4.5      Interview: Erwachsenenalter


Am Ende der Interviews wurde das heutige Leben der Männer angesprochen - eher kurz gestreift, als eingehend thematisiert, da der Schwerpunkt in Kindheit und Jugend lag. Ziel dieses Interview-Abschnitts war es, die weitere Entwicklung im Erwachsenenalter festzuhalten und erste Anhaltspunkte dafür zu finden, wie sich die beschriebenen Kindheits- und Jugenderfahrungen heute auswirken. Es könnte dann Aufgabe einer weiteren Arbeit sein, diese Anhaltspunkte genauer zu verfolgen.

Aus zeitökonomischen Gründen wurden dabei lediglich zwei Bereiche noch einmal behandelt: die Geschlechtsidentität und die soziale Integration. Erstere sollte dahingehend überprüft werden, ob es eine weitere Annäherung bei den beiden Clustern gegeben hat oder die Unterschiede bestehen blieben. Die soziale Integration sollte anhand der Wohnsituation - allein oder mit anderen -, des Freundeskreises und der Historie von homosexuellen Partnerschaften eruiert werden.

Die Antworten auf diese Fragen waren häufig kurz und Nachfragen wurden kaum gestellt. Dieser Bereich bildete den Abschluß des langen Interviews, auch dies mag dazu geführt haben, daß sowohl Befragte wie auch Interviewer nicht allzu ausführlich auf die Fragen eingingen. Dadurch sind allerdings die Auswertungsmöglichkeiten beschränkt.
 
 

4.5.1      Geschlechtsidentität

Nach Bech (1997a) kann ein Homosexueller nicht Mann sein und er kann nicht kein Mann sein. Die Gesellschaft und die Medien böten jenen Platz, den er sich wünscht - beim Mann - nur Frauen an. Andererseits profitiere er von den Vorteilen des Mannseins. So wundert es nicht, wenn auch erwachsene Homosexuelle gefordert sind, sich mit ihrer Geschlechtsrolle auseinanderzusetzen.

War Effeminität in der homosexuellen Szene der Weimarer Zeit sowie der sechziger und siebziger Jahre ein typisches Merkmal, wandelte sich dies in den Achtzigern: "The style became distinctly masculine. Blue jeans, construction boots, leather jackets, and lumberjack shirts were de rigeur" (Pronger 1990, S.231). Der 'Macho'-Stil beherrschte nun die Szene, so daß 1980 Kleinberg fragte: "Where have all the sissies gone?"(zit. n. Pronger, ebd.). De Cecco (1987) beschrieb es als eine "caricatured masculinity"(S.109), Pronger bewertete es als "just another affection, a new style". Als sich die homosexuelle Szene - vor allem in den amerikanischen Großstädten - in den Achtzigern zunehmend sexualisierte, sei dies mit einer erotischen Besetzung von Männlichkeit einhergegangen: "butch is hot, drag is not"(S.232).

Unabhängig davon, ob es die erotische Anziehung durch Männlichkeit (Bech 1997b) oder eine nachgeholte Entwicklung von Männlichkeit ist, wie Pollak (1986) vermutete, die Entwicklung spiegelt sich auch im Sport wieder. In den vergangenen 30 Jahren entstand eine prosperierende Sport-Kultur in der homosexuellen Gemeinschaft, zuerst die Bodybuilding- und Fitneßwelle (Kuppinger 1996), dann ein immer breiteres Angebot an Team- und Individualsportarten: Volleyball und Schwimmen, Fußball und Leichtathletik, Badminton und Handball. Bestanden 1982 laut einer Umfrage der europäischen Sportorganisation EGLSF (European Gay & Lesbian Sports Federation) nur wenige homosexuelle Sportgruppen in Europa, waren 1995 bereits 189 Gruppen bekannt (Tend 1996). Besuchten die weltweiten 'Gay Games' bei ihrer Gründung 1982 noch 1300 Sportler aus 14 Sportarten, so nahmen 1994 an den 'Gay Games IV' über 10.000 männliche und weibliche Sportler in 31 Sportarten teil (Hamm 1996b). Die nordamerikanische Volleyball-Liga zählte Ende der Achtziger bereits 135 homosexuelle Teams, ein großes homosexuelles Bodybuilding-Center in New York mehr als 3.000 aktive Mitglieder (Pronger 1990).

Neuere Erhebungen zum Geschlechtsrollenverhalten weisen zwar immer noch gewisse Differenzen in den 'masculinity scores' gegenüber heterosexuellen Kontrollgruppen auf, aber keine in den 'femininity scores' (Finlay & Scheltema 1991, Chung & Harmon 1994). Die Frage, wie es den Interviewpartnern mit dem Mannsein ging, wurde ihnen für die vorliegende Arbeit dreimal gestellt. Zweimal retrospektiv, bezogen auf die Kindheit (s. Kap. 4.3.1) und die Jugend (s. Kap. 4.4.1), beim dritten Mal auf die Gegenwart.

Zwar ist zu vermuten, daß die gegenwärtige Haltung zum Mannsein auch die Darstellung der beiden anderen Lebenszeitpunkte beeinflußt, aber die intrapersonalen Differenzierungen sind durchaus geeignet, eine Entwicklung nachzuzeichnen.
 

-  Mannsein

Die Geschlechtsidentität der Männer beider Cluster ist im Erwachsenenalter unzweifelhaft männlich, wobei die Männer des Clusters A dies weit positiver bewerten als die des Clusters B. Als Begründung für die positive Einstellung zum Mannsein dienen vor allem die gesellschaftlich hohe Stellung des Mannes und körperliche Merkmale.

Die Aussagen über ihre Geschlechtsidentität sind für beide Cluster klar. Wie bereits in der Adoleszenz äußert niemand den Wunsch nach einer weiblichen Geschlechtsidentität. Für alle Befragten ist eindeutig und auch erstrebenswert, ein Mann zu sein. Männer des Clusters A verbinden diese Feststellung in vielen Fällen mit Formulierungen wie "glücklich darüber" sein, es sei "wunderbar", "prima", sie seien "heilfroh" oder "durch und durch froh" über diese Tatsache. Manchmal wird diese gefühlsmäßige Einstellung mit bezogen auf die Tatsache, daß sie nicht nur ein Mann, sondern zudem homosexuell sind.

Ich bin ganz glücklich darüber, muß ich sagen. Sowohl Mannsein an sich, als auch schwuler Mann zu sein, ist für mich absolut okay. (Conrad)
Eine derart uneingeschränkt positive Haltung zum Mannsein äußern alle Befragten aus Cluster A, ihre bereits für die Jugendzeit zu beobachtendes Selbstbild hat sich erhalten bzw. ist seitdem identisch geblieben. Sie fühlen sich wohl damit, Männer zu sein, und genießen die damit verbundenen Privilegien.

Im Cluster B herrscht ebenfalls eine positive Meinung vor, diese klingt aber gedämpfter, zurückhaltender. Diesen Männern "geht es gut" oder "sehr gut" mit ihrem Mannsein, im Einzelfall aber auch nur "relativ gut". Die Wertung ins Positive ist klar, aber eine uneingeschränkte Zustimmung wie im anderen Cluster ist nur in wenigen Fällen herauszuhören. Eher eine nüchterne Betrachtung, die nach den häufig schmerzvollen Erfahrungen mit Anforderungen an Männlichkeit in der Kindheit und Jugend nachvollziehbar ist: "Ich find's in Ordnung so oder ich find's praktisch, sag ich mal." Es ist also das Ausmaß, mit dem Männlichsein positiv bewertet wird, welches einen Unterschied zwischen den beiden Clustern bildet.

Einigkeit herrscht jedoch darin vor, daß keiner der Befragten sich heute wünscht, eine Frau zu sein. Die Geschlechtsidentität aller Männer ist eindeutig männlich, womit sich eine Kontinuität in diesem Punkt feststellen läßt, die mit einer Ausnahme bereits für die Kindheit galt und sich in der Jugend bis in die heutige Zeit fortgesetzt hat.

Offenbar aus einem Begründungszwang heraus lieferten die Männer Motive für diese positive Haltung zum eigenen Geschlecht, wobei mehrfach die hohe Stellung des Mannes in unserer Gesellschaft genannt wird. Der "Mann-Bonus" wird ohne Bedenken in Anspruch genommen, zumindest in seiner Auswirkung sehr begrüßt. Es ist ein stolzes Gefühl aus vielen Aussagen herauszuhören, diesem Geschlecht anzugehören.

Als Mann ist gut. Als Mann, das ist gesellschaftlich echt ne Top-Stellung. Also, ich könnt mir vorstellen, daß man damit in der Welt eigentlich gute Karten hat. Man hat den Mann-Bonus, ne. Man ist als Mann anerkannt und wo immer man hinkommt, man hat ne männliche Präsenz. (Kurt)
Erwähnt werden berufliche Vorteile (bessere Bezahlung und Aufstiegschancen) oder die angeblich uneingeschränkten Möglichkeiten eines Mannes ("kann machen, was ich will"). An zweiter Stelle stehen körperliche Merkmale, die als angenehm erlebt werden. Der dritte Faktor, welcher benannt wird, sind besondere Fähigkeiten (Aggressivität, Durchsetzungsvermögen, Stärke), die dem Mannsein zugeordnet und als positiv erlebt werden.

Die benannten Vorteile beschränken sich nicht auf solche, die Nachteile für Frauen mit sich bringen, sondern es werden ebenso Vorteile aufgezählt, welche aufgrund körperlicher Voraussetzungen Männern vorbehalten sind ("kann im Stehen pinkeln", "der Sex, den ich als Mann machen kann").

Die Körperlichkeit nimmt eine besondere Stellung bei den als positiv erlebten Aspekten ein. Viele Männer bringen ihren männlichen Körper und damit verbundene körperliche Vorteile bei der Frage nach dem Mannsein ins Spiel. Neben eher im scherzhaften Ton aufgeführten Merkmalen ("hab keine Periode") werden etwa Körpergröße oder eine lautstarke Stimme erwähnt.

Vor Schülern im Sportunterricht ist es ungemein praktisch, wenn man ein Mann ist und eine laute Stimme hat. Auch wenn sie wissen, daß man schwul ist, wenn man dann beim Fußballspielen besser ist als sie, dann ist das eigentlich nicht mehr so wichtig. Ich bin relativ groß, ich kann mich .. bei Konzerten hab ich immer freie Sicht, beim Fußball. (Dirk)
Manchmal schimmert eine Faszination für 'den männlichen Körper an sich' durch, denn es werden auch Merkmale benannt, welche der jeweilige Mann selbst nicht oder nur begrenzt aufweist ("gute Statur und tiefe Stimme"). Hier begegnen sich möglicherweise homo-erotisches Begehren und Identifikation mit dem Objekt des Begehrens.

Kritik an der gesellschaftlichen Ungleichstellung taucht nur in einem Fall auf, als ein ehemals 'harter Junge' seine Sozialisation als Mann kritisch hinterfragt und darüber nachdenkt, daß er sein männliches Verhalten mit weniger Schuldgefühlen ausleben könnte, wenn Frauen gleichberechtigter wären. Als Beispiel führt er jedoch an, daß er sich Frauen mehr dem männlichen (Gesprächs)-Verhalten angepaßt wünscht, damit er ohne schlechtes Gewissen sein Verhalten beibehalten kann: "Weil, dann sollen sie gefälligst ihre Klappe aufmachen, die Frauen!" Auch seine kritische Haltung zur eigenen Rolle als Mann endet somit erneut in einer positiven Bewertung männlichen Verhaltens, dem sich Frauen ja anpassen könnten. Vor allem die Männer aus Cluster A präsentieren also ein ausgesprochen positives Bild ihrer eigenen Geschlechtsrolle und ihrer männlichen Identität.

In einigen Fällen wird die Identifikation mit dem Mannsein konkret verknüpft mit einer Abgrenzung vom Frausein, besonders von Männern aus Cluster A. Sie betonen, keine Frau sein zu wollen, daß das Frausein für sie wenig Attraktivität hat. Andererseits meint jener Mann, der als 'harter Junge' dennoch früh viele Kontakte zum weiblichen Geschlecht hatte, er wolle sich eigentlich nicht von Frauen abgrenzen. Nachdem er eine Reihe von positiven Merkmalen des Mannseins (bzw. seines ganz spezifischen Mannseins) aufgezählt hat, scheint er fast zu befürchten, Frauen damit abzuwerten, und er fügt hinzu:

Ich glaub, wenn ich ne Frau wäre, wär ich eben ne Frau, dann wär ich auch ganz zufrieden. Von daher kann ich schlecht sagen, was gerade am Mannsein so besonders toll ist. Ich mein das eher so ... ich versuche es, irgendwie mit was zu füllen, was mir eigentlich glaub ich gar nicht so wichtig ist. (Dirk)
Obwohl dieser Mann seine positive Haltung zum Mannsein ausdrückt und mit mehreren, vor allem körperlichen Vorteilen begründet, läßt er so einer ebenso positiven Haltung zum Frausein mehr Raum als Micha, der sich Frauen fast als halbe Männer wünscht. Ähnlich klingt es bei einem Mann aus Cluster B, der besonders hervorhebt, keineswegs kritisieren zu wollen, "wie Frauen das halten oder wie Frauen sind". Ihm geht es darum, daß er seine Art und sein Verhalten gut heißt und für sich selbst als "richtig" empfindet, als passend.
Nicht, daß ich das kritisieren möchte, wie die Frauen das halten oder wie die Frauen sind, ganz und gar nicht, das finde ich genauso schön. Aber für mich ist einfach das Richtige, männlich zu sein. Der richtige Weg. (Volker)
Männer des Clusters B grenzen sich weniger gegenüber dem weiblichen Geschlecht ab, einige sprechen davon, "nicht anders" sein zu wollen, als wie sie sind. Sie stellen fest, daß sie anders als Frauen sind, eben männlich.

Gerade Männer aus Cluster B betonen, im Grunde nicht zu wissen, was 'männlich' oder 'weiblich' ist. Mehrfach wird Unsicherheit in dieser Frage konstatiert, oder sie sehen sich außerstande, Männlichkeit zu beschreiben. Sie grenzen sich - vielleicht deswegen - eher ab von dem "Macho", dem 'richtigen' Mann, dem Vertreter eines Männlichkeits-Klischees, welches sie ebensowenig präsentieren wollen. Manchmal tauchen hier noch Teile jener Zweifel auf, welche sie bereits aus ihrer Kindheit und Jugend beschrieben hatte.

Dabei weiß ich ganz genau, daß ich jetzt nicht so ein richtiger Mann bin, nicht so ein Macho, wie es die Gesellschaft von mir wünscht. (Volker)
Und doch haben auch die Männer des Clusters B in Bezug auf ihre Selbstdefinition offenbar einen Punkt gefunden, an dem sie mit ihrem Geschlecht zufrieden und eins sind, die Tatsache, ein Mann zu sein, positiv finden und die damit verbundenen Umstände genießen. Dies scheint der Ergebnis eines Prozesses zu sein, den sie in den Jahren seit ihrer Pubertät durchliefen.
 

-  Positive Haltung zum Mannsein als Ergebnis einer Entwicklung

Während bei den Männern des Clusters A eine Kontinuität in ungebrochener Männlichkeit festzustellen ist, betonen die Männer des Clusters B die Diskontinuität. Mannsein hat für sie eine deutlich positive Bewertung erst im Laufe des Erwachsenseins erhalten.

Wie sich sowohl in den Aussagen in der Kindheit als auch in der Jugend gezeigt hat (s. Kap. 4.3.1 und 4.4.1), stellen die Männer aus Cluster A in der Rückerinnerung ihre Geschlechtsidentität als durchgängig männlich bzw. 'jungenhaft' dar, während die Männer aus Cluster B zwar fast alle eine klare Geschlechtsidentität, aber gleichzeitig erhebliche Zweifel daran erinnerten, sich als "richtiger Junge" empfunden zu haben. Ihre männliche Rollenidentität war damals belastet von Diskrepanzen, welche sie zwischen dem gesellschaftlich anerkannten Jungen-Ideal und ihrem konkreten Verhalten entdeckten bzw. die von der Umwelt geäußert wurden.

Die ehemals 'harten Jungen' beurteilen also ihr heutiges Mannsein nicht nur positiv, sondern erwähnen mehrfach, daß dies ja bereits früher gegolten habe. Sie betonen die Kontinuität dieser Tatsache, wollen offenbar zeigen, daß ihr heutiges Gefühl zum Mannsein eine lange, in ihrer Person verankerte Tradition hat und ungebrochen seit ihrer Kindheit bestand. Vielleicht ist es diese Kontinuität, welche die Männer aus Cluster A ihre Männlichkeit so uneingeschränkt positiv beurteilen läßt.

Ich muß sagen, ich bin gerne ein Mann, nach wie vor! (Micha)
Ich war sicher gerne Mann. Ich war, und ich bin auch heute noch. Also, da hat sich, denke ich, nichts verändert. (Olaf)
Die Männer des Clusters B beschreiben demgegenüber eine Diskontinuität, die ihnen erst im Erwachsenenalter ein positives Verhältnis zum eigenen Mannsein ermöglichte. Bei vielen dieser Männer enthält die Antwort auf meine Frage "Wie geht es dir heute damit, ein Mann zu sein?" eine Bemerkung, welche auf die Diskontinuität hinweist: "Viel besser", "mittlerweile", "in letzter Zeit", "inzwischen", "jetzt" - fast jeder aus dieser Gruppe weist darauf hin, daß hier im bisherigen Verlauf seines Lebens eine Veränderung eingetreten ist. Diese Veränderung wird als ein Prozeß beschrieben, der beschwerlich und langwierig gewesen ist, eine Veränderung, die erarbeitet werden mußte in einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und der eigenen Art, sich als männlich zu empfinden.
Das Männliche in mir mußte ich erst mühsam entdeckten. (Albert)
Ich will nichts anderes sein, ich fühle mich gut als Mann. Ich lerne aber erst in letzter Zeit mehr, meine männlichen Seiten positiv zu sehen und Kraft und Stärke und sowas zu genießen (Werner)
Teilweise fand dieser Prozeß im Rahmen einer Therapie statt oder wurde durch eine Therapie ausgelöst. Ein Mann berichtet, wie er noch als erwachsener Mann "Angst vor männlichem Verhalten" gehabt habe, und nun nach einer gelungenen Therapie zu "männlichem Verhalten" nicht nur in der Lage sei, sondern sich geradezu darauf freue, es zu leben.
Ich bin gerne ein Mann. Und ich entwickel durch meine Therapie auch gerade meine Männlichkeit. Ich bin im Beruf durch meine Angst vor männlichem Verhalten gescheitert, war arbeitslos, Therapie angefangen, und lebe jetzt wieder auf, habe eine Umschulung begonnen, hab dann aber doch wieder durch die Umschulung zum Beruf zurückgefunden. Und z.B. erlebe es jetzt, wie lustvoll es ist, mit meinem Macho-Chef zu streiten, sich durchzusetzen. Beruflich fasse ich eigentlich ein Gebiet an, vor dem ich früher eine Heidenangst hatte, ich geh in die Bauleitung. Früher ja nur Entwurf und schöngeistig, bloß nicht auf der Baustelle sich mit Handwerkern streiten. Und da geh ich jetzt bewußt rein. Und freu mich drauf. (Lars)
Während dieser Mann als Veränderung beschreibt, daß er seine Angst vor männlichem Verhalten zu überwinden versuche, beschreiben andere als Ergebnis des Prozesses eine veränderte Sicht auf das, was 'männlich' bedeutet. Sie empfinden ihr Mannsein nicht deshalb heute als positiv, weil sie sich nun mehr als Mann im herkömmlichen Sinne verstehen, sondern weil sie sich selbst - trotz ihrer wahrgenommenen Abweichungen im Verhalten von dem gesellschaftlichen Bild - als 'männlich' empfinden. Im Einzelfall gelingt ihnen dies durch die Schaffung einer dritten "Kategorie" neben den beiden gesellschaftlichen Kategorien 'Frau' und 'Mann'.
Vielleicht habe ich mir so eine Kategorie im Kopf geschaffen, schwule Männer ... auf der einen Seite schwule Männer und heterosexuelle Männer und Frauen, so drei Kategorien. Ja, ich glaube, das kommt dem noch am nächsten. Auch wenn ich darüber noch nicht so viel nachgedacht habe, aber ich glaube das ist, wie ich heute die Geschlechter-Verhältnisse sehe. Daß es so drei Geschlechter gibt. (Torge)
Durch diese Abgrenzung sowohl vom Frausein als auch vom (heterosexuellen) Mannsein gelingt es ihm offenbar, ein positives Selbstbild zu gestalten und sich von alten Selbstzweifeln abzusetzen. Er steht mit dieser Darstellung jedoch im Cluster B allein, vorherrschend ist eine Neu-Definition von 'Männlichkeit', die es den anderen ermöglicht, sich selbst der Kategorie 'Mann' zuzuordnen.
 

-  Neudefinition von Männlichkeit

Viele Männer aus Cluster B definieren Männlichkeit heute anders als früher und als das gesellschaftlich vorherrschende Ideal. Durch Integration 'weiblicher' Komponenten entsteht ein modifiziertes Bild von Männlichkeit. Dies beschränkt sich aber auf Verhaltensweisen, das Tragen weiblicher Kleidung trifft auf wenig Interesse - im Cluster A noch weniger als im Cluster B.

Corbett (1993) wendet sich gegen die Vermischung von Homosexualität und Femininität. Was bei homosexuellen Männern anzutreffen sei, wäre eine 'andere' Form von Männlichkeit. Wie sieht diese 'andere' Form bei den Männern dieser Studie aus?

Das Männerbild der Befragten aus Cluster A zeigt sich wenig reflektiert. Nicht ein einziger beschreibt ein vom vorherrschenden gesellschaftlichen Bild abweichendes Männlichkeitsideal, gerade mal homosexuell-sein wird als Abweichung akzeptiert. Sie sehen sich in Übereinstimmung mit dem herkömmlichen Mannsein und genießen dessen Vorteile. Lediglich in wenigen Eigenschaften, etwa der Sensibilität, weichen einige davon ab, ohne diese Eigenschaften wirklich als 'weiblich' anzusehen. Doch selbst diese Sensibilität wird kaum offen zur Schau getragen, sie bleibt eher "ganz versteckt" oder dem privaten Bereich vorbehalten, in dem auch ein 'richtiger Mann' schwach werden darf.

Ja, ich bin sensibel. Obwohl man das nicht denkt. Mich kann etwas so treffen, daß ich schnell anfange zu heulen. So ganz versteckt bin ich wahrscheinlich auch so ein Softie-Typ sogar eher. (Conrad)
Ein zweiter Mann beschreibt, wie er manchmal im Beruf stark sein muß, sich dann aber zuhause bei seinem Freund ausweint. Einen derartigen 'weiblichen' Anteil akzeptiert er für sich, bleibt aber damit im Rahmen dessen, was auch einem 'richtigen Mann' zugestanden wird. Die Homosexualität bleibt letztlich auch im Erwachsenenalter der wesentliche Unterschied zum Ideal des heterosexuellen Mannes, orientiert am herkömmlichen Männlichkeitsideal.

Die Männer des Clusters B scheinen sich - gezwungenermaßen? - wesentlich stärker mit diesem Männlichkeitsideal auseinandergesetzt zu haben und wagen häufig eine Neuorientierung in Bezug auf die Definition dessen, was als 'männlich' angesehen wird. Teilweise begann dies bereits in der Adoleszenz, bei anderen erst im Erwachsenenalter. Fand eine solche Neuorientierung statt und emanzipierten sie sich vom vorherrschenden Ideal, dann geraten auch ehemals 'weiche Jungen' in einen vergleichbar schwärmerischen Ton über die eigene männliche Geschlechtsidentität wie die früheren 'harten Jungen'. Dann sind auch von ihnen Prädikate wie "super" oder "phantastisch" auf die Frage zu hören, wie es ihnen heute mit ihrem Mannsein geht.

Also, heute finde ich das phantastisch, wie ich bin. Das ist wirklich unglaublich. Und ich finde diese Mischung aus Mann und Frau, was ich bin, oder von meiner Gefühlswelt, ganz wunderbar. (Albert)
Dieser Mann, der als Kind eher eine weibliche Geschlechtsidentität hatte, ist voller Begeisterung über seine ganz individuelle Art von Mannsein. Noch während der Pubertät hatte er nach eigenen Angaben "gar keine Ahnung .., was Mannsein überhaupt ist", und nun genießt er seine Mischung aus männlichen und weiblichen Anteilen, und findet unter dieser Voraussetzung sehr gut, was und wie er Mann ist.

Vielleicht nicht ganz so extrem, daß sie von einer "Mischung aus Mann und Frau" sprechen, ergeht es anderen ehemals 'weichen Jungen'. Aber viele erwähnen doch eine Neu-Definition von Mann-Sein, die ihnen erlaubt, sich selbst als Mann und in dieser Rollenidentität positiv zu fühlen. Sie integrieren 'weibliche' Eigenschaften wie 'weich sein' oder 'entspannt sein' und wenden sich ab von einem Männlichkeitsbild, welches z.B. 'hart sein' erwartet. Und diese Form von Mannsein gefällt ihnen sehr, diese können sie genießen. Sie bringen damit ihre Geschlechtsrollenidentität in Einklang mit ihrer Geschlechtsidentität.

Mannsein finde ich super! Macht mir Spaß. Aber ich definiere Männlichkeit ganz anders, als ich das noch vor zehn Jahren gemacht hatte. Männlichkeit hat für mich nichts mehr damit zu tun, hart zu sein. Früher hatte es so viele negative Seiten für mich, das männliche. Weißt du, weil das immer das war, was ich sein mußte und nicht sein konnte und nicht sein wollte, und jetzt sehe ich das ganz anders. Es ist sehr schön, so entspannt zu sein und so, und das ist aber auch männlich! Also, in dem Sinne fühle ich mich sehr männlich. Nicht in dem anderen Sinne, wie die Gesellschaft das definiert. (Volker)
Für diese Männer geht es nicht mehr darum, ein "Klischee zu erfüllen". Durch die selbstbewußte Eigendefinition von Männlichkeit, welche sogenannt 'weibliche' Seiten einbezieht, anstatt sie auszugrenzen, können sie ihr Mannsein positiv bewerten. Ihr Männerbild hat sich gegenüber der Kindheit oder auch der Jugend gewandelt, so daß sie klarer und besser damit zurechtkommen, Mann zu sein. Begleitete sie während der Kindheit und Jugend häufig noch ein Mangelsgefühl, eine Empfindung, als Junge nicht zu genügen und kein 'richtiger Junge' zu sein, erleben sie sich nun nicht mehr als unzureichend in Bezug auf ihr Mann-Sein.

So trauen sie sich auch, traditionell von Männern besetzte Felder zu erobern, wenn etwa Lars der direkten und kraftvollen Umgangsweise auf dem Bau nicht mehr ausweicht oder Volker Kraftsport betreibt. Es ist ein Prozeß, wie ihn bereits Pronger (1990) in seinem Buch über Homosexuelle und Sport bei sich selbst beschrieb: "Over the years ... I felt less threatened by straight masculinity and more willing to use traditional masculine forms like athletics in my own untraditional ways"(S.3).

Was hat sich verändert für diese Männer, daß sie diese Neu-Definition vornehmen und mit ihr zufrieden sein konnten? Sichtbar wurde bereits im letzten Abschnitt, daß der jetzige Zustand Produkt eines längeren Prozesses ist, einer längeren Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit, möglicherweise ausgelöst durch die wahrgenommenen oder von außen bemängelten Defizite. Die Befragten präsentieren vor allem das Endprodukt dieser Entwicklung, berichten jedoch eher wenig darüber, wie es dazu kam. Therapie als ein Motor von Selbstakzeptanz wird benannt, ein anderer Faktor scheint das Erleben von positiver Rückmeldung auf die eigene Art von Männlichkeit zu sein.

Sowohl in meinem Nebenjob als auch im Studium als auch im Wohnen und Freundeskreis ich fühle mich wohl. Und ich fühle mich da auch so angenommen! Und möchte auch gar nicht anders sein. (Frank)
Die Akzeptanz Dritter, vor allem von Freunden, aber auch von ArbeitskollegInnen, Mit-StudentInnen oder Schülern, erlaubt den Männern offenbar, sich selbst ebenfalls besser mit dem zu versöhnen, was sie sind. Hinzu kommt meist ein Bestreben, nun als Erwachsener als männlich angesehene Potentiale bei sich zu entwickeln und sie ebenfalls mit Lust zu leben.

Noch ein weiterer Faktor wird erwähnt, daß nämlich in ihrer Kindheit das Junge/Männlichsein weit einschneidendere Bedeutung hatte als im Erwachsensein. War in der Kindheit die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht ein starkes Identifikationsmoment, so sind inzwischen andere Identifikationsmöglichkeiten hinzugekommen.

 In meiner Kindheit war vielleicht diese geschlechtspezifische Identifikation wichtig, während heute die berufliche Identifikation oder die Identifikation mit meinem Freundeskreis eine Rolle spielt. (Torge)
Trotz der beschriebenen Integration 'weiblicher Anteile' beinhaltet die Neu-Definition kaum Äußerlichkeiten wie etwa die Kleidung. Keiner der Männer aus Cluster B beschreibt es als Teil seiner Identität, weibliche Kleidung zu tragen (wobei nicht auszuschließen ist, daß einzelne dies nicht erwähnen wollten).

Im Gegenteil wird teilweise die Erfahrung geäußert, sich in weiblicher Kleidung "unwohl" zu fühlen, trotz Spaß am Verkleiden als Frau froh zu sein, "wenn ich da rauskomme aus diesen ekligen Synthetik-Plünnen". Obwohl vier der befragten Männer aus Cluster B sich während ihrer Kindheit gern als Mädchen verkleidet hatten, scheint dieser Rollenwechsel durch Verkleiden im Erwachsenenalter nur noch für wenige reizvoll zu sein. Dies mag ein Indiz dafür sein, wie stark nun die männliche Geschlechtsidentität auch bei den ehemals 'weichen Jungen' verankert ist, deuten doch die Aussagen gerade auf einen Widerspruch zwischen Geschlechtsidentität und dem Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, wenn gleichzeitig das Tragen extrem 'männlicher' Kleidung als "unpassend" erlebt wird, ist dies doch ein weiterer Hinweis auf eine neudefinierte Männlichkeit jenseits herkömmlicher Klischees.

Wozu ich nie Lust hatte, und das ist bis heute geblieben, ist, Frauenkleider zu tragen. Da fühle ich mich unwohl drin, das ist wie 'verkehrt', unpassend. Ich habe es mal versucht, war auch ganz witzig, aber hinterher war ich froh, wieder meine Männerkleidung anzuhaben. Irgendwie war es wie was Übergestülptes, Aufgesetztes. Das ist genauso Quatsch, als wenn ich mich als Bauarbeiter verkleiden würde, das bin ich einfach nicht. (Werner)
Heftiger noch als im Cluster B ist die Ablehnung, Frauenkleider zu tragen, bei den ehemals 'harten Jungen'. Wo im Cluster B ein eher entspanntes Verhältnis in der Ablehnung spürbar wird, wenn gesagt wird, "ich mag nicht" oder "mir gefällt das nicht", offenbaren einzelne Männer aus Cluster A eine heftige Ablehnung, die vermuten läßt, daß ein Verkleiden als Frau beinahe bedrohlich erlebt wird.
Hast du mal einen Fummel getragen? Nee, nee. Würde ich auch nicht machen. Also, hätte ich keine Lust zu, und sähe garantiert total lächerlich aus. Auch nicht aus Spaß. Würde ich nicht machen. (Rainer)
Ein anderer Faktor mag hier noch ein Rolle spielen. Derselbe Mann hätte auch Bedenken, wenngleich geringere, in Leder-Montur auf die Straße zu gehen. Ihn besorgt, was Leute denken würden, die ihn kennen. Hier scheint eine Furcht vorzuliegen, vom Üblichen, vom 'Normalen' abzuweichen, egal, ob dies durch Tragen von Frauenkleidern oder von explizit 'männlichen' Kleidungsstücken geschieht.

Es liegen nicht genügend ausführliche Äußerungen zu diesem Thema vor, so daß es schwer ist, fundierte Aussagen zu machen. Auf Seiten der ehemals 'weichen Jungen' scheint jedoch eine merkliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsrolle stattgefunden zu haben, die im Ergebnis sehr individuell ist und sich von Klischees absetzt. Damit ist sie möglicherweise stabiler, belastbarer als jene der ehemals 'harten Jungen', die einer solchen Auseinandersetzung nie bedurften.
 

-  Selbstbeschreibung im BSRI (BEM Sex-Role Inventory)

Die Männer beider Cluster beschreiben sich im BEM Sex-Role Inventory unterschiedlich, wobei der Cluster A im Durchschnitt höhere Werte für Maskulinität, der Cluster B im Durchschnitt höhere Werte für Femininität erreichte.

Der Begleit-Fragebogen, den alle interviewten Männer nach dem Interview ausfüllten, enthielt auch alle 60 Items des deutschen BEM Sex-Role Inventory (Schneider-Düker & Kohler 1988), um das heutige Selbstbild in Bezug auf Geschlechtsrollenverhalten zu überprüfen. Aufgrund der sehr kleinen Zahl von Probanden (9+13) ist es wenig sinnvoll, statistische Signifikanzen zu berechnen. Es gibt jedoch einige Items, bei denen die Durchschnittswerte der beiden Cluster deutlich differierten (um einen ganzen Punktwert oder mehr), so daß diese zu einer kleinen Auswertung herangezogen werden können.

Bei der Femininitäts-Skala zeigen sich bei 8 Items hohe Unterschiede, die teilweise bei über 1,2 Einheiten liegen. Die ehemals 'weichen Jungen' schätzten sich folglich selbst im Durchschnitt stärker in Bezug auf sieben dieser Eigenschaften ein, die als für Frauen sozial erwünscht angesehen werden. Die Items der f-Skala, deren Mittelwerte stark zwischen den beiden Clustern differierten, waren dieselben, welche bei der Konstruktion der deutschen Version sehr gut zwischen Frauen und Männern unterschieden (a.a.O., S.262).


 
m-Skala (Maskulinität) Cluster A  Cluster B  f-Skala (Femininität) Cluster
A
Cluster B
ehrgeizig 5,56 4,58 abhängig 2,67 3,82
entschlossen 6,11 4,67 weichherzig 4,33 5,5
unerschrocken 4,89 3,67 nachgiebig 3,67 4,67
wetteifernd 5,22 3,83 empfindsam 5 6,17
zeige geschäftsmäßiges Verhalten 4,67 2,75 selbstaufopfernd 4,89 3,67
      verspielt 3,78 4,83
      herzlich 4,56 5,75
      liebe Sicherheit 5,22 6,5

Tab.12: Mittelwerte beider Cluster in ausgewählten Items des Bem Sex-Role-Inventory
 

Nimmt man lediglich die allgemeine Tendenz der Mittelwert-Unterschiede, so bestätigen die Daten die Selbstdarstellungen im Interview, nach denen die Männer des Clusters A in der Gegenwart ein Selbstbild haben, welches sich stark an dem für Männer sozial erwünschten Verhalten orientiert, während die Männer des Clusters B auch im Erwachsenenalter eine Reihe von Verhaltensweisen in ihr Selbstbild integriert haben, die sich am für Frauen sozial erwünschtem Verhalten orientieren.
 
 

4.5.2      Soziale Integration

Eine der vier zentralen Fragestellungen dieser Arbeit betraf die soziale Einbindung der Befragten. Für die Kindheit wurde hierzu ausführlich die Familiensituation mit Eltern und Geschwistern sowie die Integration in die Peers angeschaut, für die Adoleszenz erneut die Eltern und die Peers. Für die gegenwärtige Zeit wurden als Indikatoren für die soziale Einbindung die Wohnsituation und der Freundeskreis gewählt.
 

-  Wohnsituation

Die derzeitige Wohnsituation der Männer beider Cluster ist vergleichbar; jeweils gut die Hälfte lebt allein, der Rest zusammen mit seinem Freund oder in einer Wohngemeinschaft.

Die in den vergangenen Jahren mehrfach wiederholte Umfrage unter homosexuellen Männern durch Bochow (1997b) ergab, daß ein gute Mehrheit von 57% allein lebte. Ungefähr ein Fünftel lebte mit seinem Freund zusammen, etwa 10% in einer Wohngemeinschaft.

Die Verteilung bei den Interviewpartnern der vorliegenden Arbeit ist hiervon nicht allzu sehr verschieden. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte der größte Teil allein in einer Wohnung: fünf der neun Männer aus Cluster A und sieben der dreizehn Männer aus Cluster B. Der Rest wohnt entweder mit seinem Freund zusammen oder in einer Wohngemeinschaft. Allein zu wohnen bedeutet für viele jedoch nicht, daß sie nicht in einer festen Partnerschaft leben; einige wohnen bewußt allein oder leben nicht in derselben Stadt wie ihr Freund.

Wohngemeinschaften sind für die Männer beider Cluster eher eine Ausnahme, und es überwiegen solche mit weiblicher Beteiligung. Ein Mann aus Cluster A wohnte bislang mit Frauen zusammen, suchte aber eine gemeinsame Wohnung für sich und seinen Freund, ein weiterer plant nach einiger Zeit des Alleinlebens eine WG mit einer Freundin. Er äußert dabei sehr konkret das Bedürfnis, nicht allein zu leben, einen anderen Menschen in der Wohnung zu haben.

Ich werde mit meiner Freundin Sandra zusammen ziehen. Das war jetzt so eine Phase von über drei Jahren, wo ich das mal ausprobiert habe, alleine zu leben. Und das ist ganz klar das Ergebnis, daß, wenn andere das machen wollen, bitteschön, dann sollen sie, für mich nicht! Ich muß mit Leuten zusammen wohnen. Ich habe wirklich die ganzen Jahre genossen, wo ich in Wohngemeinschaft gelebt habe. Das war einfach mal eine tolle Lebensform, man kam nach Hause und man konnte sich unterhalten oder etwas zusammen unternehmen und mußte nicht noch mal von sich aus aktiv werden. (Micha)
Bei den Männern aus Cluster B sind es aktuell drei, welche in einer solchen Gemeinschaft mit Frauen leben. WG's mit Männern scheinen nicht sehr beliebt ("ich will nicht, daß ein Hetero einzieht"), auch wenn diese Tatsache wenig thematisiert wird. Eher schon meinen die Männer ein Alleinleben rechtfertigen zu müssen, das 'Warum' folgt mehrfach ganz automatisch, ohne daß es erfragt wurde. Zwei Gründe werden dabei hauptsächlich genannt: zum einen das Aufrechterhalten einer - auch sexuellen - Autonomie ("Jeder hat auch seine eigene Privatsphäre") und zum anderen die Verschiedenartigkeit zwischen den Partnern, die ein Zusammenwohnen erschweren könnte. Manchmal ist deutlich herauszuhören, daß Befürchtungen bestehen, ein Zusammenwohnen könnte die Beziehung gefährden.
Mein Freund ist noch in der Endphase seines Studiums, ich bin im Beruf, er ist ein totaler Chaot, also was Organisation und Ordnung angeht, ich bin ziemlich ordentlich. In seiner Wohnung macht mir das überhaupt nichts aus, in meiner Wohnung stört's mich schon. Das sind so Dinge, die belasten uns nicht, aber auch weil wir das trennen. (Tom)
Die Zahl der Alleinwohnenden in beiden Clustern ist hoch, was dem allgemeinen Trend zur Singularisierung entspricht und mit den Daten von Bochow übereinstimmt. Diesem Trend wirkt auch eine feste Partnerschaft nicht entgegen, wie schon die Daten von Dannecker & Reiche (1974) sowie Dannecker (1990) in der Replikationsstudie zeigten: weniger als die Hälfte der fest Befreundeten gaben damals an, zusammen zu leben.

Ein deutlicher Unterschied in Bezug auf das (Nicht-) Zusammenleben in einer Wohnung zwischen den Clustern ist nicht zu entdecken, eher schon, daß dies offenbar von geringer Bedeutung für die soziale Integration ist, da kein Zusammenhang mit den beiden folgenden Bereichen festzustellen ist.
 

-  Freundeskreis

Der Kontakt zu heterosexuellen Männern ist bei allen Befragten eher gering, typisch ist die enge Freundschaft mit anderen Homosexuellen und (heterosexuellen) Frauen. Bei den Männern des Clusters A gibt es noch mehr Kontakt zum früheren, heterosexuellen Umfeld, aber auch Fälle eines radikalen Bruchs und eines ausschließlich homosexuellen Freundeskreises.

Homosexuelle Männer (und Frauen) haben nach Bell & Weinberg (1978b) mehr enge Freunde als Heterosexuelle, unabhängig davon, ob sie in einer festen Partnerschaft leben oder nicht. Diese "Homosozialisation" (Isay 1990), ein soziales Netzwerk aus homosexuellen Freunden, folgt bald nach dem Coming Out gegenüber der homosexuellen Szene und kann einen wichtigen Schritt aus der davor liegenden Isolation bedeuten. Dannecker & Reiche (1974) bezeichneten diesen Schritt allerdings wegen der Abkapselung der homosexuellen Szene vor der heterosexuellen Umwelt als "kollektive Isolation" (S.65) gegenüber der davor liegenden individuellen.

Wieweit trifft diese Beschreibung auch auf die Männer der vorliegenden Arbeit zu? Sie alle wurden sowohl im Interview danach gefragt, wie ihr jetziger Freundeskreis aussieht, als auch im Zusatzfragebogen gebeten, die Zusammensetzung ihres Freundeskreises in eine von vier Kategorien einzuordnen (homosexuelle Männer, homosexuelle Männer und einige Frauen, heterosexuelle Männer und Frauen, homo- und heterosexuelle Männer und Frauen) sowie gesondert davon anzugeben, wie viele heterosexuelle Männer sich in ihrem engeren Freundeskreis befinden.

In der Frage der Zusammensetzung des Freundeskreises treten Unterschiede zwischen den beiden Clustern deutlich zutage. Die Männer aus dem Cluster A, die in der Kindheit und Jugend gut integriert in einen Kreis von anderen Jungen waren, haben sich offenbar einen Teil dieser Kontakte erhalten oder suchen weiterhin den Kontakt zu heterosexuellen Männern. Zwei bis drei heterosexuelle Männer befanden sich durchschnittlich in ihrem engeren Freundekreis ( Mittelwert 2,67). Beim Cluster B sind es signifikant weniger, im Durchschnitt nur ein bis zwei (Mittelwert 1,46). Gar keinen heterosexuellen Mann im Freundeskreis haben zwei Interviewpartner aus Cluster A (entspricht 22%), aber fünf aus Cluster B (entspricht 39%).


Zusammensetzung des Freundeskreises Cluster A  Cluster B 
Durchschnittliche Anzahl heterosexueller Männer im engen Freundeskreis 2,67 1,46
Keine heterosexuellen Männer im engen Freundeskreis 2 (22%) 5 (39%)
Zusammensetzung des Freundeskreises:    
-  überwiegend homosexuell  3 0
-  Homosexuelle Männer + Frauen 3 10
-  Homosexuelle und heterosexuelle Männer + Frauen 3 3

Tab. 13: Zusammensetzung des Freundeskreises im Erwachsenenalter
 

Von den ehemals 'harten Jungen' sind einige noch ein Stück in der heterosexuellen Männer-Welt verankert, wenngleich es manchmal so klingt, als würde dies auch als Belastung und Mangel empfunden. Diese andauernde Verankerung wird nämlich oft erkauft mit dem Fortbestehen eines partiellen Doppellebens gegenüber alten Freunden und Nachbarn am Heimatort.

Ich habe zuhause weiterhin die Rolle weitergespielt, die bisher so da war. Und das läuft .. fast heute noch zum großen Teil so. Ich bin jetzt aber eigentlich nur noch selten dort. (Olaf)
Andere sind stolz darauf, sich trotz ihrer Homosexualität nicht selbst "auszugrenzen" aus dem früheren Kreis von Freunden. Sie halten die alten Kontakte und profitieren von einer Kontinuität und einer Einbindung ohne gravierende Brüche, sofern die alte Umwelt ihre Homosexualität akzeptiert bzw. toleriert.

Die Kehrseite ist, daß es einzelnen von ihnen bisher kaum gelungen ist, einen wirklichen Freundeskreis aus homosexuellen Männern aufzubauen. Sie zogen sich aus dem Kreis heterosexueller Freunde im Laufe ihres Coming Out zurück, bleiben aber gewissermaßen im Niemandsland auf dem Weg zu homosexueller Gemeinschaft stecken, sehnen sich nach einem "schwulen Freundeskreis", ohne bislang Wege gefunden zu haben, einen solchen zu bilden.

Was kaputt gegangen ist, ist mein ganzer alter Freundeskreis, die Fußballer etwa. Und ich kann eigentlich nicht sagen, daß ich einen schwulen Freundeskreis hätte. Ich kenne zwar auf der Hochschule viele, aber im Grunde habe ich noch kein homogenes Umfeld. (Kurt)
Kurt wohnt mit seinem heterosexuellen Bruder zusammen und hat - auch aus der langen Tradition gemeinsamer Freizeitgestaltung - lange Zeit die früheren freundschaftlichen Kontakte weiter mitgetragen. Wesentliches 'Zugeständnis' an eine veränderte Situation ist die Freundschaft mit einer lesbischen Frau.

Überhaupt scheinen Freundschaften mit Frauen für viele Männer aus Cluster A ein passabler Kompromiß im Erwachsenenalter zu sein. Sie bleiben damit dem 'normalen' Leben verbunden, und eine offene Haltung vieler Frauen zu homosexuellen Männern unterstützt diesen Brückenschlag, der bei manchem heterosexuellen Mann Unbehagen oder Abwehr hervorrufen würde.

Bei den Heten habe ich inzwischen mehr Freundinnen als Freunde. Meine Ex-Frau ist meine beste Freundin. (Tom)
Ich finde, Frauen sind einfühlsamer, konzentrierter bei Gesprächen, offener .. gerade, was das Thema Sexualität angeht, kann ich mit Frauen besser drüber sprechen als mit Männern. Woran liegt das? Ich denke mir, daß bei Hetero-Männern immer noch so ein bißchen die Angst da ist, daß ich was von ihnen will. Da ist Sexualität auch so gar kein Thema! War es mal ne Zeitlang, aber jetzt nicht mehr, jetzt haben die auch alle festen Beziehungen und sind Väter und so und das ist irgendwie jetzt kein Thema mehr. (Dirk)
Wie bereits im Zusammenhang mit dem Coming Out geschildert, scheint sich der Weg in die 'homosexuelle Welt' für einige 'harte Jungen' auch deswegen so schwierig gestaltet zu haben, weil sie sich so wenig mit dem Klischeebild des femininen, weichen Jungen identifizieren konnten. Für sie wirkte die homosexuelle Subkultur oder überhaupt das, was sie an homosexueller Kultur und Politik kennenlernen, keineswegs als etwas, "wo ich mich wirklich auch so ähnlich fühle", wie es Leander sagte. Dies mag ihre Einbindung in einen homosexuellen Freundeskreis behindern.

Immerhin ein Drittel von ihnen hat dennoch inzwischen einen ausschließlich homosexuellen Freundeskreis. Dem geht in der Regel ein Ortswechsel voran, bei dem die ehemaligen, heterosexuellen Freunde am Geburts- oder auch am Studienort zurückgelassen wurden, und am neuen Wohnort ein vollkommen neuer, nun homosexueller Freundeskreis entstanden ist. Nur in diesen wenigen Fällen kann von einer eindeutigen Integration in das homosexuelle Umfeld gesprochen werden.

Meine Freunde sind alle schwul. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ich hatte früher ganz gute Hetero-Freunde, aber ... gut, das hängt auch mit dem Wechsel von Braunschweig nach Berlin zusammen, ne, ich habe in Braunschweig mein Coming Out gehabt, da hatte ich auch meine Hetero-Freunde, habe aber dann hier in Berlin sehr stark schwul gelebt, ne. War sicher auch ein wichtiger Grund, nach Berlin zu kommen und das einfach auszuprobieren, weil es hier auch eine gute Szene gibt oder eine gute Infrastruktur, und mir dann hier auch schwule Freunde gesucht habe, und meine Hetero-Freunde sind praktisch in Braunschweig geblieben. (Micha)
Die früheren 'harten Jungen' stellen sich überwiegend als auch heute gut sozial integriert dar, wenn auch nicht immer im homosexuellen Bereich. Die in langen Jahren erworbenen Fähigkeiten des sozialen Umgangs in Gruppen, Sportmannschaften oder Jungenfreundschaften tragen in soweit Früchte, als es alle (mit einer Ausnahme) geschafft haben, hinreichend Möglichkeiten zum sozialen Kontakt und Austausch zu finden.

Dabei behilflich sind gerade für diese Männer möglicherweise Sportgruppen wie etwa 'Schwule Fußballer', in denen sie auf andere Homosexuelle treffen, die ihre Interessen und ihren Erfahrungshintergrund als 'harte Jungen' teilen. Hier hat sich ihnen eine geeignete Tür geöffnet, um auf ihre Art homosexuell zu leben.

Auch bei den damaligen 'weichen Jungen' kann nach den Interview-Aussagen mehrheitlich von einer nunmehr guten sozialen Integration gesprochen werden. Ihre Einbindung in einen homosexuellen Freundeskreis ist deutlich vorangeschritten. Es ist ihnen gut gelungen, sich einen Kreis von Freunden zuzulegen, mit denen sie neben anderen Interessen die emotionale und sexuelle Präferenz für Männer teilen, ein Kreis von 'Gleichen', der ihr 'Anderssein' nicht in Frage stellt, sondern eher noch kultiviert. Sie haben sich in der homosexuellen Welt eingelebt, finden dort ihre Freunde, die nicht selten ehemalige Sexualpartner oder feste Partner waren, die sie tragen und mit denen sie sich wohl fühlen. Sie genießen die Ähnlichkeit und das damit verbundene Gefühl, "nicht der einzige" zu sein, "der so ist", auch wenn der eine oder andere bedauert, daß damit gleichzeitig der Kontakt zu nicht-homosexuellen Menschen verloren gehen kann.

Einerseits finde ich es wunderschön, daß ich so viele auch schwule Leute kenne, wo ich mich wirklich auch so ähnlich fühle, also jetzt auch so von den Interessen her, und daß ich eben nicht der einzige bin, der so ist. Aber andererseits geht es mir manchmal nicht so gut damit, daß ich das Interesse an anderen Leuten verlieren kann. (Leander)
Ob dieses Bedauern einem echten Bedürfnis entspringt und nicht bloß einem moralischen Empfinden, ist schwer zu sagen. Jedenfalls äußern viele Männer aus Cluster B, daß ihr Verhältnis zu heterosexuellen Männer auch im Erwachsenenalter problematisch sei, so daß sie entweder alte Kontakte nicht weiter pflegen - so sie denn in der Jugend bestanden - oder keine neuen aufbauen. Die frühere Distanz ist offensichtlich bei vielen 'weichen Jungen' auch im Erwachsenenalter geblieben, die alten Wunden sind offensichtlich noch nicht verheilt.
Ich habe durch meine Prägung aus der Kindheit teilweise Schwierigkeiten mit einigen Männern, wobei ich diese Männer auch als sehr schwierig empfinde. Selbst wenn ich das versuche, von meiner Geschichte zu abstrahieren. (Jan)
Wieder sind es jene Männer, die ausgeprägt 'feminine' Züge tragen, welche aufgeschlossener und positiver gegenüber heterosexuellen Männern eingestellt sind. Einer von ihnen, dem schon bei Angriffen während der Kindheit häufig große und starke Jungen zur Seite traten und ihn schützten, berichtet auch jetzt von der "Wertschätzung" welche ihm heterosexuelle Männer entgegenbringen. Von daher mag er "Hetero-Männer sehr gern". Ob er dabei jene Männer ausblendet, mit denen ein Jan "Schwierigkeiten" hat, so wie er bis zum Alter von 15 Jahren seine Homosexualität ausblendete, ist schwierig zu sagen, aber denkbar.

Geradezu 'Standard' bei Männern aus Cluster B scheint ein guter Kontakt zu Frauen zu sein. Zehn der dreizehn Männer aus Cluster B wählten beim Fragebogen die Beschreibung "überwiegend aus schwulen Männern und einigen Frauen", als sie über die Zusammensetzung ihres Freundeskreises eine Aussage machen sollten - gegenüber einem Drittel der Männer aus Cluster A.

Ich lebe allein in eigener Wohnung. Aber ich hab eben so einen Kreis von sehr guten Freunden, fünf oder sechs, wo ich mich ganz gut geborgen fühle. Zwei Frauen sind dabei, und die Männer sind schwul. (Josef)
Nur in einem Fall spielen Frauen eine besonders große Rolle, stellen sie den "Großteil meines Freundeskreises". Dieser Mann, der sich schon früh stark weiblich identifizierte, bleibt den Frauen bis zum heutigen Tag stark verbunden.
Also, Frauen stellen schon den Großteil meines Freundeskreises, würde ich sagen. Waren es auch immer gewesen. Und ich schätze Frauen sehr, vor allem, weil ich weiß, daß sie es in dieser Gesellschaft nicht so leicht haben. Und, da kann ich mich schon sehr mit identifizieren, wenn Frauen also so ihren Weg gehen. Ich mag sie gern. (Albert)
Ansonsten kann bei den meisten Männern aus beiden Clustern zum heutigen Zeitpunkt von einer guten Einbindung in einen homosexuellen Freundeskreis gesprochen werden. Die Einbindung scheint 'weichen Jungen' leichter gefallen zu sein, aber doch auch einem nicht geringen Teil der 'harten Jungen' ist es offenbar gelungen, sich im Erwachsenenalter einen Kreis von Freunden zuzulegen, die sie in ihrer Identität als homosexuelle Männer stützen und stärken.

Wesentlich ist, daß im Erwachsenenalter erstmalig bei allen Männern aus Cluster B von einer guten sozialen Einbindung gesprochen werden kann. Zumindest in Bezug auf einen Freundeskreis haben diese Männer offenbar jene individuelle Isolation überwunden, die ihre Kindheit und noch mehr ihre Jugend auszeichnete.
 
 

4.5.3      Homosexuelle Partnerschaften

Zuletzt wurden die Männer danach gefragt, ob sie gegenwärtig in einer festen homosexuellen Partnerschaft leben bzw. welche dieser Partnerschaften sie seit ihrem Coming Out gehabt haben. Ursprünglich war geplant, dieses Thema im Rahmen dieser Arbeit ausführlicher zu behandeln, da aber nur von einem Teil der Männer ausführliche Aussagen hierzu vorliegen, wird darauf verzichtet und lediglich ein Überblick gegeben.

Bis zu den Veröffentlichungen der 70er und 80er Jahre (Bell & Weinberg 1978b, Dannecker & Reiche 1974, Silverstein 1981) existierte kaum wissenschaftliches Material zu homosexuellen Partnerschaften. Dies ist sicher auch dem Umstand geschuldet, daß verschiedene Forscher Homosexuelle für nicht beziehungsfähig hielten (Bieber et al. 1962, Socarides 1971) oder ihnen lediglich ein Interesse an "schnellem Sex", an "Sexualität ohne Engagement und Verpflichtung" (Humphreys 1974) unterstellt wurde.

Kinsey (1966) meinte noch feststellen zu müssen, es gäbe "erstaunlich wenig langfristige Beziehungen zwischen zwei Männern"(S.590). Saghir & Robins (1973) fanden durchaus längere Beziehungen unter homosexuellen Männern, die jedoch selten länger als drei Jahre dauern würden, bei Bell & Weinberg (1978b) galt dies aber bereits für die erste "Affäre" nach dem Coming Out. Eine Partnerschaft zum Zeitpunkt der Befragung hatte etwa die Hälfte der Befragten, davon lebten zwei Drittel zusammen, und ein Drittel war bereits mehr als 5 Jahre miteinander befreundet. Bei Dannecker & Reiche (1974) waren es 58% der Befragten, die derzeit mit einem Partner fest zusammen waren, davon knapp 60% bereits länger als zwei Jahre. Auch in den wiederholten Befragungen von Bochow (zuletzt 1997) waren es gut 50%, die in festen Beziehungen lebten.
 

-  Erste homosexuelle Partnerschaften nach dem Coming Out

Die Männer aus Cluster B begannen ihre ersten festen homosexuellen Partnerschaften eher als jene aus Cluster A, begünstigt durch ihr früheres Coming Out. Ihre Partner waren dafür häufig erheblich älter, während sie im Cluster A meist gleichaltrig waren. Die Dauer dieser ersten Partnerschaften zählte bei den 'harten Jungen' eher Jahre, bei den 'weichen Jungen' oft nur wenige Monate.

Die jugendlichen Befragten bei Savin-Williams (1998) hatten ihre erste fest Beziehung bereits im Durchschnitt mit 18,33 Jahren, wobei offensichtlich auch Beziehungen zwischen pubertierenden Jungen in diese Definition eingeschlossen wurden, da die Altersspanne von 11 bis 25 Jahren reichte.

Das Durchschnittsalter, in dem sich die Männer der vorliegenden Arbeit auf eine erste feste Partnerschaft mit einem anderen Jungen oder Mann einließen, liegt um einige Jahre höher, differiert aber zwischen den beiden Clustern nur um ein dreiviertel Jahr (24,38 bei den Interviewpartnern aus Cluster A; 23,66 bei jenen aus Cluster B). Allerdings zeigt der Median von 20,5 Jahren bei den 'weichen Jungen' und 23 Jahren bei den 'harten Jungen', daß letztere auch bei diesem Schritt ins homosexuelle Leben keineswegs mit den anderen gleichziehen. Altersmäßig liegen sie weiterhin um mehr als zwei Jahre zurück.

Die Männer aus Cluster B machten folglich ihre ersten homosexuellen Beziehungsversuche eher, allein sechs von ihnen vor ihrem 21.Geburtstag.

Ich ging mit 18 zu dem schwulen Stammtisch, den es damals gab, und da habe ich zum ersten Mal schwule Männer in meinem Alter kennengelernt und hatte son großes Bedürfnis, mich auszutauschen, zu erfragen, wie es den anderen geht. Ich habe mich dann schnell verliebt in einen aus der Gruppe, mit dem war ich ganz lange zusammen. (Anton)
Vom schnellen Verliebtsein erzählen fast alle 'weichen Jungen'. Die lange schwelende Sehnsucht und das häufige heimliche Verlieben in Schulkameraden oder andere Jungen bzw. Männer mag dazu beigetragen haben, daß sie sich bei ihren ersten Schritten in die homosexuelle Welt spontan verliebten und versuchten, nun endlich aus ihrer Isolation herauszutreten und jene enge Freundschaft zu finden, die sie so lange vermißt hatten.

Doch sie mußten erfahren, daß ein unerfahrener Jugendlicher in der homosexuellen Szene zwar leicht Kontakte knüpfen und sexuelle Erfahrungen machen kann, wenn er sich jedoch verliebt, leicht an undurchdringliche Mauern stößt. Wo sie selbst mit der ganzen Überzeugung grenzenloser Liebe den Wunsch nach Partnerschaft und Zusammengehörigkeit verspürten, scheuten die gefundenen potentiellen Partner eine feste Bindung mit einem Jugendlichen im Coming Out. Anton hatte das Glück, in einer Homosexuellen-Gruppe auf jemanden zu stoßen, der offener für eine Bindung war, weil er vielleicht selbst noch mitten im Coming Out steckte, während z.B. ein anderer mit 17 Jahren erleben mußte, daß er als Freund nicht gefragt war.

Wir hatten uns häufiger gesehen, mochten uns gerne, ich hatte mich dann so ein bißchen in ihm verknallt. Aber der wollte einfach nicht mehr von mir. Ja, das war schon eine gewisse Enttäuschung, daß ich nicht für ihn als Freund in Frage käme, sondern nur als ein Freund und Sex-Partner, mal eben. (Volker)
Nicht selten waren die Männer, welche die 'weichen Jungen' in den Bars, Diskotheken oder per Anzeige kennenlernten, deutlich älter als sie. Dies mag individuelle Gründe gehabt haben (s.u.), kann aber auch damit zusammenhängen, daß damals für sie als Jugendliche bzw. Heranwachsende der Kontakt zu Gleichaltrigen nicht leicht herstellbar war. Immerhin gab es bis in die späten achtziger Jahre hinein noch nicht jene Vielfalt von Homosexuellen-Gruppen für Jugendliche wie heute - zumindest nicht in allen Städten.

So fanden sie Partner, welche bis zu zwanzig Jahren älter waren, häufiger zwischen fünf und acht Jahren. Nur drei der zehn Männer aus Cluster B hatten bei ihrer ersten Partnerschaft einen jüngeren Partner, wobei zwei davon zu diesem Zeitpunkt bereits Mitte Dreißig waren. Die beiden letzteren 'Ausreißer' sind es auch, die entweder sehr lange mit ihrem Coming Out warteten bzw. sich über viele Jahre ohne feste Bindung mit kurzen sexuellen Abenteuern begnügten. Sie lebten ihre Homosexualität nur in der Nacht bzw. auf Reisen und scheuten engere Bindungen bzw. suchten sich Männer, mit denen eine enge Bindung unmöglich war. Welche inneren Kämpfe und Widerstände das Entstehen fester Bindungen verhindert haben mögen, wird bei einem der beiden sichtbar, wenn er die Zwanghaftigkeit seiner Partnerwahl, die Kontaktsuche zur Bewältigung psychischer Belastungen und die Spaltung seines Lebens beschreibt.

Tagsüber lebte ich als Diakon und nachts ging ich in die schwule Szene. Dieses überfromme Leben, ich mußte mich ja subversiv im Untergrund dagegen wehren. Und je frommer ich außen war, umso verrückter war ich in der Schwulenszene. Das war meine Kompensation. Ein absoluter Irrsinn. Also, ich hab's in der Zeit ganz wild getrieben, mit bis zu 10 Leuten in der Nacht. Ich hab's gelebt, aber jede Woche neu gekämpft, es sein zu lassen. Immer, wenn's Streß zuhause gab oder irgendwas, dann setzte ich mich in die S-Bahn und fuhr zum Hauptbahnhof. Und auf dem Weg jede Station kämpfte ich, auszusteigen und wieder zurückzufahren. Das lief jahrelang so. Wenn ich dann schließlich drin war, dann hab ich's genossen. Dann war ich in einer anderen Welt. Sobald ich quasi in der Schwulenszene drin war, fühlte ich mich pudelwohl. (Lars)
Inzwischen lebt dieser Mann nach einer Psychotherapie seit 1 ½ Jahren in einer monogamen Beziehung. Was hier bei einem Mann im Extrem sichtbar wird, nämlich eine Beziehungslosigkeit durch Funktionalisierung der sexuellen Kontakte und eine starke Abwehr, sich auf die eigene Homosexualität einzulassen, mag auch eine Rolle gespielt haben bei jenen 'weichen Jungen', deren erste feste Partnerschaften nur einige Monate hielten. Bei der Hälfte aller Männer aus Cluster B dauerten diese ersten Beziehungen höchstens ein halbes Jahr. Grob gerechnet ergibt sich eine durchschnittliche Dauer der ersten festen Partnerschaften von 20 Monaten.

Bei den Männern aus Cluster A liegt die durchschnittliche Dauer mehr als doppelt so hoch, bei 45 Monaten. Nur zwei Männer aus diesem Cluster waren beim ersten Mal kürzer als ein halbes Jahr befreundet. Zu dem hohen Wert tragen sicherlich zwei besonders lange Partnerschaften bei, welche den Mittelwert erhöhen, aber auch die durchschnittlichen Werte der anderen 'harten Jungen' liegen signifikant höher als jene der 'weichen Jungen'.

Dafür liegt das Alter, in dem sie ihre erste feste Beziehung begannen, bei den Männern aus Cluster A höher. Nicht so sehr im Durchschnitt, weil im Cluster B die zwei 'Ausreißer' den Durchschnitt markant erhöhen, aber im Median (Cluster A 23 Jahre vs. Cluster B 20,5). Ein einziger 'harter Junge' fand seinen ersten Freund mit 18 Jahren, nachdem er erst mit 17 sein kurzes Coming Out hatte.

Andere waren frühestens mit 22 Jahren soweit, eine feste Bindung mit einem Mann einzugehen. Entweder waren sie sich bis dahin noch nicht über ihre Homosexualität im Klaren oder bekämpften sie oder lebten sie ausschließlich anonym und punktuell aus. Selbst wenn ihnen bewußt war, daß sie homosexuell sind, zögerten viele von ihnen, sich auf feste Partnerschaften einzulassen. Innere Abwehr mag hier eine wichtige Rolle gespielt haben, konnten sie doch sexuelle Kontakte als "nicht-schwul" (s.Kap.4.4.2) ansehen und sich weiterhin als heterosexuell fühlen oder zumindest den letzten, entscheidenden Schritt damit vermeiden.

Ein Mann etwa, der lange Zeit als "Playboy" galt und mit Frauen zusammen war, brauchte viel Zeit, bis er sich auch gefühlsmäßig auf einen Mann einlassen konnte. Hinzu kam, daß sich eine feste Beziehung viel schwerer vor der Außenwelt verheimlichen ließ als ein anonymer Kontakt in einem Park oder einer Toilette.

Wir haben uns dann häufiger getroffen, aber das war sehr kompliziert. Seine Freunde, die wohnten in einem Haus, und ich kannte fast alle, weil die mit mir studierten und umgekehrt, im Haus, wo ich wohnte, die kannten sich alle. Und ich hatte eigentlich keinen Grund, ihn zu treffen, weil, na ja, ich traute mich das noch nicht zu sagen. Und deshalb war das alles so kompliziert, weil ich dann nachts oder wann auch immer flüchten mußte. Ich war auch noch nicht soweit, um das alles offen zu machen. Und anscheinend bedeutete er auch nicht genug für mich, um das zu tun. (...) Bisher war das alles selbstverständlich, wenn ich ein Mädchen kannte, am Anfang verliebt zu sein oder sie zu mögen. Und das war mit Männern ganz anders, weil ich ... na ja, das war nicht einfach für mich, festzustellen, ach, du empfindest viel für diesen Typen. (Christian)
Ihre ersten Beziehungspartner sind mehr oder weniger gleichaltrig. Anders als bei den 'weichen Jungen' gibt es selten große Altersabstände. Dies hat sicherlich auch mit ihrem eigenen höheren Alter bei der ersten Partnerschaft zu tun, vielleicht aber auch mit anderen Faktoren wie Selbstwertgefühl und umfangreicher Erfahrung im Umgang mit gleichaltrigen Männern bzw. Jugendlichen.
 

-  Vorstellungen über feste Partnerschaften

In den Vorstellungen über feste Partnerschaften gleichen sich die Männer beider Cluster im Wunsch nach Vertrauen, Geborgenheit und Offenheit. Unterschiede zeigen sich im stärkeren Wunsch der Männer aus Cluster B nach Unabhängigkeit und Distanz, nach Geliebtwerden, nach sexueller Treue und - teilweise - nach älteren Partnern. Einige ihrer Erwartungen erscheinen zudem unrealistisch hoch.

In der Schilderung ihrer Erfahrungen mit Partnerschaften und ihrer Erwartungen an den Partner werden in einigen Punkten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Clustern sichtbar.

Auf die Frage, was ihnen in ihren festen Partnerschaften wichtig sei, stehen bei beiden Clustern Geborgenheit, Vertrauen und Offenheit besonders hoch im Kurs. Diese drei Begriffe tauchen immer wieder auf, wenn sich die Männer über ihre Erwartungen äußern.

Geborgenheit war schon immer n Thema für mich, Vertrauen, absolute Offenheit. Kein Thema muß ausgeklammert werden. (Peter)
Vertrauen, Ehrlichkeit zueinander, ich sehne mich eigentlich nach dem Vertrauen in den Menschen, dem ich alles erzählen kann, der mir auch alles erzählt, und der mir auch unangenehme Dinge erzählt. Und da ist sicher das Streben nach Geborgenheit, das ist sicher richtig. Sicherheit, Geborgenheit. (Olaf)
Sicherheit, sich sicher und geborgen fühlen bei und mit einem Menschen, der einem vertraut ist, ein Gefühl "zuhause zu sein", wird ebenfalls häufig genannt. Sich gegenseitig Halt zu geben und zu stützen.

Es sind alles Momente, welche das Gemeinsame betonen, das Gegenseitige. Es ist den Männern wichtig, sich mit dem Partner "einfach wohl zu fühlen" und etwas zusammen zu tun - oder "zusammensein, ohne etwas tun zu müssen", schöne Momente zu teilen, und "daß wir uns aneinander erfreuen", wie es ein Mann ausdrückt. Mehrere beschreiben in diesem Zusammenhang die Bedeutung, welche Nähe und Beisammensein für sie hat. Sie wollen mit ihrem Partner zusammenleben in einer Wohnung und viel Zeit miteinander verbringen, "zu zweit Geborgenheit haben".

Ich brauche jemanden, der oft zu zweit sein will, und mit dem ich lange zu zweit zusammensein kann, und gemütlich und ruhig im Bett liegen kann, zuhause auch mal Fernsehgucken, auch mal am Samstagabend ruhig Fernsehgucken. Mit dem ich halt viel zu zweit machen kann. (Rainer)
Dieser Wunsch wird häufiger von ehemals 'harten Jungen' geäußert. Sie möchten die gemeinschaftliche Wohnung und das gemeinsame Leben im Alltag, möchten den Freund "auch morgens zerknittert sehen und nicht nur am Samstag gestylt". Sie genießen die Nähe in der Nacht, wenn sie den Partner spüren und berühren können, ziehen aus dieser Nähe Geborgenheit und Vertrautheit.

Von den Männern aus Cluster B kommen in diesem Punkt oft andere Aussagen. Viele betonen ihren Wunsch nach Unabhängigkeit, Distanz und Eigenständigkeit. Statt des gemeinsamen Freundeskreises, von dem einige Männer aus Cluster A berichten, ziehen sie es vor, "daß der persönliche Freundeskreis nicht verloren geht". Sie wünschen Freiräume und Abstand.

Nee, Zusammenleben möchte ich eigentlich nicht so gerne. Weil ich eben auch merke, wie toll das ist, unabhängig zu sein und seine eigene Wohnung zu haben. Ich glaub, daß das ganz schwierig ist, über Jahre zusammenzuleben. (Valentin)
Zwar erwähnen auch einzelne Männer des Clusters A den Wunsch nach Eigenständigkeit, wenn etwa einer heute froh ist, daß sein Freund damals dagegen war, zusammenzuziehen. So wohnen jetzt beide in getrennten Wohngemeinschaften. Doch ist der Anteil der 'weichen Jungen', die nun als Erwachsene ihre "eigene Individualität ausleben" möchten, weitaus größer. Sich als "eigenständige Person bewegen", keine Abhängigkeit entstehen zu lassen, das ist ihnen heute ganz wichtig.

Dies ist jedoch nicht der einzige Punkt, in dem sich die beiden Cluster in ihren Beziehungsvorstellungen unterscheiden. Einige Wünsche an die Partnerschaft werden ausschließlich von Männern aus Cluster B genannt; Männern aus Cluster A äußern vergleichbare Wünsche nicht.

Etwa der Wunsch bzw. die Sehnsucht, von einem Menschen geliebt zu werden. Liebe und Zuneigung vom und für den Partner ist ihnen so wichtig, daß sie es zum Teil als ersten Punkt benennen. Ein Mann nennt es "fast kitschig", aber für ihn ist eine wesentliche Komponente seiner Beziehung, er habe "jeden Tag wieder das Gefühl, ich werde wirklich geliebt. Und zwar auch dann, wenn ich nicht nur perfekt und geistreich bin". Die Bestätigung der eigenen Bedeutung, welche in der Liebe einen Ausdruck findet, scheint für viele dieser Männer eminent wichtig zu sein, hilft ihnen womöglich, ein unsicheres Selbstwertgefühl abzustützen.

Das Gefühl, geliebt zu werden von jemanden, den ich auch liebe. Das hat mir sehr gut getan. Also jemand der sich wirklich darauf freut, wenn ich da bin, der gerne Zeit mit mir verbringt und der es aufregend und interessant findet, was ich tue und denke. (Torge)
Geliebt zu werden, gern gesehen zu sein, mit den eigenen Gedanken und Taten ernst und wichtig genommen zu werden, diese Sehnsucht spiegelt sich in vielen Beschreibungen der 'weichen Jungen' von ihren festen Partnerschaften. Ausschließlich bei ihnen taucht auch der Wunsch nach einem älteren Partner auf, den sie bereits als Jugendliche hatten und der in abgeschwächter Form manchmal noch heute fortbesteht. Ihr Freund sollte erfahrener, stärker sein und gesichert leben.
Daß mein Partner älter war, war für mich wesentlich. Daß er in wirtschaftlich geordneten Verhältnissen gelebt hat, also so ne große Wohnung, dem ging es beruflich einfach sehr gut. (Albert)
Darauf habe ich auch immer Wert gelegt, daß die Leute ein bißchen älter sind als ich. Ich wollte keinen Jüngeren kennenlernen. Mein Freund hat mir vieles gezeigt. Da hat sich so ne andere Welt für mich aufgetan. Nicht einfach nur schwul, sondern irgendwie eine musische Welt. Er hat mir Sachen gezeigt, die ich sonst nie gekannt hätte, und auch irgendwie Bildung vermittelt. (Volker)
Dieser geäußerte Wunsch korrespondiert mit der Tatsache, daß die ersten Partner auch wirklich häufig älter waren und die 'weichen Jungen' damit ein Gegenüber gewonnen hatten, welches ihnen bei ihren ersten Schritten in der homosexuellen Welt behilflich sein oder auch das gesellschaftliche Leben eröffnen konnte. Womöglich trauten sie sich nicht zu, dies allein zu bewerkstelligen.

Ein dritter Wunsch an eine Partnerschaft, der im Interview nur von 'weichen Jungen' geäußert wurde, ist der nach einer monogamen Beziehung, dem Ausschluß sexueller Außenkontakte. Die Daten aus dem Zusatz-Fragebogen unterstützen diesen Eindruck: Fünf der neun Männer in Cluster B, die in einer festen Beziehung leben, haben keinerlei sexuellen Außenkontakte, sind also sexuell treu. Bei den Männern aus Cluster A lebt nur ein einziger in einer festen Partnerschaft ohne sexuelle Außenkontakte. In Cluster A verlangt kein einziger Mann sexuelle Treue von seinem Partner, in Cluster B immerhin drei der neun, vier weitere wünschen Treue.

Viele Männer des Clusters B sehnen sich offenbar nach (sexueller) Ausschließlichkeit, und die Umsetzung scheint ihnen auch vielfach zu gelingen. Andere scheitern an diesem Anspruch, weil ihre Partner den Wunsch nicht teilen oder nicht zu teilen vermögen.

Ich hatte bis jetzt eigentlich immer so die Traumvorstellung gehabt, daß ich halt einen Freund hab und daß ich ne monogame Beziehung führe, also, eher so was Bürgerliches mache. Aber irgendwie ist das bei Schwulen ja dann doch so, daß alles sehr locker in sexueller Hinsicht gesehen wird. Und daß ich, wenn ich die Anforderungen so hoch setze, wahrscheinlich sehr oft enttäuscht werde. Und mich jetzt fragen muß, ob das so wichtig ist, daß man eine monogame Beziehung führt. Das weiß ich nicht, ich will das alles erst mal ausprobieren, ob ich damit leben kann, daß ich einfach so rumflippe, was ich mir bisher einfach nicht vorstellen konnte. (Valentin)
Die "Anforderungen so hoch" setzen, diese Haltung fällt mehrfach bei Männern dieses Clusters auf. In den Vorstellungen, die von einigen 'weichen Jungen' geäußert werden, schimmern Heilserwartungen durch, die einen Partner grenzenlos überfordern mußten.
In der Zeit fing das auch an, daß ich einen Freund gesucht hatte. Und der Illusion erlegen war, mein Leben wird sofort gut, wenn ich einen Freund habe. Und da war ich dann in Bernd verliebt. (...) Und der hatte eben Gefallen an mir gefunden, und ich mochte ihn auch auf Anhieb gerne, und es war sofort ein Mega-Wunsch da, sofort nicht mehr von diesem Körper zu weichen. (Albert)
Vielleicht geboren aus zutiefst empfundenen Unglück, wie es Albert im Verlauf des Interviews eindringlich schildert, soll die gewünschte feste Beziehung alle Probleme lösen und alles Leid vergessen machen. Ein knappes halbes Jahr hielt seine erste Partnerschaft, die diesen Erwartungen wohl nicht gewachsen war.

"Und dann wird eben zur Glücksvervollständigung noch ein Freund angeschafft, das hatte ich mir sehr einfach vorgestellt so", erzählt ein zweiter Mann, auch er in vielfacher Hinsicht vor seiner ersten Beziehung todunglücklich. Seine erste Beziehung dauerte dementsprechend keine drei Monate. Ein dritter wünscht sich einen Partner, der eigentlich Frauen liebt - vielleicht eine Folge seiner lange Liebe zum gleichaltrigen Freund, der Frauen vorzog. Ein Scheitern der Beziehung war quasi vorprogrammiert.

Bis heute such' ich eigentlich immer .. begehre immer Männer mehr, die hetero sind. Das war auch meine Tragik, daß ich mich bis 30 nur in Hetero-Männer verliebte und darauf angewiesen war, sie zu verführen und umzudrehen. Was mir natürlich nie richtig gelang! Ich kam mit ihnen ins Bett, aber irgendwann kam doch wieder ne Frau oder irgendwann sagten sie doch, nee, schwul bin ich nicht. (Lars)
Derartige unrealistische oder für eine dauerhafte, auf Gegenseitigkeit angelegte Partnerschaft ungeeignete Erwartungen lassen vermuten, daß es den 'weichen Jungen' schwerer gefallen sein dürfte, solche langfristigen Beziehungen herzustellen.
 

-   Dauer der Partnerschaften

Die Männer aus Cluster A haben mit einer Ausnahme alle dauerhafte Partnerschaften, in zwei der neun Fälle noch mit ihrem ersten Partner. Im Cluster B gab es bisher nur zwei feste Beziehungen, die länger als drei Jahre dauerten. Der Anteil zur Zeit nicht fest befreundeter Männer beträgt im Cluster B fast ein Drittel.

Rein quantitativ ergibt sich ein wesentlicher Unterschied in der Dauer der Partnerschaften, die 'harte' bzw. 'weiche Jungen' nach ihrem Coming Out hatten. Erhoben wurden im Begleit-Fragebogen sowohl die Dauer der ersten festen Beziehung zu einem Mann wie auch der gegenwärtigen. Bei den 'harten Jungen' liegt die durchschnittliche Dauer der ersten Beziehung bei 46,25 Monaten, bei den 'weichen Jungen' bei 18,25 Monaten. Ähnlich deutlich ist der Unterschied bei der gegenwärtigen Beziehung: bei den 'harten Jungen' sind es durchschnittlich 45,75 Monate, bei den 'weichen Jungen' 25,45 Monate.

 
 
  Durchschnittliche Dauer der ersten festen Beziehung Anteil der ersten festen Beziehungen, die kürzer als ein Jahr dauerten Durchschnittliche Dauer der gegenwärtigen festen Beziehung
Cluster A 46,25 Monate 22% 45,75 Monate
Cluster B  18,25 Monate 54% 25,45 Monate

Tab.14: Dauer von festen Partnerschaften
 

Während bei den 'harten Jungen' nur zwei Männer von einer Dauer bis zu einem Jahr berichteten, sind es bei den 'weichen Jungen' über die Hälfte. Dies spiegelt sich in den Äußerungen der Männer deutlich wieder. Bei den 'harten Jungen' wurde nicht selten der erste Sexualpartner zum festen Freund, mit dem eine längere Beziehung eingegangen wurde.

Da lief dann jemand rum, den ich nett fand, und mit dem war ich dann gleich fünf Jahre zusammen. War mein erster Freund, von achtzehn bis dreiundzwanzig. (Conrad)
In zwei Fällen war der erste Partner zugleich auch der bislang einzige Freund. Sie blieben von dieser ersten Entscheidung, sich zusammenzutun, bis heute beieinander, in einem Fall elf, im anderen Fall acht Jahre. Es ist selbstverständlich, daß gerade diese beiden Partnerschaften einen nicht unerheblichen Beitrag zum hohen Durchschnitt des Clusters A beitrugen. Und doch sind sie nicht nur von der Dauer her typisch für diesen Cluster.
Wir sind zusammen zu Schule gegangen, kannten uns, waren zusammen im Sportverein. Aber das war eigentlich nie der, auf den ich da ein Auge geworfen hatte. Aber nachdem wir dann Sex miteinander gehabt hatte, war klar, daß ich schwul bin und daß ich mit ihm zusammenbleiben will. Und seitdem sind wir zusammen. (Dirk)
Ja, war dann mit dem Wissen, daß andere Leute auch in den Lokalen sind, daß da viele waren, habe ich mir überlegt, dann ist es auch möglich, daß man einen Freund haben kann. Und dann war klar, daß ich das auch so wollte, schnellstmöglich irgendwie hinkriegen muß. Ich hab noch mehr Leute kennengelernt, und irgendwann habe ich hier den Tim kennengelernt, meinen Freund. Dann haben wir uns auch öfter getroffen und ... das hat dann ein halbes Jahr gedauert, aber dann waren wir auch zusammen. Ja, mein erster Freund, auch heute noch mein Freund. (Rainer)
Gerade im ersten Fall ist es eine Geschichte, die jenen ähnelt, bei denen Ehepaare "schon in der Kinderkrippe miteinander spielten", um sich irgendwann ineinander zu verlieben. Der zweite deutet darauf hin, wie wichtig den meisten Männern dieses Clusters die Verbindung zu einem anderen Mann ist, wie hoch sie die feste Beziehung einschätzen.

Doch auch wenn erst der zweite oder der dritte Mann 'der Richtige' zu sein scheint, und wenn es nach einem, zwei Jahren auseinanderging, es fällt auf, daß die meisten sehr schnell auf eine dauerhafte Partnerschaft aus sind und es ihnen auch gelingt, diese zu finden.

Nur in einem Fall hat ein 'harter Junge' auch in drei Jahren seit seinem Coming Out noch keine Beziehung gehabt, zwei weitere machten erst einige 'Anläufe', ehe sie eine längere Beziehung mit einem Mann eingingen. Dennoch ist die Ausrichtung der 'harten Jungen' auf die feste Partnerschaft deutlich sichtbar, auch wenn sie selbst ursprünglich gar nicht in diese Richtung gedacht haben (s.Kap.4.4.3).

War mein erster Freund, von achtzehn bis dreiundzwanzig. Ja, und da habe ich direkt so eine intensive Beziehung geführt. Und eigentlich bin ich heute auch ein Beziehungsmensch. Also, was gar nicht meine Planung war. Ich habe lange ... also drei ganz lange Beziehungen hinter mir. (Conrad)
Auch bei den 'weichen Jungen' gibt es einen Mann, der in den zwei Jahren seit seinem Coming Out noch keine feste Beziehung hatte. Auch bei ihnen gibt es Erzählungen von ersten Lieben, die lange andauerten oder kurzen Versuchen, an die sich längere anschlossen.
Ich habe eine relativ kurze Beziehung gehabt in Berlin, mit dem ich ein dreiviertel Jahr eine Beziehung hatte. Das ging aber auch aufgrund der Entfernung irgendwie ... war das ziemlich schwierig. Dann habe ich längere Zeit keine gehabt. Und dann eine Beziehung über zweieinhalb Jahre. Die ist aber nicht so lange her, ein halbes Jahr. (Frank)
Es gibt aber, und da deutet sich ein Unterschied zu den 'harten Jungen' an, auch einzelne, die es für eine lange Zeit "ganz wild trieben", viele Affären hatten und, wie in einem Fall, erst mit 37 Jahren ihre erste homosexuelle Beziehung eingingen. Hier wird eine Bereitschaft sichtbar, entgegen den Normen der heterosexuellen Umwelt Promiskuität zu leben und spontane, kurzfristige Bindungen einzugehen, die nicht notwendig in Verliebtsein oder fester Partnerschaft endeten. Wo Männern aus Cluster A die feste Beziehung suchten und aus ihr heraus das "Ausprobieren" mit anderen, lebten mehrere Männer des Clusters B dieses ungebunden.
Und dann kam wirklich das wilde Ausprobieren. Ich habe den Frieder kennengelernt, der sich ausgesprochen in mich verknallt hatte, und ich hatte mich nicht verknallt, fand ihn aber durchaus ansprechend. Der ist auch ziemlich schnell zur Sache gekommen, und das war ausgesprochen lustvoll. (Leander)
Also, ich hab's in der Zeit ganz wild getrieben, mit bis zu 10 Leuten in der Nacht. Da waren die Hemmungen weg. (Lars)
Klar, ich hatte mal lange Zeit einen Freund, als ich 18 ½ war. Danach war ich sehr lange beziehungslos und wollte das auch gar nicht anders. (Volker)
Einige hatten länger dauernde Beziehungen seit ihrem Coming Out, waren eigentlich die meiste Zeit ihres bisherigen homosexuellen Lebens in einer festen Beziehung. Aber es sind deutlich weniger als im Vergleichscluster. Vier der dreizehn Männer aus Cluster B waren zum Zeitpunkt des Interviews nicht fest befreundet (gegenüber einem von neun des Clusters A), nur zwei hatten bisher feste Partnerschaften, die länger als drei Jahre dauerten.
Eine richtig positive Wendung hat es erst genommen, als ich mich mit achtzehn verliebt habe. Und dann auch eine halbjährige Beziehung hatte. (...) Nach einem halben Jahr hab ich mich dann wieder verliebt, und Francois hat sich auch in mich verliebt. Und eigentlich ab der Zeit hab ich mich dann hier richtig zuhause gefühlt. War auch gerne hier in München. Mit Francois war ich vielleicht so drei Jahre zusammen. Das heißt, du hast den größten Teil Deines schwulen Lebens bisher in Beziehungen verbracht. Ja, die überwiegende, signifikant die überwiegende Zeit. (Torge)
Was auch immer der Hintergrund dafür sein mag, die Männern aus Cluster B sind aktuell und in der Zeit seit ihrem Coming Out seltener mit einem Partner fest zusammen und waren über einen kürzeren Zeitraum fest befreundet als die Männer aus Cluster A.
 
 

4.5.4      Zusammenfassung, Ideen, Fragen, Kommentare

Viele Entwicklungen, welche sich in der Jugend andeuteten, setzten sich offenbar in den folgenden Jahren fort. Die 'weichen Jungen' entwickelten zunehmend eine 'männliche' Identifikation, erleichtert durch postmoderne Sichtweisen von Geschlechtsrollen. Zwar beschreiben sich die Männer des Clusters B anhand der Geschlechtsrollenzuschreibungen des BSRI weiterhin etwas femininer, sie können dies jedoch gut in ihr Bild von einem Mann integrieren. Bei einzelnen ehemals 'harten Jungen' finden sich umgekehrt heute 'feminine' Anteile, auch sie weiten also ihr Verhaltensrepertoire aus. Insgesamt ist jedoch der Trend zum 'männlichen' Rollenverhalten bei beiden Clustern unübersehbar.

Ebenfalls für beide Cluster gilt eine - bei aller Vorsicht wegen der relativ kurzen Behandlung des Themas - gute soziale Integration, wobei die Männer aus Cluster B auch heute noch eher Abstand zu heterosexuellen Männern als Freunden halten. Im Cluster A findet sich eine größere Vielfalt, die von stärkerer Integration in die (frühere) heterosexuelle Umwelt bis zum völligen Rückzug in einen homosexuellen Freundeskreis reicht. Während jedoch die ehemals 'weichen Jungen' früh soziale Kontakte im homosexuellen Umfeld haben, tun sich einige der ehemals 'harten Jungen' damit deutlich schwerer.

Erst bei den Partnerschaften werden wieder deutlichere Unterschiede sichtbar. Die Männer des Clusters A begeben sich zwar erst spät in feste homosexuelle Beziehungen, diese sind dann aber dauerhafter und offener gestaltet. Die Männer des Clusters B beginnen früh mit festen Partnerschaften, diese dauern jedoch selten lang, und auch spätere Freundschaften sind weniger langlebig. Innerhalb dieser Partnerschaften ist ihnen Unabhängigkeit wichtig, andererseits sehnen sie sich nach Nähe und Geborgenheit, die auch sexuelle Ausschließlichkeit beinhaltet.

Auf weitergehende Aussagen oder Interpretationen soll im Gegensatz zu vorangegangenen Kapiteln hier verzichtet werden. Zwar liegen von allen Männern - teilweise umfangreiche - Aussagen darüber vor, was sie von einer Partnerschaft erwarten (Kap. 4.5.3), und mehrere von ihnen beschrieben ihre festen Beziehungen recht ausführlich. Die qualitativen Daten ergeben zusammen mit den quantitativen eine Menge Anhaltspunkte, die Konturen erkennen lassen. Es gibt folglich Hinweise darauf, daß sich das Geschlechtsrollenverhalten aus der Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein auch auf die soziale Einbindung und auf feste Partnerschaften auswirkt.

Aber in welchem Ausmaß dies geschieht und welche weiteren Faktoren auf dem Wege zum Erwachsenwerden dabei ebenfalls hineinwirken, kann mit den vorliegenden Daten nicht beantwortet werden. Dazu sind die Angaben zur Partnerschaftsgeschichte zu lückenhaft und die Fragen nicht detailliert genug, weil die Zeit als Erwachsener nicht im Zentrum dieser Arbeit stand. Die Qualität der Beziehungen ist nur sehr begrenzt erfaßt, die Bedeutung von Dauerhaftigkeit bzw. Flexibilität ebenso wenig.

So bleibt offen, was zur geringeren Dauer von festen Beziehungen bei 'weichen Jungen' beigetragen haben könnte. Ist es ihr Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, womöglich basierend auf der Erfahrung, als Kind häufig auf sich selbst gestellt gewesen zu sein? Ist es mangelhaftes Selbstwertgefühl, entstanden aus Ablehnungserfahrungen und sozialer Isolation während der Kindheit? Denkbar sind auch Zusammenhänge mit den Beziehungen zu Vater und Mutter. Das als nicht sehr nah beschriebene Verhältnis zum Vater könnte Effekte gehabt haben, wie sie Mayer (1975) bei vaterlos aufgewachsenen Männern antraf. Keinem der von ihm befragten Männern war es gelungen, eine positive Partnerschaftsbeziehung aufzubauen. Trauen sich die 'weichen Jungen' überhaupt, eine tiefe Liebesbeziehung zu einem Mann einzugehen, nachdem die Liebe zum männlichen Elternteil mißglückte? Wie schafften es einige der Männer aus Cluster B mit der Zeit, trotzdem eine (zum Zeitpunkt des Interviews) andauernde, längere Partnerschaft zu gestalten? Welche Erfahrungen haben ihnen dazu verholfen? Was mußte sich für sie ändern, damit sie einen Partner finden, mit dem dies möglich ist?

Doch nicht nur bei den 'weichen Jungen' gilt es, Fragen zu stellen. Die Männer des Clusters A scheinen zwar - akzeptiert man als Kriterium die Dauer der Partnerschaft - überwiegend beziehungsfähig zu sein, aber demonstrieren sie damit vielleicht auch in Partnerschaftsfragen bloß ihre 'Normalität'? Entscheiden sie sich zwar dafür, homosexuell zu leben, bleiben aber dann dem heterosexuellen Ideal treu, indem sie einen Partner suchen und dauerhafte Beziehungen eingehen? Sind sie wegen ihrer Sozialisation besser an Zusammenleben adaptiert, sind sie fähiger, die dafür nötigen Anpassungsleistungen zu erbringen, oder wirkt hier noch die Furcht vor dem Außenseiterdasein? Sind ihre langen Beziehungen womöglich Ausdruck der Angst, ohne festen Partner an ihrer Seite gänzlich allein dazustehen?

Warum streben sie im Rahmen ihrer Partnerschaft sexuelle Unabhängigkeit an? Nur einer der Männer aus Cluster A sprach sich für sexuelle Treue aus, alle anderen lebten Sexualität auch mit Dritten. Leben sie ihre Wünsche nach Unabhängigkeit auf diesem Feld aus, während sie nach außen hin das akzeptierte Ideal einer festen Bindung präsentieren? Oder ist die 'Untreue' nur eine Konsequenz aus längeren Partnerschaften, die ihre monogame Phase bereits hinter sich gelassen haben?
 Mehr noch als bei früheren Kapiteln würden diese Fragen ein zusätzliches Hinschauen und Nachfragen erfordern. Und doch können die Ergebnisse eine Ausgangsbasis für ein genaueres Hinschauen bieten, für die Formulierung von Arbeitshypothesen, worin sich die soziale Einbindung und das Partnerschaftsverhalten von ehemals 'weichen' und 'harten Jungen' im Erwachsenenalter tatsächlich unterscheidet und womit diese Unterschiede zusammenhängen können. Aber das wäre eine andere Arbeit.

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