3. Zur Bioethik
Die Bioethik ist die Theorie zur Rechtfertigung für die moderne biotechnische Medizin, für Gentechnik, Humangenetik, Fortpflanzungs- und Transplantationsmedizin.(24)
Es gibt zwar durchaus auch deutsche Vertreter und Vertreterinnen der Bioethik, aber die Bioethik wurde vor allem durch die Australier Peter Singer und Helga Kuhse in Deutschland bekannt gemacht.
Sie fordern die Ablösung des ihrer Meinung nach überholten Begriff der Unverletzlichkeit des Lebens durch eine rationale Ethik. Ein zentraler Punkt dieser Ethik liegt in der Diskussion über den Lebenswert oder -unwert bestimmter Menschen.
Singer unterscheidet zwischen dem Mensch als Gattungswesen und dem Mensch als Person. Menschen erwerben erst durch bestimmte Kriterien den Status einer Person. Für ihn gründet sich der Lebenswert in bestimmten Fähigkeiten, wie beispielsweise "Selbstbewußtsein", "Kommunikations-fähigkeit" oder dem "Sinn für die Zukunft".
Der Mensch an sich besitzt somit noch keine Daseinsberechtigung, diese muß er sich erst verdienen, indem er nachweist, daß er bestimmte Leistungen erbringt oder bestimmte Eigenschaften besitzt. Die Unterscheidung zwischen Personen und Nicht-Personen hat in der Bioethik das Ziel, letztere zur Vernichtung freigeben zu können. Und darüber wird offen in den Bioethikdebatten und in den Büchern "Praktische Ethik" (Singer) und "Muß dieses Kind am Leben bleiben?" (Kuhse/Singer) diskutiert.
Die Bioethik sieht Krankheit und Behinderung als "Normabweichungen" an, die es zu beseitigen gilt.
Singer argumentiert mit einer von ihm aufgestellten Glücksrechnung. Für ihn vergrößert sich die Gesamtsumme des Glücks, wenn ein behindertes Kind getötet wird, an seine Stelle jedoch das glücklichere Leben eines gesunden Kindes tritt. Zur Verdeutlichung werde ich an dieser Stelle ein Stück aus der Praktischen Ethik zitieren: "Angenommen, eine Frau, die zwei Kinder geplant hat, hat ein normales Kind und bringt ein hämophiles zur Welt. Die Belastung, die dieses Kind bedeutet, dürfte den Verzicht auf ein drittes Kind unvermeidlich machen; sollte aber das behinderte Kind sterben, so würde sie noch ein weiteres Kind bekommen. Es ist plausibel anzunehmen, daß die Aussichten auf ein glückliches Leben für ein normales Kind besser wären als für ein hämophiles. Sofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird. Der Verlust eines glücklichen Lebens [...] wird durch den Gewinn eines glücklicheren Lebens [...] aufgewogen. [usw.]" (25)
Solche Argumentationen ziehen sich durch das gesammte Buch.
In der Bioethik geht es um Selektionmaßnahmen am Anfang und am Ende des Lebens. Kosten-Nutzen-Rechnungen spielen dabei verstärkt eine Rolle.
Es geht es zudem nicht nur um die Vermeidung und Beseitigung erblich bedingter Krankheiten, sondern auch um die "Förderung und Verbesserung von Fähigkeiten und Anlagen" .(26)
Krebs-Rüb kommt zu dem Schluß: "Die Bioethik dient im Rahmen von Kosten-Nutzen-Kalkulationen einer fragwürdigen Ressourcensteuerung im Gesundheitswesen und liefert die ethische Absicherung für expandierende Wirtschaftsinteressen."(27)
Es wird geworben mit der Optimierung des Körpers und die Beherrschung der Genetik als Voraussetzung für ein glückliches Leben in diesem gesellschaftlichem System. Dieses wird jedoch nicht im geringsten hinterfragt, sondern als unveränderlich hingenommen.
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Inhalt
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24 vgl. Renee Krebs-Rüb:
uniform, sorgenfrei und seelenlos. in: Publik-Forum Nr. 16, 29. August
1997
25 Peter Singer: Praktische Ethik, Seite
238
26 Hans-Martin Sass (Hrsg.): Bioethik in den USA. Belin, 1988, Seite 2. in: Renee Krebs-Rüb: Mit der Bioethik auf dem Weg zum programmierten Menschen. in: Wechselwirkung, Oktober 1997, Seite 60
27 Renee Krebs-Rüb: Mit der Bioethik auf dem Weg zum programmierten
Menschen. in: Wechselwirkung, Oktober 1997, Seite 644
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