2.2. Kosten Gesundheitswesen
Die "Soziale Frage" stand von Anfang an in engem Zusammenhang mit dem Wunsch der Kostendämpfung für die wirtschaftlich Unbrauchbaren. Sie gründete sich wahrscheinlich sogar in der Kostenfrage.
"Schon in der Weimarer Republik, nicht erst im Nationalsozialismus war Wohlfahrt einer Kosten-Nutzen-Kalkulation unterworfen, indem volkswirtschaftliche Kriterien, die sich an den Erfordernissen der Industriegesellschaft orientierten und den Menschen in diese einpassen wollten, zu Maßstäben [...] wurden."(19)
So heißt es in der Erklärung der Fachkonferenz für Eugenik von Mai 1931: "Erhebliche Aufwendungen sollten nur für solche Gruppen Fürsorgebedürftiger gemacht werden, die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit wieder erlangen können. [...] Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer Minderwertigkeit und Fürsorgebedürftigkeit sind, sollen tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden."(20)
Geändert hat sich in den Überlegungen von heute nicht viel. In heutigen Diskussionen lassen sich exakt die gleichen Inhalte wiederfinden. Bioethische Überlegungen lassen sich in Rationalisierungsplanungen in Gesundheits-, Sozial- und Rentenpolitik wiederfinden. Im Mittelpunkt dieser Planungen steht die Begrenzung von Medikamenten und Therapien aus Kostengründen. In den USA und Großbritannien ist dies schon gängige Praxis. Es wird berechnet, inwieweit sich eine kostenintensive Investition in einen Menschen lohnt.
Der Jurist Hans-Georg Koch fragt nach den Belastungen, die sich die Gesellschaft in Zukunft noch leisten will: "Ein Transplantationspatient spielt seine Ausgaben im Zweifel wieder ein. Der dauerkomatöse Patient verursacht wirklich nicht mehr als Kosten [...]."(21)
Es geht also wirklich gar nicht um den einzelnen Menschen, sondern alleine um die Kosten und das, was man leistet.
"Die moderne Eugenik tritt als dem menschlichen Wohlergehen und Fortschritt verpflichtet auf den Plan. [...] Ihr geht es um die Eliminierung krankmachender Gene, aber auch um die Verbesserung des Wohlbefindens, der Leistungsfähigkeit und die Förderung von Fähigkeiten und Anlagen der Menschheit."(22)
So wird heute ein großes Netz an Präventionsmöglichkeiten und -pflichten aufgebaut, zu der auch die pränatale Diagnostik gehört. Hierbei läßt man die Eltern selbstbestimmt - selbstverantwortlich - entscheiden, ob sie ein behindertes Kind austragen wollen. Was jedoch hier als Appell an die Selbstverantwortung formuliert wird, kann schnell zu einer Pflicht werden.
Prävention heißt das Zauberwort, um den finanziellen Aufwand für das Gesundheitswesen zu begrenzen. Sierck merkt an, daß Prävention so weit gehen könnte, daß irgendwann Krankenkassen für vorsorgliche Maßnahmen zur Gesunderhaltung (Schwangerschaftsvorsorge, Gymnastikkurse, Nikotinverzicht,...) Bonuspunkte vermerken könnten, die eine Ermäßigung des Kassenbeitrags ermöglichen. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, wer sich diesen Präventionsmöglichkeiten verweigert, handele dann fahrlässig. "Damit ließen sich chronische Krankheiten oder die Geburt eines behinderten Kindes als selbstverschuldete Folgen bestimmen, für die die Kassen nicht mehr aufkommen müssen. Gleichzeitig werden bereitstehende Mittel unter dem Diktat der Kostendämpfung künstlich so verknappt, daß Arzt und Ärztin in der Behandlung die Patienten nach bestimmten Kriterien -wie Lebensalter und -erwartung, chronische Krankheit, andauernde Behinderung oder Arbeitsfähigkeit - aussortieren müssen."(23)
Daß alte, behinderte oder chronisch kranke Menschen ein Problem für die Gesellschaft darstellen, daß diese Menschen immense Kosten verursachen, die dann von der Gemeinschaft getragen werden müssen, daß der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar ist, daß nunmal gespart werden muß, leuchtet allen ein, wird ohne auch nur im geringsten hinterfragt zu werden, angenommen. Die "Verursacher der hohen Kosten" geraten somit zunehmend unter Druck.
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Inhalt
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19 Sabine Schleiermacher: Gesellschaft und Biologie: Die Lösung der "sozialen Frage". in: Widersprüche, März 1999, Seite 17
20 Fachkonferenz für Eugenik 18.-20. Mai 1931, Archiv des Diakonischen Werkes; in: Sabine Schleiermacher: Gesellschaft und Biologie: Die Lösung der "sozialen Frage". in: Widersprüche, März 1999, Seite 1
21 Renee Krebs-Rüb: Mit der Bioethik auf dem Weg zum programmierten Menschen. in: Wechselwirkung, Oktober 1997, Seite 60
22 Renee Krebs-Rüb: uniform, sorgenfrei und seelenlos. in: Publik-Forum Nr. 16, 29. August 1997
23 Udo Sierck: Verwertung des Menschen. in: junge Welt Nr. 24, 28 Januar 1995
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