"Kirche ist out. Kirche ist altmodisch und verstaubt.
Kirche ist was für Menschen ab 80. Kirche bringt mir nichts.
Kirche spricht mich nicht an. Ja, wenn Kirche sich moderner
darstellte, offen für neue Ideen, kreativ und phantasievoll, ja
dann ....... Vielleicht würde ich dann sogar an Kirche
interessiert sein."
Liebe Leserin, lieber Leser, zählen Sie sich zu denen, die so
oder ähnlich denken? Platzt Ihnen vor lauter Verärgerung fast
der Kragen, wenn das Thema Kirche zur Sprache kommt? Erwägen Sie
den Austritt aus dieser Organisation, an die Sie monatlich mehr
oder minder viel Geld bezahlen, ohne jedoch eine entsprechende
Gegenleistung dafür zu erhalten? Oder sind Sie vielleicht
einfach enttäuscht darüber, daß niemand von der Kirche sich
bisher bei Ihnen hat blicken lassen, dem gegenüber Sie Ihre
Kritik und auch Ihren Ärger hätten äußern können?
Wenn das oben Gesagte ganz oder teilweise auf Sie zutrifft, dann
lesen Sie bitte weiter. Sie werden erfahren, wie es möglich sein
könnte, daß Kirche sich verändert in einer Weise, die Ihnen
Wünschen und Bedürfnissen entspricht.
Ich möchte Ihnen eine nachdenkenswerte Geschichte erzählen:
Kalte Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, das war die
Atmosphäre hier in Yonderton, als der Pfarrer Herbert Wright
sein Amt antrat. Am ersten Sonntag predigte er in einer völlig
leeren Kirche. Am zweiten Sonntag war es genauso. Und wenn der
junge Pfarrer an den Werktagen seine Gemeindeglieder besuchte, um
die kalte Gleichgültigkeit zu überwinden, erging es ihm nicht
besser. "Die Kirche ist tot", so sagte man ihm,
"tot, ohne irgendwelche Hoffnung auf Wiederbelebung:"
Aber - am Donnerstag nach jenem zweiten trostlosen Sonntag
geschah's, daß eine Todesanzeige in der Zeitung des Nachbarortes
erschien. Sie lautete: "Mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns
und mit Zustimmung seiner Gemeinde meldet Herbert Wright, Pfarrer
zu Yonderton, den Tod der Kirche St. Francis zu Yonderton.
Trauer- und Gedächtnisfeier findet am Sonntagmorgen um 11 Uhr
statt. Die Bewohner von Yonderton sind hiermit herzlichst
eingeladen, an diesem letzten Akt ihrer Dorfkirche
teilzunehmen."
Um halb 11 Uhr war die bis dahin verachtete und stark
verschmutzte Kirche gedrängt voll.
Als ich die Kirche betrat, sah ich sogleich einen Sarg auf einer
Bahre vor dem Altar stehen. Es war ein schlichter Eichensarg, nur
mit einem vergoldeten Kruzifix geschmückt. Pünktlich um 11 Uhr
bestieg der Pfarrer die Kanzel; nachdem er einige Augenblicke mit
gesenktem Haupt in stillem Gebet verweilt hatte, hob er an zu
sprechen. "Sie haben es mir klargemacht, daß Sie ernstlich
davon überzeugt sind, unsere Kirche sei tot. Sie haben auch
keinerlei Hoffnung auf Wiederbelebung; ich möchte nun diese Ihre
Meinung auf die letzte Probe stellen. Bitte, gehen sie alle einer
nach dem andern an diesem Sarg vorüber und sehen Sie sich den
Toten an; dann verlassen Sie die Kirche wieder durch das
Ostportal. Danach werde ich die Trauerfeier allein beschließen.
Sollten aber einige unter Ihnen ihre Ansicht revidieren, und
wären auch noch so wenige unter Ihnen der Meinung, eine
Wiederbelebung der Kirche sei doch vielleicht noch möglich, dann
bitte ich diese, durch das Nordportal wieder hereinzukommen.
Anstatt der Trauerfeier würde ich dann einen Dankgottesdienst
halten dürfen."
Ohne weitere Worte trat der Pfarrer an den Sarg und öffnete ihn
mit ehrfurchtsvollen Gebärden. Einer der letzten in der
Prozession war ich, und so hatte ich Zeit genug, darüber
nachzudenken: "Was war eigentlich die Kirche, woraus besteht
sie? Wer würde wohl in diesem Sarg liegen? Würde es vielleicht
ein Bild des gekreuzigten Heilandes sein? Aber nein, das konnte
nicht sein; denn auf den Tod des Herrn war ja die Kirche
gegründet. Lebt denn die Kirche überhaupt? Und wenn sie lebt,
kann sie sterben?" Ähnliche Gedanken hatten vielleicht
meine Nachbarn, denn ich merkte, daß uns ein Schaudern und
Gruseln überkam, je mehr wir uns dem Sarg näherten. Dazu
erschreckte uns ein schrilles Knarren und Quietschen, das
Nordportal drehte sich in seinen verrosteten Angeln, herein trat
eine kaum zu zählende Schar.
Und nun war es soweit, daß ich die tote Kirche sehen sollte.
Unwillkürlich schloß ich die Augen, als ich mich über den Sarg
beugte. Als ich die Augen öffnete, sah ich nicht die ganze
Kirche kalt und leblos im Sarge liegen, sondern nur - eins ihrer
toten Glieder: Ich sah mich selbst - im Spiegel.
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