller Gefühle in der Jugend ist beim Cluster A verhaltener, sie ist weniger eindeutig. Während Männer des Clusters B konkrete erotische Erlebnisse und ein homo-erotisches Interesse bereits vor der Pubertät beschreiben, erinnert nur ein einzelner Mann aus Cluster A ein "prickelndes" Gefühl mit einer "erotischen Komponente" bei einem Freund. Während die 'weichen Jungen' spätestens in der Pubertät klare sexueller Präferenzen entwickeln, gelingt es manchem 'harten Jungen', selbst in potentiell sexuell erregenden Situationen (gemeinsames Duschen) in den anderen Jungen nur den Sportskameraden zu sehen und nicht das Objekt seiner Begierde.

Womit kann es zusammenhängen, daß die homosexuelle 'Karriere' bei 'weichen Jungen' früher erfolgt? Denn daß sie früher erfolgt, scheint ohne Zweifel gegeben zu sein, auch wenn man da und dort vermuten kann, eine bessere Erinnerung an frühe Gefühle hänge mit der Therapieerfahrung vieler 'weichen Jungen' zusammen. Alle fünf, die Erinnerungen haben an vorpubertäre homo- erotische Empfindungen, haben eine Therapie gemacht, was gerade für den Großteil der 'harten Jungen' nicht gilt. Aber es sind eben nicht nur die vorpubertären Empfindungen, sondern auch alle weiteren Schritte zu einem Leben als Homosexueller, die bei den 'weichen Jungen' früher zu liegen scheinen.

Die Therapieerfahrung könnte allerdings auch Erinnerungen verursacht haben, die sich an vorherrschenden Theorie über homosexuelle Männer orientieren. In der Studie des Kinsey-Instituts (Bell, Weinberg & Hammersmith 1981) machten die therapieerfahrenen Männer Angaben, die weit stärker mit der Theorie übereinstimmten, als jene ohne Therapieerfahrung. Fördert etwa die Psychoanalyse eine wie auch immer geartete 'Erinnerung' an frühe homo-erotische Wahrnehmungen? Lenkt eine Therapie womöglich den Blick besonders auf derartige 'typische' Vorkommnisse? Ist dann Therapie weniger 'Erinnerungsarbeit' als 'Konstruktionsarbeit', bei der die Vergangenheit stimmig zur Gegenwart konstruiert wird?

Eine andere mögliche Erklärung für den Zeitunterschied in der homosexuellen Entwicklung könnte der soziale Druck sein, dem 'harte' und 'weichen Jungen' unterschiedlich stark ausgesetzt sind. Größere Eigenständigkeit und geringere Abhängigkeit von Normen anderer ist ja einer der Vorteile von Isolation und Einzelgängertum, die Gruppe tendiert dazu, zu nivellieren. Eine ganze Reihe Männer aus Cluster A nahm nach eigener Aussage in der Pubertät ihr homo-erotisches Interesse wahr, die Einbindung in die Peers verhinderte möglicherweise viel stärker als bei den isolierteren 'weichen Jungen' ein inneres Abschotten gegen diese Gefühle, eine Abwehr gegen das Bewußtsein, homosexuell zu sein.

Oder waren die 'weichen Jungen' auf irgendeine Art homosexueller bzw. eindeutiger homosexuell als die 'harten Jungen'? Ist ihre 'weiche' Art, ihr Abweichen vom 'typischen' Verhalten in der Kindheit das Zeichen dafür, daß sie bereits in jungen Jahren geprägt und festgelegt waren auf eine homosexuelle Karriere, wie es Zuger (1988) prinzipiell für prähomosexuelle Kinder vermutet? Sind die 'harten Jungen' lediglich einige 'Sonder-Exemplare' mit geringer ausgeprägter homosexueller Tendenz - was ihr heterosexuelles Interesse vermuten ließe -, bei denen sich diese Tendenz eben erst später durchsetzt?

Einen ganz anderen Punkt möchte ich noch aufgreifen. Dannecker & Reiche schrieben in ihrer Untersuchung vom Beginn der 70er Jahre, "der ersten Idee, homosexuell zu sein, gehen oftmals homosexuelle Kontakte voraus" (Dannecker & Reiche 1974, S.31). Dies kann bei den jetzt interviewten Männern nicht verifiziert werden. Selbst wenn man unter homosexuellen "Kontakten" jegliche Form sexuellen Miteinanders zweier männlicher (oder weiblicher) Menschen betrachtet, also auch gemeinsame Onanie oder sexualisierte körperliche Kontakte zwischen Jungen, dann haben gerade die 'weichen Jungen' bereits vor ihrem ersten homosexuellen Kontakt die "erste Idee, homosexuell zu sein". Nur vier 'weiche Jungen' hatten Sex mit einem anderen Jungen oder einem Mann vor ihrem Coming Out, also ein knappes Drittel. Von den 'harten Jungen' waren es ebenfalls vier, d.h. weniger als die Hälfte. Coming Out heißt aber nicht bloß, eine "erste Idee" zu haben, sondern ist ein erheblicher Schritt weiter, der bereits die innere Auseinandersetzung um die Idee und einen ersten Abschluß in der Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung umfaßt.

Vielleicht geht der Unterschied darauf zurück, daß in den 80er und 90er Jahren kein Junge oder Jugendlicher mehr vollkommen unbewußt der Existenz von Homosexualität ein gleichgeschlechtliches Erlebnis haben kann, zu sehr tragen die Medien diese Existenz in alle Winkel der Republik. Folglich werden gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen von Jungen nun stärker tabuiert als in der Jugendzeit der von Dannecker & Reiche befragten Männer (Schmidt 1993).

Von daher ist es weitgehend inzwischen anders herum: zuerst scheint die Auseinandersetzung mit der möglichen homosexuellen Orientierung zu stehen, und dann erfolgt die Umsetzung, wie das folgende Kapitel zeigen wird.
 
 
 
 

4.4.3 Das Coming Out als homosexueller Mann

Das Coming Out als homosexueller Mann ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein Prozeß, der je nach Definition den "Beginn der bewußten Entwicklung eines schwulen Lebenskonzeptes" (Hentzelt 1994, S.23) markiert, alle Schritte vom ersten "Auftauchen der homosexuellen Triebrichtung im Bewußtsein" bis zur "Selbstwahrnehmung als Homosexueller" (Dannecker & Reiche 1974, S.39) umfaßt oder gar als lebenslang angesehen wird (Pagenstecher 1978).

Dieses Kapitel soll auf jenen Teil dieses Prozesses fokussieren, in dem die interviewten Männer sich selbst gegenüber akzeptierten, homosexuell zu sein, und es anderen mitteilten. Es soll beschrieben werden, wie die Männer diesen Teil des Prozesses erlebten, und dargestellt werden, ob und wie sich diese Schritte bei den beiden Clustern unterscheiden.
 

-      Lebensentwürfe vor dem Coming Out

In gewisser Weise geht es in diesem gesamten Kapitel um einen Abschluß und einen Neubeginn. Die Männer beschließen jene Zeit, in der fast alle wie selbstverständlich davon ausgingen, entsprechend der Mehrheit in unserer Gesellschaft heterosexuell zu sein, eine Frau zu heiraten und ggf. eine Familie zu gründen. Sie verabschieden sich von einem - für sie - unpassenden Selbstbild, um ein neues aufzubauen, ein neues Bild von sich als homosexueller Mann.

Bevor dieser Prozeß ausführlicher beschrieben wird, soll im folgenden Unterkapitel betrachtet werden, welche Lebensentwürfe die Männer in ihrer Jugend hatten. Für viele war dies ein Zeitpunkt, an dem sie sich selbst gegenüber bezüglich ihrer Homosexualität keineswegs im Klaren waren. Zu dieser Zeit konnten sie um sich herum erleben, wie die Peers sich auf den Weg in heterosexuelle Partnerschaften machten: mit 15 Jahren hatten 1994 knapp 30% aller männlichen Jugendlichen eine feste Freundin, mit 16 sind es bereits knapp 40% und mit 17 mehr als die Hälfte (Schmid-Tannwald & Kluge 1998). Auch wenn diese Zahlen in den 70er und 80er Jahren niedriger gelegen haben mögen, verdeutlichen sie dennoch den Erwartungsdruck, der auf Jugendlichen liegt, wenn es um den persönlichen Lebensentwurf geht.

Es soll dokumentiert werden, mit welchen Erwartungen damals die Jugendlichen an ihr zukünftiges Leben in Hinsicht auf ihr zukünftiges Beziehungsleben gingen, wie sie das "lebenskonzeptionelle Vakuum" füllten, welches Hentzelt (1994, S.167) in der von ihm untersuchten "präschwulen Phase" konstatiert.
 

- Der Wunsch nach Familie, Frau und Kind - der heterosexuelle Lebensentwurf

In beiden Clustern gibt es mehrere Männer, die in ihrer Jugend einen heterosexuellen Lebensentwurf hatten: eine Frau heiraten und eine Familie gründen. Teilweise steht der Kinderwunsch im Vordergrund, der mit Heterosexualität und Familie verbunden wird.

Nicht alle Männer erzählten von Ideen, Vorstellungen oder Plänen, die sie in ihrer Jugend gehabt hätten. Sie erinnern sich nicht daran, sich Gedanken über die Zukunft gemacht zu haben oder über Ehe und Familie nachgedacht zu haben. "Das war meines Wissens kein Thema".

Die meisten jedoch konnten sich recht gut daran erinnern, welche Vorstellungen über ihr zukünftiges Leben sie damals mit sich herumtrugen. Eine ganze Reihe von Männern aus beiden Clustern hatte während ihrer Jugend eine unbestritten heterosexuelle Lebensperspektive verinnerlicht. In diesen durchaus unterschiedlichen Vorstellungen gab es Ideen, in ein entferntes Land auszuwandern oder einen bestimmten Beruf zu ergreifen, aber immer auch "die ganz klassische Klischee-Vorstellung von einer Familie, mit Frau und Kind". Ein Kind oder mehrere, aber auf jeden Fall eine heterosexuelle Partnerschaft - das war die Vorstellung, auf die hingearbeitet wurde. Man "ging davon aus, daß das kommen würde".

Mit Frau oder Kind oder so? Ich nehme an, daß das so selbstverständlich war. Ich ging davon aus, daß das kommen würde. Ich wollte natürlich mit Menschen harmonisch zusammensein, mit ner Freundin, hab ich damals gedacht. Also, ich wollte immer normal sein. Ich wollte immer der normalste Normale sein, und mit allen Leuten können, und gar nicht mir irgendwas überlegen oder was Besonderes oder was Ungewöhnliches oder irgendwie 'n Spleen haben. Ich wollte keine Macke haben, ich wollte echt n ganz normaler Mensch sein. (Kurt)
Es war für diese 'harten Jungen' selbstverständlich, so wie es selbstverständlich für sie war, ein Junge zu sein. Heterosexualität war das 'Normale', und der Wunsch, 'normal' zu sein, wird von Männern des Clusters A häufiger geäußert.

Aber auch für viele 'weiche Jungen' war die Perspektive 'heterosexuell' unhinterfragt, wie eine natürliche Konsequenz. Ob es der Wunsch war, "wie die Eltern zu leben" oder dem glücklichen Familienleben der Geschwister nachzueifern - die Vorstellung, später in einer Ehe mit Frau und Kindern zu leben, hatte auch bei einigen Bestand, die bereits eine Ahnung von ihrer sexuellen Orientierung hatten. Manchem fehlte es auch nur an "Vorstellungen über Alternativen", und sie fingen erst nach ihrem zwanzigsten Lebensjahr wirklich an, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen.

Meine Vorstellung war ziemlich rosig, sprich, eine glückliche Familie haben mit Frau und Kindern. Meine Geschwister waren schon älter, meiner Schwester war auch schon verheiratet, und es wurde mir sehr angenehm vorgelebt, wie das so sein kann. Und so hab ich mir das auch vorgestellt. (Peter)
Manchmal war es auch nur der starke Wunsch nach einer heterosexuellen Beziehung, die wegen der wahrgenommenen erotischen Präferenz für Männer unerreichbar erschien. Ein Mann sagt sehr deutlich, daß ihm die Unmöglichkeit seines Wunsches, eine Familie zu gründen, damals bewußt war. "Das geht sowieso nicht", dachte er sich, auch wenn er es sich innerlich wünschte. Immer wieder verband sich der Wunsch mit der Vorstellung, seine homosexuelle Neigung könnte sich als "Phase" erweisen, und er "werde es dann so machen wie meine Eltern". In der Konsequenz verdrängte er alle möglichen Vorstellungen über sein zukünftiges Leben, machte Lehre und Job und "wollte erstmal so für mich sein".

Andere entwickelten einen Lebensentwurf, in dem vor allem eigene Kinder einen Platz haben sollten. Ein 'weicher Junge' erzählte schon als Kind, er würde mit 18 verheiratet sein und viele Kinder haben. Er bedauert es heute noch, daß sein Kinderwunsch bislang unerfüllt blieb. Der Wunsch nach Kindern nährte den Wunsch nach der heterosexuellen Ehe, da die Jugendlichen damals davon ausgingen, nur so mit Kindern leben zu können. Das Leben mit einem Mann hätten sie sich damals nicht vorstellen können.

Für mich war der Begriff Schwulsein immer nur negativ belegt. Ich hatte nie etwas in die Hände bekommen, irgendeine Zeitschrift oder irgendwas, wo ich auch darauf gestoßen wäre, es gibt außer mir irgend jemand anderes, der noch ein ähnliches Problem haben könnte. Ich habe mich nie dazu durchgerungen, zu sagen, ich bin schwul. Ganz und gar nicht. Sondern ich war weiterhin eigentlich fest überzeugt, daß ich Kinder sehr mag und ich denke, daß ich einen sehr guten Draht zu Kindern hab, und daß ich eigentlich Kinder haben wollte. Und es war für mich natürlich untrennbar mit Frau und Ehe verbunden. Das Leben zum Beispiel mit einem Mann zusammen, das hätte ich mir damals nie vorstellen können. Das war für mich nicht präsent. Gab es nicht. Es gab keine Schwulen. (Olaf)
Die Nicht-Sichtbarkeit homosexueller Lebensformen in der Öffentlichkeit der 70er und auch noch der 80er Jahre mag ihren Teil dazu beigetragen haben, auch bei diesen Männern die Vorstellung zu konservieren, nur in einem heterosexuellen Lebensmodell könne ihr Wunsch nach Kindern erfüllt werden.

Zwei 'harte Jungen' und ein 'weicher Junge' setzten sich vom Modell 'Ehe und Familie' ab, ohne jedoch den Schritt hin zu einem homosexuellen Lebensentwurf zu machen. Sie spürten, daß das herkömmliche Modell einer Beziehung aus Frau und Mann bzw. aus der Kleinfamilie ihren Vorstellungen nicht entsprach, mochten sich aber offensichtlich nicht allzu sehr davon entfernen. Für den einen war auch die Idee, "mit einer Freundin zusammenzuziehen" immer "ein Greuel" und Wohngemeinschaft "das richtige Modell", das er tatsächlich mit 18 Jahren erprobte. "Frei und unabhängig" sein und in einer WG wohnen, dies stellte sich auch der Mann aus Cluster B vor. Der zweite 'harte Junge' schließlich konnte sich eher noch vorstellen, mit seiner Großmutter "immer zusammen" zu leben oder eben allein. Die Vorstellung über das zukünftige Leben blieb folglich doch 'im Rahmen'.

Komisch, ich glaube, ich habe nie die Vision gehabt, eine Familie zu haben. Nie. War für mich kein erstrebenswertes Ziel, auch nicht in der Zeit. Also, daß man gedacht hätte, jetzt die richtige Frau finden und dann Kinder haben oder so. Lieber alleine sein. Zukunft habe ich eben alleine gesehen. Ich glaube, ich habe vielleicht mal so im Unterbewußtsein sogar mal gedacht, daß ich dann zu meiner Oma ziehe und daß man dann immer zusammen ist. So. Für immer und ewig. Aber nicht zu Ende gedacht halt. (Conrad)
Die Vorstellung, "daß es mit Männern auch irgendwelche Möglichkeiten gäbe", war bei diesen Männern nicht vorhanden. So planten sie eine Zukunft, die dem Üblichen entsprach, trauten sich höchstens, begrenzte Alternativen zu denken. Dies gilt für fast alle 'harten Jungen', bei den 'weichen Jungen' vor allem bei jenen, die dem höheren Altersspektrum zuzuordnen sind.
 

-  Der Lebensentwurf, homosexuell zu leben

Mehrere 'weiche Jungen' entwickelten in der Jugend Lebensentwürfe von homosexuellen Beziehungen und einem Leben als homosexueller Mann. Eine vergleichbare Vorstellung findet sich bei keinem einzigen Mann aus Cluster A.

Für einen nicht geringen Teil der 'weichen Jungen' war die Idee vorstellbar bzw. entsprach ganz der wahrgenommenen sexuellen und emotionalen Präferenz, mit einem Mann zusammenzuleben. Einige entwickeln diese Lebensentwürfe bereits in der Pubertät, andere im Laufe der Adoleszenz. Nur selten drückt sich dies jedoch in einer konkreten Vorstellung aus, zukünftig mit einem Mann gemeinsam zu leben, am deutlichsten noch bei jenen, die von ihrer Sehnsucht sprechen, einen Freund zu finden. Die Perspektive 'heterosexuelle Ehe' rückt ganz in den Hintergrund gegenüber dem mächtigen Wunsch nach einem männlichen Partner, "mit dem ich zusammen sein kann".

Manchmal äußern die Männer auch nur ihre grundsätzliche Ablehnung in jener Zeit, den üblichen Weg in Ehe und Familie zu gehen, insbesondere jene, denen bereits bewußt war, daß sie homosexuell sind.

Damals wußte ich schon sehr deutlich, daß ich schwul bin. Und da kam heiraten überhaupt nicht in Frage! Also, ich stand nie in der Versuchung, mein Schwulsein dadurch loszuwerden, daß ich ne Beziehung zu ner Frau eingehe. Von daher waren so Familie und Kinder immer außen vor. (Veit)
Ein Mann erinnert gar nicht, ob er sich eine Beziehung zu einem Mann als Zukunftsperspektive damals vorgestellt hat, aber er weiß genau, daß er "schwul leben" wollte, in welcher Form auch immer. Auch ihm fehlten noch Vorbilder, insbesondere gelebte Vorbilder, an denen er sich orientieren konnte. Aufschlußreich ist, daß er durchaus ein "unauffälliges Leben", "so ganz solide" und trotzdem homosexuell führen wollte. Dieser Wunsch nach dem Unspektakulären, Geordneten, Rechtschaffenen war für ihn denkbar und mit der Sehnsucht homosexuell zu leben in Einklang zu bringen, wo es bei den 'harten Jungen' gerade dieses scheinbar Ungeordnete eines homosexuellen Lebens war, was viel abschreckte.
Mit 17 hatte ich ja mein Coming Out, da wollte ich ja auf jeden Fall schwul leben. Und das zukünftige Leben, ja, weiß gar nicht, ob ich mir jetzt wirklich einen Freund vorgestellt hatte, mit dem ich eine Beziehung habe oder bis zum Ende meines Lebens, sowas erinnere ich gar nicht genau, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich wollte eher ein unauffälliges Leben führen. Zufrieden einen Beruf ausüben, genug Geld haben, so ganz solide und Schwulsein. Das wollte ich einfach, ich selbst sein dürfen. (Volker)
Dieser Wunsch, "ich selbst" sein zu dürfen und die bisherige Isolation zu überwinden, mag ein wichtiges Motiv bei dem homosexuellen Lebensentwurf gewesen sein. So klingt der Wunsch nach einem männlichen Partner und einem Leben in einer homosexuellen Partnerschaft manches Mal wie ein verzweifelter Versuch, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen. Einer spricht davon, er habe sich "durchgerungen, schwule Beziehungen zu suchen", nachdem er mehrere vergebliche Versuche, heterosexuelle Beziehungen einzugehen, hinter sich hatte. Ein zweiter hegte die Illusion, "mein Leben wird sofort gut, wenn ich einen Freund habe". Es war die Sehnsucht nach jemandem, der ihm zuhört, ihn versteht. Gar nicht unbedingt der Traum von einer Partnerschaft, sondern "ein Mensch, dem ich alles sagen kann".

Es gibt aber auch den Fall des trotzigen Aufbegehrens, bei dem ein 'weicher Junge' - in diesem Fall nach dem Erleben eines dauernden Kampfes zwischen seinen Eltern und einer anschließenden Trennung - Ehe und Familie für sich ablehnt, die Vorstellung einer homosexuellen Partnerschaft für sich adaptiert und sein Selbstwertgefühl gerade aus dem Anderssein seiner Perspektive zieht.

Also, ganz klar war mir irgendwie oder gar nicht zur Debatte stand, daß ich ne Familie haben will, irgendwie nich. Ich hatte zwar so die Vorstellung durchaus, daß ich Kinder haben möchte, und auch dieses Trotzgefühl, daß ich das dann mit Abstand besser mache als meine Eltern. Aber ich hab sehr so doch auf einen Liebhaber und Freund hin geplant. Das war mir eigentlich immer wichtig, das wollte ich eigentlich immer gern. Das hatte ich mir auch sehr einfach vorgestellt. (Leander)
So berichtet immerhin etwa die Hälfte der Männer aus Cluster B von einem mehr oder weniger ausgeprägten homosexuellen Lebensentwurf, während ein vergleichbarer Lebensentwurf bei den Männern aus Cluster A nicht anzutreffen ist.

Lediglich ein Mann aus diesem Cluster, der bereits früh sein Coming Out hatte, träumte von einer Beziehung mit einem anderen Mann, konnte sich aber einen homosexuellen Lebensentwurf nicht vorstellen, weil ihm dieser unerreichbar erschien: "Mir war klar, daß ich nie eine haben werde". Auch hier wird wieder die damals fehlende Sichtbarkeit homosexueller Männer und Partnerschaftsmodelle sichtbar, er kannte keine Bücher, es gab (fast) nichts im Fernsehen darüber. Er wußte weder, wie er einen anderen Mann kennenlernen sollte, mit dem er eine Beziehung eingehen könnte, noch wie eine solche Beziehung überhaupt "funktionieren" könnte. Seine ganze Sehnsucht war damals fixiert auf einen bestimmten Jungen, aber er dachte immer, "daß das keine Zukunft hätte".

Unter dieser mangelnden Sichtbarkeit litten auch die 'weichen Jungen' häufig, die einen homosexuellen Lebensentwurf hatten, aber vielleicht doch weniger als dieser 'harte Junge', wenngleich Rainer seine Jugend in derselben Zeit hatte, in der etwa Volker oder Leander Möglichkeiten fanden, sich über Homosexualität und homosexuelle Beziehungen zu informieren, d.h. sich Gelegenheit verschafften, die Möglichkeit einer homosexuellen Beziehung auszuloten.
 

-    Coming Out sich selbst und anderen gegenüber

Mehrere Entwicklungsschritte auf dem Weg zum Leben als homosexueller Mann waren bei den 'weichen Jungen' im Durchschnitt erheblich früher angesiedelt als bei den 'harten Jungen' (s. Kap.4.3.3 und 4.4.2). Im folgenden Unterkapitel soll beschrieben werden, ob und wie sich diese Entwicklung im Coming Out fortsetzt.

Die folgende Darstellung orientiert sich nicht an einem der vielen inzwischen entwickelten theoretischen Modelle vom Verlauf des Coming Outs (Cass 1978, Cohen & Savin-Williams 1996, Harry 1993, Troiden 1989) und nur sehr begrenzt an jenen Gliederungen, welche in Form von 'milestones' (Savin-Williams 1998) den Coming Out-Prozeß zu beschreiben versuchen. Die Struktur der Darstellung wurde aus den Themen entwickelt, welche die befragten Männer lieferten: Was ließ sie vermuten, homosexuell zu sein? Welche Empfindungen, Gedanken und Ereignisse lieferten den Anlaß für dieses Bewußtsein? In welchem Alter akzeptierten sie diese Tatsache? Was hat es ihnen besonders leicht oder besonders schwer gemacht hat, sich ihrer gleichgeschlechtlichen Gefühle bewußt zu werden und sie zu akzeptieren? Mit wem haben sie darüber gesprochen? Was behinderte sie dabei, ihre Homosexualität offen zu handhaben, was vereinfachte es ihnen? Wie schafften es die Männer, diesen gedanklichen Schritt heraus aus der Mehrheit hinein in eine Minderheit zu machen? Darüber hinaus war es natürlich stets von Belang, ob sich in diesen Punkten Unterschiede zwischen den beiden Clustern feststellen ließen.
 

-  Anlaß für das Bewußtsein, homosexuell zu sein

Neben der erotischen Anziehung, die spätestens in der Jugend spürbar wird, ist es die emotionale Anziehung, die viele überzeugend ihre Homosexualität bewußt werden läßt. Diese Wege der Wahrnehmung werden in beiden Clustern gleichermaßen erwähnt. Einzelne Männer berichten aber auch andere, sehr individuelle Anlässe für das Bewußtwerden ihrer sexuellen Orientierung.

Im vorangegangenen Kapitel 4.4.2 sind bereits die ersten homo-erotischen Gefühle behandelt worden. Einige 'weiche Jungen' erinnern die sexuelle Attraktion von Männern aus ihrer Kindheit, und spätestens im Verlauf der Pubertät bzw. in den Jahren danach drängte sich das sexuelle Begehren gegenüber dem gleichen Geschlecht in das Bewußtsein aller interviewten Männer.

Es war aber nicht immer die Sexualität, welche die Jugendlichen aufmerken ließ, sondern häufig auch oder gar ausschließlich die emotionale Anziehung anderer Jungen. Während sie sexuelles Interesse und Neugier am Körper und der Sexualität von Jungen auch bei ihren heterosexuellen Kameraden registrieren konnten, träumten sie darüber hinaus davon, dem geliebten Menschen nahe zu sein oder einfach auch nur die Zeit miteinander zu verbringen. Dieses Verliebtsein spielte für viele der Interviewten eine große Rolle bei der Idee, möglicherweise homosexuell zu sein, und ist sowohl bei 'harten' wie bei 'weichen Jungen' anzutreffen.

Ein Mann aus Cluster A, Rainer, beschreibt sehr plastisch, wie er sich mit 12 oder 13 Jahren in einen Jungen verliebte, der Hauptdarsteller in einem amerikanischen Film war. Viele Male ging er in den Film, um diesen Jungen zu sehen. Dabei bemühte er sich, sein Interesse nicht sichtbar werden zu lassen, indem er etwa seiner Mutter gegenüber Täuschungsmanöver unternahm. Er muß gemerkt haben, daß dieses starke Interesse für einen Jungen ungewöhnlich ist, und wollte zu jener Zeit nicht, daß jemand davon etwas mitbekam und es vielleicht "komisch" fand. Gleichzeitig genoß er dieses Verliebtsein ganz unbeschwert - eine Parallele zu den unbeschwerten homosexuellen Kontakten anderer, von denen in Kap. 4.4.2 die Rede war.

Ich hatte einen Kino-Film gesehen, den habe ich dann insgesamt acht Mal gesehen, weil da auf einmal jemand war, da war ich echt verliebt, zum ersten Mal. Das war 'E.T.', da war so ein kleiner Junge halt, Elliot hieß der, war kleiner als ich. Den Film habe ich ganz oft gesehen. Ich habe mir die tollsten Sachen ausgedacht, zu meiner Mutter zu sagen, ja, da gehe ich jetzt nochmal rein. Oder ich habe gesagt, ich wurde eingeladen von dem und dem, habe das aus eigener Tasche bezahlt und habe ihn eigentlich eingeladen. Nur damit meine Mutter das nicht komisch findet. Das war mir schon unangenehm. Man geht ja nicht so oft in so einen Film! Und da war ich wirklich ... das war unglaublich! War halt so ein erster.. ein erstes Verknallt-sein wirklich, kann man sagen. Was hast Du in dem Zusammenhang empfunden, als du diesen Film immer wieder gesehen hast und gemerkt hast, ich finde diesen Jungen so toll? Fand ich super! War absolut durchweg positiv! Habe ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht. Das war halt, bevor ich irgendwelche negativen Sachen über Schwule gehört hatte. Das Wort schwul kannte ich wahrscheinlich gar nicht. Also das war überhaupt kein Aspekt, ich war absolut unvorbelastet und von daher war es absolut positiv. (Rainer)
Durch einen Brief, den er an den Darsteller des Elliot schrieb, wurde sein Schwärmen für den Jungen seinen Eltern bekannt. Zu diesem Zeitpunkt mußte ihm durch das Verliebtsein klar geworden sein, daß er homosexuell ist, denn er log ganz bewußt seine Eltern an, um seine Homosexualität zu verbergen. Er sagte ihnen nur, sie bräuchten sich keine Gedanken darüber machen, er sei nicht homosexuell. "Und dann war die Sache zumindest in meinen Augen erst mal erledigt."

Rainer datiert sein Coming Out auf etwa dreizehn oder vierzehn, und als einzige Quelle des Bewußtseins, homosexuell zu sein, benennt er das Verliebtsein in den jungen Schauspieler. Er kann sich weder an vergleichbare Gefühle vor seiner Pubertät noch vor dieser ersten Liebe erinnern, obwohl er während seiner Kindheit meist mit einzelnen Jungen sehr eng befreundet war.

Er wußte und akzeptierte für sich selbst, einen Jungen zu lieben, ging damals aber davon aus, der einzige damit zu sein. Es war - und blieb - lange Zeit sein großes Geheimnis. Wie selbstverständlich wurde dieses erste Verliebtsein durch ein nächstes abgelöst, diesmal ein realer Junge aus seiner Nachbarschaft. Die folgenden vier Jahre lebte er die unerfüllte Sehnsucht, suchte die Nähe des Jungen in der Schule oder beim Sport ("dann war ich auch 'zufällig' in dem Raum"), ohne sich ein einziges Mal zu trauen, diesem wirklich nahe zu kommen. "Direkten Kontakt hatten wir nie, daß wir mal gesprochen hätten, das war ... absolut nicht drin."

Zu dem Gedanken, der einzige zu sein, kam allmählich das Wissen um das Ansehen von homosexuellen Männern in der Öffentlichkeit, was ihn veranlaßte, sein "großes Geheimnis" für sich zu behalten und sich an seinen Computer zurückzuziehen. Dieser 'harte Junge', der sich während seiner Jugend - im Gegensatz zu fast allen anderen 'harten Jungen' - von den Kameraden zurückzog, lag zuhause, schrieb verliebte Briefe, träumte von "ihm" und hatte die ganze Zeit schreckliche Angst, seine Liebe würde entdeckt. "Da hab ich zu gemacht. Eigentlich gegenüber der ganzen Umwelt."

Das Selbstbewußtsein dieses 'harten Jungen' war anscheinend stark genug, um durch Homosexualität nicht wesentlich beeinträchtigt zu werden, zumindest solange sie geheim blieb. Es war dennoch wohl nicht stark genug, um offen nach außen dazu zu stehen oder Kontakte zu anderen Homosexuellen anzuknüpfen. Dies schaffte er erst sieben Jahre nach seinem ersten Verliebtsein und dem bereits damals vorhandenen Bewußtsein, homosexuell zu sein.

Ähnlich wie Rainer beschreiben viele der Männer ihr erstes Verliebtsein in einen Jungen, mal stark mit sexuellen Motiven vermischt, mal überwiegend emotional bestimmt. Bei Dirk, auch aus Cluster A, setzte das Interesse ebenfalls früh in der Pubertät ein, er verliebte sich immer wieder in Jungen aus seiner Umgebung und litt an deren Desinteresse.

Ich bin immer noch mit den Jungs in die Disco gegangen, hab mit denen auch gesoffen, wenn wir uns mal getroffen haben. Aber bei mir, glaub ich, auch mit einem anderen Hintergrund. Ich hab dann auch gesoffen, weil ich nicht an sie rankam. Das war immer das besonders Schlimme, wenn irgendwelche Jungs sich nicht gemeldet hatten, mit denen ich mich verabredet hatte oder wo ich dann gerne wollte, daß sie nach der Schule noch mit zu mir kommen, und das wollten sie dann eben nicht. Das hat mich immer schwer enttäuscht. Das hab ich alles aufgeschrieben. (Dirk)
Auch Ernst beschreibt dieses häufige Verliebtsein in Jungen, nachdem er ganz zu Beginn der Pubertät das erste Mal sehr lustvoll Sex mit einem älteren Jungen hatte. Er sehnte sich nach der Nähe der geliebten Jungen, suchte auch ihre körperliche Nähe, aber sowohl die emotionale wie auch die sexuelle Seite seiner Zuneigung fand wenig Widerhall. So spricht er von "Liebeskummer", wenn er wie Dirk seine unerwiderte Sehnsucht beschreibt.

Wie mehrere Männer des Clusters A erzählen auch viele Männer des Clusters B von ihrem Verliebtsein in andere Jungen oder in Männer, und wie dieses Verliebtsein sie eindringlich mit der Tatsache ihrer sexuellen Orientierung konfrontierte. Einer verliebte sich während der Pubertät in den gleichaltrigen Sohn eines Handwerkers, der bei ihnen im Haus tätig war. Obwohl er schon frühzeitig sehr explizit sexuelle Bedürfnisse gegenüber Männern empfand, weckte im Fall dieses Jungen dessen Schönheit seine Liebe.

Einmal tauchte ein Maler auf, der das Haus in Ordnung brachte. Und der hatte einen wunderhübschen Sohn, den er auch mitbrachte. Dunkle Augen, dunkle Haare, und ich war jeden Tag glücklich, wenn der kam, und ich war ganz aufgeregt und ich fand ihn soooo schön! Es war wirklich der schönste Junge, an den ich mich überhaupt erinnern konnte. Ich wollte unbedingt, daß meine Schwester mit ihm zusammen kommt oder so. Hat aber nicht geklappt. Den habe ich so geliebt, das war meine erste Liebe. Aber heimliche Liebe. Und wenn der so rumgeturnt und mich in den Arm genommen hat, dann war ich der glücklichste Mensch. (Albert)
Es war zu diesem Zeitpunkt noch eine "heimliche Liebe", deren Erfüllung er sich nicht vorzustellen vermochte, weshalb er die Idee hatte, seine Schwester solle mit diesem wundervollen Jungen zusammenkommen. Einige Zeit später verliebte er sich in einen Filmschauspieler, und dieses Mal merkte er, daß dieses Verliebtsein etwas mit Homosexualität zu tun hatte.
Wir machten da in Stuttgart bei einer Tante Urlaub, und da habe ich mich in diesen Film-Schauspieler Matt Dillon verliebt, und da habe ich mit fünfzehn Jahren das allererste Mal gedacht, oh Gott, bis du etwa schwul? Das war für mich ein totaler Schock. Nein nein nein nein nein nein, dachte ich. (Albert)
Obwohl er sie zuerst nicht wahrhaben wollte, war für ihn dieses Verliebtsein in den Schauspieler ein Signal für seine Homosexualität. Bei vielen Männer aus Cluster B zog sich solch ein - meist heimliches - Verliebsein durch die gesamte Zeit bis zum Coming Out, es wurde schließlich etwas für sie 'Normales', an das sie sich gewöhnten und das die Erkenntnis, homosexuell zu sein, geradezu herausforderte.
Schließlich hab ich mich aber immer mehr in Johannes verliebt und wurde halt auch schrecklich eifersüchtig. Und als er dann anfing, seine ersten Frauen zu erobern, hab ich Tragödien erlebt! Also, als er das erste Mal mit seiner Freundin ausging, hab ich die ganze Nacht durchgeheult. Und fühlte mich verraten und verlassen und alleine. Ich verwechselte dann meine Liebe mit Freundschaft, ich wußte gar nicht, daß ich eigentlich ihn liebte. Und als mir das dann klar wurde, da war's für mich klar, daß ich schwul bin. (Lars)
Das Thema 'nicht erwiderte Liebe' taucht in diesem Zusammenhang mehrfach auf. Die anderen Jungen oder der beste Freund sind eventuell zu gemeinsamer Sexualität bereit, wie im Fall von Lars und Johannes, aber das Verliebtsein bleibt einseitig. In einem anderen Fall verdrängt der 'weicher Junge' Sexualität vollkommen aus der Freundschaft, merkt aber auch an seinen vergeblichen Eroberungsversuchen, daß er offensichtlich homosexuell ist.
Und dann kam so die Zeit, daß ich mich in einen Mitschüler verliebt habe und hab da auch sehr viel Energie reingesteckt. Das kam auch alles so nach der Pubertät, so mit vierzehn. David heißt der, und in den habe ich mich wieder so ideell verliebt. War wieder so mein Idealbild, er war schmächtig, künstlerhaft, musisch, und das fand ich toll. Und habe versucht, so fast im altgriechischen Sinne, gemeinsame Interessen mit ihm aufzubauen. Hab durchaus auch Erfolge gehabt, zwar nicht, ihn zu erobern, sondern daß er eben beeindruckt war, wie interessiert ich bin. Und bei mir war das wirklich so, wie kann ich den erobern? Oder seine Zuneigung gewinnen. Was mir aber nie wirklich gelang. (Leander)
So verhilft das Verliebtsein in einen anderen Jungen einem Teil der Männer zum Coming Out sich selbst gegenüber. Das Liebesgefühl präsentiert möglicherweise ein Verhältnis zu anderen Jungen oder Männern, wie es sexuelle Begierde oft nicht so eindeutig und spontan tut. Diese Erfahrungen machten sowohl einige 'harte' wie einige 'weiche Jungen'.

Ein großer Teil der Männer beider Cluster nimmt jedoch offenbar den sexuellen Reiz, welcher für sie von Jungen und Männern ausgeht, zum Anlaß, sich selbst als homosexuell zu empfinden. Einem Mann genügte der starke Reiz, den Abbildungen nackter Männer in einem Magazin auf ihn ausübten (ebenso wie kurz zuvor das gutgeformte Gesäß eines Mitschülers), um sich seiner sexuellen Orientierung gewiß zu sein.

Ich habe mir dann so ein Heft besorgt, wo ein Typ halt nackt drin war. Also nix heftiges oder so, sondern eine Aneinanderreihung von erotischen Fotos von Männern, und das fand ich toll. (...) Und ich hab auch sofort bemerkt, das gefällt dir total gut! Und dann habe ich gedacht, meine Güte, du wirst doch wohl nicht schwul sein? Und dann habe ich gedacht, ja, du bist wohl doch schwul. Das ging alles ganz schnell, dann ist das für mich auch klar gewesen. Einfach durch dieses Durchblättern, daß mir das so gut gefallen hat! Da habe ich wirklich für mich gedacht, das ist eigentlich das, was du immer wolltest! Ich mußte bei Frauen- Magazinen immer so lange blättern, bis mir mal eine Frau richtig gefiel. Ich mußte da sehr extrem suchen, bis ich da mal eine Frau hatte, die auf mich eine erotische Wirkung hatte. Das war eigentlich so, genau, weil das so mühsam war. Und daß auf einmal dieser Mann ... und da waren auch noch andere Männer und die gefielen mir eigentlich auch ganz gut. (...) Es war für dich selber ganz schnell klar: ja, ich bin schwul? Der Akzeptanz-Prozeß war für mich kurz, heftig, erschreckend, aber klar. Kann man sagen, ja. War keine lange Geburt. Man hat sich vielleicht innerlich gedacht, das ist nur vorübergehend, aber dann habe ich gedacht, nein, das ist so stark das Gefühl, das ist nicht vorübergehend, das ist so! (Conrad)
Ein solch schnelles Bewußtsein der eigenen sexuellen Orientierung aufgrund erotischer Reize ist ungewöhnlich. Die meisten Männer berichten davon, daß sie über einen längeren Zeitraum die sexuelle Anziehung wahrnahmen, welche Jungen oder Männer auf sie ausübten, dieses aber erst nach einiger Zeit in ihnen die Erkenntnis reifen ließ, homosexuell zu sein. Für die 'weichen Jungen' ist dies umso verständlicher, da sie i.d.R. bereits früh die sexuellen Signale von Männern oder Jungen registrierten. Sie benötigten länger, ehe sie ihre Schlüsse daraus zogen.

Bei den 'harten Jungen' gibt es noch jene, die sexuelle Erfahrungen mit Mädchen machen und - neben dem homo-erotischen Reiz - ihr wenig entwickeltes sexuelles Interesse an dem weiblichen Körper zu spüren bekommen. Diese Erfahrung machte etwa Micha, dem viele Jahre ausschließlich Männer als erotisches Stimulans dienten.

Beim Sport hauptsächlich war das dann so, ne. Oder Schwimmen, ich war hinterher im Schwimmverein, wie alt war ich denn da? 17, 18. Also das fand ich natürlich superspannend! Und da hab ich mir die Männer genauestens angeguckt. Und das warn dann auch so meine Wichsphantasien, klar. Man zog sich halt in ner Sammelkabine irgendwie um. Also, die Männer fand ich schon sehr attraktiv! Das hat mich immer völlig aufgeregt. Und dann kriegte ich meistens irgendwie n Ständer. (Micha)
Dies konnte ihn trotzdem nicht davon überzeugen, homosexuell zu sein. Obwohl er wie Conrad stets wahrgenommen hatte, wie nur eine sehr begrenzte Auswahl von Frauen für ihn überhaupt sexuell reizvoll war, meinte er: "Ich muß es jetzt erst mal mit ner Frau ausprobieren". Er verliebte sich und hatte über mehrere Jahre ausschließlich Frauenbeziehungen.

Einige erzählen davon, daß weniger der immer wieder verspürte erotische Reiz sie überzeugte, homosexuell zu sein, sondern ein sexuelles Erlebnis zumindest letzter Auslöser für ihr Coming Out war. Es scheint so zu sein, daß der erotische Reiz, der vom männlichen Geschlecht ausgeht, von vielen dieser Männer registriert wurde und als Stimulans bei der Selbstbefriedigung diente, Abwehr oder andere Motive jedoch zuließen, sich dennoch nicht als homosexuell zu verstehen. Mehrere Männer erzählen, daß sie seit der Pubertät vor allem Männer sexuell reizvoll fanden, aber erst nach einer als befriedigend erlebten sexuellen Begegnung den Schritt machten, sich als homosexuell anzusehen: "Da war klar, daß das genau das ist, was ich wollte!"

Besonders auffällig ist das bei einem Mann aus Cluster A, von dem oben bereits die Rede war. Er verliebte sich ständig in andere Jungen und suchte ausdauernd ihre Nähe. Aber erst das befriedigende Erlebnis einer Nacht mit seinem zukünftigen Freund überzeugte ihn restlos davon, daß er homosexuell ist.

Bis ich zweiundzwanzig war, wenn jemand mich gefragt hätte, bist du schwul, hätte ich gesagt: Ich weiß nicht. Ich hatte ja mal ne Freundin und da war ich ja auch verliebt. Und dann hatte ich Sex mit einem Mann, als ich zweiundzwanzig war, und damit war es klar, und ich hab's den nächsten Tag allen Leuten erzählt, und seitdem ist es kein Thema mehr sozusagen, also, seitdem ist es so. (Dirk)
Vergleichbar spektakulär war für einen weiteren Mann der "Auslöser fürs Coming Out". Er hatte in der Jugend ständig Sex mit anderen Jungen, heiratete aber dann, und erst mit 25 Jahren wurde ihm nach einer Verführungsszene durch seinen besten Freund klar, "daß es meine Welt war".
Als ich dann mein Fachabitur machte, habe ich jemanden aus meiner Klasse kennengelernt, der ebenfalls verheiratet war. Das war der erste Mann, mit dem ich wirklich Sex hatte. Das war dann so mein Auslöser fürs Coming Out. Da war ich fünfundzwanzig. Damals waren wir gut befreundet, wir haben halt viel zusammen gelernt, zusammen Sachen unternommen, mal mit den beiden Frauen, mal alleine. Ja, und irgendwann hat sich das bei ihm in der Wohnung ergeben, zwei, drei Monate vor der Prüfung, daß er mich dann einfach anfing, auszuziehen. Und dann haben wir Sex gemacht. Ich war sowas von fertig, im Sinne von verwirrt danach! Ich wußte nicht mehr, in welcher Welt ich lebte. Aber ich wußte, daß es meine Welt war, nach dem Erlebnis. (Tom)
Neben diesen beiden zentralen Punkten Verliebsein und sexuelle Anziehung benennen einzelne Männer noch weitere Anlässe, die ihnen zu ihrem Bewußtsein verhalfen, homosexuell zu sein. Dies sind meist sehr individuelle Ereignisse, die ihnen aber in der Rückschau als eine Art 'Durchbruch' in der Erkenntnis ihrer sexuellen Orientierung erschienen.

Gewißheit im Zuge eines Denkprozesses beschreiben zwei Männer. Nach einer seelisch sehr schwierigen Zeit der Isolation und Ziellosigkeit mit einigen Versuchen heterosexueller Kontakte kam für den einen mit zweiundzwanzig Jahren dieser Gedanke sehr spontan. Er hatte Haschisch geraucht und über seine Unfähigkeit, anderen Menschen Zuneigung und Liebe zu geben, nachgedacht. "Ich hab die Katze nicht mal streicheln können!" Es ist ihm selbst nicht mehr möglich, den Gedankengang plausibel zu schildern, aber in dieser Situation kam ihm in den Sinn, homosexuell zu sein. "Und sofort hat irgendwie alles Sinn gemacht. Alles. Da habe ich gleich gesagt, das sind deine Schwierigkeiten, jetzt hast du's raus!" Der zweite Mann stand am Rande einer Discotheken-Tanzfläche und fragte sich: "Warum find ich diese Frauen, die jetzt auf der Tanzfläche sind und wohl objektiv irgendwo schön sind, nicht erotisch?" Obwohl er bereits als Kind großes Interesse am männlichen Körper verspürt hatte und Abbildungen nackter Männer aus Zeitschriften sammelte, sah er sich nicht als homosexuell an.

Tja, das war dann schon der erste böse Verdacht bei mir, es kann nur sein, daß ich schwul bin. Weil, die Jungs, die ich da teilweise auf der Tanzfläche gesehen hab, die fand ich schön, die fand ich interessant. Das war irgendwie mehr so, daß ich die kennenlernen wollte. (Valentin)
Eine Titelgeschichte über Homosexuelle im STERN diente bei einem anderen Jugendlichen als Auslöser für sein Coming Out sich selbst gegenüber. Er wuchs in einem eher sexualfeindlichen Milieu als Einzelkind auf, dem er erst durch die Bundeswehr entfliehen konnte. Danach bekam er jene Story des STERN in die Hand, die ihn sehr beeindruckte.
So richtig 'WAFF' machte das irgendwann, da war im STERN so ein großer Artikel über Homosexualität, und auf dem Titelbild waren zwei Männer, die sich umarmten. Also Zweisamkeit und Zärtlichkeit... ja, und eben von einem anderen Mann und nicht, wie das sonst eben normalerweise zu sehen ist, von einer Frau. Und das hat mich total berührt, also, ich hab da vor diesem Titelblatt gestanden und .. ja, und da kam was ins Rollen. Irgendwie wurde klar, daß es das ist, was ich will. Das ist mein Weg, und ich fand, so allmählich müßte es mal losgehen, sonst hast du nix von deinem Leben gehabt. (Josef)
Ein intensiver Kuß mit seiner damaligen Freundin ließ den bis dahin heterosexuell aktiven Christian vermuten, er sei homosexuell. Der Kuß war ihm unangenehm. Zwei Jahre zuvor hatte er einen sexuellen Kontakt zu einem Mann abgebrochen, weil er sich vor diesem ekelte, und dieser Ekel war ein Zeichen für ihn, nicht homosexuell zu sein. Mit siebzehn verspürte er den Wunsch, einen Mitschüler zu küssen, was erstmalig den Gedanken aufbrachte, ob er homosexuell sein könnte. Zu jener Zeit war er mit einer Frau befreundet, was den Gedanken vorläufig wieder in den Hintergrund geraten ließ. Dann aber, mit achtzehn, ekelte er sich bei einem Kuß mit seiner Freundin, was ihn endgültig auf den Gedanken brachte, homosexuell zu sein. "Seit dem Moment wußte ich, du bist anders".

So gibt es eine Vielzahl von Ereignissen, welche den Männern ihre sexuelle Orientierung ins Bewußtsein brachten, wenngleich emotionale und sexuelle Attraktion am häufigsten genannt werden. Weder die eine noch die andere Art von Ereignis wird von Männern eines Clusters häufiger genannt als von Männern des anderen Clusters, insbesondere sexueller Reiz und Verliebsein tauchen in beiden Gruppen häufig auf. In der Frage des Anlasses, der eigenen Homosexualität gewahr und bewußt zu werden, sind hier keine Unterschiede feststellbar.
 

-  Coming Out sich selbst gegenüber

Die 'weichen Jungen' waren sich erheblich früher darüber im Klaren, homosexuell zu sein. Mehr als die Hälfte von ihnen wußte dies sicher mit achtzehn Jahren, während von den 'harten Jungen' die Hälfte sich erst mit zweiundzwanzig Jahren dieser Tatsache gewiß war.

Eine zunehmende Zahl von Jugendlichen definiert sich relativ früh als homosexuell, in der aktuellsten amerikanischen Untersuchung (Savin-Williams 1998) sind es 20% während Kindheit und früher Adoleszenz, 40% in der High School und 40% im College. Das Durchschnittsalter aller seiner Befragten beim Coming Out lag bei 16,87 Jahren.

Im Auswahl-Fragebogen wurden alle Männer gefragt, in welchem Alter sie ihr Coming Out sich selbst gegenüber hatten. Das Coming Out wurde je nach Gegenüber (selbst, Freunde, Eltern) differenziert abgefragt, wobei sich z.T. erhebliche Altersdifferenzen zwischen den drei Bereichen ergaben. In vorhergehenden Kapiteln war schon deutlich geworden, daß die Angaben über das Alter bei bestimmten Ereignissen bzw. 'Stufen' des Prozesses zwischen den beiden Clustern differieren, wobei die Altersangaben aus Cluster A im Durchschnitt zwei bis drei Jahre über jenen aus Cluster B lagen. Auch bei der nun behandelten Frage ist die Differenz bei den Altersangaben zwischen den Clustern groß. Der Median für Cluster A liegt hier bei zweiundzwanzig, der für Cluster B bei achtzehn Jahren, beim Mittelwert liegt die Alters-Differenz bei 2,68 Jahren.

Alter beim Coming Out sich selbst gegenüber (Auswahl-Fb.)  'harte Jungen' 
(kumulierte Prozent)
'weiche Jungen' 
(kumulierte Prozent)
bis 12 Jahre 6,3 % 11,5 %
bis 16 Jahre 25,0 % 36,5 %
bis 20 Jahre 43,8 % 73,1 %
bis 25 Jahre 87,5 % 96,2 %
bis 30 Jahre 93,8 % 100 %
bis 35 Jahre 100 %  
Mittelwert 20,81 18,13
Median 22 18

Tab. 11: Alter beim Coming Out sich selbst gegenüber
 

Nur ein 'harter Junge' unter den Interviewten hatte mit 14 Jahren sein Coming Out sich selbst gegenüber. Rainer bildet damit die große Ausnahme im Cluster A. Wie im vorangegangenen Abschnitt ausführlich beschrieben, war ihm selbst sehr früh klar, daß er homosexuell ist. Das Verliebtsein in den Hauptdarsteller eines Filmes ließ ihn ungewöhnlich früh erkennen, wie sehr er in seinen Gefühlen und in seiner Sexualität auf Jungen bzw. Männer ausgerichtet war.

Ein zweiter, Conrad, hatte sein Coming Out mit siebzehn, und diese beiden Männer blieben die einzigen im Cluster A, welche diesen Schritt während ihrer Adoleszenz vollbrachten. Der größte Teil datiert das endgültige Coming Out sich selbst gegenüber auf zwei- bis fünfundzwanzig.

Das Eingeständnis eigentlich, schwul zu sein, kam erst so mit fünfundzwanzig, sechsundzwanzig. Das klare Eingeständnis, ich bin schwul. Dir selbst gegenüber? Ja. (Olaf)
Das Eingeständnis oder die Akzeptanz der eigenen Homosexualität sich selbst gegenüber lag in der Gruppe der 'harten Jungen' folglich bei über 50% jenseits der Adoleszenz und des 21. Lebensjahres. Es kam überwiegend zustande, nachdem sie längst das elterliche Haus verlassen hatten und im Studium oder Beruf standen, wie es auch Savin-Williams (1998) für einen Teil seiner Befragten beschrieb: "College presented many of the youths with an opportunity to 'try out a new identity'"(S.156). Lediglich die beiden frühesten Coming Out'ler wohnten noch bei ihren Eltern, als ihnen klar war, daß sie homosexuell sind.

Damit war die Situation der meisten 'harten Jungen' zum Zeitpunkt des Coming Out eine vollkommen andere als die der 'weichen Jungen', von denen fast alle bei ihrem Coming Out noch im Hause ihrer Eltern bzw. eines Elternteils lebten.

Dies hängt natürlich auch mit dem Alter zusammen, in dem sie ihre Homosexualität für sich selbst anerkannten, in dem sie - gezwungenermaßen oder bereitwillig - akzeptiert hatten, sich selbst als homosexuellen Jugendlichen bzw. Mann anzusehen. Vier der dreizehn interviewten 'weichen Jungen' hatte dies mit sechzehn Jahren bereits hinter sich.

Drei dieser Männer schrieben zwar eine Altersangabe auf den Auswahl-Fragebogen (9, 12 und 16), im Interview geben sie sich jedoch fast 'Coming Out-los': "Ich glaube, es war mir immer klar, daß ich schwul bin". Entsprechend schildern sie ihre Entwicklung zum homosexuellen Mann ohne einen Moment, in dem ihnen ihre sexuelle Orientierung bewußt wurde und sie diese für sich akzeptierten. Sie vermeiden konkrete Zeitangaben ("Ich kann das nicht zeitlich festlegen"), sprechen eher davon, "allerspätestens" in der Pubertät hätten sie gewußt, daß sie homosexuell seien.

Für alle vier 'weichen Jungen' mag diese Aussage passend sein, unternehmen sie doch schon bald darauf Aktivitäten, sich Informationen zu beschaffen bzw. registrieren aufmerksam, wie in den Medien Homosexuelle dargestellt werden. Da sie nicht damit beschäftigt sind, die Erkenntnis ihrer Homosexualität abzuwehren, können sie sich noch vor ihrem sechzehnten Lebensjahr intensiv mit dem Thema beschäftigen.

Ich hatte mich bestimmt drei Jahre theoretisch beschäftigt mit Schwulsein, von 14 bis 16. Schwule Musik gehört und all sowas. Ich habe mich nur nicht getraut, es jemand anderen zu sagen. (Volker)
Ich hab mir dann von einem schwulen Verlag heimlich Sachen schicken lassen. Hab ich mir immer die Kataloge schicken lassen und habe angefangen, Sachen zu bestellen. Da war ich dann noch unter 16. (Leander)
Mit siebzehn bzw. achtzehn schließlich erreichten vier weitere Männer aus Cluster B diesen Punkt, d.h. auch sie noch während ihrer Adoleszenz. Nachdem der eine mit 15 ganz erschrocken sein Verliebtsein in einen Schauspieler als homosexuell interpretierte, ließ er sich von Informationen aus der 'BRAVO' dazu verleiten, es als "pubertäre Phase" zu verstehen. Er wartete deshalb geduldig bis zu seinem 18.Geburtstag, wenn er "erwachsen" sein würde, um zu sehen, ob er dann immer noch an Männer denken müßte. Ein anderer ging bereits mit 17 Jahren in Pornokinos, "sah das erste Mal Sex zwischen Männern und war begeistert und fand das total erregend". Die Faszination trieb ihn von da an "bestimmt zwei-, dreimal die Woche" in die Kinos und zu den Männern, mit denen er dort Sex haben konnte.

Lediglich drei der dreizehn Interviewpartner aus Cluster B datieren ihr Coming Out auf ein Alter von 20 Jahren oder älter, wobei ein 'weicher Junge' mit 25 Jahren weit abgeschlagen die obere Grenze darstellt. Wie die Daten des Gesamtclusters zeigen, liegen bei den 'weichen Jungen' nur zwei Männer mit ihrem Coming Out noch in einem höheren Alter.

Von zwei Ausnahmen abgesehen, hatten also alle interviewten 'weichen Jungen' ihr endgültiges Coming Out sich selbst gegenüber vor ihrem 21.Geburtstag, während sechs der neun 'harten Jungen' diesen 'Meilenstein' erst nach ihrem 21.Lebensjahr erreichten.
 

-  Begünstigende Faktoren für ein frühes Coming Out sich selbst gegenüber

Jugendliche, die in einem sexualfreundlichen Klima aufwuchsen, hatten zu einem früheren Zeitpunkt ihr Coming Out als jene, die als Kind in einem Umfeld lebten, in dem Sexualität tabu und Aufklärung selten war. Ein früheres Coming Out findet sich zudem eher bei den jüngeren Männern. Beides gilt sowohl für 'harte' wie für 'weiche Jungen'. Medien als begünstigende Faktoren erwähnen jedoch ausschließlich 'weiche Jungen'.

Das Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit scheint ein Faktor zu sein, der den Zeitpunkt des Coming Outs bei den interviewten Männern beeinflußt hat. Innerhalb der Cluster gibt es jedoch eine große Spannweite, was diesen Zeitpunkt angeht. In Cluster A beträgt die Spannweite 12 Jahre (das früheste Coming Out lag bei 13, das späteste bei 25 Jahren), in Cluster B beträgt sie sogar 16 Jahre (von 9 bis 29 Jahren). Dies läßt vermuten, daß es weitere Faktoren gibt, die ein frühes Coming Out begünstigen können, etwa die Offenheit der Gesellschaft für sexuelles Anderssein. Carballo-Dieguez (1994) konnte dies deutlich bestätigen, als er Männer aus Costa Rica befragte, die Sex mit anderen Männern hatten. Nur ein Teil dieser erwachsenen Männer sah sich als homosexuell an, das repressive Klima ihres Landes machte dies den anderen unmöglich.

Vergleicht man jene Jugendlichen aus beiden Clustern, die ein frühes Coming Out hatten, mit jenen, deren Coming Out sehr viel später lag, werden drei weitere Faktoren sichtbar, die wohl auch eine Rolle spielen: sexualfreundliche Einstellung der Eltern bzw. des Umfelds und das jeweilige Alter der Befragten bzw., ob sie bereits von gesellschaftlichen Veränderungen profitieren konnten, die in den 80er und 90er Jahren einsetzten. Und schließlich scheinen positive Medien-Darstellungen zumindest einen fördernden Einfluß auf den Entschluß gehabt zu haben, die eigene Homosexualität für sich selbst anzunehmen.

Einen Hinweis auf den zweiten Faktor lieferte bereits die Korrelationsanalyse der Daten des Auswahl-Fragebogens. Die Variable 'Alter der Befragten' und die drei Altersangaben zum Coming Out (gegenüber sich selbst, gegenüber Freunden und gegenüber den Eltern) wiesen eine hohe Korrelation auf. Keine andere Variable korrelierte derart stark mit allen drei Altersangaben zum Coming Out(3). Lediglich das Alter, in dem zum ersten Mal eine erotische Attraktion durch Männer bzw. Jungen wahrgenommen wurde, weist ebenfalls eine hohe Korrelation mit dem Coming Out auf, allerdings nur mit jenem gegenüber sich selbst(4). So ist wahrscheinlich auch das niedrigere Alter der 'weichen Jungen' bei der 'ersten Attraktion' ein Faktor dabei, daß ihr Coming Out in einem früheren Lebensalter stattfindet.

Im folgenden möchte ich jedoch besonders auf den Faktor 'sexualfreundliches Umfeld' eingehen, durch den ein qualitativer Unterschied zugunsten einer unbelasteteren Akzeptanz homosexuellen Begehrens feststellbar erscheint.

Rainer und Conrad hatten als erste des Clusters A diesen 'Meilenstein' homosexueller Entwicklung hinter sich gebracht. Conrad wurde mit sechzehn Jahren auf einen Mitschüler aufmerksam, dessen Körper ihn faszinierte. Bereits mit siebzehn stellte er für sich selbst fest, homosexuell zu sein, nachdem er seine Reaktion auf Abbildungen nackter Männer erlebte: "Der Akzeptanz- Prozeß war für mich kurz, heftig, erschreckend, aber klar", es sei keine "lange Geburt" gewesen.

Rainer wurde mit 14 Jahren ebenfalls "ziemlich schnell klar", daß sein Verliebtsein in einen Film-Jungen bedeutete, homosexuell zu sein. In beiden Fällen scheint der Prozeß innerhalb kurzer Zeit abgelaufen zu sein und war für sie selbst "kein Problem". Sorgen machten sie sich lediglich darum, wie andere darauf reagieren würden.

Der nächstältere des Clusters A, der sein Coming Out relativ früh erlebt, ist Christian. Nach langen Jahren heterosexueller Beziehungen fragt er sich mit siebzehn zum ersten Mal, ob er eventuell homosexuell sei. Mit achtzehn merkt er, daß er nicht mehr wie bisher weitermachen kann, und sucht den Kontakt mit anderen Homosexuellen. Wenn auch bei Christian der Prozeß des Coming Out etwas länger dauerte, der Schritt vom markanten Wahrnehmen zum inneren Akzeptieren war kurz.

Diese drei 'harten Jungen', die vergleichsweise früh zu ihrer Homosexualität stehen können, weisen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf. Sie zählen unter den interviewten Männer aus Cluster A zu den Jüngeren, mit 25, 26 und 31 Jahren liegen sie im untersten bzw. unteren Spektrum der Befragten(5). Offenbar erleichterte es ihnen ihre 'späte Geburt', sich früher und schneller ihrer sexuellen Orientierung zu stellen, d.h. der bereits erwähnte Alters-Faktor.

Darüber hinaus ist es aber auch das Verhältnis zu Sexualität, welches ihnen möglicherweise zu einem raschen Coming Out verholfen hat. Alle drei gehören zu jenen 'harten Jungen', die in einem eher sexualfreundlichen und der Sexualität positiven Umfeld aufgewachsen sind bzw. einen unverkrampften, positiven Umgang mit Sexualität hatten (s. 4.4.2).

Vergleicht man damit die sexuellen Erfahrungen und das sexuelle Klima, in dem jene 'harten Jungen' aufwuchsen, deren Coming Out sehr spät lag, dann ergibt sich auch hier ein möglicher Zusammenhang.

Tom hatte viele Jahre sexuellen Kontakt zu anderen Jungen, sein Coming Out kam jedoch erst mit 25 Jahren zustande. Olaf entdeckte in der Pubertät seine Neigung zu Männern, aber sein endgültiges Coming Out hatte auch er erst mit 25. Micha kann sich sogar an erotische Attraktion durch Freunde aus der Kindheit erinnern, und doch akzeptiert er seine Homosexualität erst mit 23. Alle drei sind mit heute 35, 38 und 39 Jahren nicht nur die ältesten Interviewpartner des Clusters A, sondern hatten im Interview ein sexualfeindliches und Sexualität tabuierendes Umfeld beschrieben, in dem sie als Kinder und Jugendliche lebten.

Ich bin ja eh ganz katholisch erzogen worden, von Anfang an. Katholischer Kindergarten, katholische Grundschule und hinterher auch n bischöfliches Gymnasium - also, mehr geht ja eigentlich schon gar nicht. Und aufgeklärt worden bin ich von einem katholischen Pater. Also, Sexualität war schon sehr tabuisiert, klar, das hängt mit dem katholischen Umfeld da zusammen. (...) Es war völlig klar, daß nur Mann und Frau..., das ist überhaupt keine Frage. Gleichgeschlechtliche Liebe kam überhaupt nicht vor. (Micha)
Bei diesen sechs 'harten Jungen' wirken beide Faktoren Alter und Umgang mit Sexualität möglicherweise zusammen, so daß die Zusammenhänge sehr markant sind.

Bei den 'weichen Jungen' gab es vier Männer, die von einem freizügigen und bezüglich Sexualität positiv gestimmten Milieu in ihrer Kindheit und Jugend berichten. Bei drei von ihnen ist der Zusammenhang zum schnellen bzw. frühen Coming Out ähnlich stark wie bei den 'harten Jungen', nur bei einem Älteren nicht allzu deutlich.

Zwei davon erlebten ihre Pubertät Anfang der Achtziger. Leander's Coming Out ist durchaus vergleichbar mit dem von Rainer im schnellen inneren Akzeptieren. Er wächst mit der Pubertät hinein in das Gefühl, homosexuell zu sein, und nimmt es fast 'natürlich' an: "Ich fand das nicht unbedingt störend oder so, daß ich jetzt anders oder 'nicht normal' bin". Auch Volker akzeptierte seine Homosexualität frühzeitig, wenngleich nicht mit derselben 'Begeisterung' wie Leander.

Die beiden anderen sind über zehn Jahre älter, so daß Pubertät und Jugend in den Siebzigern stattfand. Das Coming Out der beiden liegt später als bei den Jüngeren, und doch ist beider Coming Out mit achtzehn resp. neunzehn Jahren für jene Zeit vergleichsweise früh, wie eine Bemerkung von Werner über jene homosexuellen Männer vermuten läßt, denen er damals begegnete.

Bewußt geworden ist es mir etwa mit fünfzehn. Da habe ich gemerkt, daß mein Interesse an Jungen ziemlich stark wurde, sexuell meine ich. Hat aber noch einige Zeit gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe, mein Schwulsein zu akzeptieren. In der Schwulengruppe war ich damals immer der Jüngste, damals hatten die meisten ihr Coming Out erst Mitte zwanzig oder noch später. (Werner)
Alle vier haben sehr selbstverständlich ihre Sexualität während der Pubertät genießen können, offensichtlich eine Frucht der sexualfreundlichen Atmosphäre, in der sie aufwuchsen, und dies hat es ihnen leichter gemacht, den Schritt zum Coming Out zu machen.

In einem wenig sexualfreundlichen Klima wuchsen drei 'weiche Jungen' auf. Zwei davon sind fünfundzwanzig, müßten folglich vom Altersfaktor profitieren. Bei ihnen zeigt sich jedoch, daß der zweite Faktor erheblich gegensteuert.

Josef hatte schon gegen Ende seiner Kindheit gemerkt, daß er Jungen attraktiv fand und zum Beispiel von einem Schwimmer mit sportlichem Körper fasziniert war. Seine Sehnsüchte aus der Jugendzeit beschreibt er als wenig sexuell, Onanie-Phantasien kreisen nicht um Körper sondern Gesichter. Sein Coming Out hat er schließlich mit dreiundzwanzig, als vorletzter im Cluster B. Drittletzter ist Valentin, der ebenfalls als Kind schon von männlichen Körpern begeistert war, sein Coming Out aber erst mit zwanzig hatte.

Es hat sehr lange gedauert mit dem Coming Out. Leider. Weil, das hätte eigentlich, wenn ich bestimmte Sachen schon früher gewußt hätte, auch schon in der Oberstufenzeit in der Schule stattfinden können. (Valentin)
Ein Satz wie "Es hat sehr lange gedauert mit dem Coming Out" könnte auch von Albert stammen, dessen gesamte Entwicklung seines erotischen Begehrens ein frühes Coming Out nahelegen würde. Und doch hat er sein Coming Out erst mit achtzehn Jahren, womit er über dem Durchschnitt liegt.

Es scheint also eine Rolle zu spielen, ob ein Mann Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre seine gleichgeschlechtlichen Sehnsüchte entdeckte, und noch stärker, ob das Umfeld während Kindheit und Jugend sexualfreundlich war oder nicht.

Ein weiterer unterstützender Faktor wird mehrfach erwähnt, diesmal allerdings nur von den Männern aus Cluster B. In diesen Fällen wurde das Coming Out sich selbst gegenüber erheblich unterstützt durch Medien, welche die Möglichkeit homosexuellen Lebens präsentierten und dadurch Mut machten. Sie erzählen, daß Zeitschriftenartikel, Fernsehsendungen oder Bücher ihnen eine große Hilfe dabei waren, ihre gleichgeschlechtliche Orientierung anzunehmen. Von den 'harten Jungen' berichtete kein einziger davon, ähnliche moralische Unterstützung wahrgenommen und genutzt zu haben.

Ab Ende der 70er Jahre war eine Zunahme insbesondere von Artikeln in großen Magazinen (STERN, SPIEGEL) zu verzeichnen, obwohl bereits Ende der 60er Jahre im Rahmen der 'sexuellen Revolution' in Aufklärungsfilmen und Zeitgeist-Magazinen wie 'TWEN' eine neutrale bis positive Haltung zur Homosexualität vertreten wurde. Auf diese Weise bekam 1969 einer der 'weichen Jungen' erstmalig mehr - und vor allem nicht-diskriminierende - Informationen darüber, daß Homosexuelle keineswegs nur "unangenehme, schmierige, alte Männer" sind, die "kleine Jungs verführen". Mit diesem Bild hatte er sich nie identifizieren können, mit dem neuen Bild gab es plötzlich eine Möglichkeit, nicht nur die eigene Sehnsucht klar zu benennen, sondern sich auch nach Jahren von Außenseiter-Dasein endlich "irgendwo dazugehörig" zu fühlen.

Ebenso ging es einem fast zwanzig Jahre jüngeren Mann, dem ein größerer Bericht im STERN Identifikationsfiguren in Form junger, attraktiver homosexueller Männer bot. Der Artikel und der ermutigende Text dazu war Anlaß für ihn, seine sexuelle Orientierung zu akzeptieren.

Mein persönliches Coming Out kam, als der STERN eine Titelgeschichte gemacht hat über Schwule und Lesben. Den hab ich mir dann gekauft, ich konnte es gar nicht erwarten, die Geschichte zu lesen. Da waren sehr viele Fotos drin, auch von attraktiven jungen Männern. Und da war ich erst mal ganz baff. Damit hab ich nicht gerechnet. Ich dachte eigentlich, daß Schwule entweder Tunten sind oder alte Oberstudienräte, die dann nachts durch'n Park schleichen. Da standen auch viele interessante Sachen in dem Artikel drin, u.a. daß Homosexualität keine Krankheit ist, und das hat mir sehr viel Mut gemacht, daß das in so einer Zeitschrift wie dem STERN drinstand. Aber es war halt für mich super erstaunlich, daß es junge Schwule gibt und daß die vielleicht doch so sein könnten, wie ich auch bin. (Valentin)
Allein schon die Konfrontation mit dem Titelbild, auf dem sich zwei Männer umarmten und küßten, traf für einen anderen Mann sein heimliches Begehren mit solcher Macht, daß ihm unmittelbar klar wurde, daß diese Liebe und Zärtlichkeit zwischen Männer genau das sei, was er wollte. Hier scheint das Beispiel die Sehnsucht zu wecken, eben diese Zärtlichkeit und Zuneigung ebenfalls zu geben und zu bekommen, auch wenn die Angst keinesfalls damit verschwunden sein mußte, welche Konsequenzen dieser Schritt mit sich bringen würde.

Ein weiterer Mann hatte durch das damalige Leben im Ausland das Glück, bereits früh Zugang zu homosexuellen Zeitschriften zu bekommen und sogar einen von Homosexuellen selbst gestalteten Radiosender zu hören. Mit seinen 15 Jahren verstand er zwar vieles nicht. "Aber dann wurde es mir immer klarer, daß ich ja nicht alleine war, sondern daß es viele Schwule gibt". Durch die Zeitschriften und die Radiosendungen erhielt er Zugang zu der "Welt", von der gerade viele 'harte Jungen' während ihrer Adoleszenz nichts ahnten. Mit 16 kaufte er sich regelmäßig eine wöchentlich erscheinende Homosexuellen-Zeitschrift, die ihn endgültig davon überzeugte, homosexuell zu sein und diese Orientierung mit leichterem Herzen zu akzeptieren. Auch ein heute 23jähriger bekam bereits mit 14 Jahren eine Bildband mit nackten Männern in die Hand und mit ihm den Prospekt eines Verlages, der homosexuelle Bücher verschickt. Auf diese Weise hatte er frühzeitig Zugang zu einer Vielzahl von Medien, die ihm halfen, seine sexuelle Orientierung zu akzeptieren.

Einige Männer eröffneten dem Interviewer während des Interviews zudem, daß sie den von ihm Anfang der 80er Jahre veröffentlichten Coming Out-Ratgeber (Grossmann 1981) damals gelesen hätten und dies einen wichtigen Beitrag dazu geleistet habe, sich selbst als homosexuell anzunehmen. Dabei scheint vor allem die positive Grundeinstellung des Buches dazu beigetragen zu haben.

Mein Vater hat mich hin und wieder mit nach Hamburg genommen, weil ich mir ein paar Platten kaufen wollte. Und da habe ich auf diesem Wege dein Buch 'Schwul - na und' in einer Buchhandlung entdeckt, mir das gekauft, und dann wußte ich, aha, das ist also völlig in Ordnung! Das war für mich wie so ein Befreiungsschlag, als wenn alle Glocken läuten und Kronleuchter hochgezogen werden. Ja, beeindruckend. Da habe ich mich zum ersten Mal wirklich angenommen gefühlt und dachte, ja, das ist alles in Ordnung so. (Albert)
Das frühe Spüren homosexuellen Begehrens und die frühe Auseinandersetzung damit scheint bei vielen 'weichen Jungen' zur Suche nach Informationen und - natürlich - auch erotischem Material als Onaniervorlagen geführt zu haben, was ihnen zusätzlich dazu verhalf, sich produktiv mit Vorurteilen wie auch ihren eigenen Sehnsüchten auseinanderzusetzen und damit ihr Coming Out sich selbst gegenüber zu fördern.
 

-  Warten und Abwehr vor dem ersten Kontakt mit anderen Homosexuellen

Der Schritt von der Wahrnehmung der eigenen sexuellen Orientierung bis zur Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen ist meist mehrere Jahre lang, begleitet von Abwehr und Angst. Die 'harten Jungen' brauchen überwiegend länger als die 'weichen Jungen', ehe sie diesen Schritt wagen, in der Adoleszenz und mit dem Schritt in die Homosexualität sind eher sie die 'Ängstlichen'.

So wie es ein wichtiger Schritt ist, die eigene Sehnsucht oder das eigene sexuelle Begehren als homosexuell zu identifizieren (s.Kap 4.4.2), ist es ein weiterer wichtiger Schritt von diesem Bewußtsein zur Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen und dem Leben sexueller wie freundschaftlicher Beziehungen. Dies beinhaltet nicht notwendig das Coming Out gegenüber der restlichen Umwelt und auch nicht eine endgültige innere Sicherheit über die eigene sexuelle Orientierung, erfordert aber eine Annäherung an Orte potentieller Kontaktaufnahme und damit die Überwindung der Angst, dort von Bekannten entdeckt zu werden. Bei den von Dannecker & Reiche (1974) befragten Männern führte diese Angst dazu, daß sie im Durchschnitt zwei Jahre nach der Gewißheit, homosexuell zu sein, warteten, ehe sie "aus der Isolation heraus" traten und Kontakt zu anderen homosexuellen Männern aufnahmen.

Wie bereits festgestellt, gelangte ein großer Teil der 'harten Jungen' relativ spät an den Punkt, ihre Homosexualität sich selbst gegenüber zu akzeptieren. Gerade mal drei der neun Männer konnten davon berichten, daß dies vor ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr stattfand. Doch zwei von ihnen verstecken sich weiterhin vor der Umwelt, wozu ihr sportliches Engagement bestens geeignet war: gerade weil es ein traditionell maskulines Feld ist, wo sportliche Stärke mit Heterosexualität gleichgesetzt wird (Pronger 1990), bietet der (Mannschafts-)Sport ein ideales Versteck. Nur einer von ihnen schaffte es, der Erkenntnis bald Taten folgen zu lassen. Mit siebzehn konfrontiert er sich selbst damit, homosexuell zu sein, und wenige Monate später sucht und findet er seinen ersten Freund.

Und dann bin ich das erste Mal in so einen Laden gegangen und ... wie das alles so läuft, ne. Ich war mit siebzehn, glaube ich, das erste Mal in so einem Laden drin, in Essen. War ganz schrecklich. Mit achtzehn habe ich ein Auto bekommen, und dann bin ich mal, weil ich nicht wußte, wie man es sonst anstellen sollte, bin ich unter so eine Brücke in Essen gefahren. Da lief dann jemand rum, den ich nett fand, und mit dem war ich dann gleich fünf Jahre zusammen.(Conrad)
Conrad war zu dieser Zeit mit einer Frau zusammen, hatte eigentlich mit ihr einen gemeinsamen Urlaub geplant, aber dazu kam es nicht mehr. Von diesem Zeitpunkt an lebte er ausschließlich homosexuell. Fast unmittelbar setzte er die Erkenntnis, homosexuell zu sein, um.

Der zweite war in diesem Punkt sehr viel zögerlicher. Er zog mit siebzehn die Konsequenz aus seinen Wahrnehmungen und Gefühlen, tastete sich dann aber sehr langsam an erste Kontakte heran. Zwei bis drei Jahre vergehen, bis er den nächsten Schritt wagte. Er selbst erklärt dies damit, daß er weder homosexuelle Männer kannte noch irgendwelche attraktiven Männer in seiner Umgebung gewesen wären: "Bei den Botanikern gibt's nicht so viele tolle Männer". Vorsichtig verschaffte er sich Informationen, traute sich aber nicht, jene Orte aufzusuchen, an denen er andere Homosexuelle kennenlernen könnte. Nur durch einen Zufall erhielt er Kontakt zu einem homosexuellen Studenten.

Es gab da in der Stadt schon schwule Gruppen und so, und auch eine Kneipe. Aber ich hab mich nie getraut, da hinzugehen oder reinzugehen. Ich kannte auch keine Schwulen. Ich wußte, daß ich nicht der einzige bin, aber ich kannte niemanden. Zu Ostern, nach den Klausuren, hab ich bei mir eine Fete gegeben, und waren dann zehn oder fünfzehn Leute. Und wie das so ist, wir haben gefeiert, und dann erzählt plötzlich jemand in meinem Zimmer, daß er schwul ist. Und ich saß da. Das kann doch nicht wahr sein! Hier ist jemand und der ist schwul und den kenn ich sogar. Der erzählt das in meinem Zimmer! Das war alles viel zu viel für mich. (Christian)
Etliche Wochen später begannen beide eine Affäre, ganz im Geheimen, aber der erste Schritt, homosexuell zu leben, war damit innerhalb eines Zeitraums von etwa drei Jahren gemacht. Sieht man von Conrad ab, stellen diese drei Jahre die Untergrenze dafür dar, wie lange 'harte Jungen' für den Schritt vom Bewußtwerden, homosexuell zu sein, bis zum Ausleben der Homosexualität benötigen.

Dirk himmelte schon in der Pubertät gleichaltrige Jungs an, aber erst mit zweiundzwanzig setzte er seine Sehnsucht in die Tat um. Ernst war als Jugendlicher ständig verliebt in andere Jungen, doch seine erste, noch heimliche sexuelle Beziehung hatte er erst mit dreiundzwanzig. Bis dahin stürzte er sich in Arbeit, übernahm gern zusätzliche Schichten, um nicht nachdenken zu müssen. Olaf war sich seiner sexuellen Orientierung lange bewußt, wenn auch das endgültige Coming Out erst Anfang zwanzig kam - erst mit dreiundzwanzig hatte er einen ersten anonymen Sex-Kontakt: "Bis zu den letzten zwei Semestern, sprich, also bis fünfundzwanzig, habe ich eigentlich weitgehend die Sexualität unterdrückt". Und Rainer wartete von dem Coming Out sich selbst gegenüber acht Jahre bis zu seinem ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann. Obwohl er sich mit 13 in einen Jungen verliebte und genau wußte, daß er homosexuell ist, hatte er seine ersten gleichgeschlechtlichen Kontakte mit zweiundzwanzig.

An Rainer läßt sich der Unterschied zu den 'weichen Jungen' leicht vergegenwärtigen, wenn man vergleicht, wie diese nach einem frühen Coming Out vorgingen. Torge, Anton und Volker sind jene 'weichen Jungen', die sich selbst gegenüber spätestens mit vierzehn ihre Homosexualität akzeptierten. Mit Erreichen der Volljährigkeit hatten alle drei auch den Einstieg in ein homosexuelles Leben vollbracht: Torge und Volker mit siebzehn, Anton mit achtzehn.

Ich hatte ja auch die Information, wo man hingehen kann. Damals gab es das 'Downtown' in Bremen, eine Schwulen-Bar. Ich hatte Lars mit 17 erzählt, daß ich schwul bin. Wir sind dann zusammen in diese Schwulen-Bar reingegangen, haben uns das angesehen und wieder raus. Das war sehr aufregend. Und das zweite Mal, eine Woche später, bin ich dann alleine gegangen, gezielt mit dem Wunsch, jemanden kennenzulernen und schwulen Sex zu machen. Ich bin dann angesprochen worden und der war mir auch sehr recht, der gefiel mir. Mit dem hatte ich mich ein bißchen angefreundet. (Volker)
Alle drei suchten zielstrebig nach dem Ende der Pubertät, noch während sie bei ihren Eltern lebten, Kontakt zu homosexuellen Szene und zu anderen Männern, mit denen sie sexuelle Kontakte und Beziehungen eingehen konnten.

Ähnliches gilt für viele andere 'weichen Jungen', selbst wenn deren Selbstwahrnehmung gleichgeschlechtlicher Orientierung erst später erfolgte. Lars zog aus der Erkenntnis, seinen besten (heterosexuellen) Freund zu lieben, den Schluß, nun auch selbst auf die Suche nach sexuellen Kontakten zu gehen. Werner kam über Anzeigen bald nach seinem inneren Coming Out zu ersten Kontakten mit anderen Homosexuellen. Und Leander fand über eine homosexuelle Jugendgruppe den Einstieg in die 'Szene', nachdem er bereits als fünfzehnjähriger eine platonische Beziehung zu einem älteren Mann begann.

Aber in der Zeit, mit fünfzehn etwa, habe in der neuen U-Bahn einen Mann kennengelernt, der schon Ende vierzig war und mich fragte, ob ich mich auch so für U-Bahnen interessiere und vielleicht könnten wir uns ja mal wiedertreffen. Und der hat mit der Zeit zugegeben, daß er schwul sei, und ich habe ihm meine ganzen Probleme erzählen können. Das war so ein richtiger Glücksmoment, daß der sich auch so für U-Bahnen interessiert, auch diese Begeisterung so nachvollziehen kann. Und gleichzeitig fand ich es eben toll, daß ich endlich mal einen Mann hatte, dem ich was erzählen konnte. Ich hab ständig Leute attraktiv gefunden und hab hemmungslos Männer in der U-Bahn angeflirtet. Und parallel hatte ich eben zum Ausjammern diesen älteren Mann. (...) Und dann bin ich eben das erste Mal zur schwulen Jugendgruppe gegangen, aus der Erfahrung raus. Und dann kam wirklich das wilde Ausprobieren. Ich habe den Frieder kennengelernt, der sich ausgesprochen in mich verknallt hatte, und ich hatte mich nicht verknallt, fand ihn aber durchaus ansprechend. Der ist auch ziemlich schnell zur Sache gekommen, und das war ausgesprochen lustvoll. (Leander)
Nur zwei der 'weichen Jungen' warten mehr als drei Jahre mit ersten Kontakten in die homosexuelle 'Welt', nachdem ihnen ihr gleichgeschlechtliches Begehren ins Bewußtsein gedrungen ist. Das geringe Alter in Cluster B bei diesen ersten Kontakten hängt also nur teilweise damit zusammen, daß auch davorliegende Schritte in der Entwicklung zum homosexuellen Mann bei ihnen in jüngeren Jahren ablaufen.

In Bezug auf das Wagnis der Kontaktsuche scheinen weitere Unterschiede zwischen beiden Clustern wirksam zu werden. Ein Faktor scheint dabei die Angst vor dem 'Entdecktwerden' und der Umgang mit dieser Angst zu sein.

Männer beider Cluster benutzten den Begriff 'Angst' oder damit zusammenhängende Wörter auffällig häufig im Zusammenhang mit der Wahrnehmung homosexueller Empfindungen und dem Coming Out. Das beginnt, wenn vom homosexuellen Begehren in der Jugend erzählt wird, welches bei einigen Männern Angst hervorrief, dieses Begehren könnte von anderen entdeckt werden, insbesondere durch eine spontane Erektion.

Und, gut, eben auch mit der Angst verbunden, daß man vielleicht einmal zu lange hinguckt. Daß es entdeckt wird. Diese Angst hatte ich schon sehr oft. (...) Also, für mich war die große Angst eigentlich, daß man jetzt einen steifen Schwanz kriegt. Das war die große Angst gewesen. (Olaf)
Die Angst, "daß es entdeckt wird" begleitete viele in ihrer Jugend, sowohl 'harte' wie auch 'weiche Jungen'. Schon der Blick auf einem Mann wird als potentiell verräterisch angesehen. Diese Ängste entstehen in einer Zeit, in der für die meisten ihre Homosexualität noch keineswegs gewiß ist, sie aber in der Pubertät bereits genau wissen, wie ihr Interesse für andere sichtbar werden könnte.

Später ist wiederum von Angst die Rede, wenn einige Männer von ersten Kontakten zu anderen Homosexuellen berichten, die an bestimmten Orten stattfinden mußten, um einen solchen Kontakt überhaupt möglich zu machen. Nun waren es diese Orte, die als verräterisch angesehen werden und deswegen nur unter Angst aufgesucht (oder gemieden) werden.

Also, ich hab sehr früh gemerkt, daß das Schwulsein verpönt ist. Und ich hätte mich niemals getraut, in eine schwule Kneipe zu gehen. Aus Angst, daß mich dann jemand reingehen sieht von den Kollegen. Oder von irgendwelchen Bekannten. (Ernst)
Es fällt auf, daß die Angst, das 'sich trauen' müssen, in diesem Zusammenhang sehr viel häufiger von Männern aus Cluster A thematisiert wird. Männer des Clusters B sprechen in Bezug auf Kontaktaufnahme und erste Beziehungen fast gar nicht mehr von Angst. Nun, in der Adoleszenz, erreicht die Angst die 'harten Jungen'.

Die Angst verhinderte Kontakt für die 'harten Jungen' selbst dort, wo bewußt ein Umgang mit anderen Homosexuellen und damit potentiellen Partnern bestand, wie im Fall von Ernst in einem großen Hotel. Seine Angst vor der Enttarnung als homosexuell war so groß, daß er den Kontakt mied: "Ich bin natürlich nie auf die Idee gekommen, die mal anzusprechen". Er ging eher soweit, seine Gefühle offensiv zu verleugnen und andere vor den Kopf zu stoßen, um auf keinen Fall als homosexuell erkannt zu werden. Um seine Beziehung zum Küchenchef zu vertuschen, mit dem er als 23-jähriger neun Monate befreundet war, begann er schließlich eine Affäre mit einem Zimmermädchen. Annäherungsversuche homosexueller Kollegen hätte er massiv abgewehrt.

Ich denke, selbst wenn sie es versucht hätten, hätte ich sie voll abblitzen lassen und hätte voll den Hetero gespielt und wäre ganz entrüstet gewesen, wenn sie mir zwischen dem Schritt gefaßt hätten oder auch sonst wie zu nah gekommen wären. Und hätte auch selber gesagt, ey, bist du schwul? Also ich war so ängstlich, daß ich auch so in diese Rolle gefallen wäre. (...) Weil Gerüchte aufkamen, daß ich schwul bin, und der Küchen-Chef auch schwul ist, mußte ich mir dann eine Freundin holen. Hab ich also mit einem der Zimmermädchen geschlafen. Hab sie ab und zu mal besucht, und dann haben wir halt ein bißchen gefickt. Das war so, um die Gerüchte zu beruhigen. (Ernst)
Die 'weichen Jungen' sprechen bei der Schilderung ihres Coming Out häufiger davon, daß etwas "heimlich" abgelaufen wäre. Zuneigung, die verspürt wird, bleibt "heimlich", Sexualität findet "heimlich" statt, Homosexuellen-Zeitschriften werden "heimlich" gekauft. Hier findet sich indirekt der Hinweis auf vorhandene Ängste, überwiegend aus der Jugendzeit, bevor die Männer erste direkte Kontakte zu anderen homosexuellen Männern aufnahmen. "Den habe ich so geliebt, das war meine erste Liebe. Aber heimliche Liebe".

Wenn dann die eigene sexuelle Orientierung "heimlich" realisiert wurde, dann folgten ebenso "heimlich" die Versuche, Informationen zu beschaffen oder auch erotisches Material. Von gleicher Qualität ist die Verwendung des Begriffs "Geheimnis" in diesem Zusammenhang: "Eines meiner vielen Geheimnisse, das keinen was angeht". Die homosexuelle Zuneigung wird geheim gehalten, bleibt vorerst ein "Geheimnis", welches die anderen nicht erfahren (dürfen).

Vergleicht man jedoch diese 'Heimlichkeit' und die sich darin ausdrückende Vorsicht mit dem Ausmaß an Ängsten, von denen 'harte Jungen' offenbar nach der Entdeckung ihrer sexuellen Orientierung und den ersten zaghaften Versuche, diese zu leben, stoßen, dann mutet die Bedrohung für die 'harten Jungen' stärker, massiver an: "Dann war erst mal ein halbes Jahr gar nichts und fürchterliche Angst!"

Nur ein 'weicher Junge' spricht für die Zeit als Erwachsener noch von Angst, und dies ist jener Mann, der als letzter mit 25 sein Coming Out sich selbst und mit 29 seiner Familie gegenüber hatte. Er hatte lange Zeit Angst, seine Familie zu verlieren wegen seiner Homosexualität.

Dieser eine Mann war es auch, der mit fünfundzwanzig Jahren, isoliert von Freunden und voller Angst, durch seine Homosexualität auch noch seine Familie zu verlieren, einen Suizidversuch machte.

Ich war alleine, konnte mit niemandem drüber sprechen oder wollte mit niemandem drüber sprechen. Das ging dann auch soweit, daß ich irgendwann versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Nicht wegen des Schwulseins, sondern wegen meiner gesamten Situation, weil ich mich damals auch sehr einsam fühlte. Ich war einfach einsam, unheimlich einsam. Und dann hab ich versucht, in der Badewanne einen Fön reinzuwerfen, aber die Sicherung flog raus, und es klappte nicht. Es kam mir vor wie Slapstick oder wie ein böser Witz. Ja, und dann hab ich gesagt, dann soll's wohl nicht so sein und hab weitergelebt. (Peter)
Geradezu fatalistisch fügt er sich in sein Schicksal, macht also keinen weiteren Versuch, und schafft mit 29 Jahren endlich den Zugang zu anderen Homosexuellen. Seine Angst galt vorrangig dem Ausgestoßenwerden aus der Familie. Die 'harten Jungen', die in ihrer Jugend noch deutlich stärker in ihr heterosexuelles Umfeld eingebunden waren, scheinen eher die Angst gehabt zu haben, durch das Offensichtlichwerden der eigenen sexuellen Präferenz aus ihrem vertrauten Freundeskreis ausgestoßen zu werden.
 

-  Coming Out gegenüber Freunden und Familie

Die letzte große Hürde zum offenen Leben als homosexueller Mann nehmen die 'harten Jungen' fast alle erst Mitte oder Ende zwanzig, bei einzelnen wissen die Eltern bis heute nichts von ihrer Homosexualität. Ein derart spätes Coming Out gegenüber dem sozialen Umfeld ist bei den 'weichen Jungen' die große Ausnahme, sie bewältigen diesen Schritt mutiger und schneller. Sie sind es auch, die zügig nicht-anonyme Teile der homosexuellen Szene aufsuchen und diese Welt in ihren Alltag integrieren.

Ein letzter Schritt aus der Heimlichkeit ist, zumindest das engere familiäre und freundschaftliche Umfeld über die eigene Lebensplanung und sexuelle Orientierung nicht (mehr) zu täuschen. Vielfach wird die Bedeutung dieses Schrittes für das eigene Selbstwertgefühl betont (Lautmann 1995, Savin-Williams 1989), aber es werden auch die Risiken und Befürchtungen gesehen, die ein solcher Schritt mit sich bringt (Harry 1993): Die Familie mag sich gegen den homosexuellen Jugendlichen wenden und ihre Unterstützung entziehen (Saltzburg 1996), Freunde und Schulkollegen möglicherweise abschätzig urteilen und ihre Freundschaft entziehen (Marsiglio 1993), Sportler - gerade im Fußball oder Kampfsport - die bisherige Kameradschaft aufkündigen (Hamm 1996).

Die Offenheit über die eigene sexuelle Orientierung scheint deswegen für die 'harten Jungen' die schwerste Herausforderung dargestellt zu haben, der sie sich stellen mußten. Dies mag leicht nachvollziehbar sein bei jenen, die sich lange und (vorerst) erfolgreich gegen die Erkenntnis wehrten, homosexuell zu sein. Aber selbst jene, die dies innerlich durchaus gut akzeptierten, kämpften lange Zeit mit sich selbst, ehe sie sich diesen Schritt zutrauten.

Tom, trotz vielfältiger sexueller Erfahrungen mit anderen Jungen bzw. männlichen Jugendlichen lange Zeit blind gegenüber seiner Homosexualität, heiratete seine Freundin und lebte mehrere Jahre mit ihr eine heterosexuelle Ehe. Er spürte immer wieder, wie ihn die Sexualität mit seiner Frau nicht befriedigte, aber er traute sich nicht, Alternativen auch nur zu denken.

Mit zwanzig lernte ich dann meine spätere Frau Susanne kennen, und das war meine erste feste Beziehung mit einer Frau. Ich hatte jemanden, der sich um mich kümmerte, der mich verstand, wir haben auch ne sehr gute Ebene gehabt, wir haben sehr viel gesprochen, und ich war zufrieden damit. Also, unterschwellig war es sicherlich so, daß ich den Sex mit ihr machen konnte, aber immer gespürt habe, eigentlich ist es das nicht. Aber damals hätte ich mir das nie zugetraut. Ich wußte auch gar nicht, was Schwulsein bedeutet. (Tom)
Als ein Freund ihn verführte, erkannte er unmittelbar, daß er Männer liebt, antwortete jedoch auf diese Erschütterung seiner bisherigen "Welt" nur mit Panik und Rückzug. Er sprach nicht mit seiner Frau darüber, sprach mit niemandem über seine Gefühle.
Ich hab dann reagiert, wie man in solchen Situationen oft reagiert. Ich hab nach dem Abitur den Kontakt total abgebrochen, und das mit mir alleine rumgetragen. Susanne merkte dann, daß ich irgendwas mit mir rumtrug, aber nicht drüber sprach. Das ging so eineinhalb Jahre, und dann ist sie ausgezogen. Sie hat gesagt, sie möchte ausziehen, sie möchte erst mal alleine wohnen. Ich konnte nicht darüber reden! Wir hatten dann auch gar keinen Sex mehr. Ich konnte nicht mehr. (Tom)
Zwei Jahre nach dieser sexuellen Begegnung und der Erkenntnis, homosexuell zu sein, wandte er sich endlich an einen anderen Menschen, an die Frau eines Freundes, um sich zu entlasten. Erst jetzt erzählte er seiner Frau, was ihn bewegte und wieso er sich so lange zurückgezogen hatte. Er glaubte anschließend, alles sei "geklärt", er könne nun anfangen, seine Homosexualität zu leben. In Wirklichkeit fing er nur an, anonyme sexuelle Kontakte mit Männern zu haben, versteckte diese Seite seines Lebens vor Freunden und Kollegen, begann wieder Kontakte mit Frauen und gab sich nach außen "immer noch hetero". Dieses anstrengende Doppelleben hat er erst in den letzten fünf Jahren abgelegt, in seinem vierten Lebensjahrzehnt.

Ein langjähriges Doppelleben, wenn auch nicht konkret in Beziehungen mit Frauen, sondern lediglich im Anschein nach draußen, lebte auch ein weiterer 'harter Junge'. Olaf hatte von der Pubertät an immer wieder sein Begehren Männern gegenüber gespürt, aber ebenso lang beherrschte ihn auch die Furcht vor 'Enttarnung'. Folglich erfüllte er die an ihn gestellten Erwartungen, nach außen den heterosexuellen Freund, Sportskollegen und Sohn zu spielen: "Da mußte ich weiterhin der Starke sein, der gute Volleyball-Spieler, der alles organisierte, der noch immer einer der wesentlichen Ansprechpartner in der Mannschaft war, der sich um vieles kümmerte." Er konnte sich von der Rolle, in der er sich eingerichtet hatte, nicht lösen, kann es in seiner Heimatstadt bis heute noch nicht völlig. Nur in der 60 km entfernten Universitätsstadt fing er mit Fortschreiten des Studiums an, anonyme sexuelle Kontakte zu haben.

Es war einerseits die Einbindung in seine Volleyball-Mannschaft, die ihm Selbstbestätigung und Halt gab, andererseits die Familie und das Umfeld in der Heimatstadt und auch sein beruflicher Bereich (Bundeswehr) - überall war er von einer geradezu panischen Angst besetzt, sich nicht öffnen zu dürfen. Obwohl er enorm unter dieser Situation litt, vertraute er sich erst mit 27 Jahren zum ersten Mal einem anderen homosexuellen Mann an, und schließlich mit 32 Jahren hatte er sein Coming Out gegenüber Freunden und Familie.

Beide Männer fanden erst spät zu ihrer Homosexualität und taten sich vielleicht deshalb schwer, nach außen hin etwas anderes zu präsentieren als das Bild des 'normalen' Mannes. Doch sie stehen damit unter den 'harten Jungen' keineswegs allein. Auch ein Jugendlicher wie Conrad, der mit siebzehn Jahren schnell seine sexuelle Neigung akzeptierte, präsentierte nach außen viele Jahre Normalität. Die Freundin, welche er wegen eines Mannes verließ, erfuhr nicht den wahren Grund der Trennung, zu sehr fürchtete er die "Außenwirkung", das "wie wird das gesehen?"

Als Jungen und junge Männer, die so lange vollkommen dem 'typischen' Jungen entsprachen, fiel es ihnen außerordentlich schwer, gerade dieses Bild nach außen möglicherweise zu beschädigen. So retten sie sich ins "Verheimlichen".

Ich war immer sehr diskret. Heute auch noch. Jetzt so langsam, wo ich 31 bin, jetzt fangen so manche vielleicht mal an zu denken, der könnte schwul sein. Ich bin halt jemand, der das immer sehr gut verstecken konnte. Der nicht so den Eindruck erweckt. Ich glaub, ich wäre einer der letzten wahrscheinlich gewesen von dem jemand gedacht hätte, daß er schwul ist. Mit wem hast du damals darüber gesprochen? Mit keinem! Niemand. Das hört sich an, als ob das offen schwul sein der Konflikt war? Ja, klar! Also, das Verheimlichen war für mich immer ein wichtiges Thema! In Dortmund habe ich immer zugesehen, daß das nie ein Neutraler mitbekommt. Das hat auch keiner bemerkt! (Conrad)
War es bei Olaf die Bundeswehr, so war es bei Conrad die Polizei. Als Polizist glaubte er, nicht homosexuell sein zu dürfen. Da er bei seinen ersten Schritten ins homosexuelle Leben noch in der Ausbildung war, überlegte er ernsthaft, ob er weiterhin als Polizist arbeiten könne. Möglicherweise ist aber die berufliche Frage nur eine günstige Projektionsfläche für Ängste und Hemmungen, zumal sich bei Conrad zeigte, daß Polizistsein und Homosexuellsein von Dritten keineswegs als Widerspruch aufgefaßt wurde.

Die Motivation für das Versteckspiel legt schließlich ein weiterer Mann offen dar, der auch nach verhältnismäßig kurzem inneren Widerstand seine Homosexualität akzeptierte. Christian begann eine Affäre mit dem ersten homosexuellen Kommilitonen, den er kennenlernte, aber seine Freunde sollten nichts davon erfahren.

Meine Freunde oder meine Kommilitonen, niemand wußte, daß ich schwul bin oder daß ich ... am Anfang habe ich immer gesagt, ich bin bi. Ich konnte es einfach ihnen nicht sagen. Warum konntest du es deinen Freunden nicht sagen? Weil ich mich schämte. Ich wollte nicht unnormal sein. Ich selbst hatte weniger oder nicht viel Probleme damit, als es mir klar war. Aber dann der Schritt nach draußen, das war eine andere Sache und das hat dann viel länger gedauert. Vielleicht auch, weil ich so viel mit Mädchen zusammen war, und dann plötzlich alles umgekehrt war. Daß der Playboy aus dem Gymnasium jetzt schwul ist, na ja. Und ich war auch nicht gerade stolz darauf. (Christian)
Der ehemalige heterosexuelle "Playboy" schämte sich für seine Neigung. Er wollte "nicht unnormal" sein. Er meint, selbst wenig Probleme damit gehabt zu haben, wie bei Conrad war es die Außenwirkung, die ihm zu schaffen machte. Diese Außenwirkung stellt das Haupthindernis für fast alle 'harten Jungen' dar, wenn es darum geht, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

Ernst traute sich, wie im letzten Abschnitt dargestellt, über lange Zeit nicht, offen homosexuell zu leben, und offenbarte sich anderen erst mit siebenundzwanzig: "Jeder, der mich auf der Arbeit verdächtigt hätte, dem wäre ich an die Gurgel gegangen so ungefähr". Micha wurde nach einer fünfjährigen heterosexuellen Beziehung klar, daß er seiner Zuneigung zu Männern nicht länger ausweichen konnte, befürchtete jedoch, nun ganz allein dazustehen.

Ich glaube, das war eine meiner größten Befürchtungen so, wie reagiert die Umwelt darauf? So dieses Horror-Szenario, du bist dann ganz allein, keiner liebt dich mehr und alles wird ganz schrecklich! (Micha)
Wie reagiert die Umwelt, was sagen die Freunde, die Kollegen - immer wieder tauchen diese Fragen bei Männer des Clusters A auf. Und wenn jemand wie Kurt nach seiner späten Erkenntnis, homosexuell zu sein, sofort sein gesamtes soziales Umfeld einweihte, dann machte er doch aus Angst vor Isolation mehrfach Rückzieher und erklärte sich wieder zum heterosexuellen Mann.

Nur ein 'harter Junge' überwand seine Angst vor der "Außenwirkung" offenbar sehr schnell, sobald ihm vollkommen klar ist, wie seine sexuelle Orientierung ist. Lange Zeit zweifelte er, trotz vieler homo-erotischer Sehnsüchte seit der Pubertät, doch als er mit zweiundzwanzig das erste Mal unbeschwert und befriedigend homosexuelle Sexualität erlebt, machte er sein neues Bewußtsein sofort bekannt.

Bemerkenswert an dieser für 'harte Jungen' ungewöhnlich mutigen und schnellen Offenheit ist, daß Dirk als Kind häufiger allein und zudem mehr mit Mädchen spielte als alle anderen aus dem Cluster A. Er fühlte sich zudem wegen dieser Verhaltensweisen als Kind ein bißchen 'anders', ohne daß dies damals oder später seinem Selbstbewußtsein geschadet zu haben scheint.

Wie erlebten demgegenüber die 'weichen Jungen' ihr Coming Out gegenüber Freunden und Familie? Fiel ihnen, die sich ja in großer Zahl während ihrer Kindheit und Jugend als 'anders' erlebt hatten, der öffentliche Schritt in den Status 'Homosexueller' leichter?

Ein Unterschied zwischen den Clustern sticht besonders hervor. Im Vergleich zu den Männern aus Cluster A ist bei den Männern des Clusters B viel mehr die Familie, Eltern und Geschwister Thema, wenn sie über ihr Coming Out gegenüber Dritten sprechen. Nur manchmal werden Freunde oder Kollegen erwähnt. Dies kann ein Hinweis auf die Bedeutung der jeweiligen Segmente sozialen Lebens sein, die von beiden Clustern unterschiedlich gesetzt werden. Es scheint, als ob darin zum Ausdruck kommt, wie hoch die Bedeutung der Familie für die 'weichen Jungen' war, die gerade in ihrer Jugend nur begrenzt unter Peers ein 'Zuhause' fanden (s.Kap.4.4.1). Entgegengesetzt dazu scheint die Einbindung der 'harten Jungen' in die Peergruppe dazu beizutragen, daß ein Coming Out gegenüber jenen zentrale Bedeutung hatte.

Dieser Unterschied zwischen beiden Clustern erschwert einen Vergleich. Dennoch ist er möglich, gerade wenn die Vermutung stimmt, daß für die beiden Cluster jeweils ein anderes Segment ihres sozialen Umfelds besondere Bedeutung hat. Die eher wenigen Aussagen aus Cluster A über ein Coming Out gegenüber den Eltern bestätigen zudem den Eindruck eines zögerlichen Vorgehens und langen inneren Kampfes gegen die Angst vor Ablehnung, eben so wie die wenigen Aussagen aus Cluster B zum Outing gegenüber Freunden den Eindruck des schnelleren, mutigeren Herangehens unterstützen, der im Zusammenhang mit dem Coming Out gegenüber der Familie mehrheitlich entsteht.

Was das familiäre Umfeld angeht, war jedenfalls ein frühzeitiges Coming Out nach dem inneren Gewißwerden bei den 'weichen Jungen' die Regel. Selten warten sie mehr als ein Jahr, ehe sie ihre Eltern von ihrer Homosexualität in Kenntnis setzen. Natürlich spielt auch bei ihnen in einigen Fällen Angst vor Ablehnung eine große Rolle bei der Überlegung, ob sie ihre Eltern informieren sollten.

Dann bin ich Anfang '89 zuhause ausgezogen, und davor hatte ich schon mit meiner jüngeren Schwester gesprochen bzw. mit beiden Schwestern. Es hat dann aber noch einmal ein Jahr gebraucht, bis ich mit meinen Eltern darüber sprechen konnte. Obwohl ich da schon über meine Schwestern wußte, daß meine Eltern es wissen. Durch einen ganz blöden Zufall, weil meine Mutter einen Brief gelesen hat, in dem stand, daß Wolfgang und ich ein Verhältnis haben. Das wußte ich damals, und trotzdem habe ich ein Jahr gebraucht, den Mut zu fassen, jetzt sage ich es von mir aus noch mal und stell das klar. Weil da die Angst noch zu groß war, da verstoßen zu werden. (Veit)
Bei Veit mag die Angst eine Menge mit seinem christlichen Glauben zu gehabt haben, der ihn lange davon abhielt, sich seinen sexuellen Wünschen zu stellen. Als Kind vom Dorf, in dem er miterlebte, wie der einzige bekannte Homosexuelle im Ort verspottet und belächelt wurde, lag das Versteckspiel nahe: "Es war sehr klar, daß es in keinster Weise erstrebenswert war, schwul zu sein. Schon gar nicht auf'm Dorf".

Ein weiterer Mann erzählt, wie katastrophal seine Enthüllung gegenüber den Eltern verlief, und diese Erfahrung mag in ihm die Angst verstärkt haben, als Homosexueller abgelehnt zu werden. Sie fingen ihn eines Abends in der Küche ab und stellten ihn zur Rede. Er wußte, daß seine Eltern sehr ablehnend gegenüber Homosexualität eingestellt waren, aber die Auseinandersetzung, die folgte, war noch heftiger als erwartet. "Da fühlte ich mich dann so richtig alleine und dachte, ich muß da weg".

Er ging tatsächlich, nachdem seine Eltern ihn vor die Alternative stellten, "entweder reißt du dich zusammen, oder du kannst die Sachen packen!" Zwar blieb es nur bei einer Nacht, dann kehrte er notgedrungen zurück, aber die Angst, auf Ablehnung zu stoßen, verließ ihn lange nicht.

Die meisten anderen 'weichen Jungen' waren erfolgreicher mit ihrem Coming Out gegenüber den Eltern, viele überwanden rasch ihre Befürchtungen und fanden Verständnis.

Nach der ersten außer Haus verbrachten Nacht war erstens klar, ich will schwul leben, und zweitens, ich will das nicht vor meinen Eltern verheimlichen. Als meine Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, habe ich es abends meiner Mutter erzählt. Hab ziemlich rumgedruckst, bis es dann raus war, aber für sie war das überhaupt kein Problem. Sie hat es dann meinem Vater beigebracht, und der hat sich wohl doch einige Sorgen gemacht. Aber sonst war das auch für ihn okay. Paar Tage später habe ich es noch meinem Bruder erzählt. Der redet aber über sowas eher wenig. (Werner)
Sicherlich gab es bei einigen Befürchtungen, die einigen Mut erforderten, trotzdem mit Eltern oder Geschwistern zu reden, die sich aber in den meisten Fällen nicht bewahrheiteten. Einige berichten allerdings auch den umgekehrten Fall, daß sie vermuteten, ihre Eltern würden ihre Homosexualität problemlos hinnehmen, und dann durch das Gegenteil überrascht wurden.
Und mit meinen Eltern.. ach, ich hatte gedacht, bevor ich das Coming Out hatte, daß meine Eltern damit keine Probleme gehabt hätten. Es ist kein Zufall, daß ich behalten hab, was meine Mutter gesagt hat, als ich gefragt hab, was Schwule und was Lesben sind, hat mir das so gut erklärt, und mein Vater hat mir auch nie irgendwie gesagt, ich soll nicht mit Puppen spielen oder so. Ich dachte, daß meine Eltern sehr liberal sind und damit keine Probleme hatten. Hatten sie denn natürlich doch! Aber ich hätte echt gedacht, da hat mir die Natur das leicht gemacht, weil ich so prima Eltern hatte. Es gab leider doch ne Szene, aber ich hab mich denn ja durchgesetzt. (Volker)
Und doch sind alle Erzählungen über das Coming Out der 'weichen Jungen' mehrheitlich durchdrungen von einer positiven Stimmung. Eventuelle schlechte Erfahrungen mit den Eltern verblassen bei den meisten vor den positiven Erfahrungen mit dem Eintritt in die 'homosexuelle Welt'.

Dies ist der zweite Bereich, der bei den Männern aus Cluster B auffällt - ihr baldiges, fast selbstverständliches Eintauchen in die Welt der Bars und Diskotheken, der Treffpunkte für homosexuelle Männer, oder auch der Homosexuellen-Gruppen, in denen sie Freunden und Liebhabern begegnen. Sie nutzten überwiegend sehr schnell diese Angebote, betrieben möglicherweise von der vorher bestandenen Isolation, die sie nun ihre Bedenken und Sorgen hinsichtlich der homosexuellen Subkultur vergessen läßt.

Irgendwie war ich doch sehr frustriert, weil die anderen Freunde, die hatten dann tatsächlich Freundinnen schon gehabt und die konnten was erleben und die hatten Spaß, wenn die ausgegangen sind. Und das hatte ich in dem Sinne nicht wie die. Tja, und dann bin ich nach Berlin gezogen und dann hab ich das eigentlich auch alles ganz schnell verwirklicht, wie ich mir das vorgestellt hab. Ich bin im April nach Berlin gezogen, habe die ersten Schwulen in der Jugendgruppe kennengelernt, mit denen ich auch ganz viel über deren Erfahrungen gesprochen habe, und das waren alles so nette Leute! Das waren alles ganz tolle und interessante Leute, mit denen ich ganz viel gemeinsam hab. (Valentin)
Dazu tragen auch Freunde bei, mit denen sie über ihre Homosexualität sprechen, und von denen sie fast durchweg positive Unterstützung bekamen. Kaum einer der 'weichen Jungen' berichtet davon, seine Offenheit gegenüber Freunden hätte ihm geschadet, und mehrfach waren bei ihnen Freunde die ersten, mit denen sie ihre gleichgeschlechtliche Orientierung ansprachen.

Ihr Gang an die Öffentlichkeit ist im Einzelfall total. Es sind Männer im Cluster B anzutreffen, die sich schon früh sehr weit aus dem Fenster lehnten und Interviews in Zeitschriften gaben, in Büchern Berichte über ihr Coming Out mit Foto veröffentlichen ließen oder in politischen Organisationen (Studentengruppen, Fachschäftsräte, Parteien) offen als Homosexuelle auftraten.

Im Coming Out gegenüber anderen kippt das Verhalten der Männer beider Cluster erstaunlich klar um. So wie es bis dahin die 'harten Jungen' waren, die in Kindheit und Jugend allgemein eher Mut, Tatkraft und Selbstbewußtsein demonstrierten, so sind es nun, am Ende der Entwicklung zum homosexuell lebenden Mann, die 'weichen Jungen', die Mut, Tatkraft und neu gefundenes Selbstbewußtsein demonstrieren, während die 'harten Jungen' zaghaft und erstaunlich mutlos vor der Aufgabe zu stehen scheinen, sich der sozialen Umwelt als 'anders' und homosexuell zu präsentieren. Dieselbe Zaghaftigkeit und Zögerlichkeit, die sich bereits bei der Frage der Kontaktaufnahme mit anderen homosexuellen Männern gezeigt hatte, wirkt also auch in der Frage des Coming Out gegenüber Dritten.

Für beides scheint die Angst vor der Entdeckung verantwortlich zu sein, die insbesondere den 'harten Jungen' zu schaffen machte und für sie scheinbar wegen der besseren Einbindung in die Peers bedrohlicher war. Die mangelnde Einbindung in die Peers erweist sich möglicherweise als hilfreich für das homosexuell Coming Out.
 

-      Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Das Coming Out der 'weichen Jungen' liegt nicht nur früher, sondern offener, radikaler und selbstbewußter als bei den 'harten Jungen'. So findet sich ein homosexueller Lebensentwurf fast ausschließlich bei 'weichen Jungen', oft verknüpft mit einem Coming Out in Pubertät bzw. Adoleszenz. Ein heterosexueller Lebensentwurf ist bei beiden Clustern auffindbar, tendenziell häufiger bei jenen, die ihr Coming Out in höherem Alter hatten oder ihre Jugend in den 60er und 70er Jahren erlebten.

Während sich im Anlaß, die eigene Homosexualität wahrzunehmen, kein durchgängiger Unterschied zwischen den beiden Clustern zeigt, ist der Unterschied in den anderen Bereichen groß. Vielleicht aufbauend auf einer früheren Wahrnehmung akzeptieren die 'weichen Jungen' deutlich früher als die 'harten' ihr sexuelles Anderssein, bis zur Volljährigkeit hatte die Hälfte von ihnen diesen Schritt bereits hinter sich, den die 'harten Jungen' im Durchschnitt erst mit zweiundzwanzig schafften.

Auch die weiteren Schritte dauern länger bei den 'harten Jungen'. Selbst wenn sie ihre homosexuellen Empfindungen vor sich selbst nicht mehr leugnen wollten, zögerten sie doch lange vor einer Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen. Die Männer aus Cluster B vollzogen diesen Schritt häufig bald, nachdem sie sich ihre sexuelle Neigung eingestanden hatten. Auch beim Schritt nach außen, dem offenen Umgang mit der eigenen Homosexualität tun sich die Männer des Clusters A bedeutend schwerer als jene des Clusters B.

Es finden sich durchaus Faktoren, welche die Entwicklung zum homosexuellen Mann beschleunigen oder verlangsamen, welche nicht mit dem Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit und Jugend in Verbindung gebracht werden können: ein sexualfreundliches Klima, die Veränderung der gesellschaftlichen Akzeptanz in den vergangenen Jahren und die zunehmende Sichtbarkeit homosexueller Menschen in den Medien waren Männern beider Cluster eine Hilfe.

Aber dennoch wird auch in diesem Kapitel eindeutig sichtbar, welch unterschiedliche Wege die 'harten' und die 'weichen Jungen' gehen, welche Bedeutung offenbar das Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit hat, welches ja ausschließlich verantwortlich für die Clusterbildung war.

Denkbar wäre natürlich, daß die frühe Wahrnehmung homo-erotischer Empfindungen durch die 'weichen Jungen' den Ausgangspunkt bildet, von dem sich ein früheres Coming Out und alle weiteren 'milestones' ergeben. Dagegen spricht, daß in beiden Clustern nicht notwendig eine frühe erotische Anziehung durch Männer auch ein frühes Coming Out nach sich zog.

Was am Geschlechtsrollenverhalten ist es - verwirft man mal die am Ende des letzten Kapitels erwähnte Vermutung, die 'weichen Jungen' seien 'homosexueller' als die 'harten Jungen' - das die Entwicklung offenbar so vorantreibt bzw. was die Entwicklung bei den 'harten Jungen' so zurückhält?

Ross (1989) vermutete, 'feminine' Jungen würden sich selbst früher als homosexuell ansehen: "There is some evidence to suggest that being more effeminate may lead to internal or external labeling at an earlier stage"(S.308). Troiden (1989) meinte, feminine prähomosexuelle Jungen würden weniger 'identity confusion' erleiden als rollenkonforme Jungen. Das würde bedeuten, daß die stärkere Übereinstimmung der 'weichen Jungen' mit dem Klischee vom prähomosexuellen Kind und homosexuellen Mann es einfacher macht, das Naheliegende zu erkennen: daß sie homosexuell sind. Derselbe Faktor wirkt dementsprechend umgekehrt bei den 'harten Jungen'. Isay (1990) bringt hierfür ein Beispiel, wie der sehr männlich wirkende Klient Alan sich nicht für homosexuell hält, weil in Filmen die homosexuellen Männer stets feminin waren.

Hinzu komme der soziale Druck auf die 'harten Jungen', insbesondere im sportlichen Bereich, sich heterosexuell zu verhalten - und es auch zu sein (Savin-Williams 1998). Familiärer und Peer-Druck, sich konform zu verhalten, würde somit die homosexuelle Entwicklung erschweren und ihr Fortschreiten verlangsamen.

Für all diese Vermutungen und Behauptungen gibt es viele Indizien in den Aussagen der Interviewpartner dieser Studie. Insbesondere der als massiv empfundene Druck seitens der Peers und der Familie wird in seiner Auswirkung auf die Bereitschaft, seine Homosexualität sich selbst und anderen gegenüber zu akzeptieren, deutlich sichtbar. Wie stark muß dieser Druck sein, wenn er womöglich zu einer etwa zwei bis drei Jahre verzögerten Entwicklung führt?

Dies läßt eigentlich nur einen Schluß zu: Isolation und Ausgrenzung von den Peers hilft den 'weichen Jungen', ihr sexuelles Anderssein zu einem Zeitpunkt zu akzeptieren, der in etwa demjenigen entspricht, wenn präheterosexuelle Jungen ihre Heterosexualität beginnen auszuleben. Die gute Integration in die Peers und das konforme Selbstbild der 'harten Jungen' schadet diesen, ihre sexuelle Orientierung zu erkennen, anzunehmen und zu leben. Sind damit die 'weichen Jungen' am Ende die 'Gewinner', profitieren sie von der Homosexuellenfeindlichkeit und den Vorurteilen der Umwelt? In Bezug auf den Zeitpunkt, an dem sie beginnen, ihre sexuelle Orientierung auszuleben, scheint dies so zu sein. Ob dies auch in Bezug auf andere Faktoren gilt, soll der letzte Zeitabschnitt verdeutlichen, in dem es um die Geschlechtsidentität, die soziale Einbindung und feste Partnerschaften als Erwachsener geht.
 

weiter zum Kapitel 4.5


Fußnoten zu Kap. 4.4
 

1.  beide bezeichnen sich heute als 'vorwiegend homosexuell', sehen also heterosexuelle Anteile bei sich.

2. Das Alter beim ersten Samenerguß wurde im Interview erfragt, es lag bei den 'harten Jungen' zwischen 9 und 14 Jahren.

3. Der Pearson-Korrelationskoeffizient zwischen dem Geburtsjahrgang der 151 Befragten und deren Alter beim Coming Out ist sehr hoch (selbst [0,290], Freunde [0.408], Eltern [0.467], ersterer signifikant auf 0.05-Niveau, die beiden letzteren auf 0.01-Niveau). Keine andere Variable weist eine ähnlich hohe Korrelation mit dem Coming Out-Alter auf - mit Ausnahme der beiden anderen Coming Out-Daten.

4. Die Variable 'Alter bei erster homoerotische Attraktion' korreliert auf dem 0.05-Niveau mit der Variable 'Alter beim Coming Out gegenüber sich selbst' (0.220).

5. Das Durchschnittsalter der interviewten Männer aus Cluster A liegt bei 31,2 Jahren, Spannweite 25-40 Jahre
 

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