4. Lebenswert = Leistung und Nutzen
Durch die pränatale Diagnostik können immer mehr Krankheiten ebenso aber auch kleinere Defekte vorgeburtlich erkannt werden. Und bei fehlender therapeutischer Möglichkeiten wird der Träger dieser Defekte eliminiert. Durch wirtschaftliche Aspekte entsteht unweigerlich ein Druck bis vielleicht irgendwann ein Zwang zum Schwangerschaftsabbruch. Durch die Möglichkeit, Behinderungen schon vorgeburtlich erfassen zu können, ist der Weg nicht mehr weit dahin, das Akzeptieren des behinderten Kindes als Verantwortungslosigkeit der Eltern auf Kosten des Sozialstaates anzusehen.
Durch pränatale Diagnostik werden Menschen, die den Normen nicht entsprechen, selektiert und zur Vernichtung freigegeben.
In der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ist man gezwungen, gewisse Fähigkeiten und Eigenschaften "mitzubringen", um auf dem Markt bestehen zu können.
Der Mensch wird von seinen konkreten Eigenschaften auf die wirtschaftlich verwertbaren reduziert und an seiner Leistung und seinem Erfolg gemessen.
"Die Menschheit wird zu einem technisch geplanten und gefertigten Produkt herabgewürdigt."(28)
Man sucht nach Fehlern in den Erbanlagen, die Schuld am Versagen in diesem wirtschaftlichen System sind, statt dieses System zu überprüfen und gegebenfalls zu kritisieren.
Dazu passend ist ebenso die "Begabungstheorie" , die wieder stark im Kommen ist. Sie läßt sich beispielsweise wiederfinden in "Reformierungen" der Schul- und Hochschulpolitik.(29)
Klees spricht von einer Renaissance des Soziobiologismus in Deutschland. Die Politik greift seiner Ansicht nach "auf die zur Verfügung gestellten Argumentationsmuster zurück, um gezielt Sozialabbau zu betreiben und sozialdarwinistische Ansätze in die Sozialpolitik und das Sozialrecht hinein zu verlängern. Beispiele dafür sind etwa [...] Massnahmen im Bereich der Bildungspolitik. Wurde [die Bildungspolitik] insbesondere in den sechziger und siebziger Jahren zu Zeiten des Arbeitskräftebedarfs unter dem Stichwort `Chancengleichheit´ ausgebaut, um das latent vorhandene Begabungspotential auch etwa von Arbeiterfamilien nutzen zu können, so wird im Windschatten der Krise genau umgekehrt verfahren. Nur so kann man etwa die [...] weitgehende Streichung des Schüler-Bafög [...] verstehen."(30)
Sozialdarwinistische Ansätze lassen sich auch in immer häufiger aufkommenden Diskussionen über "Eliten" wiederfinden. Klees merkt dazu an, daß wenn man auf der einen Seite "Eliten " fordert, man notwendigerweise auf der anderen Seite für die "Anhäufung von `Schrott` [...], der ausgegrenzt werden muß“ eintritt."(31)
Durch pränatale Diagnostik, durch Sparzwänge im Sozialwesen und durch immer häufigere Diskussionen über diese Themen nimmt die Akzeptanz gegenüber behinderten Leben stetig ab.
So verwundert es auch nicht, daß die Geburt eines behinderten Kindes mittlerweile immer häufiger als "vermeidbarer Haftpflichtschaden" angesehen wird. So heißt es unteranderem in einem Urteil des OLG Düsseldorf vom 06.01.1997. In dem Fall machte die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom den Arzt haftbar, mit der Begründung, hätte sie von der Behinderung gewußt, hätte sie abgetrieben.(32)
Der Bundesgerichtshof mußte sich erstmals 1983 mit einem solchen Fall auseinandersetzen. In diesem Fall hatte ein Arzt eine Rötelerkrankung bei der Mutter nicht erkannt. Der Bundesgerichtshof wertete dieses, durch die Erkrankung der Mutter behinderte Kind, als einen zivilrechtlichen Schaden.(33)
Mit diesen Gerichtsurteilen bejaht die Justiz die Pränataldiagnostik. Sie bejaht diese nicht nur, sondern fordert diese sogar. Um sich rechtlich abzusichern, müssen Arzt und Ärztin die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostok ausschöpfen.
Daß das Eingreifen in die Erbanlagen und die pränatale Diagnostik tatsächlich eng mit der Konkurrenzgesellschaft zusammenhängt, läßt sich auch wiederfinden in dem Standpunkt von Prof.Dr. Ernst Peter Fischer. Er kritisiert die Pränatale Diagnostik und die Embryonenselektion auf fast satirische Weise. Sein Gedanke ist: "[...] Wenn nämlich alle Eltern danach ihre Embryos auswählen, dann kommen nur noch gleich große Leute zur Welt, die zudem alle gleich intelligent und qualifiziert sind [...]. Damit geht [...] der anvisierte Vorteil verloren. [...] Erfolg läßt sich durch pränatale Selektion nicht garantieren. Denn woher will man wissen, was in 20, 30 Jahren attraktiv ist und Geld bringt? Selbst wenn jemand den Tennis-Boom richtig geahnt und in seiner Familie für das entsprechende Talent gesorgt hätte, müßte er damit rechnen, daß auch andere auf die Idee gekommen wären. Es gäbe dann nicht nur einen, sondern viele Aufschlagkünstler [...]."(34)
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28 Renee Krebs-Rüb: Uniform, sorgenfrei und seelenlos. Die Biomedizintraümt vom "optimierten" Menschen - doch nur wer krank sein darf, ist gesund. in: Publik-Forum Nr. 16, 29. August 1997
29 vgl. Bernd Klees: Der gläserne Mensch im Betrieb. 1990, Seite 32
30 ebd, Seite 33
31 ebd, Seite 34
32 vgl. Wiebke Rögener: Geburt nach Wahl und Kind nach Maß. in: Süddeutsche Zeitung Nr. 182, 10. August 1999
33 vgl. Theresia Degener: Humangenetische Beratung, pränatale Diagnose und (bundes)deutsche Rechtsprechung. 1992, Seite 187
34 Ernst Peter Fischer: DIe Qual der Wahl. Genetische Tests bescheren mannigfache Informationen. Was aber fangen wir damit an? in: GEO Nr. 11/1996, Seite 180f
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