3. Fragestellung und Methodik (1)

Fragestellung

Im Hauptteil dieser Studie wurden Männer interviewt, die sich selbst als homosexuell (bzw. umgangssprachlich als "schwul") bezeichneten und die sich retrospektiv als besonders "jungenhafte" bzw. als besonders "weiche" Jungen beschrieben. Im Interview wurden psychosoziale und psychosexuelle Erfahrungen in Kindheit (die Zeit bis zum Einsetzen des pubertären Reifungsprozesses) und Jugend (parallel zum Gebrauch des Begriffs Adoleszenz bei Hurrelmann [1995] wird darunter der Zeitraum bis in die ersten Jahre des dritten Lebensjahrzehnts verstanden) erhoben. Es sollte versucht werden, die Auswirkungen des Faktors "Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit" auf die weitere Entwicklung zum homosexuellen Erwachsenen zu beschreiben und damit einen ersten Schritt zur Trennung von homosexueller Orientierung und Zuordnung geschlechtstypischer bzw. -untypischer Verhaltensweisen zu erproben.


Die Auswahlstudie (Fragebogenerhebung)

Um Extremgruppen nach dem Merkmal "Geschlechtsrollenkonformität in der Kindheit" bilden zu können, wurde 1996 zunächst eine Fragebogenerhebung an 151 homosexuellen Männern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren durchgeführt. Diese Studie sollte zugleich Unterschiede im Geschlechtsrollenverhalten prähomosexueller Jungen beschreiben und eine Typologie dieses Verhaltens ermöglichen.

Der Fragebogen umfasst 21 Items bzw. Skalen. Er basiert auf den vorhandenen Skalen zur Messung des Geschlechtsrollenverhaltens (u.a. Blanchard et al. 1983; Hockenberry und Billingham 1987; Boldizar 1991; Phillips und Over 1992), die in der bisherigen Forschung entweder prähomosexuelle und präheterosexuelle Jungen oder Jungen und Mädchen signifikant trennten (vgl. Schnack und Neutzling 1990; Gilmore 1991; Schmauch 1993; Benard und Schlaffer 1995). Hinzu kamen demografische und Fragen zum Coming-out. Die Altersbegrenzung (20 bis 40 Jahre) erfolgte, um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Bezug auf Geschlechtsrollenverhalten vergleichbar zu halten.

Von 280 verteilten Fragebögen konnten 151 in das Auswahlverfahren einbezogen werden (Rücklauf: 159 = 57%, davon 8 außerhalb der Altersgrenzen). Mit Hilfe einer iterativ-partitionierenden Clusteranalyse (vgl. Moosbrugger und Frank 1992) wurden auf der Basis jener Items, welche das Geschlechtsrollenverhalten messen, fünf Cluster gebildet.


Die Interviewstudie

Für die Interviews (und die Gesamtauswertung) wurden aus der Auswahlstichprobe nach dem Merkmal "Geschlechtsrollenverhalten" Probanden zweier unterschiedlicher Cluster ausgewählt ("selektives Sampling"; Schatzman und Strauss 1973), in der Erwartung, an den extremen Ausprägungen lasse sich eine Gruppe besser studieren als an einem repräsentativen Querschnitt (Kleining 1994). So wurden zwischen November 1996 und Juni 1997 neun Männer aus dem Cluster A ("richtige" oder "harte" Jungen, s.u.) und dreizehn aus dem Cluster B ("weiche" Jungen, s.u.) interviewt.

Die leitfadenbasierten Tiefeninterviews dauerten zwischen 90 Minuten und (im Extremfall) 240 Minuten und fanden großteils in der Wohnung der Männer statt. Die thematische Struktur des Leitfadens war dreigeteilt: Kindheit, Adoleszenz inkl. Pubertät, Gegenwart. Für jeden der drei Zeiträume wurden das Geschlechtsrollenverhalten, die soziale Einbindung in Familie und Peers, Lebens- und Selbstwertgefühl und sexuelle Empfindungen bzw. Erfahrungen inkl. Partnerschaften erhoben. Der Schwerpunkt des Interviews lag auf der Zeit vor dem Erwachsenwerden. Das Interview entsprach dem von Hoffmann-Riem (1984) beschriebenen "situationsflexiblen Interview", bei dem standardisierte Fragen als Erzählanstöße fungieren. Der Leitfaden bildete eine Hilfskonstruktion zur Strukturierung der angesprochenen Themen, zur "thematischen Orientierung" (Hopf 1991), um von allen Interviewpartnern hinreichend Material zu den herausgearbeiteten Themengebieten zu erhalten. Der Leitfaden sollte zudem eine Hilfe bei der Auswertung sein. Mit Hilfe eines schriftlich zu beantwortenden Fragebogens wurden demografische Daten sowie sexuelle und Partnerschaftserfahrungen erfragt. Schließlich füllten die Befragten ein "Bem Sex Role Inventory"(2) aus.

Die Interviews wurden verschriftlicht und anschliessend mittels einer zusammenfassenden und strukturierenden Inhaltsanalyse (Mayring 1983, 1994) ausgewertet. Dabei wurden die Kategorien ­ stärker als von Mayring vorgesehen ­ im Material selbst gesucht und zudem das extrahierte Material anfänglich weit weniger gekürzt. Waren Kategorien herausgearbeitet und benannt, dann wurden ihnen für die beiden Cluster typische, explizierende Zitate zugeordnet und eine Zusammenfassung erstellt, die der Beschreibung der Cluster als "Kernaussage" vorangestellt wurde.(3)


1. Für eine ausführliche Darstellung der Methodik und der verwendeten Erhebungsinstrumente vgl. Grossmann 2000

2. In der von Schneider-Dueker und Kohler (1988) entwickelten deutschen Fassung

3. Von den Daten des Begleitfragebogens wurden lediglich jene Fragen ausgewertet, die thematisch in den Kontext der Interview-Auswertung passten, und in die Darstellung der Interview-Ergebnisse eingeflochten. Es ist geplant, diese bereits erhobenen Daten zu einem späteren Zeitpunkt auszuwerten.