Der Selbstmord meines Sohnes

Die Geschichte von Bill

Copyright für den Originaltext: Gabi Clayton (Bills Mutter). Alle Rechte vorbehalten.
Mit Hilfe und Inspiration durch ihren Freund Steve Schalchlin.

Copyright für die Übersetzung in deutscher Sprache: Jens Lang, 1997. Alle Rechte vorbehalten.

Coming Out

Daß er bisexuell war, erzählte uns Bill, als er 14 Jahre alt war. Er hatte Angst davor, es uns zu sagen, weil er andere Jugendliche kennengelernt hatte, deren Eltern schockiert oder in anderer ablehnender Weise auf die Offenbarung ihrer Kinder reagiert hatten. Einige Zeit vorher hatte ich ihm das Buch "Wenn der Körper sich ändert, wird das Leben anders" geliehen, und er hatte es gelesen - auch die Coming-Out Erzählungen von Schwulen und Lesben, die darin abgedruckt waren. Schließlich nahm er sich allen Mut zusammen und sagte es uns - und wir versicherten ihm, daß wir ihn weiterhin liebten und seine Gefühle akzeptierten. Er war so glücklich, wollte es gleich der ganze Welt mitteilen. Wir empfahlen ihm eine Betroffenengruppe an dem College, an dem ich kurz vorher meinen Abschluß erhalten hatte. Bill ging drei Mal zu dieser Gruppe und hörte dann schlagartig mit den Besuchen auf - er meinte, daß es ihm dort wirklich gefallen hätte, aber daß er mit sich selber im Klaren war, und die Gruppe nicht mehr brauchte.

Mein Kind, das ich kannte und liebte

Bill war eines dieser Kinder, die kurz nach Beginn der ersten Klasse total aufgeregt nach Hause kommen, weil ihnen der Lehrer erlaubt hat, in einen " besonderen Raum" zu gehen. Es stellte sich heraus, daß er hatte eine Aufgabe vorzeitig beendet hatte, und stattdessen seine Mitschüler unterhielt, indem er Tierstimmen nachmachte. Zur Strafe mußte er sich in den Kleiderraum setzen. Doch das Turnen an der Kleiderstange machte ihm so viel Spaß, daß er mich fragte, ob der Lehrer ihm das am nächsten Tag wohl wieder erlauben würde...

Er war ein begabter Junge, der aber nicht unbedingt immer die besten Noten bekam - denn er wollte immer zwanzig Sachen auf einmal machen. Und die Hausaufgaben waren nicht immer an erster Stelle.

Schüchtern? Naja, er sagte mir einmal, daß er schüchtern sei, aber so einfach konnte man das nicht sagen. Seine Freunde verstanden sich prima mit ihm - wenn er sie nicht mal wieder zum Wahnsinn trieb.

Mal wollte er Bildhauer werden, dann Lehrer, mal Architekt, oder auch Sozialarbeiter...

Mißbraucht

Naja, er machte uns also klar, daß er nur drei Mal zu dieser Gruppe gegangen war, und wir fragten nicht weiter. Das nächste Jahr hatte er schulische Schwierigkeiten, aber schien allgemein okay zu sein - manchmal vielleicht zurückgezogen oder launisch. Er machte uns ein wenig Sorgen, aber wir meinten, daß es sich nur um die typischen Launen eines Teenagers handeln würde. Wir lagen falsch.

Beim bewussten dritten Treffen der Gruppe hatte er einen zwanzigjährigen Mann kennengelernt, der ihm erzählt hatte, daß er Mitglied einer anderen Jugendgruppe für Schwule/Lesben/Bisexuelle/Transexuelle sei. Er bot Bill an, ihm ein Buch zu leihen, und sie fuhren gemeinsam zu dem jungen Mann. Dort brachte dieser Bill dazu, mit ihm zu schlafen. Bill war gerade mal ein vierzehnjähriger Junge, der das nicht erwartet hatte, nicht wußte, was er tun sollte - und er konnte es nicht stoppen. An diesem Tag kam er nach Hause und erzählte uns, er sei bei dem Treffen gewesen, weil er nicht zugeben wollte - besonders gegenüber sich selber - was passiert war. Ironischerweise machte ich zu dieser Zeit eine Zusatzausbildung in einem Beratungszentrum für sexuellen Mißbrauch.

Schließlich erzählte Bill es seinem besten Freund Sam. Er sagte ihm, daß er mit den Erinnerungen an das Passierte nicht klarkam und daß er sich umbringen wolle. Dann bat er Sam, das niemandem zu erzählen, aber sein Freund hinterging ihn, weil er Angst um Bill hatte. Wir erfuhren es also, und das erleichterte Bill - wir erstatteten Anzeige und Bill begann mit einer Therapie.

Die Polizei brauchte ziemlich lange, um den Mann zu finden. Als sie ihn schließlich verhörten, gestand er vollständig und bestätigte, was Bill angegeben hatte. Dann nahm er sich einen Anwalt, plädierte bei der Anklageerhebung Nicht Schuldig und kam sich bis einen Monat nach Bills Tod um die Verhandlung und das Gefängnis herum. Später wurde er zu dreizehn Monaten Haftstrafe verurteilt.
Dadurch begegnete ihm Bill öfters in der Stadt - was den posttraumatischen Streß, wegen dem er behandelt wurde, weiter verstärkte. Manchmal versank Bill urplötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund in tiefe Depressionen. Heute wissen wir, daß der Grund dafür war, daß er den Mann im Bus oder im Kino getroffen hatte. Kurzzeitig war Bill sogar so fertig, daß er wieder mit Selbstmordgedanken spielte - und für einige Zeit ins Krankenhaus kam.

Er blieb weiter in Behandlung und wurde schließlich wieder der alte, freche Bill. Sein geistiger Zustand verbesserte sich zusehends. Im Sommer jobbte er in einer Firma und kümmerte sich um Computer- und Büroarbeiten, was ihm unheimlich Spaß machte. Nach zwei schweren Jahren freute er sich zum ersten Mal wieder auf den Beginn der Schule und er bekam sein Leben und seine Zukunft wieder auf die Reihe. Er war wieder voll da! Seine Therapeutin und er stimmten zu, daß die Therapie erfolgreich abgeschlossen werden könnte und am 5. April 1995 wurde sein Fall mit Schmerzensgeldzahlung zu den Akten gelegt.

Der Anfang vom Ende

Am Frauentag lud das Aktivistenkommitee der Olympia High School Colonel Margarethe Cammermeyer ein, eine Rede zu halten. Sie ist die am höchsten gradierte Militärangehörige in den Vereinigten Staaten, die sich für eine Aufhebung des Verbots von Homosexuellen im amerikanischen Militär einsetzt und war Hauptperson im Fernsehfilm "Serving in Silence".

Als einige schwulen- und lesbenfeindliche Eltern und Gemeindeglieder - größtenteils Leute, die Homosexualität aufgrund "religiöser Gründe" ablehnen - herausfanden, daß Cammermeyer die Einladung angenommen hatte und der Vortrag stattfinden würde, begann eine heftige Diskussion in der Stadt. Die Unterstützer der Veranstaltung, zu der auch wir gehörten, fanden heraus, daß beim nächsten Treffen des Schulbeirats eine Demonstration stattfinden sollte, und daß die Gegner planten, den Beirat zu überreden, diese Veranstaltung abzusagen. Zwischenzeitlich wußten Bills Schulkameraden über seine Bisexualität bescheid und deshalb war er bei diesem Treffen ebenfalls anwesend - mit einer Gruppe von Jugendlichen, die Plakate und Transparente hochhielten, und versuchten, den Beirat zur Unterstützung der Rede zu bringen.

Catherine (unsere Haushaltsgehilfin und zweite Mutter unserer Kinder), ich, Bill und viele andere waren also da. Insgesamt nahmen ungefähr dreihundert Leute an der Versammlung teil, die schließlich fast zweieinhalb Stunden dauerte. Ich meine, daß knapp mehr Unterstützer als Protestierende sprachen - ich war eine von ihnen. Der Beirat beschloß, zu seiner Entscheidung zu stehen, und so hielt Cammermeyer die Rede am 21. März 1995. Aber die Gefühle in der Stadt kochten zu dieser Zeit sehr hoch, und das nicht im positiven Sinne. In unserer Tageszeitung wurden einige widerlich haßerfüllte Briefe abgedruckt, und überhaupt wurden eine Menge antischwuler Gefühle aufgerüttelt.

Der 6. April 1995

Am 6. April 1995 wollten Bill, Sam und dessen feste Freundin Jenny einen geliehenen Video bei dem Mädchen anschauen. Als sie an ihrer High School vorbeiliefen, folgten ihnen plötzlich vier Typen - einen davon kannten Bill und Sam, weil er ebenfalls Schüler an der High School war und vorhin schon mit ihnen in der Mittelschule gewesen war. Sie fuhren ihnen mit dem Auto hinterher und schrien auf die sexuelle Orientierung gerichtete Beleidigungen, die ich hier nicht gerne wiederholen möchte. Bill und seine Freunde ignorierten sie und beschlossen, durch das High School Gelände zu gehen, weil es ihnen sicherer erschien - denn das Tor zum Gelände war geschlossen. Die vier Typen fuhren weiter, parkten aber das Auto in der Nähe, und das nächste, an das sich Bill und seine Freunde erinnerten, war daß die Kerle sie plötzlich umringten. "Na, wollt Ihr kämpfen?", riefen sie. Bill, Sam und Jenny versuchten, weiterzugehen - denn auf einen Kampf wollten sie sich nicht einlassen.

Dann gingen die vier auf Bill und Sam los, verprügelten sie brutal, traten und schlugen sie bis zur Bewußtlosigkeit, während Jenny sie anschrie: "Hört auf!". All das geschah am hellichten Tag, mitten im Frühling.

Schließlich liessen die Angreifer von ihnen ab und verschwanden. Eine knappe Minute später kamen Bill und Sam wieder zu sich und die drei rannten zum Hausmeisterbüro der Schule und riefen die Polizei und ihre Familien an. Man brachte sie in die Notaufnahme des Krankenhauses, wo wir sie schließlich trafen. Bill hatte Schürfwunden und Prellungen. Die Ärzte untersuchten ihn auch auf den Verdacht eines Nierenschadens, aber er hatte Glück gehabt. Auch Sam war schwer zugerichtet worden und hatte ebenfalls Prellungen; seine Nase war gebrochen.

Während die beiden in der Notaufnahme versorgt wurden, kam plötzlich einer der vier Jungen mit zwei Freunden durch reinen Zufall durch den Gang, um eine Freundin, die kurz zuvor entbunden hatte, zu besuchen. Sam erkannte ihn wieder und seine Eltern riefen die Polizei. Als die ihn festnahm, gestand er und erzählte der Polizei, wer die anderen Rowdies gewesen waren - keiner von ihnen war älter als siebzehn Jahre. Die Polizei behandelte den Fall von Anfang an als Gewaltverbrechen aus Haß.

Eine Demonstration gegen den Haß

Die Stadt reagierte toll. Eine Menge Bewohner von Olympia schrieben uns und unterstützten Bill (und auch uns andere) und organisierten am 14. April, nur einige Tage nach dem Vorfall, eine unglaubliche "Demonstration gegen den Haß". Viele Leute sprachen, unter ihnen auch Colonel Cammermeyer, die ein zweites Mal angereist war, um den Jungen ihre Unterstützung zuzusagen.

Auch Bill hielt eine Rede. Er sagte:

"Aller Wahrscheinlichkeit nach werden meine Freunde Sam und Jenny so etwas nie erdulden müssen - oder zumindest nie solchen Haßverbrechen begegnen müssen - und ich hoffe, daß die Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmt. Aber ich, als offen bisexueller Einwohner von Olympia, werde wahrscheinlich - oder möglicherweise - wieder das Opfer solch einer Tat sein. Gewaltverbrechen aus Haß - besonders die, die sich gegen Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle richten, werden in unserer Gegend immer häufiger. Und deshalb müssen wir als gay community, als Gemeinschaft homosexueller Menschen, jetzt mehr denn je hervortreten und und zusammenschließen, um für unsere Bürgerrechte und unser Recht, daheim und auf der Straße sicher zu sein, zu kämpfen! Danke, daß Ihr gekommen seid."

Als ich sprach, redete ich zu Bill - und zu all den vielen Menschen, die an diesem Tag in den Sylvester Park gekommen waren. Ich stand mit zitternden Händen und schwankender Stimme - Reden zu halten war noch mein Fall - an das Mikrofon und sagte:

"Erst einmal sei gesagt, daß ich es wichtig fand, gerade als Bills Mutter hierherzukommen, mich auf diese Bühne zu stellen und Bill zu sagen, wie sehr ich ihn lieb habe und daß ich unglaublich stolz auf ihn bin. Und ich bin nicht nur wegen des Mutes, den er hier heute und seit dem Verbrechen gezeigt hat, so unglaublich stolz, sondern auch, weil er ein Mensch ist - und das schließt ihn vollständig ein, auch die Tatsache, daß er bisexuell ist. Ich denke, daß es für alle Eltern wichtig ist, sich so zu verhalten...

Mein Vater war ein deutscher Jude, der aus Nazideutschland fliehen mußte. Der Haß, dem er als Kind im Deutschen Reich begegnet war, ist derselbe, dem mein Sohn und seine Freunde an diesem bewußten Tag auf der Straße begegnet sind. Und Haß erwächst nicht aus dem Nichts. Er beginnt erst zu wachsen, wenn wir es zulassen. Haß erwächst aus der Angst und Haß erwächst aus dem Schweigen."

Alec (mein Ehemann und Bills Vater, der immer derjenige von uns beiden gewesen war, dem öffentliches Reden leichter fiel), stieg nun auf die Bühne zum Mikrofon und sagte:

"Eigentlich hatte ich eine Rede vorbereitet - aber dieser Ausbruch von Sympathie und Unterstützung hat mich total überrannt. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll - danke fürs Kommen."

Als Alec die Bühne wieder verließ, hatte er Tränen in den Augen.

Bills älterer Bruder Noel besuchte zu dieser Zeit das College und konnte deshalb nicht an der Demonstration im Sylvester Park teilnehmen. Aber er schickte einen Brief an den Olympian, unserer lokalen Tageszeitung. Er wurde am 22. April 1995 abgedruckt.

" Mein Name ist Noel Clayton. Am 6. April wurden mein Bruder Bill und seine Freunde auf dem Gelände der Olympia High School brutal verprügelt.

Ich schreibe diesen Brief, um einigen Leuten meinen Dank auszudrücken, deren Unterstützung in der letzten Zeit unverzichtbar für uns war.

Nicht zuletzt zählen dazu die Mitarbeiter des Olympian, die die Opfer dieses Verbrechens mit Würde und Respekt behandelt haben, und sich nicht um die gekümmert haben, die lieber schweigen; auch nicht um die, die Schwule-Klatschen als Problem lieber übersehen wollen.

Ich möchte dem Olympia Police Department und auch der Staatsanwaltschaft danken, die schwer gearbeitet und gewissenhaft ermittelt haben und es dadurch ermöglichten, die Täter der Gerechtigkeit zuzuführen.

Auch möchte ich meinen Dank gegenüber den zwei- bis dreihundert Leuten ausdrücken, die auf der Demonstration erschienen sind, um Bill und Sam ihre Unterstützung zuzusagen; nicht zu vergessen diejenigen, die - wie ich selber - nicht kommen konnten, aber in Gedanken dort waren.

Abschließend möchte ich jeden daran erinnern, daß die Sache damit jetzt nicht abgeschlossen ist.

Unsere Familien werden mit den Folgen dieses Verbrechens noch viele Jahre zu kämpfen haben, wenn nicht sogar für den Rest unseres Lebens.

Die Ereignisse der letzten Wochen werde ich nie vergessen. Ich will kämpfen, und ich bitte Sie alle, sich mir anzuschließen. Wir werden kämpfen, bis niemand mehr auf der Straße Angst haben muß, bis keiner mehr ein Leben in Angst vor Verfolgung oder Mißhandlung haben muß, egal welcher Rasse, Religion oder sexuellen Orientierung man angehört."

Die Folgen des Haßes

Wir dachten, daß Bill es schaffen würde - nach der Demonstration schien er mit dem, was passiert war, ziemlich gut klarzukommen, und dann verfiel er wieder zurück in Depressionen. Wieder dachte er an Selbstmord - es war alles zu viel für ihn gewesen. Der Vorfall hatte ihn zurückgeworfen und plötzlich war er wieder an dem Punkt, den er nach so harten Kampf endlich hinter sich gelassen hatte. Die Depressionen und Suizidgedanken wurden schlimmer und wir mußten ihn wieder ins Krankenhaus bringen. Während er dort war, erzählte ihm jemand, daß einer seiner Freunde in einer nahegelegenen Stadt wegen seines Schwulseins verprügelt worden war.

Nach etwa zehn Tagen wurde er wieder nach Hause entlassen. Wir und die Ärzte waren der Meinung, daß er die Selbstmordgedanken überstanden hatte. Aber am 8. Mai 1995 nahm Bill eine massive Überdosis Medikamente zu sich. Alec fand ihn bewußtlos auf dem Küchenboden und raste mit ihm ins Krankenhaus, aber die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.

Er hinterließ keinen Abschiedsbrief, aber kurz nach der Demonstration, als er in die ersten Depressionen verfallen war, hatte er zu mir gesagt, daß er des Kämpfens müde sei. Was ihn fertigmachte war das Bewußtsein, daß man ihn jederzeit wieder angreifen könnte wegen dem, was oder wer er war. Daß auch seine Freunde jederzeit dieser Gefahr ausgesetzt waren, daß er außer der Liebe seiner Familie und seiner Freunde in der Zukunft nur die dauernde Konfrontation mit einer haß- und gewalterfüllten Welt entdecken konnte, mit einer Mißhandlung nach der anderen. Als er starb, war er 17 Jahre alt - ein Alter, in welchem Jugendliche eigentlich gespannt auf das Leben als Erwachsene sein sollten. Sicher fühlte er sich nur zuhause. Er hatte die Hoffnung verloren, deshalb beschloß er, seinem Leben ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Die Gedenkfeier, die wir für ihn machten, wurde für uns zu einer unheimlich wichtigen Hilfe, seinen Tod zu verarbeiten. All das zu organisieren war eine Menge Arbeit. Aber wir wußten, daß wir etwas machen mußten, das er gewollt hätte - und er hatte sich selber immer als Atheist bezeichnet. Wir spürten, daß wir ihn in diesem Punkt einfach respektieren mußten. Es war eine unglaubliche Zeremonie - so viele Menschen halfen, und so viele Freunde und auch Unbekannte kamen. Wir hatten verlauten lassen, daß jeder, der kommen wollte, herzlich eingeladen sei. Es gab Musik und Trommeln und eine Zeremonie und Menschen, die um die Möglichkeit baten, etwas zu sagen...

Wir hatten im Vorfeld alle Gäste gebeten, eine Kerze mitzubringen, und gaben allen ein Gebetsholz (ein kleiner Zweig), welches man während der Feier halten sollte. Dazu sollte man Bill etwas gutes wünschen. Nach der Zeremonie gingen wir zur Türe und zündeten die Kerzen an. In stillem Gedenken gingen wir zusammen mit den Kerzen in der Hand über die Straße in den Sylvester Park und sammelten die Gebetshölzer ein. In der späten Nacht gingen unsere Familie und einige enge Freunde mit den Körben voll Hölzern auf eine Wiese hinter Sams Haus und warfen jedes einzelne Holz in ein wunderschönes Feuer, um auf diese Weise die Wünsche für Bill freizulassen, so daß sie mit ihm die Reise antreten konnten. Das war wundervoll. Nicht im geringsten "traditionell" - aber so kann uns das später auch nie jemand anhängen.

Salz in den Wunden

Kurz nach Bills Tod hatte uns eine Ärztin angesprochen - und uns gefragt, ob wir die Erlaubnis für eine Organspende erteilen würden. Wir sagten zu und sie unterhielt sich eine Weile mit uns und fragte einige Dinge. Über das Gewaltverbrechen wußte sie bereits bescheid. Als sie andeutete, daß es Probleme geben könnte und sie mit uns Rücksprache halten wolle, dachten wir, daß es sie von der Überdosis Medikamente sprechen würde.

Dann - ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viel später, da die Zeit nach Bills Tod die Hölle war - rief sie uns an. Bill konnte kein Organspender sein - die Lions Eye Bank hatte die Spende wegen seiner Bisexualität abgelehnt. Ihrer Meinung nach gehörte er einer Risikogruppe an!!!! Ich konnte das nicht glauben. Und ich sagte der Ärztin, wie wütend und geschockt ich darüber war.

Später erhielt ich einen Brief von der Lionszentrale, in dem man mir erklärte, daß es ihnen "nicht möglich ist, eine Gewebespende anzunehmen, die von einem Mitglied einer Risikogruppe stammt, weil die Möglichkeit besteht, daß sich HIV auf den Empfänger überträgt." Man schrieb mir weiter: "Obwohl Bill vielleicht HIV-negativ war, besteht die Möglichkeit, daß er infiziert war aber auf einen Test negativ reagierte. Ich hoffe, daß Sie verstehen werden, daß wir solch ein hohes Risiko nicht tragen können."

Am 12. Juni 1995 antwortete ich ihnen:

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich auf Ihren Brief antworten konnte. Darin erklärten sie uns, daß die Lions Eye Bank meinen Sohn als Spender ablehnen müßte, weil er offen bisexuell und somit Mitglied einer Risikogruppe gewesen sei. Ich finde es fast ein wenig ironisch, daß Bill als Kind vom Lions Club in Mississippi eine Augenoperation bezahlt bekommen hatte.

Im Alter von 17 Jahren beging mein Sohn Bill Selbstmord, nachdem er wegen seiner Bisexualität verprügelt worden war. Offen gestanden war Ihre urteilende Ablehnung eines der schlimmsten Ereignisse, denen ich seit seinem Tod begegnen mußte. In Ihren Worten entdeckte ich das, was mein Sohn in dieser Welt nicht mehr aushalten konnte - all die Homophobie, den Haß und die Angst vor dem, was er als Mensch war.

Wer ist denn Ihrer Meinung nach "sicher"? Heterosexuelle? Verheiratete Menschen? Kinder? In meiner Arbeit als Psychotherapeutin arbeite mit jüngeren Kindern, die wegen sexuellem Mißbrauchs HIV-gefährdet sind. WER IST DENN SICHER? Öffnen Sie die Augen. Sie liegen absolut daneben, wenn Sie glauben, daß Sie mit dieser Einstellung Menschen schützen.

Sollte der Grund für Ihre Ablehnung von Bills Hornhautgewebe der sexuelle Mißbrauch sein, den ich [gegenüber der Ärztin] erwähnt hatte, dann möchte ich dazu nur sagen, daß das passierte, als er 14 Jahre alt war. Er wurde über ein Jahr später auf HIV getestet - weit später als die von Ihnen erwähnte Mindestzeit von sechs Monaten. Aber bei Ihnen hat sich offenbar niemand die Zeit genommen, um die Einzelheiten herauszufinden - und so lehnten Sie schlicht und einfach wegen seiner Bisexualität ab.

Es schockiert mich außerdem, daß eine Gruppe, die die Einrichtungen eines staatlich finanzierten Krankenhauses nutzt, in der Lage ist, solch eine unglaubliche Politik der Diskriminierung zu betreiben.

Ich nehme an, daß Sie in diesem Brief nicht Ihre persönliche Meinung ausgedrückt haben, sondern die Politik der Lions Eye Bank. Das macht die Lage nicht einfacher. Intoleranz und Diskriminierung durch eine Einrichtung sind immer SEHR persönlich. Und Einrichtungen werden von einzelnen Personen ausgemacht. Sollten Sie also mit dieser Politik nicht einverstanden sein, bitte ich Sie nachdrücklich darum, alles zu tun, um sie zu ändern.

Schweigen gebiert den Haß, der meinen Sohn umbrachte."

Gegen Ende Juli erhielt ich einen weiteren Brief von der Zentrale, in dem mir erklärt wurde, daß man als registriertes Mitglied der EBAA medizinische Standards einzuhalten habe, die von einem nationalen medizinischen Rat aufgestellt würden, und dieser Rat würde sich an die Empfehlungen des staatlichen Seuchenkontrollzentrums CDC halten. Sie hofften, so schrieb man weiter, daß ich verstehen würde, daß sie keine Wahl gehabt hätten, als die Spende abzulehnen, weil sie an nationale Regelungen gebunden seien...

Kurze Zeit später riefen sie mich an, um zu sehen, ob ich noch immer wütend sei. Sie versuchten mich dazu zu bringen, sie zu "verstehen", aber ich wollte einfach nicht. Falsch ist falsch.

Die vier Jungen, die Bill und Sam verprügelt hatten, wurden schließlich zu zwischen zwanzig und dreißig Tagen Jugendhaft verurteilt. Der Rest der Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Ferner mußten sie gemeinnützige Arbeit leisten und vier Stunden Aufklärungsunterricht über sexuelle Orientierung besuchen.

Vermissen wird man ihn, aber nicht vergessen...

Bills Leben und Tod hat vielleicht tausende von Menschen berührt. Wir wurden von einer Welle unterstützender Sympathien überspült - sowohl von Freunden als auch von Menschen, die wir vorher nie gekannt hatten. Ich habe mich einer Gemeinschaft noch nie so verbunden und so von ihr unterstützt gefühlt, wie zu der Zeit des Verbrechens und Bills Selbstmord.

Auf der Gedenkfeier für Bill gab man uns einen Brief von Gery Gerst, Bills Geschichtelehrer an der Olympia High School, der nicht hatte kommen können. Er schrieb uns:

"Bill war so ein aufmerksamer Mensch, der sein Leben mit anderen teilte. Er gab mir immer so viel während des Mittagessens oder vor der Schule. Im Unterricht teilte er Einblicke mit uns, die kein anderer preisgab; so ein großes Herz, solch ein netter Mensch geprägt von einem forschenden Charakter... in der kurzen Zeit, die er auf dieser Welt weilte, berührte er so viele Menschenleben sehr tief, ganz besonders meines. Ich möchte Ihnen als Eltern sagen, daß Ihre beiden Söhne zu mir immer freundlich, aufmerksam, mitteilsam und rücksichtsvoll waren, und daß ich das sehr schätze. An diesen Charakterzügen liegt auf dieser Welt ein unglaublicher Mangel vor.

Wie sie an dem Ausbruch an Unterstützung im Sylvester Park und zur Zeit leicht erkennen können, war und ist Bill sehr beliebt. Fürchten Sie nicht, daß man ihn vergessen wird. Vermissen wird man ihn, doch nie vergessen...

Ich möchte Bill jetzt schreiben, was ich ihm in sein Poesiealbum geschrieben hätte:

Bill, Du hast mich mit Deinen feinsichtigen Einblicken in Geschichte, Politik und menschlichem Verhalten schwer beeindruckt. Diese Einblicke erwachsen aus Deinem tiefen Verantwortungsgefühl, der Folge der dauernden Probe Deines Charakters und Deiner Ausdauer. Die Welt kann sich glücklich schätzen, jemanden wie Dich zu haben, da Du stets freundlich warst; Dein Festhalten an der Wahrheit und Deine Einstellung gegenüber dem Lernen sind beispielhaft. Mein Unterricht wird nicht mehr derselbe sein ohne Deine originellen Anmerkungen in Diskussionen und den Gesprächen zwischen uns beiden nach dem Unterricht. Dein Kopf war stets aktiv, genau wie Dein Herz. Danke für Deine Hilfe bei der Versammlung und für Dein Vertrauen und Deiner Geduld mir gegenüber. Nicht zu vergessen Dein Lächeln, das zeigte, daß Du für einen da warst. Man wird Dich vermissen, aber die Türe wird Dir jederzeit offen stehen... schau doch mal vorbei, und Du wirst sehen, daß das letzte Schuljahr es wert war."

Nichts wird uns Bill zurückbringen. Ich teile diese Geschichte mit Euch in der Hoffnung, daß sie vielleicht irgendwie dabei helfen kann, dem Haß und dieser Homophobie ein Ende zu setzen. Diese Welt kann einfach nicht weiterhin so feindlich gegenüber dem Leben und Hoffnungen bleiben - wir müssen für alle "Bills", die es gibt und geben wird, etwas verändern.

Mein Mann Alec laß die vorliegende Geschichte und bat mich, folgendes anzufügen:

Nach Bills Tod fand ich in einem seiner Notizbücher eine Seite, auf die er das Schwulensymbol, den Rosa Winkel (ein rosanes Dreieck) gemalt hatte. Darüber hatte er geschrieben: "Ich habe es mir nicht ausgesucht. Es wurde mir nicht aufgezwungen. Es ist einfach so."

Wir wollten für Bill eine Art virtuelles Denkmal schaffen, doch ohne eine bewußte Entscheidung zu treffen erkannten wir, daß das beste Denkmal unser eigenes Leben sein würde - indem wir gegen den gefühllosen, zerstörerischen Haß kämpfen, der in dieser Welt allzu vorherrschend ist. Wir bitten alle, deren Gefühle von Bills Geschichte berührt wurden, nur um eines: schließt Euch uns an.

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Copyright auf den Text, ursprünglich verfasst in englischer Sprache: Gabi Clayton (Olympia WA, USA), 1996

Copyright für die Übersetzung in deutscher Sprache: Jens Lang, 1997


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