Robbie aus Strongsville, Ohio

Der Selbstmord eines vierzehnjährigen Jungen

Als ich die Geschichte von Robbie K. aus Strongsville vor einiger Zeit zum ersten Mal laß, machte sie mich sehr betroffen. Denn ich fühlte mich von seinem Leben angesprochen - Robbie beging im Januar 1997 Selbstmord, weil er nicht schwul sein konnte oder wollte. Auch ich hatte in seinem Alter Selbstmordgedanken - viele Teenager spielen im Kopf mit dem Wort "Selbstmord", und die Anzahl der Suizidversuche unter jungen Schwulen und Lesben ist vergleichsweise enorm hoch.
Ich habe aber nie so einen Versuch unternommen, und ich wünschte mir, auch Robbie hätte mehr Sinn in seinem Leben gesehen.

Robbie war eigentlich kein grundsätzlich anderer Junge als Kameraden seines Alters. Das Internet war seine Welt. Er hatte Träume und war verletzlich. Aber er war schwul und besuchte eine christliche Schule. Seine Gefühle machten ihm schwer zu schaffen. Und er wollte nicht mehr weiterkämpfen.

Im folgenden habe ich einen übersetzten Artikel aus einer amerikanischen Zeitung eingebunden. Die Informationen, die ich finden konnte, sind spärlich. Ich hoffe, in nächster Zeit noch mehr Texte zu finden.

Wichtig ist mir eines zu sagen: es gab und gibt nicht nur einen Robbie K. auf dieser Welt. Es gibt Hunderte, Tausende, vielleicht Millionen Jungen und Mädchen, die wie er empfinden oder empfunden haben - im Laufe der "Recherchen" stieß ich auf eine weitere Geschichte eines Jungen, der mit denselben Problemen wie Robbie zu kämpfen hatte. Auch seine Geschichte endet mit der endgültigsten Entscheidung, die ein Mensch in seinem Leben treffen kann: der Selbsttötung.

Was ich von der Geschichte des armen Robbie nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und lege es euch hier vor und weiß, daß ihr mir's danken werdet. Ihr könnt seinem Geiste und seinem Charakter euer Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.
Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß diese Seite deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst.

Frei nach Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werthers

Anmerkung: aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes habe ich alle vorkommenden Nachnamen abgekürzt.

Für alle die kleinen Robbies auf dieser Welt.

Jens Lang, im Mai 1997


Ein Artikel aus dem Cleveland Plain Dealer vom 6.4.97 (Ostersonntag)

Die Geschichte von Robbie; wie ein verletzlicher 14jähriger versuchte zu akzeptieren, daß er schwul war, und daran zugrunde ging.

Von ELEANOR MALLET; Reporter des PLAIN DEALER

Robbie K.s Zimmer ist ein absolutes Durcheinander - Notizbücher, Nintendospiele, Akne Medikamente - nicht unüblich für das Kinderzimmer eines vierzehnhjährigen Jungen.

Aber in dieser Unordnung finden sich alle die Dinge, die sein Leben ausmachten. An der Wand über dem Hochbett, in dem er schlief, hängt ein Poster der St. Ignatius High School - einer jesuitischen reinen Männerschule, an der er im letzten Herbst angefangen hatte.

Über seinem Schreibtisch sind zwei Weihnachtskarten von Jenine C., einer guten Freundin, die er von einem Sommercamp kannte. Ein Theaterstück, das er geschrieben hatte und einige seiner Zeichnungen liegen in einer Schublade. Im Bad ist sein Schlafsack, welchen er benutzte, wenn er seinen Vater besuchte. Dessen Visitenkarte findet sich in seinem Geldbeutel - John K., Special Agent des FBI.

"Robbie war smart und lustig", sagte sein Freund Matt M. "Wir konnten stundenlang telefonieren. Er konnte alles mögliche über jemanden erzählen, den er nur einmal getroffen hatte. Er half mir bei meinen Mädchengeschichten. Und er urteilte nie über andere."

Was man in Robbies Zimmer nicht sieht, ist der Kampf, den er gegen sich selbst führte. Über ein Jahr lang hatte Robbie mit Depression gekämpft, weil er schwul war.

Mit vierzehn Jahren hatte er sich in tiefen Wassern bewegt; wie konnte er sein Geheimnis für sich behalten, oder so sein wie er war und den schmerzlichen Reaktionen der anderen begegnen? Er war für diesen Kampf schlecht bewaffnet. Er war scheu, leicht verwundbar durch Herumstossen und Abweisungen.

Am Morgen des 2. Januar 1997 beendete Robbie K. seinen Kampf, indem er sich im Haus seines Vaters in Lakewood eine Kugel in den Kopf schoß. In den letzten fünf Jahren haben sich nur zwei weitere so junge Menschen in Cuyahoga County das Leben genommen.

Wer Robbie kannte, ist schockiert. Die Frage, was ihn soweit getrieben haben könnte, muß unbeantwortet stehenbleiben. Er hatte einige enge Freundschaften und eine liebevolle Familie. Aber er wollte nicht schwul sein und befürchtete die Entdeckung seiner Gefühle. Vielleicht hatte er aufgrund einer Rangelei mit einem Mitschüler Angst vor der Enthüllung an der Schule.

Gleichzeitig erwuchs in ihm eine sexuelle Neugierde, die er - wie viele andere Jugendliche auch - im Internet auslebte und erkundete.

Robbie war in tiefer Hoffnungslosigkeit gefangen, in Ekel vor sich selbst und Isolation. Er sah in seinem Leben kaum Zukunft. "Er kappte sich ab", sagt seine Mutter, Leslie S.. "Er wollte nicht sein Leben lang Versteck spielen müssen."

Robbie wuchs in im Außenbezirk von Strongsville auf. Er hatte zwei ältere Schwestern, Danielle (19) und Claudia (17) und eine Stiefschwester namens Alexandria (4). In der Zeit, in der Robbie auf die Welt kam, ließen sich seine Eltern durch die katholische Kirche scheiden. Zwei Jahre danach heiratete seine Mutter, eine strenggläubige katholische Krankenschwester, einen neuen Mann: Dr. Peter S.

Robbies Vater John K. heiratete auch wieder, ließ sich aber wieder später erneut scheiden. Er kannte Robbie nicht; erst als sein Sohn älter war, besuchte er ihn regelmäßig und die Beziehung der beiden wurde enger. Obwohl sie geschieden waren, zogen John und Leslie die Kinder gemeinsam auf, was auch die Entscheidung einschloß, daß die Töchter bis zum Abschluß der High School bei ihrem Vater leben sollten.

Seine Familie beschreibt Robbie nicht als typischen Jugendlichen seines Alters. Eine besonders enge Beziehung führte er zu Claudia.

Als die beiden aufwuchsen, spielten sie gemeinsam mit Puppen. Claudia fand ihn kreativ and einfallsreich. Er schrieb Comic-Bücher und wollte Schriftsteller werden.

"Er war echt liebenswert und empfindsam", sagt Claudia, die die Magnificat High School in Rocky River als Abschlußschülerin besucht. "Aber man konnte seine Gefühle leicht verletzen."

"Er war ein fröhliches Kind", fügt Danielle hinzu, die im zweiten Jahr an der Miami University studiert. "Er erzählte gerne, aber war dennoch scheu. Er mochte seine Familie - besonders Mom."

Robbie ging zu einem Sprachtherapeuten, der ihn wegen seiner Ausspracheschwierigkeiten behandelte. Seine Mutter erinnert sich, daß er manchmal von der Schule heimkam, das T-Shirt zerrissen, und erzählte, daß man ihn mit Steinen geschlagen habe. In der vierten Klasse, wechselte Robbie von der SS. Joseph and John in Strongsville an die Incarnate Word Academy ("Akademie des verkörperten Wortes") in Parma Heights.

"Er gab sich alle Mühe, dort hineinzupassen", sagte Leslie. Sport mochte er nie, aber in der siebten Klasse versuchte er, Fußball und Basketball zu spielen. Jenine, seiner Freundin vom Camp, schrieb er: "Wenn ich doch nur sportlicher wäre! Ich wünschte, ich würde Sport lieben. Dann wäre ich eins der ganz normalen Arschlöcher meiner Schule."

Vor zwei Jahren begann Robbie, sich zu verändern. In der siebten Klasse, erzählt Leslie, kam Robbie nach einem Basketballspiel nach Hause und schluchzte bitterlich in seinem Zimmer. Jemand hatte ihn in den Schnee gestossen. Leslie ist sich nicht sicher, ob sich an diesem Abend alles veränderte, aber sie hält diesen Vorfall für einen Wendepunkt in seinem Leben, glaubt daß Robbie da "erkannte, daß er total anders war."

Im Sommer davor, als er zwölf war, schrieb er teilweise düstere Gedichte. Eines davon hieß...

Ich sterbe und keinen interessiert's

Ich versuche, aufrecht zu gehen

Ich falle auf den harten, kalten Boden

Ich spüre, daß ich nicht mehr am Leben hänge.

Die anderen glotzen und lachen über meine Probleme...

Am Ende des Gedichts fügte er hinzu: "Da ist eine Menge Mist drin. So bin ich nicht wirklich."

"Er zog sich immer mehr zurück", sagte John, bei dem Robbie die Wochenenden verbrachte. "Es war echt schwierig, etwas mit ihm zu unternehmen."

"Ich versuchte so sehr ich konnte, ihn zum Fernsehschauen oder zum gemeinsamen Essen mit uns zu bringen", erzählt Danielle über das letzte Jahr. "Die meiste Zeit verbrachte er alleine in seinem Zimmer."

Enthüllende Briefe

Das Camp Christoper am Lake Marion in Bath war für Robbie ein herrlicher Ort. Vier Jahre lang fuhr er dort jeden Sommer für zwei Wochen hin. Im Camp lernte er seine beste Freundin Jenine C. aus Akron kennen. "Ich liebe das Camp", schrieb er ihr einmal. "Dort bin ich beliebt und zufrieden. Dort kann ich ich-selbst sein und keiner macht sich darüber lustig."

Im Januar 1996, als er mitten in der achten Klasse war, schrieb er Jenine vier Briefe und deutete an, wie niedergeschlagen er war.

"Manchmal fühle ich mich verdammt alleine", schrieb er im ersten Brief, verfasst am 17. Januar. "Nicht so, daß ich keine Freunde hätte, nein, einfach alleine. Das heißt nicht, daß ich traurig bin, nur habe ich Angst. ... Ich denke nicht gerne daran, erwachsen zu werden und Strongsville mit all meinen Freunden zurückzulassen. ...
Doch, ich werde traurig, wenn ich daran denke, daß ich alleine bin. ... Ich will anders sein, Nein, eigentlich doch nicht. Ich mag mich selber. Ich habe dieses verdammte Gefühl, daß bald irgend etwas echt schlimmes passieren wird. Vielleicht irre ich mich. Ich hoffe, daß ich mich irre."

Jenine, heute 15 Jahre alt, schickte ihm Auszüge aus ihrem Tagebuch, die sie in der siebten Klasse geschrieben hatte, als sie selber niedergeschlagen war. Er antwortete ihr am 22. Januar.

"Danke für all die Texte. Ich habe sie zurückgeschickt, aber ich weiß, daß es Tage geben wird, an denen ich sie brauchen kann. Ich werde nie etwas tun, das mich verletzen könnte. Das ist eine Lüge. Im Moment habe ich keine Gedanken an Selbstmord, aber ich weiß, daß diese Gedanken wieder hochkommen werden. ...
Letzte Woche waren alle okay zu mir. Keiner machte sich über mich lustig, aber heute dafür - komm, wir machen Robbie heute mal fertig. Dein Brief tröstete ein wenig, aber ich mußte weinen. ... Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich mich umgebracht hätte - und sie sich dreckig fühlen, weil sie mich so ungerecht behandelt haben."

Am 29. Januar schrieb er ihr noch einmal, und redete um den heissen Brei herum - er konnte das Thema Homosexualität nicht direkt ansprechen. "Weißt Du was? Ich bin glücklich.... ich habe in unserem wissenschaftlichen Projekt gut abgeschnitten und gemerkt, daß niemand es ernst meint, wenn man über mich lacht. ...
Ich werde Dir sagen, was sie über mich erzählen. Ich habe das noch nie jemandem gesagt, und es ist ein Geheimnis. Du weißt, daß ich anders rede, daß ich ein wenig lisple. Und ich bin, hmm, sportlich ein wenig ein Versager. Deshalb nennen sie mich (nicht oft, in letzter Zeit überhaupt nicht) manchmal (nur einige machen das) einen Schwulen. Sie meinen das nicht ernst, denn wenn sie das wieder machen würden, würde ich sie verdreschen. Naja, in unserer Schule sind wir ziemlich homofeindlich (ich auch)."

Robbie wurde immer weiter runtergezogen. Am 24. Februar schluckte er 30 Tylenol. Seine Mutter erfuhr nichts davon, daß Robbie einen Selbstmordversuch begangen hatte; aber sie entdeckte einen Monat später einen Abschiedsbrief. In Auszügen stand darin: "Egal, was Ihr herausfindet, ich bin nicht schwul. Ich liebe Ashley. ... Vielleicht wollt Ihr wissen, wieso ich mich umgebracht habe.
Wegen all dem Scheiß, den ich in letzter Zeit durchmachen mußte. Deshalb! Mit herzlichen Grüßen und viel Liebe, Robbie K., der Junge, der sich selbst ein Lächeln aufsetzte, das Maul hielt und hoffte, daß Ihr dadurch glücklich werden würdet: es klappte nicht."

Zwei Tage nach dem Selbstmordversuch schrieb er an Jenine, schickte den Brief aber nicht ab.

Dieser Brief wurde erst nach seinem Tod gefunden. In Auszügen stand darin: "Ashley ist jetzt mit Ken zusammen :-(. Aber was ich jetzt schreibe, ist mir ernst. Ich habe am Samstag abend versucht, mich umzubringen. Ich habe dreißig dieser Schmerzkiller geschluckt und mich ins Bett gelegt. Ich war total ruhig. Mitten in der Nacht wachte ich auf und kotzte alles wieder aus.
Zwischenzeitlich bin ich froh, daß ich gekotzt habe, hätte ich das nicht gemacht, wäre ich jetzt vielleicht tot. Aber zwischenzeitlich will ich weiterleben. ...

Wenn ich daran denke, schüttelt es mich. Ich habe sogar einen Abschiedsbrief geschrieben. Der Grund für meinen Selbstmordversuch findet sich in dem ganzen Mist, der in letzter Zeit passiert ist und mit dem man einen ganzen Roman füllen könnte. Ich erzähle Dir mal eine Kurzversion.
1) Jeden Tag fürchte ich jetzt um mein Leben.
2) Wenn ich online bin, fürchte ich mich.
3) Irgendwas zwischen mir und Gott läuft falsch.
4) Ich habe eine Menge verrückter Alpträume. ...

Ich fühle mich innerlich noch immer leer, weil ich keine WIRKLICHEN Freunde an der Schule habe. ... Nachdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist die Leere nicht mehr ganz so schrecklich, deshalb werde ich weiterschreiben, bis sie wiederkommt."

Er vertraute Jenine, aber er erzählte ihr nichts über seine wirklichen Probleme. Es war nicht so schlimm, daß Ashley ihn nicht "mochte". Er konnte sich nicht in sie verlieben.

Elektronische Bindungen

"Robbie liebte das Internet", sagt eine Freundin, Kadi O. (15) aus Brunswick. Robbie lernte Kadi durch seinen Freund und Nachbarn Chris C. kennen. Die beiden besetzten stundenlang das Telefon. "Er liebte die Chaträume und Rollenspiele, besonders irgendwas, das Red Dragon Inn hieß", erzählt sie.

"Jugendliche lieben das Internet", meint Jennifer Kruger, Coordinator von PRYSM, einem Hilfsprogramm für schwule und lesbische Teenager. PRYSM bedeutet "Presence and Respect for Youth in Sexual Minorities" (Präsenz und Respekt für Jugendliche sexueller Minderheiten). "Sie treffen dort manchmal die erste schwule oder lesbische Person überhaupt. Sie haben das Gefühl: Wow, es gibt noch andere.

Grundsätzlich ist das zwar positiv. Aber es gibt auch dunkle Seiten. Da draußen gibt es Leute, die Kinder und Jugendliche ausnutzen."

Robbie begann sich in der achten Klasse für das Internet zu interessieren, nachdem die Familie S. an Weihnachten einen Computer gekauft und sich bei AOL einen Account beschafft hatte. Eines Tages saß Robbies Stiefvater Peter mit seiner vierjährigen Tochter am Computer und entdeckte einige Bilder nackter Männer.
Als die Mutter Robbie nach diesen Bildern fragte, wurde er ganz komisch und erzählte ihr eine perfekt ausgedachte Geschichte über einen Mann, der ihn angeschrieben und ihm die Bilder geschickt hatte. Leslie sagt, daß sie da zum ersten Mal darüber nachdachte, ob Robbie schwul sein könnte.

Im Februar 1996 bekam die Familie eine Rechnung über 188 Dollar für die Nutzung des Internets im Januar. Sie kündigten den Account.

Am 29. März stieg Robbie in einen Greyhound Bus nach Chicago. In seiner Tasche hatte er den Namen eines Mannes und die Nummer dessen Pagers. Er wollte diesen Mann, den er im Netz kennengelernt hatte, treffen. Die Nummer stellte sich als falsch heraus.

"Wir hatten wirklich Angst um ihn", sagt sein Vater. "Robbie war kein harter Kerl. Ich kenne wirklich harte Burschen. Aber Robbie war nicht sonderlich kräftig und nicht straßenerfahren. Es war ihm absolut nicht klar, daß jemand ihn ausnutzen könnte."

Man fand ihn in weniger als 24 Stunden. Ein Obdachloser freundete sich mit Robbie an, nachdem der ihn an einer Bushaltestelle nach einer Jugendunterkunft gefragt hatte. Der Mann hielt ein Polizeiauto an. John flog nach Chicago und holte Robbie dort ab.

Er fing mit Besuchen bei einem Psychotherapeuten an. Robbie erzählte ihm, daß er versuchte hatte, sich in ein Mädchen zu verlieben, aber daß er das nicht geschafft hatte. Daß er schwul war. Er erzählte, daß er das gewußt habe, seit er zehn Jahre alt war.

Der Arzt erzählte Robbies Eltern von diesem Gespräch. Aber Robbie war darauf nicht vorbereitet. Seine Eltern und Schwestern machten ihm klar, daß sie ihn weiterhin akzeptierten und versicherten ihm erneut ihre Liebe und Zuneigung. John erinnert sich daran, daß sein Sohn einmal zu ihm sagte: "Du weißt, daß ich nicht schwul bin."

"Das ist mir egal, Robbie", antwortete John angeblich. "Würdest Du Drogen nehmen, würdest Du echte Probleme mit mir bekommen. Aber wenn Du schwul wärst, wäre mir das egal, ich liebe Dich weiterhin."

John erzählt weiter: "Er war in dem Alter, in dem man versucht, sich von den Eltern zu lösen. Aber ich spürte, daß er meine Hilfe brauchte, daß er mich als Unterstützung für seine Probleme brauchte."

Danielle erzählte, daß sein Vater, nachdem Robbie fortgelaufen war, versuchte, noch mehr als vorher mit ihm zu unternehmen. Er bat ihn, Blätter im Garten zu kehren, oder das Öl im Auto zu wechseln.

Leslie gab Robbie Zeitungsartikel, die mit dem Thema Schwul- und Lesbischsein zu tun hatten. Im Nachhinein glaubt sie, daß ihr Verhalten sie daran gehindert haben könnte, Robbies wirkliches Problem zu erkennen: "Ich habe auf den falschen Zug aufgesattelt. Ich verstand nicht, daß es ihm viel mehr weh tat, daß er selber nicht mit seinen Gefühlen klarkam."

Tatsächlich war Robbie selber das Problem. "Jugendliche wissen eigentlich genau über ihre Sexualität bescheid.", meint Debra Dunkle, Therapeutin aus Cleveland, die vorwiegend mit Schwulen und Lesben arbeitet. "Aber diese Gefühle zu akzeptieren, ist noch mal eine ganz andere Sache. Es kann sein, daß sie es wissen, aber sich dafür hassen."

Robbie konnte nicht vom Internet lassen. Im Mai benutzte er das Passwort von Chris' Vater um sich bei AOL einzuloggen. Er wurde erwischt und mußte Chris' Vater die Onlinegebühren zahlen.

Im selben Monat fand Leslie voller Erschrecken ein schwules Pornovideo in Robbies Zimmer. Ein Mann aus Pennsylvania hatte es Robbie mit der Post geschickt - sie kannten sich aus dem Internet. Laut John läuft gegen den Mann ein Verfahren.

Der Kampf mit dem Geheimnis

PRYSM, das Hilfsprogramm für schwule Jugendliche, befindet sich nur einige Straßenblocks von der St. Ignatius High School. Obwohl seine Mutter und sein Therapeut ihn dazu drängten, ging Robbie nie dorthin. Er befürchtete, von Mitschülern dabei gesehen zu werden. Vielleicht hinderte ihn auch seine Scheu daran.

Robbie hatte beschloßen, seine sexuelle Orientierung nicht vor dem College bekanntzumachen. Er hoffte darauf, ein lesbisches Mädchen zu finden, das er als seine Freundin vorstellen könnte. Dunkle meint, daß so eine Strategie typisch sei.

Nachdem er fortgelaufen war, unternahm er dennoch den ersten Schritt auf dem Weg des Coming Outs. Er erzählte seinen Freunden Chris C. und Matt M., daß er glaube, bisexuell zu sein - laut Kruger ist es ein üblicher Übergangsschritt, die halbe Wahrheit zu sagen. Robbie erzählte auch Kadi diese Version.

"Er sagte mir, daß er in Wirklichkeit nur deshalb abgehauen wäre, weil er bisexuell ist und rang mir das Versprechen ab, es geheim zu halten", erzählt Matt, der Robbie "einen meiner besten Freunde wenn nicht sogar den besten" nennt.

"Zuerst belastete mich das. Ich war schon irgendwie homophob. Aber ich kam darüber hinweg. Er bedeutete für mich danach ja nicht mehr als vorher. Sich dauernd zu überlegen und zu entscheiden, was andere über einen denken werden, ist zum Kotzen. Das ist echt schwer.
Das ganze veränderte meine Vorstellungen. All diese Bilder von Schwulen, die aussahen wie Tunten. ... Das sind eben die Beleidigungen, die wir so benutzen."

Im Sommer, bevor Robbie in die High School kam, färbte er sein Haar schwarz und entwickelte seine eigene Art, sich zu kleiden: ausgebeulte Klamotten. "Er veränderte sich total", meint Danielle. "Er fand andere Wege, sich auszudrücken. Er entwickelte ein Interesse an Drachen und Verliessen, Tarotkarten und Ouija Brettern."

Im September fing Robbie an der St. Ignatius an. Er hatte den Aufnahmetest zu 99 Prozent bestanden und beschlossen, die Schule zu besuchen. "Er wollte den bestmöglichen Bildungsweg, er wollte einen Namen haben.", meint Leslie. "Und seine zwei besten Freunde - Matt und Chris - besuchten ebenfalls diese Schule."

Matt glaubt, daß das erste Jahr schwierig für Robbie war. "Robbie fiel es schwer, sich anzupassen. Er war unheimlich scheu und sehr zurückhaltend. Manche lästerten über ihn. Er betrachtete manche Mitschüler mit geradezu teuflischen Blicken. Sie fragten ihn, ob er wirklich schwul sei.
Mit zwei oder drei Klassenkameraden freundete er sich an, aber er fand nicht so schnell neue Kumpels, wie andere das tun."

"Er erzählte, daß eine Menge Typen ihn dauernd verarschten", meint Kadi. "Sie nannten ihn einen Satanisten, das war er aber überhaupt nicht."

"Robbie wußte nicht, was er tun sollte", sagt Matt. "Er wollte es endlich hinter sich bringen und allen die Wahrheit sagen. Aber er wußte, was dann passieren würde. Er würde ein Außenseiter sein, man würde ihn verspotten. Deshalb führte er ein Doppelleben."

Seine Schwestern hatten böse Vorahnungen, als Robbie an die St. Ignatius gehen wollte. "Es [das Schwulsein] war ein echtes Problem, aber Ignatius machte das ganze noch schlimmer", meint Claudia. "Schwulsein ist [dort] die schlimmste Beleidigung. Es ist unheimlich wichtig, typisch männlich zu sein."

Im November gingen Claudia und Robbie ins Kino und unterhielten sich im Auto. "Er erzählte, daß er nicht schwul sein wollte, aber daß er es nicht unter Kontrolle hatte.", sagte Claudia. "Und an der St. Ignatius ist es schwer, schwul zu sein. Dort gab es einen Jungen, für den sich Robbie interessierte und er konnte nichts machen oder es ihm sagen."

Robbies Mutter Leslie sagt, daß der Therapeut ihr erzählt habe, in einer gemischten Mädchen- und Jungenschule wäre es für Robbie vielleicht einfacher gewesen. Sie meinte, daß sich ihr Sohn mit Mädchen schon immer besser verstanden habe. Das gilt für viele schwule Jungs, meint Dunkle.

Matt erzählt, daß Robbies Geheimnis sich nicht herumsprach. Im Dezember schien er ein paar Freunde zu bekommen, und es schien ihm besser zu gehen.

Im Spätherbst fragte Robbie seine Mutter, ob er aufhören konnte, mit ihr in die Kirche zu gehen. "Die katholische Kirche nimmt mich nicht so an, wie ich bin", erklärte er ihr. Homosexuelle Handlungen werden von der katholischen Kirche verurteilt, nicht aber die Homosexualität an sich. Leslie antwortete, daß sie eine andere Kirche suchen werde.

Auf die Innenseite des braunen Packpapiers um sein Geometriebuch hatte Robbie in kleinen Buchstaben "Gott hat mich so gemacht" geschrieben.

Ärger bekommen

In den letzten Monaten von Robbies Leben wurde es Leslie immer flauer im Magen und sie fühlte, daß etwas passieren würde. An manchen Tagen war er krank und wollte nicht in die Schule. Er ging früh ins Bett und aß nicht viel. Er saß immer zurückgezogen in seinem Zimmer.

Im Dezember ging er zu einem Psychiater. Der verschrieb ihm das Antidepressivum Zoloft.

Zwei Wochen vor seinem Tod fing er an, das Medikament zu nehmen. Diese Drogen brauchen zwischen zwei und sechs Wochen, um ihre Wirkung zu entfalten. Zoloft schwächt nicht nur die Depressionen ab, es vermindert auch Gedanken an Selbstmord, so Dr. Daniel Rapport, ein Psychiater und Leiter des Programms am Universitätskrankenhaus für psychisch labile Patienten, die nicht ständig im Hospital bleiben.

Im November trafen sich Jenine und Robbie in einem Chatbereich im Cyberspace. "Bist Du's, Jen, ich bin Robbie", zitiert sie ihn. "Wir redeten irgendwie wie aus dem Nichts miteinander. Er sagte, er habe sich in das System gehackt."

Als sie versuchte ihn anzuschreiben, stellte sie fest, daß seine e-mail Addresse nicht existierte. Er hatte es geschafft, einen Zugang einzurichten, indem er die Kreditkarte und den Führerschein der Mutter angegeben hatte. Der Zugang wurde gesperrt und Robbie war wieder in Schwierigkeiten.

Dies war das letzte Mal, daß Robbie Kontakt mit Jenine, vielleicht seiner stärksten Vertrauten, hatte.

In diesem Herbst fand Leslie heraus, daß Robbie bei 900er-Nummern (vergleichbar mit 0190-Nummern, d. Übs.) anrief: schwuler Pornographieservice in den Staaten und internationale Pornographielieferanten.

Die Rechnung lautete über fast 150 Dollar. Wieder entschuldigte sich Robbie. Leslie erinnert sich, wie sie sich fragte: "Warum macht der Junge das nur?"

Zu schwere Last

"Wir hatten wunderschöne Weihnachten", erzählt Leslie. Am Neujahrsmorgen ging sie früh ins Bett. Am nächsten Morgen rief die Mutter eines St. Ignatius Mitschülers an und fragte Leslie, wieso jemand bei ihnen um drei Uhr morgens angerufen habe - der Anruf war vom Anschluß der Familie S. gekommen.
Leslie sprach Robbie darauf an. Er nannte den Anruf einen Streich. Tatsächlich hatte er bei dem Jungen angerufen, in den er sich verknallt hatte.

Am Neujahrstag redeten Matt und Robbie noch einmal miteinander. "Er war ganz komisch, verwirrt. Er sagte: 'Ich bin krank und ich hasse mich selber.' Er redete von Selbstmord. Die letzte Zeit war er allgemein in diesem Zustand gewesen."

Am selben Nachmittag holte Robbies Vater John seinen Sohn daheim ab, um ihn mit zu sich zu nehmen. Leslie ging arbeiten. Sie kann sich nicht einmal daran erinnern, sich von ihm verabschiedet zu haben.

Als FBI-Agent hat John K. immer eine Waffe bei sich. Nach Robbies Selbstmordversuch im Jahr zuvor hatte er sich ein Schloß an der Pistole montiert.

Am nächsten Morgen, als Claudia das Haus für ihr Sporttraining verlassen hatte, nahm sich Robbie den Schlüssel vom Schlüsselbund seines Vaters, entriegelte den Verschluß der Pistole und legte den Schlüssel zurück. Er ging durch Claudias Zimmer und stieg auf den Dachboden, dort legte er sich auf eine Matratze.
Dann schoß er sich in den Kopf. Sein Vater und Danielle befanden sich im Haus, dennoch fand ihn Danielle erst einige Stunden später.

Der Abschiedsbrief fand sich im Notizbuch seiner Mutter. "Entschuldigt bitte, daß ich Euch allen so viele Schmerzen bereitet habe. ... Ich hoffe, ich finde jetzt den Frieden, den ich im Leben nie bekommen konnte."

Wie schon im Abschiedsbrief, den er vor seinem nicht erfolgreichen Selbstmordversuch geschrieben hatte, standen auch hier wieder kurze Nachrichten an Dutzende Freunde und Kumpels. Sie versuchen nun alle zu verstehen, wieso er sich selbst umgebracht hat.

Claudia denkt, daß Robbies gefühlvoller, freundlicher Charakter ihn nicht für die Situation hatte wappnen können. "Er war unglücklich wie er war. Es tat ihm zu sehr weh. Er ließ uns ihm nicht helfen. Was ihn am meisten belastete war, daß er wußte, wie schwer sein Leben werden würde und daß es seiner Meinung nach nie besser werden würde."

"Er war ein Logiker und so intelligent", meint Danielle. "Er kam absolut nicht damit klar, daß er es [das Schwulsein] nicht einfach beenden konnte, daß das ein Teil seines Lebens war. Er hatte Angst vor den Folgen."

Im März hielt die St. Ignatius High School eine Messe für die Schulgemeinschaft und seine Familie ab. "Er war ein Sohn und unser Bruder", sagte Pfarrer Rev. Robert Welsh, der Schulpräsident. "Wir hätten alle viel aufmerksamer sein können. Er hatte eine schwere Last zu tragen. Jetzt lebt er in Frieden. ..."

"Seine Situation erdrückte ihn. Er war nicht krank oder verrückt. Er war total lieb und vermied Konflikte. Er kam damit einfach nicht klar.", meint sein Freund Matt.
Dann fügt er hinzu: "Etwas können wir alle von Robbie lernen. Homophobie ist genauso schlimm wie Rassimus oder Sexismus. Er ist nicht einfach, darüber zu stehen."

Am 22. Februar, an dem Tag an dem Robbie fünfzehn Jahre alt geworden wäre, trafen sich seine Eltern auf dem Friedhof in Strongsville, wo er beerdigt wurde. Sie fingen an zu weinen.

"Jemand hat mir ein Drittel meines Lebens weggenommen", sagt Robbies Vater. Er wünschte sich, seinem Sohn mehr Härte beigebracht zu haben - nicht im Sinne eines Machos, aber wenigstens genug, um die harten Schläge des Lebens auszuhalten. Und Hoffnung. Er überlegt sich, eines Tages freiwillig bei PRYSM mitzuarbeiten.

Manchmal geht Leslie nachts in Robbies Zimmer und weint. Sie muß sich zwingen, seine Geschichte zu erzählen. "Ich finde es so wichtig, all den anderen Robbies da draußen zu helfen."

In der achten Klasse hatte Robbie an seine Freundin Jenine geschrieben: "Ich freue mich auf die High School. Dann werde ich einer unter vielen sein, und man wird mich in Ruhe lassen." Aber die High School brachte nicht die Anonymität mit sich, der er sich erhofft hatte.

"Wir quälen niemanden, wir bringen den Leuten etwas bei", meint Leslie in Bezug auf den Spott, dem Robbie begegnet ist. "Aber wir spielen das Spiel nicht mehr mit."

Übersetzung: Jens Lang, 1997. Alle Rechte vorbehalten.


Ein passender Liedtext...

Pur - Noch ein Leben

Ein kalter Schauer jagt
mir durch die Haut
aus dem Gedächtnis nie gelöscht.

Warum in jener Nacht
was hast Du nur gedacht
Was hat die Zweifel weggewischt?

Die tiefe Traurigkeit in Dir
dafür fehlte das Gespür
hab ich ganz anders als Dein Lächeln
im Trubel übersehn.

"Drachen sollen fliegen" war Dein Lieblingslied
und in jener Nacht hast Du es wahr gemacht
und bist losgeflogen
ganz ohne Flügel aus dem 13. Stock.

Du hast Dein Ende selbst gewählt
hast Dich mit Leben so gequält
doch war das fair? War das nicht feige?
Du gibst keinem mehr 'ne Chance.

Erst wenn Dein letzter Vorhang fällt
erst dann verliert die Welt
den Mut für Dich, ich wünsch' Dir trotzdem
alles Gute, da wo Du jetzt bist.

Du warst für jeden Pfeil
schutzloses Ziel
für diese Welt zu viel Gefühl.

Was war der letzte Tritt
zum allerletzten Schritt
hat Dich der Todesrausch verführt?

Daß du die Antwort schuldig bleibst
und so die Trauer nie vertreibst
ist rücksichtslos und tut genau den Falschen
die Dich brauchten, weh.

Zu spät, um Dir zu zeigen, was Du hier versäumst,
wie man hofft und träumt, kannst Du dir denn
verzeihn, ich wollte
keine Drachen fallen, sondern steigen sehn.

Du hast Dein Ende selbst gewählt,
hast dich mit Leben so gequält
doch war das fair? War das nicht feige?
Du gibst keinem mehr 'ne Chance.

Erst wenn Dein letzter Vorhang fällt
erst dann verliert die Welt
den Mut für Dich, ich wünsch' Dir trotzdem
alles gute, da wo Du jetzt bist.

Ich wünsch Dir
noch ein Leben
noch ein Leben
noch ein Leben mit einer fairen Chance.

Ich wünsch Dir
noch ein Leben
noch ein Leben
noch ein Leben
doch Du hast nur eine Chance.

Die süddeutsche Musikgruppe PUR erzählt hier eine wahre Geschichte, die sich im Oktober 1991 abspielte - einer ihrer Bekannten beging Selbstmord...

Dieses Lied ist erschienen auf der Musik-CD "Seiltänzertraum". Anhören lohnt sich auf jeden Fall...

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