Prähomosexuelle Kindheiten

Eine empirische Untersuchung über Geschlechtsrollenkonformität und -nonkonformität
bei homosexuellen Männern

Thomas Grossmann

1. Übersicht und Einleitung
2. Psychosoziale und sexuelle Entwicklung zum homosexuellen Mann
3. Fragestellung und Methodik
4. Eine Typologie prähomosexueller Jungen: Ergebnisse der Fragebogenumfrage
5. Die Entwicklung 'harter' und 'weicher' prähomosexueller Jungen: Ergebnisse der Interviewumfrage

6. Resümee
Literaturangaben

Nachdruck aus: Zeitschrift für Sexualforschung 15/2002, S.98-119 © Copyright Georg Thieme Verlag Stuttgart New York. Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text und alle Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne schriftliche Genehmigung des Autors ist unzulässig und strafbar.

 

Übersicht: Im ersten Teil seiner Studie untersucht der Autor, wie 151 homosexuelle Männer zwischen 20 und 40 Jahren ihr Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit beschreiben. Dazu verwendet er Skalen/Items, die sich als trennscharf für die Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen bzw. homo- und heterosexu ellen Männern erwiesen haben. Clusteranalytisch findet er fünf Typen "prähomosexueller Kindheiten", drei eher jungentypische und zwei eher jungenuntypische. Die im Hinblick auf das Geschlechtsrollenverhalten extremen Typen bilden die "weichen Jungen", die dem auch in der wissenschaftlichen Literatur oft kolpor tierten Bild des "mädchenhaften" Jungen entsprechen und die etwa ein Drittel der Stichprobe umfassen, sowie die "harten Jungen", die dem traditionellen Geschlechtsrollenbild entsprechen. Im zweiten Teil stellt der Autor die Ergebnisse von 22 qualitativen Interviews mit 13 ehemals "weichen" und 9 ehemals "harten" Jungen dar und beschreibt bis in das Erwachsenenalter hineinreichende Unterschiede zwischen beiden Gruppen. So identifizieren sich "weiche" Jungen früher als "homosexuell", sind früher gleichgeschlechtlich aktiv und erleben weniger Konflikte in der Coming-out-Phase. "Harten" Jungen fällt es schwerer, sich aus der heterosexuellen Peergroup zu lösen und sich konfliktfrei als "homosexuell" zu definieren.


Schlüsselwörter: Geschlechtsidentität; Geschlechtsrollenverhalten; homosexuelle Entwicklung; männliche Homosexualität

Das Geschlecht und ein ihm zugeordnetes Verhalten sind grundlegende Kategorien des westlichen Denkens auch am Beginn des 21. Jahrhunderts. Über somatische Unterschiede hinaus werden mit dem Geschlecht eine Vielzahl von charakterlichen Eigenschaften verknüpft, welche vor allem Männern bzw. vor allem Frauen zugeschrieben werden. Abweichungen von der vorgeschriebenen Geschlechtsrolle treffen nicht selten auf Irritation und Ablehnung mit der Folge sozialer Ausgrenzung.
Seit Homosexualität zum Thema für die Wissenschaften wurde, wird sie vor dem Hintergrund der Norm "Heterosexualität" meist zusammen gedacht mit einem Abweichen von der je weiligen Geschlechtsrolle (vgl. u.a. Simon und Gagnon 1970; Oudshoorn 1995). Homosexuelle Männer werden definiert als "a man who is not a man" (Bech 1997: 134). Diese Sicht der gleich geschlechtlich orientierten Liebe und Sexualität wurde sowohl von Homosexuellen selbst vertreten als auch von jenen, die sie beforschten. Parallel zur Konstruktion zweier vollkommen unterschiedlicher Geschlechter wurden zwei "Menschenclassen" (Ulrichs 1864/1994) konstruiert: jene, die das eigene, und jene, die das andere Geschlecht lieben.

An diesem Punkt setzt die vorliegende Studie an: Wie eng ist die Verflechtung zwischen sexueller Orientierung und Geschlecht? Ist das prähomosexuelle Kind tatsächlich vor allem durch feminine Eigenschaften und Interessen oder doch wenigstens durch Unmännlichkeit (Friedman 1993) charakterisiert? Wie könnte eine Entwicklung zum homosexuellen Mann ohne die zum integralen Bestandteil erklärte "Weiblichkeit" aussehen?