2. Zur psychosozialen und sexuellen Entwicklung homosexueller Männer

Darstellungen von Wissenschaftlern wie auch "Privattheoretikern" (Dannecker 1997) durchzieht, wie gesagt, von Beginn an der Gedanke einer innigen Verbindung von sexueller Orientierung und gegengeschlechtlichem Rollenverhalten. Die Wissenschaft entdeckt den "weibischen" Homosexuellen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, parallel hierzu erscheinen erste Publikationen von "Betroffenen" (vgl. Oosterhuis 2000).

Vom Gerichtsmediziner Johann Ludwig Casper wird Homosexualität 1852 erstmals als Folge einer konstitutionellen Veranlagung betrachtet (vgl. Müller 1993: 30), welche bei den von ihm begutachteten Personen mit einem auffällig "weibischen Äußeren" einhergehe. Einige Jahre später veröffentlicht der homosexuelle Karl Heinrich Ulrichs (1864­1879) ­ zunächst unter Pseudonym ­ mehrere Schriften über Homosexualität, in denen er den Begriff "Drittes Geschlecht" für die Homosexuellen übernimmt und erklärt, bei männlichen Homosexuellen finde sich ein "weiblicher Geschlechtstrieb", er sei "nicht Mann, sondern ein Wesen weiblicher Art" (Ulrichs 1864/1994: 4 f).

Der Psychiater Westphal (1869) entzieht die Homosexualität endgültig dem Zuständigkeitsbereich von Kirche und Justiz, sie wird in eine Krankheitserscheinung um-"codiert" (Hegener 1993). Gleichzeitig etabliert er ­ unter Berufung auf Casper und Ulrichs ­ die Verbindung von Geschlecht und Homosexualität in der psychiatrischen Literatur (Hutter 1993).(1) In den folgenden Jahren wird unter anderen von Krafft-Ebing (1886) und Hirschfeld (vor allem 1903) ein Bild von "typischen" Verhaltensweisen und Charakterzügen homosexueller Erwachsener sowie prähomosexueller Kinder und Jugendlicher beschrieben, welches bis heute weithin anerkannt ist: "Jeder Homosexuelle erinnert sich, dass er anders geartet war, als die gewöhnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache, wenn auch nicht die Ursache, schon während der Schulzeit klar. Weniger von ihm selbst, umsomehr aber von den Angehörigen und Fernstehenden wird in dieser Eigenart das Mädchenhafte erkannt" (Hirschfeld 1903: 48). Ihm seien "wilde Knabenspiele zuwider", er würde den Ball "wie ein Mädchen" werfen und die Gesellschaft der Mädchen suchen. In einem zitierten Beispiel bevorzugt das Kind "zu nähen, zu stricken, beim Kochen und Backen zu helfen" (ebd.: 49). Unsicherheit, Verträumtheit, rege Phantasie und eine Vorliebe für schöngeistige Fächer bei geringer Befähigung für Mathematik würden das Kind zudem auszeichnen.

Empirische Studien nach dem Zweiten Weltkrieg über Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität in der Kindheit homosexueller Männer ergänzen dieses Bild mit harten Daten (u.a. Bieber et al. 1962; Freund 1965; Saghir und Robins 1973; Freund et al. 1974; Zuger 1976, 1978, 1988; Whitam 1977, 1980, 1984; Bell et al. 1981, Blanchard et al. 1983; Freund und Blanchard 1983; Harry 1983; Green 1985, 1987; Hockenberry und Billingham 1987; Phillips und Over 1992; Savin-Williams 1998). Whitam (1977) formuliert als "childhood indicators of adult homosexuality": Interesse für Puppen, Cross-dressing, Bevorzugung von weiblichen Spielgefährten, Bevorzugung der Gesellschaft von älteren Frauen gegenüber der von älteren Männern, von anderen Jungen als "sissy"(2) bezeichnet werden und sexuelles Interesse eher an Jungen als an Mädchen im kindlichen sexuellen Spiel. Den in einzelnen Untersuchungen (Bell et al. 1981; Phillips und Over 1992; Savin-Williams 1998) gefundenen 10% bis 30% homosexueller Männer, deren Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit nicht vom "jungentypischen" abweicht ("masculine in appearence, behavior and interests"; Savin-Williams 1998: 41), wird nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Das unmännliche Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit erhält aufgrund der empirischen Untermauerung den Rang eines Prädikators der späteren Homosexualität (Dannecker 1996; vgl. hierzu auch Blanchard 1997 sowie Bailey und Zucker 1995).

Neben dem Rollenverhalten sind es die sozialen Beziehungen, die den späteren homosexuellen vom präheterosexuellen Jungen in den Forschungsergebnissen unterscheiden: Neben psychoanalytisch geprägten Vorstellungen über starke Bindungen an die Mutter (Freud 1905) bei schwachem oder abwesendem Vater (Bieber et al. 1962)(3) werden gestörte Beziehungen zu den Geschwistern und zu männlichen Peers bei gleichzeitig engerem Kontakt zu weiblichen Peers (Bell et al. 1981) konstatiert. In der Sexualität wird ein frühes Interesse am männlichen Körper bzw. an männlichen Personen sowohl in quantitativen (Bell et al. 1981; Dannecker und Reiche 1974) als auch in qualitativen Studien (Silverstein 1981; Isay 1990; Savin-Williams 1998) festgestellt.(4)

Auf ein Fortdauern "jungenuntypischen" Rollenverhaltens bei zumindest einem Teil der Jugendlichen deutet eine Reihe von Untersuchungen über Gewalterfahrungen junger Homosexueller (Hunter 1992; O'Conor 1994; Pilkington und D'Augelli 1995; Savin-Williams 1994; Savin-Williams und Cohen 1996) und über Support-Gruppen für diskriminierte homosexuelle Jugendliche (Singerline 1994; Uribe 1994) hin. Auch im Hinblick auf soziale Kontakte beschreiben Bell et al. (1981) eine Kontinuität von der Kindheit zur Jugend. Erhalten bleibe bei vielen ein Gefühl des Andersseins, Einzelgängertum, ein Gefühl des sozialen Ausgeschlossenseins, sie finden oft keinen Anschluss an eine Jungen-Gruppe und haben weniger Freunde als heterosexuelle Gleichaltrige. Dannecker und Reiche (1974) beschreiben die soziale Isolation homosexueller Jugendlicher in der Zeit zwischen der Bewusstwerdung gleichgeschlechtlicher Regungen und dem "Hineingehen in die Isolation" der homosexuellen Subkultur. Sie betonen "ein nahezu absolutes Auf-sich-selbst-Beschränktsein" (ebd.: 63). Friedman (1993: 227) spricht von einer "chronischen und fortgesetzten sozialen Stresssituation".

Sexuelle Erfahrungen in der Jugend und das Coming-out sind inzwischen recht intensiv beforscht. Für den deutschen Sprachraum sind hier vor allem Dannecker und Reiche mit ihrer wegweisenden Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" (1974) zu nennen, deren Daten Dannecker (1990) und Bochow (1997 u.a.) später ergänzt haben. In den USA wird im Anschluss an die Studie von Bell et al. (1981) in einer Vielzahl empirischer Arbeiten versucht, typische Abläufe eines homosexuellen Coming-outs bei männlichen Jugendlichen zu beschreiben (zusammenfassend Herdt 1989). "First same-sex attractions" werden nach neueren Untersuchungen im Alter zwischen 10 und 12 Jahren erlebt, also zeitnah an der Pubertät, erste homosexuelle Erfahrungen werden im Alter von 13 bis 15 Jahren gemacht (Übersicht bei Savin-Williams 1998). Die Selbstidentifikation als homosexuell erfolgt nach Studien aus den 1970er Jahren durchschnittlich mit 19 bis 21 Jahren, aktuellen Studien zufolge einige Jahre früher. Auch zum Coming-out gegenüber Dritten kommt es heute früher.

Für das Erwachsenenalter finden neuere Arbeiten kaum Differenzen zwischen homo- und heterosexuellen Männern in Bezug auf Femininität (Chung und Harmon 1994), eher schon "less rigid sex-role stereotypes" (Mallen 1983), d.h. ein breiteres Verhaltensspektrum, welches männliche und weibliche Verhaltensweisen integriert.(5) Die soziale Einbindung ­ vor allem in die homosexuelle "Community" ­ wird gemeinhin als gut beschrieben. Etwa die Hälfte homosexueller Männer lebt in einer festen Beziehung, die aber in der Regel noch nicht länger als drei Jahre andauert (Bell und Weinberg 1978; Dannecker und Reiche 1974; Dannecker 1990; Bochow 1997).(6)


1. Frühere Quellen zur Verbindung von Homosexualität und Geschlecht finden sich bei Greenberg (1988) und Katz (1976).

2. Als "sissy" werden im Amerikanischen Jungen bezeichnet, die sich "typischen" Jungenaktivitäten (prügeln, toben etc.) verweigern und Eigenschaften zeigen, welche "untypisch" für einen Jungen sein sollen (leicht verletzlich, sensibel etc.). Als "sissy" wird ein Junge von anderen Jungen tituliert, um ihn in seiner Männlichkeit abzuwerten.

3. Eine gute zusammenfassende Darstellung psychoanalytischer Theorien bietet Winiarski (1993).

4. Über 80% der Jugendlichen bei Savin-Williams (1998: 21) berichten von "same-sex attractions prior to the physical manifestations of puberty". Er meint, eine "captivation with masculinity" (ebd.: 23), ein "overwhelming desire to be in the company of males" feststellen zu können, das teilweise sexuell war.

5. Allerdings waren die Homosexuellen in Ländern, in denen eher dichotome Geschlechtsrollen vorherrschten und die in stärkerem Maße anti-homosexuell eingestellt waren, femininer (Ross 1983).

6. Bochow (1998) fand bei seinen Interviews mit homosexuellen Männern aus der Provinz einen etwas höheren Anteil fest befreundeter Männer.