4.6     Dokumentation: Einzelfalldarstellungen aus allen 5 Clustern


Hinter den einzelnen, isoliert abgedruckten Zitaten stehen komplette Erzählungen, die bei der gewählten Art der Darstellung - nach Themen geordnet - leicht verschwinden können. Deswegen sollen hier zum Schluß einige Falldarstellungen stehen, die im Zusammenhang die unterschiedliche Entwicklung der Männer nachvollziehen lassen. Vielleicht erschließen sich dem einen oder anderen beim Lesen auch weitere neue Zusammenhänge, die bei der Untersuchung nicht berücksichtigt wurden.

Gleichzeitig wird an diesen Darstellungen sichtbar, daß es keine "typischen" Vertreter eines Clusters gibt, keine Prototypen, die all das in sich vereinigen, was den jeweiligen Cluster ausmacht. Jede Erzählung ist unterschiedlich, jede Entwicklung folgt ihren eigenen Gesetzen und Chancen - nur in der Summe finden sich viele Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe und Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Cluster, daran sei erinnert, beruhen auf Angaben zum Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit aus dem Auswahl-Fragebogen, und selbst hier gibt es einzelne Widersprüche und Abweichungen vom allgemeinen Trend. Dies spricht aber nicht gegen die Wahrhaftigkeit der Erzählenden oder des Forschers, sondern sollte gerade als Beleg dafür angesehen werden, daß hier nicht Biographien "zurecht"-konstruiert wurden, um einem Schema zu genügen. Es gibt viele Faktoren, welche eine Entwicklung zum homosexuellen Mann mitbestimmen, das Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit ist offenbar einer davon.

Deshalb kann - oder besser: muß - hier auch eine Geschichte wie die von Torge dokumentiert werden, der typisch für den Cluster B ist in seinen Eigenschaften und seinem Spielverhalten als Kind, in seiner früh registrierten Zuneigung zum gleichen Geschlecht, seinen mangelnden Interesse an heterosexuellen Kontakten etc. Wenig typisch aber ist er in seiner Vorliebe, draußen zu spielen, und seiner konkurrenzhaften Beziehung zur Schwester. Christian ist in vieler Hinsicht wie die anderen Männer im Cluster A, er spielte allerdings weniger gern Fußball. So finden sich bei jedem Einzelfall 'Besonderheiten', die aber für mich nicht Anlaß waren, diesen speziellen Fall nicht für eine Gesamtdarstellung auszuwählen.

Es war mir wichtiger, Fälle auszuwählen, bei denen viel und gut nachvollziehbar erzählt worden war, so daß hinreichend Material für eine Gesamtdarstellung von der Kindheit bis zum Leben als homosexueller Mann vorlag. Trotzdem hat in den Interviews nicht jeder zu jedem Thema etwas gesagt. Gerade wenn ein Interviewpartner von sich aus viel und ausführlich erzählt hat, wurde der Gesprächsfluß möglichst nicht unterbrochen. Dieser 'Mangel' an Vollständigkeit wurde hingenommen, er schlägt sich aber auch in den Falldarstellungen nieder.

Von den beiden schwerpunktmäßig ausgewerteten Clustern sind jeweils zwei Darstellungen abgedruckt, von den anderen Clustern jeweils eine.
 

4.6.1      Cluster A

Micha

Micha war zum Zeitpunkt des Interviews 34 Jahre alt. Er ist in einer Kleinstadt bei seinen Eltern aufgewachsen, zusammen mit dem vier Jahre älteren Bruder. Er lebt jetzt in einer Großstadt.

Seine allererste Erinnerung beim Interview war der Tag, als seine Mutter ihn zum ersten Mal in den Kindergarten bringen wollte. "Und ich wollte nich in den Kindergarten! Ich hab mich mit Händen und Füßen gewehrt. Ich weiß nich, ich wollte zuhause bleiben. Bei meiner Mutter. Denk ich. Daß das so ne Art von Trennung war, ne Art von Wegschieben. Wollt ich nicht. Es war mir fremd, da wollte ich nicht hin. Ich hab mich so heftig gewehrt, daß ich da noch mit dem Fuß noch eine Scheibe eingetreten hab in diesem Kindergarten."
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er gern zuhause gesessen und am liebsten gemalt. Seine Mutter hat die Bilder aufgehoben, und Micha schaut sie sich auch heute noch gern manchmal an. "Bis auf wenige alle ganz fröhliche und sonnige Bilder, also mit bunten Farben, ganz lustig, sich das so anzugucken."
Sein Widerstand gegen den Kindergarten dauerte jedoch nicht lange, schon bald fühlte er sich dort wohl "mit den anderen Kindern zusammen. Und wir hatten auch einen schönen Garten mit Spielgeräten usw., wo man viel machen konnte. Das war ganz toll. Ham wir auch viel Mist gebaut." In eine der Kindergärtnerinnen war er verliebt und wollte sie später heiraten.
Aber mehr und mehr Zeit verbrachte er mit dem Bruder und den Nachbarjungs in den nahegelegenen Wäldchen oder auf den Feldern. Der Vorort, in dem sie wohnten, war noch nicht so dicht bebaut, und es gab viele Möglichkeiten, draußen zu spielen. "Jetzt auch nicht nur im Garten oder im Hof, sondern wir sind oft losgezogen in die Wäldchen und haben dann immer Erkundungstouren gemacht. Und das war schon ganz schön spannend." Indianerspiele, Autos, Eisenbahn - seine Palette an Interessen war breit gefächert.
Nach den ersten Jahren, die er gern zuhause verbrachte, war er nun meist draußen, gemeinsam mit den anderen. "Das hing auch damit zusammen, daß meine Mutter mich immer so überbetreut hat. Daß ich mir meine Freiräume gesucht hab und auch da mich ausgelebt hab. Bin eben nicht son Stubenhocker. Bin immer raus, um was mit den anderen Jungs zu unternehmen." Oder zu Verwandten, die eine Gärtnerei hatten. "Da war immer irgendwas los. Man konnte Trecker fahren, und dann wurde der Stall ausgemistet oder es wurde auf Schweinen geritten... es war immer spannend."
Seine Großmutter wurde eine Art Zufluchtsort für ihn, wenn er Konflikte mit seiner Mutter hatte oder von zuhause weg wollte. "Vor allen Dingen hatte ich da meine Ruhe, Schularbeiten zu machen. Meine Mutter hat mir bei den Schularbeiten immer über die Schulter geguckt und wollte immer, daß ich alles ganz exakt und genau mache." Er kann sich an heftige Streits deswegen erinnern, so daß er dazu überging, seine Hausaufgaben bei seiner Großmutter zu machen. "Weil, die hat sich erstens nicht so drum gekümmert und zweitens gab's immer gut bei ihr zu essen. Die hab ich echt gemocht, war ne ganz nette!"
Von ihr lernte er schon früh Marmorkuchen backen, Topflappen häkeln, Kreuzstich, Stricken mit der Strickliesel - das hat er gern gemacht -, sogar einen Pullover strickte er. "Das war aber so langweilig, das war mein letzter!" Auch gekocht oder gebacken hat er gern. "Das war immer ganz witzig. Mit beiden Omas eigentlich." Die Großmütter selbst, aber auch seine Tanten und Onkels fanden es gut, daß er diese Sachen lernte, immerhin war ein Onkel Konditor. Außerdem war es schön draußen bei den Großeltern, die auf dem Lande lebten und eine Baumschule hatten, es gab Hunde dort und Kaninchen, was Micha immer sehr spannend fand. Bei seiner anderen Tante waren sie immer zum Karneval. "Bin ich dann entweder als Indianer oder als Cowboy immer gelaufen."
Mit Fußball begann Micha ziemlich früh, er spielte gern und viel. "Ich hab von meinem Cousin meine ersten Fußballschuhe gekriegt. Aber die waren noch viel zu groß, und dann hab ich da vorn immer Zeitungspapier reingestopft, damit die passen. Das fand ich ganz toll, wenn ich die anhatte. Kam ich mir immer gleich wie Pelé vor. Mit den beiden Zwillingen, mit den Herwigs, und son paar Leuten aus unserer Klasse haben wir fast jeden Nachmittag Fußball gespielt - wenn wir uns nicht grad mit irgendwelchen Banden rumgeprügelt haben. Also, es war immer was los!"
Bandenkriege hielten schon in der Grundschulzeit die Gruppe recht gut in Atem. Es gab eine Jungengang im Ostteil der Stadt und sie waren aus dem Zentrum. "Da gab's immer einen Kampf zwischen Mitte und Ost. Und dann wurden Baumhütten gebaut, und wir haben uns teilweise auch richtig bewaffnet. Es wurden Schleudern im Spielwarengeschäft eingekauft. Und es war teilweise ganz schön gefährlich." Im Winter veranstalteten die Banden Schneeballschlachten, bei denen 'Gefangene' gemacht wurden oder Erdhöhlen gegraben. "Da ging's richtig rund, das sag ich dir! Weiß nicht, wie oft wir blaue Flecke hatten."
Auf dem Schulhof spielte er aber auch gerne einmal bei den Mädchen mit. "Die Mädels hatten dann ihre Gummitwist-Sachen rausgeholt. Ich selber hatte kein Gummitwist, sondern habe da mitgemacht. Oder auch mal Seilspringen. War zwar eigentlich eine Mädchen-Geschichte, aber da haben auch teilweise andere Jungs mitgemacht." Meist war er aber doch mehr bei den wilderen Spielen dabei. Angst hatte er selten, höchstens davor, daß jemand einen Stein oder einen anderen Gegenstand ins Auge kriegen könnte und es ausläuft, aber nicht beim Fußball und nicht beim Klettern. "Ich hab mir ständig irgendwelche Sachen gebrochen, weil ich irgendwo runtergefallen bin und meine Knochen so dünn waren, hatte ständig Gips [er lacht]. Wenn ich mir das heute überlege, daß ich das alles überlebt habe - meine Güte!"
Abgesehen von den Bandenkriegen erinnert er sich an wenige gewalttätige Auseinandersetzungen. Meist nur die "etwas brutaleren Spiele." Bei den Bandenkriegen geschah die Schlägerei ja geplant. "Das war ja dann sozusagen die Vereinbarung, jetzt tut man sich mal weh. Aber daß ich selber mal richtig wütend wurde und jemanden geschlagen habe oder angegriffen habe, das ist glaube ich nur zweimal vorgekommen in meiner Kindheit." Er fand die anderen im Durchschnitt etwas aggressiver, sie hätten sich öfter mal geprügelt. Die ersten Grundschuljahre hindurch galt er bei den Lehrern geradezu als brav. "Das hat sich hinterher geändert [lacht laut]."
In den Kinderjahren bestand zu seiner Mutter ein recht enges Verhältnis. Sie war Hausfrau und kümmerte sich sehr intensiv um die Söhne. Gerade in den ersten Jahren war Micha viel bei ihr zuhause, sie gingen zusammen ins Schwimmbad. Doch mit der Zeit störte es ihn, wie sehr sie sein Leben bestimmte. "Sie war zu bestimmend, so im Sinne von vereinnahmend. Die hat sich einfach zuviel gekümmert." So suchte er bald das Weite, raus zu Freunden oder zu Verwandten.
Der Vater, Besitzer eines Ladens, war fast nie da. "Ich bin mit ihm in irgendwelchen Kinofilmen gewesen, ab und zu mal. Aber sonst war der da immer irgendwie außen vor. Meine Mutter ist sehr präsent, überpräsent, und mein Vater verschwindet dahinter son bißchen. Der hatte halt nen schweren Job gehabt, so als Kaufmann irgendwie seinen Laden da in Schwung zu halten. Hat viel gearbeitet. Und hat sich da mit der Kindererziehung kaum auseinandergesetzt." Nur als strafende Instanz trat er manchmal in Erscheinung. Geschlagen habe er aber niemals.
Micha meint, sie hätten sich schon gemocht, aber "nie so richtig eine Ebene gefunden." Der Vater wäre nicht in der Lage gewesen, eine normale Beziehung aufzubauen. "Der war eben völlig beziehungsgestört." Er war sehr wohlwollend gegenüber Micha, und dieser bekam eine gewisse Anerkennung durch seinen Vater, aber der Abstand war trotzdem groß. Konflikten wich der Vater aus, er zog sich dann zurück oder ging ins Bett. Micha glaubt auch, daß die Beziehung zu seinem Vater dadurch gestört wurde, daß dieser von seiner Mutter zur Disziplinierung benutzt wurde. So war das Verhältnis distanziert, wurde von Micha aber doch als eher positiv bezeichnet.
Da sie anfänglich sehr beengt wohnten, schlief er die ersten Jahre bei den Eltern mit im Schlafzimmer, später zusammen mit seinem Bruder auf einem Doppelbett. "Das fand ich eigentlich immer ganz gut.. also, mit meinem Bruder hab ich mich immer ganz gut verstanden." Dieser ist zwar ein wenig wie der Vater, zieht sich auch bei Konflikten schnell raus, aber ihr Verhältnis war trotzdem gut.
Im Rückblick sieht er seine Kindheit in einem sehr positiven Licht. Es war immer etwas los, "viel Action, immer spannend, lebendig." Er war gewohnt, aktiv zu sein, war unternehmungslustig und selbständig, frei und unabhängig. "Ich denke, es war ne gute Zeit."
Seine Eltern hatten sich beide ein Mädchen gewünscht, nachdem sie zuerst einen Jungen bekamen, aber Micha war viel lieber ein Junge, genoß es, ein Junge zu sein. Er hatte während seiner Kindheit nie das Gefühl, anders als die anderen Jungen zu sein. "Nee, hatte ich nicht. Weil ich keinen Unterschied erkennen konnte."
Vom Ende der Grundschulzeit her erinnert er einen Jungen, den er "interessant" fand, beeindruckend. "Durch seine Art, wie er sich bewegt hat." Von ihm fühlte er sich angezogen, und "das hatte auch irgendwie so ne erotische Komponente. Es war interessant, spannend und geheimnisvoll und prickelnd auch ein bißchen." Andere Empfindungen dieser Art erinnert er nicht vor der Pubertät, "das begann alles erst später." Ganz früher hatte ihm sein vier Jahre älterer Bruder mal seinen steifen Penis gezeigt, allerdings nur durch die Unterhose hindurch. "Ich wollt ihn ja ganz sehen, wollte das ja genau angucken, aber da hat er sich nicht richtig getraut." Er deutet dies aber eher als übliches Interesse von Jungen daran, wie es "da unten" bei anderen aussieht.
Mit dem Wechsel zum Gymnasium und der Pubertät änderte sich erst einmal wenig an dem, wie und mit wem er seine freie Zeit verbringt. Er trat in einen Fußballverein ein, spielte Basketball und Handball, später ging er zudem in einen Schwimmverein. Auch gingen die Bandenkämpfe weiter, im Klösterwäldchen hinter der Schule. "Ich weiß gar nicht, welche Klasse gegen welche, das gab ne genaue Einteilung. Und dann gab's da die tierischen Verfolgungsjagden durch den Wald. Wir sind da hin und her gerannt und auch geprügelt, wurden Leute auch gefangengenommen. Das hat mir immer riesig viel Spaß gemacht!" Mit zwei Brüdern war er viel unterwegs, Billard spielen und Tischfußball, zusammen zelten, Bootsfahrten machen, sie gingen zusammen in die katholische Jugendgruppe, später auch in den Schwimmverein. Zusammen mit ein paar anderen war es ein recht fester Freundeskreis.
Verändert hat sich jedoch sein Verhältnis zu den anderen Jungen. Er spürte sehr deutlich sein sexuelles Interesse, verliebte sich in seinen besten Freund. Allerdings hatte die katholische Erziehung ihre Spuren hinterlassen, sein Verhältnis zur Sexualität war extrem schwierig. "Wir waren überhaupt nicht drauf vorbereitet, überhaupt nicht. Sexualität und so war immer Tabuthema bei uns zuhause. Ich hab irgendwie meine Eltern nie nackt gesehen. Ist auch nie n Thema gewesen, bis heute nich, Sexualität." So wurde er von einem Pater im Internat aufgeklärt, "aber alles auf so ner technischen Ebene" und ganz auf Heterosexualität bezogen. Als Micha mit 12 oder 13 nachts seinen ersten Samenerguß hatte, war er vollkommen verblüfft.
Und als sein Freund Klaus ihn mit 14 einmal aufforderte, ihm in die Hose zu fassen und seinen Penis zu berühren, war er zwar höchst erregt und hatte sogar einen Orgasmus, aber er traute sich nicht, der Aufforderung Folge zu leisten. "Ich wußte überhaupt nicht, was jetzt hier abgeht. Ich wußte nur irgendwie Sexualität sowieso .. um Gottes Willen! Und ich denk mal so, mit Jungs war sowieso auch völlig klar, geht auf gar keinen Fall! Und ja mit dem Klaus, ich fand den schon sehr erotisch immer und auch sehr anziehend, aber ich hab mich dann doch irgendwie nicht richtig rangetraut." Später bereute er oft, die Chance nicht genutzt zu haben, aber Sexualität war ihm völlig fremd. "Da stand nicht im Vordergrund, ob Mann oder Frau, sondern mehr so: Huch! Sex! Was geht jetzt hier ab?"
Andererseits gab es zwischen den Jugendlichen, mit denen er zu tun hatte, einen sehr körperlichen Umgang, auch unter den männlichen Jugendlichen, herzlich und liebevoll. Man wollte sich abheben von der "Normalbevölkerung." "Das hab ich eigentlich immer gut ausgenutzt, das war immer unverdächtig!" Selbst nachts miteinander in einem Bett liegen, sich aneinander zu kuscheln, war üblich, nur Sexualität fand nicht statt.
Micha engagierte sich zunehmend politisch, in der Anti-Atomkraft-Bewegung, fühlte sich linken Gruppen zugehörig und schrieb Artikel für die Schülerzeitung. "Ich bin schon ein ziemlich wilder Feger gewesen! Ich glaube, wenn ich damals Lehrer gewesen wäre, also, ich glaube, ich hätte mich nicht ausstehen können! Ich war wirklich rotzfrech und ein ziemlicher Querulant und habe mich mit allen Lehrern angelegt."
Aus dem Elternhaus hatte er sich relativ schnell "emotional verabschiedet." Ihm wurde es dort zu eng, zumal seine Mutter, die "Monster-Glucke" ihn weiterhin wie ein Kind behandelte. Die Nähe, die er als Kind verspürt hatte, empfand er nun überhaupt nicht mehr, ihr Verhältnis war insgesamt eher negativ. War in der Kindheit das Zuhause der Ausgangspunkt, von wo aus er seine Entdeckungsfahrten und Erkundungen startete, war es nun die Clique, so daß er kaum noch zuhause war. "Da gab's halt Cliquen, in denen man sich organisiert hat, und das war dann auch so die Basis, um sich vom Elternhaus abzuwenden. Daß man eben eine Möglichkeit hatte, sich so unter Gleichgesinnten irgendwie zusammenzufinden."
Der Kontakt zur Mutter riß aber nie ganz ab, sie stritten sich viel. "Eben diese ganzen Sachen wie zu spät gekommen, mit anderen gekloppt oder diese wilden Spiele oder .... ja, später dann dieses politische Engagement, war sie nicht mit einverstanden." Aber während mit der Mutter über die Auseinandersetzung der Kontakt nie völlig zum Erliegen kam, war er zum Vater praktisch nicht mehr existent. "Der war irgendwie nicht da! Also, der war nicht greifbar. Das war ja schon vorher so, da hat sich eigentlich nicht soviel geändert. Der hat immer so ein bißchen Distanz gehalten und hat durch bestimmte symbolische Akte seine Zuneigung ausgedrückt."
Mit der katholischen Jugendgruppe unternahm er Fahrten und fuhr in Zeltlager, die er später auch als Leiter für Jüngere organisierte. In den Lagern machten die Jugendlichen ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol, auch seine ersten sexuellen Erfahrungen, Petting, fanden dort statt.
Zwar ging er auf Distanz zu einigen "Alpha-Tierchen", Führer-Figuren unter den Jugendlichen, die sich sehr dominant und selbstherrlich aufführten, aber mit den anderen Jugendlichen fühlte er sich wohl und war von den meisten akzeptiert, bei seinen Freunden war er sehr beliebt.
In jener Zeit intensivierte sich auch der freundschaftliche Kontakt zu Mädchen. "Das Gute war einfach, daß man mit den Mädchen einfach besser reden konnte, auch über andere Sachen reden konnte, die unter den Jungs tabu waren."
Durchaus vergleichbar mit der Zeit vor der Pubertät beschreibt er sein Lebensgefühl in der Adoleszenz. Es war gut für ihn, daß es die Jugendgruppen gab, denn er wollte unbedingt etwas mit anderen zusammen unternehmen. "Das war schon eine tolle Erfahrung. Es war eine wilde Zeit und ne gute Zeit." Er fühlte sich frei und rebellisch. Sie fuhren zusammen zu Demonstrationen der Anti-AKW-Bewegung, und wenn auch nicht alle mitkamen, "aber bestimmte Leute aus dem Umfeld haben sich dann immer beteiligt."
Seine Pläne für später waren, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen und zu studieren. "Ich hatte nie die Vorstellung, muß ich sagen, jetzt irgendwie so eine Zweierbeziehung einzugehen und mit der zusammenzuziehen. Das war mir eigentlich immer ein Greuel." Er wollte mit anderen zusammen in einer größeren Gemeinschaft leben.
Irritiert war er jedoch, daß sein Interesse an Jungen und Männern nicht verschwand. Seine Freunde waren immer mehr an Mädchen interessiert, auf Parties ging es ihnen vor allem darum, mit ihrer Freundin oder einem anderen Mädchen zu knutschen. Bei solchen Parties fiel Micha auf, daß etwas bei ihm anders war. Er fühlte sich "irgendwie so ein bißchen außen vor." Er tanzte lieber stundenlang, als sich mit einem Mädchen zusammenzutun. Bis dahin hatte er sein großes Interesse an Jungen darauf geschoben, dies sei die übliche Phase, die jeder Junge durchmache, die bei ihm nur länger dauern würde. Seine sexuelle Verklemmtheit ließ ihn auch vor allen Versuchen zurückschrecken, konkrete Erfahrungen zu machen. Selbstbefriedigung entdeckte er ohne fremde Anleitung mehr durch Zufall, nie kam es mit einem der anderen Jungen zu einem offenen Gespräch darüber.
Einige seiner Freunde fand er sehr erotisch, etwa die Zwillinge, mit denen er viel Zeit verbrachte und dann auch dem Schwimmverein beitrat. "Das fand ich natürlich superspannend! Und da hab ich mir die Männer genauestens angeguckt. Und das warn dann auch so meine Wichsphantasien dann, klar." Er traute sich aber nicht, mit zu duschen. Zum einen, weil er es nicht gewohnt war, sich vor anderen auszuziehen, aber auch, weil er Angst hatte, eine Erektion zu kriegen. "Die Männer fand ich schon sehr attraktiv und die ham mich einfach angemacht. Einer war auch dabei, der hatte echt n geilen Arsch. Der hat dann seine Hose immer so ausgezogen, echt, da mußt ich dann immer hingucken, also so ganz langsam, die war so supereng, also die .. so über seinen Arsch rüber rutschte das so runter. Das hat mich immer völlig aufgeregt. Und dann kriegte ich meistens irgendwie n Ständer." Er fürchtete sich davor, im Falle einer Erektion von den anderen Jugendlichen für "nicht normal" gehalten zu werden. Davor hatte er hauptsächlich Angst, an Homosexualität dachte er in diesem Zusammenhang weniger. "Was bedeutet das für die andern, wenn die jetzt mitkriegen, daß ich z.B. ne Latte habe? Da hatte ich also schon irgendwie Angst."
Im Zeltlager machte er erste Erfahrungen mit jungen Frauen, aber dies blieben einmalige Erlebnisse, keine Beziehungen. Bis zu seinem 18.Lebensjahr blieb es beim Petting, Knutschereien, "Flaschendrehen auf Parties und solche Sachen, Zungenküsse." Es gab nur wenige Frauen, die ihn sexuell reizten, "erdverbundene Frauen, die mit beiden Füßen auf'm Boden stehen. Die wissen, was sie wollen."
Seine sexuellen Phantasien waren jedoch hauptsächlich auf Jungen und Männer gerichtet. Mit 17 hatte er das erste Mal den Gedanken, er könnte homosexuell sein, stritt dies aber vehement ab. Ihm war klar, daß er großes Interesse an Männern hatte, aber er dachte, "ich muß es jetzt erst mal mit ner Frau ausprobieren." Er traute seinen Phantasien und Gefühlen nicht, meinte, wenn er erst einmal in eine Frau verliebt sei, würde sich etwas an seinen sexuellen Wünschen ändern.
Er lernte eine Frau kennen, die seinem Typ entsprach, die er attraktiv fand, und verliebte sich in sie. Mit ihr begann er eine fünfjährige Beziehung, hatte "eine gute Zeit" und genoß mit ihr die Sexualität, die er zunehmend freier leben konnte. Erst in dieser Beziehung bekam er einen anderen, freieren Zugang zu seinem Körper und zur Sexualität.
Da er der Meinung war, in einer Beziehung sollte man offen miteinander umgehen, erzählte er seiner Freundin nach etwa einem Jahr, daß er auch Männer erotisch finde."Aber sie hat es nie so richtig wahrgenommen, sie hat mich immer als Hetero eingruppiert und hat sich gar nicht vorstellen können, daß ich dann eben bisexuelle oder schwule Anteile habe." Ganz vorsichtig machte er während der Beziehung Annäherungsversuche bei einem heterosexuellen Freund, in den er sich verliebt hatte, aber es kam nie zum sexuellen Kontakt, da Micha sich nicht traute und der andere kein Interesse hatte.
So blieb er bis 23 mit dieser Freundin zusammen und hatte danach noch zwei kurze Frauenbeziehungen. "Da war aber schon relativ klar, daß das nix mehr wird mit Frauen." Es war keine Planung, sondern "mein Gefühl hat mich mehr so da hingezogen." Er hatte schließlich ausprobiert, ob er mit Frauen zusammenleben möchte, aber nun spürte er, daß er sich seinen Gefühlen stellen mußte. Allerdings dauerte es noch ein bis zwei Jahre, ehe er sich traute, auch anderen gegenüber seine Homosexualität einzugestehen.
Als erstes sprach er mit einer guten Freundin, mit der er in einer Wohngemeinschaft zusammenlebte. Er wollte, bevor er weitere Schritte unternahm, wissen, wie seine Freunde auf ein Coming Out reagieren würden. "Das war eine meiner größten Befürchtungen so, wie reagiert die Umwelt darauf? So dieses Horror-Szenario, du bist dann ganz allein, keiner liebt dich mehr und alles wird ganz schrecklich!" Seine Erfahrungen waren jedoch vollkommen anders, bis auf einen reagierten alle sehr positiv.
Erst nachdem er sich in seinem Umfeld quasi abgesichert hatte, ging er mit 25 Jahren zum ersten Mal in die homosexuelle Szene. "Und hatte dann auch ziemlich schnell meinen ersten Freund, das ging dann alles recht flott."
Seine Mutter fand seine Homosexualität schlimm, aber das war Micha gewohnt: "Egal, immer, was ich gemacht hab: Nee! Fand sie nich gut." Das betraf seine Berufswahl und viele andere Bereiche. "Es ist eigentlich auch traurig, weil, ich würde mir schon ne Mutter wünschen, die einem auf der einen Seite die Freiheit lassen und auch jemanden akzeptiert und Verständnis hat und nicht ständig das, was sie sich wünscht, was ihr Sohn sein soll, projiziert. Das hat sie immer ganz stark gemacht, was ich immer alles machen sollte und werden sollte, und hat mich eben nie so akzeptiert, wie ich bin. In allen Bereichen eigentlich." Von daher ist ihr Verhältnis recht distanziert. Sein Vater lebt schon länger nicht mehr.
Micha wußte, daß auch sein Bruder etwas gegen Homosexuelle hatte, weil dieser häufiger entsprechende Witze erzählte. Dieser hat heute noch Probleme mit Michas Homosexualität, aber das stört ihn nicht mehr.
Er lebt inzwischen mit einer Freundin zusammen, nachdem er drei Jahre lang allein zu leben ausprobiert hat, was ihm überhaupt nicht gefiel. "Ich bin ja der Meinung, der Mensch ist ein soziales Wesen und nicht nur in der Art, wie er mit anderen umgeht, sondern auch, daß er mit anderen zusammen lebt oder auch gern mit anderen zusammen ist, also son Gruppen- oder Horden-Tier halt. Nicht irgendwie son Einzelgänger." Sein Freundeskreis besteht nach seinem Umzug überwiegend aus homosexuellen Männern und einigen Frauen. Die heterosexuellen Freunde, die er früher noch hatte, sind alle am alten Studienort geblieben, während Micha nach Berlin ging, "weil es hier auch eine gute Szene gibt oder eine gute schwule Infrastruktur", und dadurch sind diese Kontakte fast alle eingeschlafen.
Er hat die meiste Zeit über seit seinem Coming Out feste Beziehungen gehabt und liebt auch hier eine enges Zusammensein mit seinem Freund. "Auch körperlich, also ich bin ja eh son körperlicher Typ, ne, ich habe das ja total gerne, mit jemandem im Bett zu schlafen, ne, eben nicht alleine zu schlafen." Abgesehen von der Sexualität empfindet er wenig Unterschiede zwischen seinen heterosexuellen und seinen homosexuellen Beziehungen.
Mit seinem Mannsein hat er schon manchmal Probleme. "Weil ich merke, daß ich einfach bestimmte Vorteile genieße durch meine Rolle, so wie ich sozialisiert worden bin, gegenüber Frauen." Aber sonst ist er gern ein Mann und fühlt sich wohl in seinem Körper. "Ich habe immer viel mit dem gemacht einfach, viel Sport und viel bewegt und viel getanzt, von daher. Doch, ich bin gerne ein Mann. Muß ich wirklich sagen."
 
 

Christian

Christian ist zum Zeitpunkt des Interviews 26 Jahre alt. Er wohnt allein in einer größeren Stadt. Mit seinem fünf Jahre älteren Bruder lebte er während seiner Kindheit mit den Eltern auf dem Lande in einer kleinen Stadt.

Seine früheste Erinnerung hat mit dem Tod der Großmutter zu tun, als er etwa drei oder vier war. Plötzlich war alles im Haus anders, die Stimmung gedrückt. Seine Mutter war sonst sehr lebendig und fröhlich, aber nach diesem Ereignis konnte Christian ihre Traurigkeit spüren, auch wenn er sie damals noch nicht verstand.
Zum Haus der Eltern gehörte ein großer Garten "und gerade im Sommer waren alle Kinder der Gegend da, und wir haben ständig dort gespielt bis es dunkel war. Oder noch später. Vor allem im Sommer haben wir ständig draußen gespielt". Ballspiele mochten sie am liebsten. "Ich war gut darin, weil ich laufe schnell, und ich habe den Ball manchmal noch kurz vorm Tor wegtreten können." Meistens spielte auch der Bruder mit, es waren einfach alle Kinder aus der Gegend dabei, ob jünger oder älter. Im nahegelegenen Wald bauten sie Hütten aus alten Holzstämmen und Zweigen oder schossen mit dem Pusterohr auf irgendein Ziel, "und manchmal auch zum Spiel auf Vögel und so."
Wenn er doch einmal drinnen spielte - auch dort meist mit seinem Bruder - dann mit einer Holz-Eisenbahn, oder sie bauten Häuser aus Lego-Bausteinen. Sie hatten auch 'Playmobil'-Indianer und Cowboys, die sie wilde Schlachten schlagen ließen. Lesen war nicht sonderlich seine Passion, eher einmal Comics, auch gezeichnet hat er gern. "Was vielleicht interessant ist, ich hab mir mal eine Puppe schenken lassen [er schmunzelt]. Das war irgendwie komisch. Weil, ich habe schon gespürt, daß das ein ... unnormales Geschenk war, oder daß das schon ein bißchen merkwürdig war. Es gab dadurch eine etwas peinliche Stimmung." Aber die Eltern erfüllten ihm diesen Wunsch, nur sein großer Bruder neckte ihn deswegen ein bißchen.
Ganz gern verkleidete er sich auch, mal als Indianer, mal als Katze. "Als Frau hab ich mich auch mal verkleidet. Wir hatten zuhause einen Haufen Klamotten, und dann haben wir uns häufig verkleidet. Und da es so viele Klamotten gab, habe ich mich in vieles verkleidet."
Beide Eltern waren Sportlehrer, und Christian konnte eher schwimmen als laufen. Sport wurde früh eine seiner Lieblingsbeschäftigungen: Wasserski, Skifahren, Fußball, alle Formen von Ballspielen, "was man halt mit einer Truppe von zehn bis zwanzig Leuten spielt." Allerdings war er nicht unbedingt der begeisterte Fußballer, er spielte aber mit, wenn es die anderen spielten. "Es macht ja mehr Spaß, mitzumachen, als etwas anderes zu tun oder allein zu spielen." Mit den anderen zusammensein, war ihm wichtig.
Er hatte ein paar Jungen, mit denen er häufig spielte, "das waren dann meine Freunde", aber meistens spielten einfach die zusammen, die gerade da waren und mitmachen wollten.
Mädchen gab es wenige in der Gegend, so daß er fast nur mit Jungen zusammen war. Wenn sie doch mal z.B. Familie spielten, dann übernahm er die Rolle des Vater und das Mädchen die Frau. Er fand den Kontakt zu Mädchen spannend, weil er so selten war. "Und das gab so eine spezielle Stimmung, ja, Ambiente." Er erinnert sich noch daran, wie er eines der Mädchen einmal im Wald geküßt hat. Das war aber schon gegen Ende der Grundschulzeit. Er war damals mit ihr "zusammen", "ganz spielerisch", wie er meint, und er fühlte sich von ihr angezogen. Sie war die Schwester eines Jungen, mit dem er häufig spielte, und sie wurde seine erste Freundin. Zusammen mit einem anderen Jungen und einem weiteren Mädchen spielten sie manchmal. "Und dann .. ja, manchmal auch mehr. D.h. daß wir dann so offiziell mal im Wald waren und da einander geküßt haben oder versuchten, uns zu küssen."
An Streitereien mit anderen Kindern erinnert er sich kaum. "Ich habe mich fast nie gestritten, d.h. nicht mit meinen Freunden." Es gab Streit mit anderen, vor allem mit Älteren. "Die haben uns geärgert. Wir haben dann versucht, sie auch zu ärgern. Meistens war das so, daß die unsere Hütten, die wir im Wald gemacht hatten, kaputt machten, und dann haben wir versuchten, uns zu rächen. Was sehr schwierig war, weil, die waren stärker, also haben wir uns nie gestritten oder versucht ... ich weiß nicht... oder haben wir auch manchmal ihre Hütten kaputt gemacht, wenn es ging. Oder geschimpft." Raufen aus Spaß mochte er nicht, da hielt er sich raus. "Das war nicht, weil ich Angst hatte, es gefiel mir nicht." Da es aber nach seiner Erinnerung sowieso selten zu derartigen Prügeleien kam, war dies weniger von Bedeutung und wurde von den anderen akzeptiert.
Nur mit dem Bruder gab es vor allem bei den Fahrten im Schulbus heftige Streitereien. "Ich weiß, daß wir uns jeden Abend im Bus gestritten haben... oder nicht gestritten, daß wir auf dem Boden lagen und uns geprügelt haben. Und das fast jeden Tag. Das war fast jeden Tag oder eine Zeitlang jeden Tag. Das war auch nicht so prügeln, so richtig, aber es war nicht nur Spiel. Das war schon mehr." Beide sind nach Christian's Meinung sehr unterschiedlich, und so war es kein sehr enges oder vertrauensvolles Verhältnis. Christian sieht sich als ruhiger und kompromißbereiter an, während sein Bruder wie sein Vater stur sei und die Extreme suche.
Von seinen Eltern stand ihm seine Mutter näher. Der Vater war viel weg. "Ich kann mich kaum an Sachen erinnern, die mit meinem Vater zu tun hatten, oder daß mein Vater richtig da war. Ja, Sport und so, da gab's meinen Vater schon. Aber zuhause, die Stimmung zuhause oder einfach, wenn ich nach Hause kam, daß dann meine Mutter dabei war, das Essen zu machen, Pfannkuchen zu machen." Ihm fällt bei der Gelegenheit nur ein, wie sein Vater mit ihm 'Flugzeug' spielte, auf dem Rücken liegend ihn auf den Füßen balancierte und so 'fliegen' ließ.
Der Vater war allerdings für die Strafen zuständig, wenn die Kinder etwas angestellt hatten. "Aber das war nicht extrem, und wenn, auch meistens gerechtfertigt. Das war immer von meinem Vater." Er erinnert noch einen Vorfall, bei dem seine Mutter ihn gerufen und zum Schutz an sich gezogen hatte, weil sein Vater sie wohl schlagen wollte. Insgesamt schätzt er aber das Verhältnis zu seinem Vater als positiv ein, im Auswahl-Fragebogen beurteilte er alle drei Dimensionen (Zuwendung, Wohlwollen und Anerkennung) recht hoch.
Seine Großmutter mochte er auch sehr gerne. Sie war oft am Wochenende oder in der Woche als Babysitter da und spielte mit ihm.
Sein Grundgefühl in der Kindheit erinnert er ausnahmslos positiv. "Ohne Sorgen, ja, sorglos, daß ich keine Sorgen hatte, daß ich in der Schule zurecht kam, daß ich gute Noten hatte, und abends immer gespielt habe. Alles ganz normal für mich. (...) Es gab schon manchmal oder auch bei den Eltern Probleme, aber das ist an mir vorbeigegangen. Ich habe das dann entweder vergessen, oder nicht dran gedacht."
Er war gern ein Junge, aber eigentlich hatte er sich die Frage nie gestellt. Es gab schon "Indizien", wie er es nennt, ohne zu sagen, wofür - wahrscheinlich für seine spätere Homosexualität -, weil er sich die Puppe schenken ließ oder sich mal als Frau verkleidete. Seine Mutter hätte gern ein Mädchen gehabt, "und ich glaube, daß ich das irgendwie ein bißchen ... sie hat das nie gezeigt oder so geäußert, aber ich glaub, daß ich das ein bißchen gespürt habe. Aber ich war gerne Junge." So gibt es auch keine Erinnerung an ein 'Anders-Sein' oder sich 'anders' fühlen aus der Kindheit. "Es gab keinen Grund dafür." Sich selbst bezeichnet er als ein damals 'normaler Junge'.
Auch an ein sexuelles oder erotisches Interesse an Jungen bzw. Männern während der Kindheit kann er sich nicht entsinnen. "Sowas sexuelles ... war das Mädchen. An Jungs habe ich nie gedacht. Nee."
Christian engagierte sich mit dem Älterwerden zunehmend in den verschiedenen Sportarten. Zweimal in der Woche war Basketballtraining, im Sommer Windsurfen und Wasserski, im Winter Skifahren - fast jeden Tag irgendein Sport. Er hatte immer zwei bis drei Freunde. Sie sind ausgegangen, haben Sport getrieben, "vieles zusammen gemacht", haben sich mit Mädchen beschäftigt. In der Schule gab es leistungsmäßig keine Probleme, nur seine Noten im 'Betragen' wurden schlechter. Als Beispiel für seine stürmischen Jugendjahre erzählt er, wie er mit fünfzehn nachts aus dem Fenster stieg und mit einem sechzehnjährigenFreund im Auto von dessen Eltern losfuhren, um auszugehen, "obwohl er noch überhaupt keinen Führerschein hatte."
Weiterhin war der Kontakt zur Mutter enger als zum Vater. "Damals hatte er für mich kaum etwas bedeutet, er war kein Vorbild. Ich hatte keinen großen Respekt vor ihm. Klar, als Vater schon, aber nicht als Person." Ihm fiel jedoch auf, daß es in anderen Familien einen ganz anderen Kontakt zwischen Eltern und Kindern gab. "Zuhause wurde über Gefühle kaum gesprochen. Der Kontakt zu den Eltern war sehr nüchtern, sachbezogen."
Zwar lag seine Pubertät nicht so früh, er datiert sie auf vierzehn oder fünfzehn, aber sexuelle Kontakte mit Mädchen gab es bereits vorher. Schon im ersten Jahr auf dem Gymnasium lief er bei einem Ausflug Hand in Hand mit einem Mädchen, und im zweiten Jahr hatte er eine feste Freundin. "Ich war frühreif oder ich fiel mehr auf als andere Jungs. Und da hatte ich eine Freundin, das war ein Mädchen aus meiner Klasse. Ich weiß noch, daß wir auch im Wald einander geküßt haben und dann hab ich .. und dann bin ich unter ihre Bluse ... habe ich sie gestreichelt und da fingen die ersten sexuellen Kontakte an. Das war so Anfang der Pubertät."
Er hatte hin und wieder ein Freundin, sogar ältere als er selbst war. "Das war ganz ungewöhnlich. Aber ich fand das alles toll, klar! Aber das hat auch nie lange gedauert. Es war dann für einige Monate. Und in der Klasse und auch für andere Jungs war ich, ja, der Mann." Er hatte Freude dran, von den anderen Jungen schon für erwachsen gehalten zu werden wegen seiner Mädchenbeziehungen. "Ich war nicht mehr kindisch, sondern schon ein Mann."
Über seine Zukunft machte er sich damals keine Gedanken. "Ich war ziemlich sorglos, das lief alles prima eigentlich." Er hatte gute Noten in der Schule, mußte trotzdem wenig dafür tun. "Na ja, und dann hatte ich Spaß. Es gab keinen Grund, mich zu sorgen und mir Gedanken zu machen. Und ... ja, das habe ich dann auch nicht gemacht."
Vom erster Sex mit einem Mädchen war er jedoch nicht "beeindruckt", eher enttäuscht. "Das war auch keine große Liebe, das war auch keine Liebe, das war so im Urlaub und das hat sich eben so ereignet." Aber "das hat mich nicht davon gehindert, das nicht mehr zu tun oder so. Überhaupt nicht! Es gab immer den sexuellen Reiz, und der hat mich immer getrieben. Der war da, aber ... der geistige Reiz war nicht da." Erst mit siebzehn war er länger mit einem Mädchen zusammen, die er auch liebte, und dann war der Sex auch schöner.
Beziehungen zu Mädchen anzufangen, fiel ihm leicht. Die Mädchen fanden ihn nett oder niedlich, und er braucht nicht viel zu tun, "um sie zu haben" "Ich war der Playboy. Die Mädchen lagen mir zu Füßen. Ist etwas übertrieben, aber es war eher so, daß sie mich verführt haben, und ich dann einfach .. zugebissen habe und deswegen auch nie richtig verliebt war. Klar, das war alles aufregend und schön und anders, aber es gab nie eine so große Verliebtheit von meiner Seite."
Bis zu seinem 16.Lebensjahr verspürte er kein sexuelles Hingezogenfühlen zu seinen Freunden. "Das waren Kumpel, gute Kumpel. Und wir haben uns amüsiert, mit den Mädchen amüsiert." Eines Nachts, nach viel Alkoholgenuß, regte sich zum ersten Mal sein Interesse. "Wir schliefen häufig beieinander, ich ging zu Besuch und habe dann da übernachtet. Und wir haben im gleichen Bett geschlafen, und dann war ich mal neugierig, wie das denn bei den anderen Jungs ist, und hab nachts im Bett den Schwanz meines Freundes berührt oder versucht zu berühren. Aber der hat mich immer weggeschoben. Ich hab dann auch aufgehört." Mit einem anderen Freund kam es ebenfalls nach viel Alkohol zur mutuellen Masturbation. "Aber das war eher so .. entdecken, und ich hab auch nicht etwas Besonderes dabei gefühlt, wie Liebe oder so. Das waren so Kontakte. Und ich habe es immer betrachtet als meine Pubertät."
Im selben Jahr wurde er auf der Straße von einem Mann angesprochen, der ihm intime Fragen stellte und direkt fragte, ob Christian mit ihm kommen wolle. Christian hatte ein recht entspanntes Verhältnis zur Sexualität, hatte Spaß am Entdecken und fand es aufregend. "Und obwohl der ziemlich eklig war, war ich sehr erregt, und habe mir gedacht, na, kannst ja mal gucken, wie das denn ist." Es kam zum sexuellen Kontakt, aber Christian fand es eklig, den Penis des Mannes anzufassen und lief weg. Er treibe es lieber mit Mädchen, sagte er als Erklärung.
Gegen Ende der Gymnasialzeit verspürt er wiederum, daß ein anderer Junge ihn reizte. Er hätte ihn gerne geküßt, stellte sich das auch vor, ohne daß es je passierte. Aber er wunderte sich: "Du bist doch nicht schwul?" Da er aber zu der Zeit eine Freundin hatte, die er liebte und mit der ihm der Sex Spaß machte, vergaß er die Angelegenheit wieder.
Während der Universitätszeit, die er mit achtzehn begann, hatte er wieder einige Freundinnen, meist einmalige Begegnungen für eine Nacht. Außerdem mußte er viel lernen. Dann war er vier Monate mit einer Frau zusammen, bis ihn plötzlich eine Empfindung vollkommen durcheinanderbrachte. "Am Anfang war ich schon verliebt und ganz aufgeregt, aber das ist dann verschwunden. Nach vier Monaten haben wir einander so geküßt auf der Straße, länger, und ich fand das plötzlich eklig. Ganz eklig. Ich fand das ganz eklig, einfach das Küssen, die Tatsache, daß ich meine Zunge in ihrem Mund hatte. Und da hab ich gesagt, okay, hier ist etwas falsch, das geht so nicht. Das ist eine Person, die du magst, und trotzdem hast du dich geekelt beim Küssen! Und dann hab ich mir richtig Gedanken gemacht und mich gefragt, ja, vielleicht magst du auch Jungs?"
Zum ersten Mal fühlte er sich anders als seine Kumpel. "Ab dem Moment, als ich es eklig fand, meine Freundin zu küssen. Seit dem Moment wußte ich, du bist anders."
Er versuchte sich vorzustellen, wie es wohl wäre mit einem Jungen, hat aber auch weiterhin Phantasien von Frauen bei der Selbstbefriedigung, "weil das ja üblich war." Er fragte sich, wie es ihm wohl gehen würde beim Duschen mit den Sportskollegen. "Aber das war unproblematisch. Ich hab in meiner ganzen Umgebung niemanden getroffen, den ich so toll fand, um .. um auf ihn abzufahren oder .., ne." Außerdem: "Das war so .. Sport. Punkt. Und ... ja, mehr nicht. Ich kannte die ja auch vorher und das war für mich so eine normale Sache, sich nach dem Spiel zu duschen."
Von jenem Moment an, als er vermutete, homosexuell zu sein, hatte er keine Beziehungen zu Frauen mehr. "Nee, ich habe da ganz konsequent ... einen Schalter umgedreht. Seit ich für mich beschlossen habe, daß ich schwul bin, seitdem ich das akzeptiert habe, empfinde ich auch weniger oder ist mein sexueller Reiz für Mädchen auch gesunken. Ich finde Mädchen noch immer attraktiv, aber die sexuelle Komponente ist da weg. Obwohl ich mit einer Frau schlafen könnte, das weiß ich, aber ich hab das Bedürfnis nicht mehr."
Aber es dauerte noch einige Zeit, etwa ein Jahr, ehe er das erste Mal mit homosexuellen Männern in Kontakt kam. "Aber es war mir dann schon klar, daß ich etwas tun mußte. Daß es nicht so bleiben konnte. Dann hab ich mich informiert. Es gab da in der Stadt schon schwule Gruppen und so, und auch eine Kneipe. Aber ich hab mich nie getraut, da hinzugehen oder reinzugehen. Ich kannte auch keine Schwulen. Ich wußte, daß ich nicht der einzige bin, aber ich kannte niemanden."
Durch Zufall lernt er bei einer Osterfeier zwei homosexuelle Studenten kennen bzw. erfuhr, daß zwei seiner Kommilitonen homosexuell sind. Einen davon gefiel ihm, und Christian fragte ihn bei der nächsten Begegnung, ob er mit ihm schlafen wolle. Dem anderen ging dies zu schnell, aber nach einigen Wochen kam es doch dazu. "Ja, und das war schön. Das war klar anders, am Anfang war das ganz anders, als ich es gewohnt war. Aber das Schöne fand ich, daß ich das nicht eklig fand. Weil, ich dachte vorher, ich würde das bestimmt eklig finden. Aber es war schön."
Sie trafen sich häufiger, allerdings heimlich. Sowohl im Haus des Freundes als auch bei ihm selbst waren beide bekannt. "Und ich hatte keinen Grund, ihn zu sehen, weil, na ja, ich traute mich das noch nicht zu sagen. Und deshalb war das alles so kompliziert, weil ich dann nachts oder wann auch immer flüchten und mich entschuldigen mußte. Und anscheinend bedeutete er auch nicht genug für mich, um es offen zu machen."
Die Beziehung scheiterte an dieser Heimlichkeit, und einige Zeit später lernte er André kennen, der offen homosexuell lebte. In dieser Zeit ging Christian zum ersten Mal zu einer Homosexuellen- Fete, allerdings allein. "Das wollte ich alleine tun. (...) Plötzlich ging da eine Welt auf für mich. Das war für mich unglaublich schön. Und aufregend, klar! ... Aber das war nur da! Weil meine Freunde oder meine Kommilitonen, niemand wußte, daß ich schwul oder daß ich ... bi ... am Anfang habe ich immer gesagt, ich bin bi." Er schämte sich vor seinen Kommilitonen. "Ich wollte nicht unnormal sein." Für sich selbst hatte er es schnell akzeptiert, aber es den anderen zu sagen, dauerte wesentlich länger. "Daß der Playboy aus dem Gymnasium jetzt schwul ist, na ja. Und ja, ich war auch nicht gerade stolz darauf. Ich glaub, daß jeder Schwule weiß, was das bedeutet, anders zu sein. Oder zu denken, daß man anders ist." Eher durch Zufall kam einer der Freunde auf die Idee, Christian zu fragen, ob er und André mehr als Freunde seien, und Christian sagte ja.
Im privaten Kreis weiß es inzwischen jeder, daß er Männer liebt, aber an der Universität hielt er es bis zum Schluß geheim. Mit seinem Vater hat er ebenfalls bis heute nicht darüber gesprochen, obwohl dieser es weiß, auch seine Mutter hat sehr kühl reagiert, als er ihr erzählte, homosexuell zu sein. Sie reden seitdem kaum darüber. "Aber mein Bruder erzählt eigentlich auch kaum etwas über sein Leben. Wir erzählen ... nur Tatsachen. Also, es ist ein ziemlich oberflächliches Verhältnis." Dafür hat es sich im Ort seiner Eltern rumgesprochen: "Der Playboy ist plötzlich schwul geworden."
So ist sein Kontakt in die alte Heimat nicht mehr sonderlich eng. Ein zwischenzeitlicher Auslandsaufenthalt mag dazu beigetragen haben. Dort, wo er jetzt lebt, kennt er nur noch wenige heterosexuelle Männer. "Meine besten Freunde sind entweder Schwule oder Frauen. Als ich im Ausland war, habe ich über die schwule Szene Menschen kennengelernt und dann auch Freunde, und so einen schwulen Freundeskreis aufgebaut." Er trifft allerdings manchmal noch Ex-Kommilitonen.
Seit kurzem hat er wieder einen Freund, mit dem er jedoch nicht zusammen wohnt.
 
 

4.6.2      Cluster B

Frank

Frank ist 28, als das Interview stattfindet, und Student. Er wuchs in einer Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern bei seinen Eltern auf und hat eine ältere Schwester. Beide Eltern sind inzwischen verstorben.

Seine erste Erinnerung ist die Familie, das Zusammensein mit Vater, Mutter und Schwester. "Das war immer so wie eine Art Vierer-Gruppe. Alles so innerhalb der Familie, so ganz behütet. Und da kam niemand rein. Das war wie so ein Ring." Auch die Wohnung, die sie bezogen, als Frank drei oder vier war, fällt ihm ein. "Das ist ganz eingeprägt", eine Mietwohnung in einem Wohnblock, in dem sich seine Eltern fühlten und aus dem sie bis zu ihrem Tod nicht wieder fortzogen.
Frank erinnert sich, daß in der Nachbarschaft zwar auch Jungen lebten, er aber hauptsächlich mit Mädchen zu tun hatte. "Ich konnte mit den Mädchen mehr anfangen und auch eher Sachen gespielt, die vielleicht unüblich sind für einen Jungen. Ich habe mit Puppen und Familie gespielt und mich hat es nie gereizt, Fußball zu spielen oder so typisch männlich... oder, was heißt typisch? Viele sagen, daß es so ist. Und ich habe eben eher weiblichere Spiele gemacht, die weichen Sachen gemacht."
An den typischen Jungenspielen störte ihn vor allem das Aggressive, insbesondere beim Fußball. "Das mochte ich einfach nie! Da mußte man aggressiv sein und ... das war ich einfach nicht! Und deshalb konnte ich es nicht. Und wollte das auch nicht!" Häufig spielte Frank dann lieber allein, als sich den anderen Kindern anzuschließen. Er fühlte sich selten wohl in Gruppen, höchstens mal in einer Mädchengruppe, er war aber nie Teil einer Jungengruppe.
Einen guten Freund hatte er eigentlich immer. Ihm fällt einer dieser Freunde ein, der ganz das Gegenteil von ihm war: frech und lebhaft. Frank war hingegen "immer artig und lieb und nett." Solange er mit diesen Freunden zusammen war, kam er auch etwas aus sich heraus, während er sonst eher verschlossen war.
Er beschreibt sich als damals ängstlich, sensibel, empfindlich, schüchtern und weich. Normalerweise teilte er anderen wenig darüber mit, was in ihm vorging und machte alles mit sich allein aus. "Ich habe alles so in mich reingefressen, wenn mich irgendwas gestört hat." Er stritt ausgesprochen ungern. Zuhause gab es eine sehr harmonische Atmosphäre, ohne Streit und sehr behütet, so daß er Konflikten wann immer möglich aus dem Weg ging. Falls es doch einmal mit Freundinnen oder Nachbarskindern Streit gab, holte er seine Mutter zu Hilfe. "Das hat die alles gemacht, weil ich das alleine gar nicht hinbekommen habe." Er brauchte sich nicht zu wehren und konnte sich jedem Konflikt entziehen, da seine Mutter stets erreichbar war und gegebenenfalls zu den Eltern der anderen Kinder ging.
Für die anderen Kinder war er das "Muttersöhnchen" oder der "Feigling", bei ihnen stieß er mit diesem Verhalten deutlich auf Ablehnung. Es gab diesen starken Gegensatz: sehr geborgen in der Familie und draußen spätestens ab Schulbeginn der Außenseiter. "Und das hat sich die Schulzeit hindurch wie ein roter Faden gezogen".
Mit seiner ein Jahr älteren Schwester kam Frank dagegen sehr gut aus. Sie spielten zusammen, gingen später in eine Schule und waren auch nachmittags oder abends viel beieinander. "Ich kann mich noch an Fotos erinnern, wo ich mit meiner Schwester Hand in Hand auf den Fotos bin, und viele haben gesagt so aus dem Verwandtenkreis, daß sie das selten finden, daß sich Geschwister so gut verstehen. Das war immer so ein Bild, Brüderchen und Schwesterchen, die sich nicht streiten und die so ganz lieb miteinander sind." Zwar gab es kurze Streits zwischen ihnen, aber "der Rest, das war ganz toll." Zeitweise bewohnten sie ein gemeinsames Zimmer, und seine Schwester kroch zu ihm ins Bett, wenn sie manchmal abends Angst hatte. So behüteten sie sich gegenseitig.
Mit ihr zusammen trat er im Verlauf der Grundschulzeit einem Schwimmverein bei. Ihre Mutter war mit ihnen zum Kinder-Schwimmen gegangen, und die beiden blieben anschließend dabei. "Ich habe das zwar auch nie sonderlich gemocht, aber ich hab es halt gemacht, um irgendwie Sport zu machen."
Seine Erinnerungen an die Grundschule sind fast nur schlecht. Er kann sich nicht daran erinnern, gern zur Schule gegangen zu sein oder dort etwas gern getan zu haben. Am schlimmsten waren für ihn die Pausen. "Am liebsten hätte ich, glaube ich, gar keine Schulpause gehabt. Weil ich manchmal auch so alleine dann war. Dann stand ich da manchmal in den Pausen und habe mich gelangweilt." Mit den Jungen mochte er nicht spielen, war auch nicht gut angesehen bei ihnen, und die Mädchen wollten auch nicht immer, daß ein Junge mitspielt. Er schien zwischen allen Stühlen zu sitzen.
Seine Mutter stand ihm deutlich näher als sein Vater. Sie arbeitete nicht mehr auswärts, seit sie die Kinder bekommen hatte, war Hausfrau und so immer erreichbar. Frank unternahm gern etwas mit ihr, ging mit zum Einkaufen in den Supermarkt. Bis zur Schule lebte Frank so in einem sehr geschützten Raum, er besuchte auch vorher keinen Kindergarten. "Ich hatte praktisch immer meine Mutter."
Der Vater war durchaus sehr wohlwollend und anerkennend, aber distanziert. "Mein Vater, der war eben berufstätig, der ist morgens um sechs zur Arbeit gefahren, der hat auf der Werft gearbeitet und mußte da relativ früh anfangen, kam um halb fünf nach Hause, hat sich dann vor den Fernseher gesetzt, Fernsehen geguckt." Auch nach Feierabend spielte der Vater nicht mit ihm, wobei Frank meint, das habe er auch gar nicht gewollt.
Er weiß aus Erzählungen, daß sein Vater unbedingt ein Mädchen haben wollte, und Frank hatte den Eindruck, sein Vater habe deshalb seine Schwester lieber gehabt bzw. ein anderes Verhältnis zu ihr entwickelt. "Die hat der dann auf'n Schoß genommen und so, und daß er das mit mir gemacht hat, das ... nee, glaube ich nicht." Frank hatte dafür das engere Verhältnis zur Mutter, die mit seiner Schwester nicht gut klar kam.
Als Grundgefühl während der Kindheit herrschte Ängstlichkeit vor. "So dies Gefühl, daß ich keinen Schutz habe." Zuhause und in seiner Familie hatte er den Schutz, aber draußen vermißte er ihn sehr. Er hatte ständig Angst, irgend etwas könnte passieren. Als er später mit einem Sportverein übers Wochenende zum Schwimm-Turnier fuhr, konnte er es nicht gut aushalten und bekam Heimweh. "Weil das alles so unbekannt war."
Er glaubt schon, gern ein Junge gewesen zu sein, aber er weiß es nicht mehr sicher, weil er meist zu Mädchen mehr Kontakt hatte. "Wäre ich bestimmt manchmal lieber ein Mädchen gewesen, um da besser reinzupassen." Er hätte dann in den Pausen sicher besser bei den Mädchen mitmachen können, wäre vielleicht weniger ein Außenseiter gewesen. Zumindest kann er sich heute vorstellen, damals solche Gedanken gehabt zu haben. Auch war er von seinen Verhaltensweisen her "eher son untypischer Junge."
Anderssein verspürte er vor allem wegen seines zurückhaltenden, ängstlichen Wesens. Die anderen Jungen waren nach seiner Wahrnehmung eher draufgängerisch und mutiger, während er ganz vorsichtig war und schnell Angst bekam. Ihm fällt eine Szene ein, bei der ihn andere Jungen auf ein Holzboot mitgenommen und dann dort allein auf einem Teich gelassen hatten. Er stand heulend im Boot, während die anderen Jungen die Sache mehr abenteuerlich fanden. Aber diese Art von Abenteuern mochte er nicht, "so Erkundungen machen oder Unternehmungen, das hat mich nie so gereizt. Ich wollte immer so Sachen machen, die ich auch kenne."
Anders war es, wenn er mit seinem Freund zusammen war. Sie fuhren zusammen Fahrrad, buddelten in der Sandkiste oder liefen Rollschuh, "einfach alles, was uns eben so einfiel." Manchmal machten sie sogar zusammen Erkundungen, haben Ameisen beobachtet - eine Menge Sachen, die er mit Mädchen sonst nicht machte. Mit dem Freund war das möglich, was er mit anderen Jungen nicht konnte. Dieser Freund war in der Klassen-Gemeinschaft ebenfalls nicht sehr angesehen. "Und vielleicht haben wir uns einfach da so gefunden."
An ein erotisches Interesse an Jungen oder Männern aus der Zeit vor der Pubertät kann Frank sich nicht erinnern. Ihm fällt zwar eine Begebenheit gegen Ende der Grundschulzeit ein, bei der er sich mit dem Bruder einer Freundin im Kinderzimmer einschloß, die Hosen runterließ und sie sich gegenseitig betrachteten. Aber er hält dies mehr für Neugierde, nicht für erotisches Interesse.
Das begann bei ihm erst mit der Pubertät, ab 13 oder 14. Sein Ausbilder in der Rudergruppe der Schule war ein älterer Schüler, der bereits kurz vor dem Abitur stand. "Den fand ich toll und ziemlich erotisch. Und da gab es schon auch andere, wo ich hingucken mußte und was mich auch fasziniert hat. Das hatte ich bei Mädchen nie." Sein damaliger Freund, der mit ihm aufs Gymnasium gekommen war, hatte die Idee mit der Rudergruppe, und Frank ging mit, wie schon mit seiner Schwester in den Schwimmverein. "Alleine, glaube ich, hätte ich das nicht gemacht."
Zu Beginn der Pubertät unternimmt er häufiger auch etwas mit seiner Schwester, sie gehen in eine Disco oder fuhren in die Stadt in ein Café. Dort trafen sie ihre Freundinnen oder Freunde, sein Freund zog bald darauf weg. Er hatte dann zwar wieder einen anderen Freund, an den er sich aber kaum erinnert. "Das ist nichts Bleibendes für mich so gewesen." Die Freunde hatte er eigentlich hauptsächlich, damit da noch jemand war, der ihn so nahm, wie er war. Mit dem er etwas unternehmen konnte. "Und der nicht denkt, mein Gott, der ist irgendwie so anders. So wie eine Art Bestätigung, daß ich doch nichts anderes bin oder so."
Im Gymnasium lief es ähnlich weiter wie vordem. Er war wenig akzeptiert bei den anderen Jungen und fühlte sich ihnen gegenüber fremd. "Ich habe die gar nicht beachtet und die mich nicht. Das lief alles so nebenher. Dieses typisch Jungenhafte, das hat mich nie angesprochen, und die hat wahrscheinlich mein nicht so typisch Jungenhaftes nicht so angesprochen. Und so konnte sich das auch nie ergänzen.."
Sie konnten nichts mit ihm anfangen und sie mochten ihn auch nicht. Beide konnten miteinander wenig oder gar nichts anfangen. Und weil die anderen in der Überzahl waren, war es für ihn umso schwerer. "Also, die Position, die habe ich auch gehaßt."
Mehr und mehr spürte er, daß seine sexuellen Bedürfnisse stark von dem abwichen, was andere Jungen beschäftigte. Je weiter das fortschritt, desto unwohler wurde ihm. Er war zwar gern mit Mädchen zusammen, aber sie interessierten ihn erotisch überhaupt nicht. "Das war schon spürbar, daß ich mich irgendwie anders entwickelt habe als andere Jungen. Und es wurde immer schwieriger. Und ich habe ja gemerkt, daß irgendwas nicht normal ist."
Auf diese Entdeckung reagierte er mit Rückzug. Wie schon als Kind, versuchte er, alles mit sich selbst auszumachen. Er sprach nicht einmal mit seiner Schwester darüber, sondern wurde immer ruhiger und verschlossener. Der Kontakt zu seinen Mitschülern kam fast völlig zum Erliegen. Er meint, der Prozeß sei beidseitig abgelaufen, je mehr er sich rauszog, umso stärker zogen sich auch die anderen von ihm zurück.
Er hörte auf mit dem Rudern und fing irgendwann, nachdem alle seine Mitschüler die Tanzschule wieder verlassen hatten, mit dem Tanzen an. "Ich bin so in der Tanzschule hängengeblieben. Und habe da auch ganz oft so ausgeholfen. Wenn da nicht genug Jungs waren, bin ich extra noch hingegangen und habe mich auch mit dieser Tanzlehrerin so gut verstanden." Hier verbrachte er einen großen Teil seiner freien Zeit, zwar unter Jugendlichen, aber doch auch allein, da er als 'Aushilfskraft' nicht dauerhaft zu den Kursen gehörte.
Insgesamt war auch diese Zeit eher mit unangenehmen Erinnerungen behaftet. Frank meint, daß er selbst angenehme Dinge, wenn es sie gab, eher in den Hintergrund gerückt habe, so daß es ihm gar nicht erst ins Bewußtsein gekommen sei. Die gesamte Schulzeit hindurch überwiegt das Negative.
Sexuelle Erlebnisse mit Mädchen hat er gar nicht gehabt, es ging gleich los mit Jungen. Mit 14 oder 15 hatte er zum ersten Mal ein Erlebnis mit einem Schulfreund, mit der er sich ganz gut verstand. Bei einem seiner Besuche begannen sie, sich zu berühren, bis sie schließlich miteinander onanierten. Dies wiederholte sich häufiger, etwa ein Jahr lang. Zwar trafen sie sich nicht oft, weil der Freund außerhalb wohnte, aber bei jedem Treffen kam es zum gemeinsamen Sex. Solange dies lief, fühlte Frank sich damit sehr wohl, doch als der Freund irgendwann fortzog, kamen ihm wieder Zweifel, ob es richtig gewesen wäre. "Ich wollte das ja auch nicht wahrhaben, daß ich das vielleicht ja schön fand. Weil es ist ja nichts Gutes gewesen." Diese Einstellung war sehr geprägt durch seine Eltern. In Bezug auf Homosexualität dachten diese ausgesprochen konservativ. Wenn im Fernsehen irgendwelche homosexuellen Szenen waren, dann schalteten seine Eltern ab, für sie war das Thema ein rotes Tuch.
Zu seinen Eltern, speziell zu seiner Mutter, blieb der Kontakt gut, bis er mit 17 Jahren beiden eröffnete, homosexuell zu sein. Eines Abends fingen seine Eltern ihn ab, als er spät nach Hause kam und fragten ihn, ob er ein 'warmer Bruder' sei. Und er sagte ja. Die Reaktionen waren heftig, wenn auch nicht untypisch. Sie versuchten, es ihm auszureden und drohten, ihn rauszuwerfen, wenn er es nicht ändern würde. "Das ging soweit, daß ich irgendwann dachte, ich hasse die! Und will auch nichts mehr mit denen zu tun haben!" Er hatte nie das Gefühl, sie würden sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Schließlich gab er es auf, mit ihnen zu sprechen. Auch mit seiner Schwester konnte er nicht darüber sprechen, so daß er sich vollkommen allein fühlte und dachte, er müsse von zuhause fort.
Für einen Tag verschwand er, und danach versprachen ihm seine Eltern, alles würde wieder gut und er solle doch zuhause bleiben, was er vorerst auch tat. Er hatte wenig konkrete Vorstellungen über seine Zukunft gehabt, mit Ausnahme von Berufstätigkeit. Nachdem seine Eltern auf sein Coming Out so ablehnend reagierten, wollte er vor allem ausziehen und irgendwo allein leben. Er hätte sich zwar gewünscht, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Manchmal dachte er, seine sexuellen Gefühle für Männer seien nur eine Phase und er werde später wie seine Eltern leben. "Aber auch immer so ganz kurz, und dann dachte ich eben wieder, ja, so wird das doch nicht, weil irgendwie geht das gar nicht!"
Frank machte nach dem Abitur eine Ausbildung als Kaufmann und ging dann zur Bundeswehr. Überall verheimlichte er seine Homosexualität, und hoffte, das Ganze würde wieder weggehen und sich ändern. Trotzdem hatte er einzelne sexuelle Kontakte mit Männern, meist anonym in Pornokinos. Er wollte in einer Großstadt leben, und das erste, was er dort entdeckte, waren diese Kinos, wo er auch Kontakte haben konnte, wenn er abends wieder zurück nach Hause mußte.
Als sich nach der Bundeswehr die Gelegenheit bot, ging er beruflich ins Ausland, um den Kontakt zur Familie zu reduzieren. Auch dort dachte er nicht an einen Freund oder eine Familie, sondern wollte erst einmal ganz für sich sein. Er bewohnte dort ein Haus für sich allein und es ging ihm recht gut. Als er nach einem Jahr nach Deutschland zurückging, hatte er langsam angefangen, seine Homosexualität zu akzeptieren. Dennoch kostete es ihn viel Überwindung, es in seinem Freundeskreis zu erzählen. Über eine Anzeige versuchte er, einen homosexuellen Freundeskreis aufzubauen, hatte aber immer noch Angst, als homosexueller Mann auf Ablehnung zu stoßen.
Zwei Beziehungen hat er in den vergangenen Jahren gehabt, eine kürzere in einer anderen Stadt und die letzte bis vor einem halben Jahr, die zweieinhalb Jahre dauerte. Wichtiger aber war ihm immer einen festen Freundeskreis zu finden, was ihm auch gelang. "Ich kenne genug Leute, von denen ich weiß, daß die für mich da sind, ich auch für die da bin und das gibt auch so ein Sicherheitsgefühl, und das ist irgendwie ganz klasse. Und ich fühle mich jetzt auch wieder richtig wohl."
Sein Ideal war immer, einen Freund zu finden, mit dem er etwas unternehmen kann, der aber auch gern zuhause ist. "Daß aber der persönliche Freundeskreis nicht verloren geht. Und daß ich auch genug Freiräume habe, um meinen Freundeskreis aufrecht zu erhalten."
Mit dem Mannsein geht es ihm heute "richtig gut." Er fühlt sich wohl, im Studium, in seinem Nebenjob, im Wohnen und im Freundeskreis. "Und ich fühle mich da auch so angenommen! Und möchte auch gar nicht anders sein." Es gibt sicherlich Sachen, mit denen er nicht klar kommt oder die er nicht kann. "Aber das hat nichts damit zu tun, daß ich ein Mann bin. Also, das bin ich gerne. Und ich habe da auch keine Bedenken und keine Zweifel. Und möchte das bleiben."
 
 


Torge

Torge ist zum Zeitpunkt des Interviews 29 Jahre alt, hat sein Studium abgeschlossen und lebt in einer Großstadt. Der Ort, in dem er aufgewachsen ist und einen großen Teil seiner Schulzeit verbrachte, ist eine mittelgroße Stadt, aber die ersten vier Jahre lebte er auf dem Land. Seine Eltern trennten sich bald nach seiner Geburt, und er lebte anschließend zusammen mit Mutter und dreieinhalb Jahre älteren Schwester; seinen Vater sah er nur alle vierzehn Tage am Wochenende.

"Verschwommen erinnere ich mich an das Haus, wo wir gewohnt haben, als ich so drei oder vier Jahre alt war. Das Eßzimmer mit dem Blick auf den Garten. Recht steht der Fernseher, also, wenn man rein kommt, dann steht rechts der Fernseher, in der Mitte der Eßtisch. Dahinter ist eine Verandatür aus Glas, und man kann auf dem Garten schauen. Links geht es glaube ich zur Küche, zu anderen Räumen auf jeden Fall."
Obwohl er sich zuerst an die Wohnung erinnert, spielte Torge gerne im Garten oder auf dem nahen Bauernhof. "Da gab es wenig Kinder in der Nachbarschaft, und ich mußte vor allem alleine spielen, mich selbst beschäftigen, wenn ich nicht im Kinderhort war. Und dann habe ich ziemlich gern im Garten gespielt. Wir hatten da so einen Springbrunnen. Wir hatten auch eine Bude im Baum, und auf Bäume bin ich sowieso gern geklettert."
"Zuhause habe ich vor allem gern mit Lego gespielt, Lego-Eisenbahnen aufgebaut, ganze Städte konzipiert. Dann habe ich gerne Schallplatten gehört, Märchen und Kindergeschichten. Mit Puppen habe ich auch eine Zeitlang gespielt. Ich weiß sogar noch, daß ich eine Jungen-Puppe hatte. Oder daß ich darauf bestanden habe, daß ich eine Puppe bekomme, die auch einen Schwanz hat, die einen Pimmel hat. Ja, und ich habe sie bekommen, als ich drei oder vier Jahre alt war, eine Jungs-Puppe."
Da seine Mutter berufstätig war, mußte er von morgens acht Uhr bis nachmittags um vier in einen Kinderhort. "Und da hat es mir eigentlich auch nicht besonders gut gefallen. Ich wäre lieber zuhause bei meiner Mutter geblieben, hätte lieber etwas anderes gemacht, anstatt meine Zeit in dem Kinderhort zu verbringen. Ich kam irgendwie ...ach, ich kam da irgendwie nicht mit klar. Das war mir zu laut und zu hektisch und zu .. zu brutal."
Als er von diesem Kinderhort erzählt, kommt ihm eine Begebenheit in den Sinn, die ihm noch gut in Erinnerung ist. Normalerweise holte ihn seine Mutter nach Arbeitsschluß um sechzehn Uhr ab. Nur an diesem Tag kam sie nicht. "Irgendwann war dann auch wirklich das letzte Kind abgeholt worden und ich war immer noch da. Und ein oder zwei Erzieherinnen waren noch da, die aber auch bald gehen mußten. Auf jeden Fall haben sie mir gesagt, daß meine Mutter ja bald bestimmt kommen wird, haben mir einen Stuhl in den Windfang gestellt, haben die eine Tür abgeschlossen, die nach draußen offen gelassen. Und .. ach, es war so schrecklich, weil ich .. weil ich nicht wußte, ob überhaupt jemand kommen wird, oder ob ich bis ans Ende meines Lebens auf diesem Stuhl sitzen werde..., ja, oder was eigentlich los ist. Ah, es war es total schrecklich!"
"Irgendwann bin ich auch mal kurz aufgestanden, aber ich hatte das Gefühl, ich darf jetzt auch nichts machen. Ich darf mich im Grunde gar nicht bewegen, ich muß jetzt ganz still und ganz brav sein, sonst... wird alles noch viel schlimmer. Ich glaube, daß ich ziemlich verzweifelt war in dieser Situation."
"Irgendwann so um sechs Uhr, das weiß ich auch noch, kam meine Mutter mit meiner Schwester zusammen. Und dann haben wir uns ins Auto gesetzt und sind nach Haus gefahren. Auf dem Wege nach Hause habe ich dann gefragt, warum Sie mich nicht abgeholt haben und dann hat meine Mutter gesagt, daß Sie es einfach vergessen hatten [er lacht] und das war so... das war echt so unfaßbar für mich! Das Schlimme war, dieses Gefühl von ... von Verlassenheit und andererseits .. nichts .. nichts tun zu können. [lange Pause] Also, ich fand es einerseits so unfaßbar, andererseits hatte ich aber auch das Gefühl, daß das vielleicht was ganz Normales ist. Und wenn ich das jetzt so unfaßbar finde, dann ... liegt das an mir. Und es gibt vielleicht wirklich vernünftige Gründe, warum sie es vergessen konnte oder warum .. warum sie einfach nicht da war [er seufzt]. Ich hatte glaube ich auch son bißchen das Gefühl, das darf gar nicht gewesen seien. Also es ist irgendwie ... es ist eigentlich gar nicht passiert. Wenn ich genug will, daß es nicht passiert ist, dann .. dann ist es auch gar nicht passiert." Während er diese Geschichte erzählt, wird seine Stimme immer leiser. Die Erwachsenen hatten ihm gesagt, wenn sowas mal vorkommt, dann gehst du einfach zu Fuß nach Hause. Vielleicht hätte er dies auch geschafft, aber letztlich wäre es für ihn noch bedrohlicher gewesen, allein loszugehen. "Ich .. ich wußte halt überhaupt nicht, was ich jetzt eigentlich machen soll. Ich glaube, am liebsten . . am liebsten wäre ich überhaupt nicht da gewesen im Augenblick. Es war so schlimm!" [er atmet tief durch]
Als er darüber nachdenkt, welche Schlußfolgerungen er damals wohl daraus gezogen habe, fällt ihm das Ausgeliefertsein ein. "Ich glaube, dieses Ausgeliefertsein war eine prägende Erfahrungen aus dieser Situation. Das Gefühl, total ausgeliefert sein zu können. Und vielleicht so das Gefühl, auch einfach nichts machen zu können. So ... egal, ob ich wütend bin oder verzweifelt bin oder .. . besonders brav bin, - in manchen Situationen nützt alles nichts."
Er erinnert aber auch lustige Szenen, etwa Spiele mit einem Mädchen in einer Scheune oder wie sie dem Bauern beim Treiben der Kühe auf die Weide halfen. Mit einem Nachbarsjungen spielte er Tankstelle und füllte seiner Mutter Wasser in den Autotank. "Und meine Mutter ist am nächsten Tag mit dem Auto losgefahren [er lacht] und der Motor hatte gleich einen Schaden und mußte für mehrere tausend Mark repariert werden!"
Zum Beginn der Grundschule zogen sie wieder einmal um. In der folgenden Zeit gehörten zu den wichtigsten Personen einige Freundinnen, die er hatte, zwei Schwestern im Nachbarhaus, und Angelika B., die etwas weiter weg wohnte. Auch den Namen des Jungen auf der anderen Seite erinnert er noch: Claus Z.
Nachdem er mit 6 oder 7 ein Fahrrad bekam, war er besonders gern mit dem Rad unterwegs. "Das waren vor allem diese Rad-Touren, wo ich alleine für mich relativ weit weg gefahren hin, meinem Radius immer mehr erweitert habe, mir richtig stundenlang die Zeit gegeben habe, alleine Ausflüge zu machen und neue Gegenden zu entdecken. Und das war eine Möglichkeit für mich, endlich mal etwas ganz alleine und unbeobachtet zu machen und deswegen hatte es auch ein richtiges Geheimnis für mich. Das habe ich in guter Erinnerung."
"Und aus der Zeit habe ich auch die Erinnerung an diese Nachmittage, wo ich zuhause gesessen habe und mit Lego gespielt habe, diese Städte konstruiert habe und mich auch reingedacht habe, wie die Leute in diesen Städten auch leben, die ich da konstruiert habe. Wo ich mir diese Märchen-Platten angehört habe, wie mir sehr gefallen haben. Vor allem 'Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer' von Michael Ende."
"Und Gummitwist vor allem. Gummitwist habe ich jeden Tag gespielt und war da auch ziemlich gut drin. Und zwar meistens mit Angelika, die glaube ich meine beste Freundin war in der Zeit. Oder zumindest eine Freundin, mit der ich die meiste Zeit verbracht habe." Er spielte mehr mit Mädchen und hatte am meisten Spaß an typischen Mädchenspielen, Handarbeiten eingeschlossen.
Einen besten Freund hatte er nicht zu jener Zeit, und er meint, daß dies mit seiner Abneigung gegen Jungenspiele zu tun hatte. "Ich habe es gehaßt, Fußball zu spielen. Raufereien fand ich schrecklich. Ich habe mich nicht für Fußball-Stars interessiert und sowieso für den Sport, den man im Fernsehen liefert, nicht interessiert. Deswegen gab es oft überhaupt keine Gemeinsamkeit, um mit den Jungen etwas zusammen zu machen. Ich weiß, daß dieser eine Nachbarjunge, den ich ab eben schon erwähnt habe, daß ich mit dem öfters was zusammen gespielt habe. Aber das waren nie typische Jungenspiele." Mit den anderen Jungs in der Schule fühlte er sich auch nicht wohl. "In der Schule auf dem Schulhof, da waren die mir oft zu rauh. Die Sachen, die die gemacht haben, haben mir überhaupt nicht gefallen. Weder hatte ich Lust, große Sprüche zu klopfen, noch wollte ich mich schlagen, noch wollte ich mich auf andere Weise beweisen oder profilieren oder darstellen in einer so typisch männlichen Form. Und ansonsten habe ich einfach den Kontakt vermieden, was mir nicht so schwer gefallen ist. Die sind Fußball spielen gegangen auf Ihren Bolz-Platz und ich habe mit Angelika Gummitwist gespielt."
Er erinnert sich daran, von Jungs bedroht worden zu sein, oder es wenigstens so empfunden zu haben. Sie wollten sich mit ihm schlagen oder provozierten ihn. "Ich habe das einerseits als total unverschämt empfunden und andererseits mich sehr hilflos gefühlt in den Situationen. Ich habe mich auf jeden Fall nicht gewehrt. Und wenn ich konnte, bin ich immer weggerannt, und habe mich immer gleichzeitig dafür ein bißchen geschämt. Ich habe mich dafür geschämt, mein Stolz hat darunter gelitten. Aber ich hatte gleichzeitig das Gefühl, die haben gar kein Recht dazu."
Ansonsten hatte er mit Jungen nicht viel zu tun. Zwar machte es ihm Spaß, zu schwimmen, und er war ein recht guter Schwimmer, aber im Sportunterricht wurde er von den anderen Jungs regelmäßig ausgelacht und als 'mädchenhaft' bezeichnet. Sich selbst bezeichnet er rückblickend eher als 'sanften Jungen'.
"Ich hatte besonders zwei Freundinnen, mit denen ich gern gespielt hab. Und die gingen auch auf dieselbe Schule wie ich. Und da hatten wir auf dem Schulhof unsere Ecke und da haben wir gespielt und sind auch ziemlich in Ruhe gelassen worden. Das war auch kein großes Problem." Die Mädchen störte es nicht, daß er Fußball haßte und sich nicht gern prügelte. "Ich hatte sowieso meistens nur mit Mädchen zu tun, da wird es ja auch nicht erwartet, daß sie sich für Autos, schnelle Autos und solche Sachen interessieren... Das war überhaupt nicht Thema! Was wir gespielt haben, waren Sachen wie Gummitwist oder Rollenspiele oder Vater, Mutter, Kind oder auch komplizierte Rollenspiele." In diesen Rollenspielen war seine Lieblingsrolle das Kind, wie er etwas verlegen erzählt. Allerdings gehörte Verkleiden nicht zu diesen Spielen, er kann sich jedenfalls nicht daran erinnern, sich gern als Mädchen verkleidet zu haben.
Seinen Vater hat er in der Familie kaum erlebt, da dieser bald nach seiner Geburt eine Freundin hatte und die meiste Zeit dort war. So lebte er in den ersten Jahren fast nur mit seiner dreieinhalb Jahre älteren Schwester und seiner Mutter zusammen. Das Verhältnis zu seiner Schwester war nicht besonders eng, eher geprägt von Konkurrenz um die Mutter. "Sie hatte einfach wenig Zeit, sowohl für meine Schwester als auch für mich, wir hatten beide das Gefühl, daß die andere oder der andere mehr Aufmerksamkeit und mehr Zuwendung von meiner Mutter bekommt. Also das war das eine, daß sie einfach wenig Zeit hatte, und das andere war, daß sie auch geistig oder psychisch oft gar nicht richtig da war, wenn sie dann endlich nach Hause gekommen ist. Das ist mir gut in Erinnerung. Daß ich mir gewünscht hätte, sie hat mehr Zeit für mich und kann sich mehr um mich kümmern und wir unternehmen mehr Sachen zusammen und erlebten mehr schöne Dinge zusammen. Und, daß ich mir gewünscht habe, sie würde mir einfach mehr zuhören bei den Sachen, die mir wichtig sind."
"Es gab schon Situationen, wo sie mir richtig gut zugehört hat. Zum Beispiel gab es das Ritual, daß sie mich abends zu Bett gebracht hat und sich noch an mein Bett gesetzt hat und wir über den Tag geredet haben und was ich erlebt hab und wie es mir geht. Und an diese Momente habe ich die Erinnerung, daß ich mich sehr gut verstanden gefühlt habe. Und daß Sie mir aufmerksam zugehört hat und mir auch viele wichtige Sachen erzählt hat."
"Mit meinem Vater war das ganz anders. Also, den hab ich ja am Wochenende besucht, und diese Wochenenden habe ich als ziemlich unangenehm in Erinnerung. So ein Bild, was sich in meiner Vorstellung verfestigt hat ist, daß es einen guten und einen bösen Vater gibt. Und der böse Vater ist der, den ich am Wochenende erlebt habe, und der gute Vater ist der, den ich erlebt habe, wenn wir zusammen verreist sind."
"Das Böse an diesen Wochenenden war, daß er manchmal ..was ich damals cholerische Anfälle genannt habe, manchmal völlig unvermittelt aggressiv geworden ist und mir starke Vorwürfe gemacht hat und mich angeschrieen hat und sich über Sachen aufgeregt hat, die ich damals als Bagatellen empfunden habe oder von denen ich auch gar nicht wußte, daß ich es falsch gemacht habe."
Seine Erinnerungen an gemeinsame Reisen sind sehr viel angenehmer. "Wir sind einmal nach Rhodos gefahren, einmal nach Mallorca und noch auf eine dritte Insel, .. als ich so sechs, sieben oder acht Jahre alt war. Und diese Reisen hab ich in ziemlich guter Erinnerung. Weil wir da in einem Hotel gewohnt haben, und mein Vater sich um nichts kümmern mußte außer um mich. Und wir sind zusammen über die Insel gereist und haben uns Sachen angeguckt und sind wandern gegangen und schwimmen gegangen. Wir haben Mau-Mau gespielt, an einem Tag sogar 23mal [er lacht] und sind abends zusammen essen gegangen. Und ich hatte richtig das Gefühl, daß mein Vater und ich was zusammen erleben und daß wir ne richtig aufregende Zeit hatten."
"Und an die Fahrt nach Rhodos hab ich die Erinnerung, daß es da noch ein besonders schönes Erlebnis gab, daß meine Schwester nämlich nie Lust hatte, mitzukommen und mein Vater und ich unsere Touren über die Insel gemacht haben und daß ich dann deshalb meinen Vater ganz für mich allein hatte. So nen richtigen ... Ja, das war total klasse! [er lacht] Also einerseits, daß ich ihn für mich alleine hatte und andererseits, daß meine Schwester ihn nicht hatte. Was vielleicht ungerecht war, aber was mich damals richtig gefreut hat."
Das Verhältnis zu seinem Vater sieht er als insgesamt als eher negativ an. Er fühlte sich ihm durchaus ähnlich und wollte gern auch ein Mensch wie sein Vater sein, aber die geringe Anerkennung, die er von ihm erhielt und ein eher feindseliges Verhalten belastete die Beziehung durch die gesamte Kindheit hindurch.
Bis er sechzehn Jahre alt war, lebte er - wie er es empfand - immer im Schatten seiner großen Schwester. "Meine Schwester konnte alles besser, hat viel mehr verstanden in den Gesprächen, die Erwachsenen geführt haben, konnte schon Englisch, konnte auf dem Klavier schon 'Für Elise' spielen, konnte schon viel mehr Sachen alleine machen, wo ich noch jemanden brauchte, der mich abgeholt hat. Oder .. sie hatte schon Freunde, die richtig erwachsen und reif waren, hat schon Pop-Musik gehört ... Und ich hatte immer das Gefühl, meine Schwester ist besser und kann Sachen besser und bekommt dafür mehr Anerkennung. Und ich werde das nie erreichen, weil sie immer dreieinhalb Jahre älter sein wird und immer besser sein wird. Das hat das Verhältnis zu meiner Schwester ganz stark geprägt."
"Das war das eine. Und das andere, daß die Eltern ja beide gearbeitet haben und deswegen überhaupt nicht so viel Zeit und Aufmerksamkeit da war, die auch noch durch zwei geteilt werden mußte, und sowohl meine Schwester als auch ich beide das Gefühl hatten, wir kriegen zu wenig vom Kuchen ab und beide unsere Mittel eingesetzt haben, doch unsere Pfründe zu sichern."
Dann gab es noch den Opa mütterlicherseits, der für ihn während seiner Kindheit sehr wichtig war. Ihm fällt eine Begebenheit ein, als sein Großvater ihn mit dem Auto von der Schule abholte, und Torge während der Fahrt oben aus dem offenen Schiebedach rausgucken durfte. "Was sonst niemand gemacht hätte von den Erwachsenen, weil das verboten ist und gefährlich ist und weil es genügend gute Gründe dagegen gibt. Aber mein Opa hatte die Stirn, daß ich das durfte, mir das zu erlauben." Beim Großvater durfte er auch 'kindisch' sein, er stand ihm Dinge zu, "wo meine Mutter oder mein Vater mich einfach für kindisch gehalten hätten. Und da durfte ich einen kindlichen Zug ausleben, den ich sonst nicht zeigen durfte. Das hat mir gut gefallen."
Als er sechs Jahre alt war, heiratete seine Mutter ein zweites Mal, auch, damit die Kinder wieder einen Vater haben. "Weil es ja so wichtig ist, gerade für Jungen, daß sie einem Vater haben [er lacht]. Na ja, das war vielleicht nicht ausschlaggebend, aber das war auf jeden Fall mit ein Punkt. Also auch mit ein Grund, daß ich halt nicht schwul werden soll. Ich weiß nicht, auf jeden Fall hat sie mir später so Sachen erzählt, daß sie dachte, wenn ich einem Vater habe, dann werde ich halt wenigstens nicht schwul. Oder dann hat sie halt alles dafür getan, daß ich nicht schwul werden kann. Daß ich halt so ne männliche Identifikationsfigur haben sollte. Jemand, der sich mit mir gern über Autos und Fußball unterhält, um es zu überspitzen."
Seine Mutter hatte immer bedauert, daß Torge handwerklich so ungeschickt war und keinen Vater hatte, der ihn unterstützen bzw. dergleichen beibringen kann. "Also, daß ich weder weiß, wie man ein Fahrrad repariert noch irgendwie Sachen zersägen konnte, also Sachen, die andere Jungs immer konnten und die ich nie gelernt habe. Also, Fahrräder zu reparieren war total schrecklich, als ich klein war. Ich hatte immer das Gefühl, ich muß das können und ich kann es nicht. Ich habe dann angefangen, mein Fahrrad auseinander zu bauen und habe es dann nachher nicht wieder richtig zusammen gekriegt. Das war total schrecklich. Weil ich gleichzeitig das Gefühl hatte, ich muß wissen, wie das geht. Wie diese Schraube heißt und wie das Werkzeug heißt und ... ich habe mich einerseits dafür so geschämt und war andererseits auch total wütend, daß es nicht klappt. Ach, das war echt total furchtbar."
"Gerade diese handwerklichen Sachen mußte immer meine Schwester machen. Rasen mähen oder im Haushalt den Siphon abschrauben, wenn ein Ring ins Spülbecken gefallen war oder die Sicherungen rein und raus machen. Das mußte alles meine Schwester machen, denn ich war ja noch zu klein dafür."
Die Befürchtung seiner Mutter, er könne schwul werden, scheint weit zurück zu reichen. Er glaubt, daß sie schon immer so eine dumpfe Ahnung in dieser Richtung gehabt haben könnte. Und sein leiblicher Vater gab sich, wenn sie sich an Wochenenden mal sahen, alle Mühe, aus Torge einen 'richtigen Jungen' zu machen. "Ich hatte, wenn ich bei meinem Vater war, zumindest an diesen Wochenenden, ganz oft das Gefühl: Mit mir stimmt irgendwas nicht. Ich hab so in Erinnerung den Eindruck, er wollte, daß ich anders bin. Oder er hat mich spüren lassen, daß ich ... daß irgendwas mit mir nicht in Ordnung ist. Oder irgendwas falsch ist. Später, als ich 14 oder 15 war, erinnere ich mich daran, daß er mir mal gesagt hat, daß er es schlecht findet, daß ich so wenig Sport mache, und daß ich nicht kräftig genug bin, daran erinnere ich mich noch. Ich bin nicht mit zum Fußball gegangen, hatte überhaupt kein Interesse dafür, und er wollte immer gerne, daß ich zum Fußballspielen mitkomme ... . Ja, und es gab viele Fragen, die ich nur ausweichend beantwortet habe. Wenn er mich danach gefragt hat, ob ich gerne mit Autos spiele oder ob ich gerne ... ja, also, noch nicht mal so gefragt ... er hat es immer so vorausgesetzt, als ob ich ... Er ist von so einem Bild ausgegangen, ein typischer Junge macht dies und das, und meinte dann immer zu mir, du machst ja auch in der Schule dies und das ... deine Freunde in der Schule raufen bestimmt auch mit dir auf'm Schulhof ... Es gab immer solche Sachen, wo ich mir gedacht hab, das mach ich doch alles gar nicht und das tu ich doch alles gar nicht und mit mir stimmt deshalb etwas nicht. Aber ich hab's gleichzeitig ihm gegenüber auch nicht richtig zugegeben, sondern hab immer nur ausweichend geantwortet. Und ich hab mich so'n bißchen dafür geschämt ... nicht die Stirn zu haben, zu sagen, das mach ich nicht oder das tu ich nicht, das interessiert mich nicht!"
Vielleicht hatte der Vater auch nur Sorge, sein Sohn könnte 'nicht normal' sein, nicht so wie die anderen Kinder. Er bemängelte schließlich auch, wenn Torge die 'falschen' Socken anhatte oder eine Hose, die nicht ordentlich vernäht war und 'zu arm' aussah. Sein Sohn sollte nicht 'verwahrlosen'. Genauso verübelte der Vater es, wenn Torge seinen geliebten roten Koffer mit herumschleppte. "Das war eben genauso falsch, wie Hosen, die unten nicht richtig umgenäht waren."
Trotzdem blieb Torge standhaft und war letzten Ende nicht bereit, etwas an der Art zu verändern, wie er war. "Ich hatte das Gefühl, ich kann gar nicht anders sein. Ich bin so und das ist eine Tatsache, die sich nicht ändern läßt." Und doch war er gern ein Junge, wollte es auch gern sein. "Aber ich war ja nich so'n Junge, wie man sich einen Jungen so vorstellt. Oder wie sich viele so .. wie zumindest mein Vater sich einen richtigen Jungen gewünscht hat. Aber ich war .. ich selbst war gerne ein Junge und fand das auch gut, daß ich kein Mädchen bin. Das einzige Problem dabei war, daß es keinen anderen Jungen gab, der so war wie ich. Also daß ich in meinem ganzen Spielverhalten, in meinem ganzen Sozialverhalten viel mehr mit den Mädchen anfangen konnte. Für mich selbst war das nicht so ein Problem, es war nur da ein Problem, wo ich so'n Feedback von anderen bekommen habe. Also von den anderen Jungen in der Schule, von meinen Eltern oder von Tanten, die alle das ein bißchen komisch fanden oder süß fanden oder ... auf jeden Fall nicht ganz normal fanden, wie ich als Junge war."
Der neue Vater brachte noch zwei weitere Töchter mit in die Ehe, die altermäßig eher seiner Schwester entsprachen. Durch diese Veränderung verschlechterte sich seine Situation zuhause noch mehr. "Es war schon so, daß die sich oft gegen mich verbündet haben. Ich habe vielleicht auch meinen Teil dafür getan, daß so eine Grenze aufrecht erhalten bleibt. Aber es gab so und so die zwei Fraktionen in der Familie: einerseits meinem Stiefvater und die drei, andererseits meine Mutter und ich. Also zum Beispiel war es so, daß wir im Sommer nach Österreich gefahren sind, und meine Mutter und mein Stiefvater haben sich total zerstritten. Das hat dann so geendet, daß meine Mutter alleine nach Hause fahren wollte. Und da bin ich mit meiner Mutter nach Hause gefahren, und mein Vater ist mit den drei Schwestern da geblieben." Nach einem Jahr trennten sich die beiden wieder, und der 'vaterlose' Haushalt war wiederhergestellt.
Auf die Frage nach seinem Grundgefühl in der Kindheit zögert er erst, tut sich schwer, etwas zu benennen, zumal er jetzt im Rückblick ja die weitere Zeit kennt, als er im Gymnasium viele Probleme und Konflikte hatte. Dann meint er, daß es demgegenüber einen ziemlich lebendige Zeit war. Oder vielmehr eine Zeit, in der es auch schöne Momente gab. "Es gab schon viel in dieser Zeit, viele Sachen, die nicht so toll für mich waren. Oder Erlebnisse, mit denen ich nicht so klar gekommen bin. Aber ich habe mir so meine sicheren Inseln gebaut. Wenn die Schule vorbei war, dann habe ich halt ganz schnell Hausaufgaben gemacht und konnte mich nachmittags mit Angelika zum Gummitwist treffen. Und dann war die Welt auch wirklich heil. Oder ich habe sonntags in meinem Zimmer gesessen und Jim Knopf-Platten gehört und mit Lego mir Häuser gebaut. In den Augenblicken war ich so .. so vollkommen dabei, daß .. Was vielleicht das prägende Gefühl in diesen anderen Situationen ist, ist eine Hilflosigkeit. Also einerseits die Anforderung, bestimmte Sachen zu können, und andererseits, gleichzeitig das Unvermögen, die Sachen nicht zu können. Zum Beispiel, ein Fahrrad zu reparieren. Oder einerseits dem Wunsch danach, verstanden zu werden, wenn ich verzweifelt bin, weil mich niemand aus dem Kindergarten abholt, andererseits aber überhaupt keine Möglichkeit, mir Verständnis zu erwerben. Daß es mir einerseits auch peinlich war - und, also, Peinlichkeit ist in dem Zusammenhang ein ganz starkes Gefühl, und andererseits auch der Versuch, es ungeschehen zu machen. Vielleicht hätte ich mir oft jemand gewünscht, mit dem ich hätte reden können, der mich wirklich versteht in meinem kleinen alltäglichen Problemen. Und so, wie die Situation war, hab ich mich eigentlich relativ allein gefühlt und deshalb auch relativ hilflos."
Was seine Homosexualität angeht, glaubt er, sie sei von Anfang an da gewesen. Bereits mit neun Jahren datiert er sein Coming Out sich selbst gegenüber, d.h. er hatte sie zu diesem Zeitpunkt wahrgenommen und für sich 'hingenommen'. "Ich glaube, es war mir immer klar, daß ich schwul bin. Das fand ich eigentlich nicht besonders toll, aber ich habe das einfach so hingenommen. Vielleicht war es einfach so die Erfahrung."
Die Erfahrung, das war sein Interesse an Männern im allgemeinen und dem männlichen Geschlechtsteil im Besonderen. Er datiert die früheste Erinnerung, sich von anderen Jungen erotisch angezogen gefühlt zu haben, auf etwa sieben Jahre. Damals spielten sie oft auf Geburtstagen ein Spiel, bei dem alle Kinder in einem dunklen Raum blieben, ein durch Los bestimmter 'Mörder' im Dunkeln ein anderes Kind auf den Rücken schlug ('ermordete') und anschließend bei Licht rekonstruiert werden mußte, wer der Mörder war. "Ja, da, in diesen Situationen wollte ich immer unbedingt der Mörder sein und wollte immer gerne andern Jungen an den Schwanz fassen. Es ist mir heute noch peinlich! Und es war mir glaub ich damals schon peinlich." Einmal gelang es ihm tatsächlich, den Penis eines Jungen zu berühren. "Das war uns dann beiden aber auch peinlich, als das Licht dann an war. Wir haben beide dann den ganzen Nachmittag oder den ganzen Abend nicht mehr miteinander geredet ... irgendwie Stillschweigen bewahrt. Ich fand es auch total aufregend, ich wollte das unbedingt. Ja, und schade ist es irgendwie, daß es so die einzige Form war, körperlich zusammen zu sein. Es war für mich so stark tabuisiert, daß dieses Spiel für mich die einzige Möglichkeit war ... im Dunkeln ... wenigstens einen ganz kleinen Teil davon auszuleben."
Es gab noch eine ganze Menge solcher Momente, wo er sich Berührungen gewünscht hätte. Aber er hatte entsetzliche Angst davor, daß jemand etwas merkt. "Ich wußte, daß wenn das öffentlich wird, daß die Blamage endlos ist! Also das es mir total peinlich sein wird, überhaupt ... also einfach ausgeschlossen sein werden, weil alle das ganz schrecklich finden werden .., weil ich, ... ja, was ganz Falsches gemacht hab." Während einer Übernachtung mit anderen Kindern in einem Schlafsaal lag er mit einem anderen Jungen zusammen im Bett, und sie faßten sich gegenseitig an den Penis. "Aber das ist alles ... diese ganzen Erlebnisse sind so schuldbesetzt und mit so unangenehmen Gefühlen verbunden, daß es mir selbst heute noch unangenehm ist, darüber zu reden."
Der Wechsel mit elf Jahren aufs Gymnasium brachte höhere schulische Anforderungen mit sich, wodurch Lernen und Leistung in der Schule im Gegensatz zu früher plötzlich ein Problem wurde. Während es ihm früher leicht fiel, zur Schule zu gehen und seine Hausaufgaben zu machen, änderte sich dies bereits in der 5.Klasse. Plötzlich bekam er nur noch die Hälfte mit, verstand vieles nicht und wurde deutlich schlechter. Und er fühlte sich dort sehr allein, weil seine bisherigen Freundinnen alle aufs Mädchengymnasium gingen.
Dieser Einschnitt wirkte sich auf sein ganzes Leben aus, auch auf Freizeit und Spiele. "Ein wichtiges Problem war auch, daß meine Kindheit einfach vorbei war. Daß das nicht mehr gepaßt hat, Kinderspiele zu machen oder mit Lego zu spielen und mit anderen Kindern Rollenspiele zu machen. Und daß ich das Gefühl hatte, die Zeit ist vorbei, das mach ich nicht mehr! Und es gab gleichzeitig nichts anderes, was diesen Platz eingenommen hat. Also, es war so, ich wußte nicht so recht, wohin mit mir." Es gelang ihm nicht, in der neuen Schule Freunde zu finden, die ihn in dieser schwierigen Umstellung hätten unterstützen können.
Mit dreizehn ging er für einige Wochen zu einem Austauschprojekt nach Frankreich, wo er sich mit seinem sechzehnjährigen Gastbruder Jules anfreundete. "Wir hatten auch eine sexuelle Beziehung, und ich weiß, daß ich mir dachte: Das ist ja auch das Einzige, was ihn an mir interessiert." So war Torge sehr überrascht, als Jules bei seinem Abschied den ganzen Abend über nur geweint hat.
Diese erste sexuelle Beziehung stürzte den 13jährigen in eine tiefe Krise. Spätestens jetzt war ihm klar, daß dies genau das war, was er wollte, und gleichzeitig widersprach es seinem ganzen Normen- und Wertesystem, erschien ihm ein Leben als homosexueller Mann undenkbar, auch weil Homosexualität in seiner Familie ein großes Tabu war und extrem abgelehnt. Dieser Widerspruch zwischen Gewißheit, homosexuell zu sein, und der scheinbaren Unmöglichkeit, es zu leben, ließ ihn verzweifeln.
Er sprach mit niemandem darüber, zog sich stark zurück und wurde mit der Zeit depressiv. Ständig kreisten seine Gedanken um das, was geschehen war. Ob er das Ganze wirklich gewollt habe oder der Freund ihn eigentlich verführt habe. "Und die zweite Frage war, wie kann ich das so schnell wie möglich wieder vergessen. Wie kann ich wieder genauso sein, wie ich vorher war. Also wie kann ich das vollkommen ausschließen aus dem, wie mein Leben bis jetzt war." Mit einer Art 'Gedanken-Stop'-Methode versuchte er, das Erlebnis möglichst vollkommen zu vergessen. "Daß ich nie, nie, nie wieder dran denken muß."
Wenige Monate nach seinem Aufenthalt in Frankreich fand der Gegenbesuch statt, und diese Begegnung war bestimmt von Torges Bestreben, keinen Sex mehr mit dem Freund zu haben. Gleich am ersten Tag sagte er es ihm, und Jules akzeptierte problemlos. Nur Torge selbst verbrachte eine anstrengende Zeit, solange der Junge bei ihnen war. Einerseits wollte er vergessen, daß sie eine sexuelle Beziehung gehabt hatten, andererseits war er tagtäglich mit dem Jungen konfrontiert. Er hatte wieder Phantasien, mit Jules Sex zu haben, verbot es sich aber total, weil er unbedingt einen klaren Schlußstrich ziehen wollte. "Also, nicht wieder was anfangen wollte und dann nachher noch verwirrter sein wollte als beim ersten Mal."
Im Nachhinein hält er dieses Erlebnis für "das prägende Ereignis für die nächsten drei bis vier Jahre". Diese Jahre waren bestimmt von einem starken Rückzug, er konnte das Erlebte nicht verarbeiten, aber auch nicht darüber sprechen. "Ich habe das Gefühl gehabt hab, ich muß das ganz weit aus meinem Leben und aus meinem Denken verbannen, sonst bricht die Katastrophe über mich herein." Ein Weg, alles zu verdrängen, erschien ihm im völligen Verzicht auf sexuelle Betätigung. Erst mit siebzehn onanierte er zum ersten Mal wieder, über drei Jahre enthielt er sich völlig. Nicht einmal an sexuelle Träume in jener Zeit erinnert er sich mehr.
In jene Zeit fiel sein einziger längerfristiger Versuch, eine Freundin zu haben. Sie waren ein paar Wochen zusammen, ohne daß es je zu sexuellen Kontakten kam. "Das war es dann auch schon, danach auch nicht mehr."
Zu anderen Kindern bzw. Jugendlichen hatte er zu jener Zeit kaum Kontakte. "Es gab einen Jungen, den kannte ich schon zur Grundschulzeit, mit dem hab ich mich manchmal getroffen, aber wir wußten nie so recht, was wir mit uns anfangen oder was man sonst noch machen kann außer Fernsehen. Also das war keine Freundschaft, wo ein intensiver Austausch bestanden hätte." Auch mit den Freundinnen von früher traf er sich nicht, oder wie er es ausdrückt: "Vielleicht haben wir uns manchmal getroffen und vielleicht haben wir auch was zusammen gemacht, aber das ist nichts, was wichtig gewesen ist für mich in der Zeit."
Er quälte sich in die Schule, und es wurde immer schlimmer. In den Pausen blieb er allein, und er mußte sich jeden Tag überwinden, hinzugehen. "Fast nichts hat mir Spaß gemacht, ich habe das Leben eigentlich nur ertragen. Ich habe nicht besonders gern gelebt." Später, mit fünfzehn oder sechzehn kam noch hinzu, daß er oft als Schwuler beschimpft wurde. "Obwohl ich es halt niemandem erzählt hab und es nie in irgendeiner Form deutlich gemacht hab. Ich glaube, es war einfach das Klischee, was sie von mir hatten. Da gab es viele Leute, die mich wegen meines Schwulseins total niedergemacht haben."
Im sportlichen Bereich wurde er noch mehr zum Außenseiter, als er es sowieso schon war. "Sport-Unterricht habe ich gehaßt, weil fast nur Mannschafts-Sport gemacht wurde. Und weil ich schlechter in Mannschafts-Sportarten war, außer im Volleyball, und gut in Turnen und in Gymnastik. Alle anderen Jungen konnten gut Fußball spielen, und ich konnte es nicht, weil ich es ja nie geübt hatte. Über Fußball wußte ich auch gar nichts. Ich wußte weder, wie die Aufstellung ist, noch wer welche Funktion hat." Am schlimmsten empfand er die Auswahl der Mannschaften, bei der die beiden besten Spieler der Klasse nacheinander ihre Mitspieler auswählten. "Und die Spieler mußten auf einer Bank vor diesen beiden Cracks sitzen und wurden dann nach und nach gerufen. Und ich wurde meistens als letzter oder vorletzter gewählt, noch vor dem blöden Mädchen, die niemand in seiner Mannschaft haben wollte, weil sie so dick und schlecht war. Das war ein sehr erniedrigendes Erlebnis, weil ich das Gefühl hatte, niemand will mich in seiner Mannschaft haben. Gleichzeitig müssen sie mich aber nehmen, weil ich ja auch im Sport-Unterricht bin."
Diesem beschämenden Gefühl begegnete Torge mit dem Versuch, sich ganz gleichgültig zu machen. "Ich habe versucht, einen Zustand zu erreichen, wo es mir vollkommen egal ist, ob die anderen mich akzeptieren oder nicht, ob Sie mich gerne als Freund haben wollen oder nicht, und ob Sie gerne mit mir in einer Mannschaft sein wollen oder nicht. Hab versucht, mich dagegen abzustumpfen." Gleichzeitig war da immer dieser Widerstand in ihm: "Ich will gar nicht anders. Ich will nicht hart trainieren im Sport, um dann in eine Mannschaft gewählt zu werden!"
Seinen Vater besuchte er fast gar nicht mehr, versuchte zumindest, die Besuche so selten wie möglich stattfinden zu lassen. Und wenn, war er sehr verschlossen. Auch mit seiner Mutter redete er nur das Allernotwendigste. "Und habe auch, immer wenn Sie mich was gefragt hat, so knapp wie möglich geantwortet."
Erst mit sechzehn oder siebzehn veränderte sich an seinem Rückzug und seinen Depressionen etwas. Bei einer Ski-Freizeit lernte er eine junge Frau kennen, mit der er zum ersten Mal über das sprach, was einige Jahre vorher passiert war und ihn so dauerhaft beschäftigte. "Sie hat sich wirklich für das interessiert, was ich erzähle. Und das war seit Jahren der erste Mensch, dem ich gerne wieder etwas erzählt habe, von dem, was ich denke, von dem wie ich fühle und denke, daß ich erlebt habe. Und ihr habe ich auch das erste Mal, also als erstem Menschen davon erzählt, daß ich diese Beziehung mit dreizehn, diese traumatische Beziehung mit dreizehn Jahren hatte. Ich denke, erst als ich angefangen habe, darüber zu reden, es damit auch zu verarbeiten, war so ein Block auf einmal weg, den ich vorher hatte. Wo auch diese ganze sexuelle Entwicklung und die schwule Entwicklung einfach weitergehen konnten."
Er spricht vom 'weitergehen', weil er spätestens seit der Pubertät mit zwölf, dreizehn nur zu gut wußte, daß er homosexuell ist. Nach diesem Gespräch traute er sich endlich, zu seiner Sexualität zu stehen und Gedanken zu entwickeln, wie es weitergehen könnte. Er begann wieder, sich selbst zu befriedigen, nur diesmal ohne schlechtes Gewissen, und überlegte, wie er seinen Wunsch nach sexuellen Kontakten mit anderen erfüllen könnte.
Etwa zur gleichen Zeit zog seine Schwester von zuhause aus, was er als enorm entlastend empfunden hat. Zumindest hörte er auf, sich in allem mit ihr zu vergleichen. "Nicht gleich immer von vorne herein aufgegeben, weil meine Schwester es ja sowieso viel besser kann, weil ich da nie heranreichen kann. Ich habe mehr angefangen, mich mit meinem eigenen Maßstäben zu messen." Und das war erfolgreich.
Er wählte andere, sozialwissenschaftliche Fächer in der Oberstufe, etwas, was ihm viel mehr lag als seiner Schwester. Und er wechselte die Schule. "Und das hat mir auch wirklich gut getan, weil ich in der alten Schule wirklich ein Außenseiter war. An der neuen Schule war es einfach anders. Erstens war die neue Schule viel größer, es kannte nicht jeder jeden. Ich habe dort auch einfach mehr Leute gefunden, die ich viel interessanter fand, mit denen ich mich wirklich über Sachen unterhalten hab, die mich interessiert haben. Vielleicht war ich auch einfach viel offener. Es war gut, einen neuen Start zu machen, also erst mal diese Lasten los zu sein und dann auch einen neuen Start zu machen. Und dann auch, daß ich endlich Fächer hatte, die mich wirklich interessiert haben." In dieser Zeit lernte er wieder andere Jugendliche kennen, ging auf Leute zu und sie auf ihn.
Schwierigkeiten bereitete ihm jedoch, wie er in Kontakt mit anderen Homosexuellen kommen sollte. Er hatte ein paar meist unglücklich verlaufende sexuelle Erlebnisse mit heterosexuellen Schulfreunden, etwa während eines gemeinsamen Urlaubs in Italien. "Aber das ziemlich verklemmt, es war auch gar keine Nähe da. Es war nicht mit schönen Gefühlen verbunden. Wir haben uns eines Nachts einen runtergeholt, und es war total blöde. Weil er sich dafür geschämt hat und es irgendwie komisch fand und weil es mir auch gar keinen richtigen Spaß gemacht hat und wir beide nachher das Gefühl hatten, etwas Falsches gemacht zu haben oder was gemacht zu haben, was wir eigentlich gar nicht wollten."
In der Schule gab es inzwischen einige Leute, mit denen er sich in der Pause gern unterhielt, was eine ganz neue Erfahrung für ihn war nach den langen Jahren des isolierten Dahin-Lebens. Er meint, in jener Zeit sehr gewachsen zu sein, sich sehr weiterentwickelt zu haben. Es wußten zwar einige Leute an der Schule, daß er homosexuell ist, "aber das hat eigentlich niemanden interessiert." Durch die Größe der Schule und das offene Kurssystem war der Kontakt zum größten Teil der restlichen Schüler nur lose oder nicht existent.
Die Wende kam, als er achtzehn war. Mit einer Freundin, die lesbisch ist, fuhr er nach Hamburg und ging in die homosexuelle Szene. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht verliebte er sich in den Mann, den er dort kennengelernt hatte, aber dieser wollte keine Beziehung mit jemandem in Coming Out. Trotzdem fuhr er immer wieder in den Ferien nach Hamburg. "Bin dann durch die Läden gezogen. Das war halt einfach so aufregend, das schwule Leben und die schwule Szene. Schwule zu treffen, Affären zu haben, Bestätigung zu kriegen, das war schon ziemlich Klasse. Und das war auch ziemlich gut für mich, ziemlich ermutigend." Auch am Heimatort besuchte er nun öfter homosexuelle Diskotheken und Cafés, gemeinsam mit der lesbischen Freundin und einem guten Freund. Sie trafen sich oft, machten Wochenend-Ausflüge in homosexuelle 'Hochburgen' wie nach Amsterdam.
Mit dem Mut, den ihm der Kontakt zur Szene und anderen Homosexuellen machte, erzählte er seiner Mutter schon bald von seinen Gefühlen. "Und das war echt ne richtig schwere Zeit, das war wirklich ne mittlere Katastrophe. Also, sie ist erstmal richtig krank geworden, irgendwie so ein Nervenfieber. Ich weiß nicht mehr, was sie hatte. Auf jeden Fall eine ziemlich schlimme psychosomatische Krankheit. Und es war ganz furchtbar am Anfang. Sie hatte ganz schlimme Vorstellungen über Schwulsein. Als ich ihr halt gesagt hab, daß ich schwul bin, meinte sie dann auch, ob ich jetzt andere Männer fisten werde. Sie meinte, daß ich alt und einsam sein werde irgendwann, vielleicht werden ich auch AIDS bekommen."
Noch am selben Tag rief sie seinen Vater an und gab diesem die Schuld an der Homosexualität seines Sohnes. In der folgenden Zeit sprachen sie kaum noch miteinander, lebten lediglich nebeneinander her. Das änderte sich erst, als Torge mit neunzehn seinen ersten Freund kennenlernte und eine halbjährige Beziehung begann. "Als sie den kennengelernt hatte und sie auch anschaulich begriffen hatte, daß es gar nicht so schlimm ist, daß es gar nicht so schlimm mit mir werden würde."
Mit einundzwanzig zog er nach Hamburg in eine Wohngemeinschaft und begann sein Studium. Die erste Beziehung löste sich damals auf, und in Hamburg verliebte er sich nach einiger Zeit neu. Dieser Freund war nicht so ernst wie er, sondern ein witziger Typ, mit dem man gut lachen konnte und der "einfach sowas Jungenhaftes hatte." Er war sehr glücklich in jener Zeit. "Zunächst mal das Gefühl, geliebt zu werden von jemanden, den ich auch liebe. Das hat mir sehr gut getan. Also jemand, der sich wirklich darauf freut, wenn ich da bin, der gerne Zeit mit mir verbringt und der es aufregend und interessant findet, was ich tue und denke und meine. Dann war es im Bett auch so total aufregend, weil ich auch total verliebt war. Da hatte es auf einmal eine ganz andere Qualität als der Sex, den ich vorher mit anderen Männern hatte. Ja, und für jemand anders total wichtig zu sein, das war eine beeindruckte Erfahrung für mich. Und ihn auch gleichzeitig zu lieben, das war vielleicht war auch das Beeindruckende, überhaupt jemanden zu lieben, nicht nur geliebt zu werden. Das war halt ein so wichtiges und tiefes Gefühl."
Am Anfang versuchte Torge noch, Distanz zu wahren. Er wollte sich nicht verlieben und nicht enttäuscht werden. "Andererseits, weil ich auch das Gefühl hatte, alles kaputt machen zu können, wenn ich zuviel fordere. Aber das war eigentlich gar nicht nötig gewesen, weil wir uns im selben Augenblick ineinander verliebt haben." Sie blieben drei Jahre zusammen, wohnten allerdings stets getrennt.
Torge lebt heute in einer Wohngemeinschaft mit zwei Frauen und einem anderen homosexuellen Mann. Er ist seit drei Jahren wieder mit einem Mann befreundet, hat einen homosexuellen Freundeskreis und besucht regelmäßig die Szene, wo sich manchmal auch sexuelle Erlebnisse mit anderen ergeben - was für beide Partner gilt.
"Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben, wie es jetzt ist, und auch damit, ein Mann zu sein. Manchmal finde ich mich schon zu sanft und hätte gern mehr Durchsetzungsvermögen ... gerade, wenn es Streit gibt. In der alten WG gab es mal einen Streit, wo ich im nachhinein gedacht habe, ich wäre gern viel wütender geworden und hätte mich gern mehr durchgesetzt."
"Ich finde halt meine gesellschaftliche Position als Mann einfach besser, das muß man einfach sagen. Kriegst halt mehr Geld für die gleiche Arbeit, und hast auch sonst mehr Vorteile. Es ist halt alles so, wie es ist."
Er unterscheidet zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern, konstruiert so drei Kategorien, quasi drei Geschlechter. Andererseits stellt er fest, daß er gar nicht mehr sagen könne, was typisch männliche Eigenschaften seien. Berufliche Unterschiede oder soziale seien viel wichtiger geworden. "In meiner Kindheit war vielleicht diese geschlechtspezifische Identifikation wichtig, während heute die berufliche Identifikation oder die Identifikation mit meinem Freundeskreis eine Rolle spielt."
"Eigentlich bin ich schon ganz zufrieden so wie ich bin. Ich habe nicht das Gefühl, daß da was fehlt oder daß ich was nicht kann. Solche Insuffizienzgefühle, wie ich sie in meiner Kindheit hatte, mit diesen Fahrradreparatur-Sachen und so, das hab ich heute nicht mehr so."
Zu seiner Mutter hat er inzwischen einen ganz guten Kontakt. Sie telefonieren häufig und er besucht sie oft. "Und sie redet mir auch nicht rein, wie ich leben soll. Oder was ich machen soll. Es ist eher so, daß sie mir jetzt auch mal von ihren Problemen erzählt und ihren Ideen. Wie es weiter geht, wenn sie mal irgendwann in Rente geht, was auch nicht mehr so weit weg ist. Oder ob sie gerne nochmal einen Freund hätte oder eine Beziehung. Schon eher so ... manchmal schon eher so, als wenn wir ne freundschaftliche Beziehung hätten. Auch wenn das Mutter-Sohn- Verhältnis nie ganz weg geht. Eigentlich fühle ich mich ganz wohl mit meiner Mutter."
"Sie meinte neulich zu mir: Ja, wenn du mal für Stefan einkaufen gehst, dann kauf doch auch 'Nutella' ein, junge Männer essen immer so gerne 'Nutella'. Das ist irgendwie so, wie eine Mutter-Tochter-Beziehung ist. Das hat mich im Augenblick auch richtig gefreut, als sie das gesagt hat. Weil sie mit dem Schwulsein jetzt einfach besser klarkommt. Also wirklich damit klarkommt, nicht nur die ganze Zeit sagt, ich finde es schon in Ordnung, aber laß mich bloß in Ruhe damit."
Der Kontakt zu seinem Vater ist weiterhin schwierig. Nachdem sie zwei Jahre überhaupt keinen Kontakt hatten, meldete sich sein Vater wieder, und Torge hat ihn besucht, als er mal wieder in der alten Heimat war. Aber das Verhältnis hatte sich nicht wesentlich verändert.
"Mein Vater tut immer so souverän, so sicher, und ich fühl mich da immer so unwohl. Tu dann aber auch so, als wäre ich richtig souverän und sicher. Und dann reden wir meistens über Sachen, die uns beiden nicht so interessieren. Ich weiß es nicht, irgendwie steht da noch total viel im Raum, weil ich ja eine Menge unangenehmer Sachen mit ihm erlebt habe, über die ja nachher nie wieder drüber geredet wurde. Ja, aber irgendwie reden wir auch nicht darüber, und ich habe auch nicht das Gefühl, daß das ein besonders guter Kontakt ist. Der Kontakt ist eher gestört."
 
 

4.6.3      Die Cluster C, D und E


Markus (Cluster C)

Markus ist zur Zeit des Interviews 36 Jahre alt und lebt in einer Großstadt. Er wohnt allein, ist aber seit einem guten Jahr wieder fest befreundet. Er ist in einem Dorf aufgewachsen und der Älteste von drei Kindern. Seine Schwester ist zwei Jahre, sein Bruder fünf Jahre jünger. Sein Vater arbeitete als Beamter, seine Mutter als Hausfrau.

Etwas ungewöhnlich für diesen Cluster ist seine frühe sexuelle Erfahrung mit einem anderen Jungen und sein zeitweiliges Interesse am Fußball, dem einzigen Angebot des dörflichen Sportvereins. Sehr typisch jedoch die gute Einbindung bei den Peers, und zwar sowohl bei Jungen wie Mädchen, und seine Aufgeschlossenheit gegenüber eher mädchentypischen Interessen und Rollen.
Seine früheste Erinnerung im Interview sind die Tiere bei den Großeltern, wo ihn im Alter von etwa 5 Jahren ein Ganter anfiel, als er ihn füttern wollte. "Statt daß der sich gefreut hat, daß ich ihn füttere, fällt der mich an und hat mich auch gebissen." Sonst ist die Erinnerung an die Tiere schön, es gab Kaninchen, Hennen und Küken, von denen er besonders fasziniert war.
Da er auf dem Lande aufwuchs, waren Tier für ihn nichts Ungewöhnliches. Seine Lieblingsbeschäftigung war jedoch, mit der Dorf-Clique Verstecken zu spielen. "Wir haben wirklich den ganzen Tag Versteck gespielt. Und das über Jahre!" Damals tobten sie durch die Gegend, von Grundstück zu Grundstück. Das ging bis abends, wenn die Mütter ihre jeweiligen Kinder zurückholten zum Abendessen. In der nahen Siedlung gab es viele Kinder in seinem Alter und im Alter seiner Schwester. "Das war ein intensiver Kontakt. Das hat mir tierischen Spaß gemacht. Ich hab mich da sauwohl gefühlt!"
Sommers wie Winters war er draußen. "Eigentlich spielte sich alles draußen ab." Sie hatten eine Sandkiste, bauten Burgen und Wasserläufe. Als er etwas größer wurde, hatte er einen kleinen Garten, in dem er Blumen großgezogen hat. Wenn er die Blumen im Garten mit dem Schlauch gegossen hatte oder die Sandkiste unter Wasser gesetzt hatte, gab es meist Ärger mit seinen Eltern, "weil ich natürlich auch aussah wie Sau." Im Winter wurde gerodelt, oder Höhlen gebaut. "Ohne Ende. Im Winter, nicht im Sommer!"
Kurz vor seiner Einschulung beginnt er, Blockflöte zu spielen, kapitulierte aber fast davor, beidhändig zu spielen. Er bekam seine Hände nicht koordiniert und heulte vor Verzweiflung, aber seine Eltern blieben hart und er übte, bis es ihm gelang. Das Spielen eines Musikinstruments, später auch noch Akkordeon, setzte er seither beständig fort.
Neben Verstecken, Musik und Fußball kreuzte er als Lieblingsspiele noch "Gummitwist" an, ohne daß er im Interview darauf zurückkommt. Die typischen Mädchenspiele machten ihm zumindest etwas Spaß, aber am meisten Spaß machten ihm die typischen Jungenspiele sowie jene, die weniger einem Geschlecht zugeordnet werden. Die Dorf-Clique war auch durchaus gemischt, Jungen wie Mädchen, so daß er mit beiden gleichviel spielte. Ihm fällt ein, daß er beim 'Familie-Spielen' immer die Mutter sein wollte. "Mit was anderem war ich gar nicht zufrieden. Mit Vater konnte ich nix anfangen und Kind wollt ich auch nicht sein. Also blieb die Mutterrolle übrig. Mutter wollte ich sein."
In der Grundschule trat er dem Sportverein des Dorfes bei, wo Fußball das einzige war, was angeboten wurde. So blieb ihm keine andere Wahl, da ihm Sport sehr viel Spaß machte und er gern mit anderen zusammen war. Zudem mochte er den Trainer, und so ging er gerne zum Fußballspielen.
Falls es Konflikte gab, hing sein Verhalten davon ab, ob er physisch stärker war. Wenn der andere überlegen war, dann versuchte er meist gar nicht erst, sich zu wehren, sondern gab schnell klein bei. Nur bei klarer Überlegenheit setzte er sich zur Wehr, dann ließ er sich nichts gefallen. Von daher bezeichnet er sich eher als 'sanfter Junge', aber doch eindeutig als Junge. "Ich war gern ein Junge, als Junge durfte man einfach mehr." Den Unterschied erlebte er sehr konkret an seiner nur wenig jüngeren Schwester.
Mit ihr hatte er einen ganz guten Kontakt, sie war auch mit in der Dorf-Clique. Sein Bruder war deutlich jünger, so daß er mit diesem nicht so viel anfangen konnte. Mit der Zeit wurde dieser jedoch schwieriger, weil er aufmuckte, während seine Schwester dies nicht tat. Beide jüngeren Geschwister wußten, daß sie gegen den älteren Bruder nicht ankommen würden, so daß er zu Beginn durchboxen konnte, was er wollte. "Es wurde nur sehr schwierig, wenn die beiden sich zusammentaten." Aber dies wußte Markus zu verhindern, indem er ein wenig intrigierte. "Die beiden haben sich tierisch oft in die Wolle gekriegt, und ich stand so daneben und hab zugeguckt."
Sein Vater "glänzte durch Abwesenheit", war stark beruflich engagiert und zudem Bürgermeister vom Dorf. Nur einmal die Woche fuhr er mit den Kindern zum Einkaufen in den Supermarkt, was Markus sehr genoß, weil er dann alles mögliche einkaufen durfte. Auch im Urlaub machten sie viel zusammen, dann war sein Vater schon präsent. Aber die Mutter, "die war auch zuhause, die war also Hausfrau und Mutter und hat sich um uns gekümmert."
Es gab noch einige Erwachsene, die er mochte, den Fußballtrainer und seine Frau, auch die Großeltern, die nebenan wohnten. "Wir sind immer rüber, wenn es ne Sendung gab, die wir nicht sehen durften bei meinen Eltern." Die Großeltern waren aber "ein bißchen komisch", sie waren Zeugen Jehovas, die vor dem Essen beteten, was Markus fremd war.
Er fühlte sich sicher und "die Welt war irgendwie in Ordnung". Das Zusammensein mit den anderen Kindern genoß er rundum, er fühlte sich "einfach wohl".
Es gab etwas ganz Spezielles, was er in diesem Zusammenhang erwähnt. Noch vor seiner Einschulung entstand zwischen ihm und einem Nachbarsjungen eine sexuelle Beziehung, die bis in die Adoleszenz anhielt. Markus übernachtete bei ihm. "Und da haben wir das irgendwie entdeckt, daß das ganz spaßig ist, miteinander rumzufummeln. Also, ohne uns da ehrlich gesagt was dabei zu denken." Sie wußten, daß dies von den Erwachsenen nicht geduldet würde, von daher machten sie es immer heimlich. Aber sie gingen sogar beim Versteckspielen in ein gemeinsames Versteck, wo sie die Zeit damit verbracht, "ganz kurz aneinander rumzufummeln". Sie waren zwar beide im Fußballverein und in derselben Schule, aber außer dieses sexuellen Kontaktes verband sie nichts Besonderes, wie Markus überhaupt keinen 'besten Freund' in jener Zeit hatte. Alles lief in der Gruppe ab, und damit war er zufrieden.
Ein Anderssein empfand Markus in keiner Weise, höchstens in Bezug auf die sexuellen Spiele mit dem Nachbarsjungen, von denen er wußte, daß die anderen so etwas nicht machten.
An homo-erotische Empfindungen vor der Pubertät erinnert sich Markus dennoch nicht. Ihm fiel weder auf, daß er bestimmte Jungen oder Männer besonders reizvoll fand, noch ordnete er den sexuellen Kontakt mit dem Freund unter 'homosexuell' ein. Sie machten das, weil sie Spaß daran hatten, nicht weil sie beide Jungen waren.
Seine Pubertät erlebte er mit seinem Nachbarn. "Das war geil. Ich hatte meinen ersten Samenerguß nicht für mich, sondern das war, als wir zusammen gespielt haben. Und das war noch vor ihm." Einige Monate später hatte auch der anderen seinen ersten Samenerguß, "und da wurde das Ganze natürlich richtig spannend! Wobei wir keine großen Sachen gemacht haben. Also, wir haben nix Anales gemacht, wir haben ein bißchen geblasen, ein bißchen geküßt und ansonsten gewichst ohne Ende. Ja, gewichst ohne Ende. Alles nach wie vor heimlich." Nur einmal erwischte sie sein Opa in der Garage, erzählte es wohl seinen Eltern, aber es wurde von denen nie angesprochen. Sexualität war zuhause tabu, in jeder Form. Seine Mutter hatte ihnen eingebleut, daß man darüber nicht spricht, "schon gar nicht als Bürgermeisterskinder."
Mit der Pubertät begannen neben den körperlichen auch sonst einige Veränderungen. Mit 12 oder 13 hatte er eine Hepatitis A und war 3 Monate im Krankenhaus, weil seine Leberwerte nicht besser wurden. Im Krankenhaus gab es einen Arzt, den fand er sehr aufregend, auch seinen zwei Jahre älteren Mitpatienten, der mit ihm auf dem Zimmer lag. "Also, den fand ich richtig erotisch, aber da lief nix."
Nach seiner Krankheit fing er nicht wieder an mit dem Fußballspielen, es reizte ihn nicht mehr so sehr. Er machte Musik, las viel "und zwar Mädchenbücher, 'Hanni und Nanni', die fand ich ganz faszinierend" und sammelte zwei bis drei Jahre lang Briefmarken, "so richtig akribisch". Später trat er einem Schwimmverein bei und machte in der Schule weiter gern beim Sport mit, die Freude am Bewegen war geblieben, auch wenn eine andere Gemeinschaft in den folgenden Jahren seine Aufmerksamkeit stärker fesselte. Aus dem Konfirmanden-Unterricht heraus entstand eine Jugendgruppe, die vom jungen Pastor gegründet wurde. "Diese Gruppe wurde dann für mich mit die wichtigste Sache von der Welt."
Zwei Jahre lang traf sich die Gruppe, Jungen und Mädchen, jede Woche zwei Stunden, angeleitet vom Pastor, und "wir haben dann so Gruppendynamik gemacht." Sie machten Übungen, in denen miteinander über sich selbst und die Beziehungen gesprochen wurde, alles in einer Form, wie es woanders nicht üblich war. Weder in der Schule noch im Elternhaus. "Das war mit ganz viel Angst und ganz viel Erwartungen verbunden, aber es war einfach auch ne tolle Erfahrung." Am Schluß der zwei Jahre machte die Gruppe ohne Leitung weiter, sie trafen sich regelmäßig und machten Freizeiten zusammen.
In der Konfirmationsgruppe hat Markus sich sehr aufgehoben gefühlt. In der Schule war es nicht so gut. "Da war ich nicht richtig drin." Er spürte nun, daß etwas anders war bei ihm. Die Mitschüler machten Sachen, die ihn wenig interessierten: Bier trinken, rauchen, in Kneipen gehen. Für Kneipen hatte Markus nichts übrig. Die Jungen fingen auch an mit ihren "Mädchen-Geschichten", es gab Knutsch-Parties "und es wurde miteinander gegangen". Die Hierarchie, in der jemand vor den Jungs stand, wurde bestimmt dadurch, mit welchem Mädchen er ging. Anfangs beteiligte sich Markus daran, aber es machte ihm "einfach keinen Spaß", er "fand da auch nix bei". Von daher hatte er mit den Jungs von der Schule wenig zu tun. Aber er empfand es als großes Privileg, in dieser Jugendgruppe sein zu können. Sie waren sein soziales Umfeld.
In der anderen Gruppe ging es um andere Dinge, Sexualität war dort eher ausgespart. Daher fühlte er sich dort auch sicherer. Die Gruppe hatte eine große Bedeutung für ihn, außerhalb von ihr hatte er zu jener Zeit keine festen Freunde oder Freundinnen. Als er vom Pastor zudem eingeladen wurde, als Co-Leiter einer späteren Gruppe teilzunehmen, machte er dies. Es war "tierisch aufregend und spannend", beschäftigte ihn wegen der Vorbereitungen aber zeitlich auch sehr.
Der Nachbarsjunge zog sich nach der Konfirmation von ihm zurück, so daß die sexuelle Beziehung beendet war. Er dachte wenig über Sexualität nach. "Diese Geschichte mit dem Nachbarsjungen hat nicht dazu geführt, daß ich in der Zeit zu der Erkenntnis kam, vielleicht bist du ja schwul. Gar nicht, nee." Er glaubt, lange Zeit nicht einmal onaniert zu haben in jener Zeit "über einige Jahre hinweg" und erinnert nur sexuelle Träume mit nächtlichem Samenerguß.
Markus schwärmte für seinen Sportlehrer, aber das waren Schwärmereien, nach seiner Erinnerung nichts Erotisches. Durch die Gruppe, in die er eingebunden war und mit der er in der Freizeit öfter zusammen war, blieb Sexualität tabuisiert. Er las die BRAVO, um sich aufzuklären, denn von seinen Eltern kam nichts in dieser Richtung. Trotz der jahrelangen sexuellen Erfahrungen war er erstaunlich uninformiert und ahnungslos. Er phantasierte sogar, eine Geschlechtskrankheit zu haben, und fuhr heimlich zum Hausarzt.
Der Kontakt zum Vater war weiterhin distanziert, zur Mutter wurde es auch distanzierter. Das hing mit der Jugendgruppe zusammen. "Das hat mir soviel gegeben, eigentlich alles, was ich so brauchte. Auch an körperlicher Nähe, wir haben da auch so Körperübungen gemacht und das war toll." Die Eltern ließen ihn, solange er in der Schule gut war, machen, was er wollte.
Markus stellte sich vor, später einmal in einer Kommune mit andern Leuten zusammen auf einem Bauernhof zu leben. Vorstellungen in Bezug auf Partnerschaften hatte er damals keine, weder zu Männern noch zu Frauen.
Mit dem Mannsein war es als Jugendlicher nicht problematisch. "Ich mußte auch kein Mann sein. Ich glaub, ich wollte ewig Jugendlicher bleiben, immer so, wie es zu der Zeit war." Seine Gruppe war etwas sehr Schönes, "etwas sehr Heiles", und er war froh, daß Menschen so miteinander umgehen konnten. Als sich in der Oberstufe die Klassen mischten, entstand zudem eine Clique, wo auch "Bier saufen oder Weiber anmachen keine Rolle spielte", sie war eher alternativ, politisch, gegen Atomkraft. Dort herrschte auch ein sehr körperlicher Umgang miteinander, auch unter den Jungen. "Wir waren einfach alternativ, ne." Das genoß er sehr. Aber noch immer war ihm nicht klar, wie seine Sexualität sich weiterentwickeln wird.
Nach dem Abitur ging er zur Bundeswehr. Das gehörte für ihn dazu, wie zur Schule zu gehen oder zu studieren. Als er angebrüllt wurde, die ganzen Uniformen sah, "strohdumme Vorgesetzte" und Schikane erlebte, war er todunglücklich. Am ersten Wochenende zuhause sprach er mit dem Pastor, daß er da weg müßte. Ihm war völlig klar, daß er dort nicht hineinpaßte, und am folgenden Montag verweigerte er. Es klappte nicht gleich, so daß er ein halbes Jahr beim Bund bleiben mußte.
An einem Wochenende in Berlin sprach ihn ein Mann an und lud ihn zu sich nach Hause ein. Sie hatten Sex miteinander. Er dachte nicht drüber nach, sondern fand es einfach aufregend. "Das Bewußtwerden, daß ich schwul bin, das war erst später."
Danach fand er heraus, wo es Treffpunkte für Homosexuelle gab, ging ab und zu in eine der Discos und hatte manchmal Sex mit einem Mann. "Aber es war alles geheim im Grunde. Es wußte niemand was von mir, meine Eltern wußten nicht, wo ich hinging, ich hab das keinem erzählt. Ich hab auch keine dauerhaften Beziehungen gehabt oder mich mit jemandem noch mal wiedergetroffen."
Er fing, nachdem seine Verweigerung durch war, an Theologie zu studieren. Zu jener Zeit gab es einen Skandal, weil ein homosexuelle Pastor sich öffentlich dazu erklärt hatte, und eine Gruppe gründete sich. Zu dieser Gruppe ging er schließlich. "Weil ich auch merkte, das, daß du mit Männern machst, das ist nicht was, was völlig losgelöst dann immer in der Anonymität am Wochenende stattfinden kann, sondern das ist eigentlich was von dir selbst." In dieser Gruppe hatte er das erste Mal mit anderen Homosexuellen zu tun, "ohne daß da Sex ne Rolle spielte." Und über diese Gruppe hatte er sein Coming Out mit 19 Jahren. "Da war für mich klar, Markus, du bist schwul. Und Frauen interessieren dich nicht."
Als erstes erzählte er es seiner Schwester, mit der er zuhause ausgezogen war. "Ich hab das dann innerhalb kürzester Zeit im Grunde allen erzählt, die ich kannte, mit denen ich irgendwas zu tun hatte. Und die ich mochte, natürlich." Seine Eltern waren die letzten, die es erfuhren.
Bald hatte Markus seinen ersten Freund. "Ja, das Coming Out, das hat mich auch tierisch gepuscht, ich hab mich tierisch wohl gefühlt und hatte auch das Gefühl, jetzt ist son Teil von dir, was über viele Jahre irgendwie auch ausgespart war, das ist jetzt eins mit dir! Das war gut, und ich hab mich sauwohl gefühlt! Sauwohl."
Zu seinen Eltern besteht heute keine allzu enge Beziehung mehr. "Das ist eine distanzierte Freundlichkeit." Sie sehen sich ab und zu, aber das Verhältnis ist nicht sehr persönlich. Da hat sich etwas verändert gegenüber der Kindheit, es "ist eine gewisse Distanz eingetreten, auch im Zusammenhang mit meinem Coming Out." Dies hatte er nicht erwartet, und er ist etwas enttäuscht darüber. Es gab nie eine richtige Auseinandersetzung, sondern sie nehmen sein Schwulsein hin, ohne viel darüber zu sprechen.
Sein Mannsein genießt er heute noch so wie damals das Jungesein. Er hat ein gutes Gefühl dabei und keine Probleme. Er treibt Sport, sofern ihm sein Beruf die Zeit dazu läßt, schwimmt oder geht zum Fitneßtraining.
Sein Freundeskreis besteht sowohl aus homosexuellen wie heterosexuellen Männern und Frauen. Markus wohnt inzwischen allein, ist aber befreundet mit einem 7 Jahre jüngeren Mann. Wichtig war ihm in den Beziehungen immer, daß da jemand war, mit dem er sein Leben teilen konnte und der an seinem Leben teil hat, der ihn besser kennt als jeder andere.
 
 

Willi (Cluster D)

Willi wurde mit 35 Jahren interviewt. Er hat einen Hauptschulabschluß. Mit seinem Freund und einem weiteren Mann wohnt er in einer Großstadt. Er wuchs zuerst auf einem Bauernhof auf, mußte nach dem Tod seines Vaters jedoch mit seinen Geschwistern in ein Kinderheim, da seine Mutter den Hof nicht allein versorgen konnte. Seine Brüder waren 1 ½ Jahre älter und ein Jahr jünger, seine Schwester 5 Jahre jünger.

Mit seiner recht ungestümen, selbstbewußten Art, sich durchzusetzen und sich auch zu wehren, repräsentiert er den Cluster recht gut. Er ist jedoch, vielleicht bedingt durch das Leben im Heim, nicht so stark Einzelgänger wie andere aus Cluster D, zumindest wird dies im Interview nicht so deutlich. Auch seine Ängstlichkeit als kleines Kind ist untypisch, in seinem Fall aber durch den brutalen Vater sehr verständlich. Aus diesen Erfahrungen resultiert vielleicht auch eine größere Hemmung, sich grundlos zu raufen oder Schwächere zu verprügeln, wie es andere Jungen dieses Clusters taten.
Seine früheste Erinnerung hat mit ihren Hamstern zu tun, welche die Kinder damals hatten. Eines Nachts waren Ratten in die Käfige eingedrungen, hatten die Hamster angegriffen und getötet. Die Hamster lagen am nächsten Tag tot in dem Raum und waren angenagt. "Dieses Bild ist mir immer noch im Gedächnis. Das finde ich ein sehr starkes Bild." Er hatte Angst damals, dachte, in der Nacht, wenn es dunkel ist, könnte auch ihm so etwas passieren.
So beschreibt er sich in der Kindheit auch sehr vielfältig. Einerseits aggressiv, kämpferisch, dominant und grob, andererseits aber auch etwas ängstlich, empfindlich und leicht verletzlich.
Letzteres hat wohl viel mit seinem Vater zu tun, zu dem er kein gutes Verhältnis hatte und der ihn oft schlug. Der schlagende Vater fällt ihm ebenfalls bald ein, wenn er sich an seine frühe Kindheit zurückerinnert. Sein älterer Bruder war nach seinem Empfinden Vater's Lieblingssohn, Willi eher der Lieblingssohn seiner Mutter. Sein Vater verschonte den älteren Bruder, schlug jedoch Willi mit allem, was er gerade in die Hand bekam. Willi meint, sein Vater habe damals seine schlechte Laune und seine Aggressionen an ihm ausgelassen.
Seine Mutter war eine starke Bezugsperson für ihn, aber auch die Geschwister. Zudem seien dauernd andere Kinder zu ihnen gekommen, "weil wir auch soviel Platz hatten und so da rumtoben konnten."
Das Spielen auf dem Bauernhof war für ihn "das Größte". Sie hatten eine Wiese rund um den Hof, und er hatte viel Spaß dabei, dort rumzutoben. "Einfach draußen zu sein, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Rumtoben, mit Freunden zusammen, mit meinen Geschwistern zusammen. Drinnen hat mich eigentlich gar nichts interessiert, weil wir immer draußen waren. Egal, ob Sommer oder Winter war." Er liebte es, morgens früh aufzustehen und zuzusehen, wenn seine Mutter die Kühe molk. Mit Tieren beschäftigte er sich sehr gern, neben den Kühen hatten sie Enten und Kaninchen. Im nahen Bach konnten sie schwimmen oder im Winter liefen sie dort Schlittschuh.
All die typischen Jungenspiele machten ihm viel Spaß: "rumkicken", alle möglichen Ballspiele, Indianerspiele. Auch mit anderen zu raufen, fand er gut. Mit Mädchenspielen konnte er hingegen sehr wenig anfangen.
Mit dem Vater gab es kaum Kommunikation, vor ihm hatte er nur Angst. Vielleicht gab es auch andere Situationen, in denen er ihn mal freundlich erlebte, aber daran kann er sich nicht erinnern. Sein Vater hatte eine Job, bei dem er viel unterwegs war - manchmal die ganze Woche -, so daß Willi ihm gut aus dem Weg gehen konnte. Urlaub gab es praktisch auch nicht, weil sein Vater dann woanders jobbte, da das Geld knapp war. Den Hof hatte das Ehepaar gepachtet und nutzte ihn als Nebenerwerbsquelle, nicht hauptberuflich.
Nach Willis Schilderung war sein Vater "wirklich ein wilder Typ. Ihn konnte im Grunde genommen gar nichts umhauen. Er war immer für mich so der Stärkste." Er war wohl auch mal als Baumfäller in Kanada gewesen und hatte dann mit 30 Jahren geheiratet.
Willis Mutter war für ihn im Gegensatz dazu "immer Beschützerin" vor seinem Vater. Aber sie konnte sich gegen ihren Mann nicht durchsetzen, hatte auch Angst vor ihm. Das Verhältnis zur Mutter beschreibt Willi als "sehr herzlich", sehr eng. "Ich liebe meine Mutter. Ich glaube, daß das normal ist". Viele Söhne hätten ein enges Verhältnis zur Mutter, während "viele Väter auch in ihre Töchter vernarrt sind". Das war für ihn nicht problematisch, sondern er hat es genossen.
Als Willi sechs war, verunglückte sein Vater tödlich, als er vom fahrenden Zug sprang, um nicht so weit laufen zu müssen. Seine Mutter mußte den Hof abgeben und arbeiten gehen, so daß sie die Kinder nicht anders versorgen konnte, als sie in ein Kinderheim zu geben. Sie selbst zog in eine nahe gelegene Wohnung, so daß sie ihre Kinder an fast jedem Wochenende besuchen konnte. Alle Kinder kamen in ein Heim, es war allerdings ein katholisches Heim, getrennt nach Mädchen und Jungen.
Die Spielmöglichkeiten wurden zwar eingeschränkter, aber das Heim hatte eine große Rasenfläche und Spielplätze, sogar eine Schwimm- und eine Sporthalle. Dort war Willi oft mit den anderen Kindern, "sonst einfach viel viel draußen gewesen". Sie zogen durch die Stadt, spielten Fußball, "alles mögliche. Man möchte raus, man will nicht mehr kontrolliert werden. Ich hatte ein großes Bedürfnis, nicht mehr unter Kontrolle zu stehen."
Seine Geschwister waren im Heim die wichtigsten Personen, wodurch sie gegenüber den anderen im Vorteil waren. Jeder im Heim sei sonst "ein bißchen ein Einzelkind und versucht, da durchzukommen", Jüngere zu unterdrücken etc. Durch ihre enge Geschwisterbeziehung konnte sie das auffangen. Er hatte aber auch andere Freunde im Heim, mit denen er gemeinsam seine Streiche trieb. "Man kann eigentlich sagen, daß ich alles mitgemacht habe, wenn irgendeine Scheiße gebaut wurde. Wenn es darum ging, Leute zu ärgern, war ich schon immer dabei."
Er machte dies nicht nur, weil es ihm Spaß machte, sondern es war eben "dieses Cliquen-Ding". Man mußte da mitmachen, oder man gehört nicht zu diese Clique. "Das ist immer, wenn man in einer Gruppe drin ist, und man möchte in dieser Gruppe drin sein, die Gruppe ist ja auch eine Art von Sicherheit." Im Auswahl-Fragebogen hatte Willi sich als 'etwas Einzelgänger' charakterisiert, im Interview zeigt sich, daß zumindest er darunter nicht verstand, sich von den anderen zurückzuziehen. Dies hätte im Heim auch recht negative Konsequenzen gehabt. Die Gruppe bot Schutz, sowohl außerhalb des Heimes als auch drinnen. Dies war gerade dann wichtig, wenn es Konflikte gab.
Willi sagt, daß er Konflikten eher aus dem Weg gegangen ist, auch wenn der Eindruck entsteht, nach den demütigenden Erfahrungen der frühen Kindheit habe er eine besondere Strategie für solche Situationen entwickelt. Wenn er jemanden nicht leiden konnte, spielte er eben mit anderen.
Da er nicht auf Streit aus war, suchte er die Konflikte nicht, ließ sich aber auch nicht "unterbuttern". Wenn er dem Konflikt nicht ausweichen konnte, "dann bin ich aggressiv geworden, dann draufhauen auf deutsch." Dann habe man sich eben durchbeißen müssen, denn es war ungeschriebenes Gesetz im Heim, daß man sonst von den anderen fertiggemacht wird.
Bei Willi mag zudem das Gefühl, 'etwas Einzelgänger' gewesen zu sein, damit zu tun gehabt zu haben, daß er zu keinem der anderen Kinder eine enge Freundschaft entwickelte. Sie spielten zusammen, aber ohne daß sich deswegen eine sehr vertraute, sehr persönliche Atmosphäre zwischen Einzelnen ergab. Das kam erst später in den Freundschaften mit Mädchen.
Sich selbst beschreibt er als damals "glücklich und zufrieden. Ich hatte meistens eine sehr gute Laune." Dafür war verantwortlich, daß immer Menschen für ihn da waren, auch gleichaltrige, und dies war ganz nach seinem Geschmack. Er fand es "schöner", ein Junge zu sein, diese Aussage kommt ganz selbstverständlich. 'Anderssein' in der Kindheit habe er überhaupt nicht empfunden.
Er erinnert aber ein erotisches Interesse an anderen Jungen, so ab zehn etwa. Seine Pubertät lag jedoch später, etwa mit 14. Das Interesse an den Jungen hat sich schon dadurch ergeben, daß sie zu mehreren in einem Zimmer schliefen. Da guckte er sich gerne andere Jungs beim Ausziehen oder beim Baden an. "Es hat mich angeregt, oder wie auch immer man jetzt sagen will."
Darüber nachgedacht hat er nicht, die "Spielchen" liefen eher wie selbstverständlich zwischen den Jungen. Es war üblich bei ihnen, sich beim Gespräch anzufassen oder "neckische Spiele" zu machen. "Ich war nicht der einzige, also, es war schon bei mehreren so. Ich habe das als ganz normal angesehen." Willi fühlte sich wohl dabei, und er geht davon aus, daß es auch den anderen so damit ging. Weniger um Geborgenheit, sondern mehr auf das Sexuelle bezogen. Die Spiele begannen vor der Pubertät, setzten sich danach aber fort.
Auch deshalb empfand er seine Pubertät nicht als großen Wandel. Sie zogen allerdings nun öfter durch die Stadt und klauten in den Kaufhäusern. "Ich wollte immer nur raus, und dann ist man in der Clique losgegangen."
Sport im Sinne von geregeltem Training machte ihm wenig Spaß. Vor dem Schulsport versuchte er sich stets zu drücken. "Sport ist für mich Training", und trainieren lassen wollte er sich nicht. Es machte ihm Spaß, auf der Straße oder dem Fußballplatz zu kicken, ein Tor wird improvisiert und los gespielt. Sport war für ihn, in Sportkleidung an irgendwelchen Wettkämpfen teilzunehmen, und das interessierte ihn überhaupt nicht. Er ging gern schwimmen, bewegte sich gern, aber eben nicht "unter Kontrolle". Willi hält sich nicht für einen guten Fußballer, war es nie, er wollte einfach Spaß am Spiel haben, nicht üben oder trainieren. Erst heute liegt ihm etwas daran, im Training dazuzulernen, sich zu verbessern, damals war ihm das egal.
Irgendwann waren auch in der Clique die Mädchen mit dabei. "Das war ganz selbstverständlich, daß man dann eine Freundin hatte." Auch Willi hatte eine Freundin aus dem Heim, es "kam einfach dazu", war "einfach ganz normal". Oben im Heim hatten sich die Kinder einen Party-Raum eingerichtet, von dem vier kleinere Räume mit Matratzen ausgelegt abgingen. In diese Räume zogen sich Jungen und Mädchen zurück. Es war viel Angabe, was die Jungen untereinander erzählten, mit welchem Mädchen sie bereits was gemacht hätten, aber "dieses Knutschen, Fummeln, Petting, diese Phase habe ich auch mitgemacht." Es war zwar auch bei den Mädchen "ein gewisser Reiz" da, zum Geschlechtsverkehr kam es jedoch bei Willi nie. Bei den Mädchen fühlte er sich stark und überlegen, er genoß "die Wärme von einer Frau", das Weiche. Mit den Jungs war Sexualität immer "sehr mackerhaft", während er bei den Mädchen "auch den Macker gespielt" hat, "aber da kam dieser Macker nicht so zurück." Die festen Freundschaften mit den Mädchen hielten jeweils ein paar Monate, dann war eine neue Freundin an der Reihe.
Nebenher lief immer auch etwas mit Jungen, was ihm sexuell mehr Spaß machte. Man gab mit den Mädchen an, doch die Sexualität mit den Jungs betrieben viele weiterhin. "Es war relativ einfach." Sie verzogen sich in irgendwelche Ecken, und wenn jemand reinkam, hatte man gute Ausreden bei der Hand.
Sie waren insgesamt eine recht große Clique von etwa 25 Kindern, die stark zusammenhielten. Zwar mochte er nicht alle gleich gern, aber es gab trotzdem einen großen Zusammenhalt. Er war einer der Größeren und war allgemein akzeptiert. "Wenn man da stark ist, kommt man gut durch, wenn man schwach ist, dann hat man große Probleme." Er war stark und hatte zu jener Zeit "eigentlich keine Angst" mehr. Zuhause fühlte er sich vom Vater unterdrückt, klein und schwach. Im Heim lernte er die Regeln schnell. "Ich habe so getan, als wenn ich stark bin." Und das funktionierte offenbar.
Wirklich enge Freundschaften mit einzelnen hatte er damals jedoch nicht. Man spielte zusammen, weil man einer Clique angehörte, man machte Sex miteinander, weil man zusammen das Zimmer teilte. Zu den Mädchen, mit denen er befreundet war, entstand schon eher ein vertrautes Verhältnis. "Ich habe viel gefühlsmäßig bekommen von den Mädchen." Er meint, dadurch, daß er keinen Geschlechtsverkehr mit ihnen wollte, hätten sie ihn vielleicht anders gesehen, und es wären recht vertraute Kontakte gewesen. Letztlich sei man im Heim dennoch eher Einzelkind als vertraute Freunde.
Sonntags sah er seine Mutter, worüber er sehr froh war. Sie kam ins Heim oder die Kinder besuchten sie in ihrer kleinen Wohnung. Die meisten anderen Kinder erhielten kaum Besuch, da es ein Waisenheim war, in dem sie untergebracht waren. Willi und seine Geschwister hatten viel Kontakt zur Mutter, telefonisch auch unter der Woche. Er erinnert keine großen Probleme mit seiner Mutter.
Als er vierzehn war, kamen sie wieder zur Mutter, die inzwischen einen neuen Partner gefunden und ein weiteres Kind geboren hatte. Der neue Partner war freundlich zu den Kindern, mit ihm hatte Willi keine Schwierigkeiten, ließ sich allerdings auch nicht viel sagen. Er empfand ihn als schwach, als "Schaumschläger. Mehr Schein als Sein." Seine im Heim erworbene Menschenkenntnis kam ihm dabei zugute. "Es ist überlebenswichtig, zu sehen, ob der andere so stark ist, wie er tut."
Er schloß die Schule ab und begann eine Ausbildung zum Kaufmann. Er hatte mit seinen 15 Jahren überhaupt keine Lust zu arbeiten, aber seine Mutter hatte ihm die Ausbildungsstelle besorgt. Weil er sich mit einem Kollegen geprügelt hatte, mußte er die Lehrstelle wechseln und die Ausbildung woanders beenden.
Auch nach dem Heim gab es keine sexuellen Kontakte zu anderen Jungen mehr, lediglich mit einem Landwirt, bei dem er zwischenzeitlich jobbte, hatte er ein paarmal Sex, weniger zum Spaß, sondern mehr wegen der Vorteile, die dies brachte. Was ihm gefiel war, daß der Landwirt ihn als Mann ansah, als vollwertiges Gegenüber, "das fand ich schon ganz geil".
Ansonsten hatte er immer Freundinnen, schlief zum ersten Mal mit einer, als er 16 war. Mit ihr war er 1½ Jahre zusammen. Als er danach nicht den Mut aufbrachte, mit ihr Schluß zu machen, verpflichtete er sich für vier Jahre bei der Bundeswehr. "Das war eine Flucht vor ihr." Doch auch in der Bundeswehrzeit hatte er nur Freundinnen, eine Zeitlang sogar zwei. Eine am Standort und eine im Heimatort fürs Wochenende.
Er sei ein Mensch, der viel im Jetzt lebe. Deshalb machte er sich keine Gedanken darüber, wie er später leben wollte. Bei der Bundeswehr war alles geregelt, er brauchte sich um nicht zu kümmern, war an verschiedenen Standorten. Es ging ihm gut, er war mit sich zufrieden, auch mit seiner Rolle als Mann. Er war Unteroffizier, bildete junge Soldaten aus, und "alles war ganz locker".
Bei der Bundeswehr hatte er eine Menge junger, attraktiver Männer um sich herum, und er merkte ungefähr mit 20, wie sehr sie ihn reizten. Er hatte einzelne homosexuelle Kontakte, auch eine längere Beziehung zu einem Mann, er ließ es einfach so laufen, da er keinen Ausweg aus seiner Lage sah. "Es war okay für mich", mal einen Freund und mal eine Freundin zu haben, denn es gab viele Frauen oder Männer, die ihn attraktiv fanden, und die Begegnungen hat er genossen.
Er kannte zwar einen homosexuellen Mann, der schon sehr selbstbewußt und offen mit seiner sexuellen Neigung umging, auch in der Bundeswehr, aber für ihn selbst kam das nicht in Frage. "Bei mir durfte es nicht bekannt werden, da ich Ausbilder war, und da kann es Probleme geben." In seinem Heimatort schränkte er sich in keiner Weise ein, aber am Standort war er vorsichtig.
Als er mit 22 die Bundeswehrzeit abschloß, "da war eigentlich für mich das Thema auch durch." Er wußte, daß er homosexuelle Beziehungen haben wollte, daß ihm diese mehr gefielen als zu Frauen. Zu seiner Mutter wollte er auf keinen Fall zurückziehen, lieber weit weg nach Berlin, wo ein Freund von ihm wohnte. Das Verhältnis zu seiner Mutter hatte sich mittlerweile entschieden verschlechtert, weil er seine homosexuellen Kontakte vor ihr verheimlichte, sie anlog oder sagte: Frag mich nicht!
Er mietete sich eine Wohnung, sein "eigenes Reich" und hatte wieder erste Kontakte zu anderen Männern. Weniger als vorher, da er ziemlich schüchtern war und das Thema 'homosexuell leben' noch nicht völlig bewältigt war. Das brauchte eine ganze Zeit.
Richtig akzeptiert hat er seine Homosexualität erst im Lauf der Jahre. Zuerst gab es einige, eher heimliche Kontakte mit zwei Männern, die er über seine Arbeit kennenlernte, und dann begann er eine Beziehung mit einem Mann, die sieben Jahre anhielt und mit dem er zusammenlebte. Erst in dieser Beziehung war endgültig klar für ihn, daß er homosexuell leben wollte.
Es war eine sehr enge Freundschaft, sein Freund war Ausländer und in vielen Dingen auf Willis Hilfe angewiesen. Er brauchte ihn und liebte ihn, beides war sehr wichtig für Willi. Und er hatte eine andere, offene Einstellung zur Sexualität. Für ihn war es ganz normal, Arm in Arm oder Hand in Hand durch die Gegend zu gehen. "Das hat mir sehr geholfen. Ich habe durch ihn eine Menge gelernt." Vorher lief alles heimlich ab, es wurde zwar gemacht, aber nicht darüber gesprochen. "Im Hinterkopf war irgendwie immer so, es ist nicht in Ordnung. Auch durch die katholische Erziehung ..."
Er konnte dann auch mit seiner Mutter und seinen Geschwistern darüber sprechen. Zuerst war "ziemlich Funkstille", aber das Verhältnis wurde nachher wieder besser. "Und es ist eigentlich intensiver als vorher." Durch die Selbstverständlichkeit seines Freundes wurde er auch in anderen Dingen offener.
Er ist heute glücklich, ein Mann zu sein. "Das ist das, was ich möchte". Jeder weiß, daß er homosexuell ist, auch am Arbeitsplatz, die Nachbarn im Hause wissen es, und seiner Mutter sagte er, falls die Leute fragen, warum Willi nicht verheiratet ist, dann sag, Willi ist homosexuell. Er trägt es nicht offensiv nach außen, verheimlicht es aber auch nicht, wenn ihn jemand fragt.
Sein Freundeskreis besteht zwar überwiegend aus homosexuellen Männern und einigen Frauen, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe heterosexueller Männer, mit denen er engeren Kontakt hat. Eine "beste Freundin" hat er nicht, eher schon zwei "beste Freunde". Er spielt Fußball und geht regelmäßig zum Fitneß-Training. "Ich lebe jetzt, der heutige Tag ist mir wichtig. Nicht, was in zehn Jahren sein wird, sondern mir ist wichtig, daß mein Freund da ist. Er gibt mir Ruhe, er gibt mir Freude am Leben. Das ist mir wichtig."
 
 

Konstantin (Cluster E)

Konstantin ist 37, als das Interview gemacht wird, und lebt mit seinem Freund zusammen in einer Großstadt, in der er auch mit einem zwei Jahre älteren Bruder bei seinen Eltern aufwuchs.

Sehr typisch für den Cluster sind seine auf wenige Tätigkeiten beschränkten Interessen, seine soziale Isolierung in der Kindheit und seine Selbst-Charakterisierung. Sehr unterschiedlich ist bei den Männern dieses Clusters, ob und wann es ihnen gelingt, besseren Kontakt zu anderen zu bekommen. Auch die sexuelle Entwicklung verläuft sehr unterschiedlich, wenngleich viele der Männer erst spät aktiv werden, selbst wenn sie ihr homosexuelles Interesse früher wahrnehmen.
Konstantin fallen drei Dinge ein, als er nach seinen frühesten Erinnerungen gefragt wird: die elterliche Wohnung "wie sie damals war", wobei er sofort anfügt, es habe "keinerlei Auffälligkeiten im Familienleben oder sonstwie" gegeben. Alles sei eher "ganz normal" gewesen. Das zweite war die Erinnerung daran, wie er einmal beim Äpfelklauen erwischt wurde und sich vor Angst losriß und versteckte, als der Polizeiwagen kam. Dann fällt ihm noch sein Bruder ein, der nach seiner Wahrnehmung bevorzugt wurde, weil er "mehr Persönlichkeit" hatte, sie würden sich "total" voneinander unterscheiden. Er sei eher der "zurückhaltende Typ, der vorsichtig rangeht."
Konstantin beschreibt sich als damals 'ängstlich', 'leicht verletzlich', 'schwächlich', 'sensibel' und 'sanft', ausgesprochen unterwürfig, sehr passiv und abhängig. Er entwirft so von sich selbst kein sehr ansprechendes Bild.
Auf seine Lieblingsspiele angesprochen, beginnt er: "Im Prinzip war ich immer ein ziemlicher Alleingänger, Einzelgänger." Er begründet sofort dieses Einzelgänger-Dasein mit der Gegend, in der seine Eltern damals wohnten. Die anderen Familien waren überwiegend sehr wohlhabend, was für Konstantin's Eltern nicht galt. Sie sparten auf ein eigenes Haus und drehten jeden Pfennig um. Die anderen Kinder konnten es sich leisten, etwa im Tennisclub zu spielen. "Und deswegen war ich also im Prinzip immer ausgeschlossen."
Sport interessierte ihn sowieso nicht, von daher war ihm das durchaus nicht unrecht. Er vermittelt den Eindruck, als Kind wenig energiegeladen oder beweglich gewesen zu sein, die anderen Kinder machten sich eher über ihn lustig, wenn er sich im Schulsport nicht drücken konnte.
Lieber hockte er drinnen im Haus oder zog allein durch die Straßen, er hat sich "mit sich selber beschäftigt". Er bastelte viel, Unmengen von Postkarten mit Zeichnungen oder Gräsern darauf, "kleine handwerkliche Arbeiten", was ihm sehr viel Spaß gemacht hat. Seine Mutter war ehrenamtlich bei der Caritas tätig, und für die alten Leute machte Konstantin Bastelarbeiten. "Teilweise waren es Auftragsarbeiten, was sie dann ganz toll fanden." Da hat er sich "son bißchen engagiert ...aber es dann auch ziemlich schnell wieder gelassen."
Sonst fällt ihm an Zeitvertreib kaum etwas ein. "Da war im Prinzip gar nichts, mehr son in der Gegend rumstreunen gewesen, weil einen Spielplatz gab's halt auch nicht." Er spielte dann eher mal in Bauruinen, "das war so der Spielplatz im Prinzip". Den nahen Wald fand er uninteressant, er suchte lieber in den Bauruinen nach liegengebliebenen Sachen. Eigentlich erinnert er sich aber kaum an Konkretes, "wie ich da die Zeit totgeschlagen hab."
Sein Alleinspielen änderte sich auch kaum, als er zur Schule kam. Schulfreunde hatte er nicht. "So am Nachmittag hatte ich niemanden, mit dem ich spielen konnte, weil die andern ihren Sportarten nachgegangen sind." Es habe auch nicht so viele Kinder in der Nachbarschaft gegeben. In der Schule hatte er keinen Kontakt, war Außenseiter, "der sich zurückgezogen hat, an der Seite stand". Er hätte auch nicht gewußt, was er mit den anderen reden oder machen könnte, ihn interessierten weder die Spiele der Jungen noch die der Mädchen.
Aber er kam sich nicht "aussätzig" vor deswegen. An Gefühle in diesem Zusammenhang erinnert er sich nicht. Ihm fällt nur eine strenge Lehrerin ein, die ihn einmal rügte, weil er einen sehr phantasievollen Schmetterling malte und sie ihm ein schlechte Note gab, weil es so etwas nicht geben könne. Da war er sehr "eingeschnappt", zeigte es aber nicht. "Ich hab grundsätzlich nie was gesagt, ich hab das alles runtergeschluckt."
Auch mit seinem Bruder spielte er gar nicht, obwohl dieser nur wenig älter war. Er betont mehrfach, wie verschieden sie seien. "Wir sind einfach zu unterschiedlich gewesen. Irgendwie wollten wir nie was miteinander zu tun haben. Er hatte halt seinen eigenen Freundeskreis."
Sein Bruder sei ein "rücksichtsloser Typ, wenn man es kraß ausdrücken möchte", er mache, was er wolle, ohne an Konsequenzen zu denken. Konstantin denke erst an die Konsequenzen, und wenn ihm eine Sache zu risikoreich erschien, dann machte er es nicht. Allerdings erschienen ihm damals sehr viele Dinge als "risikoreich", bereits der Kontakt mit anderen fiel ihm extrem schwer. Er war extrem schüchtern und blieb eher für sich, als andere anzusprechen.
So gab es kaum Kontakte zu Peers. Es gab "immer mal so ein paar Anläufe", dies habe sich aber stets wieder sehr schnell zerschlagen. Eine Erklärung dafür hat er jedoch nicht. Er vermutet eine Einflußnahme fremder Eltern, die wohl nicht gewollt hätten, daß ihre Kinder Kontakt mit einem Jungen aus einem 'armen' Elternhaus hätten. Er weiß aber auch nicht, ob es überhaupt gut gewesen wäre, wenn mehr Kontakt bestanden hätte. "Weil, ich bin mit meiner Entwicklung ganz zufrieden und von daher ich glaub nicht, daß das viel was anderes gebracht hätte."
Bei Konflikten suchte er das Weite. Nie wäre er auf die Idee gekommen, sich zu wehren oder auch nur zu versuchen, sich zu behaupten. Aber wegen der geringen Kontakte zu anderen Kindern gab es relativ selten Gelegenheiten oder Anlässe zu Streit.
Nähe bestand "grundsätzlich nur zu meiner Mutter". Diese war "aufopfernd bis zum geht nicht mehr." Morgens, bevor die Kinder in die Schule gingen, arbeitete sie im Altenheim, schickte dann die Kinder zur Schule, ging wieder arbeiten, kochte Mittagessen, machte mit den Kindern Schularbeiten. Sie nahm die Kinder in Schutz, "es gab da keine Beschimpfungen". So waren die beiden Brüder rundum versorgt, Konstantin fühlte sich bei seiner Mutter "einfach aufgehobener, verstandener eben" als beim Vater.
Dieser war Flüchtling, ging früh arbeiten, nach der Arbeit wischte er noch Staub im Wohnzimmer, das für die Kinder tabu war. Sein Vater hat niemals mit den beiden Kindern gespielt, er war höchstens mal als Aufsichtsperson dabei. Sogar im Urlaub gab es kaum etwas Gemeinsames, Es war "kein herzliches Verhältnis in dem Sinne."
Sein Bruder war "einfach da", er spielte aber keine Rolle im Leben von Konstantin, ihre Berührungspunkte waren äußerst gering. Konstantin weiß nicht, ob sein Bruder vielleicht mehr Kontakt zum Vater hatte - eventuell als Ältester -, aber er hatte doch das Gefühl, beide Eltern würden seinen Bruder bevorzugen und ihm mehr Aufmerksamkeit schenken.
Außer den Eltern gab es sonst keine weiteren erwachsenen Bezugspersonen, jedenfalls "niemand mit Bedeutung".
Auf die Frage nach einem vorherrschenden Grundgefühl während der Kindheit erinnert er zunächst "überhaupt nichts". Nach der Nennung einiger Möglichkeiten ('geborgen', 'frei', 'unabhängig', 'ängstlich', 'unglücklich') meint er: "Ängstlich glaub ich eigentlich eher nicht, es ist einfach so die Schüchternheit. Na gut, das eine resultiert son bißchen aus dem andern. Die Angst halt, andere Leute anzusprechen, die Angst, was verkehrtes zu sagen oder abgewiesen zu werden. Ansonsten eigentlich nichts weiter."
Über seine Geschlechtsrolle machte er sich nie Gedanken. "Es ist einfach so gewesen." Er war ein Junge und hatte nie Probleme damit, zumal auch hier der geringe Kontakt zu anderen Kindern dazu beigetragen haben mag, Unterschiede zwischen sich und den anderen Jungen wenig wahrzunehmen. Jedenfalls: "Ich wollt nie ein Mädchen sein, sagen wir's mal so." Auch hier fällt es ihm offenbar leichter, zu sagen, was er nicht will statt umgekehrt, was er möchte.
Er fühlte sich jedoch schon anders als andere Jungen, besser gesagt als andere Kinder. Im Vergleich mit seinem "so verschiedenen" Bruder fiel ihm auf, daß dieser im Sport bessere Noten hatte und in der Freizeit wohl auch Fußball und andere Ballspiele spielte, während Konstantin derartiges überhaupt nicht interessierte. "Nicht mal ein Funken Interesse." Von daher nahm er sich schon als anders wahr. Wegen seines Außenseiter-Daseins galt dieses Anderssein aber umfassender, der geringe Kontakt zu anderen Kindern und seine vielen 'Nicht'-Interessen waren dafür verantwortlich.
Es gab nach seiner Erinnerung bis zur Pubertät kein erotisches Interesse an Männern oder Jungen, er schiebt es darauf, daß er auf dem Gymnasium zuerst nur mit Jungen zusammen war, daß er dennoch "mehr auf die Jungen achtete". Es sei aber mehr Sympathie gewesen, nichts explizit erotisches. Allerdings erinnert er sich nicht an Aufklärung durch seine Eltern, obwohl diese behaupten, ihn aufgeklärt zu haben. Zuhause war Sexualität tabuisiert und abgelehnt, Filme mit sexuellen Inhalten wurden abgeschaltet oder durften sie nicht sehen. Sexualität habe für ihn überhaupt keine Rolle gespielt bis ungefähr zum 17.Lebensjahr, zumal sein erster Samenerguß auch erst mit 15 Jahren stattfand. Mit der Sexualität war es vorher, "als wenn's einfach nicht vorhanden wär." Es gab kein Interesse an Mädchen, "aber auch nicht unbedingt zu Jungen hin."
Beim Wechsel ins Gymnasium änderte sich noch nichts, da die gleichen Kinder in seiner Klasse waren wie bisher. Erst als Konstantin 14 Jahre alt war, zog seine Familie in ein Reihenhaus in einem anderen Stadtteil. "Und da hat sich dann wirklich so ziemlich alles geändert." Er wechselte auf ein neues Gymnasium, engagierte sich für die Schulbelange und arbeitete bei der Schülerzeitung mit. Als ob ein Durchbruch passiert war, wurde sein Kontakt zu den Mitschülern deutlich besser, so daß er sogar Klassensprecher wurde. Parallel dazu wurden seine Noten schlechter, wie er glaubt wegen seines politischen Interesses, also als Rache der Lehrer, so daß er an eine andere Schule wechseln mußte, wo die andere Art der Leute half, ein recht gutes Abitur zu machen.
Überhaupt entwickelten sich Kontakte zu männlichen und weiblichen Mitschülern, gute und intensive Kontakte, die z.T. noch heute andauern. Er beteiligte sich mehr am Unterricht, die Angst wurde weniger, die Umgangsformen wurden freier, die eigene Kreativität berücksichtigt bzw. gefordert.
Die anderen kamen auf ihn zu und haben ihn integriert. Wer neu war, wurde integriert, eingebunden in Gemeinschaft, das erleichterte es ihm, seine Schüchternheit zu überwinden. Der klassen-interne Zusammenhalt war stärker. Konstantin war darüber sehr glücklich. "Schönes neues Leben. Endlich Kontakte und .. interessant einfach." Er ist zwar "heute immer noch ein Einzelgänger in gewisser Weise, aber zumindest ein offener".
Lebensgefühl und Selbstwertgefühl veränderten sich rapide. "Es ist schon was anderes, wenn man plötzlich akzeptiert wird von andern und auch ein gewisses Feedback bekommt." Die Aktivitäten, das Mitmachen hätten viel ausgemacht. Neben diesen schulischen Tätigkeiten, dem Layout für die Schülerzeitung etc. habe er viel im Garten der Eltern gemacht. Hausaufgaben eher weniger, daher hatte er viel Freizeit, die er nutzte, um sich mit Freunden zu treffen.
Er fühlte sich von den anderen akzeptiert, keineswegs mehr als "Aussätziger oder als so ne Randerscheinung" wie früher. Sein engster Freundeskreis bestand nun aus drei Mädchen, drei Freundinnen "wo ich da irgendwie reingerutscht bin". Mit den Jungen gab es weniger Kontakte, da sein mangelndes Interesse für Sport dagegen stand. Er traf sie höchstens abends mal.
Die Beziehungen zu Eltern wurden ebenfalls offener. Sein Vater habe sich mit dem Haus beschäftigt und gewerkelt. "Es ist alles entspannter meiner Ansicht nach geworden." Das Ziel 'Hauskauf' war erreicht, das krasse Sparen war zu Ende. Der Kontakt zum Vater wurde auch näher, sie arbeiteten zusammen im Garten. "Wo man sich wieder angenähert hat." Auch mit der Mutter wurde der Kontakt "entspannter". Nicht liebevoller unbedingt, aber daß man "mehr zusammengewachsen ist".
Sein späteres Leben konnte er sich nur beruflich vorstellen. "Perspektive jetzt .. eigene Familie, Haus, Kühlschrank, Hund, Auto oder so, hab ich eigentlich nie gehabt. Gar nicht." Er fühlte sich in jener Zeit weder anders als die anderen Jungen, "durch die Vielfältigkeit waren alle irgendwie integriert", noch setzte er sich nun mehr mit seinem Mannsein auseinander. "Keine Probleme. Keine Wünsche, gar nichts. Ich hab's einfach so gegeben hingenommen, weder gut noch schlecht."
Seine ersten sexuellen Erfahrungen machte er mit Mädchen. Nach seinem ersten Kuß sagte er sich, "das kann's wohl nicht sein", auch als er mit 17 neben einem Mädchen im Bett lag, berührte ihn dies überhaupt nicht. "Wir lagen nackt nebeneinander und es ist nix passiert", es fehlte der Reiz. Kein Verlangen, aber auch kein Ekel. Eine feste Beziehung zu einem Mädchen gab es nicht. Er erinnert keine erotischen Phantasien, kann nicht einmal genau sagen, ob er damals onaniert habe. "Ich denke schon, ja. D.h., ganz konkret weiß ich es auch nicht."
Erst mit 18 oder 19 merkte er, daß ihn Männer erotisch anzogen. In einem Stadtführer fand er ein Kapitel über Homosexuelle. "Und irgendwie hat mich das einfach fasziniert, als ich das gelesen habe. Da bewegte sich irgendwas in meinem Kopf, das war eigentlich so der erste Zeitpunkt überhaupt, wo ich daran gedacht habe oder mich damit beschäftigt habe überhaupt. Also, vorher überhaupt nie." Er war fasziniert, "erotisch berührt".
Er suchte homosexuelle Kneipen auf, traute sich aber nicht hinein, lernte schließlich seinen ersten Freund mit 19, 20 über eine Kontaktanzeige kennen. Da derjenige auch noch wenig erfahren war, haben sie gemeinsam das Coming Out erlebt und blieben zwei Jahre zusammen.
Sein Umgang mit der Entdeckung war geprägt von Faszination, aber relativ wenig von Schrecken oder Angst. Er kannte es ja schon, der "Sonderling" zu sein, der Außenseiter. "Von daher hat mich das nicht gestört, vielleicht auch dieses interessante Andersartige irgendwo gereizt." Etwas mulmig war ihm schon dabei, zumal Homosexualität in jener Zeit noch deutlich verpönt gewesen sei und eine Tante öfter homosexuellenfeindliche Sprüche brachte. Daher wußte er nicht, wie er seinen Eltern darüber sprechen sollte, unterhielt sich nur mit seinem Freund darüber. Nach ein paar Wochen erzählte er dann doch auf Nachfragen seiner Mutter davon.
Inzwischen hat er ein sehr inniges Verhältnis zu beiden. Die Eltern sind pensioniert und reisen viel. Seinen Freund, mit dem er seit 5 ½ Jahren zusammen ist, haben sie ebenso gern wie er, das gesamte Verhältnis sei sehr freundschaftlich. Zu seinem Bruder ist der Kontakt jedoch völlig abgebrochen. Der habe sich einige Sachen geleistet, die ihm geschadet haben, "drum bin auch nicht böse, daß wir keinen Kontakt haben."
Er fühlt sich wohl als Mann, "sauwohl. Möchte keine Frau sein und auch so mit meinem Leben bin ich voll zufrieden. So wie ich bin, gefall ich mir halt."

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