2.1. Eugenik als Antwort
Die Eugenik, also die Verhütung von Erbkrankheiten und die Erbgesundheitsforschung, war von Anfang an ein beliebter Lösungsansatz der Sozialen Frage. Die eugenischen Methoden während des Dritten Reiches sind uns gut bekannt. Doch die Eugenik ist keine Erfindung der Nazis. Der Begriff Eugenik wurde erstmals 1883 von Francis Galton gebraucht, auf den auch die ersten Ausformulierungen eugenischer Ideen zurückzuführen sind. In die Eugenik fielen auf der einen Seite Maßnahmen wie Familienförderungsprogramme und Ehegesundheitszeugnisse, auf der anderen Seite Maßnahmen zur Verhinderung der Fortpflanzung bestimmter Menschen, z.B. durch Sterilisation.(14)
1905 wurde unter der Verantwortung des Arztes Alfred Ploetz die "Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene" gegründet. Die Rassenhygiene fand nun auch Einzug in die Medizin und somit war das Ziel der Medizin von nun an nicht mehr allein die konkrete Heilung des einzelnen Menschen. Es wurde sich Menschengruppen als Träger von Erbgut auf zukünftige Generationen zugewendet. Damit ergab sich die Notwendigkeit erbbiologischer Forschung.
Für Ploetz war die "Tüchtigkeit" Indikator für den Wert eines Menschen. Unter Tüchtigkeit verstand er kulturelle und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit.(15)
In der "Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene" gingen die Eugeniker auch der Frage nach, wieviel der Staat für die "Untüchtigen" und "Minderwertigen" ausgeben müsse, was ihrer Meinung nach dann ja anderen Bevölkerungsgruppen vorenthalten werden müsse. Im Zentrum dieser Überlegungen stand die Diskussion um die Kostensenkung für die gesellschaftlich "Unbrauchbaren".
Man sieht deutlich, wie wenig sich die Überlegungen zur Eugenik von damals von den den heutigen Diskussionen unterscheiden. Auf den Aspekt der Kostensenkung mit Hilfe eugenischer Maßnahmen gehe ich später noch genauer ein.
Im Namen der Rassenhygiene wurden während des Nationalsozialismus mehrere hunderttausend Menschen ermordet und zwangssterilisiert.
Dörner stellt folgende These auf: Es ist "die entscheidende Absicht der Nazis gewesen, der Welt am Beispiel Deutschlands ein einziges Mal zu beweisen, daß eine Gesellschaft, die sich systematisch und absolut jedes sozialen Ballastes entledigt, wirtschaftlich, militärisch und wissenschaftlich unschlagbar sei, eine Absicht, die sich auch nur schwer widerlegen läßt, wenn man die Logik [...] der Industrialisierung konsequent zu Ende denkt."(16)
Und Heisterkamp merkt dazu an: "In dieser Perspektive wird es unausweichlich, den rassistisch-eugenischen Totalitarismus nicht länger als [...] Ausrutscher, sondern als unausweichliche Konsequenz der industriell-naturwissenschaftlichen Fortschrittslogik zu erkennen."(17)
Im Dritten Reich ging man also so weit, die Lösung der "Sozialen Frage" in der Endlösung zu finden.
An der "Sozialen Frage" hat sich bis heute nichts geändert, und heutige Lösungsversuche unterscheiden sich vielleicht gar nicht so stark von denen der Nazis.
Schauen wir uns einmal die Eugenik nach 1945 an. Abgeschreckt durch die Greueltaten der Euthanasie während der NS-Zeit war die Eugenik in Deutschland ersteinmal tabuisiert. Die Entdeckung der DNS in den fünfziger Jahren führte jedoch zu einer Wiederaufnahme eugenischer Strategien.
Heute ist die Eugenik durchaus wieder gesellschaftsfähig. Sie kommt zwar nicht mit rassistischen Behauptungen und Praktiken daher wie in den dreißiger Jahren, doch ihr Ziel und das Festhalten an der Reinheit und Gesundheit des Erbgutes entstanden bzw. entstehen aus der gleichen Quelle. Statt äußerer Zwangsmaßnahmen setzt man heute eher auf "genetische Prävention".(18)
In den siebziger und achtziger Jahren suchte man eher die Antwort auf die "Soziale Frage" darin, die Diskriminierung aufzubrechen und den an den Rand der Gesellschaft gedrängten Gruppen eine Integration zu ermöglichen. Heute wird sich mehr von der Integration aller am gesellschaftlichen Leben abgewendet. Mittlerweile findet man bei der Bevölkerungspolitik eher eine Reduzierung auf "Qualitätskontrolle" und verstärkt eine Kosten-Nutzen-Rechnung. In der Bioethik wird der Mensch auf seine biologische Disposition und Verwertbarkeit reduziert.
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14 vgl. Sabine Schleiermacher: Gesellschaft und Biologie: Die Lösung der "sozialen Frage". in: Widersprüche, März 1999, Seite 11
15 vgl. ebd, Seite 13
16 Dörner: Tötliches Mitleid. Zur Frage der Unerträglichkeit des Lebens. Gütersloh, 1988, Seite 10
17 Jens Heisterkamp: Der biotechnische Mensch. 1994, Seite 25
18 vgl. ebd, Seite 29f
doerthe@xhomie.de