5     Abschluß


Zum Schluß soll überprüft werden, ob die in Kap.3 benannten Forschungsfragen beantwortet werden konnten. Da kritische Fragen zur Bewertung der Ergebnisse bereits in den Schlußabschnitten der jeweiligen Kapitel behandelt wurden, sollen hier nur noch einige wesentliche methodische Probleme angesprochen werden und schließlich mögliche Konsequenzen aus der Studie benannt werden.

Im Rahmen der vorliegenden empirischen Untersuchung waren 151 homosexuelle Männer zwischen 20 und 40 Jahren mit Hilfe eines Fragebogens interviewt worden, der vorrangig dazu diente, die Männer nach ihrem Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit zu differenzieren. Insgesamt 33 Männer aus den fünf dabei entstandenen Gruppen/Clustern wurden nachfolgend mit einem leitfaden-gestützten Tiefeninterview eingehender über ihr Geschlechtsrollenverhalten, ihre soziale Einbindung und sexuelle Erfahrungen in Kindheit und Jugend befragt. Weitere Themen waren das homosexuelle Coming Out sowie Geschlechtsidentität, soziale Integration und Partnerschaftserfahrungen im Erwachsenenalter. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet, wobei der Schwerpunkt auf den 22 Interviews aus den beiden Extremgruppen lag.

Durch den direkten Vergleich zweier Gruppen konnte der Einfluß des Geschlechtsrollenverhaltens auf die psychosexuelle und psychosoziale Entwicklung untersucht werden. Die eine Gruppe bestand aus Männern, deren Verhalten in der Kindheit dem entsprach, was im westlichen Kulturkreis als typisch für einen Jungen angesehen wird (in dieser Arbeit als die 'harten Jungen' bezeichnet), die andere aus Männern, deren Verhalten in der Kindheit eher nicht 'jungentypisch' war (als die 'weichen Jungen' bezeichnet).
 

1.    Existieren wesentliche Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten prähomosexueller Jungen in der Kindheit?

Die Ergebnisse des Auswahl-Fragebogens (s. Kap.4.1) zeigten Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten der befragten Männer während ihrer Kindheit auf. Die nachfolgende Clusteranalyse isolierte mehrere Untergruppen, die sich in ihrer Geschlechtsrollenkonformität erheblich voneinander unterschieden, was sich im Spiel- und im Konfliktverhalten wie auch in der Geschlechtsidentität und Selbstwahrnehmung (s. Kap. 3.8.3) niederschlug.

Die intensive, qualitative Untersuchung zweier Untergruppen (der 'weichen' und der 'harten Jungen') im Rahmen der Tiefen-Interviews erlaubte, die großen Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten beider Gruppen ausführlich zu beschreiben:

Die rollenkonformen 'harten Jungen' bevorzugten als Kind Jungenspiele und Sport, bewegungsreich und außerhalb des häuslichen Bereichs, sie spielten überwiegend mit anderen Jungen in der Gruppe. Sie fühlten sich stark und wehrhaft, so daß sie sich körperlichen Auseinandersetzungen stellten, und sie hatten eine klare männliche Geschlechtsidentität. Ein Gefühl von 'Anderssein' war praktisch allen fremd.
In der Jugend verstärkte sich bei den 'harten Jungen' die Ausrichtung auf ein männliches Rollenbild: sportliches Training im Verein und andere 'männliche' Tätigkeiten bestimmten die Freizeit, Kontakt zu Mädchen und 'weibliche' Tätigkeiten wurden gemieden, die Identität als männlicher Jugendlicher war sicher und wurde als vorteilhaft erlebt.

Die nicht rollenkonformen 'weichen Jungen' bevorzugten als Kind geschlechtsneutrale oder Mädchenspiele, spielten häufig auch mit Mädchen oder allein, gingen sportlichem Wettkampf und erst recht körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg und fühlten sich eher schwach und hilflos. Ihre männliche Identität war von Zweifeln belastet, sie vermuteten weibliche Anteile bei sich, und sie erlebten sich fast alle in der Kindheit als 'anders'.
In der Jugend litten sie zunehmend unter dem Druck, sich sportlich betätigen zu müssen, wobei einzelne diesem Druck nachgaben, andere aber auch alternative 'männliche' Interessen entwickelten. Parallel hierzu verringerte sich ihr Interesse für 'mädchentypische' Tätigkeiten, ihre Geschlechtsidentität wurde deutlicher 'männlich'.

Die erste Forschungsfrage kann also eindeutig bejaht werden, die vorfindbaren Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten beider Cluster waren erheblich. Dabei boten die Interviewpartner beider Cluster keineswegs stromlinienförmige 'Ideal-Typen', sondern es wurden in den Schilderungen vielfältige individuelle Ausformungen des Verhaltens sichtbar, ohne daß dadurch das grundsätzliche Muster des Geschlechtsrollenverhaltens infrage gestellt wäre.

Es mag stimmen, daß mangelnde Geschlechtsrollenkonformität während der frühen Kindheit bei Jungen und spätere Homosexualität "one of the strongest developmental continuities to have emerged from prospective and retrospective study in the past 40 years in any area of human behavior research" (Blanchard 1997) ist, für einen Teil homosexueller Männer gilt dies nicht. Dies untermauert die Warnung von Corbett (1998), aus einem spezifischen kindlichen Geschlechtsrollenverhalten nicht auf die spätere sexuelle Orientierung zu schließen.

Die Vorstellung, späterer Homosexualität ginge grundsätzlich eine Kindheit als nicht rollenkonformer Junge voraus, erweist sich somit als derselbe Irrtum wie die Fehlmeinung, man könne es einem Mann oder einer Frau 'ansehen', ob er/sie homosexuell sei. Dies mag auf jene Homosexuellen zutreffen, welche dem vorherrschenden Klischee entsprechen, auf alle anderen jedoch nicht.

Mit Ausnahme von kurzen Anmerkungen und seltenen Einzelfalldarstellungen prähomosexueller Jungen "acting as a boy" (Savin-Williams 1998) in der wissenschaftlichen Literatur (Friedman 1993, Isay 1990), kann mit der vorliegenden Arbeit erstmalig ein sehr konkretes und anhand der vielen Aussagen und Gesamtdarstellungen plastisches Bild davon präsentiert werden, in welchen Punkten diese vom bisherigen wissenschaftlichen Stereotyp des rollennonkonformen 'sissy-boy' (Green 1987) abweichen.

Offen bleibt, wie umfangreich der Anteil beider Cluster in der Grundgesamtheit aller homosexuellen Männer ist, zumal mit den weiteren Untergruppen andere, vom 'wilden' bis zum 'sanften' Jungen reichende Ausprägungen von Rollenkonformität gefunden wurden(1). Für die vorliegende Untersuchung waren jedoch weniger die Verbreitung, sondern die Auswirkungen der Rollen(non)konformität auf die psychosoziale und psychosexuelle Entwicklung bedeutsam.
 
 

2.    Welche Auswirkung hat eine mögliche Geschlechtsrollen-Konformität und -Nonkonformität in der Kindheit auf die soziale Einbindung in Familie und soziales Umfeld während der Kindheit und Jugend?

Für Kindheit und Jugend zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen beiden Clustern in der sozialen Einbindung. Ob diese Unterschiede als direkte oder indirekte Auswirkungen des Geschlechtsrollenverhaltens angesehen werden können, kann dabei nicht endgültig beantwortet werden. Die Unterschiede zwischen den 'weichen' und den 'harten Jungen' sind jedoch so groß, daß dieser kontrollierte Faktor merklichen Einfluß gehabt haben dürfte.

Die rollenkonformen 'harten Jungen' waren als Kinder sozial gut bei den Jungen integriert. Kontakte zu Mädchen bestanden, blieben jedoch gering. Fast alle diese Jungen waren Teil einer Jungen-Gruppe mit regelmäßiger Interaktion, ob im Kindergarten, auf dem Schulhof oder auf der Straße. Alle 'harten Jungen' dieser Studie wuchsen (oft ausschließlich) mit Brüdern auf, zu denen meist ein guter Kontakt bestand, häufig hatten die älteren Brüder Vorbildfunktion. Zur Mutter bestand regelmäßig ein näherer Kontakt als zum Vater, zu ihm fanden die 'harten Jungen' fast nur am Wochenende oder im Urlaub näheren Kontakt. Trotzdem schildern sie die Beziehung zum Vater als eher positiv. Ihre Mütter schildern die 'harten Jungen' sachlich im Sinne einer stets anwesenden 'guten Mutter'. In der Erinnerung überwiegt ein positives Grundgefühl aus der Kindheit: sorglos, frei und zufrieden.
In der Jugend blieben die Männer dieses Clusters - vor allem über Sportvereine - gut integriert bei den männlichen Peers. Die Mannschaft oder die Jungengruppe ist weiterhin der zentrale Bezugspunkt während der Freizeit. Zu den weiblichen Peers brach der Kontakt meist ganz ab und wurde erst später in Form von festen Beziehungen wieder aufgenommen. Einzelne begannen jedoch in der Adoleszenz, sich mehr zurückzuziehen, was vermutlich mit ihrer sexuellen Orientierung zusammenhing. Bei beiden Clustern setzte in und nach der Pubertät ein Abgrenzungsprozeß von den Eltern ein, wobei die 'harten Jungen' stärker zum Vater auf Distanz gingen und im Interview mehr die Konflikte mit dem Vater betonten. Das positive Grundgefühl aus der Kindheit blieb während der Jugend erhalten, solange nicht einschneidende Veränderungen (Tod eines Elternteils, Verlust des besten Freundes) eintraten.

Die nicht rollenkonformen 'weichen Jungen' waren überwiegend Außenseiter bei den Jungen. Sie schlossen sich den Mädchen an, von denen sie teilweise gut integriert wurden, oder sie spielten allein. Viele von ihnen hatten ältere Schwestern, denen sie sich anschlossen und die sie als Vorbild sahen. Zu Brüdern - sofern sie vorhanden waren - bestand meist kein guter Kontakt. Wie die 'harten Jungen' sahen sie die Beziehung zur Mutter als näher an im Vergleich zum Vater, die Beschreibung der Mutter ist jedoch stärker emotional besetzt, teils positiv, teils extrem negativ, was auf eine engere Mutter-Sohn-Beziehung der 'weichen Jungen' hindeutet. Die Beziehung zum Vater wird überwiegend als negativ angesehen, auch wenn im Einzelfall ein positiver Kontakt erinnert wird. Ihre Kindheit beschreiben die 'weichen Jungen' mehrheitlich mit negativen Gefühlen: Angst, Schwäche und Unterlegenheitsgefühl herrschten bei vielen vor. Nur einzelne schildern sich als damals fröhlich, lebendig und glücklich.
In der Jugend blieb der Kontakt zu den anderen männlichen Jugendlichen distanziert, zu den Mädchen nahm er indes ab, so daß zunächst starke Isolation oder eine sehr kleine Zahl von Freunden die Regel war. Auch bei den 'weichen Jungen' fand in der Adoleszenz ein Abgrenzungsprozeß von den Eltern statt, sie betonen jedoch mehr Kritik an und Konflikte mit der Mutter, insbesondere bei vorher sehr engen Beziehungen. Das Lebens- und Selbstwertgefühl der 'weichen Jungen' ist auch in der frühen Adoleszenz durchweg negativ und wird nur selten durch positive Erlebnisse unterbrochen.

Auch wenn der Zusammenhang zwischen Rollenkonformität bzw. -nonkonformität und der sozialen Einbindung nicht zwingend ist, spricht doch vieles dafür, daß er recht eng ist. Bereits bei den Interviewteilen zum Rollenverhalten gaben mehrere Männer ihr jeweiliges Rollenverhalten als Grund für den guten Kontakt zu Jungen (gemeinsame Interesse, ähnliche Verhaltensweisen) oder zu Mädchen (gemeinsame Interessen, Ablehnung bestimmter 'männlicher' Verhaltensweisen) bzw. für den Rückzug zum Alleinspielen an. Auch beim Verhältnis zu Geschwistern bzw. zu den Eltern wurde auf ähnliche Weise von den Befragten ein Zusammenhang hergestellt: der gemeinsame Fußballspielbesuch mit dem Vater als seltene, aber regelmäßige Kontaktmöglichkeit für den rollenkonformen Jungen, der geringe Respekt des großen Bruders für den weichen, schwächlichen Jüngeren, das vertraulich-enge Verhältnis als 'Liebling der Mutter' aufgrund des Schutzbedürfnisses eines ängstlichen, rollennonkonformen Jungen.

Zweites zentrales Ergebnis dieser Arbeit ist damit, daß in der Kindheit soziale Ausgrenzung - insbesondere durch die gleichgeschlechtlichen Peers - und Rückzug, ein eng-emotionales Verhältnis zur Mutter und ein eher negatives zum Vater, verbunden mit einem negativen Grundgefühl im wesentlichen nur in der Gruppe der nonkonformen Jungen des Clusters B anzutreffen war. Zumindest für die Kindheit kann die Hypothese aufgestellt werden, daß nicht die (spätere) Homosexualität, sondern das jeweilige Geschlechtsrollenverhalten eine wesentliche Rolle bei Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen spielen.

Ein weiteres Ergebnis sollte noch gesondert gewürdigt werden. Einzelne der 'harten Jungen' isolierten sich von den Peers im Verlauf der Jugend, und stets ist ein Zusammenhang mit der zunehmend bewußter werdenden Homosexualität herstellbar bzw. wird dieser von Interviewpartnern hergestellt. Während also in Kindheit und früher Adoleszenz vorwiegend mangelnde Geschlechtsrollenkonformität zu Rückzug und Isolation (der 'weichen Jungen') führt, ist es nach der Pubertät die sexuelle Orientierung, welche die Isolation verstärkt (bei den 'weichen Jungen') oder erst provoziert (bei einigen 'harten Jungen').
 
 

3.    Welche Auswirkung hat eine mögliche Geschlechtsrollen-Konformität und -Nonkonformität in der Kindheit auf die psychosexuelle Entwicklung zum erwachsenen Homosexuellen? Wirkt sie sich aus auf die Wahrnehmung gleichgeschlechtlicher Empfindungen, auf homo- und heterosexuelle Kontakte und auf das Coming Out?

Auch in diesem dritten Themenbereich, der vorwiegend den Zeitraum ab der Pubertät behandelt, finden sich deutliche quantitative und qualitative Unterschiede zwischen den beiden Clustern. Obwohl deren konstituierendes Merkmal das unterschiedliche Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit ist, wäre gewiß falsch, die Unterschiede in der psychosexuellen Entwicklung monokausal erklären zu wollen - bereits die unterschiedlichen Erfahrungen mit Peer-Integration dürften den Prozeß mitbestimmen.

Von den rollenkonformen 'harten Jungen' erinnert im Interview keiner, bereits vor der Pubertät homoerotische Empfindungen oder Sehnsüchte empfunden zu haben, höchstens Bewunderung für andere Jungen, denen ein erotisches Interesse zugrunde liegen könnte. Ein erotisches Interesse an Männern oder Jungen setzte erst mit der Pubertät ein. Dafür hatten sie praktisch alle heterosexuelle Beziehungen bis hin zu langjährigen Partnerschaften oder gar in einem Fall zur Ehe. Mehrere Männer hatten - teils extensiv - sexuelle Kontakte zu anderen Jungen, die aber nicht als homosexuell angesehen und deshalb unbeschwert erlebt wurden. Bewußt homosexuelle Kontakte gibt es bei ihnen erst ab der ersten Hälfte der Zwanziger. Bis zum Alter von 22 Jahren war sich die Hälfte der 'harten Jungen' über ihre sexuelle Orientierung im Klaren, eine Kontaktaufnahme mit anderen und ein Coming Out gegenüber dem sozialen Umfeld erfolgte i.d.R. erst in der zweiten Hälfte der Zwanziger. Bei einzelnen wissen die Eltern bis heute nichts von ihrer Homosexualität.

Die nicht rollenkonformen 'weichen Jungen' erinnern teilweise aus frühen Jahren bereits ein erotisches Interesse oder konkrete sexuelle Wünsche gegenüber Jungen bzw. Männern. Spätestens in der Pubertät spüren sie alle ihre homosexuelle Orientierung. Mehrere von ihnen identifizieren sich selbst frühzeitig als homosexuell, nur in diesem Cluster gab es bei einigen Lebensentwürfe von sich als homosexuellem Mann. Heterosexuelle Empfindungen spielen nur bei zwei Männern dieses Clusters zeitweilig eine Rolle, heterosexuelle Beziehungen waren die große Ausnahme. Bewußt als homosexuell angesehene sexuelle Erlebnisse hatten die 'weichen Jungen' oft bereits in der Adoleszenz, vielfach wurde aber auf sexuelle Kontakte mit anderen Jungen verzichtet, da sie nicht unbeschwert als 'normal' angesehen werden konnten. Mehr als die Hälfte der 'weichen Jungen' wußte bis zum 18.Lebensjahr sicher, daß sie homosexuell sind. Zwar benötigten sie einige Zeit, bis sie danach erste Kontakte zu anderen Homosexuellen aufnahmen und Eltern wie auch Freunde einweihten, aber sie unternahmen diese Schritte weitaus früher und konsequenter als die 'harten Jungen'. Auch der Kontakt zur homosexuellen Szene bzw. Gruppen oder einzelnen Männern fand frühzeitig statt, bei einigen bereits mit 18 Jahren.

In dieser Frage zeigt sich ein drittes zentrales Ergebnis der vorliegenden Untersuchung: die Jungen, die sich in der Kindheit und Jugend geschlechtsrollenkonfom verhielten, mußten mehrheitlich einen längeren Weg gehen, ehe sie sich selbst als homosexuell identifizierten und sich trauten, dieses offen zu leben. Während sich die 'weichen Jungen' bereits früh als 'anders' erlebten, und damit der Schritt zu einem homosexuellen Leben in der Jugend als weniger groß erscheinen mag, mußten die 'harten Jungen' diesen Schritt heraus aus der Normalität als Jugendliche bewältigen. Wirkten die wenig rollenkonformen Jungen in Kindheit und früher Adoleszenz als soziale 'Verlierer', stehen sie in Bezug auf das Coming Out eher als 'Gewinner' da.

Ein vergleichbarer Prozeß läßt sich auch für die Geschlechtsidentität verfolgen. Das Eigenerleben der 'weichen Jungen' als nicht geschlechtsrollenkonform in der Kindheit läßt sie bereits in der Jugend Männlichkeit neu definieren und so im Erwachsenenalter ein positives Bild zum Mannsein entwickeln, während die 'harten Jungen' erst im Erwachsenenalter mit einer solchen neuen Sichtweise beginnen.

Selbstverständlich werden auch andere Faktoren in den Interviews sichtbar, die das Coming Out bei Angehörigen beider Cluster verzögert oder beschleunigt haben können: etwa das familiäre 'Klima' bezüglich Sexualität oder ein niedrigeres Alter, was mit der sich verändernden gesellschaftlichen Haltung gegenüber Homosexualität zusammenhängen dürfte. Größere familiäre und gesellschaftliche Offenheit gegenüber Sexualität allgemein und Homosexualität speziell scheint ein früheres Coming Out gegenüber sich selbst und Dritten zu erleichtern.

Aus der Zeit nach dem Coming Out gibt es weitere Ergebnisse, die mit dem Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit zusammenhängen könnten. Die 'harten Jungen' haben mit einer Ausnahme alle dauerhafte Partnerschaften, in zwei der neun Fälle noch mit ihrem ersten Partner, während es bei den 'weichen Jungen' bisher nur zwei Beziehungen gab, die länger als drei Jahre dauerten, und ein Drittel z.Zt. nicht fest befreundet ist. Ob sich hier tatsächlich Beziehungsstörungen der 'weichen Jungen' widerspiegeln, ob die 'harten Jungen' bloß versuchen, 'Normalität' zu leben und an problematischen Beziehungen festhalten, oder welche anderen Zusammenhänge mit dem kindlichen Rollenverhalten bestehen, kann mit den vorliegenden Daten nicht beantwortet werden. Weitere Forschungen zu diesem Punkt bieten sich jedoch an.

Zusammenfassend kann festgestellt werden: Die in dieser Studie festgestellten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen widersprechen der bisher recht einheitlichen Darstellung von "dem" prähomosexuellen Kind und Jugendlichen (Bell et.al. 1981, Hirschfeld 1903, Isay 1990), diese entspricht nicht der Realität der Gesamtgruppe homosexueller Männer. Was Bailey 1996 noch als Vermutung äußerte ("Perhaps there are different developmental routes to male homosexuality", S.76), kann mit Hilfe der vorliegenden Daten als bestätigt angesehen werden. In Bezug auf Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität, aber auch auf soziale Kontakte, das emotionale Grundgefühl in Kindheit und Jugend, Beziehungen zu den Eltern, hetero- und homosexuelle Erfahrungen vor dem Coming Out sowie Erleben und Bewältigung des Coming Outs existieren deutliche Unterschiede zwischen mindestens zwei Gruppen homosexueller Männer - unabhängig davon, ob Geschlechtsrollen(non)konformität an allen Auswirkungen kausal beteiligt ist oder nicht.

Es bleiben allerdings einige Fragen noch offen(2), die mit der vorliegenden Untersuchung nicht beantwortet werden können. Hieran war möglicherweise auch das methodische Vorgehen mit verantwortlich. Entgegen der von Kleining 1994 beschriebenen Vorgehensweise bei qualitativer Sozialforschung wurde die Zirkularität im Verlauf der Erhebung nicht konsequent genug beibehalten.

Statt nach Durchführung der ersten Interviews mit ihrer Auswertung zu beginnen, wurden zunächst alle Interviews der letzten Erhebungsphase abgeschlossen, ehe mit der Auswertung begonnen wurde. Viele Fragen, die unbeantwortet bleiben mußten, hätten eventuell beantwortet werden können oder es hätten zumindest besser gesicherte Vermutungen angestellt werden können, wenn bei ersten Auswertungen einige dieser Fragen sichtbar geworden wären. Wahrscheinlich hätten sich die Interview-Schwerpunkte in den weiteren Interviews verlagert. Statt zum wiederholten Male dasselbe Spielverhalten in der Kindheit detailliert abzufragen, hätte versucht werden können, etwa das Verhältnis der 'weichen Jungen' zu Mädchen und Frauen oder die sozialen Ängste der 'harten Jungen' im Zusammenhang mit ihrer Homosexualität stärker zu fokussieren. Durch die gewählte zeitliche Abfolge wurde diese Möglichkeit vergeben.

Möglicherweise hätte ein solches Vorgehen auch zu Versuchen geführt, präheterosexuelle "sissy-boys" ausfindig zu machen und zu interviewen(3). So kann lediglich vermutet werden, daß viele Erfahrungen der 'weichen Jungen' mit Ausgrenzung von den männlichen Peers, Hinwendung zu Mädchen, Probleme mit den Anforderungen als männlicher Jugendlicher ebenfalls auftreten, wenn der betreffende Junge später heterosexuell lebt. Das würde der These von Düring (1994) entsprechen, daß "nicht die vermeintlich andere Sexualität, sondern der Bruch mit der vorgeschriebenen Geschlechtsrolle" (S.200) verfolgt wird und Angst macht.

Bei der Bewertung der Ergebnisse sollte berücksichtigt werden, daß eine Repräsentativität für andere homosexuelle Männer als die an der Untersuchung beteiligten nicht das Ziel der Studie war. Es sollten keine Aussage über "die" homosexuellen Männer bzw. "das" prähomosexuelle Kind gemacht werden. Ziel war es, zwei über ihr Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit deutlich unterscheidbare Untergruppen daraufhin zu untersuchen, ob sich ihre psychosexuelle und psychosoziale Entwicklung zum homosexuellen Erwachsenen unterscheidet oder nicht, und die in den untersuchten Gruppen vorfindbaren Unterschiede zu benennen. Dieses Ziel kann als erreicht angesehen werden.

Ob die Ergebnisse der qualitativen Auswertung etwa von Cluster A als repräsentativ für andere Männer angesehen werden können, deren Verhalten in der Kindheit ebenfalls geschlechtsrollenkonform war, ist schwer zu beantworten, auch wenn die großen Gemeinsamkeiten innerhalb der Cluster dafür sprechen. Die an der Studie beteiligten Männer stellen jedoch in mancher Hinsicht nicht ein repräsentatives Abbild der Gesamtheit homosexueller Männer in der Bundesrepublik dar. Wer außerhalb der beteiligten Großstädte lebt, wer wenig Kontakt zu sozialen Treffpunkten und Gruppen hat, bekam kaum Gelegenheit, zum Befragten oder Interviewten zu werden. Der extrem hohe Anteil an Abiturienten und Studenten (nur drei Interviewpartner hatten kein Abitur) ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu berücksichtigen, wenngleich dies keinesfalls angestrebt war. Die gewählten Methoden der Auswahl machten es offenbar Männern mit niedrigerem Bildungsstand schwerer, sich zu beteiligen.

Ein weiteres grundsätzliches Problem der vorliegenden Untersuchung ist, daß alle Angaben über Kindheit und Jugend retrospektiv erhoben wurden. Selbst bei einer Begrenzung auf 20-40-jährige muß mit fehlerhaften Darstellungen gerechnet werden, die auf langfristigen Erinnerungen beruhen. Ross (1980) nennt mehrere Faktoren, welche die Retrospektion verfälschen könnten: unvollständige Erinnerungen, Verzerrung der Erinnerung aufgrund von Reflexionen des Geschehenen oder zusätzlicher Information sowie Gefälligkeitsantworten. In Bezug auf homosexuelle Männer belegte er, daß diese in ihrer Erinnerung dem gesellschaftlichen Stereotyp folgen und geschlechtsrollennonkonformes Verhalten 'erinnerten'. Bailey (1993) unterstützt diese kritische Sicht, da in seiner Studie die Mütter von lesbischen Frauen, die von der Homosexualität ihrer Tochter wußten, diese als 'männlich' einstuften.

Die 'Stereotypisierung' der eigenen Erinnerung mag zu einem leichten Bias bereits der Auswahl-Fragebogen-Ergebnisse und damit zu einer höheren Quote von 'weichen Jungen' im Sample geführt haben. Durch die Gruppenbildung verlor dieser Bias jedoch seine Bedeutung, und die sehr umfassenden Aussagen im Interview, welche eine Vielzahl von Aspekten des Geschlechtsrollenverhaltens berührten, dürften einen starken, systematischen Bias verhindert haben.

Auch in weiteren Bereichen sind systematische Effekte auf die Ergebnisse durch die retrospektive Betrachtung denkbar. Wenn die Männer des Clusters A so gut wie keine Erinnerung an homo-erotische Empfindungen vor der Pubertät hatten, aber auch im Cluster B dieser Punkt keine allzu ergiebigen Schilderungen erbrachte, sind hier Verfälschungen der Erinnerung möglich. Savin-Williams (1998), der Jugendliche interviewte, erhielt weitaus umfangreichere Aussagen über gute Erinnerungen an derartige Empfindungen. Möglicherweise hatte er aber auch Wege gefunden, dem Thema besseren Raum zu geben, als es bei dieser Arbeit geschah.

Eine Untersuchung, die ihre Ergebnisse auf retrospektiven Aussagen stützt, muß mit diesen Einschränkungen leben. Die starken Übereinstimmungen innerhalb der Cluster im Grundsätzlichen bei deutlicher Varianz im Detail sowie die mit neun und dreizehn Interviewpartnern zudem recht umfassende Erhebung innerhalb der beiden Cluster A und B sprechen jedoch dafür, daß die grundsätzlichen Aussagen gut abgesichert sein dürften und damit einen brauchbaren Boden sowohl für weitere Forschungen wie auch gesellschaftspolitische Konsequenzen darstellen. Dabei bleibt unbenommen, Details der Ergebnisse mit Vorsicht und durchaus gesunder Skepsis zu betrachten.

Welche Konsequenzen sollten aus den wesentlichen Ergebnissen dieser Untersuchung gezogen werden? Es darf zum Beispiel nicht ohne Folgen bleiben, wenn sichtbar geworden ist, daß der sportliche, aktive, gut integrierte Junge, der Fußball spielt, sich später ebenso zum homosexuellen Mann entwickeln kann wie der unsportliche, sanfte Einzelgänger, der lieber mit den Mädchen spielt. Hilfsangebote dürfen sich nicht nur an einen Teil prähomosexueller Kinder bzw. Jugendlicher richten.

Das bedeutet Schutz für den nicht rollenkonformen Jungen vor Ausgrenzung und Diskriminierung, aber gleichermaßen Hilfestellung für den scheinbar 'normalen' Jungen, für den seine sexuellen Empfindungen nicht mit dem populären Bild vom Homosexuellen übereinstimmen. Das hieße auch, Homosexuelle in der Öffentlichkeit nicht nur eindimensional darzustellen, sondern in allen vorhandenen Facetten, bei denen einige dazu geeignet sein können, dem rollenkonformen Jungen als Identifikationsobjekt zu dienen. Diese Forderung richtet sich gleichermaßen an die Sozialisationsinstanzen wie auch die Medien und nicht zuletzt die Homosexuellen-Organisationen, die bislang immer noch wesentliche Teile der Hilfsangebote gestalten und bieten (müssen - mangels anderer Angebote).

Hilfestellung für den rollenkonformen prähomosexuellen Jungen erscheint speziell im Sport dringend nötig, wenn man die Diskriminierung von Homosexualität insbesondere im Leistungssport betrachtet. Hamm (1996b) stellt Ergebnisse einer Dissertation vor(4), welche auch dieses Thema behandelte: 45% aller befragten Leistungssportler lehnen männliche Homosexualität ab. Am tolerantesten sind Ausdauersportler (Radsport, Ruderer), dann Individualsportler (Turner, Schwimmer) und erst dann Mannschaftssportler (Fußball, Volleyball). Am intolerantesten sind Kampfsportler. Hier wird ein großes Maß an Aufklärungsarbeit notwendig sein, wie es bereits von den homosexuellen Sportvereinen begonnen wurde.

Umgekehrt ist es eine wichtige Aufgabe, den nicht rollenkonformen Jungen Schutz und Hilfestellung zu gewähren. 'Umerziehung' der Eltern, wie sie Isay (1990) fordert, mehr Schutz an den Schulen (Rofes 1994) oder gegebenenfalls spezielle Schulen als Schonraum (Uribe 1994) könnten dazu beitragen, diesen Jungen Ängste und Unterlegenheitsgefühle zu nehmen, von denen die 'weichen Jungen' in Kindheit und Jugend geplagt wurden. Denn auch dies ist ein wichtiges Ergebnis der vorliegenden Arbeit: die meisten dieser Jungen blicken keineswegs auf eine 'schöne Kindheit' zurück. Sie ist häufig eine Zeit von Minderwertigkeitsgefühlen, Isolation und Identitätskonflikten.

Für einen Wechsel müßte jedoch unsere Gesellschaft aufhören, 'weibliche' Eigenschaften bei Jungen und Männern zu diskriminieren und damit prinzipiell eine Minderwertigkeit von Frauen auszudrücken. Dies würde auch präheterosexuellen Jungen nützen, die 'weibliche' Eigenschaften leichter in ihre Persönlichkeit integrieren könnten, ohne Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung zu werden.



Fußnoten für Kap. 5

1. Savin-Williams (1998) hatte in seiner Untersuchungsgruppe ca. 10% Männer, die in der Kindheit "in appearance, behavior, and interests - nearly indistinguishable from their childhood masculine heterosexual peers" gewesen seien.

2. Diese wurden jeweils im Schlußabschnitt der Ergebniskapitel aufgeführt

3. Als Beispiel mag ein später heterosexueller Junge aus der Studie von Green (1987) dienen. Die Eltern berichteten bei der Vorstellung, ihr Sohn spiele lieber mit Mädchen und nicht gern mit Jungen, spiele mit Puppen und der Puppenküche, ziehe gern Mädchenkleider an, möchte Makeup auflegen, übernehme die Mutter-Rolle bei Vater/Mutter/Kind-Spielen. Ein anderes Beispiel findet sich in einem Leserbrief in 'Die Kinderforschung' (1904) als Reaktion auf den Abdruck von Hirschfeld's Ausführungen über 'Das urnische Kind'. Der heterosexueller Mann berichtete, daß er als Kind viele nicht-rollenkonforme Eigenschaften hatte: er beschrieb sich als damals weich und 'mädchenhaft', auch spielte er bei Aufführungen gern Mädchenrollen.

4. Steimel, Christian: Die Bedeutung der Sexualität im Leistungssport, Ergebnisse einer repräsentativen Befragung, unveröff. Diss., Bochum, 1996
 
 

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