5. Die Entwicklung "harter" und "weicher" prähomosexueller Jungen:
Ergebnisse der Interviewstudie

Um die Entwicklung homosexueller Männer, die jungentypisch bzw. jungenuntypische Kinder waren, zu vergleichen, wurden 9 Männer des Clusters A ("harte Jungen") und 13 des Clusters B ("weiche Jungen") interviewt.(1) Cluster B repräsentiert in geradezu perfekter Weise das bisherige Muster vom prähomosexuellen Kind, wie es im wissenschaftlichen Diskurs präsentiert wird, Cluster A das des "typischen" präheterosexuellen Jungen. Alle 22 interviewten Männer bezeichneten sich als "homosexuell", wobei sich im Cluster B einzelne Männer als "vorwiegend homosexuell" charakterisierten.

Im Folgenden werden die Männer beider Gruppen entlang der zeitlichen Struktur Kindheit ­ Jugend ­ Erwachsenenalter beschrieben, und zwar jeweils unter den Themen "Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität", "soziale Beziehungen" und "Erotik/Sexualität".



Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität in der Kindheit

Die Ergebnisse der Interviews bestätigen die Unterschiede der beiden Gruppen im Geschlechtsrollenverhalten. Da das Rollenverhalten in der Kindheit konstituierend für die Cluster war, ist dies nicht weiter verwunderlich. Deshalb sollen hier lediglich zwei Merkmale erwähnt werden, die im Interview deutlich zutage traten. Zum einen unterscheiden sich die "harten Jungen" in der Spieldynamik und den zum Spiel gewählten Orten deutlich von den "weichen Jungen". "Draußen" sein, draußen spielen ­ der Aktionsradius der Männer aus dem Cluster A war sehr weit gesteckt, jener der weichen Jungen" hingegen eher eng, meist auf die elterliche Wohnung oder den Garten begrenzt. Und während bei den einen lebhaftes Ausagieren, Erkunden, Herumtoben und spielerisches Raufen vorherrschten, bevorzugten die weichen Jungen" das ruhigere, friedfertige Spiel, sitzende Tätigkeit und behutsames Beobachten.

Zum anderen ist das Konfliktverhalten unterschiedlich. Zwar konnte sich keiner der Männer ­ weder aus Cluster A noch aus Cluster B ­ für ernsthafte Schlägereien begeistern; doch für die "harten Jungen" war es klar, dass sie sich nicht raushalten durften. Sie hielten stand und nahmen den Kampf als notwendiges Übel in Kauf. Die "weichen Jungen" hielten sich grundsätzlich heraus ­ und fühlten sich schwach deswegen. Wenn sich hingegen einer der "harten Jungen" aus ­ unnützen ­ Kämpfen heraushielt, erlebte er dies nicht als Zeichen von Schwäche.

Die Geschlechtsidentität in der Kindheit war fast ohne Ausnahme eindeutig: in beiden Clustern gab es eine klare Identität als Junge. Bemerkenswert ist, dass es kaum gelungen ist, "effeminierte" prähomosexuelle Männer im Friedmanschen Sinne unter den Interviewten zu finden. Lediglich bei einem der Männer aus dem Cluster "weiche Jungen" fand sich in der Kindheit der dauerhafte Wunsch, ein Mädchen zu sein. Die Unterschiede zwischen den beiden Clustern lagen auf einer anderen Ebene. Die Geschlechtsidentität der "weichen Jungen" war von Zweifeln belastet und selten ungebrochen. Betont wird die Last, die mit der männlichen Rolle zu tragen ist: "Ich wollte ein Junge sein, aber ich wollte nicht unbedingt das sein, wie Jungen allgemein sind." Einige Männer vermuteten weibliche Anteile bei sich. In Verbindung mit den "untypischen" Interessen entstand so bei den meisten ein Gefühl von Anderssein. Die "harten Jungen" hingegen genossen die Vorzüge, die das Junge-Sein für sie hatte. Sie akzeptierten ­ und erfüllten ­ die Erwartungen, die an sie als Jungen gestellt wurden und grenzten sich von Mädchen ab. Ihre Identität als Junge war selbstverständlich: "Mir wäre nichts anderes in den Kopf gekommen." Die Angaben der Männer aus dem Cluster "harte Jungen" entsprechen in allen vergleichbaren Items jenen der heterosexuellen Männer, die in der Studie von Bell et al. (1981) befragt wurden.(2) So ist es kein Wunder, wenn diese Männer sich als "normale" Jungen erlebten. Auffällig häufig erwähnen Männer dieses Clusters in den Interviews, alles sei "ganz normal" gewesen ­ möglicherweise in Hinweis darauf, wie wichtig ihnen in der Kindheit Normalsein" war.

 

Soziale Beziehungen in der Kindheit

Die "harten Jungen" berichten über ein sehr unspektakuläres Verhältnis zur Mutter mit einem in der Regel allmählich und ohne heftige Probleme verlaufenen Ablösungsprozess. Sie brauchten die Mutter, die sie als "gute Mutter" in Erinnerung behalten, im Hintergrund, jedoch kaum als ständiges Gegenüber. Der Vater, wenig anwesend und in seiner Bereitschaft, sich auf den Sohn einzulassen, zurückhaltend, wird im Vergleich zur Mutter als weniger nah erlebt. Und doch gab es Gemeinsamkeiten mit ihm ­ der Besuch auf dem Fußballplatz, Spiele im Urlaub ­, die positiv vermerkt werden. Vom Vater kam durchaus Anerkennung und Zuwendung. Insgesamt wird die Beziehung zu ihm, mangels allzu großer Erwartungen, als positiv eingeschätzt. Zum Bruder bestand teilweise ein enges, gutes, manchmal aber auch ein konkurrenzhaftes Verhältnis; ältere Brüder waren häufig Vorbilder. Kontakt mit anderen Jungen war diesen Interviewpartnern wichtig und fiel ihnen leicht, da sie ähnliche Interessen hatten. Sie waren häufig in Jungengruppen und gut integriert. Mit Mädchen gaben sie sich im Lauf der Jahre immer seltener ab. Ihr Grundgefühl aus der Kindheit war das einer glücklichen, unbeschwerten Zeit, wobei sie unangenehme Erfahrungen eher beiseite schieben, als sie hervorzuheben.

Die "weichen Jungen" betonen meist die größere Nähe zur Mutter als zum Vater. Bei ihr suchten sie Schutz, Geborgenheit und Anerkennung und fanden sie meist auch. Die hohen Erwartungen wurden aber nicht immer erfüllt, und so beschreiben manche Männer aus dieser Gruppe ihre Mutter kritisch und recht negativ mit hoher emotionaler Beteiligung. Gegenüber dem Vater bestand zwar eine ­ manchmal sichtlich libidinös besetzte ­ Sehnsucht, die jedoch nach ihren Abgaben nur selten mit der gewünschten Zuwendung und Aufmerksamkeit erwidert wurde. Da für den Vater Leistung und die Erfüllung rollenspezifischer Anforderungen bedeutsamer waren als für die Mutter, fehlte es auch an Anerkennung, wenn die "weichen Jungen" in typischen Jungeninteressen "versagten". Ältere Schwestern wurden gern als Vorbild angenommen; eine enge Beziehung zu ihnen war üblich, zu älteren Brüdern seltener. Der Kontakt mit gleichgeschlechtlichen Peers wurde von den "weichen Jungen" seltener gesucht, statt dessen bestand häufig ein guter Kontakt zu Mädchen oder sie zogen sich von anderen Kindern ganz zurück. Der größte Teil dieser Gruppe erinnert die Kindheit nicht sehr positiv; Angst, Ohnmachts- und Unterlegenheitsgefühle bestimmen die Erinnerung.

 

Erotik und Sexualität vor der Pubertät

Angesichts einer Reihe von Arbeiten, welche sehr ausführlich präpubertäre erotische und sexuelle Empfindungen bzw. Handlungen referieren (Silverstein 1981; Isay 1990; Savin-Williams 1998), ist das, was die 22 Männer aus beiden Clustern als Erinnerung von dieser frühen Zeit beschreiben, enttäuschend gering.

Die "harten Jungen" erinnern oft Bewunderung und Faszination für andere Jungen. Dem könnte ein erotisches Interesse zugrunde gelegen haben, und im Einzelfall wird dies auch so gedeutet: "Das war etwa mit neun oder zehn. Da gab's einen Praktikanten im Ferienlager, den fand ich schon ganz toll und erotisch. Also, das war sicherlich so ne Mischung aus Bewunderung und Erotik, die ich für ihn empfunden habe." Vielfach fällt es den Männern jedoch schwer, derartige Empfindungen zeitlich (präpubertär oder pubertär) einzuordnen, vorherrschend sind Aussagen, man könne sich nicht an vorpubertäre homosexuelle Phantasien bzw. Wünsche erinnern.

Dies korrespondiert mit den Ergebnissen der Befragung junger homosexueller Erwachsener durch Savin-Williams (1998). Dort bezeichneten jene Jugendlichen, die er als "masculine in appearance, behavior, and interests" charakterisierte, "their life before puberty as 'sexless'", "they had few memories of sexual attractions to girls, boys, or anything else" (ebd.: 41). Nur ein Mann aus Cluster A beschreibt eine frühpubertäre sexuelle Konfrontation durch einen Freund, der ihn aufforderte, seinen Penis anzufassen. Aus Angst tat er es nicht, erinnert aber gut, sich später über seine Scheu geärgert zu haben, da er den Freund sehr begehrenswert fand. (In der Fragebogenerhebung geben die Männer des Clusters A ein Alter von durchschnittlich 12,7 Jahren an, in dem sie zum ersten Mal eine erotische Anziehung durch Jungen oder Männer wahrnahmen.)

Erinnerungen an erotisch gefärbte Phantasien oder auch konkrete sexuelle Wünsche findet man hingegen häufig bei den "weichen Jungen". Einzelne erinnerten sich sehr gut an ihre Faszination für nackte männliche Körper ("Ich fand die einfach schön, einfach schön") oder für den Vater ( "wie mein Vater so mit freiem Oberkörper auf der Terrasse oder am Strand lag. Mittelgroß, schlank, blond, blauäugig, eher kräftiger Oberkörper") oder an den Wunsch nach Berührung ( "wollte immer gern anderen Jungen an den Schwanz fassen. Ich fand es auch total aufregend, ich wollte das unbedingt"). Gemeinsam ist den meisten "weichen Jungen" die Faszination für sehr "männliche", muskulöse Männer. In zwei Fällen wird allerdings auch explizit hetero-erotisches Interesse geäußert. (Nach der Fragebogenerhebung liegt das durchschnittliche Alter, in dem "weiche Jungen" das erste Mal eine homo-erotische Anziehung wahrnahmen, bei 11,5 Jahren und damit ein gutes Jahr niedriger als bei den "harten Jungen".)

 

Geschlechtsrolle, Lebensgefühl und soziale Kontakte in Jugend und Adoleszenz

Die starken Unterschiede zwischen beiden Clustern während der Kindheit verringern sich in der Jugend nur wenig. Die "harten Jungen" gingen weiter den geschlechtskonformen Weg und verstärkten ihr sportliches Engagement, indem sie fast alle in Sportvereine eintraten. Interesse an "weiblichen" Tätigkeiten gab es kaum noch, auch der freundschaftliche Kontakt zu Mädchen wurde zunächst deutlich geringer. Sie stärkten und entwickelten ihre männliche Identität, nabelten sich von ihren Eltern mehr und mehr ab ­ insbesondere vom Vater ­ und waren gut bei den Peers integriert. Bei einigen tauchte nun dennoch ein Gefühl von Anderssein auf, in der Regel verbunden mit der Wahrnehmung, dass ihre sexuellen Phantasien und Wünsche sich von dem unterschieden, was die Freunde interessierte. Bei diesen Jugendlichen finden wir einen gewissen Rückzug von der Peergruppe, und stets wird ein Zusammenhang mit der zunehmend bewusster werdenden Homosexualität von den Interviewpartnern hergestellt. Sie zogen sich ein Stück weit zurück ­ ohne jedoch dadurch zum Außenseiter zu werden.

Im Freizeitverhalten der "weichen Jungen" ist die Kontinuität ebenfalls stark, es war überwiegend geschlechtsrollenneutral und selten sportlich. Ihr Interesse an Tätigkeiten, welche weiblichem Rollenverhalten zugeschrieben werden, nahm jedoch nach der Pubertät ab. Auch als Jugendliche hatten "weiche Jungen" noch Probleme damit, sich uneingeschränkt als männlich" zu sehen, da ihnen dieses Label von der Umwelt wiederholt verweigert wurde. Eine größere Aufgeschlossenheit unter Jugendlichen und eine Neudefinition von Mannsein erleichterte aber mit der Zeit die eindeutige Annahme der eigenen Geschlechtsidentität. Einzelne "weiche Jungen" entwickelten aber auch nach der Pubertät "männliche" Interessen wie Werken, Kampfsport etc. Als "anders" erlebten sie sich dennoch fast alle, verstärkt durch das massivere Auftauchen homosexueller Sehnsüchte.

Die Abnabelung von den Eltern ­ insbesondere von der Mutter ­ fiel mehreren "weichen Jungen" schwer. Zwar berichtet keiner mehr von erotischen oder Nähe-Wünschen gegenüber dem Vater aus dieser Zeit, aber der Kontakt zu ihm scheint in der Adoleszenz eher noch distanzierter gewesen zu sein als vorher. Einige Männer dieser Gruppe schildern, dass die Mutter eine Ablösung zu verhindern suchte. Sie konnten sich nur mit mit erheblicher Anstrengung trennen, und etliche hatten die Ablösung von der Mutter bis zur Befragung noch nicht erreicht. In der Adoleszenz der "weichen Jungen" war ein starker Rückzug ­ auch von den Mädchen ­ in die Einsamkeit häufig. Nur der Kontakt zu einem oder wenigen Freunden bewahrte einen großen Teil von ihnen vor einer starken Isolation. Ihnen kam dabei der Wandel zu Hilfe, den Freundschaften bei Jugendlichen gegenüber jenen bei Kindern haben. Kindern geht es darum, gut miteinander spielen zu können. Bei Jugendlichen wird der Freund zum Gesprächspartner, mit dem man etwas zusammen unternehmen kann (vgl. Fatke und Valtin 1988). In dieser Zeit wird sogar Anderssein eine erwünschte Qualität, was für Außenseiter nützlich sein kann.

Dennoch ist die Bilanz der Männer aus Cluster B hinsichtlich des Lebens- und Selbstwertgefühls in der Adoleszenz durchweg negativ, noch negativer als in der Kindheit. Einzelne können von Lichtblicken berichten, die mit engen Freundschaften, einer guten Familienatmosphäre oder einem Wechsel im sozialen Umfeld zu tun hatten. Bei den "harten Jungen" hielt sich das positive Grundgefühl aus der Kindheit auch in der Jugend, auch dort, wo auftauchende homosexuelle Empfindungen das Konzept einer heterosexuellen Entwicklung störten. Nur wenn einschneidende Veränderungen wie der Verlust des besten Freundes, die Trennung der Eltern oder der Tod eines Elternteils eintreten, kommt es zu Belastungen und sogar zu depressiven Stimmungen.

 

Sexuelle Erfahrungen in der Jugend

Ganz unabhängig davon, ob es sich um "harte" oder "weiche Jungen" handelte: Jugendliche, die in einem sexualfreundlichen familiären Klima aufwuchsen, hatten ihr homosexuelles Coming-out zu einem früheren Zeitpunkt als jene, bei denen Sexualität zu Hause tabuiert und die Aufklärung gering war. Auch ist ein Trend erkennbar, dass die Jüngeren unter den Interviewpartnern ihr Coming-out früher hatten ­ ebenfalls unabhängig von der Cluster-Zugehörigkeit. Damit endet die Gemeinsamkeit aber bereits, und erhebliche Unterschiede im sexuellen Handeln, in der Partnerwahl und der gesamten weiteren Entwicklung zum homosexuellen Mann werden offensichtlich.

Ein besonders hervorstechender Unterschied sind heterosexuelle Kontakte in der Adoleszenz. Heterosexuelle Erfahrungen und Beziehungen in der Adoleszenz bilden ­ neben dem "jungentypischen" Interesse für Sport und Fußball ­ das deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen den "harten" und den "weichen Jungen". In beiden Bereichen folgen die "harten Jungen" der heterosexuellen Norm, während die "weichen Jungen" in eben diesen Bereichen dem "typischen" prähomosexuellen Bild entsprechen. Fast alle "harten Jungen" hatten dauerhafte Partnerschaften mit Frauen oder wenigstens einzelne "Affären" nach der Pubertät. Mit einer Ausnahme durchliefen sie nach außen hin zunächst eine für heterosexuelle Jungen übliche Annäherung an das weibliche Geschlecht, teils aus echtem erotischen Interesse, teils auf Druck der Peers hin. Das mag mit dem ­ relativ ­ späten Wahrnehmen homosexuellen Begehrens zusammenhängen.

Diese Wahrnehmung eines sexuellen Interesses an Jungen oder Männern führte nicht notwendig zum Bewusstsein, die eigene Sehnsucht sei homosexuell. Das gesellschaftliche Bild des homosexuellen Mannes scheint den "harten Jungen" diese Identifikation erschwert zu haben. Kam es in der Pubertät oder kurz danach zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen, wurden sie von "harten Jungen" als normales lustvolles Spiel unter Heterosexuellen angesehen und meist unbeschwert erlebt und genossen. Weder die Handlungen noch die Sehnsüchte wurden als "homosexuell" klassifiziert.

Die "weichen Jungen" entwickelten sich fast immer ohne einen "heterosexuellen Umweg" weitaus direkter zum homosexuellen Jugendlichen bzw. Erwachsenen. Lediglich zwei der Männer des Clusters B versuchten sich in heterosexuellen Partnerschaften ­ zudem ohne Sexualität. Die "weichen Jungen" verspürten die homosexuellen Sehnsüchte nicht nur früher, sondern identifizierten diese Empfindungen auch frühzeitig als das, was sie waren, nämlich Ausdruck ihrer sexuellen Orientierung. Es war ihnen nicht möglich, die von einigen "harten Jungen" erlebten sexuellen Spiele unter Pubertierenden als "harmlos" zu definieren. Im Gegensatz zu den "harten Jungen" mieden sie daher sexuelle Kontakte zu Jungen(3): "Es war undenkbar, zumindest für mich, irgendwie mit andern Jungs was zu machen, a) weil ich eben so'n distanziertes Verhältnis zu den Jungs hatte und b) weil all das, was für die vielleicht Spiel gewesen wäre, für mich ja absoluter Ernst war." Auch ihr erstes explizit als "homosexuell" empfundenes sexuelles Erlebnis lag in der Regel früher als bei den "harten Jungen", die diese Bedeutungszuschreibung erst im dritten Lebensjahrzehnt wagten.

Im Umgang mit homosexuellen Gefühlen und Sehnsüchten ist der Unterschied zwischen den Clustern sehr deutlich. Während Männer des Clusters B erotische Erlebnisse und ein sexuelles Interesse an Männern (oder Jungen) bereits vor der Pubertät beschreiben, erinnert nur ein einzelner Mann aus Cluster A ein "prickelndes" Gefühl mit einer "erotischen Komponente" bei einem Freund. Während die "weichen Jungen" spätestens in der Pubertät klare sexuelle Präferenzen entwickelten, gelang es manchem "harten Jungen", selbst in potenziell sexuell erregenden Situationen (gemeinsames Duschen) in den anderen Jungen nur den Sportkameraden zu sehen und nicht das Objekt seines Begehrens.

 

Coming-out als homosexueller Jugendlicher/Mann

Diese Tendenz setzt sich beim Coming-out unmissverständlich fort. Die "weichen Jungen" hatten ihr Coming-out im Durchschnitt früher, offener, radikaler und selbstbewusster als die "harten Jungen" (Tab. 1). Ein homosexueller Lebensentwurf in der Jugend, d.h. sich ein Leben als homosexueller Mann mit einem Partner vorstellen zu können, findet sich fast ausschließlich bei den "weichen Jungen", oft verknüpft mit einem Coming-out in Pubertät bzw. Adoleszenz. Heterosexuelle Lebensentwürfe sind bei beiden Gruppen auffindbar, tendenziell häufiger bei jenen, die ihr Coming-out in höherem Alter hatten oder ihre Jugend in den 60er und 70er Jahren erlebten.

Auch die weiteren Schritte des Coming-outs dauerten bei den "harten Jungen" länger. Selbst wenn sie ihre homosexuellen Empfindungen vor sich selbst nicht mehr leugnen wollten, zögerten sie doch lange mit einer Kontaktaufnahme zu anderen Homosexuellen und der Subkultur. Die "weichen Jungen" vollzogen diesen Schritt häufig zügig, nachdem sie sich ihre sexuelle Neigung eingestanden hatten. Auch der Schritt nach außen, das offene Umgehen mit der eigenen Homosexualität fiel den "harten Jungen" bedeutend schwerer als den "weichen". Bei einem Viertel der Männer aus Cluster A wissen deren Eltern und ihr heimatlicher Freundeskreis bis heute nichts über ihre Homosexualität.

 

Tabelle 1 Psychosexuelle Entwicklung im quantitativen Vergleich (arithmetische Mittel in Jahren)

Cluster A:
die "harten Jungen"
(n=16)

Cluster B:
die "weichen Jungen"
(n=52)

Alter bei der ersten Wahrnehmung homoerotischer Gefühle 12,7 11,5
Alter beim Coming-out gegenüber sich selbst 20,8 18,1
Alter beim Coming-out gegenüber dem sozialen Umfeld

­ Freunde

­ Eltern




24,5

24,11 (1)




20,0

22,52 (2)

(1) n = 12, d.h. 4 von 16 hatten sich ihren Eltern noch nicht offenbart.

(2) n = 50, d.h. 2 von 52 hatten sich ihren Eltern noch nicht offenbart.

 

Erwachsenenalter

Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf Kindheit und Jugend liegt, sollen für die Gegenwart bzw. die Zeit seit der Adoleszenz lediglich zwei Themenbereiche angesprochen werden, nämlich die Geschlechtsidentität und die soziale Integration. Viele Entwicklungen, welche sich in der Jugend andeuteten, setzten sich in den folgenden Jahren fort. Die männliche Identifikation der "weichen Jungen" festigt sich zunehmend. Erleichtert wird dies sicherlich durch die zeitgenössische Flexibilisierung der Geschlechtsrollen. Während bei den "harten Jungen" eine Kontinuität ungebrochener Männlichkeit festzustellen ist, betonen die weichen Jungen" die Diskontinuität. Mannsein hat für sie erst im Laufe des Erwachsenseins eine deutlich positive Bewertung erhalten: "Männlichkeit hat für mich nichts mehr damit zu tun, hart zu sein. Früher hatte es so viele negative Seiten für mich, das Männliche. Weil das immer das war, was ich sein musste und nicht sein konnte und nicht sein wollte, und jetzt sehe ich das ganz anders. Es ist sehr schön, so entspannt zu sein und so, und das ist aber auch männlich! Also, in dem Sinne fühle ich mich sehr männlich. Nicht in dem anderen Sinne, wie die Gesellschaft das definiert." Zwar beschreiben sich die "weichen Jungen" anhand der Geschlechtsrollenzuschreibungen des "Bem Sex Role Inventory" weiterhin etwas femininer, sie können dies jedoch gut in ihr Bild von einem Mann integrieren. Bei einzelnen ehemals "harten Jungen" finden sich umgekehrt heute "feminine" Anteile, auch sie weiten also ihr Verhaltensrepertoire aus.

Ebenfalls für beide Cluster gilt ­ bei aller Vorsicht wegen der relativ kurzen Behandlung des Themas im Interview ­ eine gute soziale Integration, wobei die weichen Jungen" auch heute noch eher Abstand zu heterosexuellen Männern halten und weniger heterosexuelle Männer als Freunde haben. Bei den "harten Jungen" findet sich eine größere Vielfalt, die von stärkerer Integration in die (frühere) heterosexuelle Umwelt bis zum völligen Rückzug in einen homosexuellen Freundeskreis reicht. Während jedoch die ehemals "weichen Jungen" früh soziale Kontakte im homosexuellen Umfeld haben, tun sich einige der harten Jungen" damit deutlich schwerer.

In Bezug auf ihre sexuelle Orientierung beschreiben sich alle Interviewten als eindeutig homosexuell. Sexuelle Beziehungen zu Frauen liegen bei den "harten Jungen" im Durchschnitt 11,4 Jahre zurück. Gegenwärtige sexuelle Kontakte bestehen ausschließlich zu Männern. Das gilt auch für die meisten "weichen Jungen". Drei Männer dieser Gruppe gaben jedoch an, dass sie in den vergangenen Jahren sexuelle Erfahrungen mit Frauen gemacht oder ein (begrenztes) heterosexuelles Begehren bei sich (wieder) entdeckt hätten, weshalb sie sich als "vorwiegend homosexuell" einstuften. Als fester Partner kam jedoch für alle nur ein Mann in Frage.

In Hinblick auf Partnerschaften werden wieder deutliche Unterschiede zwischen den "weichen" und den "harten Jungen" sichtbar. Die "harten Jungen" nehmen zwar erst spät feste homosexuelle Beziehungen auf, diese sind dann aber dauerhafter und offener gestaltet. Die "weichen Jungen" hingegen beginnen früh mit festen Partnerschaften, diese dauern jedoch selten lange, und auch spätere Freundschaften sind nur vereinzelt langlebig. Die "harten Jungen" haben zum Zeitpunkt des Interviews mit einer Ausnahme alle feste Partnerschaften, in zwei der neun Fälle noch mit ihrem ersten Partner, während nur zwei der "weichen Jungen" bisher Beziehungen hatten, die länger als drei Jahre dauerten, ein Drittel von ihnen war zur Zeit der Befragung nicht fest befreundet. Diese Unterschiede sind aufgrund der erhobenen Daten schwer zu interpretieren. Ob sich darin Beziehungsprobleme der "weichen Jungen" widerspiegeln oder ob die "harten Jungen" bloß versuchen, "Normalität" zu leben, und länger an problematischen Beziehungen festhalten, kann aus unseren Daten nicht beantwortet werden. Weitere Forschungen zu diesem Punkt bieten sich jedoch an.

 

 


1. Es wurden noch 11 weitere Männer der Cluster C, D und E interviewt, die hier nicht berücksichtigt werden (vgl. Grossmann 2000).

2. In einzelnen Fragen übertreffen sie diese eher noch im Ausmaß dessen, was als typisch für einen Jungen in den westlich orientierten Gesellschaften angesehen wird.

3. Dies entspricht ganz den Ergebnissen der Kinsey-Studie (Bell et al. 1981): Die heterosexuellen Probanden hatten häufiger als die homosexuellen ihren ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann oder Jungen.