4. Eine Typologie prähomosexueller Jungen: Ergebnisse der Fragebogenerhebung


Das Medianalter der 151 Männer in der Auswahlstudie beträgt 30 Jahre (arithmetisches Mittel: 30,7 Jahre). Gut 40% der befragten Männer wuchsen in einem Dorf (weniger als 5000 Einwohner) auf, 16% kommen aus einer Klein- oder Mittelstadt (5000–20000 bzw. 20000–100000), mehr als 40% lebten als Kind in einer Großstadt (über 100000). Abgesehen von vier Personen wuchsen alle Befragten als Kind bei ihren leiblichen Eltern auf, knapp 83% bei beiden, gut 14% bei einem Elternteil. Zum Zeitpunkt der Umfrage (Sommer 1996) lebte der größte Teil der Befragten (117 Personen = 77,5%) im Großraum Hamburg, wo die meisten Fragebögen verteilt worden waren. Aus Köln kamen 10, aus Frankfurt 4, Berlin 5, Hannover 2 und aus dem restlichen Bundesgebiet 13 Männer.


Mit Hilfe der Clusteranalyse wurde das Sample über die Merkmale des Geschlechtsrollenverhaltens in fünf Cluster unterteilt, die zwischen 15 und 52 Männer umfassten. Grob lässt sich das Gesamtsample zweiteilen in die Cluster A, C und D auf der einen, die alle ein mehr oder weniger für Jungen "typisches" Verhalten beschreiben, und die beiden Cluster B und E auf der anderen Seite, welche eher ein für einen Jungen "untypisches" Verhalten beschreiben. Diese zwei Obergruppen waren etwa gleich groß (76 vs. 75 Männer). Die Cluster oder Typen prähomosexueller Jungen lassen sich wie folgt beschreiben (wobei wir mit "jungen-untypischen" beginnen):


Die "weichen Jungen" (Cluster B, n = 52 oder 34% der Stichprobe). Die Männer dieses Clusters entsprechen am ehesten dem Bild vom "mädchenhaften" prähomosexuellen Jungen. Sie beschreiben sich in ihrer Kindheit als "sensibel" und "schüchtern", "leicht verletzlich", "empfindlich", "ängstlich" und charakterisieren sich hauptsächlich als "sanfter", in einigen Fällen auch als "femininer" Junge. Die Bezeichnung "sportlich" wählten nicht einmal 10%. Diese Jungen hatten überwiegend gar keinen oder nur wenig Spaß am Sport, nur ein Drittel betrieb eine Sportart im Verein, und zwar fast ausschließlich Individualsportarten. Den Teamsport mieden sie, die meisten wurden beim Sport von den anderen Jungen lächerlich gemacht bzw. als "Weichei" angesehen.
Typische Jungenspiele mochten sie sehr wenig oder gar nicht, Fußball gab keiner als Lieblingsspiel an, Raufen nur 4%. Ihre Lieblingsspielarten waren geschlechtsneutrale wie Malen oder Basteln, Musikhören bzw. -machen, Sammeln oder Lesen. Gern spielten sie auch Gummitwist oder machten Handarbeiten, ein Drittel erinnert sich daran, mit Puppen gespielt oder sich manchmal als Mädchen verkleidet zu haben. Praktisch alle gaben an, "etwas" oder "sehr viel" Spaß an typischen Mädchenspielen gehabt zu haben. Ihre Spielgefährten waren eher Mädchen, kaum jemand spielte überwiegend mit Jungen. Bei Konflikten liefen sie entweder weg oder ließen Schläge wehrlos über sich ergehen.
Drei Viertel empfanden sich bereits in der Kindheit als "anders", fast alle waren "sehr" oder "etwas" Einzelgänger.


Die "unsportlichen Außenseiter" (Cluster E, n = 24 oder 16% der Gesamtstichprobe). Mit den "weichen Jungen" teilt diese Gruppe die Abneigung gegen Jungenspiele, ohne jedoch deren Spaß an Mädchenspielen zu haben. Interesse am Sport hatten sie offenbar gar nicht, sportlich aktiv waren die meisten erst recht nicht. Ihre Spielgefährten waren – wenn sie überhaupt welche hatten – eher Jungen, bei einigen auch beide Geschlechter, aber in keinem Fall eher Mädchen. 92% von ihnen bezeichnen sich als Einzelgänger in der Kindheit.
Ihr Konfliktverhalten ist extrem ausweichend, bei ihnen ist "Weglaufen" mit 60% die häufigste Nennung, sie zeigen sich damit noch um einiges vermeidender als die "weichen Jungen". Zwar werden auch in dieser Gruppe Eigenschaften wie "sensibel", "leicht verletzlich" und "schwächlich" häufig genannt; als "ängstlich", "sanft" oder "weich" bezeichnen sie sich seltener als die "weichen Jungen". Dies und ihr Desinteresse an Mädchenspielen und Kontakten zu Mädchen lässt sie weniger "jungenuntypisch" erscheinen als die "weichen Jungen".


Die "wilden Einzelkämpfer" (Cluster D, n = 15 oder 10% der Gesamtstichprobe). Diese Männer bezeichnen sich zum großen Teil als ehemals "wilde" Jungen. Deutlich häufiger als irgendeine der anderen Gruppen geben sie an, "aggressiv" oder "grob" gewesen zu sein, aber auch "selbstbewusst", "mutig" und "draufgängerisch". An Jungenspielen hatten sie viel, an Mädchenspielen wenig Spaß. Allerdings waren es weniger die in Gruppen zu spielenden Jungenspiele wie Fußball, die es ihnen angetan hatten, sondern Individualsportarten wie Ringen und Bogenschießen. Lust am "Raufen/Balgen" hatten sie mehr als andere Gruppen. Ihr Konfliktverhalten war offener. "Ich schlug ohne Diskussion zurück" oder "Ich habe gedroht zurückzuschlagen, wenn er nicht aufhört", sagen sie häufiger als Männer der anderen Cluster. "Weglaufen" kam für keinen von ihnen in Frage. Spielgefährten dieser Jungen waren oft nur Jungen, fast die Hälfte allerdings spielte mit Jungen und Mädchen gleichermaßen oft.
In dieser Gruppe finden sich einige Jungen, welche, wären sie weiblichen Geschlechts gewesen, wahrscheinlich als "wilde Mädchen" bezeichnet worden wären. Sie repräsentieren eine Mischung aus starken maskulinen und femininen Anteilen. Mehr als die Hälfte empfand sich bereits in der Kindheit als "anders". Sie bezeichnen sich häufig als Einzelgänger, obwohl der Be griff "Einzelkämpfer" vielleicht besser trifft, das Einfügen in eine Gruppe scheint nicht ihr Wunsch oder ihre Stärke gewesen zu sein. Die Eigenwahrnehmung, "anders" zu sein, mag zur Selbstbeschreibung "Einzelgänger" beitragen. Denn die meisten verbrachten durchaus viel Zeit mit anderen Kindern, waren also in ihrer Kindheit viel weniger allein als die Männer der Cluster E und B.


Die "harten Jungen" (Cluster A, n = 16 oder 11% der Gesamtgruppe). Diese Männer waren in ihrer Kindheit sehr sportlich, sie spielten fast alle Fußball und andere Ballspiele, teilweise schon früh in einem Verein. Vorherrschend war das Spiel in der Gruppe, dem Team bzw. der Mannschaft. Ihr Interesse galt den typischen Jungenspielen, alle hatten viel Spaß daran, während nur ein kleiner Teil an typischen Mädchenspielen Gefallen fand. Ihre Spielgefährten waren überwiegend Jungen, ein kleinerer Teil gab an, etwa gleichviel mit Mädchen und Jungen gespielt zu haben. Als Eigenschaften wurden am häufigsten "kämpferisch" und "mutig", "draufgängerisch" und "kräftig", etwas seltener aber auch "sensibel" und "empfindlich" genannt. Ihr Konfliktverhalten kann beschrieben werden als standhaft bis ausweichend, sie wussten sich zu wehren, wenn der Konflikt unvermeidlich war, hielten sich aber aus unnötigen körperlichen Auseinandersetzungen heraus. Sie bezeichnen sich selbst fast alle als "normaler Junge", erlebten sich also als typisch für einen Jungen ihres Alters. Nur einer kannte aus der Zeit vor der Pubertät ein Gefühl des "Andersseins". Kaum einer konnte sich daran erinnern, bei Sport oder Spiel von Dritten jemals lächerlich gemacht oder als "Weichei" bezeichnet worden zu sein. Als Einzelgänger bezeichnete sich kaum jemand.


Die "sensiblen Sportler" (Cluster C, n = 44 oder 24% der Gesamtgruppe). Die Männer dieser Gruppe charakterisieren sich in der Kindheit zwar auch zu einem hohen Prozentsatz als "sensibel" und "schüchtern", aber auch als "sportlich". Insgesamt sieht sich die Mehrheit zu gleichen Teilen als "normaler" und als "sanfter" Junge. Sie stellen sich als sanfter und ängstlicher dar als die "harten Jungen", aber deutlich als sportlicher und selbstbewusster als die "weichen Jungen". Sie hatten viel oder doch zumindest etwas Spaß an typischen Jungenspielen, jedoch weniger am Fußball oder Raufen, sondern eher an anderen Ballspielen wie Völkerball oder Handball, an Autos oder Indianerspielen. Sehr beliebt waren auch die geschlechtsneutralen Spiele wie Lesen, Malen oder Basteln. Eher als die "normalen" Jungen aus Cluster A konnten sich die Jungen des Clusters C auch für "Mädchen-Sachen" begeistern: Gummitwist, Blumen großziehen, Mädchenbücher lesen. Ihre Spielgefährten waren meist Jungen und Mädchen gleichermaßen, bei einem Drittel aber eher Jungen. Ihr Konfliktverhalten ähnelt jenem aus Cluster A, eine Mischung aus Standhaftigkeit und Heraushalten. Dasselbe gilt für ihre Einbindung in die Peergruppe, die meisten waren keine Einzelgänger. An Gefühle des Andersseins erinnern sich jedoch deutlich mehr als bei den "harten Jungen", es ist fast die Hälfte dieser Gruppe.