2. Zur Sozialen Frage
Die Pränatale Diagnostik kann also nicht zugunsten des Föten und auch nicht wirklich zugunsten der Eltern unternommen werden. Ist die Pränataldiagnostik ein weiterer Versuch einer Antwort auf die 'Soziale Frage' Ich beziehe mich auf die Definition der 'Sozialen Frage' von Klaus Dörner: "Was machen wir Bürger mit denen, [...] deren Leistungswert sie industriell unbrauchbar macht?"(8)
Denn genau um solche Menschen geht es ja in der Pränataldiagnostik.
Die 'Soziale Frage' entstand erst richtig durch die Industrialisierung, "ein Teil der Bevölkerung war grundsätzlich `fragwürdig` geworden."(9)“
Zu dieser Zeit fand eine Umstellung auf die kapitalistische Produktions- und Wirtschaftsweise statt. Diese erforderte freie Arbeiter, über die sie verfügen konnte. Die Arbeiter mußten für die Industriearbeit nach ganz neuen Kriterien geeignet sein. Als 'brauchbar' galt nun "zunehmend die Fähigkeit zur Anpassung an einen vielfältigen Normendruck."(10) Hierunter sind beispielsweise Fähigkeiten wie Pünktlichkeit, Leistungsgleichmäßigkeit, Unterdrückung persönlicher Besonderheiten, Kalkulierbarkeit und die Bereitschaft zum reibungslosen, monotonen Funktionieren zu verstehen. Menschen die den Kriterien dieser Wirtschaftsweise genügen konnten, wurden somit zu Lohnarbeitern in den Fabriken und bildeten das Proletariat. Für die anderen wurden, je nach 'Unbrauchbarkeit', Spezialeinrichtungen geschaffen. So wurden systematisch Altersheime, Pflegeheime, Waisenhäuser, Kindergärten, Idiotenanstalten, Arbeitshäuser, Gefängnisse und Irrenanstalten errichtet.(11)
Durch diese Einrichtungen konnten nun auch Familien von zu pflegenden Mitgliedern 'befreit' werden, die ja nun, zumindest aus wirtschaftlicher Sicht unnütze Ballastexistenzen darstellten. Aus der Großfamilie konnte hierdurch "die für den industriellen Produktionsprozeß zweckrationalisierte Kleinfamilie werden, deren Mitglieder möglichst vollständig der industriellen Erwerbstätigkeit verfügbar sein sollten."(12) Dörner fügt noch hinzu: "So entstanden zumindest die Grundzüge des heute noch gültigen sozialen Versorgungssystems. Die industriell unbrauchbaren Gruppen der Gesamtbevölkerung wurden zu einer ständigen öffentlichen und privaten Kostenlast [...]."(13)
Somit war die 'Soziale Frage' gestellt, nämlich die Frage, was passieren soll mit Menschen, die für den Kapitalismus nicht nutzbar sind, wofür diese Menschen da sind, was mit ihnen passieren und wie mit ihnen umgegangen werden soll.
| weiter |
|
Inhalt
|
8 Klaus Dörner: Tötliches Mitleid. Zur Frage der Unerträglichkeit des Lebens. Gütersloh, 1988, setie 8
9 ebd, Seite 21
10 ebd., Seite 21
11 ebd, Seite 22f
12 ebd, Seite 23
13 ebd, Seite 22
doerthe@xhomie.de